Zeittafel zur mittelalterlichen Kultur- und Alltagsgeschichte

http://www.tu-harburg.de/~vbp/docs/dwnlds.html

Nur mit der Suchfunktion genießen.

Viel aber unübersichtlich

# Vorwort
#
# -Wofür ist dieser Text?

# Diese Liste soll einen Überblick über bestimmte Aspekte der Geschichte
# des sog. Mittelalters verschaffen. Was genau dabei angestrebt wird,
# wird im Verlauf des Vorworts weiter erklärt.
# Wer bereits mit dem Vorwort nicht zurechtkommt, sollte erst einmal
# im Haupttext lesen und das Vorwort als Nachwort interpretieren.
#
# Die Zusammenstellung dieser Zeittafel mag willkürlich und wenig
# homogen scheinen, doch dient sie NICHT dem Überblick über die
# politische Geschichte. (Dazu stehen andere Texte bereit!) Politische
# Zusammenhänge lassen sich meistens nicht damit verfolgen; es werden
# vielmehr Einzelereignisse ausgewählt, wenn sie zur Erhellung von für
# diese Tafel interessanten Umständen beitragen können.
# Die einzelnen Einträge sind mit Stückchen eines Puzzles vergleichbar,
# von denen erst viele zusammen ein Bild ergeben, wobei auch dieses
# nur undeutlich sein kann. Es ist aber immerhin ersichtlich, wie
# komplex (und auch widersprüchlich) die Epoche sich darstellt, die
# vereinfacht in späteren Zeiten als "Mittelalter" bezeichnet wird.
# Dabei sollen auch verbreitete falsche Vorstellungen zurechtgerückt
# und populäre Motive (soweit belegt) zeitlich eingeordnet werden.
# Die Form der Zeittafel bedingt eine Beschränkung auf solche Einträge,
# die sich zeitlich einigermaßen genau festlegen lassen bzw. die
# Auslassung undatierter Informationen. Die Auswahl ist mehr oder
# weniger willkürlich und richtet sich nach Verfügbarkeit geeigneter
# Vorlagen. So ist z.B. die Literatur dieser Epoche weder zeitlich
# noch räumlich deckend erfaßt, sondern es wurde vielmehr gerade das
# eingetragen, was mir gerade in die Finger gekommen ist. Einige
# Informationen ohne festen Jahresbezug sind an einer passenden Stelle
# eingefügt worden.
#
# Angaben in eckigen Klammern enthalten persönliche Kommentare oder
# Quellenangaben. Auf eine Literaturliste zum Thema wurde [bisher]
# verzichtet, da sie im Umfang diesem Text gleichkommen könnte.
# Den räumlichen Rahmen bildet naheliegenderweise das deutschsprachige
# Gebiet, im weiteren Sinne ganz Europa mit gelegentlichen Ausweitungen
# nach benachbarten Regionen. Etwas ausgeklammert sind Vorgänge im
# byzantinischen Reich, für die mehrere eigene Zeittafeln von ähnlichem
# Umfang vorliegen.
#
# Dem (mehr oder weniger geneigten, an dieser frühen Stelle aber sicher
# noch unentschlossenen) Leser seien an dieser Stelle einige Thesen
# ans Haupt geschleudert, welche anhand untenstehender Daten geprüft
# werden können.
#
# -Die meisten populären Vorstellungen über das, was man für das
# Mittelalter hält, sind falsch, mindestens aber einseitig. Eine
# Vielzahl unrealistischer Filme haben das Bild in haarsträubender
# Weise verfälscht. Dabei ist den wenigsten auch nur bekannt, wann
# denn überhaupt diese Epoche gewesen ist. Hier wird nach einer gängigen,
# quasi traditionellen Auffassung verfahren, nach welcher das Mittelalter
# zwischen den Jahren 500 und 1500 liegt.
# Zumindest zur Endabgrenzung ist dieser Text noch einige Zeit ins 16. Jh.
# hinein fortgeführt, was zwar eigentlich (nach obiger Auffassung) nicht
# mehr Mittelalter ist, aber doch aufzeigt, was sich danach verändert hat
# bzw. was noch fortlebt.
# Es gibt verschiedene Auffassungen von allmählichen Übergängen zwischen
# 1250 oder 1300 und 1600 oder bis 1789, 1800 oder einer Vielzahl anderer
# Jahre.
# Besonders die neuere Forschung "nagt" an den alten Epochenvorstellungen,
# bis hin zur Abschaffung des Mittelalterbegriffs. Solche akademischen
# Überlegungen sollen hier aber im allgemeinen nicht behandelt werden.
# Es wird ganz einfach die Zeit zwischen 500 und 1500 behandelt, gleichgültig,
# wie man sie nennen will!
#
# -Veraltete Vorstellungen über diese Zeit haben sich hartnäckig
# gehalten und wirken heute noch nach, insbesondere die Verteufelungen
# aus Renaissance und Aufklärung oder Idealisierungen des 19. Jhs.
# Es scheint daher angeraten, sich mit den Vorstellungen des 19. Jhs.
# vertraut zu machen, um klarzustellen, was nicht dem Mittelalter,
# sondern der geistigen Welt des 19. Jhs. angehört, die hier freilich
# nur gelegentlich am Rande gestreift werden kann.
# Viele dieser veralteten Vorstellungen beruhen auf einer unkritischen
# Rezeption alter (auch oft neuzeitlicher) Chroniken und auf einer
# Vermengung von belegbaren Ereignissen mit Sagen und Legenden.
#
# -Ein Grundproblem bei der Betrachtung dieser Zeit sind diejenigen
# Vorstellungen der Öffentlichkeit, die sich sich in Wahrheit nicht
# auf das eigentliche Mittelalter, sondern allgemein auf die
# vorindustrielle Gesellschaft beziehen, deren Allgemeinheit hier
# nicht zur Debatte steht. Es ist vielmehr zu unterscheiden, was
# davon eigentlich "mittelalterlich" ist und was das Produkt anderer
# Epochen ist.
#
# -Bei der Betrachtung jeglicher vergangener Epoche färbt der Standpunkt
# des Betrachters (bzw. sein Umfeld) die Betrachtungsweise. Davon ist auch
# diese Liste nicht frei.
# Die meisten Leute, die sich professionell mit dieser Zeit befassen, sind
# Spezialisten, die zudem sehr verschiedene und häufig einander widersprechende
# Ansichten und Betrachtungsweisen haben. Aus diesem Grunde sind viele
# Einträge, weil sie hier ja nur übernommen (d.h. abgeschrieben) werden, nur
# bestimmten Aspekten gewidmet, je nach Betrachtungsweise der Vorlage.
# Die Masse der Einträge kann hier erst ein Bild ergeben - wenn der Leser an
# einem Überblick interessiert ist und nicht einen bestimmten speziellen
# Aspekt durch die Zeit verfolgt.
#
# -Es ist kaum möglich, eine so lange zurückliegende Zeit zu
# "verstehen", nicht zuletzt weil sich Begriffe und Wortbedeutungen
# verändert haben. Es ist auch ein Fehler, Vorstellungen der Neuzeit,
# insbesondere der Gegenwart, auf das Mittelalter zu übertragen.
# Dies gilt ganz besonders für Werturteile.
# Ein besonderer Reiz ergibt sich aus dem Nebeneinanderexistieren von
# Fremdartigen und Vertrautem, vielleicht einer der wichtigsten Gründe,
# sich überhaupt mit dieser Epoche zu befassen.
#
# -Die Quellenlage läßt keine zeitliche oder räumliche Abdeckung zu.
# Die verschiedenen Zeiten und Räume sind sehr unterschiedlich
# dokumentiert, wobei im Allgemeinen mit fortschreitender Zeit mehr
# Informationen verfügbar werden. Es stehen auch zum Eintrag in die
# Zeittafel die meisten alten Quellen nur in Auszügen oder Zitaten
# zur Verfügung; dies ist einerseits eine unerwünschte Vorauswahl,
# andererseits beugt es der Aufblähung einzelner Jahreseinträge auf
# mehrere Seiten vor. Wer vorne anfängt zu lesen, wird eine gewisse
# Kargheit der Informationen feststellen; man schaue dann irgendwo in
# der Zeit nach 1250 oder 1300 nach, um den Unterschied zu sehen. Dieser
# Unterschied wird aber derzeit etwas angegelichen, da auch für die Frühzeit
# nun zahlreiche vollständige Quellen zur Verfügung stehen.
#
# -Die hier aufgelisteten Informationen, soweit sie sich nicht öfters
# wiederholen, bezeichnen lediglich Zustände zu einem bestimmten
# Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort. Es ist nicht ohne weiteres
# zulässig, diese zu verallgemeinern! Insbesondere auf den Ort
# bezogen gibt es Unterschiede, die beträchtlich sein können. Es können
# Verallgemeinerungen nur gemacht werden, wenn sich etwas öfter
# wiederholt, und auch dann nur vorsichtig. Besondere Vorsicht ist bei
# Zahlenangaben nach alten Quellen geboten. Diese dürfen auf keinen Fall
# wörtlich genommen werden! Selbst neuzeitliche Schätzungen weisen
# erhebliche Differenzen auf.
#
# -In der Reihenfolge der Darstellung zu jedem Jahr wird eine Sicht "von
# unten" benutzt, d.h. je "unbedeutender" ein Ereignis ist, desto eher
# steht es in einem Jahreseintrag "oben", während die Geschehnisse der
# sogenannten großen Politik normalerweise am Ende stehen. Diese
# Reihenfolge ist jedoch (noch) nicht immer konsequent durchgeführt.
#
# Und noch ein nicht ganz unwichtiger Punkt: Dieser Text erhebt keinen
# wissenschaftlichen Anspruch. Der Aufwand (Quellenangaben etc.) wäre
# unangebracht und bei einzelnen Einträgen würden die Quellenangaben
# und Kommentare mehr Raum einnehmen wie der eigentliche Text und die
# Lesbarkeit arg reduzieren. Minimale Angaben werden dennoch möglichst
# verwendet. Wissenschaftliche (und auch populäre) Abhandlungen wurden
# insbesondere im Hinblick auf die obenstehenden Thesen beurteilt, was
# nach weitgestreuter Lektüre zu den verschiedensten Themen ein Bild
# ergibt, das sich ziemlich von einer thematisch eingeengten Betrachtung
# unterscheidet. Dennoch ist diese Liste nicht der Stein der Weisen; es ist
# lediglich eine Aneinanderreihung von Geschehnissen, soweit sie einigermaßen
# belegt sind (und Fehler sind nicht ausgeschlossen); was man letztlich
# daraus macht, bleibt den Benutzern überlassen. Der Autor sieht sich dabei
# ausdrücklich nur als Kompilator und erhebt keinerlei Ansprüche
# irgendwelcher Art!
#
# Wie soll man nun diesen Text benutzen?
# Es ist wenig sinnvoll, vorne anzufangen und zu versuchen, sich
# duchzuackern, weil gerade zu Beginn des Textes die Quellenlage recht
# mager ist und mitunter untypisch sein kann. Der eigentliche
# Detailreichtum entfaltet sich erst in der zweiten Hälfte des Textes.
# Am besten sucht man sich einen interessanten Zeitpunkt aus und erforscht
# das Umfeld oder sucht nach bestimmten Begriffen, z.B. Städtenamen.
#
# Dieser Text wird niemals "fertig" sein! Es ist wahrscheinlich, daß
# diese vorliegende Version bereits "veraltet" ist. Wegen der ständigen
# Veränderungen ist ein Ausdruck dieser Liste nicht ratsam.
# Wer diesen Text, der für die Betrachtung bzw. Verarbeitung am
# Bildschirm geschaffen wurde, in eine Textverarbeitung (meist: Word)
# einzulesen gedenkt, dem sei aufs Brot geschmiert: Verwende, o Benutzer,
# tunlichst die Schrift "FIXEDSYS" (unter Windows), weil aufgrund der äußerst
# wechselhaften Entstehungsgeschichte dieses Textes (auf verschiedenen
# Rechnern und Betriebssystemen) Tabs und Spaces vermischt sein können, der
# linke Rand also einmal als Tabs (Tabulatoren) oder Spaces (Leerzeichen)
# erscheinen kann [Effekt: In Textverarbeitungen ist der linke Rand verschieden
# breit, je nach verwendeter Schrift.]. Man sollte daher einen Editor, wie er zum
# Programmieren verwendet wird, benutzen (ideal: PFE32, oder auch
# EDITEUR, EDITMASTER, WINEDIT oder ULTRAEDIT usw. oder einen Textbetrachter).
# Eventuell kann es ratsam sein, alle Tabs in Spaces umzuwandeln (mit der Funktion
# "Ersetzen"), was aber zugegebenermaßen etwas verzwickt werden kann, weil Tabs
# normalerweise beim Ersetzen nicht zur Verfügung stehen. Die letzten
# Versionen dieses Textes haben dieses Problemchen allerdings bereits
# weitgehend entschärft. Lästig bei Proportionalschrift kann noch der
# unterschiedliche Abstand der Tabs sein, je nachdem, ob sie am
# Zeilenanfang oder nach einer Jahreszahl stehen. Word z.B. berechnet Tabs
# nach Breite in cm, ohne Rücksicht auf die Breite der Spaces irgendeiner
# verwendeten Schrift.
# Die Schrift FIXEDSYS ist eine nichtproportionale Schrift, d.h. alle
# Zeichen sind gleich breit.
# Die vorliegende Version (April 2001) hat zwar (hoffentlich) fast alle
# Spaces bereinigt, doch kann es durchaus sein, daß irgendein Programm
# wieder einmal darin herumpfuscht, ohne den Schreiber zu fragen!
# Die Form ASCII (bzw. ANSI)-Text wurde gewählt, weil sie weitgehend
# kompatibel ist (ursprünglich auch aus Platzgründen), doch wird es sehr
# wahrscheinlich bei der nächsten größeren Bearbeitung eine HTML-Version
# geben.
#
# Die Zeilenlänge war ursprünglich für kleine Bildschirme ausgelegt (14 Zoll -
# wer hat das noch?), weil der Text in seinem Ursprung zum einen auf solchen
# entstanden ist, zum anderen weil es besser schien, rechts einen Rand zu
# haben als einen abgeschnittenen Text zu sehen, dessen Umbruch aufgrund
# der Tabs problematisch wird. (Literaturwissenschaftler könnten anhand der
# Zeilenlänge die ältesten Textpassagen ausfindig machen. :-)
#
# Es wurde ganz auf Trennungen verzichtet, weil zum Zwecke des gezielten
# Suchens die Begriffe nicht auseinandergerissen werden sollen und weil
# einige Programme mit dem Umbruch von Trennungen nicht zurechtkommen
# (ungeachtet des oben erwähnten Tab-Problems).
#
# Der sogenannten "Rechtschreibreform" wird hier der ihr gebührende
# Platz eingeräumt: Sie wird einfach ignoriert! Ein Korrekturlesen durch
# Textverarbeitungen ist nicht ratsam, weil die Liste zahlreiche
# Originalzitate in alter Sprache enthält. Kleine Tippfehler betreffen
# meist die Großschreibung am Wortanfang und werden nach und nach entfernt.
#
# In der Zukunft wird es möglicherweise einmal eine Literaturliste zum
# Text geben, die mindestens die verwendete Literatur enthält.
# Desweiteren wäre eine bebilderte (HTML oder PDF-)Version denkbar, aber
# das könnte eine ganze CD füllen...
#
# Kontakt bei Fragen, Anregungen und entdeckten Fehlern: bogus@my-mail.ch;
# icq 110230406
#
#
# Denen, die das Vorwort bis zum Ende gelesen haben, sei nun gedankt
# und ihnen "Viel Spaß im Mittelalter" (Buchtitel) gewünscht.
#
# Bogus




489 Auf Anordnung des Kaisers wird die nestorianische Schule von Edessa (in
Syrien) geschlossen. Die Nestorianer (jene Christen, die der Menschlichkeit
Christi im Verhältnis zu seiner Göttlichkeit höhere Bedeutung zumessen)
suchen Zuflucht im persischen Nisibis. Dort errichten sie 498 mit
Unterstützung des örtlichen Bischofs eine nestorianisch geprägte höhere
Schule. Hier wird auch aristotelische Logik gelehrt und möglicherweise
gibt es auch eine Ärzteschule.
[Anmerkung: Wenn vor Karl dem Großen vom Kaiser die Rede ist, ist
damit der byzantinische Kaiser gemeint, denn den westlichen Kaiser gibt es
noch nicht.]
492 Gelasius I. wird Papst; er stellt die bischöfliche neben die weltliche
Gewalt.
494 In Spanien lassen sich die ersten Anzeichen einer westgotischen
Einwanderung feststellen.
496 Chlodovech I. (Chlodwig) schlägt nach lange schwankendem Streit gegen die
Alamannen eine entscheidende Schlacht gegen jene. Möglicherweise hat der
den Alamannen benachbarte König Sigibert der Uferfranken (zu Köln) den
Chlodovech gegen diese zu Hilfe gerufen. Die dürftigen und voneinander
abweichenden Quellen geben an, daß die Alamannen unter einem einzigen
König gefochten haben und nach dessen Tod in der hin und her schwankenden
Schlacht sich unterwerfen. Es wird sich aber kaum um die Gesamtheit der
Alamannen gehandelt haben, denn Theoderich d. Gr. hat einige ihrer populi
unter seinen Schutz genommen und in "Rätien" angesiedelt. Jedenfalls
verlieren die Alamannen nach dieser Schlacht das linke Rheinufer mit
Ausnahme des Elsaß. Gleichzeitig oder bald darauf räumen sie rechtsrheinisch
das Gebiet vom unteren Neckar bis zum oberen Main. Schrittweise ziehen hier
fränkische Kolonisten ein.
Mit dem Sieg über die Alamannen verknüpft die Überlieferung (namentlich
Gregor von Tours) den Übertritt Chlodovechs zum katholischen Christentum,
nachdem es im Gefecht zunächst schlecht für ihn ausgesehen haben und die
Anrufung der Götter keinen Erfolg gebracht haben soll. Dieses Taufdatum
ist lange unkritisch übernommen worden, doch steht das Jahr nach neuerer
Forschung (z.B. Alain Dierkens und Ian Wood) keineswegs fest, sondern
dürfte eher um 508 gewesen sein. Wenn dem so ist, könnte auch die
Alamannenschlacht erst gegen 506 oder 507 stattgefunden haben. Einige
Umstände in seinem Verhalten zwischen 496 und 508 lassen durchblicken,
daß die Entscheidung für den Katholizismus aber bereits gefallen ist.
Papst Gelasius I. stirbt.
24. November: Neuer Papst wird Anastasius (bis 498).
500 Ca.: Aelle von Sussex wird als Bretwalda anerkannt (Ältester der Sachsenkönige).
Ca.: Um diese Zeit ist der Dänenkönig Hrotgar aus dem Geschlecht der
Scyldingas nachgewisen, der als eine Hauptfigur im Beowulf-Epos auftaucht.
Ca.: Konstantinopel hat 300000 bis 500000 Einwohner, zum Vergleich:
Tolosa hat nur 15000.
Ca.: Blüte der Alchimistenschule von Alexandria, die von etwa 400
bis etwa 600 besteht.
506 2. Februar: Alarich II., König der Westgoten erläßt in Tolosa
(Toulouse) ein Gesetzeswerk namens "Lex Romana Visigothorum", auch
"Breviarium Alaricianum" genannt. Es gilt für die im Westgotenreich
lebenden früheren römischen Bürger und deren Nachkommen. Dieses Werk
enthält vor allem Auszüge aus dem "Codex Theodosianus" (vom Jahr 439),
späteren Novellen dazu, den Institutionen des Gaius und dem "Codex
Gregorianus" (aus dem Jahre 294) und dem "Codex Hermogenianus" (aus
dem Jahr 295). Alarich II. ist durchaus nicht systhematisch
katholikenfeindlich, wie ihm das von Gregor von Tours unterstellt
wird. Das Breviarium läßt einige Übereinkünfte erkennen und vermuten,
daß Chlodwig durchaus nicht von allen Bewohnern des Westgotenreiches
als Befreier angesehen wird, wie Gregor behauptet.
10. September: Ein gallisches Landeskonzil soll zwischen der römisch-
katholischen Mehrheit und der gotisch-arianischen Minderheit einen
Ausgleich herbeiführen.
507 Spätsommer: Auf den Vocladischen (Vogladensischen) Feldern (bei
Vouillé) werden die Westgoten von den Franken besiegt, König
Alarich II. fällt, angeblich von Chlodwig eigenhändig erschlagen.
Die zahlenmäßig unterlegenen Goten können die vielen fränkischen
Fußkrieger nicht niederreiten und auch nicht irritieren. Es ist das
Ende des Tolosanischen Reiches, jedoch nicht der Westgoten.
In einem Brief Theoderichs an den Burgunderkönig Gundobad taucht
erstmals der Begriff "Burgundia" auf.
508 Wahrscheinlich erst jetzt läßt sich Chlodwig in Reims von
Bischof Remigius taufen (von Gregor von Tours, dessen Werk einem
Schema von Fünfjahreszyklen folgt, nach 496 verlegt).
"Hin schritt zum Taufbad der neue Constantinus. (...?) Er wollte
abspülen das Siechtum des alten Aussatzes und die lange getragenen
schmutzigen Flecken mit frischem Naß." [Gregor von Tours]
Über 3000 aus seinem Heer lassen sich (nach Gregor) ebenfalls taufen,
ebenso seine heidnische Schwester Albofled und die arianische
Lantechild. Die größte Masse der Franken ist jedoch noch heidnisch
und die Arianer sind nur am Hof vertreten.
Nach Gregor von Tours schickt Papst Anastasius (angeblich im Jahre
496) sogleich eine Gesandtschaft unter dem Priester Eumenius zum
frisch getauften Chlodwig - die erste päpstliche Gesandtschaft zu
den Franken. Chlodwig wird sogleich als Beschirmer der Kirche
aufgerufen, denn er ist derzeit der einzige katholische Fürst der
Welt.
Hier taucht die erste bezeugte Regung der Kirche zur Katholisierung
der übrigen Germanenvölker auf - durch handfeste weltliche Macht des
Frankenkönigs, welcher in diesem Jahr vom Kaiser anerkannt wird.
Genauer: Er wird zum Konsul und Patricius ernannt.
511 Im Severin-Gedächtnis-Kloster zu Lucullananum bei Neapel verfaßt
Abt Eugippius die "Vita Sancti Severini".
11. Juli: Chlodwig I. beruft die erste fränkische Kirchenversammlung
nach Orleans, zu welcher 32 Bischöfe kommen. Die Kirchen der Arianer
sollen diesen weggenommen und zu katholischen umgewidmet werden.
Die lex salica wird veröffentlicht. Sie gilt für diejenigen Franken,
die zwischen dem Kohlenwald und der Lys (heute Westbelgien) leben
und regelt vor allem Rechte und Pflichten der Gefolgsleute sowie
die Gleichbehandlung zwischen Franken und Galloromanen. Frauen sind
von der Erbfolge im Grundbesitz ausgeschlossen.
27. November: Chlodwig I. (45) stirbt in Paris. Sein Reich wird
gemäß dem salischen Erbrecht unter seinen vier Söhnen Theuderich,
Chlodomer, Childebert und Chlothachar aufgeteilt - und zerfällt
entsprechend, da er nicht für seine Nachfolge vorgesorgt hat.
Theuderich (bis 534) ist der einzige frühe Merowinger, der in der
Heldensage Spuren hinterlassen hat.
512 Bischof Caesarius gründet in Arles ein Kloster.
515 Theudebert, der Sohn des fränkischen Teilkönigs Theuderich von Metz
(und der Tochter des Burgunderkönigs Sigimund, Enkelin Gundobads)
wehrt einen Einfall "dänischer" (!) Plünderer ab, welche die Maas
hinaufgefahren sind und das Gebiet der Attuarier (um Geldern)
verheert haben. Deren "König" Chochilaich, der an Land
zurückgeblieben ist um den Rückzug der Schiffe zu decken, fällt.
Dann werden auch die Schiffe noch erwischt und die Franken gewinnen
Beute und Gefangene zurück. Diese erstmals genannten Dänen sind
Gauten und der König entspricht dem Hygelac des Beowulfliedes.
520 Gründung des Klosters Clonard in Irland.
523 Hygelac, ein König der südschwedischen Gauten, fällt auf einem
Feldzug am Niederrhein. Nach dem Beowulf-Epos ist er der Onkel von
Beowulf.
524 Es stirbt Boethius (44). Er hat nicht nur Auszüge aus des Aristoteles
Logikhandbüchern übersetzt und Handbücher über die freien Künste
herausgegeben, sondern auch kurze Anhandlungen über aktuelle religiöse
Kontroversen verfaßt.
526 30. August: Theoderich der Große stirbt an der Ruhr. Er wird später als
Verfolger der Katholiken gebrandmarkt.
Aus diesem Jahr datieren die ersten Spuren der Langobarden in Pannonien.
527 Byzanz: Regierungsantritt Justinians.
529 Benedikt gründet auf dem Monte Cassino "das erste abendländische
Kloster" (wohl nach älterer Auffassung). An diesem Ort, wo er noch
Heiden findet, zerstört er den letzten bekannten Tempel des Apollo.
Justinian läßt die neuplatonische Schule von Athen schließen.
[Wer es noch nicht gemerkt hat: Das Altertum ist vorbei - obschon
einige den Beginn des Mittelalters erst um 800 ansetzen. Wenn man dieser
Auffassung folgt, fällt die Benennung der Zwischenzeit etwas schwer,
denn die Völkerwanderungszeit kann dafür nicht herangezogen werden - sie
endet in diesem Jahrhundert. Besonders im angelsächsischen Raum gibt es
den Begriff der "Dark Ages" für die kommenden Jahrhunderte, besonders
nach älterer Auffassung.]
Justinian verfügt (Cod. Just. 3,43,1) am 22. September: "Die
Gewohnheit, zu spielen, ist eine alte und den Kämpfern außerhalb der
Arbeitszeit erlaubte Angelegenheit. Zur Zeit ist sie etwas
Beweinenswertes geworden, da sie sich vieler Tausende aus anderen
Ständen bemächtigt hat. Denn es haben manche, indem sie weder
eigentlich spielten noch ein Spiel verstanden, vielmehr nur durch
Verluste ihr Vermögen verloren, indem sie Tag und Nacht mit Silber,
Edelsteinen und Gold spielten. Durch eine solche Unordnung kommt es
aber dazu, daß sie Gott zu lästern wagen und Schuldscheine
ausstellen. Indem Wir durch für das Wohl Unserer Untertanen sorgen,
verordnen Wir durch gegenwärtiges Gesetz, daß niemand an öffentlichen
oder privaten Orten spielen und zusehen darf. Wenn dagegen gehandelt
wird, erfolgt keine Verurteilung (zur Bezahlung des Verlustes),
sondern das Gezahlte soll zurückgegeben werden und kann mit den dafür
zustehenden Klagen zurückgefordert werden, nämlich von denen, die es
gegeben haben, oder, wenn diese Personen es unterlassen haben, von
den Prokuratoren, den Vorstehern oder Vertretern jener Stadt, indem
(einer solchen Klage) nur die Verjährungsfrist von 50 Jahren
entgegenstehen soll. Die Ortsbischöfe sollen darauf achten und sich
dabei der Hilfe der Provinzstatthalter bedienen können. Ferner sollen
sie fünf Spiele gestatten: das Springen ohne eine Stange, das Springen
mit einer Stange, das Werfen eines Speeres ohne Schwungriemen, ferner
das Kämpfen und Ringen und das Pferderennen. Diese Spiele gestatten
Wir, vorausgesetzt, daß sie ohne Betrug und Arglist vor sich gehen.
Wir gestatten aber auch, bei diesen Spielen nicht höher als um ein
einziges Goldstück zu spielen, wenn ein Spieler sehr reich ist, so
daß, wenn jemand besiegt werden sollte, er keinen großen Schaden
erleidet, denn Wir führen nicht nur die Kriege, sondern ordnen auch
die Staatsangelegenheiten gut an. Indem Wir nun jene Strafe den
Übertretern androhen, erteilen Wir den Bischöfen die Erlaubnis, dies
zu untersuchen und mit Hilfe des Provinzstatthalters zu schlichten..."
532 Beginn der Ostertafeln des Dionysius. Die Geburt Christi wird auf den
25. Dezember des Jahres 1 v. Chr. angesetzt. Daneben wird die
Diokletianische Ära (später auch aera martyrorum) gestellt, welche am
29. August 284 beginnt.
534 Die Byzantiner bereiten dem nordafrikanischen Vandalenreich ein Ende. (An
dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß der Begriff des "Vandalismus"
erst 1794 in Frankreich auftaucht.)
16. November: In Byzanz wird der Codex Justinianus veröffentlicht.
Dieser Rechtskodex umfaßt über 4600 Konstitutionen.
Beginn einer Variante der Zeitrechnung im Abendland - nach
Konsulatsjahren. Dieses Jahr ist das erste Jahr post consulatum Paulini.
(Diese Erscheinung ist auf das früheste Mittelalter beschränkt.)
537 Ca.: Der Sage nach soll König Artus (Arthur) in der Schlacht von Camlann
gefallen sein.
540 Theudebert läßt die ersten germanischen Münzen schlagen.
542 Die Pest in Konstantinopel ("Justinianische Pest").
Es stirbt Bischof Caesarius von Arles. Er hatte einen Geistlichen als
Spaßmacher und "in schändlicher Redeweise agierenden Spielmann". In
einem später oft zitierten Text hat er gegen jene gepredigt, "die
noch die höchst schmutzige Schändlichkeit mit der Hindin und dem
Hirsch betreiben". Es scheint sich dabei um das "in cervolo vadere"
("als Hirsch gehen") oder "cervulum facere" ("den Hirsch machen")
gehandelt haben, einen Neujahrsbrauch, vielleicht ein Spiel mit
Hirschmasken, vielleicht mit keltisch-römischer Wurzel. [vgl. 668]
Beginn einer Variante der Zeitrechnung im Orient - nach Konsulatsjahren.
Dieses Jahr ist das erste Jahr post consulatum Basilii. (Diese
Erscheinung ist auf das früheste Mittelalter beschränkt.)
545 bis 549: Der walisische Kleriker Gildas beendet sein Werk "De Excidio
et Conquestu Britanniae".
548 "In diesem Jahre war ein strenger und ungewöhnlich rauher Winter, so daß
die Flüsse fest zufroren und das Volk über sie seinen Weg, wie über den
festen Boden, nehmen konnte. Auch die Vögel wurden von Kälte und Hunger
matt und ließen sich mit der Hand ohne alle Mühe fangen, da tiefer Schnee
lag." [Gregor von Tours III. 37]
550 Ca.: In Mainz dämmt Bischof Sidonius den Rhein ein, die Voraussetzung
für die Anlage eines Wik [Handelsplatz] vor der alten römischen Ostmauer.
Ca.: Verehrung heidnischer Gottheiten im Gebiet von Trier:
"Ich begab mich alsdann in das Gebiet der Stadt Trier, und auf dem
Berge, auf dem ihr jetzt seid, baute ich mir mit eigener Hand die
Wohnung, die ihr seht. Ich fand hier damals ein Bild der Diana vor,
das das abergläubische Volk abgöttisch verehrte. Ich errichtete mir
auch eine Säule, auf der ich unter großen Schmerzen ohne alle
Fußbekleidung stand. Wenn dann die Winterszeit kam, litt ich bei der
eisigen Kälte dergestalt, daß mir von dem heftigen Frost öfters die
Nägel an den Füßen abgingen und in meinem Bart das gefrorne Wasser
wie Zapfen herunterhing." In jener Gegend soll nämlich der Winter
häufig sehr strenge sein.
Da ich ihn darauf dringend darum bat, mir zu sagen, was er gegessen
und getrunken, und wie er die Götzenbilder auf jenem Berge umgestürzt
habe, sagte er: "Zu Speise und Trank dienten mir Brot und Kohl und ein
wenig Wasser. Wenn aber die Menge aus den benachbarten Höfen sich um
mich sammelte, predigte ich unablässig, es sei Nichts mit der Diana,
Nichts mit den Bildern, Nichts mit dem Götzendienst, den sie trieben,
unwürdig auch seien jene Lieder, die sie beim Weine und ihren
schwelgerischen Gelagen sangen, würdig sei es allein dem allmächtigen
Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Opfer des Dankes darzubringen.
Ich betete auch zum öfteren, der Herr möchte das Götzenbild zerstören
und dies Volk aus der Finsternis erretten. Es überwand endlich Gottes
Barmherzigkeit ihren rohen Sinn, sie neigten ihr Ohr zu den Worten
meines Mundes, verließen ihre Götzen und folgten dem Herrn. Da sammelte
ich eine Zahl von ihnen um mich, und es gelang mir mit ihrer Hilfe
jenes gewaltige Götzenbild, das ich mit eigner Kraft nicht zertrümmern
konnte, zu stürzen. Denn die andren Bilder, die kleiner waren, hatte
ich schon selbst in Stücke gehauen. Als nun die Menge zu dem Bilde der
Diana herbeikam, legten sie Stricke um dasselbe und suchten es umzureißen,
aber alle ihre Anstrengung war vergeblich. Da eilte ich nach der Kirche,
warf mich zur Erde und flehte unter Tränen zu der Gnade Gottes, da
menschliche Macht dies Bild nicht stürzen könnte, möchte die Kraft des
Himmels selbst es vernichten. Und als ich nach dem Gebet die Kirche
verließ und zu den Arbeitern kam, da stürzte, als wir eben den Strick
erst ergriffen und zum erstenmal ihn anzogen, das Bild sofort auf die
Erde. Wir zerschlugen es sodann mit eisernen Hämmern und zermalmten es
zu Staub." [Gregor von Tours VIII, 15] Gemeint ist nicht die römische
Diana, sondern wahrscheinlich die keltische Arduinna.
551 Jordanes' "De origine actibusque Getarum" vollendet.
552 Ca.: Tod von Jordanes. (Bischof in Unteritalien; "Geschichte der
Goten") In diesem Jahr setzt Agathias' Fortsetzung von Prokop ein;
sie reicht bis 559.
553 Teja, der letzte König der Ostgoten fällt in der Schlacht am Vesuv.
Das italienische Ostgotenreich ist damit untergegangen, obwohl sich
noch einige Reste bis 563 halten können.
555 /560: Es stirbt Benedikt von Nursia. Die von ihm entwickelte
Benediktinerregel für seine Mönchsgemeinschaft in Montecassino wird
die (im Mittelalter) verbreitetste Schrift nach der Bibel werden. Danach
besteht deas Ziel des Mönchtums in der Christusnachfolge. Das Kloster
soll eine "Schule für den Dienst des Herrn" sein. Die wichtigsten
Aufgaben: Zucht, Ordnung, Gehorsam, Enthaltsamkeit und Nächstenliebe.
Ein Grundgesetz ist die "Beständigkeit in der Gemeinschaft". Die Mönche
haben einen einen gemeinsamen Speisesaal (Reflektorium) und einen
gemeinsamen Schlafsaal (Dormitorium); sie kommen täglich siebenmal zum
gemeinsamen Gebet zusammen (von der Vigil um zwei Uhr nachts bis zur
Vesper bei Abenddämmerung). Weil sich auch die Glocke nach diesem
Rhythmus von etwa drei Stunden richtet, wird auch zunehmend das Leben
außerhalb des Klosters davon beeinflußt. Die Zeit zwischen den Gebeten
ist je nach Jahreszeit unterschiedlich lang (wie auch die Stunden!).
Die Mönche wählen als Oberhaupt ihren Abt, der als ihr "Vater" und als
Stellvertreter Christi fungiert. Dieser ernennt u.a. den Dekan,
ursprünglich ein Aufseher über zehn Mönche, später Funktionsträger für
innere Angelegenheiten, den Probst für äußere Angelegenheiten und den
Cellerar für die Versorgung. Der Abt soll dabei aber auch den "Rat der
Brüder" einholen. Dem Abt muß man auch dann gehorchen, wenn er selbst
gegen die Bestimmungen handelt.
Es folgen einige Streiflichter aus der Benediktinerregel:
"Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche, weil aber die
Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns
wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern
weniger. Denn der Wein bringt selbst weise Männer zu Fall." (40,6f.)
"Wenn es die Ortsverhältnisse oder die Armut fordern, daß die Brüder
die Feldfrüchte einmal selber einbringen, sollen sie deswegen nicht
traurig sein." (48,7)
"Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus."
(53,1)
"Sind Handwerker im Kloster, können sie in aller Demut ihre Tätigkeit
ausüben, wenn der Abt es erlaubt. Wird aber einer von ihnen überheblich,
weil er sich auf sein Können etwas einbildet und meint, er bringe dem
Kloster etwas ein, werde ihm seine Arbeit genommen. Er darf sie erst
wieder aufnehmen, wenn er Demut zeigt und der Abt es ihm von neuem
erlaubt." (57,1 - 3)
557 Die Sachsen bedrohen Deutz.
Erneuter Ausbruch der Pest; erst in Antiochia und Syrien, dann in
Konstantinopel (wo es zusätzlich noch ein Erdbeben gibt), Ravenna,
Istrien und Ligurien.
558 Ca.: "Auch die Stadt Tours selbst war schon im Jahr zuvor von einer
Feuersbrunst eingeäschert worden, und alle Kirchen daselbst waren leer
und öde geblieben. Danach wurde aber die Kirche des heiligen Martinus
auf Anordnung König Chlothars mit Zinn gedeckt, und in demselben Glanz
hergestellt, wie sie früher war. Damals erschienen auch zwei
Heuschreckenschwärme, welche über Arvern und Limoges kamen, und, wie man
erzählt, in die Ebene von Romagnac zogen, wo sie einen Kampf unter sich
anstellten und hart zusammenstießen." [Gregor von Tours IV. 20]
563 Columban gründet in Iona ein Kloster; Beginn der irischen Mission bei
den Angelsachsen.
564 Ein Papyrus aus Ravenna erwähnt die Aufbewahrung von Essig und
Getreide in Fässern (statt Amphoren).
565 In Byzanz stirbt Kaiser Justinian.
Bis 570: Aus dieser Zeit stammt die älteste erhaltene europäische
Stickerei, nämlich auf einer Tunika aus dem Grab der Königin Arnegunde
in Saint-Denis (Goldstickerei).
568 Die Langobarden verlassen Pannonien und besetzen Italien. Nach
Pannonien (zwischen Theiß und Drau) strömen nun die Awaren.
570 Die Pest in Ostia, anschließend im Rhonetal, Auvergne und Berry.
Aedán mac Gabráin, der König von Dal Riada (ungefähr in Schottland),
läßt einen seiner Söhne auf den Namen Arthur taufen. (Dies zu den
frühen Quellen der Artussage)
Ca.: "Es trug sich aber in Gallien ein großes wunderbares Ereignis mit
der Burg Tauredunum [beim Genfer See] zu. Sie lag über der Rhône auf
einem Berge, und als man in diesem mehr denn sechzig Tage lang ein
ungewöhnliches Getöse vernommen hatte, trennte und teilte er sich
endlich von einem andren ihm nah gelegenen, und stürzte mit den Menschen,
Kirchen, Schätzen und Häusern in den Fluß; und da hierdurch das Bett des
Flusses gesperrt war, lief das Wasser stromaufwärts. Die Stelle war aber
auf beiden Seiten von Bergen eingeschlossen, und durch die Schlucht
zwischen denselben stürzte sich der Fluß. Indem er nun austrat,
überschwemmte und verheerte er die oberen Gegenden am Ufer. Hierauf staute
sich das Wasser hoch auf und floß dann wieder abwärts. Es überraschte
auch hier die Bewohner, ehe sie es vermuteten, wie oberwärts, begrub sie
in den Fluten, stürzte die Häuser um, ertränkte das Vieh und riß durch
seinen gewaltigen und plötzlichen Andrang alles, was am Ufer war, bis nach
der Stadt Genf hin fort und warf es zu Boden. Man erzählt, daß dort die
Wassermasse so groß gewesen sei, daß sie in die Stadt über die Mauern
strömte. Und dies ist nicht zu bezweifeln, da, wie wir erzählt haben, die
Rhône an jenen Stellen in einer Bergschlucht fließt und zur Seite, wenn
sie gesperrt wird, keinen Ausweg hat, und weil sie, als jener Berg
sich gelöst hatte und einstürzte, ihn mit einem Mal durchbrach und
so alles verheerte.
Als dies geschehen war, kamen dreißig Mönche zu der Stelle, wo die Burg
herabgestürzt war, und da sie den Boden durchgruben, der noch von dem
eingesunkenen Berge zurückgeblieben war, stießen sie auf Erz und Eisen.
Als sie noch bei der Arbeit beschäftigt waren, hörten sie abermals das
Brausen im Berge, wie es früher gewesen war. Aus unsinniger Habsucht
blieben sie aber; da stürzte auch jener Teil, der noch nicht
herabgesunken war, über sie zusammen, verschüttete und tötete sie, und
es ist nichts weiter von ihnen gefunden worden.
Auf gleiche Weise gingen auch große Wunderzeichen der Pest in Arvern
vorher und setzten jene Gegend in Schrecken. Denn häufig sah man um die
Sonne einen drei- und vierfachen hellen Schein, den die gemeinen Leute
auch Sonne nannten, und sagten: "Sehet, am Himmel sind drei oder vier
Sonnen." Einmal aber, und zwar am 1. Oktober, war die Sonne so
verfinstert, daß nicht einmal der vierte Teil derselben seinen Glanz
behielt: schwarz und farblos sah sie aus, wie ein Sack. Ferner wurde auch
ein Stern, den man Kometen nennt, mit einem Schweif, gleich wie ein
Schwert, in dieser Gegend das ganze Jahr hindurch gesehen.
Dann schien der Himmel zu brennen. Auch wurden noch viele andere Zeichen
bemerkt. In der Hauptkirche zu Arvern löschte, als an einem Festtage die
Frühmette gehalten wurde, eine Lerche, welche hineingeflogen war, alle
Kerzen, die da brannten, mit ihren Flügeln mit solcher Schnelligkeit aus,
daß man hätte glauben sollen, jemand habe sie alle in der Hand gehabt
und in Wasser getaucht. Auch in der Sakristei wollte sie durch den Vorhang
hineinfliegen und die Lampe auslöschen, aber sie wurde von den Türhütern
daran gehindert und getötet. Ähnliches tat ein anderer Vogel mit den
brennenden Kerzen in der Kirche des heiligen Andreas." [Gregor von Tours
IV, 31]
571 "Als aber die Pest ausbrach, richtete sie eine solche Verheerung unter
dem Volke in jener ganzen Gegend an, daß nicht einmal berechnet werden
kann, wie viele Tausende daran umgekommen sind. Denn als es an Särgen
und Brettern zu fehlen anfing, begrub man in einer Grube zehn und selbst
mehr bei einander. Es wurden an einem Sonntage in der Kirche des heiligen
Petrus allein dreihundert Leichen gezählt. Der Tod überfiel die Menschen
ganz plötzlich. Nachdem sich in den Weichen oder unter der Achsel eine
Geschwulst wie von einem Schlangenbiß gebildet hatte, wurde der Mensch
von dem Gifte derselben so schnell ergriffen, daß er schon am zweiten
oder dritten Tage den letzten Atem aushauchte. Auch die Besinnung raubte
die Kraft jenes Giftes dem Menschen. (...)
Damals wurden auch Lyon, Bourges, Châlons und Dijon durch diese Seuche
sehr entvölkert." [Gregor von Tours IV, 31]
576 Das Konzil von Tours verdammt den julianischen Jahresanfang am 1. Januar
als heidnisch. Der 1. Januar ist das ganze Mittelalter hindurch oft
entgegen abweichender offizieller Termine der volkstümliche Jahresanfang.
580 "Im fünften Jahre der Regierung König Childeberts bedrängten große
Überschwemmungen die Gegend von Arvern. Zwölf Tage hörte es nicht auf
zu regnen, und die Limagne wurde von einer solchen Wassermasse
überflutet, daß sie Viele an der Aussaat hinderte. Die Loire, der
Allier und die andren Bergströme, welche sich in die Loire ergießen,
schwollen so an, daß sie weiter, als jemals zuvor, über ihre Ufer
austraten, großen Schaden unter den Viehherden, bedeutenden Verlust an
bestellten Äckern und Verheerungen an den Gebäuden anrichteten. Auf
gleiche Weise trat auch die Rhône mit der Saône aus ihren Ufern aus,
richtete großen Schaden den Anwohnern an und unterwühlte zum Teil die
Mauern von Lyon. Als aber die Regengüsse nachließen, fingen die Bäume
noch im Monat September von Neuem an zu blühen.
Im Gebiet von Tours sah man in diesem Jahre in der Frühe, ehe noch das
Tageslicht anbrach, einen feurigen Schein, der sich über den Himmel
fortzog und nach der östlichen Seite hin verschwand. Auch hörte man ein
Krachen, gleichwie von einem fallenden Baume, durch das ganze Land. Es
konnte aber deshalb nicht von einem Baume herrühren, weil es weiter als
fünfzig Meilen gehört wurde. In demselben Jahre wurde die Stadt Bordeaux
schwer von einem Erdbeben mitgenommen, und die Mauern der Stadt drohten
einzustürzen. Die ganze Einwohnerschaft schwebte in solcher Todesfurcht,
daß sie meinten, wenn sie nicht flöhen, würden sie Alle mit der Stadt
von der Erde verschlungen werden. Deshalb wanderten Viele nach andren
Städten aus. Das Erdbeben erstreckte sich auch nach den benachbarten
Städten und reichte bis nach Spanien, aber nicht in derselben Stärke.
In den Pyrenäen lösten sich gewaltige Felsstücke los und erschlugen
Menschen und Vieh. Viele Ortschaften in dem Gebiete von Bordeaux
äscherte eine Feuersbrunst ein, die durch göttliche Schickung entstanden
zu sein scheint. Die Häuser, wie die Scheunen mit der Ernte wurden
plötzlich vom Feuer ergriffen und durch den Brand völlig zerstört. Da
das Feuer durchaus keinen Anlaß von anderer Seite hatte, brach es
wahrscheinlich nach einer himmlischen Fügung aus. Auch die Stadt Orleans
wurde von einer großen Feuersbrunst verheert, so sehr, daß selbst den
Reicheren durchaus Nichts übrig blieb, und wenn ja Einer etwas aus den
Flammen rettete, lauerten ihm die Diebe auf und nahmen es ihm. In dem
Gebiet von Chartres floß wirkliches und wahrhaftiges Blut aus den
gebrochenen Broten. Die Stadt Bourges wurde von einem starken Hagelschlag
heimgesucht.
34. Von der Ruhr und dem Tode von Chilperichs Söhnen.
(35.) Auf diese wunderbaren Ereignisse folgte eine sehr schwere Seuche.
Denn als die Könige schon wieder haderten und sich abermals zum
Bürgerkriege rüsteten, breitete sich eine ansteckende Ruhr fast durch
alle gallischen Länder aus. Es hatten aber, die daran litten, unter
Erbrechen heftiges Fieber und einen gewaltigen Nierenschmerz, auch Kopf
und Genick war ihnen schwer, und der Auswurf war von gelber oder
mindestens grüner Farbe. Die gemeinen Leute nannten die Krankheit innere
Blattern, und dies ist nicht ganz ungereimt, denn wenn an den Schultern
oder Schenkeln Schröpfköpfe gesetzt wurden, kamen Blasen heraus und
brachen auf, und durch das Auslaufen des Eiters wurden Viele geheilt.
Aber auch Kräuter, die man sonst als Gegengift braucht, halfen als Trank
eingegeben sehr Vielen. Und zuerst befiel diese Krankheit, die im Monat
August ausbrach, die Kinder und raffte sie fort. Auch wir verloren die
süßen, teuren Kleinen, die wir auf unsrem Schoß gehegt, in unsren Armen
gewiegt, denen wir mit eigener Hand Speise gereicht und sie mit
ängstlicher Sorge genährt hatten, aber wir trockneten unsere Tränen und
sprachen mit dem heiligen Hiob: "Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es
genommen, der Name des Herrn sei gelobet." [Gregor von Tours V, 33 - 34]
"Dem Bischof Eunius, den wir vorher als Gesandten der Britannen
erwähnt haben, wurde nicht erlaubt, nach seiner Stadt zurückzukehren,
sondern es erging ein Befehl vom Könige, er solle zu Angers auf öffentliche
Kosten erhalten werden. Als er aber nach Paris kam und an einem Sonntage
den heiligen Gottesdienst hielt, stürzte er unter lautem Schreien und
Schnauben zu Boden. Und da ihm das Blut aus Mund und Nase drang, wurde
er aufgehoben und davongetragen, doch genas er bald wieder. Er war nämlich
über die Maßen dem Weine ergeben und berauschte sich oft so sehr, daß er
keinen Schritt tun konnte." [Gregor von Tours V. 40]
"Zu derselben Zeit kam zu Poitiers ein Wolf aus den Wäldern in das Tor
der Stadt, man schloß die Tore, jagte auf ihn innerhalb der Stadtmauern
und tötete ihn. - Einige behaupteten, sie hätten den Himmel in Flammen
gesehen. - Die Loire war noch höher als im vorigen Jahre, nachdem sich das
Wasser des Cher in sie ergossen hatte. - Ein Südorkan stürmte mit solcher
Gewalt einher, daß er Wälder niederstreckte, Häuser zu Boden warf, Zäune
ausriß und selbst Menschen so packte und herumschleuderte, daß
sie umkamen. Er stürmte einher in einer Breite von etwa sieben Morgen, wie
weit er sich ausdehnte, war nicht zu berechnen. - Auch krähten die Hähne
oft bei Einbruch der Nacht. - Der Mond verfinsterte sich und es erschien
ein Komet. Es brach darauf eine schwere Seuche unter dem Volke aus."
[Gregor von Tours V. 42]
Erste Erwähnung von Toledo als Hauptstadt der Westgoten.
581 Das Kloster Monte Cassino wird von den Langobarden zerstört. Die
Mönche fliehen nach Rom (oder bereits 577). Die Originalhandschrift der
Benediktinerregel gelangt nach Rom (bis ca. 750).
582 "Im siebenten Jahre der Regierung König Childeberts, das ist im
einundzwanzigsten Chilperichs und Gunthramms, regnete, blitzte und
donnerte es im Monat Januar gar gewaltig. Auch sah man Blüten an den
Bäumen. Und es wurde ein Stern, den man, wie ich schon früher gesagt
habe, Komet nennt, sichtbar. Rings um ihn war Alles dunkel, gleich wie
aus einer Spalte hervorbrechend, strahlte er funkelnd und Strahlen
schießend durch die Finsternis. Und es ging von ihm ein Schweif von
auffallender Größe aus, der von fern wie eine starke Rauchwolke von
einer Feuersbrunst aussah. Man sah den Stern im Abend um die erste
Stunde der Nacht. - Am heiligen Ostertage sah man zu Soissons hell den
Himmel leuchten, so daß es den Anschein gewährte, als seien es zwei
Feuer, das eine größer, das andere kleiner. Nach Verlauf zweier Stunden
verbanden sie sich alsdann, bildeten eine große Feuerkrone und
verschwanden. - Im Gebiete von Paris träufelte wirkliches Blut aus einer
Wolke und fiel vielen Leuten auf den Anzug, den es so befleckte, daß
sie vor Abscheu ihre eigenen Kleider nicht mehr tragen mochten. Diese
wunderbare Erscheinung wurde an drei Orten im Gebiet jener Stadt bemerkt.
Im Gebiete von Senlis fand ein Mann, als er am Morgen aufstand, sein Haus
im Innern mit Blut bespritzt.
Es war auch eine große Seuche in diesem Jahre unter dem Volke.
Verschiedene Krankheiten, Frieseln, Blattern und Ausschlag wurden für
eine große Zahl Menschen tödlich. Von denen aber, die sich in Acht
nahmen, kamen Viele davon.
Wir hörten auch, daß zu Narbonne in diesem Jahre stark die Drüsenpest
wütete, so daß, wenn Jemand von ihr ergriffen wurde, es sogleich mit ihm
vorbei war." [Gregor von Tours VI, 14]
"In demselben Jahre zeigten sich abermals manche Wunderzeichen. Eine
Mondfinsternis trat ein; im Gebiete von Tours floß wirkliches Blut aus
einem gebrochenen Brote; die Mauern der Stadt Soissons sanken ein; in der
Stadt Angers war ein Erdbeben; in die Mauern der Stadt Bordeaux kamen
Wölfe, zerrissen Hunde und zeigten nicht einmal vor den Menschen Furcht;
über den Himmel sah man einen feurigen Glanz sich hinziehen. Auch wurde
die Stadt Bazas von einer Feuersbrunst heimgesucht und die Kirchen selbst
und die Kirchenhäuser zerstört. Die Kirchengeräte wurden jedoch, wie ich
gehört habe, vollständig gerettet." [Gregor von Tours VI, 21]
583 Es stirbt Cassiodor (96).
"Im achten Jahre König Childeberts senkte sich zu Tours am 31. Januar,
einem Sonntage, als gerade zur Frühmette geläutet war und das Volk
aufstand und zur Kirche kam, bei bewölktem Himmel unter Regen eine große
Feuerkugel vom Himmel und durchlief einen großen Raum in der Luft. Sie
verbreitete ein solches Licht, daß man alles deutlich wie am Mittage
erkennen konnte. Dann trat sie hinter eine Wolke, und es entstand tiefes
Dunkel. Die Gewässer schwollen ungewöhnlich an, und die Seine und Marne
traten bei Paris dergestalt aus, daß zwischen der Stadt und der Kirche
des heiligen Laurentius mancher Schiffbruch litt." [Gregor von Tours
VI, 25]
584 "Es kehrten Gesandte König Chilperichs aus Spanien heim und erzählten,
daß die Carpitanische Provinz schrecklich von Heuschrecken verwüstet sei,
kein Baum, kein Weinstock, kein Busch, keine Feldfrucht, nichts Grünes
sei übrig geblieben, das die Heuschrecken nicht zu Grunde gerichtet
hatten. Sie meldeten auch, daß die Feindschaft, welche zwischen
Leuvigild und seinem Sohne ausgebrochen war, noch sehr im Wachsen sei.
Auch verödeten viele Gegenden dort durch die Pest, welche besonders zu
Narbonne ungewöhnlich stark wütete und zwar schon im dritten Jahre,
nachdem sie zuerst aufgetreten war, und als sie schon so weit beseitigt
schien, daß die Leute von der Flucht zurückkehrten. Sie wurden nun aber
zum zweiten Mal von der Krankheit heimgesucht. Auch die Stadt Albi litt
sehr durch diese Seuche.
In diesen Tagen wurden nach Norden um Mitternacht viele Strahlen
sichtbar, die in sehr hellem Glanze leuchteten, sich näherten und dann
wiederum trennten, bis sie verschwanden. Auch glänzte der ganze Himmel
dabei gegen Norden so hell, daß man hätte glauben sollen, die
Morgenröte breche an." [Gregor von Tours VI, 33]
"Die Heuschrecken zogen in diesem Jahre aus der Carpitanischen Provinz,
welche sie fünf Jahre verwüstet hatten, auf der großen Heerstraße
weiter in eine andre Provinz. Sie nahmen der Länge nach einen Raum von
50 Meilen, der Breite nach von 100 Meilen ein. In Gallien waren in
diesem Jahre viele merkwürdige Erscheinungen, und es kamen schwere
Zeiten über das Volk.
Im Monat Januar blühten die Rosen, und um die Sonne sah man einen großen
Ring, in allerlei Farben spielend, wie er sich beim Regen in dem
Regenbogen am Himmel zu zeigen pflegt. Der Reif that den Weinbergen
großen Schaden. Dann trat ein Hagelwetter ein, daß die Weinberge und
Saatfelder an sehr vielen Orten verheerte. Was der Hagel verschont
hatte, kam durch die ungeheure Dürre um. Der Ertrag der Weinberge war
sehr gering, in vielen fehlte er ganz, so daß die Menschen, mit Gott
hadernd, die Türen der Weinberge öffneten und die Herden hineintrieben.
Die Verblendeten wünschten sich selbst das Unheil herbei und sprachen:
"Niemals soll in alle Ewigkeit in diesen Weinbergen wieder eine Rebe
wachsen." Die Obstbäume brachten dagegen, nachdem sie schon im Monat
Juli getragen hatten, im Monat September abermals Früchte. Wiederholt
griff damals auch die Viehseuche um sich, so daß kaum ein Stück übrig
blieb." [Gregor von Tours VI, 44]
"Es war im Monat Dezember, als sich dieses zutrug, und damals zeigten
sich in den Weinbergen an den Reben neue Schößlinge mit mißgestalteten
Trauben, wie Blüten an den Bäumen; auch zog sich ein großer Feuerglanz
am Himmel entlang, der vor Anbruch des Tageslichts weithin die Welt
erhellte. Es erschienen am Himmel ferner Lichtstrahlen, nach Norden
wurde zwei Stunden lang eine feurige Säule gesehen, die vom Himmel
gleichsam herabhing, und über ihr war ein großer Stern. Im Gebiet von
Angers war ein Erdbeben, und noch viele andere wunderbare Erscheinungen
wurden bemerkt, die, wie ich glaube, Gundovalds Tod verkündeten."
[Gregor von Tours VII, 11]
"In dem gegenwärtigen Jahre kam ein Jude, mit Namen Armentarius, mit
einem Glaubensgenossen und zwei Christen nach Tours, um
Schuldverschreibungen geltend zu machen, welche ihm Injuriosus, der
vordem Untergraf (vicarius) war, und der frühere Graf Eunomius über die
öffentlichen Abgaben ausgestellt hatten. Als er sie mahnte, erhielt er
nicht nur das Versprechen, sie würden das geliehene Geld mit den Zinsen
ihm zahlen, sondern sie sagten überdies zu ihm: "Wenn du in unser Haus
kommen willst, werden wir dir auszahlen, was wir dir schuldig sind,
und dich überdies mit Geschenken beehren, wie es billig ist." Er machte
sich auch auf den Weg, ward bei Injuriosus aufgenommen und zum Mahle
eingeladen. Als das Gelage zu Ende war und die Nacht einbrach, machten
sie sich auf und zogen von diesem Orte fort nach einem andren. Da,
erzählt man, wurden die Juden samt den beiden Christen von den Leuten
des Injuriosus getötet und in einen Brunnen, der nahe bei dem Hause war,
geworfen. Als ihre Verwandten aber hörten, was vorgegangen war, kamen
sie nach Tours, und da ihnen von gewissen Leuten Spuren nachgewiesen
wurden, fanden sie den Brunnen und zogen die Leichen jener Männer heraus.
Injuriosus leugnete jedoch hartnäckig, daß er in dieser Sache irgend
eine Schuld trage. Später kam er vor Gericht, da er aber beharrlich,
wie schon gesagt, alles leugnete, und sie nicht wußten, wie sie ihn
überführen sollten, fiel das Urteil dahinaus, er solle sich durch einen
Eid reinigen. Aber auch hierbei beruhigten sie sich nicht, sondern
beriefen sich auf das Gericht König Childeberts selbst. Es konnten
jedoch weder das Geld noch die Schuldverschreibungen des ermordeten Juden
aufgefunden werden. Es verlautete damals, daß auch der Tribun Medard bei
diesem Verbrechen beteiligt gewesen sei, denn auch er hätte von dem
Juden Geld geliehen. Injuriosus stellte sich vor König Childebert am
Landtage und wartete drei Tage lang bis Sonnenuntergang. Da aber jene
nicht kamen und wegen dieser Sache auch von keinem Andren die Klage
erhoben wurde, kehrte er nach Hause zurück." [Gregor von Tours VII, 23]
585 "Damals wurde auch ein Riese zum Könige gebracht, der zu Mummolus
Dienstleuten gehört hatte und so groß war, daß er, wie man meinte, zwei
bis drei Fuß die längsten Menschen überragte. Er war ein Zimmermann und
starb bald darauf." [Gregor von Tours VII, 41]
"In diesem Jahre kam eine große Hungersnot fast über ganz Gallien. Und
sehr viele buken aus Traubenkernen und Haselblüten Brot, Manche auch
aus getrockneten und zu Staub geriebenen Wurzeln des Farnkrauts, denen
sie etwas Mehl beimischten. Viele schnitten die grüne Saat ab und
gebrauchten sie auf ähnliche Weise. Es gab ferner solche, die, da sie
gar kein Mehl mehr hatten, allerhand Kräuter ausrissen und aßen; von
dem Genuß derselben schwollen sie aber und starben. Eine große Zahl
siechte damals aus Mangel dahin und kam um. Zu jener Zeit zogen die
Kaufleute das Volk gewaltig aus, da sie den Scheffel Getreide oder vier
Quart Wein kaum für ein Drittelstück verkauften. Arme Leute gingen in
Dienst, um nur ein wenig Nahrung zu erhalten." [Gregor von Tours VII, 45]
"Man sah dazumal wunderbare Zeichen, nämlich Feuerstrahlen am nördlichen
Himmel, wie sie sich öfters zu zeigen pflegen. Auch sah man einen
Blitzstrahl über den Himmel hinziehn, und an den Bäumen bemerkte man
Blüten. Es war aber im Monat Juli." [Gregor von Tours VIII, 8]
Oktober: Wunderzeichen am Himmel in der Gegend von Trier: "Als wir
daselbst uns aufhielten, sahen wir in zwei Nächten Zeichen am Himmel,
nämlich Strahlen nach der Nordseite, die so hell glänzten, wie wir
sie früher niemals bemerkt zu haben meinten, und von zwei Seiten, von
Ost und West, wurden blutige Wolken sichtbar. Auch in der dritten Nacht
ungefähr um die zweite Stunde erschienen diese Strahlen. Und während
wir sie noch verwundert betrachteten, erhoben sich von allen vier
Weltgegenden gleiche Strahlen, und wir sahen den ganzen Himmel von
ihnen bedeckt. In der Mitte des Himmels war eine glänzende Wolke, in
der sammelten sich die Strahlen wie bei einem Zelt, dessen Streifen
unten breiter anfangen, nach oben schmaler werden und sich in einer
Spitze sammeln. In der Mitte der Strahlen aber waren noch andre Wolken,
die gewaltig blitzten und leuchteten.
Diese Zeichen versetzten uns in große Furcht. Denn wir erwarteten, daß
irgend eine Plage vom Himmel über uns gesandt werden würde." [Gregor von
Tours VIII, 17] Möglicherweise handelt sich bei den vielen von Gregor
beschriebenen Lichterscheinungen um Nordlicht.
"In diesem Jahre waren starke Regengüsse, und die Flüsse schwollen so
gewaltig an, daß häufig Schiffbrüche auf ihnen vorkamen. Sie traten auch
über die Ufer, überschwemmten die Saaten und Wiesen in der Nähe und
richteten großen Schaden an.
Die Frühlings- und Sommermonate waren so feucht, daß man eher glaubte,
es sei Winter als Sommer.
24. Von zwei Inseln im Meere.
Zwei Inseln im Meere wurden in diesem Jahre durch Feuer vom Himmel
zerstört, sieben Tage wurden sie, mit den Menschen und Tieren auf ihnen,
vom Brande heimgesucht. Die zum Meere flohen und sich in das Wasser
stürzten, kamen gleich in den Wellen um, wo sie hineinsprangen; schlimmer
starben die Anderen in den Flammen, wenn sie nicht sogleich ihren Atem
aushauchten. Nachdem Alles zu Asche gebrannt war, überflutete das Meer
die Inseln. Viele meinten, jene Erscheinungen, die wir, wie erzählt,
im Oktober sahen - wo es war, als ob der Himmel brenne - hatten vom
Wiederscheine dieses Brandes hergerührt.
25. Von einer Insel, auf der sich Blut zeigte.
Auf einer andern Insel, die ganz nahe bei der Stadt Cannes liegt, war
ein großer und fischreicher Teich, dessen Wasser verwandelte sich eine
Elle tief in Blut, und eine unzählige Menge von Hunden und Vögeln
sammelte sich viele Tage lang dort, leckte dies Blut und ging am Abend
gesättigt fort." [Gregor von Tours VIII, 23 - 25]
Ca.: Zwischen Sichar und Austregisil, zwei Adligen aus Tours, erhebt
sich anläßlich eines weihnachtlichen Festgelages ein Streit, in dem
Austregisil samt Vater und Bruder erschlagen wird. Nach einer
mehrteiligen Rachefehde gelingt es Bischof Gregor von Tours, einen
Friedensvertrag zu stiften: Chramnesind (der überlebende Bruder
Austregisils) und Sichar verkehren miteinander in caritas (Mahl- und
Schlafgemeinschaft) wie Schwurbrüder. Bei einem Gelage Chramnesinds
jedoch führt Sichar Reizreden: "Großen Dank, herzlieber Bruder, habe
ich von dir dafür verdient, daß ich deine Verwandten erschlagen habe;
denn du hast das Wehrgeld für sie empfangen, und nun ist in deinem
Hause Gold und Silber die Fülle; arm aber und dürftig würdest du jetzt
leben, hätte dies dich nicht etwas zu Kräften gebracht." Chramnesind
verpflichtet sich zur Rache: "Wenn ich den Tod meiner Verwandten nicht
räche, so verdiene ich nicht ferner ein Mann zu heißen, ein feiges
Weib muß man mich nennen." Er spaltet Sichar mit dem Schwert den Kopf.
(nach Gregor von Tours, VII, 47; IX, 19)
587 "Es geschahen damals viele Wunderzeichen. In den Häusern vieler Personen
fand man die Gefäße mit gewissen Zeichen bemalt, und man konnte diese
auf keine Weise weder auskratzen noch wegwischen. Diese Erscheinung
zeigte sich zuerst in dem Gebiet der Stadt Chartres und verbreitete
sich dann durch das Gebiet von Orleans bis nach dem von Bordeaux, es
gab keine Stadt auf diesem Wege, wo man sie nicht bemerkte. In den
Weinbergen sah man im Oktober, als die Weinlese bereits vorüber war,
neue Rebschösse mit mißgestalteten Trauben. Auch bemerkte man an
manchen Bäumen neues Laub und neue Früchte. Am nördlichen Himmel
erschienen Lichtstrahlen. Manche wollten auch Schlangen aus einer Wolke
haben fallen sehen. Andere behaupteten, ein ganzer Hof sei mit seinen
Häusern und Einwohnern plötzlich untergegangen und verschwunden. Noch
viele andere Zeichen traten ein, die den Tod des Königs oder eine
Landplage zu verkünden pflegen. Es gab in jenem Jahre eine spärliche
Weinernte, großes Wasser, unendlich viel Regen, und die Flüsse schwollen
gewaltig an." [Gregor von Tours IX, 5]
Es stirbt die hl. Radegunde, eine aus Thüringen stammende merowingische
Königin. Sie hat in Poitiers ein Nonnenkloster (Sainte Croix) gegründet,
welches schnell Zulauf findet.
588 "In diesem Jahre gab es im Frühling starke Regengüsse, und als die Bäume
und Weinberge schon grünten, fiel so viel Schnee, daß er Alles bedeckte.
Auch später trat noch Frost ein, es erfroren die Reben in den Weinbergen,
wie auch die übrigen Früchte, die bereits angesetzt hatten. So groß war
die Kälte, daß sogar die Schwalben und die Vögel, die aus fremden Gegenden
kamen, bei dem starken Froste starben. Auch das war wunderbar, daß, wo
sonst der Frost niemals Schaden angerichtet hatte, er damals Alles zu
Grunde richtete, und gerade da nicht hinkam, wo er sonst Verheerungen
verursachte." [Gregor von Tours, IX, 17]
"Da ich oben erzählt habe, daß die Stadt Marseille damals von einer sehr
schlimmen Krankheit heimgesucht wurde, so will ich doch ausführlicher
erzählen, wie schwere Leiden sie erduldete. Es war gerade in jenen Tagen
Bischof Theodorus zum König gereist um ihm Einiges gegen den Patricius
Nicetius mitzuteilen. Da er aber bei König Childebert in dieser Sache
kein Gehör fand, beschloß er in seine Heimat zurückzukehren. Inzwischen
war ein Schiff aus Spanien im Hafen von Marseille mit Waren eingelaufen
und hatte trauriger Weise den ansteckenden Stoff dieser Krankheit mit
sich gebracht. Nachdem schon viele Bürger Verschiedenes von dem Schiffe
gekauft hatten, brach plötzlich in einem Hause, das von acht Seelen
bewohnt war, die Krankheit aus, die Bewohner wurden von derselben
hingerafft, und das Haus starb ganz aus. Doch verbreitete sich die
verzehrende Seuche nicht sofort über die ganze Stadt, sondern erst nach
einiger Zeit erfaßte sie dieselbe, gleichwie ein Feuer, das in die Saat
geworfen wird. Dennoch kehrte der Bischof nach der Stadt zurück, er
hielt sich mit den Wenigen, die damals mit ihm ausharrten, in den
Mauern der Kirche des heiligen Victor auf und flehte dort, so lange
die Pest in der Stadt wütete, unablässig im Beten und Wachen, die
Barmherzigkeit Gottes an, doch endlich das Verderben ein Ende nehmen
und das Volk in Ruhe und Frieden leben zu lassen. - Als dann diese Plage
schon zwei Monate aufgehört hatte und das Volk sorglos zur Stadt
zurückkehrte, brach die Krankheit abermals aus, und es starben jetzt
die, welche zurückgekehrt waren. Die Stadt wurde auch in der Folge noch
vielfach von diesem verheerenden Übel heimgesucht." [Gregor von Tours
IX, 22]
589 Im Nonnenkloster Sainte Croix in Poitiers (siehe 587) kommt es zu einem
Aufstand der Nonnen, angeführt von Chrodechilde, einer Tochter des
merowingischen Königs Charibert und ihrer Kusine Basina, einer Tochter
des Königs Chilperich. "Im Vertrauen auf ihre königlichen Verwandten
nahm sie (Chrodechilde) den Nonnen einen Eid ab, daß sie der Äbtissin
Leubowera Verbrechen vorwerfen, sie aus dem Kloster entfernen und statt
dessen sie selbst zum Haupt desselben einsetzen wollten." (Gregor von
Tours IX, 39] Sie verläßt mit 40 Nonnen das Kloster, um ihre Ziele
am Königshof durchzusetzen. "Königstöchter sind wir und kehren nicht
eher in das Kloster zurück, bis die Äbtissin fortgeschafft ist." (Gregor,
daselbst) Bischof Gregor von Tours (der Berichterstatter), wohl ihre
erste Anlaufstelle, versucht sie von ihrem Vorhaben abzubringen und die
Anklagen vor dem zuständigen Ortsbischof zu verhandeln. König Guntchramn
verspricht, eine Bischofsversammlung einzuberufen, eine Maßnahme, die
sich verzögert. Nun verschanzen sich die Nonnen, zusammen mit "einer
Schar von Dieben, Mördern und Ehebrechern" in der Hilariuskirche zu
Poitiers und rüsten sich zum Widerstand; einige Nonnen sollen
zwischenzeitlich sogar geheiratet haben. Als der Erzbischof von Bordeaux
mit den Bischöfen seiner Kirchenprovinz die Rebellen zur vernunft
bringen will, werden die Kleriker in der Hilariuskirche verprügelt,
"daß die Bischöfe zu Boden sanken und sich kaum wieder erheben konnten;
aber auch die Diakonen und anderen Geistlichen liefen mit Blut bespritzt
und mit zerschlagenen Köpfen aus der Kirche." [Gregor, S. 306f.]
Chrodechilde bemächtigt sich des gesamten Klosterbesitzes. Am Ende
bricht man mit Gewalt in das Kloster ein, um die Äbtissin
fortzuschleppen, doch kann sie durch Zufall diesem Anschlag entgehen.
"Wer könnte wohl jemals alle die Greuel und Mordtaten und alle die Übel,
die jemals geschahen, in Worte fassen, da kaum ein Tag ohne Totschlag,
kaum eine Stunde ohne Händel, kaum ein Augenblick ohne Tränen verging?"
[Gregor, S. 362f.] Eine neue Bischofsversammlung weigert sich, diesen
Ort zu betreten, solange die weltlichen Amtsträger nicht für Ruhe
gesorgt hätten. Dem Grafen gegenüber droht Chrodehilde erneut mit ihrem
Rang: "Braucht, ich bitte euch, keine Gewalt gegen mich, die ich eine
Königin bin, eines Königs Tochter und die Base eines anderen Königs, ...
es könnte sonst eine Zeit kommen, da ich mich an euch räche." [Gregor,
S. 362f.] Schließlich wird der Aufstand unterdrückt und die Bischöfe
sitzen zu Gericht. Punkt für Punkt wird den Anklagen gegen Leubowera
nachgegangen: Sie soll einen Mann in Frauenkleidern ins Kloster
eingeschmuggelt haben, sich die Zeit mit Brettspielen vertrieben haben,
ihrer Nichte ein Kleid aus Altarstoff machen lassen und Laien zum Mahl
ins Kloster eingeladen haben. Sie kann diese Vorwürfe entkräften und
bekommt nur eine Buße wegen kleinerer Vergehen auferlegt. Interessant
dabei ist, daß zunächst nicht Chrodechilde angeklagt wird, sondern
daß die Äbtissin sich rechtfertigen muß. Erst danach wird die Sache der
Aufständischen geprüft - sie müssen lediglich ihre Untaten
wiedergutmachen und die Äbtissin um Verzeihung bitten. Erst als sie sich
weigern, werden sie - bis zur fälligen Buße - aus der Kirchengemeinschaft
ausgeschlossen. Chrodechilde wiederholt ihre Anschuldigungen vergeblich
noch einmal vor dem König.
"In diesem Jahre ergoß sich nach Ostern ein so gewaltiger Regen, mit Hagel
untermischt, daß zwei bis drei Stunden lang sogar in den kleineren
Flußtälern ungeheure Ströme zu fließen schienen. Die Bäume blühten im
Herbste und trugen noch einmal Früchte, nachdem sie schon früher
getragen hatten. Im November sah man Rosen. Die Flüsse schwollen über
die Maßen an, traten über die Ufer, überschwemmten Stellen, die sie
sonst niemals erreicht hatten, und fügten einen nicht geringen Schaden
den Saaten zu." [Gregor von Tours IX, 44]
Ca.: Die Etsch tritt über die Ufer und überschwemmt die Tiefebene bei
Verona. Ehe sie weiter östlich einen neuen Lauf findet, überflutet sie
das gesamte Gebiet, das bei Ostiglia von Legnago zum Po hinunter abfällt.
590 "In diesem Jahre leuchtete über das Land bei Nachtzeit ein so heller
Schein, daß man hätte glauben mögen, es sei Mittag; auch sah man bei
nächtlicher Weile öfters feurige Kugeln über den Himmel hinziehen und
die Welt erleuchten. Wegen der richtigen Feier des Osterfestes war man
in Zweifel, da Victorius in seiner Ostertafel angibt, Ostern falle auf
den fünfzehnten Tag nach Neumond, jedoch, damit die Christen nicht mit
den Juden zusammen an diesem Tage das Fest feierten, hinzusetzt: "die
Lateiner feiern es am zweiundzwanzigsten Tage." Deshalb begingen Viele
in Gallien das Fest am fünfzehnten Tage nach dem Neumond, wir aber am
zweiundzwanzigsten Tage. Wir hatten aber dies genau überlegt, und in der
Tat füllten sich die Quellen in Spanien, die durch ein Wunder um Ostern
voll sind, an dem Tage, an dem wir das Fest feierten. Am 14. Junius war
ein großes Erdbeben, an einem Mittwoche ganz in der Frühe, als eben das
Tageslicht angebrochen hatte. In der Mitte des Monats Oktober verfinsterte
sich die Sonne, und ihr Licht nahm so ab, daß sie kaum so groß blieb, wie
die Mondsichel am fünften Tage nach dem Neumond. Es fiel viel Regen, im
Herbst gab es heftige Gewitter, und das Wasser stieg sehr hoch. Die
Städte Viviers und Avignon wurden von der Drüsenpest schwer heimgesucht."
[Gregor von Tours X, 23]
Zweikampf statt Schlacht (aus Childeberts Italienzug): "Am Ufer dieses
Sees [bei Mailand], hörte man, lägen die Langobarden. Und als man sich
demselben näherte, rief, ehe man noch den Fluß, von dem soeben die Rede
war, überschritten hatte, ein Langobarde, der mit Panzer und Helm
gewappnet und mit einem Speer in der Faust am Ufer stand, dem
Frankenheere zu: "Heute soll sich zeigen, wem die Gottheit den Sieg
verleihen will." Woraus ersichtlich ist, daß die Langobarden es auf ein
Gottesurteil durch einen Zweikampf ankommen lassen wollten. Darauf gingen
Einige über den Fluß, ließen sich mit diesem Langobarden in einen Kampf
ein und hieben ihn nieder. Siehe, da zog das ganze Heer der Langobarden
vorüber und wandte sich zur Flucht. Alsdann gingen auch die Andren über
den Fluß, aber sie fanden Niemand von den Feinden mehr..." [Gregor von
Tours X. 3]
"Im fünfzehnten Jahre König Childeberts kam ein Diakon, den wir nach Rom
gesandt, von dort mit Reliquien der Heiligen zurück und erzählte, daß im
November des Jahres zuvor der Tiberfluß ausgetreten sei und die Stadt Rom
dermaßen überschwemmt habe, daß manche Tempel aus dem Altertum einstürzten
und die Vorratshäuser der Kirche zerstört wurden, in denen einige tausend
Scheffel Weizen zu Grunde gingen. Auch schwammen eine Menge von Schlangen,
nebst einem Drachen, der so dick wie ein starker Balken war, längst des
Flußbettes zum Meere herab, aber in dem Salzwasser des stürmischen Meeres
kamen die Tiere um und wurden an das Gestade ausgeworfen. Hierauf zeigte
sich alsbald die Drüsenpest. Und zwar brach sie in der Mitte des Januars
aus und befiel zuerst, nach den Worten, die man im Propheten Hesekiel
liest: "Fanget aber an an meinem Heiligtume", den Papst Pelagius, und er
starb sofort, nachdem ihn die Krankheit ergriffen hatte. Nach seinem Tode
unterlagen noch sehr viele aus dem Volke der Pest. Da aber die Kirche
Gottes nicht ohne einen Führer sein kann, wählte das gesamte Volk den
Diakon Gregorius zum Papste." [Gregor von Tours X. 1]
Columbans Mission auf dem Festland führt zur Gründung von Annegray, Luxeuil und
Fontaines.
Ca.: Slawen wandern nach Kärnten ein.
591 "In Gallien suchte die oftgenannte Seuche die Provence von Marseille
heim. Die Gebiete von Angers, Nantes und Mans litten unter einer großen
Hungersnot. Und dies ist der Anfang der großen Trübsal, wie der Herr im
Evangelium sagt: "Es werden sein Pestilenz und teuere Zeit und Erdbeben
hin und wieder, und es werden sich erheben falsche Christi und falsche
Propheten, die Zeichen und Wunder tun, daß sie auch die Auserwählten
verführen" wie solches alles in dieser Zeit geschehen ist.
Ein Mann nämlich aus dem Gebiet von Bourges ging eines Tages in den Wald,
um Holz zu einem notwendigen Bau zu fällen, dort überfiel ihn, wie er
dies später selbst gestand, ein Fliegenschwarm, und zwei Jahre lang
blieb er in Folge dessen seiner Sinne beraubt. Hieraus erkennt man
schon sonnenklar, daß alles eine arglistige Veranstaltung des Teufels
war. Danach aber zog dieser Mann durch die benachbarten Städte und kam
bis in die Provence von Arles. Hier kleidete er sich in Felle, betete
wie ein auserwählter Frommer, und um ihn zu verführen verlieh ihm der
Widersacher sogar die Gabe der Wahrsagung. Darauf brach er, auf daß er
noch greulichere Sünden beginge, von dort auf und kam in das Gebiet der
Stadt Javols, gab vor, er sei etwas Großes, und scheute sich nicht, sich
für Christus selbst auszugeben. Er hatte aber bei sich ein Weib,
gleichwie seine Schwester, die ließ er Maria nennen. Und es strömte ihm
eine große Menge Volks zu und brachten die Kranken herbei, die er
berührte und gesund machte. Es trugen ihm die, so ihm zuliefen, auch
Gold, Silber und Kleider zu, er schenkte aber alles den Armen, auf daß
er noch mehr die Menge verführte, warf sich auf den Boden und betete
inbrünstig samt jenem Weibe, und wenn er wieder aufstand, ließ er sich
dagegen von denen anbeten, die um ihn standen. Er sagte auch die Zukunft
vorher; einigen verkündigte er, daß ihnen Krankheiten, anderen, daß ihnen
Verluste bevorständen, Glück dagegen prophezeite er wenigen. Dies alles
richtete er durch teuflische Künste und Gott weiß welche Zaubereien aus.
Er verführte hierdurch eine ungeheure Menge des Volks, nicht allein
ungelehrte Leute, sondern auch Bischöfe der Kirche. Es folgten ihm
endlich mehr als dreitausend aus dem Volke nach.
Inzwischen fing er aber an, manche zu berauben und auszuplündern, die
er auf der Landstraße fand, und schenkte dann den Raub an die, so
nichts besaßen. Auch drohte er den Bischöfen und Bürgern, wenn sie ihn
nicht verehren wollten, den Tod an.
Als er so in das Gebiet der Stadt Velay kam, gelangte er an einen Ort
mit Namen Anicium, und bei den Kirchen in der Nachbarschaft blieb er
mit seinem ganzen Schwarm stehen und ordnete ihn wie einen Heerhaufen,
gleich als ob er den dort wohnenden Bischof Aurelius mit Krieg
überziehen wollte. Er schickte auch Boten vor sich her, Leute, die
nackend tanzten und sprangen, um seine Ankunft zu melden. Der Bischof
hierüber erstaunt, sandte mutige Männer ihm entgegen, die erkunden
sollten, wohin es denn mit alledem hinauswolle, das er täte. Und als
Einer von diesen, der der angesehenste war, sich vor ihm neigte,
gleich als wolle er seine Knie umfassen und ihm den Weg vertreten,
befahl er ihn zu ergreifen und auszuziehen. Da aber zog dieser im Nu
sein Schwert und hieb ihn in Stücke. So sank jener Christus, den man
lieber Antichrist nennen sollte, hin und starb. Es zerstreuten sich
aber alle, die bei ihm waren, und jene Maria entdeckte, als sie auf
die Folter gebracht wurde, alle seine Betrügereien und Zauberkünste.
Dennoch kamen jene Leute, welche er durch höllische List verführt hatte,
ihm zu glauben, niemals wieder zur Besinnung, sondern sie verehrten
ihn noch ferner als Christus und glaubten, daß jene Maria Teil an seiner
Göttlichkeit habe. In ganz Gallien tauchten damals solche Menschen auf,
welche durch derartige Zaubereien manche arme Weiblein nach sich
zogen, so sie in ihrer Schwärmerei als Heilige priesen, und die sich
für etwas Großes unter dem Volke ausgaben. Wir selbst haben viele von
ihnen gesehen, die wir zur Rede stellten und aus ihrem Irrtum zu reißen
suchten." [Gregor von Tours X, 25] Ein Insektenschwarm als Auslöser der
Initiation für falsche Propheten kommt wenigstens noch einmal vor: siehe
den Eintrag zum Jahr 1000.
"In diesem Jahr im Monat April suchte eine schreckliche Seuche das Volk
sowohl im Gebiet von Tours als von Nantes heim. Wenn einer erkrankte,
litt er erst eine kurze Zeit an Kopfschmerzen und gab nicht lange danach
den Geist auf. Man stellte daher Bettage unter großen Fasten und
Kasteiungen an und spendete reichlich an die Armen, und hierdurch wurde
der Zorn und Unwille Gottes besänftigt.
In der Stadt Limoges wurden viele, weil sie den Tag des Herrn entweiht
und öffentlich gearbeitet hatten, an demselben vom Blitzstrahl
getroffen. Denn dieser Tag, der im Anbeginn zuerst das erschaffene
Licht sah und der vor allem der Zeuge wurde der Auferstehung des Herrn,
ist heilig. Deshalb muß er auch mit aller Gewissenhaftigkeit von den
Christen gefeiert und keine öffentliche Arbeit an ihm unternommen werden.
Auch im Gebiet von Tours wurden einige vom Blitze erschlagen, aber nicht
am Sonntag.
Es war dazumal eine ungeheure Dürre, so daß das Futtergras durchaus nicht
geriet. Daher brach eine schwere Krankheit unter den Schafen und dem
Zugvieh aus, und es blieb wenig zur Nachzucht übrig, wie das der
Prophet Habakuk vorhergesagt hat: "Die Schafe werden aus der Hürden
gerissen und werden keine Rinder in den Ställen sein." Und diese Seuche
wütete nicht allein unter den Haustieren, sondern auch unter dem Wilde.
Denn in den Waldschluchten fand man an unwegsamen Stellen eine große
Menge von Hirschen und anderen Tieren verreckt liegen. Das Heu verdarb
durch starke Regengüsse und durch das Austreten der Flüsse, Feldfrüchte
gab es sehr wenig, aber die Weinberge boten einen reichen Ertrag. Die
Eicheln kamen zwar zum Vorschein, gediehen aber nicht." [Gregor von Tours
X, 30]
594 Oder 595: Gregor von Tours verstirbt.
597 Papst Gregor schickt Augustinus, um Britannien zu bekehren. Dieser
erreicht die Insel Thanet und predigt vor König Aethelbert von Kent.
Dessen Frau Bertha ist Christin. (Es ist in dieser Frühzeit eine gängige
Konfiguration, daß die Frauen heidnischer Herrscher bereits christlich
sind.)
Gründung des Benediktinerklosters Canterbury, der Hauptstadt Aethelberts.
598 "In diesem Jahre verwüstete ein schweres Hagelwetter Massilia und die
übrigen Städte der Provinz. In demselben Jahre kochte das heiße Wasser
in dem See von Dunum, in den sich die Arula ergießt, so gewaltig auf,
daß eine Menge Fische gesotten wurden." [Pseudo-Fredegar 18]
599 /600: Isidor wird Bischof von Sevilla.

6. Jh. Landnahme der Bajuwaren.
Slawen besiedeln Mecklenburg. Sie sitzen auch in der Uckermark.
Vielleicht ist jetzt bereits nördlich der Alpen der schwere
Räderpflug (Beetpflug) bekannt. Im Gegensatz zum alten römischen
Hakenpflug wendet er den Boden zugleich (in einer Richtung) und macht
ein nochmaliges Querpflügen überflüssig. Der alte Hakenpflug, der
nur die oberste Bodenschicht aufreißt, bleibt parallel dazu noch
lange in Gebrauch, je nach Vermögen der Bauern.
Die urnordische Sprache wandelt sich relativ rasch zum Altnordischen.

6. und 7. Jh.: Einsetzen der fränkischen Reihengräberfelder als
Zeichen des Landesausbaus. Bevölkerungsanstieg bei Franken, Alemannen
und Bajuwaren.
Wüstungsperiode im östlichen Mitteleuropa.

600 Ca.: In Italien wird die Geldwirtschaft durch Naturalwirtschaft
abgelöst. [Das hätte man gerne etwas näher belegt...]
Ca.: Schätzungen für die Bevölkerung Europas:
a) Gesamt ca. 26 Mio. (Gallien: 4-5 Mio., England: 0,6 Mio.,
Deutschland 3-4 Mio., Balkan: 3 Mio., Anatolien: 5 Mio.) S&T 80 S.28f.
b) Gesamt: 11,9 Mio; Iberische Halbinsel: 3,6 Mio; Frankreich: 3 Mio;
Italien: 2,4 Mio; Britische Inseln: 0,8 Mio; Deutschland und
Skandinavien: 2,1 Mio. [J. C. Russel, Bevölkerung. In: Lexikon des
Mittelalters 2, 1983, Sp. 14]
604 11. März: Papst Gregor der Große stirbt. Sabinian wird sein Nachfolger
(bis 606). Dieser weist bei einer Hungersnot in Rom das bittende Volk
ab, verweigert jede Hilfe und verkauft Korn zu Wucherpreisen (bis 30
solidi pro Scheffel).
607 Beginn der Dogenherrschaft in Venedig.
610 In Norditalien erfindet - der Sage nach - ein Mönch die Brezel, womit
Kinder für das Lernen des Katechismus belohnt worden sein sollen.
"Bracciatelli" bedeutet "kleine Ärmchen", d.h. die Form soll an im
Gebet verschränkte Kinderarme erinnern.
611 /612: Kolumban trifft in Bregenz am Bodensee Bewohner der Stadt an,
die ein heidnisches Opferfest feiern: "Endlich gelangten sie an den
bestimmten Ort, der zwar dem Columban nicht gefiel, doch beschloß er
zu bleiben, um dem benachbarten Volke den Glauben zu verkündigen. Es
ist aber schwäbisches Volk, das dort wohnt.
Einmal fand er, als er diese Gegend durchzog, wie die Einwohner ein
heidnisches Opfer begehen wollten: sie hatten ein großes Gefäß, das
bei ihnen Cupa heißt, und das ungefähr zwanzig Eimer hielt, mit Bier
angefüllt und in ihre Mitte gesetzt. Auf Columbans Frage, was sie
damit wollten, sprachen sie, sie bringen ihrem Gott Wodan (den andere
Mercurius nennen) ein Opfer, wie er von diesem scheußlichen Werk hörte,
blies er das Faß an, und siehe da, es löste sich mit Gekrach und sprang
in Stücke, so daß alles Bier augenblicklich herausströmte. Da zeigte es
sich klar, daß der Teufel in der Kufe verborgen gewesen war, der durch
das irdische Getränke die Seelen der Opfernden fangen wollte. Wie das
die Heiden sahen, staunten sie und sprachen, Columban habe einen starken
Atem, daß er ein fest gebundenes Faß so zersprengen könne. Er aber schalt
sie mit den Worten des Evangeliums und befahl ihnen, abzulassen von
solchen Opfern und nach Hause zu gehen. Viele wurden damals durch die
Predigt des heiligen Mannes bekehrt und ließen sich von ihm taufen;
andere die schon getauft waren, aber noch fortlebten im heidnischen
Unglauben, führte er durch seine Worte wie ein guter Hirte zum Glauben
und in den Schoß der Kirche zurück." [Jonas von Susa, Leben des Columban 27]
612 Columban aus Irland gründet in Italien das Kloster Bobbio, gelegen
in den Apenninen am Rande des Einflußbereiches der arianischen
Langobarden (oder 614). Die dortigen Mönche, vielfach irischer Abkunft,
werden über mehrere Generationen im 7. und 8. Jh. zahlreiche wichtige
Handschriften verfertigen, und zwar in etlichen Misch- und Übergangsformen
zwischen irischer und festländischer Halbunziale bzw. Kursive.
614 Edictum Chlotarii; die Staatsgewalt wird auf den Adel übertragen,
indem der König die "Beamten" (Grafen) aus den adligen Grundbesitzern
der Grafschaften wählt. Ein Majordomus (Hausmeier) verwaltet den Hof
und führt die königliche Gefolgschaft (den Adel).
616 Die bisher arianischen Langobarden werden katholisch.
622 15. Juni: Die Hedschra. Beginn der islamischen Zeitrechnung.
623 Beginn des Slawenreiches des fränkischen Kaufmannes Samo (bis 656);
es erstreckt sich bis Magdeburg und Passau. "Im 40. Jahre verband sich
ein gewisser Samo, ein geborener Franke aus dem Senonagischen Gau, mit
mehreren Kaufleuten und zog in Handelsgeschäften zu den Sklaven, die man
Winider nennt. Die Slaven hatten damals bereits angefangen gegen die
Avaren, die den Beinamen Chunen führen, und deren König Gagan sich zu
empören. Schon von alten Zeiten her wurden die Wenden von den Chunen als
sogenannte Befulci gebraucht, so daß, wenn die Chunen gegen irgend
ein Volk ins Feld zogen, sie selbst sich vor dem Lager aufstellten,
die Wenden aber kämpfen mußten. Siegten nun diese, so rückten die Chunen
vor um Beute zu machen; unterlagen jedoch die Wenden, so sammelten sie auf
der Chunen Hilfe gestützt neue Kräfte. Darum wurden sie Befulci von den
Chunen genannt, weil sie vor ihnen einherzogen und im Treffen einen
doppelten Kampf bestanden. Jedes Jahr kamen die Chunen zu den Slaven, um
bei ihnen zu überwintern; dann nahmen sie die Weiber und Töchter der
Slaven und schliefen bei ihnen, und zu den übrigen Mißhandlungen mußten
die Slaven den Chunen noch Abgaben zahlen. Die Söhne der Chunen aber, die
diese mit den Weibern und Töchtern der Wenden erzeugt hatten, ertrugen
endlich solchen Druck nicht mehr, verweigerten den Chunen den Gehorsam
und begannen, wie schon erwähnt, eine Empörung. Wie nun das wendische
Heer gegen die Chunen auszog, so begleitete jener Handelsmann Samo
dasselbe. Da erprobte sich dessen Tapferkeit gegen die Chunen auf eine
wunderbare Weise und eine ungeheure Menge Chunen fiel durch das Schwert
der Wenden. Als diese nun die Tapferkeit Samos erkannt hatten, wählten
sie ihn zu ihrem König und er herrschte 35 Jahre lang glücklich. Mehrere
Schlachten lieferten die Wenden unter seiner Regierung gegen die Chunen
und jedesmal blieben sie durch sein Verdienst Sieger. Samo hatte 12
wendische Weiber, mit denen er 22 Söhne und 25 Töchter erzeugte."
[Pseudo-Fredegar 48]
625 Die Merowinger beginnen in ihren Urkunden Papyrus zu verwenden (bis ca. 673).
Ca.: Straßburg wird Bischofssitz.
Dagobert I. gründet die Abtei St. Denis.
Ca.: Datierung des Schiffsgrabes von Sutton Hoo (südöstl. v. Suffolk).
Inhalt (u.a.): 37 merowingische Goldmünzen; Schiff von 26 m Länge, aber
noch ohne Mast; Kettenhemd (Ringdurchmesser 8 mm mit Kupfernieten); fünf
Speere, drei Angons; berühmter Maskenhelm; Rundschild. Trotz reicher
Beigaben ist kein Leichnam erhalten. Entweder blieb das Grab leer oder
der Körper ist völlig zerfallen. Möglicherweise handelt es sich um das
Grab von König Raedwald von East Anglia.
626 Die Franken setzen erstmals Reiterei im Angriff ein (gegen die
Sachsen). Die lange gehegte Annahme jedoch, die kriegerischen Erfolge
der Franken kämen von ihrer "schweren" Reiterei her (diese wiederum
von der Einführung des überschätzten Steigbügels), können nicht
aufrechterhalten werden. [Es scheint, als hätte man hier versucht,
die Entwicklung des "Rittertums" erheblich vorzuverlegen.]
627 Bischof Paulinus baut in York eine hölzerne Kirche.
629 Bischof Arnold von Metz stirbt.
632 Tod Mohammeds.
636 Es stirbt Isidor von Sevilla (ca.76).
638 Kalif Omar erobert Jerusalem.
640 Es stirbt Hausmeier Pippin.
Es stirbt Bischof Desiderius von Cahors, von dem es heißt, daß in
seinem Hause entgegen den Gewohnheiten des Adels die Spielleute
(histriones und scurri) keinen Platz gehabt hätten.
650 Ca.: In der Runeninschrift von Stentoften findet sich die erste
gesicherte schriftliche Fixierung des Umlauts -e- < -a- in der
altnordischen Sprache.
653 Während der achten toledanischen Synode bezeichnet der König des
spanischen Westgotenreiches das Volk Hispaniens bereits als eine Einheit.
654 Rekkesvind, König der Westgoten erläßt die "Lex Visigothorum
Reccesvindiana", ein Gesetzeswerk, welches für alle Untertanen
bindend ist und das "Breviarum Alarici" aufhebt.
660 Bis 664: Aus dieser Zeit stammt die kostbare, Edelsteinschmuck
nachahmende Seidenstickerei der für Königin Bathilde gearbeiteten "chasuble
de Chelles" (bei Paris).
668 Theodor wird Erzbischof von Canterbury (bis 690). Sein Bußbuch (Liber
Poenitentialis) enthält das älteste englische Kirchenrecht. Ein Auszug
über heidnische Bräuche: "Not only celebrating feasts in the abominable
places of the heathen and offering food there, but also consuming it.
Serving this hidden idolatry, having relinquished Christ.
If anyone at the kalends of January goes about as a stag or a bull;
that is, making himself into a wild animal and dressing in the skin
of a herd animal, and putting on the heads of beasts; those who in
such wise transform themselves into the appearance of a wild animal,
penance for three years because this is devilish." [Ed. Thorpe II,
S. 32f; vgl. Anno 542]
670 Im merowingischen Gallien wird Pergament verwendet.
Ca.: Enddatierung des größten bajuwarischen Reihengräberfeldes in
Altenerding bei München.
673 Pest im Irak.
Ca.: Ende der Verwendung von Papyrus für merowingische Urkunden. Es
haben nämlich mittlerweile die Araber das vormals byzantinische Ägypten
erobert, wodurch kein Papyrus mehr exportiert wird. Pergament dagegen
ist viel kostbarer. Das Papier ist zwar bereits erfunden, wird aber noch
eine Weile brauchen, bis es nach Europa kommt.
676 In Syrien und Mesopotamien verursachen Heuschrecken eine Hungersnot.
679 Eine römische Synode verbietet den Bischöfen, Zitherspieler (citharoedas)
zu alimentieren und an ihren Residenzen Schauspiele zu veranstalten.
686 Mit Wessex wird auch das letzte angelsächsische Reich christlich.
689 8. Juli: Kilian wird in Würzburg zum Märtyrer.
690 Willibrord missioniert bei den Friesen.
Die Gesetze von König Wihtraed von Kent verbieten bei Geldstrafe die
Opfer an die "Teufel", d.h. heidnische Gottheiten.
692 Ein Konzil in Konstantinopel verbietet bei Strafe der Exkommunikation
das Tragen von Perücken.
698 Bis 700: In Irland herrschen Pest und Hunger, es gibt Gerüchte über
Kannibalismus [Aber eben nur Gerüchte!].

7. Jh. Seit Anfang des 7. Jhs. ist der Kodex die normale Form des Buches.
Die Rolle findet nur noch vereinzelt Verwendung.
Seit dem 7. Jh. sind in der fränkischen Führungsschicht Tendenzen
zur Entstehung eines Adels und ein sich auf Geburt berufendes
Sonderbewußtsein erkennbar.
Seit dem 7. Jh. importieren die Araber Papier von den Chinesen.
Mitte: Die Besiedlung in vielen Bereichen Nordwestdeutschlands
verdichtet sich (wieder).
Mitte: Bevölkerungstief in Europa; in Millionen nach Ländern:
Deutschland und Skandinavien: 2; Ungarn: 0,5; Balkan und
Griechenland: 3; Spanien: 3,5; britische Inseln: 0,5; Frankreich
und Niederlande: 3.
Beginn der Besiedlung des östlichen Rheinischen Schiefergebirges.
Beginn eines sächsischen Vorstoßes in den nordöstlichen Teil des
Schiefergebirges.
Im Rheingau entwickeln sich aus Einzelhöfen Weiler.
Die Siedlungsräume in Nordhessen beschränken sich weitgehend auf
Becken- und Tallandschaften.
2. Hälfte 7. Jh.: Wahrscheinliche Entstehung des "Beowulf", des
ältesten vollständig erhaltenen germanischen Heldenepos.
2. Hälfte 7. Jh.: Älteste erhaltene Pergamenturkunden der Merowinger.

Ende: Ende der fränkischen Grabbeigaben (wichtige demographische
Quelle!).

7. und 8. Jh.: In Nordwestdeutschland werden die Wurten wieder
besiedelt. Hier und in Mitteldeutschland konsolidiert sich erst jetzt
die Besiedlung.
Relativ dichte Besiedlung im Büraberg-Gebiet im Raum Fritzlar.
Slawen rücken ins östliche Mitteleuropa nach.

709 Es stirbt Aldhelm von Malmesbury, ein Angelsachse mit der
Angewohnheit, nach der Messe und vor der Predigt ein "carmen triviale"
(weltliches Lied) einzulegen, von denen mindestens eines noch zu
Zeiten Alfreds des Großen (871 - 899) im Volke gesungen wird.
711 Die Araber erobern das Westgotenreich in Spanien.
714 Karl Martell wird fränkischer Majordomus. Er schaltet das
thüringische Stammesherzogtum aus.
715 Nach 715 wird in Italien Pergament verwendet.
716 Winfrid, ein Benediktiner aus Südengland (später Bonifatius) beginnt
bei den Friesen zu missionieren - ohne Erfolg (keine politische
Unterstützung).
719 Winfrid erhält in Rom den Namen Bonifatius und den Auftrag,
bei Hessen, Sachsen und Thüringern zu missionieren, "mit einer großen
Menge Reliquien" versehen. In Thüringen hat er keinen Erfolg und zieht
zu den Friesen.
720 Othmar gründet das Kloster St. Gallen.
721 Bonifatius zieht auf die fränkische Amöneburg (östlich von Marburg)
und baut dort ein kleines Kloster. (Missionierung funktioniert in
diesen Zeiten nur mit militärischer oder politischer Unterstützung.)
722 "722 herrschte große Fruchtbarkeit" [Lambert von Hersfeld]
723 Bonifatius fällt die Donareiche bei Geismar und baut aus ihrem Holz
die Peterskirche in Fritzlar.
726 Kaiser Leon II. verbietet die Anbetung von Bildern.
Es stirbt Erzbischof Lullus von Mainz. Er hat die Eitelkeiten seiner
adligen Umwelt kritisiert, welche "wertvolle Kleider, mit Spelt
gemästete Pferde, Jagdvögel und Falken,...bellende Hunde, die
Worttrunkenheit der Spielleute, die auserlesenen Genüsse
wohlschmeckender Speisen und Getränke" liebte.
727 Ca.: Entstehung des "Liber Historiae Francorum" des Pseudo-Fredegar,
in welchem die fränkischen Könige auf die Trojaner zurückgeführt
werden. Hier wird auch der (völlig unhistorische) Sachsenkrieg des
Chlothar erwähnt. Dem anonymen Autor wird erst im 16. Jh. der Name
Fredegar zugeschrieben.
729 "729 erschienen Kometen" [Lambert von Hersfeld]
730 Ca.: In Deutschland wird Pergament verwendet.
731 Nach dem Tode von Papst Gregor II. wird Gregor III. sein Nachfolger
(bis 741). Auf einem Konzil in Rom verurteilt er den Bildersturm.
732 Karl Martell schlägt die Araber, die bereits Bordeaux belagert hatten
bei Tours und Poitiers zurück.
Bonifatius wird Erzbischof (wovon?).
733 "733 ereignete sich eine Sonnenfinsternis." [Lambert von Hersfeld]
734 Ecgberht wird erster Erzbischof von York (bis 766). Sein Beicht- und
Bußbuch verbietet heidnische Opfer oder Orakel, Zauberei und das Sammeln
von Kräutern mit irgendwelchen Zauberformeln - ausgenommen mit
christlichen Gebeten.
735 Es stirbt Beda Venerabilis (geb. um 672), Werk: "Historia ecclesiast.
gentis Anglorum" (bis zum Jahr 731); "De temporum ratione", "De
natura rerum".
"736 starb Beda, der hochberühmte und treffliche Lehrer. Anfang des
Klosters Herveld." [Lambert/Hersfelder Annalen]
740 Ca.: "Senchas Mar", irischer Rechtskorpus.
741 Bonifatius errichtet das Bistum Erfurt.
Oktober: Karl Martell lebt ab. Das Frankenreich wird unter seine Söhne
Pippin und Karlmann aufgeteilt.
742 Hausmeier Karlmann verfügt, daß Geistliche weder kämpfen noch in den
Krieg ziehen sollen - mit Ausnahmen. Fürsten dürfen einen oder zwei
Bischöfe samt einigen Priestern auf einen Feldzug mitnehmen,
Befehlshaber dürfen je einen Priester haben - zwecks Beichte und Buße.
Zwischen Januar und März schreibt Bonifatius an Papst Zacharias: "Meinem
teuersten Herrn, dem mit dem Schmucke höchsten Priestertums bekleideten
apostolischen Mann Zacharias Bonifatius, Knecht der Knechte Gottes.
Wir gestehen, Herr und Vater, daß wir, nach der von Boten uns zugebrachten
Kunde, daß Euer Vorgänger im Apostolat, Gregor, der Bischof des
apostolischen Stuhls, von dem Zwange des Körpers befreit, zum Herrn
eingegangen sei, nichts mit größerer Freude und höherer Befriedigung
vernommen haben, als daß der höchste Richter Eurer väterlichen Gnade die
Leitung der kirchlichen Satzungen und die Lenkung des Steuers des
apostolischen Stuhls anvertraute; wir haben dafür Gott mit zum Himmel
erhobenen Armen gedankt. [...]
Es obliegt uns auch, Euch, o Vater, anzuzeigen, daß wir mit Gottes Gnade,
nachdem die Völker Germaniens einigermaßen aufgerüttelt und auf den
rechten Weg gebracht sind, drei Bischöfe geweiht und das Land in drei
Sprengel geteilt haben; und wir bitten und begehren, daß jene drei Orte
oder Städte, in denen wir sie eingesetzt und geweiht haben, durch Urkunden
Eurer Machtfülle bestätigt und gesichert werden. Als einen solchen
Bischofsitz haben wir die Burg namens Würzburg bestimmt, als zweiten den
Flecken namens Buraburg [bei Fritzlar], als dritten den Ort namens Erfurt,
der schon vor Zeiten eine Stadt landbauender Heiden war. Für diese drei
Sitze begehren wir angelegentlich, daß sie durch eigene Urkunden kraft
Eures Apostolats anerkannt und bestätigt werden, damit sie mit Gottes
Willen durch apostolische Kundmachungen in Vollmacht und Auftrag des
heiligen Petrus als drei Bischofsitze in Germanien gegründet und gefestigt
gelten, und damit gegenwärtige oder künftige Geschlechter sich nicht
herausnehmen, die Sprengel zu zerstören oder das Gebot des apostolischen
Stuhls zu verletzen.
Euch, o Vater, sei auch kund, daß mich der Frankenfürst Karlmann kommen
ließ und das Verlangen stellte, ich möchte Anstalten treffen, in dem Teil
des Frankenreichs, der seiner Gewalt untersteht, eine Synode zu versammeln.
Und er versprach, daß er die schon seit langer Zeit, nämlich seit 60 oder
70 Jahren mit Füßen getretene und aufgelöste kirchliche Ordnung
einigermaßen bessern und wiederherstellen wolle. Wenn er dies unter Gottes
Eingebung wahrhaftig auszuführen gedenkt, dann muß ich Entschließung
und Vorschrift Eurer Machtvollkommenheit, des apostolischen Stuhles, wissen
und kennen. Denn die Franken haben nach der Aussage bejahrter Männer seit
mehr als 80 Jahren weder eine Synode abgehalten noch einen Erzbischof
gehabt, noch irgendwo kirchliche Rechtssatzungen begründet und erneuert.
Augenblicklich sind die Sitze in den Bischofstädten größtenteils
habgierigen Laien und eingedrungenen, der Unzucht oder dem Gelderwerb
frönenden Klerikern lediglich zu weltlichem Genuß ausgeliefert. Soll ich
also diese Angelegenheit in Eurem Namen auf Anregung des genannten Fürsten
anfassen und in Fluß bringen, dann wünsche ich Vorschrift und Entscheidung
des apostolischen Stuhls nebst den kirchlichen Satzungen zur Hand zu haben.
Wenn ich unter ihnen Leute finde, die sich Diakonen nennen, dabei aber von
Jugend an in Unzucht, Ehebruch und jeglichem Schmutz lebten, trotz solchem
Leumund zum Diakonat gelangten und jetzt als Diakonen 4, 5 und mehr
Beischläferinnen im Bett haben, dabei aber nicht erröten noch sich scheuen,
das Evangelium zu lesen und sich Diakonen zu nennen, wenn sie dann, in
solchem Unflat zur Priesterweihe gelangt, in ihr in gleichen Sünden
verharren und Sünden auf Sünden häufen, trotzdem das Priesteramt ausüben
und behaupten, für das Volk Fürbitte einlegen und das heilige Opfer
darbringen zu können, wenn sie dann endlich, was dem Übel die Krone
aufsetzt, trotz solcher Bezichtigung alle einzelnen Weihegrade
durchlaufend, zu Bischöfen geweiht, und so genannt werden, dann muß ich
doch Vorschrift und Entscheidung Eurer Machtvollkommenheit haben, was Ihr
über solche Leute verfügt, damit ich derartige Sünder, gestützt auf die
apostolische Entschließung, entlarven und bestrafen kann. Dann wieder gibt
es unter ihnen Bischöfe, die zwar behaupten, keine Hurer und Ehebrecher
zu sein, die aber Trinker, Zänker oder Jäger sind, gewappnet im Aufgebot
zu Felde ziehen und mit eigener Hand Menschenblut, gleichgültig ob von
Heiden oder Christen, vergießen. Weil ich aber Diener und Legat des
apostolischen Stuhls bin, so muß mein Spruch hier und der Eure dort
gleichlauten, wenn etwa beide Parteien durch Gesandte das Urteil Eurer
Machtvollkommenheit anrufen.
[...]
Die ungeschlachten und einfältigen Menschen, die Alamannen, Bajuvaren
oder Franken wähnen nämlich, wenn sie eine von den Sünden, die wir ihnen
nicht durchlassen, in der Stadt Rom begehen sehen, daß dies von den
Priestern erlaubt und gestattet sei, machen uns darob Vorwürfe und
leiden Ärgernis für ihre eigene Lebensführung. So behaupten sie denn auch
gesehen zu haben, daß Jahr für Jahr beim Eintritt der Kalenden des Januar
in der Stadt Rom und in der Nachbarschaft der Kirche des heiligen Petrus
Tag und Nacht nach Heidenart die Straßen auf und ab Reigen aufgeführt und
Feste unter heidnischen Zurufen und gotteslästerlichen Gesängen begangen
werden, wobei die Tische Tag und Nacht unter der Last der Speisen sich
biegen, während niemand in seinem Hause dem Nächsten mit Feuer,
Gerätschaften oder einer Handreichung zu Diensten stehe. Sie erzählen
weiter, sie hätten dort Weiber gesehen, die nach Heidenbrauch Amulette
und Bänder um Arme und Beine geschlungen hatten und sie öffentlich zu
Kauf und Verkauf anderen feilboten. Wenn alle diese Dinge dort von
ungeschlachten und unbelehrten Menschen gesehen werden, dann trägt uns
dies hier Vorwurf und Hemmnis bei Predigt und Lehre ein.
[...]
Wenn darum Ihr, o Vater, solche heidnische Gebräuche in der Stadt Rom
abstellt, so wird für Euch daraus Verdienst und für uns reichlichster
Ertrag in der kirchlichen Lehre erwachsen.
Auch Bischöfe und Priester aus fränkischem Stamm, die Ehebrecher und
schlimmste Hurer waren und durch die in ihrem Bischofs- oder Priestergrad
geborenen Hurenkinder offen überführt sind, kehrten vom apostolischen
Stuhl heim und behaupteten, der römische Papst habe ihnen die Erlaubnis
gegeben, das Bischofsamt in der Kirche zu versehen.
Wir aber treten gegen sie auf, weil wir noch nie gehört haben, daß der
apostolische Stuhl gegen die kirchlichen Satzungen entschieden hat." [Ed.
Michael Tangl, Leipzig 1912 (GdV 92) S. 67 - 74]
April (evebtuell erst 743): Bonifatius beruft eine Synode ein (Concilium
Germanicum). Es nehmen die Biscöfe von Würzburg, Erfurt, Büraburg, Köln,
Straßburg und Utrecht teil. Der Ort ist nicht bekannt, liegt jedoch im
Machtbereich Karlmanns. Die Beschlüsse sind als Kapitular Karlmanns
überliefert und werden auch in die sammlung der Briefe des Bonifatius
aufgenommen: "Im Namen unsers Herrn Jesus Christus. Ich Karlmann, Herzog
und Fürst der Franken, habe im Jahre 742 von der Geburt Christi am 11.
Tag vor den Kalenden des Mai, unter dem Beirat der Knechte Gottes und
meiner Großen die Bischöfe meines Reichs mit ihren Priestern in der Furcht
Christi zu einem Konzil und einer Synode versammelt, und zwar den
Erzbischof Bonifatius und Burghard, Regenfrid, Winta, Willibald, Dadanus
und Edda mit ihren Priestern, um mit mir zu beratschlagen, wie das Gesetz
Gottes und die kirchliche Ordnung, die unter den früheren Fürsten der
Auflösung und dem Zusammenbruch verfielen, wieder herzustellen sei und wie
das christliche Volk zum Seelenheil gelangen könne und nicht, von falschen
Priestern verführt, zugrunde gehe.
Nach dem Rat der Priester und meiner Großen setzten wir in den einzelnen
Städten Bischöfe ein und bestellten über sie als Erzbischof den Bonifatius,
den Gesandten des heiligen Petrus.
Wir wollen, daß Jahr für Jahr eine Synode zusammentrete, um in unserem
Beisein die Satzungen und Rechte der Kirche aufzufrischen und die
kirchliche Ordnung zu verbessern.
Entzogenes Kirchengut geben und stellten wir den Kirchen zurück. Falschen
Priestern, ehebrecherischen und unzüchtigen Diakonen entzogen wir ihre
kirchlichen Pfründen, setzten sie ab und verhielten sie zur Buße.
Den Dienern Gottes untersagten wir es durchaus, Waffen zu tragen, zu
kämpfen, zum Aufgebot und gegen den Feind zu ziehen, mit Ausnahme jener,
die wegen des göttlichen Dienstes, das ist wegen der Feier des Meßopfers
und der Mitführung der Reliquien der Heiligen, hierzu auserkoren sind, so
zwar, daß der Fürst ein oder zwei Bischöfe und die Pfalzpriester in seinem
Gefolge haben möge und jeder Heerführer einen Priester, der denen, die
ihre Sünden bekennen, ihr Urteil sprechen und die Buße auferlegen soll.
Allen Dienern Gottes untersagten wir auch das Jagen und das Herumstreifen
in den Wäldern mit Hunden, ebenso das Halten von Habichten und Falken.
Wir verordneten auch gemäß den heiligen Satzungen, daß jeder Priester
innerhalb der Diözese dem Bischof, in dessen Sprengel er sich aufhält,
untenan sein und in der Fastenzeit über seine Amtsführung, über die
Taufen, die Lehre des katholischen Glaubens, die Gebets- und Meßordnung,
dem Bischof immer Rechenschaft legen und vorweisen soll.
Und so oft der Bischof nach kirchlichem Recht seine Diözese bereist, um
dem Volk die Firmung zu spenden, soll der Priester mit Beihilfe und
Unterstützung des Volkes, das gefirmt werden soll, stets bereit sein, den
Bischof aufzunehmen.
Und am Gründonnerstag soll er immer bei seinem Bischof das neue Salböl
holen, um vor dem Bischof von seiner keuschen Lebensführung, seinem
Glauben und seiner Lehre Zeugnis abzulegen.
Wir beschlossen, daß fremde Bischöfe und Priester, von wo immer her sie
zuwandern mögen, vor der Billigung durch die Synode zum Kirchendienst
nicht zuzulassen sind.
Wir verfügten ferner, daß nach den Satzungen jeder Bischof in seiner
Diözese unter Beihilfe des Grafen, welcher der Schützer der Kirche ist,
Sorge tragen soll, daß das Volk Gottes nichts Heidnisches treibe, sondern
allen Unflat des Heidentums abstreife und verabscheue, als seien es
Totenopfer, Losdeuterei, Zauberei, Amulette, Wahrsagerei, Beschwörungen
oder Schlachtopfer, die einfältige Menschen nach heidnischem Brauch bei
Kirchen unter dem Namen von heiligen Märtyrern und Bekennern vornahmen,
wodurch sie den Zorn Gottes und der Heiligen herausfordern, oder jene
gotteslästerlichen Feuer, die sie Niedfyor nennen, und er soll ihnen
überhaupt jeglichen heidnischen Gebrauch, von welcher Art er sei, sorgsam
verbieten.
Wir beschlossen ferner, daß wer von den Dienern oder Dienerinnen Gottes
nach dieser Synode, die am 11. Tag vor den Kalenden des Mai abgehalten
wurde, in das Verbrechen der Unzucht fallen würde, dies mit Kerkerhaft
bei Wasser und Brot büßen soll; und wenn er ein geweihter Priester ist,
dann soll er zwei Jahre im Kerker sitzen und vorher bis aufs Blut
gegeißelt werden; und später soll der Bischof dies noch verschärfen.
Und wenn ein Kleriker oder Mönch in diese Sünde fällt, dann soll er
dreimal gegeißelt werden und ein volles Jahr im Kerker büßen. Gleicher
Strafe sollen auch eingekleidete Nonnen verfallen und kahl geschoren
werden.
Wir verordneten auch, daß die Priester und Diakonen nicht kurze Kleider
nach Art der Laien, sondern lange Gewänder nach Brauch der Diener Gottes
tragen sollen. Auch soll keiner ein Weib in seinem Hause dulden. Und die
Mönche und Klosterfrauen sollen nach der Regel des heiligen Benedikt
geleitet werden und leben und darnach ihr eigenes Leben einzurichten
trachten." [Die Briefe des hl. Bonifatius. Ed. Michael Tangl, Leipzig 1912
(GdV 92) S. 87 - 91]
744 Bischof Gewilip von Mainz (hochadlig) verübt beim Verhandeln auf einer
Weserinsel an dem sächsischen Mörder seines Vaters eigenhändig Blutrache.
Pippin ordnet an, daß jede civitas einen Wochenmarkt abhalten soll.
746 Bonifatius wird Bischof von Mainz.
Einen letzten Aufstand der Alemannen kann Karlmann niederschlagen.
Bei Cannstatt ordnet er eine Versammlung an: "Dort wurde das Heer der
Franken und Alemannen vereint. Es war dort ein großes Wunder, daß ein
Heer das andere ergriff und fesselte ohne irgendeine Kriegsgefahr.
Die aber, die die ersten waren mit Theudebald [Herzog der Alemannen]
bei der Unterstützung des Odilo [Herzog von Bayern] gegen die
unbesiegbaren Fürsten Pippin und Karlmann, nahm er fest und wies sie
gnädig zurecht, wie es die einzelnen verdient hatten." (Metzer
Annalen) Das ("ältere") alemannische Herzogtum wird beseitigt. Dieses
Ereignis wurde verschiendenlich, besonders in der älteren Literatur,
als Massaker unter den Alemannen ("Blutgericht von Cannstatt") fehlgedeutet.
747 Die fränkischen Bischöfe erkennen auf einer Generalsynode auf
Veranlassung von Bonifatius die Autorität des Papstes an.
Der karolingische Hausmeier Karlmann entsagt der Herrschaft und tritt
unerkannt als Mönch ins Kloster Montecassino ein. Um nicht erkannt zu
werden, gibt er sich als Mörder aus, der sühnen will. Er wird nun mit
niedrigen Arbeiten überhäuft, und als ein Begleiter die Züchtigungen
seines einstigen Herren durch den Koch nicht weiter mitansehen will und
dessen Identität preisgibt, werfen sich ihm alle Mönche und der Abt
sogleich zu Füßen. (nach Regino von Prüm, a. 747)
748 Die Sachsen zahlen einen Tribut von 500 Rindern an die Franken.
750 Ca.: Die Schreibschule von St. Martin in Tours benutzt als Schrift bereits
eine fast ligaturenfreie Frühform der Minuskel.
Ca.: Der arabische Alchimist Gabir ibn Haiyan (Geber) wendet erstmals
die Kristallisation zur Reinigung chemischer Präparate an und
beschreibt die Filtration.
751 Die Araber erhalten von chinesischen Kriegsgefangenen Kenntnis von der
Papierherstellung.
4. November: Papst Zacharias beantwortet in einem Brief einige
kleinlich formalistische Fragen des romhörigen Bonifatius: "Zunächst
fragst du wegen der Vögel, das heißt der Dohlen, Krähen und Störche.
Von deren Genuß sollen sich Christen vollständig enthalten. Und weit
ängstlicher noch soll man sich hüten, von Bibern, Hasen und wilden
Pferden zu essen", ungekochten Speck erst nach Ostern. Weiterhin sei
der Kirchenzins rechtens (ein solidus pro Hof) und eine Taufe sei
auch dann gültig, wenn sie irrtümlich mit der Formel "in nomine
patria et filia et spiritus sancti" gesprochen worden sei.
752 Das Bistum Erfurt wird zugunsten des Erzbistums Mainz aufgehoben.
754 Januar: Papst Stephan II. reist über die Alpen nach Ponthion (bei
Chalons an der Marne) und übergibt Pippin III. "in Sack und Asche"
ein Schwert als Symbol der Schutzgewalt über "St. Peter" (wahrsch.
eine spätere Ausschmückung). Hier kommt erstmals ein Papst über die
Alpen.
14. April (Ostern): Pippin hält einen Hoftag zu Carisiacum (Quierzy)
ab. Dem (anwesenden) Papst werden die zu machenden Eroberungen als
weltliche Herrschaft zugesichert ("Pippinsche Schenkung"). Pippin
verschenkt hier Gebiete, die ihm gar nicht gehören und die, wenn
nicht den Langobarden, rechtlich dem Kaiser zustehen, dessen
Untertan der Papst eigentlich ist. Hier präsentiert der Papst nun
das berüchtigte "Constitutum Constantini", eine gefälschte Urkunde
(wahrscheinlich kurz zuvor in Rom hergestellt), die sich auf die
Silvesterlegende bezieht: Konstantin soll ursprünglich Verfolger der
Christen gewesen, vom Aussatz befallen und von Papst Silvester
geheilt und getauft worden sein. (Blanker Unfug: Konstantin wurde
337 auf dem Totenbett von Eusebius von Nikomedia, einem Arianer (!)
getauft und war nie aussätzig, während Silvester schon 335 gestorben
ist. Die Urkunde wird erst im 15. Jh. von Valla als Fälschung
entlarvt.) Diese Urkunde nun soll von Konstantin an Silvester gerichtet
sein und als Dank für die wundersame Heilung dem Silvester Rom und
das ganze Abendland geschenkt haben, samt Primat über alle Priester,
die Patriarchate von Antiochia, Alexandria, Jerusalem und Byzanz.
Dem römischen Bischof werden alle Abzeichen kaiserlicher Würde
gestattet und ihm kaiserlicher Rang eingeräumt.
28. Juli: Pippin erhält, wie auch seine Söhne, vom Papst neben
Salbung und Königskrönung den Titel eines Patricius Romanorum, den
bis 751 der Exarch von Ravenna geführt hat. Dieser offene Rechtsbruch
bedeutet die tatsächliche Trennung von Byzanz. Der Papst verbietet
den Franken unter Androhung von Kirchenstrafen, jemals Könige anderer
Abkunft zu wählen und nennt den Pippin seither "Gevatter". Jener
nun macht die Zehntzahlung an den Klerus zum Staatsgesetz und
verlangt für kirchliches Leihgut gar den Doppelzehnten.
Die Friesen erschlagen bei Dokkum den Bonifatius samt 52 Begleitern.
Dies muß man sich durchaus als ein Gefecht vorstellen (Vita Bonifatii:
"Waffen gegen Waffen").
755 Das fränkische Heer wird erstmals nicht mehr auf einem Märzfeld,
sondern auf einem Maifeld gemustert. Dies deswegen, weil nun viele
Krieger beritten sind und die Pferde erst im Mai ausreichend Futter
für den Marsch zum Sammelplatz finden.
Erste Erwähnung von "Salzpurch". Hier ist der Ire Virgil seit sechs
Jahren Bischof.
756 Byzanz schickt eine Gesandtschaft an Pippin; die Franken erhalten
als Geschenk eine Orgel ("venit organus in Francia", Annales
Laureshamenses, s.a. 757; MGH, SS I, 28), was großen Eindruck macht,
weil es solcherlei im Frankenreich nicht gibt.
"756 wurden zuerst Orgeln aus Griechenland an Pippin geschickt." [Lambert/
Hersfelder Annalen]
757 26. April: Papst Stephan II. stirbt.
758 Der Tribut der Sachsen an die Franken wird nun nicht mehr in
Rindern erhoben, sondern besteht aus 300 Pferden: "758 legte Pippin den
überwundenen Sachsen die Abgabe auf, daß sie alljährlich 300 Pferde
liefern sollten." [Lambert/Hersfelder Annalen]
760 Im Frankenreich ist vermutlich die Sanduhr bekannt, doch bis etwa
1300 selten.
763 "Es war aber damals ein so strenger Winter, daß man keiner ähnlichen Kälte
sich von früheren Jahren her zu erinnern wußte." [Reichsannalen]
In Südwürttemberg ist eine Dreifelderfolge belegt.
Gründung des Benediktinerklosters Lorsch.
/764: Lex Salica.
764 "764 hielt Pippin eine große Versammlung zu Carisiagus, und es war ein
sehr harter Winter." [Lambert/Hersfelder Annalen]
765 Fränkischer Königshof bei Aachen.
766 In Konstantinopel gibt es ein reichhaltiges Warenangebot und niedrige
Preise - nur durch rigorose Ausplünderung der Landbevölkerung;
wiederspenstige Bauern werden aufgehängt (oder erhängen sich selbst?).
Kaiser Konstantin V. wird dafür mit Midas verglichen.
767 Letztes Auftreten der Pest, und zwar in Neapel.
768 Nach dem Tode Pippins III. wird Karl (später der Große) König der Franken.
7. August: Neuer Papst wird Stephan III.
Ca.: Bischof Aribo von Freising-München verfaßt eine Vita des Hl.
Korbinian und wird dadurch zum ersten Geschichtsschreiber Bayerns
(wenn man denn Heiligenviten zur Geschichtsschreibung rechnen will).
770 Ca.: Laut einem Kapitular Karls stehen ab jetzt dem Grafen als
Gerichtsherrn die Schöffen für die Urteilsfindung zur Seite.
Bis 790: Im Kloster Monte Cassino verfaßt Paulus Diaconus die "Historia
Langobardorum".
772 Beginn der Sachsenkriege Karls.
774 24. September: Die Reliquien des hl. Rupert werden aus Worms nach
Salzburg überführt und der dortige Dom zu Ehren Ruperts geweiht. Die
Salzburger Kirche erhält durch Schenkungen der bayerischen Herzöge
(Agilolfinger) reichen Besitz in Bayern.
Die Franken bereiten dem Reich der Langobarden in Italien ein Ende.
Karl wird zusätzlich König der Langobarden.
/775: Im Frankenreich sind mehrtägige Märkte bezeugt.
775 Ca.: Die Urteilsfindung der Grafengerichte wird Schöffen übertragen.
776 Papst Hadrian I. klagt in einem Schreiben an Karl, daß er weder
Schiffe noch Mannschaften habe, um gegen den Sklavenhandel an der
Küste Latiums vorzugehen.
777 "Hammelburger Markbeschreibung": Aufzeichnung der Einweisung des
Abtes Sturmi von Fulda in ein von Karl der Abtei geschenktes
Landstück (Zentrum Hammelburg) durch zwei Grafen, zwei Königsvasallen
und zahlreiche Zeugen am 8. Oktober. Es ist das Protokoll eines
Grenzumganges, wobei volkssprachliche Flurnamen in den lateinischen
Text eingehen. (Als Kopie der 1. Hälfte des 9. Jhs. erhalten)
778 15. August: Auf einer fränkischen Expedition nach Spanien fällt Markgraf
Hroudland aus der Bretonischen Mark (aus der Familie der Widonen), der
Held der späteren Rolandssagen.
Die Sachsen zerstören das Kloster Kaiserswerth (Gebiet von
Düsseldorf).
780 Es stirbt Abt Maurdramnus von Corbie. In der Entwicklung der Schrift ist
der sog. Maurdramnus-Typ von Corbie das früheste Beispiel der
karolingischen Minuskel. Diese Schift ersetzt (z.T. planmäßig) die
Halbunziale.
Bis 783: Willehad missioniert in Sachsen.
781 /785: Das "Capitulare de partibus Saxoniae", ein äußerst strenges Gesetz
soll die Christianisierung der Sachsen sichern: "1. Alle stimmten zu, daß
den Kirchen, die in Sachsen gebaut werden und Gott geweiht sind, nicht nur
keine geringere, sondern größere und vorzüglichere Ehre erwiesen werde als
den Heiligtümern der Götzen.
2. Sucht einer Zuflucht in der Kirche, so nehme sich keiner heraus, ihn
mit Gewalt daraus zu vertreiben, sondern jener habe Frieden, bis er vor
Gericht gestellt wird; zum Preise Gottes und der Heiligen und aus Ehrfurcht
vor seiner Kirche werde ihm die Unverletzlichkeit seines Lebens und seiner
Glieder zugesichert. Dem Urteil gemäß soll er aber, soweit er kann, die
Sache wieder gutmachen, und so werde er vor den Herrn König geführt, und
jener mag ihn schicken, wohin es seiner Milde gefällt.
3. Wenn einer mit Gewalt in eine Kirche eindringt und dort raubt oder
stiehlt oder die Kirche in Brand steckt, soll er des Todes sterben.
4. Wenn einer die heiligen vierzigtägigen Fasten aus Mißachtung des
Christentums nicht hält und Fleisch ißt, soll er des Todes sterben; doch
soll der Priester entscheiden, ob nicht für jenen vielleicht eine Notlage
bestand, die ihn zwang, das Fleisch zu essen.
5. Tötet einer einen Bischof, Priester oder Diakon, soll er gleichfalls
an Haupt und Leben gestraft werden.
6. Glaubt einer vom Teufel verführt nach Art der Heiden, ein Mann oder
eine Frau seien Zauberer oder Hexe und äßen Menschen, und er verbrennt sie
deswegen und gibt ihr Fleisch jemandem zu essen oder ißt es selber, so
soll er an Haupt und Leben bestraft werden.
7. Verbrennt jemand den Körper eines Toten nach heidnischem Brauch und läßt
dessen Gebeine zu Asche werden, so soll er an Haupt und Leben gestraft
werden.
8. Wer sich fortan vom Stamme der Sachsen ungetauft unter seinen
Stammesgenossen verbirgt, zur Taufe zu kommen verachtet und freiwillig
Heide bleibt, der soll des Todes sterben.
9. Opfert einer dem Teufel einen Menschen und bringt ihn den Dämonen zum
Opfer nach Art der Heiden dar, so soll er des Todes sterben.
10. Läßt sich einer im Bunde mit Heiden auf Beschlüsse gegen Christen ein,
oder verharrt er mit ihnen zusammen in Feindschaft gegen die Christen, so
soll er des Todes sterben.
Und wer zu irgendeinem hinterlistigen Anschlag auf den König oder das Volk
der Christen seine Zustimmung gibt, der soll des Todes sterben.
11. Wer sich gegen den Herrn König untreu erweist, soll an Haupt und Leben
gestraft werden.
12. Wer die Tochter seines Herrn raubt, soll des Todes sterben.
13. Tötet einer seinen Herrn oder seine Herrin, so treffe ihn die gleiche
Strafe.
14. ßegeht einer heimlich eines dieser Verbrechen, auf denen Todesstrafe
steht, und nimmt er freiwillig seine Zuflucht zum Priester, legt diesem
ein Bekenntnis ab und verspricht Buße zu tun, so werde ihm nach dem
Zeugnis des Priesters die Todesstrafe erlassen. [...]
16. Auch dies wurde mit der Gnade Christi beschlossen, daß von jeder
Fiskalabgabe, sei es Friedens- oder Banngeld oder sonst eine an den König
gehende Abgabe, der zehnte Teil den Kirchen und Priestern gegeben werde.
17. In gleicher Weise setzen wir dem Gebot Gottes folgend fest, daß alle,
Edle, Freie wie Liten', den zehnten Teil ihres Besitzes und ihres Erwerbs
den Kirchen und den Priestern geben, so wie Gott jedem Christen gab,
sollen sie Gott ihren Teil geben.
18. An Sonntagen darf keine Versammlung noch ein öffentliches Gericht
stattfinden, außer in großer Not oder Feindesgefahr, sondern alle sollen
zur Kirche kommen, um Gottes Wort zu hören, zu beten und gute Werke zu tun.
In gleicher Weise sollen sie auch an den hochheiligen Festtagen Gott und
der Kirche dienen und weltliche Versammlungen unterlassen.
19. Ebenso beschloß man auch unter diese Verordnungen einzureihen, daß alle
Kinder innerhalb eines Jahres getauft werden müßten, und wir bestimmen, daß,
wenn einer dies ohne Rat und Erlaubnis des Priesters unterläßt, er als Edler
120, als Freier 60 und als Lite 30 Schilling an den Fiskus zu zahlen hat.
20. Geht einer eine verbotene oder unerlaubte Ehe ein, so soll er als Edler
60, als Freier 30 und als Lite 15 Schillinge zahlen.
21. Legt einer an Quellen, Bäumen oder in Hainen Gelübde ab, bringt irgend
etwas nach heidnischer Art dar und hält ein Mahl ab zu Ehren der Dämonen,
so soll er als Edler 60, als Freier 30 und als Lite 15 Schilling zahlen.
Haben sie wirklich nichts, womit sie sofort zahlen können, so werden
sie der Kirche zum Dienst überwiesen (als Hörige), bis sie die Schillinge
abgezahlt haben.
22. Die Leichen der christlichen Sachsen sollen auf die Friedhöfe der
Kirchen, nicht an die Heidenhügel gebracht werden.
[...]
34. Wir untersagen allen Sachsen öffentliche Versammlungen abzuhalten,
außer wenn unsere Boten sie auf unseren Befehl hin einberufen. Jeder Graf
aber soll in seinem Amtssprengel Gerichtstage abhalten, und die Priester
sollen darauf achten, daß er nicht anders handele." [Johannes Bühler: Das
Frankenreich. Nach zeitgenössischen Quellen. Leipzig: Insel 1923.
S. 393-396.] Da solche brutalen Methoden in der Folgezeit Aufstände
hervorrufen, wird bals (797) ein milderes Gesetz erlaassen werden.
782 Karl läßt zu Verden an der Aller 4500 Geiseln der aufständischen
Sachsen über die Klinge springen (ob diese Zahlen realistisch sind,
sei - wie immer - dahingestellt.)
Der Angelsachse Alkuin wird Karls Berater.
Beispiel für eine gescheiterte Reiterattacke auf einen sächsischen
Schildwall: Die Legaten Karls des Großen, Adalgisus und Gielo
greifen (mit Maximalgeschwindigkeit) die Sachsen im Süntal
vor deren Lager an, sind bald umzingelt und kommen mit fast ihrer
gesamten Truppe um. (Vgl. 626)
784 Es stirbt der fränkische Mönch Ambrosius Autpertus, Verfasser des
Werkes "Vom Streit der Laster und Tugenden".
786 "Es wurden auch viele Wunderzeichen gesehen. Denn das Zeichen des
Kreuzes erschien an den Kleidern der Menschen, und Blut floß aus dem
Himmel und der Erde." [Lambert von Hersfeld]
787 "Und es ereignete sich eine Sonnenfinsternis." [Lambert von Hersfeld]
Auf dem Konzil von Nikäa wird der Ikonoklasmus (Bildersturm) verworfen.
Der Erzbischof von Mailand gründet ein Findelhaus für Kinder bis 8.
788 Reichsversammlung zu Ingelheim: Herzog Tassilo von Bayern wird
abgesetzt und ins Kloster gesteckt; das Herzogtum Bayern wird
aufgehoben (bis 912).
Spanien: Es ist nicht möglich, in der Stadt Ausona (Vich) einen
Bischof einzusetzen, weil hier die "heidnische" Opposition zu stark
sei. Zudem hat Mitte des Jahrhunderts ein Rabbi Natronai von Sura
von der Stadt geschrieben, sie sei ohne Nichtjuden (gentiles).
B.S. Bachrach vermutet demnach, daß Burellus die Stadt mit Juden
bevölkert hat.
789 Karl der Große verfügt (wie auch 802 wieder), "daß Bischöfe und Äbte
und Äbtissinnen keine Hundemeuten halten sollen, auch keine Falken
noch Jagdvögel noch Spielleute." Weiterhin verfügt er, daß Nonnen
oder geweihte Frauen, die ohne feste Regelordnung in kleinen Klöstern
leben, keine "winileodos" (wörtlich etwa: Liebeslieder) anfertigen
dürfen. Das althochdeutsche "Winileod" bedeutet in den Glossen auch
volkstümliche Gesänge (plebeii psalmi), weltliche Lieder (seculares
cantilenae), "ungebildete Gesänge, deren Inhalt nicht verbürgt ist"
(rustici psalmi sine auctoritate), "ungebildete und alberne Lieder"
(cantica rustica et inepta). Des weiteren wird die Sonntagsarbeit
verboten: "Wir bestimmen auch..., daß an Sonntagen keine
Knechtsdienste (opera servilia) betrieben werden..., daß die Männer
keine Landarbeit leisten, nicht den Weinberg bebauen, noch auf den
Feldern pflügen, mähen, Heu schneiden oder Zäune errichten, noch in
den Wäldern roden oder Bäume fällen, noch in Steinbrüchen arbeiten,
Häuser errichten oder im Garten arbeiten. [Erlaubt sind nur
Fuhrdienste im Krieg, zur lebenswichtigen Versorgung oder für ein
Begräbnis.]...Ebenso sollen die Frauen am Sonntag keine Textilarbeit
leisten, noch Kleider zuschneiden, nähen oder sticken, noch Wolle
rupfen, Flachs dreschen, öffentlich Kleider waschen oder Schafe
scheren."
Der zum Hofkreis Karls gehörende irische Dichter Dungal beschreibt es
in einem Preislied auf die Unterwerfung des bayerischen Herzogs
Tassilo als Aufgabe der Dichtkunst, die "berühmten Taten der alten
Könige" zu besingen.
790 Ca.: Bau der Kaiserpfalz zu Ingelheim.
792 /793: Hungersnot im Frankenreich (oder Teilen davon).
793 Die Wikinger plündern das Kloster Lindisfarne.
Ca.: Möglicherweise im Zusammenhang mit der kürzlich erfolgten Hungersnot
entsteht (zu einem unklaren Zeitpunkt) das "Capitulare de villis", ein
Kapitular über die Organisation der königlichen Grundherrschaft: ", l. Wir
befehlen: Unsere Krongüter, die wir eingerichtet haben, unseren Hofhalt
zu beliefern, sollen allein unserem Bedarf dienen und niemandem sonst.
2. Unsere Hofleute sollen wohl versorgt und von niemand in
Schuldknechtschaft gebracht werden.
3. Die Amtmänner sollen sich hüten, unsere Hofleute in ihren eigenen
Dienst zu stellen; sie dürfen sie nicht zu Fronen, zum Holzfällen oder
irgendeiner anderen Arbeit zwingen und keine Geschenke von ihnen annehmen:
weder Pferd, Ochsen, Kuh, Schwein, Hammel, Ferkel, Lamm noch sonst etwas,
ausgenommen Würstchen, Gemüse, Obst, Hühner und Eier.
4. Haben unsere Hofleute unserem Eigentum durch Diebstahl oder sonst durch
eine Nachlässigkeit Schaden zugefügt, so müssen sie den vollen Wert
ersetzen und sollen überdies nach Hofrecht durch Prügel bestraft werden;
dadurch kann man das Strafgeld ersetzen, außer bei Totschlag und
Brandstiftung. Fremden Dienstleuten aber sollen die Amtmänner das ihnen
zukommende Recht zu verschaffen trachten, so wie es Landrecht ist. Zur
Strafe aber sollen unsere Hofleute, wie gesagt, gestäupt werden.
[...]
6. Wir befehlen: Unsere Amtmänner sollen den Zehnten von allen Erträgen
den Kirchen auf unseren Besitzungen ungeschmälert geben. An eines anderen
Herren Kirche darf man unseren Zehnten nicht entrichten, außer wo es von
alters her so bestimmt ist. Auch sollen nur Geistliche aus unseren
Hofleuten oder unserer Hofkapelle die Kirchen [auf unserem Grund]
innehaben.
[...]
9. Wir befehlen: Jeder Amtmann muß in seinem Amtsbezirk die Maße eines
Scheffels, eines Sesters, eines Seidels zu acht Sestern und eines Korbes
in der gleichen Größe haben, wie wir sie in der Königspfalz benutzen.
[...]
16. Wir befehlen: Was wir oder die Königin oder unsere Beamten, der
Seneschall und Schenk, auf unseren oder der Königin Auftrag den Amtleuten
befahlen, müssen diese genauso erfüllen, wie es ihnen aufgetragen wurde.
Wer das aus Nachlässigkeit versäumte, soll sich, nachdem er vorgeladen
worden ist, des Trunkes enthalten, bis er vor uns oder die Königin kommt,
um von uns Straffreiheit zu erbitten. Ist der Amtmann beim Heer, im
Sicherheitsdienst, auf einer Botenreise oder sonstwo abwesend und sind
seine Unterbeamten einem erhaltenen Befehl nicht nachgekommen, so sollen
die zu Fuß zur Pfalz kommen, und sich des Wein- und Fleischgenusses
enthalten, bis sie die Gründe für ihre Säumigkeit vorgebracht haben; dann
sollen sie ihr Urteil empfangen, auf den Rücken oder wie wir oder die
Königin es sonst für angemessen halten.
17. Für jeden Gutshof in seinem Amtsbezirk soll der Amtmann Pfründner
bestellen, die Bienen für uns zu warten.
18. Bei unseren Mehlmühlen halte man der Größe der Mühle entsprechend
Hühner und Gänse, je mehr, desto besser.
[...]
19. Bei den Scheunen auf unseren Haupthöfen halte man mindestens 100
Hühner und 30 Gänse, auf den Vorwerken mindestens 50 Hühner und 12 Gänse.
[...]
23. Auf jedem unserer Krongüter sollen die Amtmänner einen möglichst
großen Bestand an Kühen, Schweinen, Schafen, Ziegen und Böcken halten;
fehlen darf dies Vieh niemals. Außerdem sollen sie Kühe bereit halten,
um mit Hilfe unserer Knechte die anfallenden Arbeiten zu verrichten, so
daß sich der Bestand an Kühen und Pflug und Wagen für unsere Wirtschaft
auf keinen Fall verringert. Zur Zeit des Hofdienstes müssen sie zur
Fütterung der Hunde Vieh stellen: lahmende, aber nicht kranke Ochsen,
Kühe und Pferde, doch ohne Räude, oder anderes, nicht krankes, kleineres
Vieh. Wie gesagt: den Bestand an Kühen und Fuhrwerk darf man deshalb
nicht vermindern.
24. Den Abgaben für unsere Tafel wende jeder Amtmann seine besondere
Sorgfalt zu, damit die Lieferungen von guter, ja bester Qualität sowie
sorgfältig und sauber zugerichtet sind. Jeder Amtmann hat für die
einzelnen Tage seines Hofdienstes die doppelten Portionen Brot für unsere
Tafel bereitzuhalten, auch muß die übrige Speise, Mehl wie Fleisch,
ebenso in jeder Hinsicht tadellos sein.
[...]
34. Mit ganz besonderer Sorgfalt ist darauf zu achten, daß alles, was mit
den Händen verarbeitet und zubereitet wird - wie Speck, Rauchfleisch,
Sülze, Pökelfleisch, Wein, Essig, Brombeerwein, Würzwein, Most, Senf,
Käse, Butter, Malz, Malzbier, Met, Honig, Wachs, Mehl -, daß dies alles
mit der größten Sauberkeit hergestellt wird.
[...]
36. Unsere Wälder und Forsten sind sorgsam zu beaufsichtigen. Zur Rodung
geeignetes Land soll man roden und verhindern, daß Ackerland wieder von
Wald bewachsen wird, und nicht dulden, daß Wälder, wo sie nötig sind,
übermäßig ausgeholzt und geschädigt werden. Unser Wildstand in den Forsten
ist gut zu hegen. Auch muß man Jagdfalken und Sperber für unseren Gebrauch
abrichten und uns den Waldzehnt pünktlich entrichten. Treiben unsere
Amtmänner, Meier oder deren Leute ihre Schweine zur Mast in unseren Wald,
so mögen sie als erste den Zehnt dafür entrichten, um ein gutes Beispiel
zu geben, auf daß daraufhin auch ihre Leute alle den Zehnt voll zahlen.
[...]
40. Jeder Amtmann halte auf unseren Krongütern um der Zierde willen
etliches Edelgeflügel: Pfauen, Fasanen, Enten, Tauben, Rebhühner,
Turteltauben.
41. Die Gebäude auf unseren Gutshöfen und die umgebenden Zäune sind in
gutem Zustande zu erhalten. Ställe, Küchen, Backhäuser und Keltern müssen
zweckmäßig eingerichtet sein, damit unsere Dienstleute ihre Arbeit dort
entsprechend gut und sauber verrichten können.
42. Jedes Krongut soll in seinem Lagerraum vorrätig haben: Bettdecken,
Matratzen, Federkissen, Bettlinnen, Tischtücher, Bankpolster, Gefäße aus
Kupfer, Blei, Eisen und Holz, Feuerböcke, Ketten, Kesselhaken, Hobeleisen,
Spitzhauen, Bohrer, Schnitzmesser - kurzum, alles nötige Gerät, so daß
man es nicht anderswo zu erbitten oder zu entleihen braucht. Auch das
eiserne Kriegsgerät muß man hier verwahren, damit es gut erhalten bleibt;
nach Gebrauch ist es wieder in den Lagerraum zurückzubringen.
[...]
45. Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk tüchtige Handwerker zur Hand haben:
Grob-, Gold- und Silberschmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher,
Schildmacher, Fischer, Falkner, Seifensieder, Brauer - Leute, die Bier,
Apfel- und Birnenmost oder andere gute Getränke zu bereiten verstehen -,
Bäcker, die Semmeln für unseren Hofhalt backen, Netzmacher, die Netze für
die Jagd, für Fisch- und Vogelfang zu fertigen wissen und sonstige
Dienstleute, deren Aufzählung zu umständlich wäre.
[...]
48. Die Keltern auf unseren Krongütern sollen zweckmäßig eingerichtet
sein. Die Amtmänner haben darauf zu achten, daß sich niemand untersteht,
unsere Trauben mit den Füßen zu keltern, sondern daß alles sauber und
reinlich zugeht.
49. Unsere Frauenarbeitshäuser sind in guter Ordnung zu halten: die
Wohnhäuser, Werkstuben und gedeckten Schuppen oder Webkeller. Ringsum
sollen sie mit starken Zäunen umgeben sein und feste Türen haben, damit
die Frauen die Arbeiten für uns ungestört durchführen können.
[...]
55. Wir befehlen, daß unsere Amtmänner alle Abgaben, Dienste und Abzüge
für unseren Hofhalt in ein Rechnungsbuch eintragen [lassen] und in ein
anderes die Ausgaben. Den Überschuß sollen sie uns durch ein Verzeichnis
nachweisen.
56. Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk öfters Gerichtstage abhalten,
Recht sprechen und dafür sorgen, daß unsere Hofleute ein ordentliches
Leben führen.
[...]
62. Jeder Amtmann soll alljährlich über den Gesamtertrag unseres
Wirtschaftsbetriebes berichten: wieviel er mit den Ochsen, die bei den
Rinderhirten stehen, eingebracht hat, was von den Hufen, die Pflugdienst
tun müssen, einkam, was an Schweine- und an sonstigem Zins, an Bußen wegen
Treu- und Friedensbruch und für Wild, das in unseren Forsten ohne unsere
Erlaubnis erlegt wurde, was an sonstigen Strafgeldern, was an Abgaben von
Mühlen, Forsten, Weiden, an Brückengeldern und Schiffszöllen, was an
Abgaben von freien Männern und von den Centbezirken, die Kronländereien
bewirtschaften, was an Marktgebühren, was von den Weinbergen und von
denen, die Weinzins geben, wieviel Heu, Brennholz und Kienspan, Schindeln
und anderes Bauholz, was von den Ödländereien, wieviel Hülsenfrüchte,
Kolben- und Fenchelhirse, Wolle, Flachs und Hanf, Obst, Wal- und
Haselnüsse, was von gepfropften Bäumen, aus den Gärten, Rübenäckern und
Fischteichen, wieviel Häute, Felle, Gehörne, Honig und Wachs, Talg, Fett
und Seife, Brombeerwein, Würzwein, Met und Essig, Bier, Most und alter
Wein, wieviel Hühner, Eier, Gänse, was von den Fischern, Schmieden,
Schild- und Schuhmachern, was an Backtrögen und Truhen oder Schreinen,
was von Drechslern und Sattlern, aus Eisen- und Bleigruben, was von den
sonstigen Abgabepflichtigen, wieviel Hengst- und Stutenfohlen: eine
detaillierte, genaue und übersichtlich geordnete Aufstellung über all
dies haben sie [die Amtmänner] uns bis Weihnachten vorzulegen, damit wir
wissen, was und wieviel wir von den einzelnen Dingen besitzen.
[...]
64. Unser Fuhrwerk, das für den Krieg bestimmt ist, soll in gut gebauten
Kriegskarren bestehen. Die Wagendächer sind gehörig mit Häuten zu
beziehen und so zu vernähen, daß die Karren notfalls auch vollbeladen
Flüsse durchqueren können, ohne daß Wasser eindringen kann, und unser
Eigentum, wie gefordert, unversehrt hinüber kommt. Ferner soll nach
unserem Wunsch in jedem Karren Mehl für unseren Verbrauch mitgeführt
werden, und zwar 12 Scheffel; auch in den Weinfuhren soll man 12 Scheffel
in dem von uns vorgeschriebenen Maß mitführen. Endlich ist jedem Karren
Schild, Lanze, Köcher und Bogen beizugeben.
[...]
69. Jederzeit soll man uns melden, wieviel Wölfe jeder Amtmann erlegt
hat, und soll uns ihre Felle zusenden. Im Mai soll man die jungen Wölfe
aufspüren und fangen, mit Hilfe von Gift, Wolfsangeln, Gruben und Hunden.
70. Wir befehlen: In den Gärten soll man alle nachgenannten Pflanzen
ziehen: Lilien, Rosen, Hornklee, Frauenminze, Salbei, Raute, Eberreis,
Gurken, Melonen, Flaschenkürbis, Faseolen, Kreuzkümmel, Rosmarin,
Feldkümmel, Kichererbsen, Meerzwiebeln, Schwertlilien, Schlangenwurz,
Anis, Koloquinten, Heliotrop, Bärenwurz, Sesel, Salat, Schwarzkümmel,
Gartenrauke, Kresse, Klette, Poleiminze, Myrrhendolde, Petersilie,
Sellerie, Liebstöckel, Sadebaum, Dill, Fenchel, Endivie, Weißwurz, Senf,
Bohnenkraut, Brunnenkresse, Pfefferminze, Krauseminze, Rainfarn,
Katzenminze, Tausendgüldenkraut, Schlafmohn, Runkelrüben, Haselwurz,
Eibisch, Malven, Karotten, Pastinaken, Melde, Mauskraut, Kohlrabi, Kohl,
Zwiebeln, Schnittlauch, Porree, Rettich, Schalotten, Lauch, Knoblauch,
Krapp, Kardendisteln, Pferdebohnen, maurische Erbsen, Koriander, Kerbel,
Wolfsmilch, Muskatellersalbei. Auf seinem Hause soll der Gärtner Hauslauch
[Donnerkraut] ziehen.
An Fruchtbäumen soll man nach unserem Willen verschiedene Sorten Apfel-,
Birn- und Pflaumenbäume halten, ferner Eberesche, Mispeln, Edelkastanien
und Pfirsichbäume verschiedener Arten, Quitten, Haselnüsse, Mandel- und
Maulbeerbäume, Lorbeer, Kiefern, Feigen-, Nußbäume und verschiedene
Kirschensorten. Die Apfelsorten heißen: Gosmaringer, Geroldinger,
Krevedellen, Speieräpfel, süße und sauere, durchweg Daueräpfel; ferner
solche, die man bald verbrauchen muß: Frühäpfel. Drei bis vier Arten
Dauerbirnen, süßere und mehr zum Kochen geeignete und Spätbirnen."
[Quellen zur Geschichte des deutschen Bauernstandes im Mittelalter. Ges.
und hrsg. von Günther Franz. Darmstadt: WB 1967. (FSGA 31.) S. 39-59.]
Oder 794: Der Barmekidenwesir Jachja ben Fadl richtet in Bagdad die
erste Papiermühle ein.
794 Ein Ergebnis der Synode von Frankfurt: "Gott kann in jeder Sprache
angebetet werden."
Dabei wird Frankfurt ("Villa Franconovurd") erstmals erwähnt.
795 Die Wikinger plündern erstmals in Irland.
Karl ernennt seinen Hofkaplan Hildebold zum ersten Erzbischof von Köln.
796 Alkuin geht als Abt nach Tours.
Karl beschwert sich in einem Brief an König Offa von Mercia über die
aus England gelieferten kurzen Mäntel ("Friesenmäntel"): "Was nützen
diese kleinen Fetzen? Im Bett kann ich mich nicht damit zudecken, auf
dem Pferd kann ich mich nicht gegen Wind und Regen schützen, und wenn
ich austreten muß, komme ich um, weil mir die Beine erstarren."
Diese Mäntel werden freilich nur vom Adel getragen.
797 Alkuin schreibt an den Bischof von Lindisfarne: "Das Wort Gottes soll
beim Mahl der Geistlichen gelesen werden. Es ziemt sich, dort den
Vorleser zu hören, nicht den Harfenspieler, die Predigten der Väter,
nicht die Lieder der Heiden."
Das strenge "Capitulare de partibus Saxoniae" von 781/785 wird durch ein
milderes Gesetz abgelöst. Die meisten heidnischen Vergehen, für die den
Sachsen die Todesstrafe drohte, können nun, wie im Frankenreich allgemein
üblich, durch Geldstrafen abgegolten werden.
798 Salzburg wird Erzbistum.
799 Die Wikinger beginnen, die friesisch-sächsische und die aquitanische
Küste zu verheeren.
Es stirbt Paulus Diaconus.
Bilk wird erstmals erwähnt (heute ein Stadtteil von Düsseldorf).
Karl gründet die Pannonische oder Karolingische Mark (Ostmark), die bis
zur Raab reicht und von Siedlern aus Bayern und Salzburg kolonisiert wird.
/800: Das Konzil von Reisbach verfügt: "Kommt es zu einem Streit
zwischen Mann und Frau über den ehelichen Beischlaf, weil sie abstreiten,
miteinander fleischlich zu verkehren, so hat die heilige Synode
folgendes entschieden: Wenn der Mann bestreitet, das an der Frau
vollzogen zu haben, so soll er mit ihr die Kreuzesprobe ablegen; will
er das nicht, frage er eine andere Frau, die mit jener geht; und wenn
der Mann sagt, sie hätten miteinander geschlafen, und sie das bestreitet,
dann reinige sich die Frau nach Maßgabe des Gesetzes."

8. Jh. 1. Hälfte 8. Jh.: Älteste erhaltene Pergamenturkunden in Italien
(langobardisch).

Höhepunkt der fränkischen Staatskolonisation.
In den Marschen Nordwestdeutschlands entstehen kleinere Wurten
als Tochtersiedlungen der Dorfwurten mit Weilern und Einzelhöfen.
In Nordhessen beginnt die Besiedlung in die Berglandschaften
einzudringen.
Aus dem 8. Jh. sind etwa 1800 erhaltene Handschriften bekannt.

8. und 9. Jh.: Das bayerische Kloster Niederalteich rodet im
Lallinger Winkel und das Kloster Metten rodet im Vorwald.
Verstärkte Besiedlung des östlichen Rheinischen Schiefergebirges.
Höhepunkt des sächsischen Südvorstoßes in dessen nordöstlichen Teil.

800 25. Dezember: Karl wird in Rom zum Kaiser gekrönt (nicht zuletzt,
weil Byzanz gerade ohne Kaiser ist). [Wenn bisher von Kaisern die
Rede war, so waren stets byzantinische Kaiser - die einzigen - damit
gemeint. Fortan wird differenziert.]
Ca.: Entstehung von Emden, einer einstraßigen Wurtensiedlung aus
Handwerker- und Händlerhäusern (zu klein für Bauernhäuser) nebst
einer Holzkirche.
Ca.: Karl läßt Inventare anlegen, in denen für jeden einzelnen Hof des
Königs oder der Kirche der Bestand an Vieh und Gerät aufgenommen wird.
Einige davon sind zufällig in derselben sammelhandschrift erhalten, in
der sich auch das "Capitulare de villis" befindet. Hier das Inventar
eines Fronhofes: "Wir fanden [auf der Insel Stefanswert] einen Fronhof
und einen Eigenhof, der mit den übrigen Gebäuden obengenannter Kirche
gehört. Zu dem Fronhof gehören 740 Tagewerk Ackerland und Wiesen mit
einer Ertragsfähigkeit von 610 Fuder Heu. An Getreide fanden wir nichts
außer den dreißig Fudern, die wir den Pfründnern gegeben haben; diese,
72 an der Zahl, empfangen Unterhalt bis zum St. Johannesfest. Wir fanden
ferner dort 12 Scheffel Malz, l Pferd, 26 Zugochsen, 20 Kühe, l Bulle,
61 Färsen, 5 Kälber, 87 Schafe, 14 Lämmer, 17 Böcke, 58 Ziegen, 12 Zickel,
40 Schweine, 50 Ferkel, 63 Gänse, 50 Hühner, 17 Bienenstöcke; 20
Speckseiten, ebensoviel Würste, 27 Pfund Schmer, l geschlachteten und
aufgehangenen Eber, 40 Käse, 1/2 Sekel Honig; 2 Sekel Butter; 5 Scheffel
Salz, 3 Sekel Seife; eine Bettdecke mit 5 Federkissen, 3 eherne und 6
eiserne Kessel, 5 Kesselhaken, l eisernen Leuchter, 17 mit Eisen
gebundene Zuber, 10 große und 17 kleine Sicheln, 7 breite Hacken, 7 Äxte,
10 Bockshäute, 26 Schaffelle, l Fischnetz.
Es gibt daselbst eine Tuchmacherei, in der 24 Frauen arbeiten. Wir fanden
in ihr 5 wollene Gewänder mit 4 Gürteln und 5 Hemden. Es gibt dort ferner
eine Mühle, die jährlich 12 Scheffel abgibt.
Es gehören zu demselben Hof 23 ausgegebene freie Hofstellen. 6 von ihnen
zinsen jährlich jeweils 14 Scheffel Getreide, 4 Ferkel, Flachs im Werte
einer Seige, 2 Hühner, 10 Eier, l Metze Leinsamen, l Metze Linsen; sie
leisten jährlich 5 Wochen Frondienste, pflügen 3 Tagewerk, schneiden ein
Fuder Heu auf der Herrschaftswiese und bringen es ein, leisten Botendienst.
Von den übrigen haben 6 jährlich jeweils 2 Tagewerk zu ackern, zu säen und
einzubringen, auf der Herrschaftswiese 3 Fuder Heu zu schneiden und
einzufahren sowie 2 Wochen zu fronen. Je zwei geben einen Ochsen als
Kriegssteuer, wenn sie nicht selbst ins Feld ziehen; jede leistet
ungemessenen Reiterdienst. 5 Hofstellen geben jährlich 2 Ochsen und
leisten ungemessenen Reiterdienst. Es gibt 4 Hofstellen, deren Inhaber im
Jahr jeweils 9 Tagewerk ackern, säen und ernten, und auf der
Herrschaftswiese 3 Fuder Heu schneiden und einbringen. Jährlich front
jeder 6 Wochen, geht zur Weinfuhre, düngt ein Tagewerk Herrschaftsland
und liefert 10 Fuder Brennholz.
Ferner gibt es eine Hofstelle, deren Inhaber jährlich 9 Tagewerk ackert,
sät und einfährt, auf den Herrschaftswiesen 3 Fuder Heu schneidet und
einerntet, Botendienst leistet, l Vorspannpferd stellt und jährlich 5
Wochen front.
19 hörige Hofstellen sind ausgegeben. Jeder ihrer Inhaber gibt jährlich
l Ferkel, 5 Hühner und 10 Eier, mästet 4 herrschaftliche Jungschweine,
pflügt ein halbes Ackerwerk, front wöchentlich drei Tage, läuft
Botendienst, stellt ein Vorspannpferd. Sein Weib fertigt l Hemd und l
Chorrock, braut Malz und bäckt Brot.
Es bleiben in dem Bistum noch sieben Fronhöfe, von denen hier ein
Verzeichnis fehlt, doch in der Gesamtzahl ist alles enthalten: es
besitzt das Bistum Augsburg insgesamt 1006 ausgegebene und 35 unbesetzte
freie Hofstellen, 421 ausgegebene und 45 unbesetzte hörige Hofstellen,
zusammen also 1427 ausgegebene und 80 unbesetzte Hofstellen." [Quellen zur
Geschichte des deutschen Bauernstandes im Mittelalter. Ges. und hrsg. von
Günther Franz. Darmstadt: WB 1967. (FSGA 31) S. 67-71.]
Ca.: Als Zuggeschirr ist das Kummet bekannt.
Ca.: Mönche bringen die Edelrose nach Mitteleuropa.
Ca.: Harun al Raschid läßt seine Kanzleien in Bagdad von Papyrus bzw.
Pergament zum Papier übergehen. Die Araber verwenden als Grundstoff
für die Papiererzeugung Hadern aus Linnen oder Hanf. Sie haben ein
besseres Stampfverfahren (als die Chinesen) sowie die Stärkeleimung
erfunden.
801 Karl läßt die Statue Theoderichs d. Gr. von Ravenna nach Aachen
überführen und läßt sie vor der Aula seines Palastes aufstellen.
802 Byzanz hat wieder einen Kaiser (Nikephoros I.), welcher Karls
Kaisertum nicht anerkennt.
Karl läßt sich von allen Untertanen ab dem zwölften Lebensjahr Treue
schwören.
Juli: Eine arabische Gesandtschaft von Harun al-Rashid erreicht Aachen.
Nebst anderen wertvollen Geschenken bringen sie auch einen leibhaftigen
Elefanten mit. Dies ist seit der Römerzeit der erste Elefant, der die
Alpen überquert hat. Er heißt Abul Abbas (nach dem Ahnherrn der
Abbasiden) und sein Treiber ist der nordafrikanische Jude Isaak. Sie
waren im letzten Jahr aufgebrochen und hatten in Vercelli (am Lago
Maggiore) überwintert. Der Elefant wird nun bei Karls Reisen und
Auftritten mitgeführt (bis 803 oder 804).
803 "In diesem Jahr geschah ein Erdbeben zu Aachen." [Xantener Annalen]
"In diesem Winter ward im Palast [in Aachen] und in der Umgegend ein
Erdbeben verspürt, auf das dann eine große Sterblichkeit folgte."
[Reichsannalen]
804 Erste Erwähnung von Haithabu (dänisch: Hedeby, angelsächsisch: aet
haethum, bedeutet "Siedlung auf der Heide"), gegründet gegen Ende des
8. Jhs. unter dem Einfluß des Dänenkönigs Göttrik an einer Bucht am
Ende der Schlei (Schleswig-Holstein).
Bei Karls Feldzug gegen die Friesen wird auch der Elefant mitgeführt
(siehe 802), um den Feind einzuschüchtern, aber dummerweise ertrinkt
das Tier beim Rheinübergang. Nach einem Bericht soll seine Leiche den
Rhein hinunter getrieben sein; möglichweise ist er auch wegen falscher
Haltung eingegangen. Aus einem Stoßzahn soll ein mächtiges Jagdhorn
gefertigt worden sein. Bis der nächste Elefant ins Abendland kommt,
werden noch über 400 Jahre vergehen.
Die Nordalbinger von jenseits der Niederelbe werden von Karl
unterworfen und in fränkische Gebiete deportiert. Ihr Stammland wird
nun von den slawischen Abodriten (Obodriten) besiedelt, die auf
fränkischer Seite gegen die Sachsen gekämpft haben und die die
Grenzwacht gegen die Dänen führen sollen. Dazu wird die Burg Itzehoe
gegründet.
Tod Alkuins. Er hat einmal geschrieben: "Besser ist es Gott zu
gefallen als den Gauklern, für die Armen zu sorgen anstatt für die
Spielleute."
805 Im Diedenhofener Capitulare wird Erfurt (Erphisfurt) als einer der
wenigen erlaubten Grenzhandelsplatz mit den Slawen und Awaren erwähnt.
806 Frühe Burgen: In Halle (Halla) wird eine Burg errichtet (1484
überbaut. Quelle: Chronicon Moissiacense).
807 Eine Gesandtschaft von Harun al Raschid überbringt Karl eine kostbare
Wasseruhr.
"807 herrschte sehr große Sterblichkeit in Fulda." [Lambert von Hersfeld]
808 "In diesem Jahre war ein sehr weicher und ungesunder Winter." [Xantener
Annalen]
"Der äußerst milde Winter war damals sehr ungesund, und so zog der Kaiser
als der Frühling anbrach nach Neumagen; hier brachte er die Fastenzeit zu
und feierte auch das heilige Osterfest, dann kehrte er wieder nach Aachen
zurück." [Reichsannalen]
Karl verbietet seinen Untertanen den Kauf der neumodischen kurzen
Friesenmäntel, weil sie nicht billiger seien als die langen fränkischen
Mäntel, die weit mehr Stoff verbrauchten. Solche Mäntel werden als
weiß, grau, gemustert oder saphirfarben beschrieben. Ihre Herkunft ist
nicht völlig geklärt, doch schreibt man den Friesen (mit dem Zentrum
Flandern) einen Anteil an der Produktion zu. Für bestimmte Mäntel
werden Höchstpreise festgesetzt.
Bis 834: Irgendwann (vermutlich) in dieser Zeit wird bei dem bereits
befestigten sächsischen Dorf Hamm nahe der derzeitigen Alstermündung
durch Franken eine wallumzogene Burganlage (Hamburg) als Stützpunkt für
die Missionierung des Nordens errichtet.
809 Karl ordnet in einem Kapitular an, daß an denjenigen Orten, an denen
öffentliche Gerichte abgehalten werden, ein solches Dach errichtet
werden soll, daß es möglich sei, im Sommer wie im Winter dort Gericht
zu halten. Dies ist der erste Hinweis darauf, daß Gerichte nicht nur im
Freien abgehalten werden.
810 "Sonne und Mond verfinsterten sich, die Sonne am 8. Juni und der Mond
am 21. Juni. Und König Pippin, des Kaisers Sohn, starb, und der Elefant,
welchen Aaron dem Kaiser geschickt hatte, verschied eines plötzlichen
Todes, und es war in diesem Jahre eine große Sterblichkeit unter den
Rindern und anderen Tieren, und ein sehr harter Winter." [Xantener
Annalen]
König Godfred (Göttrik) von Dänemark erklärt, er werde nach Aachen
marschieren und die Pfalz Karls des Großen niederbrennen. Mit 200
Schiffen landet er in Friesland, kassiert dort 100 Pfund Silber und
bereitet wirklich einen Zug gegen Aachen vor, doch dann wird er
ermordet. In Dänemark brechen Thronstreitigkeiten aus.
Venedig, bisher zwischen Franken und Byzanz umstritten, wird
praktisch unabhängig.
Die Fränkischen Reichsannalen berichten von einer Rinderpest im
ganzen Reich. Bald entsteht das Gerücht, Herzog Grimoald IV. von
Benevent habe Leute gesandt, um mittels eines Pulvers das Vieh zu
vergiften. Nach Agobard (siehe 816) sollen einige verhaftet und einige
mit Brettern ertränkt worden sein und die Verhafteten sollen auch
noch ihre Taten gestanden haben. [Diese Fälle von - illegaler -
Lynchjustiz werden gerne als frühe Fälle von Hexenverfolgungen
gewertet, doch sollte man dies differenziert sehen. Hier treten aber
früh Vorstellungen von Giftpulvern auf, die bis mindestens ins 17. Jh.
immer wieder aufgegriffen werden.]
Ca. (oder 820 oder in der 830ern): In Fulda entsteht die einzig
überlieferte Handschrift des Hildebrandsliedes, abgeschrieben nach
einer bairischen Vorlage, welche ihrerseits auf langobardische
Vorbilder des 7. Jhs. zurückgeht. Überliefert als Schreibübung
zweier Mönche.
812 Byzantinische Gesandte bringen Karl d. Gr. die Anerkennung seines
Kaisertums nach Aachen. Als Gegenleistung räumen die Franken Istrien,
Dalmatien, Liburnien und Venetien. Die fränkischen Besitzungen in
Italien werden wieder für den venezianischen Handel geöffnet und
Venedig zahlt der fränkischen Regierung in Pavia einen jährlichen
Tribut von 36 Pfund Silber.
Ca.: Einführung des Mandelbaumes in Mitteleuropa.
813 Die Synode von Tours weist die Kleriker eindringlich an, "die
Unverschämtheiten der Spielleute und ihrer häßlichen und widerlichen
Vergnügungen...aus ihrem Sinn zu verbannen." Die Synode von Châlons
im gleichen Jahre fügt noch hinzu, die Geistlichen mögen doch allen
Gläubigen empfehlen, die Darbietungen der Spielleute zurückzuweisen.
Auch auf dem Konzil zu Mainz wird der Beruf des Spielmanns verboten.
Hier wird auch verfügt: "Wer eine Ehefrau hat, darf, wenn er
gleichzeitig eine Konkubine hält, nicht am Abendmahl teilnehmen. Wer
aber eine Konkubine an Stelle einer Ehefrau hat, dem soll das
Abendmahl nicht verweigert werden, doch sei er mit der Verbindung zu
einer einzigen Frau, als Ehefrau oder Konkubine, so wie es ihm
beliebt, zufrieden."
Die erst kürzlich durch Karl in Mainz auf römischen Pfeilern erbaute
feste Holzbrücke brennt ab. (Mainz wird erst 1904 wieder eine feste
Rheinbrücke haben; bis dahin wird eine Schiffsbrücke benutzt.)
"...und es war ein sehr harter Winter." [Xantener Annalen]
Einsetzen der byzantinischen Geschichtswerke von Genesios (bis 886) und
der Fortsetzung von Theophanes (Theophanes continuatus; reicht bis 961).
/814: Bischof Frothar von Toul meldet für seine Diözese die Tötung
von 240 Wölfen in einem Jahr.
814 28. Januar: Karl der Große stirbt.
Sein Sohn und Nachfolger Ludwig (später "der Fromme" genannt), steht
unter dem Einfluß geistlicher Berater.
816 Neuer Papst wird Stephan IV. (bis 817). Er wird ohne kaiserliche
Bestätigung geweiht und ist bemüht, den Frieden mit Ludwig I.
wiederherzustellen.
Ludwig der Fromme wird in Reims durch Papst Stephan IV. zum Kaiser
gekrönt.
Aachener Kapitularien. Dazu der anonyme Biograph Ludwigs des Frommen:
"Da endlich fingen Bischöfe und Geistliche an, den Gürtel, welcher
mit goldenem Schwertgehänge und edelsteingeziertem Messer beschwert
war, abzulegen, und köstliche Gewänder sowie Stiefel und Sporen kamen
bei ihnen aus dem Gebrauch."
Bericht über Aberglauben aus dem bald nach 816 verfaßten Büchlein
"Über Hagel und Donner" von Erzbischof Agobard von Lyon: "Hierzulande
glauben fast alle Menschen, Adel und Volk, Stadt und Land, Alt und
Jung, daß Hagel und Donner von Menschen gemacht werden können. Sie
sagen nämlich, sobald sie Donner hören und Blitze sehen: 'Das ist
Hebewetter.' Wenn man sie dann fragt, was Hebewetter sei, versichern
die einen verschämt und mit etwas schlechtem Gewissen, die anderen
aber so zuversichtlich, wie Unkundige gewöhnlich sind, der Sturm habe
sich erhoben aufgrund der Zaubersprüche von Leuten, die Wettermacher
heißen, und werde deshalb Hebewetter genannt. Ob das wahr ist, wie
man im Volk glaubt, muß sich mit der Autorität der Heiligen Schrift
beweisen lassen. Wenn es aber nicht wahr ist, wie wir ohne Schwanken
glauben, muß mit größtem Nachdruck hervorgehoben werden, daß sich
derjenige einer ganz großen Lüge schuldig macht, der Gottes Werk einem
Menschen zuschreibt...
Wir haben es ja gesehen und gehört, wie die meisten von solchem
Wahnsinn gepackt, von solcher Dummheit besessen sind, daß sie
glauben und sagen, es gebe ein Land namens Magonia. Aus dem kämen
Schiffe in den Wolken gefahren; in ihnen würden die Früchte, die vom
Hagel abgeschlagen werden und im Gewitter verkommen, nach diesem Land
gebracht; die Luftschiffer gäben nämlich den Wettermachern eine
Belohnung und bekämen dafür das Getreide und die sonstigen Früchte.
Wir haben mehrere von denen gesehen, die von dieser abgrundtiefen
Dummheit verblendet sind und das für möglich halten. In einer
Versammlung führten sie vier gefesselte Menschen vor, drei Männer
und eine Frau, die angeblich aus diesen Schiffen gefallen waren; die
hatten sie einige Tage lang gefangen gehalten und führten sie
schließlich, wie gesagt, der versammelten Menschenmenge in unserer
Gegenwart vor, um sie steinigen zu lassen. Aber nach langem
vernünftigen Zureden siegte doch die Wahrheit, und die Leute, die sie
vorgeführt hatten, standen so verwirrt da wie nach dem Wort des
Propheten (Jeremia 2, 26) ein Dieb, der ertappt wird." Es wird auch
von Leuten berichtet, die gegen "kanonische Abgaben" vor Gewittern
zu schützen vorgeben.
Für das Mönchtum im ganzen Reich wird die Benediktinerregel (siehe 555)
verpflichtend vorgeschrieben. Mönche dürfen nur zu zweit auf Reisen
gehen. Und: "Kein Laie oder Weltkleriker darf im Kloster wohnen, wenn er
nicht Mönch werden will."
817 Eine fränkische Kleiderordnung zeigt für die Patres der Klöster
ein Fülle von Einzelteilen: Strümpfe, Unterhosen (!) [ist das denn
korrekt übersetzt?], pelzgefütterte Mäntel, Gamaschen,
Fingerhandschuhe und Fäustlinge. Pelzmäntel, Umhänge und
Kopfbedeckungen werden alle drei Jahre erneuert, wobei die
abgetragenen Stücke an die Armen im Klosterhospital fallen sollen.
818 Irmingard, die erste Frau Ludwigs des Frommen stirbt.
/819: Nach einer Verfügung (Ludwigs) wird bei einem Gegensatz zwischen
Gewohnheitsrecht und Lex Salica im Zweifelsfall nicht nach
geschriebenem Recht, sondern nach Brauch der Altvorderen verfahren.
Ein Kapitular aus der gleichen Zeit bestimmt in Ergänzung bestehenden
Volksrechtes, "daß jeder freie Mann das Recht haben soll, sein
Vermögen zum Heil seiner Seele nach freiem Willen zu verschenken".
819 Ludwig der Fromme heiratet Judith, die Tochter des einflußreichen
Grafen Welf. Der Aufstieg dieser alemannischen Adelsfamilie wird dadurch
entscheidend gefördert.
820 Ein Verband aus 13 Drachenschiffen läuft von den dänischen Inseln
aus; in Flandern werden sie zurückgeschlagen und können nur einige
Rinder schlachten. Auch an der Seinemündung werden sie abgewehrt
und verlieren fünf Tote. Anschließend umfahren sie die Bretagne und
plündern - diesmal erfolgreich - das heutige Bouin. Dann verliert
sich ihre Spur.
Ca.: Ludwig der Fromme läßt einige Triens prägen. Diese Goldmünzen,
ein Drittel Sou wert, sind die letzten Prägungen ihrer Art und werden
nie in Umlauf gebracht. Es geht wohl nur darum, das souveräne Recht
der Goldprägung auszuüben, denn es gibt im Westen nicht genug Gold für
solch eine Währung.
Bald nach 820 entstehen im Raum Basel bischöfliche Pastoralinstruktionen:
"Kein Kleriker soll sich unterstehen, bei Gastmählern Unterhaltung zu
treiben, d. h. mitzusingen oder selbst Gesang vorzutragen; er darf auch
nicht, bei welcher Gelegenheit auch immer, als Spielmann, d.h. als
Schauspieler oder im Vortrag scheußlicher Texte auftreten..."
821 /822: "...und es war ein sehr harter Winter." [Xantener Annalen]
/822: "Die Herbstsaat konnte wegen des anhaltenden Regenwetters in
mehreren Gegenden nicht vorgenommen werden. Darauf folgte ein ungemein
langer und strenger Winter, bei dem nicht allein die Bäche und mittleren
Flüsse, sondern selbst die größten und bedeutendsten, der Rhein und die
Donau, die Elbe und die Seine, sowie die andern dem Ozean zufließenden
Ströme Galliens und Deutschlands mit einer so starken Eisdecke überzogen
wurden, daß dreißig Tage oder noch länger Frachtwagen wie auf einer Brücke
herüber und hinüber fahren konnten. Später verursachte dann der Eisgang
den am Rhein gelegenen Orten nicht geringen Schaden." [Reichsannalen]
/822: Das Kloster Reichenau verfügt nach Reginberts Verzeichnis über
415 Bücher.
822 "Im Lande der Thüringer fand man in der Nähe eines Flusses ein fünfzig
Fuß langes, vierzehn Fuß breites und sechs Fuß hohes Erdstück ohne
Menschenhände herausgehoben und fünfundzwanzig Fuß von dem Orte, von
welchem es entnommen war, entfernt liegen. Ein ähnlicher Fall begab sich
im östlichen Sachsen nicht weit von der Grenze der Soraben, an einem
wüsten Ort in der Nähe des Sees, der Arnseo heißt, wo der Boden wie
zu einem Damm sich aufblähte und während einer einzigen Nacht ohne
menschliche Beihilfe in der Länge einer Leuga einen Wall bildete."
[Reichsannalen]
Der arabische Musiker und Sänger Ziryab (789 in Mesopotamien geboren)
wandert nach nach großen Erfolgen in seiner Heimat und in Nordafrika (auf
der Flucht vor Neidern oder dergleichen) nach Andalusien aus. Dort
empfängt ihn der junge Emir Abd ar-Rahman II. mit großer Achtung und
verschafft ihm eine ansehnliche Pension, ein großes Haus und Ländereien
in Spanien. Es heißt, es sei Ziryab gewesen, der an der Laute eine fünfte
Saite angebracht und als erster ein Plektron zum Spielen benutzt habe. Er
wird bald am Hofe tonangebend und findet an den Sitten der ihrem Ursprung
nahegebliebenen arabisch-berberischen Hofgesellschaft einiges auszusetzen.
Er lehrt die Rafinessen des Hofes von Bagdad: eine peinlich genaue
Reihenfolge der Mahlzeiten (mit Zeitplan), Tischdecken aus weichem Leder,
erlesene Weinbecher (!), daneben Körperpflege, Schminken, Zähneputzen,
Frisieren, Anpassung von Kleidung und Farben an die Jahreszeiten,
Raumausstattung und Schachspiel.
823 In Sachsen sollen durch vom Himmel herabfallende Steine (einen
Meteoritenregen) 35 Dörfer in Brand gesteckt worden sein.
824 "Inzwischen war ein strenger und sehr langer Winter, in dem nicht allein
viele Tiere, sondern auch manche Menschen erfroren. Am fünften März war
in der zweiten Stunde der Nacht eine Mondfinsternis." [Reichsannalen]
825 Ludwig der Fromme definiert den Silberdenar: Von nun an sollen aus einem
Pfund Silber (ca. 490 Gramm) 240 Münzen geprägt werden.
Dicuils Geographie "De mensura orbis terrarum" entsteht am
fränkischen Hof.
Dungal lehrt in Pavia.
Altsächsische Genesis.
826 Ansgar, der "Apostel des Nordens" (801 bis 865) begleitet auf Befehl
Ludwigs des Frommen den getauften Dänenkönig Harald, zwecks Mission.
827 Mit einer weiteren Welle von Arabern kommt bald der Anbau von Baumwolle
nach Sizilien (daneben auch Rohrzucker, Maulbeerbäume und Palmen).
829 Auf der Pariser Reformsynode werden die "Possen", die "törichten
Reden" und "widerlichen Vergnügungen" der Spielleute verurteilt.
Zauberer und Hexen werden zu Werkzeugen des Teufels erklärt.
Die Zinssatzung wird - wie auch später wiederholt - für wucherisch
erklärt. Bei diesem Geschäft stellt der Gläubiger dem Schuldner einen
Geldbetrag zur Verfügung und erhält dafür fruchttragende Güter (z.B.
einen Acker, Weinberg oder eine Mühle) als Pfand. Solange die Schulden
nicht zurückgezahlt werden, streicht der Gläubiger die Erträge als
Zinsen ein. (Vgl. 1163)
Reichstag zu Worms: Ludwig der Fromme überträgt seinem jüngsten
Sohn Karl ("dem Kahlen" - weil bisher ohne Erbteil) ein eigenes
Herrschaftsgebiet: die Kerngebiete von Lothars Anteil in Schwaben,
Elsaß und Burgund. Lothar wird ausgebootet und nach Italien
verbannt.
830 Mähren: Fürst Moimir gründet das Großmährische Reich.
Lothar, Pippin und Ludwig, die Söhne Ludwigs des Frommen rebellieren
gegen ihren Vater. Judith wandert ins Kloster.
Bis 850: Vielleicht in dieser Zeit entsteht die Hersfelder Handschrift
von Tacitus' "Germania", die einzige, die erhalten ist. (vgl. 1455)
831 Ansgar (Anschar, der "Apostel des Nordens") gründet das Bistum Hamburg,
gestiftet von Ludwig dem Frommen. Er selbst wird gleich der erste
Bischof. Später wird man ihn heiligsprechen.
832 Bis zu diesem Jahre ist in der kaiserlichen Kanzlei die Griechische
Indiktion üblich. Die Indiktion ist eine der häufigsten
Jahresbezeichnungen des Mittelalters. Es handelt sich um einen Zyklus
von 15 Jahren (durch Justinian gesetzlich vorgeschrieben), wobei meist
nur die Zahl des Jahres im Zyklus angegeben wird. Der erste Zyklus
wird ab 3 v. Chr. gezählt. Gemäß der Griechischen Indiktion findet der
Wechsel des Indiktionsjahres am 1. September statt.
Ansgar gründet in Haithabu die erste Kirche Skandinaviens.
Erste Erwähnung der Hammaburg (Hamburg). Hamburg wird in diesem Jahr
zum Erzbistum erhoben.
Die Xantener Annalen berichten zu diesem Jahr, wie auch schon für das
Vorjahr, von einer Mondfinsternis. Die häufigen Sonnen- und
Mondfinsternisse der Chroniken können freilich nicht alle realen
astronomischen Erscheinungen entsprechen. (Letztere werden bei
Gelegenheit noch mit genauen Daten eingefügt werden.)
833 Auf dem "Lügenfeld" bei Colmar läuft Ludwigs Heer zu seinen Söhnen über.
Das Kloster Corvey erhält das Marktrecht und das Münzprivileg.
834 Entstehung des Utrecht-Psalters. Darin ist erstmals ein rotierender
kurbelgetriebener Schleifstein abgebildet (in China schon lange bekannt).
Es ist gleichzeitig auch die erste Abbildung einer Kurbel im Westen.
Die Dänen verwüsten weite Teile von Friesland, "dann zogen sie über
Utrecht nach dem Handelsplatz Dorestad, wo sie alles verheerten,
die Einwohner teils töteten, teils als Gefangene fortführten und
einen Teil der Stadt durch Feuer zerstörten."
835 Februar: Die Xantener Annalen berichten wiederum von einer Mondfinsternis.
Beginn der Überfälle dänischer Wikinger in jährlich steigender
Stärke.
Sie verwüsten erneut Dorestad und zerstören das Kloster Noitmoutier,
welches in diesem Jahr endgültig aufgegeben wird.
836 "Im Monat Februar bei Beginn der Nacht waren wunderbare Lichtstreifen
von Osten nach Westen sichtbar. Wiederum brachen in diesem Jahr die
Heiden über die Christen herein." [Xantener Annalen]
Die Dänen brennen Antwerpen nieder, ebenso Witla an der Maasmündung
und treiben in Dorestad Tribut ein.
Erzbischof Agobard von Lyon klagt: "Betrunken macht man die
Histrionen, die schnödesten Mimen und nichtsnutzigsten Spielleute,
während die Kranken der Kirche Hungers sterben."
837 Beginn starker Wikingeraktivität in Irland (bis 876); es entstehen
semipermanente Stützpunkte.
"Gewaltige Wirbelwinde brachen häufig los, und ein Kometstern wurde
gesehen, der übermäßigen Glanz gen Osten aussandte, vor den Blicken der
Menschen wie von drei Ellen Länge: und die Heiden verwüsteten Walicrum
(Walchern) und führten viele Weiber von dort gefangen fort samt
unermeßlichem Vermögen verschiedener Art." [Xantener Annalen]
17. Juni: Die Dänen überraschen die Küstenwachen von Walcheren,
"töteten viele und plünderten eine noch größere Zahl der Bewohner
völlig aus"; dann erschlagen sie den christianisierten dänischen
Fürsten Hemming, verschleppen viele Frauen und treiben erneut in
Dorestad Tribute ein.
838 "Der Winter war sehr regenreich und stürmisch, und im Monat Januar am
21. wurde Donner gehört, und ähnlich im Monat Februar am 16. wurde starker
Donner gehört, und übermäßig verbrannte die Sonnenhitze die Erde; und in
einigen Gegenden war eine Erderschütterung; und Feuer in Form eines
Drachen wurde in der Luft erblickt. In demselben Jahr erhob sich
ketzerische Bosheit. In demselben Jahr in der fünften Nacht vor dem
Geburtstag des Herrn wurde das Krachen eines großen Donners gehört und
ein Blitz gesehen, und auf viele Arten wuchs täglich Jammer und Elend
der Menschen." [Xantener Annalen]
Verstärkung des fränkischen Küstenschutzes. Vor der Küste wird eine
dänische Flotte durch Sturm vernichtet.
839 "Am 26. December erhub sich ein ungeheuerer Wirbelwind, so daß die
Fluten des Meeres weit austraten über ihre Grenzen und Ufer, und kläglich
einen unzähligen Haufen vom Menschengeschlecht in den herumliegenden Höfen
und Weilern zugleich mit den Gebäuden wegrafften. Auch Flotten auf dem
Meer wurden auseinandergerissen und eine Feuerflamme wurde über das
ganze Meer hin gesehen. In demselben Jahre am 25. März erschienen
wunderbare Lichtstreifen gegen Abend am Himmel, in Form eines runden
Domes, welche den ganzen Umkreis des Himmels umzogen." [Xantener Annalen]
Die Dänen suchen erneut Walcheren heim. Ein Überfall auf Köln (bei
Adam von Bremen) ist allerdings zweifelhaft.
Früheste Verwendung von Pferden (statt Menschen - oder Ochsen?) beim
Treideln (Ziehen von Schiffen flußaufwärts) nachgewiesen. Vielleicht
gab es vorher kein geeignetes Zuggeschirr.
840 Vor 840 (in der 30er Jahren): In Fulda wird das "Hildebrandslied"
aufgezeichnet. Es ist das einzige erhaltene Zeugnis germanischer
Heldensage in der deutschen Literatur. (Oder schon früher)
"Ähnliche Lichtstreifen erschienen zwei Nächte hindurch, wie die, welche
im vorigen Jahr gesehen wurden. Und am 3. Mai, d. i. am dritten Tage der
Litaneien, in der neunten Stunde war eine Sonnenfinsternis, und die Sterne
sind deutlich am Himmel erblickt worden wie bei Nachtzeit." [Xantener
Annalen]
Die Fuldaer Annalen nennen Dorestad ein Lehen der Wikinger. Letztere
suchen kaum noch Friesland heim, das sich möglicherweise bis zum
Ende des Jahrhunderts in ihrem Besitz befindet.
Ludwig der Fromme stirbt. Sein ältester Sohn Lothar kehrt aus Italien
zurück und versucht, Kaiser des ganzen Frankenreiches zu werden.
Eine arabische Quelle berichtet von der Sichtung von Wikingerschiffen
im Mittelmeer, die wie "dunkelrote Seevögel" aussehen.
Ca.: Der unter Hraban angelegte - leider nur in Fragmenten erhaltene -
Buchkatalog des Klosters Fulda dürfte schätzungsweise etwa 400 Bände
umfaßt haben. Vergleichszahlen von Schriften: Von Augustinus: Fulda
23, Reichenau 18, St. Gallen 34, Lorsch 98; von Hieronymus: Fulda 38,
Reichenau 28, St. Gallen 36, Lorsch 50; von Alkuin: Fulda 7,
Reichenau 6, St. Gallen 4.
841 "In demselben Jahre, am Donnerstag den 28. Juli bei heller Sonne, zeigen
sich drei Ringe am Himmel, ähnlich dem Bilde eines Bogens, der eine um
den anderen; der kleinste aber die Sonne mitten in sich umgebend, welcher
dennoch voller an Farbe als die übrigen gesehen wurde; der größte im
Westen, dessen äußerster Teil die Sonne zu berühren schien; der mittlere
im Norden, welcher die genannten zwei gleichmäßig umgab. Aber noch
wurde der mittlere wie der größte viel schwächer als der kleinste
gesehen. Und ein kleines Wölkchen im Osten und Norden glänzte in gleicher
Ringform, fern von diesen an Einer Stelle. Vor der dritten Stunde des
Tages wurden sie erblickt und blieben bis Nachmittag. In demselben Jahr
war durch ganz Sachsen die Macht der Knechte weit hinausgewachsen über
ihre Herren, und sie legten sich den Namen Stellingas bei und begingen
viel Unrecht. Und die Edlen jenes Landes wurden von den Knechten sehr
beschädigt und erniedrigt." [Xantener Annalen]
Dänische Wikinger brennen Rouen nieder.
Lothar überläßt ganz Walcheren dem Dänenkönig Heriold und
dessen Bruder Rorik, um sie als Bundesgenossen gegen seine Brüder
Ludwig und Karl zu gewinnen.
842 Straßburger Eide: Ältestes Sprachdenkmal der althochdeutschen und
altfranzösischen Sprache, in welchem Ludwig der Deutsche und Karl der
Kahle ihr Bündnis bekräftigen, nachdem sie Lothar besiegt haben. [Es
ist aber verfrüht, bereits von Deutschland und Frankreich zu sprechen.]
Wikinger verwüsten Quentovic an der fränkischen Küste.
Der Chronist Neithart berichtet von Mannschafts-Kampfspielen bei den
Franken, vielleicht ein Vorläufer des Turniers.
Es stirbt Abt Hrabanus Maurus von Fulda.
843 Juni: Eine Wikingerflotte aus "67 Wimpeln" greift Nantes an und
metzelt die Bevölkerung nieder, die gerade das Johannisfest feiert.
Im Vertrag von Verdun wird das Frankenreich geteilt. Karl erhält den
Westen, Ludwig der Deutsche den Osten und Lothar Italien und einen
Streifen in der Mitte. Jedes Teilreich bezeichnet sich fortan mit
"Francia", der bisherigen Bezeichnung des Gesamtreiches.
"Ludewich [ging] nach Sachsen, und die übermütig aufgeblasenen Knechte
der Sachsen schlug er vornehm nieder und führte sie zu ihrer eigentlichen
Natur zurück." [Xantener Annalen]
844 "Der Winter war bis zum Anfang des Februar sehr weich und durch eine
gewisse Milde gemäßigt." [Annalen von St. Bertin]
Dänische Wikinger unternehmen Raubzüge nach Asturien und Portugal.
Raubzüge der Wikinger an den Ufern der Garonne. Wie bereits im
letzten Jahr leisten hier wahrscheinlich Angehörige des fränkischen
Regionaladels Lotsendienste.
Lupus von Ferrières, selbst ein Handschriftensammler, dem wir u.a.
die Überlieferung von Ciceros "De re publica" verdanken und der zu
Kopierzwecken einen eigenen Leihverkehr von Handschriften aufgebaut
hat, sucht über Prüm die zwei in Fulda befindlichen Bände Suetons zu
gewinnen.
845 Dänische Wikinger brennen Hamburg nieder. Angeblich sollen es 600
Schiffe gewesen sein. Der Erzbischofsstuhl geht bald nach Bremen.
März: Ragnar Lodbrok fährt mit 120 Schiffen in die Seine, nimmt
zuerst Rouen und dann Carolivenna (20 km vor St. Denis) ein und
brennt schließlich Paris nieder. Die eigentlich überlegenen, aber
demoralisierten fränkischen Truppen greifen ihn nicht an. Schließlich
erkauft Karl der Kahle seinen Abzug mit 7000 Pfund Silber. Ragnar
wird triumphal von König Horik empfangen, welcher allerdings einen
Teil der Beute an Ludwig den Deutschen als Sühne für die Zerstörung
Hamburgs nach Paderborn sendet.
"Zweimal war im Gau von Worms eine Erderschütterung; zuerst in der Nacht,
welche auf Palmarum folgt, die zweite in der heiligen Nacht der
Auferstehung Christi." [Xantener Annalen]
"Der Winter war sehr hart. Die Nordomannen drangen im Monat März mit
hundertundzwanzig Schiffen in die Sequana und gelangten, alles auf beiden
Ufern verwüstend, ohne irgendwelchen Widerstand zu finden, bis Loticia der
Parisier. Karl hatte die Absicht, ihnen zum Kampf entgegenziehen; da er
aber voraussah, daß die Seinigen unmöglich den Sieg davon tragen könnten,
wußte er dadurch, daß er mit den Feinden einen Vertrag abschloß und ihnen
ein Geschenk von siebentausend Pfund Silber einhändigte, sie vom
Weiterziehen abzuhalten und zur Rückkehr zu bewegen. (...)
Der Nordmannenkönig Oricus entsandte sechshundert Schiffe auf der Elbe
gegen Hludowich nach Germanien; die Sachsen eilten ihnen entgegen,
lieferten ihnen eine Schlacht und trugen mit unseres Herrn Jesu Christi
Hilfe den Sieg davon; auf dem Rückweg griffen die Nordmannen eine Stadt
der Sclaven an und zerstörten dieselbe.
Eine schwere Hungersnot verzehrte das untere Gallien, die immer mehr sich
steigernd viele Tausende von Menschen fortraffte." [Annalen von St. Bertin]
/850: Im Kommentar des Mönches Hildemar von Corbie zur
Benediktinerregel wird ein Beispielfall erörtert, in dem ein Kloster
30 Pergamente kauft, ein Buch daraus macht und es für 60 Denare
verkauft.
846 "Um diese Zeit wurde ein junger Mensch dabei betroffen, wie er mit
einer Stute Unzucht trieb, und nach dem Urteil der Franken lebendig
verbrannt. (...) Im Monat Mai dieses Jahres fiel ein solches Übermaß
von Regengüssen bei der Stadt Alciodorum, daß die Flut, durch die Wände
dringend, selbst die mit Wein gefüllten Fässer in die Icauna fortführte,
ja was noch wunderbarer, daß ein Stück Weinland mit dem Erdreich, den
Weinstöcken, den Bäumen, so wie es war, ganz und vollständig von einem
Ufer der Icauna auf das andre versetzt wurde, so als ob es da immer
seine natürliche Stelle gehabt hätte." [Annalen von St. Bertin] (In Wahrheit
dürfte hier wohl der Fluß seinen Lauf geändert haben, wie das naturbelassene
Flüsse zuweilen tun.)
847 Die Wikinger schließen Bordeaux ein.
Konzil zu Mainz.
Hrabanus Maurus wird Erzbischof von Mainz (bis 856). Er errechnet als
Summe des für alle Pfarreien befohlenen Fürbittegebets für Ludwig den
Deutschen samt Gattin und Sippe 3500 Messen und 1700 Psalter.
848 "Am 4. Februar gegen Abend blitzte es und wurde Donner gehört, und die
Heiden, wie sie es gewohnt waren, schädigten die Christen. In demselben
Jahre hielt König Ludewich eine Volksversammlung bei Mainz; und es wurde
auf der Synode der Bischöfe eine Sektiererei vorgebracht von einigen
Mönchen über die Vorherbestimmung des allmächtigen Gottes. Diese wurden
überführt und vor allem Volk schmählich gegeißelt, und kehrten nach
Gallien, von wo sie gekommen waren, zurück, und, Gott sei Dank! unverletzt
blieb der Stand der Kirche." [Xantener Annalen]
Die Wikinger erobern Bordeaux und zerstören Saintes, Perigueux,
Limoges und Tours.
849 Es stirbt der Reichenauer Abt Walahfrid Strabo. In seinem "Vademecum"
hat er ein altsächsisches Runen-Merkgedicht (Abecedarium Normannicum)
aufgezeichnet.
"In Gallien erfolgte in der Nacht nach dem 17. Februar, während die
Geistlichen Gott ihre nächtlichen Gebete darbrachten, ein starker
Erdstoß, ohne daß jedoch Gebäude einstürzten.
Godesscalk, ein Gallier, Mönch im Kloster Orbacum im Sprengel von
Suessiones und Presbyter, wegen seiner Kenntnisse aufgeblasen und
gewissen abergläubischen Meinungen ergeben, war unter dem Schein der
Frömmigkeit nach Italien gegangen, und hatte sich, von hier schimpflich
verjagt, nach Dalmatien, Pannonien und Noreja begeben, indem er in
vergifteten Reden und Schriften viele unserer Heilslehre ganz
widersprechende Sätze, besonders über die Prädestination, aufstellte.
In Gegenwart Hludowichs, Königs der Deutschen, durch das Konzil der
Bischöfe entlarvt und überführt, wurde er gezwungen, nach der Metropole
seiner Diözese, der Stadt Durocortorum der Remer, welcher der
ehrwürdige Herr Ingmar vorsteht, zurückzukehren, um daselbst die seiner
Untreue würdige Strafe zu empfangen. Und Karl, ein eifriger Pfleger der
heiligen Kirche Gottes, berief eine Versammlung der heiligen Bischöfe
der genannten Diözese, und ließ ihn vor dieselben führen; und er wurde
öffentlich gepeitscht und gezwungen, die Bücher, welche seine Lehren
enthielten, ins Feuer zu werfen." [Annalen von St. Bertin]
850 "Am 1. Januar, d. i. den Octaven des Herrn, an demselbigen Tage gegen
Abend wurde großer Donner gehört und ein gewaltiger Blitz gesehen, und
eine Überschwemmung der Gewässer schlug in diesem Winter das
Menschengeschlecht. Und im folgenden Sommer verbrannte allzugroße
Sonnenhitze die Erde." [Xantener Annalen]
"In diesem Jahre drückte schwere Hungersnot die Völker Germaniens,
vornehmlich die um den Rhein wohnenden; denn ein Scheffel Getreide wurde
in Mainz für zehn Sekel Silber verkauft. Es hielt sich aber zu der Zeit
der Erzbischof Hraban [Hrabanus Maurus] auf einem Hof seines Sprengels
namens Winkel auf, wo er Arme, die von verschiedenen Orten kamen,
aufnahm und täglich mehr als 300 speiste, die abgerechnet, welche
beständig bei ihm aßen. Es kam auch eine fast verhungerte Frau mit einem
kleinen Kind zu ihm und wollte von ihm wieder belebt werden, doch ehe
sie die Türschwelle überschritt, stürzte sie vor allzu großer Schwäche
zusammen und hauchte den Geist aus. Und als der Knabe die Brust der
toten Mutter, als wenn sie noch lebte, aus dem Kleid zog und zu saugen
versuchte, brachte er viele, die es mit ansahen, dahin, zu seufzen und
zu weinen." [Annales Fuldenses sive Annales Francorum orientalis. Zit. n.
Rau III. S. 41/43]
Erzbischof Hrabanus Maurus von Mainz läßt während einer Hungersnot
täglich mehr als 300 Arme speisen.
Ca.: Benedictus Levita stellt in Mainz oder im westfränkischen Raum
eine Sammlung kanonischen Rechts zusammen, in welcher u.a. davor
gewarnt wird, "daß man sich - wie es der Brauch sei - an einem
heiligen Tage auf Plätzen und Straßen eitlen Erzählungen (fabulis)
oder Rezitationen (locutionibus) oder Gesängen (cantationibus) oder
Tänzen (saltationibus) hingebe."
Ca.: Ab dieser Zeit ist in der kaiserlichen Kanzlei und bei den
französischen Capetingern die Bedanische Indiktion zur Jahreszählung
gebräuchlich. (Erläuterung der Indiktion: siehe 832) Bei dieser
wechseln die Jahre zum zum 24. September.
851 Die Wikinger brennen London und Canterbury nieder.
852 Reichstag zu Erfurt.
Erzbischof Hincmar von Reims macht in einem Kapitular seine Kleriker
darauf aufmerksam, daß sie beim Leichenschmaus weder Gelächter noch
Gesang zulassen sollen. Ebenso ist zu verbieten: der Vortrag von
Geschichten, Auftritte von Bärenführern und Gauklerinnen sowie das
Zeigen von Teufelsmasken.
"Das Eisen der Heiden wurde brennender; übermäßige Sonnenhitze; und
Hungersnot folgte; und das Futter der Tiere mangelte; und die Weide für
die Schweine war überreich." [Xantener Annalen]
853 "Große Hungersnot in Sachsen, so daß viele sich von Pferden nährten."
[Xantener Annalen]
Die Wikinger brennen St. Martin in Tours, das Nationalheiligtum der
Franken nieder.
854 Ludwig der Deutsche bezieht eine Pfalz im - hier erstmals erwähnten -
Ulm ("Hulmam palatio regio").
855 Mittelfränkisches Reich: Lothar stirbt; im Norden herrscht nun
Lothar II. ("Lothringen") und im Süden Ludwig II., der die
Kaiserwürde annimmt, aber recht machtlos ist. Lothar bezeichnet seinen
Reichsteil als "Francia".
856 "Der Winter war sehr hart und trocken; durch eine schwere Pest wurde eine
große Anzahl von Menschen fortgerafft." [Annalen von St. Bertin]
"Eine große Plage, anschwellende Blasen, herrschte unter dem Volke, und
raffte es in scheußlicher Fäulnis hin, dergestalt, daß die Glieder
abgelöst vor dem Tode abfielen." [Xantener Annalen, zum Jahr 857]
Es stirbt Hrabanus Maurus, zuletzt Erzbischof von Mainz. Er hinterläßt
u.a. eine Enzyklopädie in 22 Bänden ("De rerum naturis").
Mit Lothar II. findet in Frankfurt erstmals eine Königserhebung statt.
857 Erster Bericht über das epidemische Auftreten der Kriebelkrankheit
(Antoniusfeuer), verursacht durch Mutterkorn, besonders in Westeuropa.
Wikinger plündern zum zweitenmal Paris.
Es verstirbt (wohl in Andalusien) der arabische Musiker und "Kulturapostel"
Ziryab. (Vgl. 822)
858 "Am 1. Januar, als die Frühmesse gehalten war, ereignete sich bei Worms
ein einmaliges Erdbeben, und bei Mainz ein dreizehnmaliges vor
Tagesanbruch." [Xantener Annalen]
859 Dänische Wikinger aus der Bretagne dringen mit 62 Booten ins
Mittelmeer ein und plündern dort drei Jahre lang. Ihr Anführer ist
der Seekönig Hasting, der gerne seinen Sohn Björn Eisenseite als
römischen Kaiser sähe. Sie verwüsten Algeciras, kurz auch an der
Küste Marokkos, Mallorca und die Pityusen, dann setzen sie sich im
Rhonedelta fest, von wo aus sie bis Valence fahren. Später plündern
sie Pisa, Fiesole und Luna, das sie für Rom halten. Auf dem Rückweg
geraten sie in der Biskaya in einen Sturm, den nur 17 Schiffe
überstehen. Dennoch gehen sie in Pamplona an Land und nehmen dem
Gouverneur 30000 Denare ab, bevor sie nach Nantes zurückfahren. Die
Beute besteht u.a. aus maurischem Sattelzeug, arabischen Gewändern
und dunkelhäutigen Sklaven.
Fränkische Bauern, die sich gegen die Wikinger erhoben haben, werden
von fränkischen (!) Kriegern niedergemacht. Offenbar wird hier
mit den Wikingern kollaboriert.
860 "Der Winter war lang, und bei fortwährendem Schnee und Frost hart, und
zog sich vom Monat November bis zum April hin." [Annalen von St. Bertin]
"In diesem Jahr war ein sehr langer Winter." [Xantener Annalen zum Jahr
861]
Norweger entdecken Island.
Roskilde auf Seeland erstmals erwähnt.
861 Paris wird zum dritten Mal von Wikingern geplündert.
Prüm erhält für seinen Hof Rommersheim Marktrecht und Münzprivileg;
der Marktzoll ist dem Kloster zugewiesen.
Nach 861 stirbt der arabische Astronom Al-Fargani, der ein elementares
nichtmathematisches Lehrbuch der ptolemäischen Astronomie verfaßt hat,
das weite Verbreitung (auch später in lateinischer Übersetzung) finden
wird.
862 "In demselben Jahre war der Winter stürmisch, veränderlich und sehr
regnerisch, fast ganz ohne Eis..." [Xantener Annalen zum Jahr 863]
Von diesem Jahr an fallen nomadisierende Gruppen von Ungarn in die
Grenzgebiete des ostfränkischen Reiches ein.
863 Erzbischof Hincmar von Reims beantwortet in einem Werk namens "De
divortio Lotharii Regis et Tetbergae Reg." 30 Fragen und bejaht z.B.,
daß es Hexen gebe, die Liebe oder Haß zwischen Ehegatten oder
Impotenz stiften können und leitet diese Macht vom Teufel ab. Er
erklärt das Nestelknüpfen, wenn geistliche Mittel nicht gegen dessen
Folgen helfen, für einen gültigen Scheidungsgrund. [Die Ehescheidung
ist noch eine ganze Weile lang üblich!]
"Bei der ungeheuren Anschwellung der Gewässer kamen die schon oft genannten
Heiden, überall die Kirchen zerstörend, das Bett des Rheinflusses herauf
bis Sancten und plünderten den so berühmten Ort. Und zum übergroßen
Schmerz aller die es hörten und sahen, verbrannten sie die Kirche des
heiligen Victor, ein wundersames Bauwerk; alles was sie innerhalb und
außerhalb des Heiligthums fanden, raubten sie. Doch der Klerus und fast
das ganze Volk entkam. Aber nachher ganz von Tollheit ergriffen, schickten
sie den Schatz selber des Heiligtums dahin zurück. Den heiligen Leib
Victors nun brachte der Praepositus der Brüder, welcher ein Pferd
bestiegen und die Kiste vor sich gesetzt hatte, mit einem einzigen
Presbyter nachts nach Köln unter großer Gefahr, nur durch die Verdienste
des Heiligen. Zu derselben Zeit aber war daselbst Gunthar Lenker und
Bischof, der Neffe nämlich des jüngeren Hildiwin. Die Räuber nun suchten
nach vollbrachter Schandthat nicht weit von dem Kloster eine kleine Insel
auf, bauten eine Befestigung und wohnten daselbst eine Zeit lang. Aber ein
Teil von ihnen stieg das Flußbette hinauf, verbrannte einen großen
königlichen Hof, und es wurden dabei aus ihnen ungefähr hundert Menschen
niedergehauen, so daß eins ihrer Schiffe daselbst leer zurückblieb. Die
Übrigen nun bestiegen alsbald die Schiffe und kehrten bestürzt zu den
Ihrigen zurück. Nun rüstete Lothar Schiffe und gedachte sie anzugreifen;
aber die Seinigen stimmten ihm nicht bei." [Xantener Annalen zum Jahr 864]
/864: Das Testament des Markgrafen Eberhard von Friaul gibt Aufschluß
über seine Bibliothek: Es sind etwa 50 Handschriften (reicht an den
Bestand eines kleinen Klosters heran), darunter: liturgische Werke,
praktische Predigtsammlungen, eine Sammlung von Volksrechten,
Augustinus "Gottesstaat", die Weltgeschichte des Orosius, Bücher zur
fränkischen Geschichte und zur Papstgeschichte, Isidors "Buch der
Etymolgien" ("Das Lexikon des frühen Mittelalters") allein dreimal,
Heiligenlegenden, Alkuins Tugendlehre, theologische Kommentare,
den spätantiken Reise- und Abenteuerroman des Apollonius, zwei Bibeln,
ein Evangelium, zwei Gebrauchspsalter (einer mit Kommentar) und zwei
Prunkpsalter (einer goldverziert).
864 Auf einem Reichstag verbietet Karl der Kahle den Franken bei
Todesstrafe, den Wikingern Pferde und Waffen zu verkaufen.
Wikinger zerstören Dorestad.
865 "Im Monat Januar ereignete sich eine Mondfinsternis." [Xantener
Annalen zum Jahr 866]
Karl der Kahle wertet den Silberdenar ab: Aus einem Pfund Silber (ca.
490 Gramm) werden nun nicht mehr wie bisher 240 Münzen geprägt, sondern
deren 264. Man rechnet aber weiterhin das Pfund zu 240 Denaren. Dies
bewirkt eine Trennung des Gewichtspfundes vom rechnerischen Pfund.
In einem langobardischen Urteil wird (für Mailand) erstmals eine
Gerichtslaube (laubia) erwähnt.
868 "Im Monat Februar wurde bei dunklem Regengewölk in der Luft mehrfach
Donner gehört, und am 15. Februar, d. i. in der heiligen Nacht
Septuagesimae, wurde ein Kometstern im Norden und Westen erblickt,
welchem sogleich ein ungeheurer Sturm und unermeßliche Ueberschwemmung
gefolgt ist; bei der viele Unvorsichtige umkamen. Und hernach zur
Sommerszeit folgte in vielen Provinzen eine heftige Hungersnot;
vornehmlich in Burgund und Gallien, wo eine große Menge Menschen
bitteren Todes starb, so daß Menschen sollen Menschenleiber gegessen
haben. Aber auch Hundefleisch sollen einige gegessen haben." [Xantener
Annalen]
869 In Meaux (Ile de France) ist ein Lied auf den heiligen Faro bezeugt,
in dessen Kontext ein Reigen von Frauen beschrieben wird, die zugleich
zum Tanze singen.
870 Winter: Der Norweger Ingolf erreicht Island und siedelt sich dort an
(nach dem Landnamabok).
Gründung des Kanonissenstiftes Gerresheim durch einen fränkischen
Adligen namens Gerrich (heute im Stadtgebiet von Düsseldorf).
872 Tod von Abt Grimald von St. Gallen. Zusammen mit Hartmuot hat er die
Zahl der Bücher des Klosters von 284 auf 428 Bände vermehrt.
873 "Zu derselben Winterszeit entstand unverhofft eine Überschwemmung
durch Schneeschmelze, zumeist an den Ufern des Rheinflusses.
Durch das Anschwellen vieler Gewässer ging eine Menge Menschen nebst
Gebäuden und unzähligen Feldfrüchten zugrunde." [Xantener Annalen]
"Eine so große Menge von Heuschrecken verbreitete sich über Deutschland,
Gallien und besonders über Spanien hin, daß es der ägyptischen Plage zu
vergleichen war." [Annalen von St. Bertin]
"Eine unermeßliche Menge von Heuschrecken, die im Monat August von
Osten her erschien, verwüstete fast ganz Gallien. Sie waren größer als
andere Heuschrecken und hatten sechs Flügelruder. In wunderbarer Weise
flogen sie wie Abteilungen eines Lagers in getrennten Scharen durch die
Lüfte oder, wenn sie sich zur Erde niederließen, schlugen sie so ihr
Lager auf. Die Führer gingen mit wenigen dem Heere um eine Tagereise
voraus, als wollten sie für Plätze sorgen, die der Menge angemessen
wären. Um die neunte Stunde saßen sie danieder, wo zuvor ihre Führer
angelangt waren und bewegten sich von dem eingenommenen Orte nicht eher
fort, als bis die Sonne im Untergehen begriffen war; dann brachen sie
nach ihren Rotten auf, so daß man an diesen kleinen Geschöpfen die
Mannszucht des Krieges wahrnahm. Sie nährten sich von den Saaten, die
von ihnen so abgefressen wurden, als wären sie von einem ungeheuern
Sturme vernichtet. Die Länge einer Tagereise erstreckte sich bei ihnen
auf 4 oder 5000 Schritt. Sie gelangten aber, indem sie so die
Oberfläche der Erde bedeckten, bis zum britannischen Meere, in welches
sie nach Gottes Willen durch eine heftige Windsbraut hineingetrieben,
auf die hohe See fortgerissen und versenkt wurden. Durch die Ebbe aber
und die Zurückströmung des Ozeans ausgeworfen, erfüllten sie die
Seegestade und bildeten eine so große Masse, daß sie in berghohen
Haufen zusammengeschichtet lagen; durch ihren Gestank und ihre Fäulnis
wurde die Luft verpestet und es erzeugte sich daraus für die
Umwohnenden eine furchtbare Seuche, an der viele den Tod fanden."
[Regino von Prüm]
"Hernach aber, in der Mitte des Monats August, erhub sich die alte
Plage der Ägypter, d. i. ein unzählbarer Schwarm Heuschrecken, nach
Art der Bienen, welche aus dem Korb hervorkommen, ganz neu von Osten
her durch unsere Länder, welche in der Luft fliegend einen seinen Ton
wie kleine Vögelchen von sich gaben. Und wenn sie sich erhoben, konnte
man kaum den Himmel wie durch ein Sieb sehen. An sehr vielen Orten
nun zogen die Hirten der Kirchen und der ganze Klerus ihnen mit
heiligen Gefäßen und Kreuzen entgegen, unter Anrufung von Gottes
Erbarmen, daß er diese Plage von ihnen abwendete. Doch nicht überall,
sondern stellenweise, richteten sie Schaden an. Desgleichen bedeckte
am ersten November bis Sexagesima Schnee die ganze Erdoberfläche, und
mit verschiedenen Plagen schlug der Herr beständig sein Volk und suchte
heim mit der Rute ihre Ungerechtigkeit und mit Schlägen ihre
Missetat." [Xantener Annalen]
Ein schwäbischer Grundbesitzer schenkt dem Kloster St. Gallen
Ackerland zum Nutzen der "domus peregrinorum", damit er dort bis an
sein Lebensende quasi als Dauergast leben kann und ernährt und
bekleidet werde, nämlich jährlich ein Leinenkleid und ein Wollkleid
und alle drei Jahre einen Mantel und Schuhe empfängt.
874 "Der Winter war lang und streng und es fiel solche Menge Schnees, wie
niemand sich erinnern konnte gesehen zu haben. (...) Der lange Sommer
bewirkte große Dürre des Heus und Mangel an Getreide." [Annalen von St.
Bertin]
875 Ca.: Am englischen Hof werden Kerzenuhren zur Zeitmessung benutzt
(dicke Kerzen mit Skala, vermutlich eine chinesische Erfindung).
876 Tod Ludwigs des Deutschen. Neuer König des Ostfrankenreiches wird
Ludwig III. (d. J.).
Regino von Prüm nennt Frankfurt "principalis sedes regni orientalis".
Ca.: Die Bibliothek des Grafen Ekkehard von Autun besteht u.a. aus:
meist pastoralen Schriften, u.a. von Papst Gregor, Heiligenlegenden,
historischen Schriften zur Franken- und Langobardengeschichte,
Volksrechten der Franken, Burgunder und Romanen, einer Sammlung zum
Kirchenrecht, einem Isidor, einem Vegetius, einem landwirtschaftlichen
und einem medizinischen Traktat, einer Bibel, einem Evangelium mit
Kommentar, einem Psalter und einem "Büchlein mit Gebeten und Psalmen".
Er besitzt auch ein althochdeutsches Evangelium.
877 Tod Karls II. des Kahlen; ihm folgt sein Sohn Ludwig der Stammler.
Im Kapitulare von Quierzy wird festgesetzt, daß dem tauglichen Erben
das Lehen des Vaters neu verliehen wird.
878 In Barcelona glaubt man, die Reliquien der Hl. Eulalia
wiederaufgefunden zu haben.
879 Tod Ludwigs des Stammlers; das Westfrankenreich löst sich auf.
Boso von Vienne, vormals in westfränkischen Diensten, läßt sich zum
"rex Provinciae" erheben (oder 877?). Dieses Königtum Niederburgund
(Arelat) wird von ost- und westfränkischer Seite als Usurpation
betrachtet.
880 Lothringen kommt nach dem Vertrag von Ribémont zum Ostfrankenreich.
Die Mauern von Mainz werden wieder instandgesetzt.
Wikinger plündern Kaiserswerth.
881 Karl III. der Dicke gewinnt Norditalien, wird von Papst Johannes
VIII. zum Kaiser gekrönt (bis 887).
Die Wikinger plündern Maastricht, Lüttich, Jülich, Neuß, Köln und
Bonn. Für Köln ist es für die nächsten 1064 Jahre (bis 1945) die
letzte Eroberung.
/882: Entstehung des Ludwigsliedes.
882 6. Januar: Die Wikinger plündern erstmals die Abtei Prüm in der Eifel.
Januar: Ludwig der Deutsche stirbt, ebenso Hinkmar von Reims.
April: Die Wikinger plündern Trier und kehren anschließend nach
Elsloo zu ihren Schiffen zurück. In Reims treiben sie Tribut ein.
Ein fränkisches Heer (mit Alemannen, Sachsen, Bayern, Thüringern,
Langobarden und Friesen) unter Kaiser Karl dem Dicken schließt sie
in Elsloo ein. Obwohl die Franken auf Kampf brennen, verhandelt Karl
mit Wikingerkönig Gottfried und erkauft dessen Abzug und Taufe für
2080 (oder 2412) Pfund Silber und Gold sowie Friesland als Lehen.
Er zieht dann ins Rheindelta ab, während sein Bruder Siegfried sich
an der unteren Schelde verschanzt, nachdem er geschworen hat, das
Frankenreich nie mehr zu betreten.
Es stirbt Erzbischof Hinkmar von Reims (
883 Ein gewisser Graf Rihwin läßt seine Frau wegen Ehebruchs umbringen, was
großes Aufsehen erregt und daher ein Ausnahmefall zu sein scheint.
(Bei Regino von Prüm, S. 266f nachzulesen)
Ca.: Notker Balbulus verfaßt die "Gesta Karoli".
884 Wikinger plündern Kaiserswerth.
885 24. November: "700" Wikingerschiffe erscheinen vor Paris, die die
Seine dreieinhalb Kilometer weit bedecken und "40000" Mann absetzen,
die bislang größte Wikingerstreitmacht auf fränkischem Boden. Bischof
Geuzlin und Graf Odo verschanzen sich in Paris und halten der
Belagerung stand.
Die Kanzlei Karls III. zählt nun die Herrscherjahre nicht nur wie
bisher für Italien und Ostfranken, sondern auch noch zusätzlich für
Westfranken getrennt (in Italia, in Francia, in Gallia). "Francia"
bezeichnet hier das Ostreich.
Es stirbt der arabische Astronom und Philosoph Albumasar (Dschafar
abu-Masar, 80), der Hauptvertreter der arabischen Astrologie, welche
ihrerseits aus dem hellenistischen Sternenglauben hervorgegangen ist
und die einige Jahrhunderte später in Südeuropa in Übung kommen wird.
886 Karl der Dicke erkauft wiederum den Abzug der Wikinger: die Belagerer
von Paris dürfen sogar an der Rhone überwintern (da die Beziehungen
Karls zu Burgund ohnehin unterkühlt sind).
887 Karl III. (der Dicke) wird zur Abdankung gezwungen. Arnulf von Kärnten
wird ostfränkischer König (bis 899). Dies findet in Frankfurt statt.
888 Januar: Karl der Dicke stirbt.
Hochburgund wird unter dem Welfen Rudolf I. ein selbständiges
Königreich (Burgundia superior).
Ca.: Am Hofe Harald Haarfagrs entstehen Skalden-Lobgedichte:
Thiodolfs "Ynglinga tal" und Thorbjorns "Haralds-mal".
891 Arnulf von Kärnten schließt ein Heer der Wikinger bei Löwen an der
Dyle (Brabant) ein und treibt es in den Fluß. Gegen die Wikinger,
die sich in ein hastig errichtetes Lager zurückgezogen haben, läßt er
seine Reiter abgesessen vorgehen.
Wido von Spoleto, der seinen Konkurrenten Markgraf Berengar von Friaul
überwunden und sich zum König vin Italien hat wählen lassen, erzwingt
vom Papst die Kaiserkrönung (im Folgejahr auch für seinen Sohn Lambert.
Erzbischof Fulco von Reims findet in "libris teutonicis" (in deutschen
Büchern) die Ermanarichsage.
892 Epidemien und eine große Dürre lassen es dem Großen Heer der Wikinger
im Frankenreich zu unbequem werden. Sie gehen nach England zurück,
doch bleiben auch etliche zurück, besonders an der unteren Seine.
893 Erzbischof und Erzkanzler Fulco von Reims warnt in einem Brief König
Arnulf vor Härte gegenüber seinem unterlegenen Konkurrenten Karl dem
Einfältigen - mit Verweis auf die Sage vom "Sippenfeind" Ermanarich:
"Es wird auch in deutschen Büchern von einem König namens Hermenricus
berichtet, der auf die gottlosen Ratschläge eines Ratgebers hin sein
gesamtes Geschlecht (progenies) zum Tode verurteilte."
895 Die Synode von Worms verbietet u.a., Laien in Kirchen zu begraben.
Es soll nämlich zu Genua ein gewisser Valentinus in einer Kirche
beerdigt worden sein und daraufhin von zwei Teufeln mit Stricken wieder
hinausgeschafft worden sein.
Die Synode von Tribur erkennt als Ehescheidungsgrund nur noch Unzucht
(fornicatio) an, wobei eine Wiederverheiratung verboten wird. Im Verlauf
des 9. Jhs. sind die noch im 8. Jh. zahlreichen anerkannten
Scheidungsgründe allmählich zurückgedrängt worden. Am Ende dieser
Entwicklung wird nur noch zu nahe Verwandtschaft als Scheidungsgrund
übrigbleiben. Dieselbe Synode verwehrt bei unerlaubten Ehen den Partnern,
an einem Tisch und unter einem Dach zu leben.
Nachdem Kaiser Wido gestorben ist, zieht Arnulf von Kärnten über die
Alpen und erlangt von Papst Formosus die Kaiserkrone.
Und 896: Landnahme der Ungarn im Karpatenbecken.
896 Dänische Wikinger lassen sich an der Seinemündung nieder.
/897: Papst Formosus stirbt und sein Nachfolger Stephan VI. hält nach
Arnulfs Abzug eine "Synode des Schreckens" ab(auch "Leichensynode"
genannt): Die verwesende Leiche des Formosus wird aus der Gruft geholt
und mit päpstlichen Gewändern auf den Thron gesetzt, schließlich angeklagt,
verurteilt, durch die Straßen geschleift und entweder außerhalb des
Begräbnisplatzes der Päpste bestattet oder aber in den Tiber geworfen.
897 Juli: In Rom wird bei einem Volksaufstand der Anhänger des Formosus Papst
Stephan VI. abgesetzt und im August im Kerker erdrosselt. Als Papst folgt
Romanus.
898 "Ein Stern von wunderbarer Größe erschien; man meinte, daß es ein Komet war.
Denn er sandte große Strahlen abwärts aus und stieg in vielen Nächten durch den
Tierkreis herauf. Er zeigte an, daß das Volk der Ungarn viele Länder
verwüsten werde." [Annalen von Pöhlde]
Bis 968: Raubzüge der Ungarn nach West- und Südeuropa. Die Ungarn selbst
bezeichnen sie gern als "Abenteuerzüge".
899 Tod Arnulfs von Kärnten in Regensburg.
Erste urkundliche Erwähnung des Ortes Weimar: "Wimare", "Wehmare"
(d.h. geweihte Stätte), auch "Wimares" oder "Wymar". (In der älteren
Literatur galt hier eine Urkunde des Jahres 975).
Ca: Die Papierherstellung kommt nach Kairo.

9. Jh. Anfang 9. Jh.: Die Rodungen im Vogelsberg erreichen den Rand des
Oberwaldes.
Auf den Basaltplateaus der Hohen Rhön wird gerodet.
Das Kloster Lorsch beginnt im Odenwald mit gelenkten Rodungen.
Das Kloster Corvey und das Bistum Paderborn besiedeln die
Waldgebiete südlich der Paderborner Hochfläche (Streifige Fluren).
Entsiedlungsvorgänge; wahrscheinlich sind es neugegründete
Siedlungen, die wieder aufgegeben werden.
Friesen lassen sich an der Westküste Schleswigs nieder.
Anfang 9. Jh.: Die Dreifelderwirtschaft ist verbreitet im westlichen
Deutschland, der Nordschweiz und im Pariser Becken.
(Pflügen und Säen im Frühjahr, Brachpflügen im Frühsommer und
Pflügen und Säen im Herbst. Pflügen der Sommersaat: ca. 10. Februar
bis Ende April; das Feld liegt im Folgejahr brach und wird dann
Mitte Mai bis Ende Juni brachgepflügt. Im gleichen Jahr ab September
(2 Woche?) bis Ende Oktober wird die Wintersaat gepflügt, die dann
im 3. Jahr trägt. Im 4. Jahr wird wieder Sommersaat angebaut usw.
Schon für 884 ist ein zweimaliges Herbstpflügen ("Rühren" und
Pflügen zur Wintersaat) erwähnt, das sich aber erst im Laufe des
HochMAs durchsetzt.)

Seit dem 9. Jh. ist die Sense in Gebrauch (?).
Rasche Verbreitung des hölzernen Dreschflegels [auch dieses Datum
scheint recht früh angesetzt!].
Wassermühlen, obwohl selten und teuer, gehören zur Ausstattung der
großen Domänen.

3. Viertel 9. Jh.: Das Kloster Lorsch verfügt nach einem Katalog über
etwa 1000 Schriften in ca. 450 Bänden.
Ende 9. Jh.: Im Kasseler Raum werden Sachsen in offenbar regelhaften
Siedlungsformen angesiedelt.
Aus dem 9. Jh. sind etwa 7000 erhaltene Handschriften bekannt.

9. und 10. Jh.: Im württembergischen Altsiedelland entstehen noch
Ausbausiedlungen mit Kurzhufen.

900 Die Sendboten des Grafen Balduin II. von Flandern ermorden den
Erzbischof Fulco von Reims. Balduin rächt sich damit am König, weil
dieser ihn gezwungen hatte, der Kirche von Reims eingezogene Güter
zurückzugeben. Alles was den Mördern geschieht, ist die Verhängung
des Banns durch eine Versammlung von Bischöfen, wobei erstmals die
Exkommunikation als feierliche Zeremonie vollzogen wird: "Im Namen
des Herrn, durch die Kraft des Heiligen Geistes und durch die den
Bischöfen über die Vermittlung des seligen Petrus, des Apostelfürsten,
verliehene göttliche Autorität schließen wir die Mörder aus dem
Schoß der heiligen Kirche aus und verfluchen sie, und wir verurteilen
sie durch das Anathema zu einer immerwährenden Verdammung, damit
keine menschliche Macht sie aufrichten darf und damit sie keine
Beziehung zu den Christen haben; und sie seien verflucht in der
Stadt, verflucht auf dem Lande, verflucht seien ihre Haushaltungen,
verflucht die Früchte ihres Leibes und ihrer Felder, ihre
Rinderherden und ihre Schafherden! Verflucht seien sie bei ihrem
Eingang und Ausgang, verflucht seien sie in ihren Wohnungen und als
Flüchtlinge auf den Feldern, von allen abgesondert [oder: auf der
Latrine] sollen sie ihre Eingeweide von sich geben wie der falsche
und elende Arius!...Kein Christ soll ihnen ein Wort sagen, nicht
einmal 'Salve!'! Kein Priester soll die Messe in ihrer Gegenwart
zelebrieren, und wenn sie krank sind, soll man ihnen nicht die
Beichte abnehmen, und man soll ihnen auch nicht das allerheiligste
Altarsakrament im letzten Augenblick ihres Lebens spenden, sofern sie
ihren Fehler nicht anerkennen und um Vergebung bitten. Ihr Grab aber
soll das des Esels sein, und sie sollen wie ein Misthaufen auf der
Erde liegenbleiben, damit sie für die künftigen Geschlechter ein
Beispiel der Schande und Verdammung sind." Nun werfen die Bischöfe
ihre Fackeln zur Erde. "So wie diese Fackeln zu unseren Füßen
verlöschen, soll die Fackel ihres Lebens für alle Ewigkeit
verlöschen!"
Ca.: Beginn der Blütezeit von Haithabu. Im 10. Jh. nimmt dieser
Handelslatz eine Fläche von ca. 24 ha ein (im 9. Jh. 10 ha). Hier
wird gehandelt: Pelze aus dem Norden, Wein, rheinische Keramik,
Glas, Eifelbasalt (davon östlicher Endpunkt des Handels), christliche
Sklaven für Skandinavien, Specksteinschalen aus Kaupang, friesische
Tuche, Waffen, Bernstein aus dem Osten (wird hier verarbeitet),
Eisen (Verarbeitung von schwedischen See-Erz), fränkischer und
insularer Schmuck usw. Der Ort verfügt über Kammacher und Töpfer
sowie über einen Glasofen.
Es stirbt Ratpert (ca. 60), der Klosterchronist von St. Gallen.
Ca.: Isländische vorchristliche Skaldendichtung an norwegischen
Königshöfen. Zu dieser Zeit entstehen die "Atlakvida" und das "Alte
Atlilied".
Ca.: Beginn der Papiererzeugung in Kairo. Die Araber verwenden als
Grundstoff für die Papiererzeugung Hadern aus Linnen oder Hanf. Sie
haben ein besseres Stampfverfahren (als die Chinesen) sowie die
Stärkeleimung erfunden.
Ca.: Seit dieser Zeit existiert in Mainz eine reiche Judengemeinde.
Ca.: Das Kloster St. Gallen verfügt über fast 2000 Zinsbauern.
903 "Wunder zeigten sich, Sterne fielen gleich [Regen] den größten Teil
der Nacht hindurch. Der Rhein und viele Flüsse Sachsens haben, wie
Schiffer und Müller bezeugten, in derselben Nacht ihren natürlichen
Lauf nicht gehabt. Das war am 27. September." [Annalen von Pöhlde]
904 /906: Die bayerischen Bischöfe, Äbte und Grafen beschweren sich bei König
Ludwig dem Kind wegen zu zahlenden Zöllen und Abgaben. Markgraf Aribo
wird daraufhin beauftragt, eine Befragung über die üblichen Zölle an
der Donau durchzuführen. Zufällig hat sich das Dokument darüber im
Traditionsbuch (Besitzverzeichnis) der Domkirche zu passau erhalten,
nämlich das Raffelstettener Zollweistum: "Diese 41 und die übrigen, die
in diesen drei Grafschaften angesehene Männer waren, wurden nach
abgelegtem Eide vom Markgrafen Aribo in Gegenwart der drei königlichen
Kommissäre in der Versammlung zu Raffelstätten an der Donau nördlich von
St. Florian befragt, und berichteten über die Zollstätten und über die
näheren Umstände der Zolleinhebung, wie sie zur Zeit Ludwigs des
Deutschen und Karlmanns und anderer Könige in durchaus gerechtfertigter
Weise in Übung waren.
s l. Die vom Westen her kommenden Schiffe geben, sobald sie den Passauer
Wald hinter sich haben, zu Rosdorf oder sonstwo anlegen und Handel
treiben wollen - geben zu Zoll l/2 Pfennig.
s 2. Wollen sie weiter hinabfahren, so zahlen sie zu Linz von je einem
Schiffe drei Scheffel Salz, von Sklaven und anderen Waren aber nichts.
Sie genießen dann das Recht, zu landen und Handel zu treiben, bis hinab
zum böhmischen Walde, d. i. bis zur Wachau bei Melk.
s 3. Führt ein Bayer Salz nur für seinen Hausbedarf und bezeugt solches
der Fuhrmann mit seinem Eide, dann zahlen sie nichts, sondern gehen frei
durch.
s 4. Strafe für Schmuggel und Umgehung des Anmeldegebotes beim legittimum
mercatum [rechtmäßigen Handelsverkehr] durch Freie oder Unfreie, nämlich:
Verlust von Schiff und Ware für den Freien, Verhaftung der Sklaven bis
zum persönlichen Erscheinen des Herrn und Vergütung.
s 5. Bayern und Slaven aus Bayern, die um Lebensmittel einzukaufen, den
Zollbereich mit ihren Knechten, Pferden, Zugtieren oder sonstigen
Beförderungsmittel betreten, mögen wo immer zollfrei einkaufen, was sie
brauchen. Passieren sie einen Marktplatz, ohne zu kaufen, so mögen sie
ihn auf der Mitte der Straße gehend unbehelligt durchschreiten und
anderwärts innerhalb des Zollgebietes zollfrei einkaufen, was sie
vermögen. Wollen sie lieber auf selbigen Platz ihre Geschäfte besorgen,
so mögen sie den vorgeschriebenen Zoll zahlen, und nach Gutdünken
einkaufen.
s 6. Salzwagen, welche die Enns auf der gesetzlichen Straße überschreiten,
leisten an der Url bloß einen vollen Scheffel und haben weiter nichts zu
zahlen.
s 7. Die Schiffe aber, die aus dem Traungau kommen, zahlen hier (d.h. an
der Ennsbrücke) nichts, sondern gehen ohne Zins durch. Das ist von den
Bayern zu beobachten.
s 8. Slaven aber, die aus Rugiland [unklar, ob Rußland oder das alte
Land der Rugier in Österreich gemeint ist] oder Böhmen des Handels wegen
kommen und irgend wo am Donauufer oder im Binnenlande bei den Anwohnern
der Rodel und den Riedmärkern Märkte betreten: die zahlen von Honig ein,
von Wachs zwei Mäßchen, deren jedes eineinhalb Pfennig wert sein soll,
von einer Manneslast zahlen sie ein Mäßchen im gleichen Werte. Wollen sie
jedoch Knechte oder Pferde verkaufen, so zahlen sie von einer Magd einen
Drittel Schilling, ebenso von einem Hengst, von einem Knecht 3 Pfennige,
desgleichen von einer Stute.
s 9. Bayern aber und Slaven aus Bayern, die in diesem Gebiet, d.h. in den
Gegenden am linken Donauufer, Handel treiben, zahlen nichts.
s 10. Die von den Salzschiffen, welche bei der Durchfahrt durch den
böhmischen Wald nicht früher landen und Handel treiben dürfen, bevor sie
Eparesburg erreicht haben, zahlen hier von jedem vollwertigen Schiffe,
dessen Bemannung aus drei Leuten besteht, drei Scheffel Salz, und soll
weiter nichts von ihnen erhoben werden. Sondern sie mögen nun nach
Mautern fahren, oder wo sonst Salzmarkt ist, und hier wieder Maut zahlen,
wieder drei Scheffel Salz vom Schiff und nicht mehr. Dann haben sie
völlig freies Handelsrecht, ohne durch den Grafenbann oder sonst irgend
jemanden beirrt zu werden; nur von ihrem Geschäftsinteresse mögen sie
sich leiten lassen.
s 11. Wollen sie in Mähren Handel treiben, so mögen sie nach dem
jeweiligen Marktstande einen Schilling vom Schiff zahlen und frei
ausgehen, bei der Rückkehr ist nichts zu entrichten.
s 12. Woher endlich immer Kaufleute von Beruf, d.h. Juden oder andere
Handeltreibende ["Mercatores, id est Iudei et ceteri mercatores..." D.h.
"Händler" und "Jude" sind Synonyme.] aus Bayern oder aus anderen Ländern
kommen, sollen sie für Sklaven und andere Handelsartikel denselben Zoll
zahlen, der seit jeher unter den früheren Königen eingehoben worden ist."
[Josef Lampel: Untersuchungen und Beiträge zum historischen Atlas von
Niederösterreich. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich
l (1903) S. 22-27. 0riginal: Capitularia regum Francorum. Hrsg. von Albert
Borerius und Victor Krause. Hannover 1897. (MGH Capit. 2.) S. 250-252.]
906 Die Ungarn zerstören das Großmährische Reich und dringen nach
Sachsen und Bayern vor.
Der "Canon Episcopi" weist die Existenz nachtfahrender Frauen im
Gefolge der Diana und die Tierverwandlung von Menschen als als
Vorspiegelung und Einflüsterung böser Dämonen zurück. Der Glaube an
Hexen und die traditionelle Form der Zauberei werden untersagt.
907 Die Bayern unterliegen bei Preßburg den Ungarn; Markgraf Luitpold fällt.
Sein Sohn Arnulf nennt sich "durch göttliche Vorsehung Herzog von Bayern
und der angrenzenden Lande". In dieser Schlacht fällt auch Erzbischof
Theotmar von Salzburg. Die Ausdehnung des Erzbistums Salzburg endet.
In Franken schalten die Konradiner mit Hilfe der vormundschaftlichen
Regierung die Babenberger aus und werden dort zur führenden Familie.
909 /910: Herzog Wilhelm I. von Aquitanien gründet das Kloster Cluny.
910 Ludwig das Kind unterliegt bei Augsburg den Ungarn.
911 Ende der regierung des byzantinischen Kaisers Leo VI. In seiner
Regierungszeit hat er die Tactica, ein Handbuch zur Kriegskunst
verfaßt. Darin werden erstmals im "Westen" genagelte Hufeisen erwähnt.
Erfunden wurden diese aber bereits von den Kelten, doch blieb ihr
Gebrauch bis ca 400 selten.
Ludwig das Kind stirbt, womit die ostfränkische Linie der
Karolinger ausstirbt. Zu Forchheim wird Konrad I. zum König
gewählt. Im Bund mit der Kirche versucht er vergeblich, die großen
Stammesherzöge, insbesondere Heinrich von Sachsen auszuschalten.
Rollo (oder Hrolf, Rolf), ein Stammesfürst wohl dänischer Herkunft,
der von England nach Westfranken gekommen ist und sich um Rouen
niedergelassen hat, erhält nach Raubzügen gegen Nordfrankreich nach
einem mißglückten Angriff auf Chartres von Karl dem Einfältigen die
Seinemündung (-> Normandie) als Lehen, sowie seine Tochter Gisela zur
Frau; Rollo wird Christ und regiert als Herzog Robert I (bis 933). Um
diese Herzogserhebung rankt sich eine Sage, die zwar unglaubwürdig,
aber recht kurios ist: Ein normannischer Krieger in Stellvertretung
von Rollo soll, aufgefordert, des Königs Fuß zu küssen, diesen zu
solchem Zwecke hochgerissen haben, um nicht den Nacken beugen zu müssen,
so daß der König mitsamt dem Thron umgefallen sein soll. "Darüber
entstand ein großes Gelächter im Volk." (Dudo von St.-Quentin).
Hauptstadt der Normandie wird Rouen.
913 "Im Jahr der göttlichen Menschwerdung 913 ein allzustarker Winter."
[Adalberts Fortsetzung von Regino]
914 Rom: Theodora, die Gattin eines römischen Konsuls, erhebt ihren
früheren Geliebten zum Papst, als Johannes X.
Theodoras Tochter Marozia wird Mutter und Großmutter zweier Päpste
werden ("Pornokratie").
915 Es stirbt Regino von Prüm. In seinem Synodalhandbuch werden
"teuflische Lieder" (carmina diabolica) erwähnt, "die das Volk
nächtlicherweise über Tote zu singen pflege".
Die slawischen Obotriten überfallen Hamburg.
Ca.: Zu diesem Jahr berichtet der phantasiebegabte Ademar von
Chabannes (ein Jahrhundert später) von Hungersnot und Kannibalismus.
917 Die Ungarn zerstören Basel.
/919: Herzog Arnulf von Bayern verstärkt seine Hauptstadt Regensburg, indem
er an die beiden westlichen Ecken des römischen Mauergevierts eine große
Mauerschleife anfügen läßt. Diese Arnulf-Mauer prägt den Westteil der
Altstadt bis ins 19. Jh.
918 Konrad I. stirbt.
919 Die Ungarn brennen Gerresheim nieder. Die Äbtissin und ein Teil des
Konvents fliehen nach Köln ins St.-Ursula-Stift. Dadurch geht ein
großer Teil der Rechte am Gebiet des späteren Düsseldorf an den
Erzbischof von Köln.
Heinrich I. wird König (bis 936).
920 "Regnum teutonicum" erstmals erwähnt (oder bereits 918).
926 Die Ungarn greifen das Kloster St. Gallen an. Als sie sich nähern,
legt dessen Abt Engilbert einen Panzer an und darüber Kukulle und
Stola als Zeichen klerikaler Würde. Den kräftigeren Brüdern befiehlt
er, sich ähnlich mit aus Filzstoffen gefertigten Panzern zu rüsten
und Waffen herzustellen. Eine Ansprache gibt es auch noch: "Wir
wollen beten, meine Brüder, daß wir dem Teufel, den wir bislang im
Vertrauen auf Gott mit unseren Seelen bekämpft haben, nun unsere
Fäuste zeigen können." [Ekkehard IV, 51] Das Kloster wird geräumt
und stattdessen ein Platz in der Nähe befestigt (mit Kapelle) - und
behauptet (wahrsch. Waldburg bei Bernhardzell).
Zwar haben die Mönche zuvor ihre Bibliothek ins sichere Kloster
Reichenau geschafft, doch erhalten sie später andere Bücher zurück -
zwar die gleiche Anzahl, aber wahrscheinlich weniger wertvolle.
928 "Ein übermäßig heftiger Winter." [Adalberts Fortsetzung von Regino]
929 Es stirbt der Hl. Wenzel, der Böhmen christianisiert hat.
Weiterhin verstirbt der arabische Astronom Al-Battani. Er hat in die
ptolemäische Astronomie mathematische Verbesserungen eingeführt und
neue Werte für Sonnen- und Mondbewegung und die Neigung der Ekliptik
errechnet und die Bewegung der Apsidenlinie entdeckt. Außerdem hat er
einen berichtigten Sternenkatalog entworfen und Anweisungen für den Bau
astronomischer Instrumente gegeben, darunter einer kleinen Sonnenuhr und
eines Mauerquadranten. Er wird noch im 16. und 17. Jh. zitiert werden,
u.a. von Kopernikus und Kepler.
Slawenaufstand um Wismar.
930 In Norwegen wird mit Recht und Thing die Landnahmezeit beendet.
Begründung des Allthings auf Island (es tagt im Juli). Es ist die
älteste heute noch bestehende parlamentarische Versammlung. Island
wird als eine Art Republik freier Bauerngeschlechter organisiert.
Bis 1030: "Sagazeit" in Skandinavien, d.h. in dieser Zeit handeln die
- erst im 13. Jh. niedergeschriebenen - Sagas.
934 Dänemark verliert Schleswig ans Reich. Heinrich I. zwingt den in
Haithabu herrschenden Schwedenfürsten Knuba, sich zu unterwerfen und
das Christentum anzunehmen.
935 Nach der deutschen Turnierordnung aus dem 15. Jh. soll angeblich
Heinrich I. der Vogler nach einem Sieg über die Ungarn das erste
Turnier veranstaltet haben, mit "2091" berittenen Edelleuten, darunter
72 Fürsten und 34 Grafen. Dies ist freilich nicht belegt.
Raubzug von Sarazenen aus dem südfranzösischen Fraxinetum nach dem
Kloster St. Gallen.
Ca.: Aus dieser Zeit stammt der ältere Runenstein von Jelling in
Nordfriesland. Runeninschriften sind zwar um einiges älter, doch
handelt es sich um eine der ältesten datierten Inschriften.
936 Aus den "Miracula St. Wiperti": "Nachdem in jüngster Zeit die Geißel
der schrecklichen Not über uns durch die Heiden [Ungarn]
hinweggegangen ist, wurde mit königlicher Zustimmung und auf Befehl
der königlichen Fürsten festgesetzt und befohlen, daß die
Versammlungsstätten der ehrbaren Männer und Frauen mit starken
Befestigungen und Mauern umgeben werden."
König Heinrich I. (60) stirbt.
Reichstag zu Erfurt.
Otto I. (24) wird König (bis 973).
937 Erzbischof Adaldag (bis 988) baut das Erzbistum Hamburg wieder auf.
Unter seiner Herrschaft erhält der Ort auch das Marktrecht.
938 In Trier wird das erste deutsche Marktkreuz als zeichen des Marktfriedens
errichtet. Bereits im 9. Jh. hat es bei einem Kloster an der Loiremündung
bereits ein Marktkreuz gegeben. Alle anderen deutschen Marktkreuze reichen
nicht über das 12. Jh. zurück. Später wird die Rolandsfigur die Marktkreuze
(wenigstens teilweise) verdrängen.
939 Widukind stellt zu diesem Jahre fest, daß sich im Heere Ottos I.
einige befinden, die "in gewissem Umfang die französische Sprache zu
sprechen wußten."
944 Flodoard behauptet, in diesem Jahr seien in Deutschland Feuerkugeln
durch die Luft geflogen und hätten Häuser in Brand gesetzt. Man habe
sie mit Weihwasser, Kreuzen und bischöflichen Benediktionen
verscheuchen können.
947 Otto I. läßt ein Bistum in Haithabu gründen.
Erste Erwähnung der Armbrust (Schlacht bei Senlis).
"Als König Otto die Gegend jenseits der Alpen durchzog, erneuerte er zu Mailand
die Münze, deren Stücke noch heute die Ottelinen genannt werden." [Annalen von
Pöhlde]
948 Auf der Synode von Ingelheim können die versammelten Könige Otto I.
aus dem Ostreich und Ludwig IV. aus dem Westreich zwar kein Latein,
doch aber die "teutisca lingua", so daß man ihnen päpstliche Briefe
verdeutscht. [Es ist aber auch möglich, daß dieser Begriff "theutisc"
oder das berühmte "thiudisk" nicht einfach "deutsch", sondern nur
"volkssprachlich" - im Gegensatz zu Latein - bedeutet.]
950 Ca.: Hamburg hat etwa 500 Einwohner.
Ca.: Im Norden entsteht das Heldenepos "Eiriksmál".
954 Adso verfaßt für die westfränkische Königin Gerberga den "Libellus
de Antichristo", worin er bestreitet, daß die Ankunft des Antichrist
nahe ist, was erst der Fall sein solle, wenn sich alle Königreiche vom
Römischen Reich losgelöst hätten. Dies könne nicht sein, solange im
Westfrankenreich noch Könige regierten.
955 10. August: Otto I. besiegt die Ungarn auf dem Lechfeld. Die ungarischen
Heerführer Bulcsú und Lél enden am Galgen. Daran knüpft eine unhistorische
ungarische Sage, nach welcher Lél sich die Gnade erbeten haben soll, noch
einmal in sein Horn stoßen zu dürfen und mit selbigem den deutschen
Kaiser Konrad (nur König und gestorben 918!) erschlagen haben soll - mit
den Worten "Du wirst mir ins Jenseits vorauseilen, um mir dort zu
dienen!"
Slawenaufstand in Mecklenburg und Brandenburg.
957 Fürstin Olga von Kiew läßt sich (orthodox) taufen. (Ihr Nachfolger
ist allerdings wieder heidnisch.)
Ca.: Widukind von Corvey verfaßt seine "Drei Bücher sächsischer
Geschichte".
959 Edgar ("der Friedliche") wird König von England (bis 975; König von ganz
England zu sein ist in diesen Tagen noch nicht selbstverständlich.). Aus
seinem Kanon: "We enjoin, that every priest zealously promote Christianity,
and totally extinguish every heathenism; and forbid well worshipings, and
necromancies, and divinations, and enchantments, and man worshipings, and
the vain practices which are carried on with various spells, and with
"frithsplots" [frith = brushwood; splot = plot of ground, splotch, splash],
and with elders, and also with various other trees, and with stones, and
with many various delusions, with which men do much of what they should not.
And we enjoin, that every Christian man zealously accustom his children to
Christianity, and teach them the Paternoster and the Creed. And we enjoin,
that on feast days heathen songs and devil's games be abstained from."
960 König Harald Blauzahn von Dänemark läßt sich taufen (oder um 950?).
Wibold erfindet ein geistliches Würfelspiel mit 56 "Tugenden".
Ein Thüringer Eremit namens Bernhard predigt das kommende Weltende.
Für Deutschland ist dies ein Einzelfall und wird zudem nur in der
Chronik des Trithemius (gestorben 1516!) erwähnt. Die Vorstellung,
es hätte gegen Ende des 10. Jhs. eine allgemeine Weltuntergangs-
Hysterie gegeben, ist eine frühneuzeitliche Legende. Chiliastische
Äußerungen finden sich im ganzen Mittelalter; sie haben jedoch nicht
mehr Wirkung als andere abergläubische Vorstellungen (was übrigens
Ortega y Gasset bereits 1904 nachgewiesen hat).
962 Viborg (in Jütland) als Handelsort erwähnt.
Otto I. (d. Gr.) wird von Papst Johannes XII. zum Kaiser gekrönt.
965 Pfingsten: Hof- und Reichstag zu Köln.
Der arabische Reisende Ibrahim Ibn Yaqub at Turtusi beschreibt Mainz
als "eine sehr große Stadt, von der ein Teil bewohnt und der Rest
besät ist." (große unbebaute Flächen)
In hamburg stirbt der abgesetzte Ex-Papst Benedikt V. Er wird hier
begraben (bis 999 seine Gebeine nach Rom überführt werden).
966 Otto I. überträgt dem Sachsen Hermann Billung die weltliche Herrschaft
über Hamburg.
In einer Urkunde Ottos I. erscheint erstmals der Name "Bruocsella" (d.h.
Siedlung in den Sümpfen), das spätere Brüssel.
967 Thronfolger Otto (II.) erhält bereits jetzt die Kaiserkrönung.
968 In Kalabrien werden Angehörige des deutschen (bzw. ostfränkischen)
Heeres von einer Sonnenfinsternis dermaßen erschreckt, daß sich einige
unter Weinfässern, andere unter umgestürzten Karren oder Kisten
verstecken. Der Bischof von Lüttich versucht vergeblich, ihnen den
natürlichen Charakter der Finsternis zu erklären und beklagt sich über
die Unvernunft so vieler tapferer Krieger: Menschen, die sich so sehr
fürchten, werden nicht von den Feinden gefürchtet, in deren Mitte sie
sich befinden.
Ca.: "Res gestae saxonicae" von Widukind von Corvey, in Nachahmung
Sallusts.
970 Ca: Abu'l Wefa, Astronom an der Sternwarte zu Bagdad, fördert die
Trigonometrie; Einführung des Tangens.
Bis ca. 980: Catroe (später St.) gründet das Kloster Metz.
972 Gründung der Universität Kairo.
973 Es stirbt Bischof Udalrich von Augsburg (bald danach kanonisiert),
der die Spielleute gefördert hat und sie an christlichen Hoffesten
hat teilnehmen lassen.
Gerhard verfaßt die "Miracula Sancti Oudalrici," worin genagelte Hufeisen
als allgemein gebräuchlich erwähnt werden. Später sind dann aus dem 12.
und 13. Jh. Anordnungen für die Produktion großer Mengen von Hufeisen
überliefert.
Anfang April: Otto verlegt seine Residenz von Quedlinburg nach Merseburg.
Eine arabische Gesandtschaft des Kalifen al-Hakam II. von Cordoba,
geführt von Sidi Ibrahim ben Achmed at-Tartuschi trifft in Merseburg
ein, am Hofe des "römischen Königs Huto" (Otto). Auf dem Rückweg kommt
at-Tartuschi über Soest, Paderborn und Fulda nach Mainz. Hier erhalten
die Gesandten von einem Kaufmann etwa 60 Jahre alte Münzen aus
Samarkand. Und: "Seltsam ist auch, daß es dort Gewürze gibt, die nur
im fernsten Morgenlande vorkommen, während Mainz im fernsten Abendland
liegt, z.B. Pfeffer, Ingwer, Nelken, Spikanarde, Costus- und
Galgantwurzel." Sie berichten aber auch noch anderes: "Aber du siehst
nichts Schmutzigeres als sie! Sie reinigen und waschen sich nur ein-
oder zweimal im Jahr mit kaltem Wasser. Ihre Kleider aber waschen sie
nicht, nachdem sie sie angezogen haben, bis daß sie in Lumpen
zerfallen."
Otto I. (61) stirbt zu Memleben. Nachfolger wird Otto II., der die
Kaiserwürde bereits 967 empfangen hat (bis 983).
974 "In diesem Jahre war der Winter lange strenge und trocken, und es fiel
viel Schnee herunter." [Thietmar]
Otto II. besiegt Harald Blauzahn von Dänemark. Von diesem Kriegszug
berichtet Thietmar: "Auf diesem Zuge wurden die ersten Äußerungen
bösen Spottes gegen die Geistlichen laut; übles Volk gebraucht sie
heute noch...Meinen auch viele ihren Spott nicht ernst, so bleibt er
doch immer eine häßliche Sünde..."
975 Otto II. gründet die Mark Schleswig.
Der Erzbischof von Köln erhält das Zollrecht.
Ca.: In Lothringen verbreitet sich das Gerücht, das im Jahre 992 die
Welt untergehen würde, weil dann Mariä Verkündigung und der
Karfreitag zusammenfielen.
Ca.: Entstehung der älteren Vita der Königin Mathilde (Gattin
Heinrichs I.), teilweise eine Geschichte der Vorfahren Ottos II.
976 Aus diesem Jahr stammt das älteste europäische Dokument, welches die
indischen ("arabischen") Ziffern enthält. Bis zu ihrer eigentlichen
Verwendung werden noch einige Jahrhunderte vergehen.
979 Herzog Karl von Niederlothringen läßt aif der St. Goorik-Insel eine Burg
und eine St. Goorik (Gaugerich, Géry) geweihte Kapelle errichten. Es
gilt als offizielles Gründungsdatum von Brüssel. Die entstehende Siedlung
mit Flußhafen treibt bald (um die Jahrtausendwende) bereits Handel mit
London.
980 Ca.: Auf dem Berg Nôtre-Dame südlich von Soissons in der Kirchenprovinz
von Reims wird eine Reformsynode abgehalten. Es werden Klagen gegen die
Mönche geführt: "Wie es verlautet, ist die alte Zucht eurer
Lebensordnung über die Maßen von der alten Ehrbarkeit abgewichen. Denn
in der Handhabung der Regel selber seid ihr unter euch uneins." Es wird
der Vorwurf gemacht, daß einige Mönche allein reisen, andere
goldgeschmückte Hüte mit fremdem Pelz, kostbare Gewänder und enge,
blankgeputzte, modische Schnabelschuhe (!) mit Ohren an beiden Seiten
tragen. "Sie tragen gern um einen hohen Preis gekaufte Röcke mit weiten
Ärmeln und großen Falten und ziehen sie um den Leib so fest zusammen,
daß die eingeschnürten Hüften den Hintern hervortreten lassen und man
sie von hinten eher für Dirnen als für Mönche halten könnte." (Richer
von Reims, S. 36ff.) Wieder andere sollen Bettücher aus Leinen benutzen
und Hosen aus so feinem Gewebe tragen, daß sie nicht einmal die
Schamteile schützen. Nachdem der Erzbischof von Reims solche Mißstände
verbietet, sollen sich die Verhältnisse gebessert haben. Aber gerade
der Berichterstatter selbst, der Mönch Richer aus dem Kloster St. Remi
zu Reims, welcher die Reformen begrüßt, berichtet an anderer Stelle
zwanglos und geschwätzig von seiner ereignisreichen Reise nach Chartes,
wo er Handschriften einsehen wollte, obwohl Benedikt ausdrücklich
verfügt hatte, daß Mönche das Kloster nur in Ausnahmefällen verlassen
dürfen und nach ihrer Rückkehr um Verzeihung für alle Fehler bitten
müssen, jedoch niemandem von ihren Erlebnissen erzählen dürfen.
Ca.: Baubeginn des Mainzer Doms.
Ca.: Der Sklavenhandel in Verdun hört auf. Es waren slawische
Kriegsgefangene, über Magdeburg und Köln nach Verdun geschafft, dort
verschnitten und als Leibwächter an die Kalifen von Cordoba verkauft
worden.
982 Der Kaisertitel lautet jetzt "Imperator Romanorum Augustus" (zuvor
nur "Imperator Augustus").
Erik der Rote entdeckt von Island aus Grönland.
983 Großer Slawenaufstand zwischen Ostsee, Elbe, Spree und Oder.
Die slawischen Obotriten zerstören Hamburg samt Kirche und Schule.
Es stirbt Abt Rudolf von St. Remi. Er hat zu Lebzeiten geklagt, daß
manche "Mönche bis zu den Ohren reichende Mützen und kostbare,
farbige Kleidung trügen, ihre Kutte viel zu eng schnüren und weite
Hosen aus feinem Gewebe, die kaum die Schamteile vor Blicken schützten,
sowie enge Schnabelschuhe mit Ohren an den Seiten trügen". Lokale
Entwicklung oder Vorzeichen auf das 11. Jh.?
Tod Ottos II. (28); ihm folgt Otto III. (dreijährig; bis 1002). Seine
byzantinische Mutter Theophano führt die Regentschaft (bis 991).
984 Brüssel erhält Reliquien: Die Gebeine der Hl. Ursula (aus dem Geschlecht
der Pippiniden, gest. 712) werden in die Goorikskapelle überführt.
987 Hugo Capet wird König des Westfrankenreichs (bis 996). Mit seinem
Vorgänger Ludwig dem Faulen sind die Karolinger ausgestorben. [Ab
hier wird in diesem Text das westfränkische Reich als Frankreich
bezeichnet, wobei die Diskussion über den Übergangszeitraum hier
ausgelassen wird.]
"Im Winter desselbigen Jahres richteten eine Überschwemmung und ein
gewaltiger Sturmwind großen Schaden an. Danach brachte eine allzugroße
Hitze den Früchten großen Nachteil, und eine wütende Sterblichkeit raffte
sehr viele Menschen hinweg." [Thietmar]
Winter auf 988: "Und im folgenden Winter waren große Überschwemmungen,
und ein ungeheuerer Sturmwind warf viele Gebäude zu Boden." [Quedlinburger
Annalen]
988 "Sehr heftige Sommerglut." [Lambert von Hersfeld]
"Die entsetzliche Glut des Sommers vernichtete fast alle Früchte.
Danach folgte eine große Sterblichkeit unter den Menschen." [Quedlinburger
Annalen]
989 "Es erschienen Kometen und diesen folgte eine große Pest unter den
Menschen und dem Vieh und besonders unter den Rindern." [Quedlinburger
Annalen]
Wladimir von Kiew läßt sich taufen.
990 "Am 21. Oktober in der fünften Stunde des Tages geschah eine
Sonnenfinsternis." [Quedlinburger Annalen]
991 "Feuer stieg vom Rhein auf und verzehrte die nächsten Weiler." [Lambert
von Hersfeld]
Es stirbt Theophano, die Mutter Ottos III.; die Regentschaft
führen nun seine Großmutter Adelheid und Willigis, der Erzbischof
von Mainz (bis 995).
992 In Le Mans kommt es zu einem Prozeß: Ein konvertierter Jude hat in
der Synagoge ein vergrabenes Wachsabbild des Grafen Hugo III: von
Maine "gefunden" und gibt an, seine früheren Glaubensgenossen hätten
diese Puppe immer wieder durchbohrt, um den Grafen durch solche
Zauberei ums Leben zu bringen.
993 "In der Nacht des Tages des heiligen ersten Märtyrers Stephan, das ist
am 26. Dezember, sahen wir ein früher unerhörtes Wunder, nämlich um den
ersten Hahnenschrei ein so starkes Licht im Norden glänzen, daß viele
meinten, der Tag breche an. Es stand aber eine volle Stunde, dann
wurde der Himmel ein wenig rot und nahm wieder die gewöhnliche Farbe an."
[Quedlinburger Annalen]
/994: "Der vorhergehende Winter war voll rauher Witterung und Pestilenz
und strenger Kälte und Orkane und ungewöhnlicher Trockenheit." [Thietmar]
994 "Ein überaus strenger Winter begann am 3. November [993] und hielt, nur
an wenigen Tagen unterbrochen, an bis zum 5. Mai; darauf weheten
verderbliche und kalte Winde und in sehr vielen Nächten fiel statt des
Taues ein winterlicher Frost herab. Zuletzt kam noch am 7. Juli große
Kälte und die Flüsse trockneten aus und es war so großer Regenmangel, daß
in den meisten Teichen die Fische starben und auf dem Lande sehr viele
Bäume vollständig verdorrten und die Früchte und der Flachs verdarben.
Es folgte auch ein großes Sterben unter Menschen, Schweinen, Rindern und
Schafen; an vielen Orten wurden die Wiesen so dürr, als wären sie von
Feuer versengt. (...) Auch war in diesem Jahr große Hungersnot in
mehreren Gegenden Sachsens" [Quedlinburger Annalen]
Italien: Die Araber zerstören das Kloster Monte Cassino. Es wird erst
in 72 Jahren wiederaufgebaut werden.
In Aquitanien wütet das Antoniusfeuer ("mal de Saint-Antoine" oder
"mal des ardents") Dazu Radulf Glaber: "...ein verborgenes Feuer, das
diejenigen Gliedmaßen verdorren ließ und vom Körper trennte, die es
befiel. Eine Nacht genügte ihm, um seine Opfer zu verzehren...Und
hierauf kehrte der Hunger zurück."
995 "Für die Sachsen begann ein noch schlechteres Jahr, als das vorige.
Denn unter denen, welche Osterleute heißen, brach eine so große
Pestilenz aus, daß bei ihnen nicht nur Häuser, sondern sogar sehr viele
Dörfer leer standen, da die Bewohner gestorben waren. Außerdem wurden
sie von Hungersnot arg gedrückt und von so häufigen Einfällen der
Sclaven heimgesucht, daß von ihnen, zur Strafe ihrer Sünden, mit Recht
jenes Wort des Propheten gesagt zu sein scheint: "Ich will drei schwere
Plagen, Pestilenz, Schwert und Hunger unter sie schicken." (...)
Im Gebiete der Halverstädter Kirche zu Hordorp wurde ein Kind geboren,
welches unterhalb des Hintern keinen Körper hatte, weder Schenkel noch
männliches oder weibliches Glied, sondern nur als ein halber Mensch,
den Hintern nach Art der Vögel, doch ohne Federn, das rechte Ohr größer
als das linke und ebenso das rechte Auge größer als das linke, die Zähne
von häßlicher gelber Farbe; am linken Arme war es gesund, doch ohne vier
Finger, allein mit dem Daumen, der rechte Arm fehlte ganz. Dieses
entsetzliche Ungeheuer sah vor der Taufe mit den Augen bestürzt umher,
nach der Taufe aber öffnete es die Augen nicht mehr und starb am vierten
Tage nach der Geburt. - Ein allgemeiner Verlust widerfuhr ganz Germanien
durch die Krankheit der Schweine und Rinder." [Quedlinburger Annalen]
Olaf I. Tryggvason wird König von Norwegen und läßt sich taufen.
996 Isländische Siedler kommen nach Grönland.
Gregor V. wird der erste deutsche Papst (bis 999).
Otto III. (16) wird zum Kaiser gekrönt. Er gewährt dem Erzbischof
Hartwig von Salzburg die Errichtung eines täglichen Marktes in der
Stadt Salzburg und die Prägung von Münzen nach Regensburger Vorbild.
Frankreich: Hugo Capet stirbt.
997 Stephan I. (der Heilige) wird König von Ungarn. Sein Krönungsmantel
ist die älteste erhaltene mittelalterliche Stickerei.
998 "Im Monat Juli geschah ein entsetzliches Erdbeben in ganz Sachsen und
zwei feurige Steine fielen aus dem Donner, einer in der Stadt Magdeburg
selbst, der andere jenseits des Flusses Albia. Das ungewohnte Herabfallen
solcher Steine wies sämtlichem Volke drohend schreckliches Verderben,
welches wir in den Folgezeiten deutlich erscheinen sahen, damals nämlich
als die Welt von drei Schlägen der unheilbaren Plage bis in das Innerste
erschüttert, so zu sagen selbst die Lebenskraft verlor." [Quedlinburger
Annalen]
Es stirbt der arabische Mathematiker und Astronom Abu'l Wefa.
999 Ein Mönch der Abtei von Saint-Benoit-sur-Loire notiert: "Man hat mir
berichtet, daß die Priester von Paris das Ende der Welt im Jahr 994
angekündigt haben. (...?) Sie sind Narren. Man muß nur die Heilige
Schrift aufschlagen, die Bibel, um zu sehen, was Jesus gesagt hat, daß
wir nämlich weder den Tag noch die Stunde wissen. Die Zukunft
vorauszusagen, das schreckliche Ereignis, auf das alle warten, geht
gegen den Glauben." Dies ist das einzige Zeugnis für die "Schrecken des
Jahres 1000" (die eine Legende des 19. Jhs. sind!). Vgl. 1033.
Tod von Papst Gregor V. Otto III. macht Erzbischof Gerbert von
Reims als Sylvester II. zum neuen Papst, der sich mit Mathematik,
Astronomie und Musik beschäftigt. Otto hat vor, von Rom aus einen
christlichen Universalstaat zu regieren.

10. Jh. Erfindung der Nockenwelle.
Mitte: Die Siedlung im Odenwald erfaßt nun auch die Buntsandsteintäler.
In der südlichen Rhön (westlich von Bad Kissingen) werden,
vielleicht durch den Bischof von Bamberg, Slawen angesiedelt.
Ende der ersten europäischen Rodungsperiode; es kommt zu einem
gewissen Stillstand - abgesehen von den bayerischen Rodungen
in der 2. Hälfte (St. Emmeran, Geisenfeld, Niederaltaich).
Mitte: Systematische Anwendung der Plaggenwirtschaft (Eschkultur)
Bis Mitte des 10. Jhs. verwendet die päpstliche Kanzlei den 25. Dezember
als Jahresanfang. Danach (bis 1088) wird daneben auch der calculus
Florentinus benutzt, nach welchem das Jahr am 25. März (nach unserem
Jahresanfang) beginnt.
auf armen Geestböden des nördlichen Mitteleuropa.
2. Hälfte: Text eines weitverbreiteten Segensgebetes für ein Schwert:
"Erhöre, so bitten wir dich, Herr, unsere Gebete und mache dieses
Schwert deiner wert, womit dein Diener N.N. sich zu umgürten wünscht,
indem du es mit der rechten Hand deiner Majestät segnest, damit es
zur Verteidigung und zum Schutze von Kirchen, Witwen, Waisen und
allen, die Gott dienen, gegen die Wildheit der Heiden gereichen kann,
und damit es anderen Feinden Angst, Schrecken und Entsetzen einflößt."

Die eiserne Pflugschar kommt in Gebrauch, welche den Boden waagerecht
schneidet und anhebt, bevor ihn das Streichbrett zur Seite drückt.
Vorher gab es nur Pflugmesser, die den Boden senkrecht schnitten.
Ende 10. Jh.: Steigende Verwendung von Pergament in nichtkaiserlichen
byzantinischen Urkunden.

1000 "1000 fand der Kaiser die Gebeine Karls des Großen, welche den meisten
bis dahin unbekannt gewesen waren, zu Aachen." [Lambert von Hersfeld]
Oder 1001: Zu Weihnachten wird Großfürst Stephan (István) I. von Ungarn
mit einer von Papst Sylvester II. gesandten Krone zum ersten ungarischen
König gekrönt. Er schafft bald einen christlichen Feudalstaat nach
westlichem Vorbild.
Breslau wird Bischofssitz.
Ca.: Beginn des Abstiegs von Haithabu.
Ca.: Island und Grönland führen das Christentum ein.
Ca.: Einrichtung des Erzbistums Gnesen mit drei Diözesen in Polen und
Schlesien.
Ca.: Blütezeit des Einsiedlerwesens, besonders in Italien.
Ca.: Spätestens jetzt bestehen Handelsverbindungen von Köln und Tiel
mit London. (Köln führt von dort Wolle ein.)
Ca.: Entstehung des "Völuspa" ("Der Seherin Gesicht") auf Island.
Ca.: Schätzungen für die Bevölkerung Europas:
Gesamt: 23,7 Mio; Iberische Halbinsel: 7 Mio; Frankreich: 6 Mio;
Italien: 5 Mio; Britische Inseln: 1,7 Mio; Deutschland und
Skandinavien: 4 Mio. [J. C. Russel, Bevölkerung. In: Lexikon des
Mittelalters 2, 1983, Sp. 14] Die größte deutsche Stadt ist Köln mit
etwa 10000 Einwohnern.
Ca.: Der Rammelsberg bei Goslar wird aufgetan.
Ca.: "Um das Ende des tausendsten Jahres lebte in Gallien in einem
Dorf namens Vertus im Gebiet von Chalons ein gewöhnlicher Mensch
namens Leutard, den man, wie der Ausgang der Sache erwiesen hat, für
einen Abgesandten Satans halten konnte. Sein hartnäckiger Wahnsinn
brach folgendermaßen aus. Er hielt sich einmal allein auf dem Acker
auf, um Feldarbeit zu tun. Von der Mühe erschöpft, schlief er ein,
und es kam ihm so vor, als dringe durch die geheimen Öffnungen seines
Leibes ein großer Bienenschwarm in seinen Körper ein. Er brach mit
großem Getöse durch seinen Mund wieder aus und beunruhigte ihn mit
zahlreichen Stichen. Und als er ihn lange sehr damit gequält hatte,
schienen die Bienen zu ihm zu sprechen und viel Menschenunmögliches
vorzuschreiben, was er tun solle. Endlich stand er zermürbt auf und
kam nach Hause. Dort verließ er seine Frau und vollzog angeblich
nach der Vorschrift des Evangeliums die Scheidung. Dann ging er
hinaus, wie um zu beten, betrat die Kirche, packte das Kruzifix und
zerschlug das Bild des Erlösers. Alle, die das sahen, wurden von
Entsetzen gepackt und glaubten - was auch zutraf -, er werde
wahnsinnig. Er selbst aber brachte ihnen die Überzeugung bei - Bauern
sind ja wankelmütig -, daß er all dies aufgrund einer wunderbaren
Offenbarung Gottes vollbringe. Er strömte nun über von allzu vielen
Reden, die weder Nutzen noch Wahrheit enthielten; er wollte als Lehrer
auftreten und ließ (das Volk) dabei vergessen, was der Meister gelehrt
hatte. Denn er sagte, den Zehnten zu geben, sei in jeder Hinsicht
überflüssig und unnütz. Und wie sich andere Ketzereien, um möglichst
behutsam zu täuschen, mit der Heiligen Schrift bemänteln, selbst wenn
sie zu ihr in Widerspruch stehen, so behauptete auch dieser Mann,
die Propheten hätten teils Nützliches, teils Unglaubliches erzählt.
Er gewann damit das Ansehen eines vernünftigen und frommen Mannes
und zog in kurzer Zeit eine beträchtliche Menge Volkes an. Der greise
Bischof Gebuin, ein grundgelehrter Mann, in dessen Bistum Leutard
lebte, erfuhr von der Sache und ließ ihn herbeischaffen. Er fragte
ihn nach allem, was man über seine Reden und sein Verhalten berichtet
hatte. Da begann Leutard, sein nichtsnutziges Gift zu verbergen, und
wollte nicht merken lassen, daß er Belege aus der Heiligen Schrift
heranzog. Der höchst scharfsinnige Bischof hörte heraus, daß das nicht
zusammenstimmte, vielmehr schädlich und verdammenswert war. Er legte
dar, daß der Mann zu einem wahnsinnigen Ketzer geworden sei, brachte
das zum Teil getäuschte Volk von dem Wahnsinn ab und festigte es noch
gründlicher im katholischen Glauben. Jener aber sah sich besiegt und
von der Volksgunst im Stich gelassen und ertränkte sich in einem
Brunnen." [Radulf Glaber] Vgl. 591.
Ca.: Entstehung des "Modus Ottinc", eines Preisliedes auf Otto III.
Ca.: Die Benediktinerabtei St. Emmeran bei Regensburg besitzt eine
goldene Wasseruhr (clepsydra). Diese Geräte bleiben nördlich der
Alpen selten, nicht zuletzt, weil sie im Winter einfrieren.
Ca.: Konstanze von Aquitanien wird in Begleitung mehrerer
südfranzösischer Herren ihrem Bräutigam König Robert von Frankreich
zugeführt. In Paris erregen ihre Begleiter Anstoß, weil sie "nach
Art der Spielleute" rasiert und kurzgeschoren sind. (Daß Spielleute
wie Unfreie kurzgeschoren sind, ist nicht für das gesamte Mittelalter
verbindlich. )
Ca.: In Frankreich wiegt der Silberdenar nur noch 1,5 Gramm (um 820 noch
fast zwei Gramm), obwohl die Münzen immer noch aus Feinsilber bestehen.
Gewissenlose Grundherren bringen bereits Fälschungen mit minderem
Feingehalt heraus, die nur von professionellen Geldwechslern erkannt
werden können. Der Geldumlauf wird durch die Hortung von Silber, meist
in Form von Kunstgegenständen gestört.
1001 Otto III. belagert Tivoli. Hier findet sich ein Beispiel für
mittelalterliche Konfliktaustragung. "Am anderen Tage kehrten die
Bischöfe zum Kaiser zurück, gefolgt von einem denkwürdigen Triumphzug.
Denn alle angesehenen Bürger der Stadt folgten ihnen, nur mit einem
Lendenschurz bekleidet, in der Rechten ein Schwert und in der Linken
eine Rute tragend und bewegten sich so zum Palast. Dem Kaiser seien sie
mit Hab und Gut verfallen, nichts ausbedungen, nicht einmal das nackte
Leben; wen er für schuldig halte, möge er mit dem Schwert hinrichten,
oder wenn er Mitleid üben wolle, am Pranger mit Ruten ausstreichen
lassen. ... Der Kaiser war voll des höchsten Lobes für die
Friedensstifter, den Papst und Bischof Bernward, und schenkte auf ihre
Bitten den Schuldigen Verzeihung." (Thangmar, Leben des Hl. Bernward,
Bischof von Hildesheim) Dieses Beispiel zeigt einen verbreiteten
mittelalterlichen Mechanismus der Konfliktbewältigung: Durch Vermittler
wird eine Partei zum Einlenken bzw. zur Unterwerfung überredet, wobei
die jeweils andere Partei zur Milde bzw. zu Gegenleistungen verpflichtet
ist. (Vgl. 1133)
1002 Die Araber bringen die Pomeranze nach Sizilien.
Otto III. (22) stirbt.
König wird Heinrich II. (29; bis 1024).
1003 "Als das dritte Jahr nach dem Jahr tausend ins Land zog, wurden fast
auf der ganzen Erde, vornehmlich aber in Italien und Gallien, die
Kirchen umgebaut; nicht etwa wegen Baufälligkeit - die meisten waren
sogar recht gut erhalten -, sondern weil jede christliche Gemeinde,
von glühendem Wetteifer erfaßt, eine noch prächtigere besitzen wollte
als die Nachbargemeinden. Es war geradezu, als schüttele die Welt ihr
Alter ab und legte allenthalben einen weißen Mantel von Kirchen an.
Damals wurden fast sämtliche Kirchen der Bischofssitze, die den
verschiedenen Heiligen geweihten Klosterkirchen, ja selbst die
Dorfkirchlein von den Gläubigen schöner wiederaufgebaut." [Radulf
Glaber]
Ca.: Entstehung der jüngeren Vita der Königin Mathilde (Gattin
Heinrichs I.), welche die bayerische Linie der Ottonen verherrlicht,
der Heinrich II. entstammt.
Ca.: In Umbrien will das Volk den Einsiedler St. Romuald totschlagen,
um seine Gebeine nicht zu verlieren.
1004 "Im selbigen Jahre kamen Blitze und Donner zusammen mit starkem und
furchtbarem Wirbelwinde und erschreckten in allen Landen die Völker."
[Quedlinburger Annalen]
"Beklagenswerte Feuersbrunst zu Papia (Pavia)" [Lambert/Hersfelder Annalen]
Ca.: Tod Widukinds von Corvey.
1005 /1006: Hungersnot.
1006 "Gewaltige Hungersnot." [Lambert/Hersfelder Annalen]
Seit 1006 gibt es am Niederrhein arge Fehden zwischen zwei
Grafengeschlechtern (die einen sind die Billunger).
1007 In Frankreich finden Judenverfolgungen statt.
1008 "Am 8. April, dem Montage der Osterwoche, wurde ein Stern mitten am Tage
erblickt." [Quedlinburger Annalen]
König Olaf von Schweden wird getauft.
Bis 1025 (oder 1030): Abfassung der Quedlinburger Annalen.
1009 Das Konzil von Anham (England) verordnet: Wenn Hexen, Zauberer oder
Wahrsager sich irgendwo finden, so sollen sie aus dem Lande gewiesen
werden, wenn sie sich nicht bessern.
"Eine plötzliche und in unserer Zeit ungewöhnliche Überschwemmung
geschah am 11. Januar, einem Montage, dem zehnten Monde, welche vielen
Schaden brachte und in ihrer Wut sieben Tage anhielt. (...)
Am Palmsonntage fielen an einigen Orten Blutstropfen auf die Kleider der
Leute. Am 29. April, einem Freitage, am Neumonde verwandelte sich die
Sonne in schrecklichem Nebel und schauerlicher Färbung, und da sie
blutig und kleiner als sonst erschien, jagte sie den staunenden Augen der
Zuschauer Schrecken ein; nachdem sie an zwei Tagen also gedroht, war sie
am dritten Tage kaum mit ihrem eigentümlichen Lichte ausgestattet.
Schwere Pest und Sterben folgten darauf. (...)
Zu Mainz wurde die neue Basilika mit allen dazu gehörigen Baulichkeiten
elendiglich vom Feuer verzehrt, so daß allein die alte Kirche übrig
blieb, am Montage dem 29. August, am sechsten Monde. Donner und Blitzen
geschah oft in der Zeit des Winters." [Quedlinburger Annalen]
"1009 geriet die Hauptkirche in Mainz, welche Willigis erbaut hatte,
gerade am Tage ihrer Einweihung in Brand." [Lambert von Hersfeld]
Ca.: Es stirbt der arabische Astronom Ibn Junis; auf der für ihn
gebauten Sternwarte hat er die "Hakimitischen Tafeln" (nach seinem
Herrn Kalif Hakim) geschaffen und den Gnomon als Beobachtungsinstrument
verbessert; sein Werk "Über die Figur der Schneidenden" ist die erste
selbständige Darstellung der Trigonometrie.
1010 "Die Basilika zu Vongerestorp ging durch einen Blitz schrecklich unter.
Auch erschienen Kometen." [Quedlinburger Annalen]
Ca.: Brüssel erhält eine Mauer, über deren Material allerdings keine
Informationen vorliegen.
1011 Der englische Bischof Alphege wird von den Dänen erschlagen. Aus
seinem Besitz stammt die älteste erhaltene tragbare Sonnenuhr des
Mittelalters (1936 in der Kathedrale von Canterbury gefunden).
"Pest und Sterben wüten mit unerhörter Heftigkeit unter allen Völkern
und verwüsten Klöster, Burgen und Städte. Der Winter war von
ungewöhnlicher Strenge der Kälte und unbequem lang, so daß lange
Zeit das Eis von der Wärme der Sonne ungeschmolzen blieb und viele
Menschen schwachen Körpers wurden. (...) In demselben Jahre fielen
am 30. Juli, einem Montage, am 26. Monde große und staunenswerthe
Hagelkörner." [Quedlinburger Annalen]
1012 "In einem Dorfe des sächsischen Schwabens, Namens Kokstede (Kochstedt
im Kreis Aschersleben) wurden Zwillingsbrüder mit Zähnen geboren und
einem Munde wie Vögel, der eine aber hatte nur die Hälfte des rechten
Armes gleich dem Flügel eines Vogels. Am dritten Tage nach der Geburt
sollen sie unter einander gelacht haben. Auf Beschluß der Bürger ließ
man sie sterben, weil ihr längeres Leben für alle ein Schrecken war.
In demselben Jahre wird in Franken, aber nicht weit von Köln, einem
Manne eine furchtbare Strafe elendiglichen Todes auferlegt, da er von
Mäusen auf unglaubliche Art unsichtbar zerfressen trotz der vielfachen
Bemühungen der Seinen zum Ende kam. Auch ereignete sich in den nördlichen
Ländern eine große Niederlage und Verwüstung in einer Landschaft durch
die Seeräuber, so daß viele getötet, andere elend gefangen wurden und
kaum wenige, da noch dazu die Häuser der meisten mit dem Eigentum
verbrannt waren, fast nackt entkamen. Hier und da geschahen Erdbeben.
In diesem Jahre geschah auch am 10. August ein Tosen der Luft mit
Donner und Blitz und so großen Regengüssen, daß es großen Schaden tat,
da es zwei Tage lang wütete, und viele Häuser mit dem Hausgerät wie auch
die aufgehäufte Frucht zerstörte und selbst Menschen in Gefahr gerieten."
[Quedlinburger Annalen]
Romuald von Ravenna stiftet den Orden der Camaldulenser.
Köln erhält eine Synagoge.
Wahrscheinlich in diesem Jahre bekennt sich ein Geistlicher, der
zum Gefolge des Herzogs Konrad (von Kärnten?) gehört, offen zum
jüdischen Glauben. Daraufhin wird die Judengemeinde von Mainz für
kurze Zeit vertrieben.
Bis 1023: Entstehung des Bußbuches des Bischofs Burchard von Worms.
Angelehnt an römische Traditionen werden hier Fragen speziell an
Frauen gestellt, aus welchen sich etliche abergläubische Vorstellungen
erkennen lassen:
Wenn es lange nicht geregnet hat, so finden sich Frauen zusammen und
lassen durch ein nacktes Mädchen eine Melissenpflanze samt Wurzel aus
der Erde reißen und zwischen dem kleinen und dem nächsten Zeh
einklemmen, daß das Kraut gleichsam aus dem Fuß herauswuchs. Alsdann
wird das Mädchen an einen Fluß geführt, mit Wasser besprengt und
rückwärts an den Ort zurückgeführt, wo die Melisse ausgegraben wurde.
Hat eine Frau Sorge, daß ihr Mann sie nicht mehr liebt, läßt sie sich
nackt mit Honig bestreichen und wälzt sich in einer Mulde, die mit
Getreidekörnern gefüllt ist. Schließlich werden die Körner abgeschabt
und in einer rückwärts laufenden Mühle gemahlen. Das daraus hergestellte
Brot bekommt der Mann zu essen. Ähnlich kann die Frau in einem Gewässer
baden und danach einen Fisch daraus kochen und dem Manne vorsetzen.
Die Frauen sollen auch Bienen aus der Umgebung auf ihr Grundstück holen
oder bei Nachbarn reichlich fließende Milch zu sich bringen können.
"Hast du getan, was gewisse Frauen zu tun pflegen, jene, die schreiende
Kinder haben? Sie graben Erde aus und durchstoßen sie zum Teil. Durch
diese Öffnung ziehen sie das Kind und sagen so, daß das Geschrei dem
Schreienden von diesen weiche."
"Hast du getan, was Gewisse tun, wenn sie einen Kranken besuchen, wenn
sie sich dem Haus nähern, wo der Kranke liegt? Wenn sie irgendeinen
Stein daneben finden, schieben sie diesen zur Seite und forschen an
dem Ort, wo der Stein lag, ob dort irgend etwas darunter ist, das
lebt. Wenn sie dort einen Brummer oder einen Käfer oder eine Ameise
finden oder irgend etwas, das sich bewegt, versichern sie, daß der
Kranke gesund wird. Wenn sie aber nichts finden, das sich bewegt,
sagen sie, daß er sterben wird."
"Glaubst du, was Gewisse zu glauben pflegen, wenn sie es nötig haben,
vor Sonnenaufgang das Haus zu verlassen? Sie wagen es nicht; denn sie
sagen, vor dem Schrei des Hahns sei es nicht erlaubt hinauszugehen.
Es sei eine Gefahr, weil böse Geister vor dem Hahnenschrei Gewalt zu
schaden haben, mehr als später. Und der Hahn mit seinem Ruf vermag
diese zurückzutreiben und zu beruhigen, mehr als der göttliche Geist,
welcher im Menschen wirkt aufgrund seines Glaubens und aufgrund des
Kreuzzeichens."
1013 "Eine schreckliche Finsternis bei einem heftigen Unwetter erschreckte
plötzlich die Leute, ihr folgten Krachen und Feuer, welche an einigen
Orten die Kirchen zerstörten und andern großen Schaden taten, Freitags,
15. Mai, am Neumonde. (...)
Auch in diesem Jahre geschah eine starke Bewegung in der Luft, so daß an
vielen Orten Häuser einstürzten und einige kostbare Dinge vom Blitz
getroffen und vernichtet wurden. Auch öffnete sich auf dem Lüneburger
Berge eine fürchterliche Erdspalte, welche der Kirche selbst den
Einsturz drohte und den von Furcht ergriffenen Einwohnern für den
Augenblick alle Hoffnung auf diesen Zufluchtsort nahm." [Quedlinburger
Annalen]
1014 "Wiederum kam eine Überschwemmung. (...) Auch flößten in diesem Jahre
Sonne, Mond und andere Gestirne durch traurige Zeichen Furcht ein, denen
bald gräßliche Pestilenz und plötzliches Sterben folgten. (...)
In den westlichen Ländergebieten, in Walachri und Flanderi, ereignete
sich am Mittwoch, dem 29. September, eine traurige und sehr
staunenswerthe Sache. Es erschienen schreckliche Wolken, welche drei
Nächte lang wunderbarer Weise ganz unbeweglich denen, die es sahen,
Warnungen gaben; am dritten Tage aber erhob sich ein unerhörtes Tosen
des Donners und wirbelte das Wasser auf, daß es schrecklich anschwoll,
und indem es unglaublich wuchs, an den Wolken hing. Als nun die seufzenden
Einwohner das Elend des plötzlichen Unglücks an der Höhe der gewaltigen
Überschwemmungen erkannten, und als, wie nach dem Tode des abtrünnigen
Julian, Schiffe auf den Spitzen der Berge schwankten und alles in das
alte Chaos zurückfiel, da fingen sie von Todesfurcht ergriffen an den
Rücken zu kehren; aber von ihren Sünden behindert kamen viele tausend
Menschen plötzlich in den Fluten um, da sie dem zornigen Angesichte des
Herrn nicht zu entfliehen vermochten." [Quedlinburger Annalen]
Heinrich II. (41) wird auf seinem zweiten Italienzug in Rom zum Kaiser
gekrönt.
1015 Herzog Mieszko II. von Polen nimmt die Unterburg von Meißen ein, aber
ein Hochwasser der Elbe nötigt ihn zum Abzug.
"Urbs Libzi" (Burg Leipzig) erstmals erwähnt.
Bronzetüren des Hildesheimer Doms.
1016 Bischof Adalberon von Laon: "Das Haus Gottes ist dreigeteilt: die
einen beten, die andern kämpfen, die dritten endlich arbeiten."
Diese Dreiteilung der Gesellschaft wird nach 1000 von Klerikern immer
häufiger beschrieben.
"1016 war ein großes Hagelwetter und viele wurden vom Blitze getroffen."
[Lambert von Hersfeld]
"Am 11. Februar, dem 30. Monde, einem Sabbat, stießen die Wolken mit
schrecklichem Klange zusammen und stürzten mit häufigem Blitzen und einem
Übermaß von Regen sehr viele Häuser um." [Quedlinburger Annalen]
1017 Ein Klosterbrand: "Währenddeß ereignete sich auf dem Berge St. Johannis
des Täufers, der, bei Magdeburg gelegen, mit allen Zugehörigkeiten zum
Stadtgebiete gerechnet wird, ein sehr trauriger Vorfall, am 21. Juli,
und zwar in der Sonntagsnacht. Im Schlafsaale der dortigen geistlichen
Brüder entzündete sich eine daselbst brennende ungewöhnlich große
Leuchte, und indem die Flamme die nächsten Gegenstände ergriff,
verzehrte sie mit gefräßiger Glut das ganze Gebäude, indem die dort
Schlafenden es zu spät merkten. Alle waren schon der Gefahr entronnen,
da verloren sie doch noch einen von ihnen, der plötzlich zurückgekehrt
war, um noch eine Priesterkleidung zu retten. Er beichtete mitten im
Feuer seine Sünden. Der Name dieses Mannes war Hemico. Dann fing
das von dem dortigen Abte Sigifrid acht Jahre lang auf das beste
ausgeführte Münster an zu brennen und erfüllte die Gemüter der Anwesenden
und später Ankommenden mit Kummer und Schmerz.
Außerdem verschlang die weit um sich greifende Feuersbrunst die
beiden Kapellen daselbst samt dem Speisesaale und den übrigen
damit zusammenhängenden Baulichkeiten. Jedoch entriß die Gnade
des Allgütigen und die aufopfernde Frömmigkeit der Herbeieilenden
alle Reliquien der Heiligen und den größten Teil des Schatzes
dem gierigen Rachen des Feuers. Als es aber Morgen ward, kamen die
Bewohner der Stadt und die daselbst vom Kaiser hinterlassene Besatzung
herbei und beklagten in tiefstem Schmerze einen solchen Verlust. Die
Asche des verbrannten Körpers aber sammelten die Mitbrüder des
Verstorbenen auf das sorgfältigste und legten sie zu seinen Vorfahren;
auch meldeten sie ihrem gerade abwesenden Abte durch einen Abgeordneten
ihr trauriges Geschick. Als der die Botschaft bekam, erkannte er, daß
dies insbesondere seiner Sünden willen geschehen sei, und trug es, weil
er es ja doch nicht ändern konnte, mit würdigem Ernst." [Thietmar von
Merseburg VII, 43]
"Am 7. November geschah eine Sonnenfinsternis." [Quedlinburger Annalen]
Ein Spuk: "In meiner Nachbarschaft, nämlich in einem Orte namens
Silivellun [Salben bei Delitzsch oder Sulfeld bei Fallersleben]
ereignete sich in der zweiten Woche des Dezember ein Wunder. Es war da
eine Frau, die, da ihr Mann nicht zu Hause war, sich und ihre Kinder in
ihrem Hause eingeriegelt hatte. Siehe, da hört sie vor dem Hahnenschrei
ein ungeheures Getöse. Darüber erschrocken, ruft sie sogleich nach
ihren Nachbarn und giebt so Kunde von ihrer Not. Diese, die ihr zu Hülfe
eilen wollen, werden durch wiederholtes Werfen zurückgetrieben. Endlich
brechen sie die Tür auf, und mit gezückten Schwertern hineindringend,
spüren sie sorgfältig nach, was gegen die Frau vom Hause und gegen sie
selbst so heftig angegangen sein mag; da es aber ein Gespenst war, so
fanden sie nichts, was das Getöse veranlaßt haben könnte, und kehrten
traurig heim. Die Frau aber wartete voll Angst bis zu Tagesanbruch und
rief dann den nächsten Priester herbei, der das ganze Haus durch
Reliquien der Heiligen und Weihwasser reinigte. In der nächsten Nacht
aber wurde sie nur noch wenig von dem geschilderten Schrecknisse
heimgesucht, und zuletzt, Gott sei Dank! durch häufige Besuche des
Priesters ganz davon befreit.
Dergleichen zeigt, wo es sich ereignet, immer etwas Neues an. Ein
jeglicher Christ hat sich vor solchen Schrecknissen nicht zu fürchten;
er erkenne von ganzem Herzen seine Sündhaftigkeit, und segne sich
eifrigst mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, so wird er jede
feindliche Gewalt völlig zurückweisen. Auf solche Weise verhöhnt
der böse Feind nur die Unvorsichtigen, und betrügt die irgend auf
ihn bauenden schließlich. Wo gerade Verzweiflung herrscht, oder
eine Missetat begangen werden soll, oder eine große Veränderung
bevorsteht, da geht der Wirklichkeit eine solche Anzeige voraus.
Weil es uns aber Heil bringt, unserem Gotte anzuhangen und
auf ihn unsere Hoffnung zu setzen, so lasset uns sein heilig Antlitz
mit unablässigem Gebete aufsuchen, damit, sei es, daß uns etwas
vorher angezeigt, oder verborgen gehalten werde, dasselbe nach
seiner allerbarmenden Liebe an uns Sündern in Erfüllung gehe.
Übrigens ist es nicht zu verwundern, daß in jenen Gegenden ein
solches Wunderzeichen sich gezeigt hat. Denn die Bewohner derselben
gehen selten zur Kirche und kümmern sich gar nicht um den Besuch
ihrer Seelsorger. Sie verehren eigene Hausgötter und opfern ihnen,
indem sie meinen, daß sie ihnen viel helfen können.
Auch habe ich von einem Stabe gehört, an dessen Spitze sich eine Hand
befand, welche einen eisernen Ring hielt. Dieser Stab, so hörte ich,
wurde von dem Hirten des Dorfes, in dem er sich befand, von Haus zu
Haus getragen, und dabei sprach der Träger beim ersten Eintritt in das
Haus zum Gruße die Worte: "Wache, Hennil, wache!" denn so wurde er in
der Bauernsprache genannt; und dann schmausten sie selbst köstlich und
meinten durch den Schutz desselben gesichert zu sein; die Thoren! sie
wußten nicht, was David sagt: "Jene Götzen aber von Menschenhänden
gemacht" u. s. w. "Die solche machen, sind gleich also und alle,
die auf sie hoffen. [Ps. 115, 4. 8.]" [Thietmar von Merseburg VII, 49]
Was sonst noch geschieht: "In dem erwähnten Jahre verunglückten zur See
vier große, mit verschiedenen Gewürzen beladene venetianische Schiffe.
In den westlichen Gegenden, wo vordem selten Ruhe war, blieb in dem
Jahre, wie gesagt, alles, Gott sei Dank! in ungestörtem Frieden.
Ekkihard, mein geistlicher Mitbruder, Mönch des Klosters St. Johannis
des Täufers zu Magadaburg, verlor, vom Schlage gerührt, die Sprache.
An der Grenze von Baiern und Mähren wurde ein fremder Wandersmann,
namens Coloman, von den Eingebornen festgehalten, weil man ihn für einen
Kundschafter hielt, und durch grausame Mißhandlungen zum Geständnisse
einer Schuld getrieben, von der er wirklich frei war. Obwohl er nämlich,
so stark er konnte, seine Unschuld beteuerte, und versicherte er wandere
als ein armer Bruder Christi durch die Welt, so wurde er, obwohl
ganz unschuldig, an einem Baume, der schon lange verdorrt war,
aufgehängt. Und er war unschuldig, denn als eine Zeitlang
nachher jemand ihm ins Fleisch schnitt, so strömte Blut heraus, und
Nägel und Haare wuchsen ihm. Auch der Baum selbst ward wieder grün, und
zeigte, daß dies ein Märtyrer Christi war. Als das Markgraf Heinrich
erfuhr, ließ er den Leichnam in Mezilecun [Melk] bestatten." [Thietmar von
Merseburg VII, 54] Die Melker Annalen legen dieses Ereignis ins Jahr
1012.
In Frankreich werden 13 Ketzer verbrannt. Man beruft sich auf die Gesetze
Justinians.
Italien: Ismael von Bari, ein Parteigänger Heinrichs II., setzt gegen die
Byzantiner erstmals normannische Ritter ein, die man bisher nur als Pilger
zum Monte Gargano gekannt hat. Es scheint nicht viel gebracht zu haben, da
die byzantinische Position sich in Süditalien wieder verstärkt.
1018 "In demselben Jahre erschien lange ein Komet, welcher den Gebieten
Galliens den Jammer großer Verwüstung durch Thiadrich, außerdem der
elenden Welt Pestilenz und Sterben verkündigte." [Quedlinburger Annalen]
Es stirbt Thietmar von Merseburg. Er hat zu diesem jahr noch über Polen
berichtet: "Im Reiche des Gemahls derselben [in Polen] gibt es viele
unterschiedliche Bräuche, und obwohl roh, sind sie doch bisweilen
preiswürdig. Denn Bolizlavs Unterthanen müssen gehütet werden, wie
eine Herde Rinder, und gezüchtigt, wie störrische Esel, und sind
ohne schwere Strafe nicht so zu regieren, daß der Fürst dabei bestehen
kann. Wenn unter ihnen einer sich erfrecht, fremde Ehefrauen zu
mißbrauchen oder Hurerei zu treiben, so muß er sofort folgende Strafe
erdulden. Er wird auf die Marktbrücke geführt und ihm durch den
Hodensack ein Nagel geschlagen; dann legt man ein Schermesser neben
ihn hin, und läßt ihm die harte Wahl, dort auf dem Platze sich zu
verbluten, oder sich durch Ablösung jener Teile zu befreien. -
Ferner wird jeder, der nach Septuagesima Fleisch gegessen zu haben
befunden wird, mit Ausreißen der Zähne, schwer genug, bestraft. Denn
die göttlichen Gebote, die erst neuerdings in diesem Lande bekannt
geworden sind, werden durch solchen Zwang besser befestigt, als durch
ein von den Bischöfen verordnetes Fasten. Außerdem hat freilich jenes
Volk noch andere viel weniger zu lobende Satzungen, die weder Gott
wohlgefällig, noch zu irgend etwas anderem dienlich sind, als die
Gemüter zu ängstigen, ich habe im vorhergehenden dieselben zum Teil
mit besprochen. (...) Zu Zeiten seines Vaters, da derselbe noch ein
Heide war, ward einer jeden Ehefrau, die ihren Mann verlor, nachdem
derselbe verbrannt war, das Haupt abgeschlagen und so folgte sie ihm.
Und wenn eine Buhlerin entdeckt wurde, so ward ihr die widrige und
klägliche Strafe zu Teil, daß sie an ihrem Zeugungsgliede ringsum
beschnitten wurde, und diese - wenn man sie so nennen darf - Vorhaut
ward an ihrer Haustür aufgehängt, damit der Blick des Eintretenden
darauf falle und er in Zukunft um so mehr bedacht und vorsichtig wäre.
Das göttliche Gesetz befiehlt, eine solche Verbrecherin zu steinigen
und die Sitte unser Väter verlangte ihre Enthauptung. In unseren Tagen
aber, in denen die Freiheit zu sündigen mehr, als je, ganz schrankenlos
herrscht, treiben außer der Menge der verführten Mädchen selbst noch
gar manche verheiratete Frauen, denen geile Lust den verderblichen
Kitzel anreizt, Ehebruch, und zwar noch zu Lebzeiten ihres Mannes. Und
damit nicht zufrieden, überliefert manche noch, indem sie ihren Buhlen
heimlich dazu antreibt, ihren Ehemann der Hand des Mörders, den sie
darauf - ein böses Beispiel für die Übrigen! - öffentlich zu sich
nimmt und mit ihm, wie schändlich! nach vollem Belieben buhlt. Ihr
rechtmäßiger Ehegemahl wird verschmäht und zurückgestoßen, und sein
Vasall, wie der holde Abo und der sanfte Jason, ihm vorgezogen. Weil
dergleichen nicht mit schweren Strafen verfolgt wird, so wird es,
befürchte ich, von Tag zu Tag von vielen als eine neue Mode mehr
gepflegt werden. O ihr Priester des Herrn, erhebt euch mutig und tilgt
- nichts hindert euch daran! - dies neu aufgeschossene Unkraut mit oft
geschärfter Pflugschar bis auf die Wurzel aus. Und auch ihr, ihr Laien,
bietet zu dergleichen nicht die Hand. Die in christlicher Ehe
Verbundenen mögen schuldlos neben einander leben, und mit Ausrottung
aller jener Verführer in nie schwindender Schamhaftigkeit beständig
ängstlich um ihren guten Ruf besorgt sein. Jene boshaften Menschen aber
möge Christus, unser Helfer, mit dem gewaltigen Hauche seines Mundes
vertilgen, wenn sie sich nicht bessern, und er wird sie zerstreuen zur
Zeit der hohen Herrlichkeit seiner Wiederkunft." [Thietmar von
Merseburg VIII, 2] Hier haben wir wieder eine Stelle, die, unkritisch
beim Wort genommen, einen weiteren Beitrag zur Vorstellung vom
barbarischen Mittelalter liefern kann.
"In jenen Tagen aßen in meinem Bisthum sieben Kätner giftige Pilze,
und von heftigem Brande entzündet, starben sie schnell.
Im Monat August erschien ein neuer Stern neben dem Wagen und setzte
durch seine aus der Ferne her geworfenen Strahlen alle, die ihn sahen,
in Schrecken. Denn nie war, so lange wir denken können, ein solcher
aufgegangen, und darum war ein Jeder darüber bestürzt, und daß es ein
schlimmes Wunderzeichen sei, fürchtet die Menge, die gläubige Gemeinde
des Herrn aber, so klein wie sie ist, hofft, daß es gnädig hinauslaufen
werde.
Von ähnlichen Dingen gilt Jeremias', des wahrheitkündenden, Ausruf:
"Der aber alle Dinge weiß, kennt sie und hat sie durch seinen Verstand
funden" [Baruch 3, 32]. Dieser Stern also, der sich zeigte, war mehr
als vierzehn Tage sichtbar.
In der Landschaft Nordthüringen schadeten drei stets zusammen sich
zeigende Wölfe, die bisher von den dortigen Einwohnern nie gesehen
waren, vielen Menschen und dem Viehe unsäglich. Auch darüber erschrak
jeder Eingeborene heftig und besorgte, daß dies auf noch größeres
Ungemach hindeute. Denn der heilige Gregorius spricht: "Viel Übels muß
hervorgehen, wenn es im Stande sein soll, das künftige Unendliche zu
verkünden."
In allem eben Geschilderten offenbart sich uns der Zorn des Himmels,
aber die menschliche Schwachheit richtet darauf kein wachsames Auge."
[Thietmar von Merseburg VIII, 14]
1020 "In demselben Jahre war der Winter rauher als gewöhnlich und hielt länger
an, so hart, daß viele durch die Stärke der Kälte selbst umkamen; ihm
folgte dann ein sonst unerhörtes Unglück und Sterben, welches fast die
ganze Erde durch plötzlichen Tod verwüstete, und in kürzester Frist und
in einem Augenblicke die Gesunden, welche über ihre Gesundheit sich
ganz sicher wähnten, mitten in den Freuden der Tafel dahinraffte. (...)
Eine wunderbare und niemals erhörte Begebenheit soll den Einwohnern des
nördlichen Landstriches zugestoßen sein. Denn die Flüsse Albis und Wisara
treten nicht allein in ungewohnter Höhe der Überschwemmung aus ihren
Betten, sondern vom untersten Grunde vielleicht durch eine entsetzliche
Windsbraut aufgestaut, sollen sie höher gestiegen sein als selbst die
Hügel und Berge, welche die Natur vor dem Übrigen durch ihre Höhe
gesichert hatte, und Stadt und Land und alle weit umherliegenden
Landmarken ertränkt und - was noch wunderbarer als dies und jedem Ohr
unglaublicher erscheint - ganze Dörfer, ohne das Gefüge der Häuser zu
lösen, mit den darin Lebenden von einem auf das andere Ufer geführt und
in derselben Lage wie früher hingestellt haben. Man behauptet, daß dabei
eine Kirche, welche einst von der frommen Sorgfalt der Vorfahren erbaut
und von den reichlichen Gelübden der daselbst zusammenströmenden Gläubigen
bereichert worden, mit dem Übrigen in demselben Anprall von dem früheren
Standpunkte losgerissen und an eine andere Stelle getragen worden sei.
Auch sah man die genannten Flüsse Wisara und Albis drei Tage und drei
Nächte lang gegen die Natur auf ihrer Oberfläche in feuerspeienden
Dämpfen brennen. Was soll ich von den Leichen sagen? Ihre Menge, welche
sich aller menschlichen Schätzung entzog, fand sich in mehreren
dammartigen Anhäufungen zusammengeballt, als beim Abnehmen der
Überschwemmung der Eifer einiger Frommen den schuldigen Liebesdienst
der Beerdigung zu leisten sich bemühte, und mit einer so starken und so
zähen Hülle von Gewürm, Schlangen und allem Untier dieser Art verwachsen,
daß die furchtsamen Sterblichen keine Möglichkeit es aufzulösen weder
mit Eisen noch mit den Werkzeugen irgend einer Kunst aufzufinden
vermochten. Wozu dies aber gewesen, oder ist oder sein soll, überlassen
wir Christus zur Entscheidung, welcher vorausgesagt, daß aus dem
verwirrten Klange des Meeres und der Fluten diese Bedrängnis der Völker
kommen werde." [Quedlinburger Annalen]
König Olaf von Schweden und König Olaf von Norwegen würfeln um die
strittige Provinz Hising. Beide würfeln zweimal eine Sechs, beim
nächsten Wurf soll allerdings der norwegische Würfel zerbrochen sein:
eine Hälfte zeigt eine Sechs, die andere eine Eins, sodaß der
Norweger mit Sieben gewinnt und die Provinz an Norwegen fällt.
Diese Geschichte scheint eine Sage zu sein, die auch noch in anderen
Zusammenhängen auftaucht (z.B. in Brandenburg zur Zeit des Großen
Kurfürsten).
Es stirbt der persische Dichter Firdausi (81, "der Paradiesische");
Epen: "Königsbuch", Geschichte des persischen Reiches bis 651; Epos
von der Liebe Josephs zur Gattin des Pharao.
1021 Tanzwut-Epidemie in Europa.
1022 Notker Labeo von St. Gallen stirbt.
Im Kreis der königlichen Hofkapelle der französischen Residenz Orleans
wird eine Gruppe von Ketzern entdeckt, darunter die berühmten Kleriker
Stephan und Lisoius. Die Gruppe wird von einem normannischen Adligen
namens Arefast unterwandert und verraten. Ihnen wird der Prozeß
gemacht; sogar König Robert II. schaltet sich ein. Allen Versuchen der
Bekehrung "widerstanden sie härter als Eisen. (...) Die Königin hatte
sich auf den Befehl des Königs vor das Kirchentor gestellt, um das
Volk daran zu hindern, die Ketzer in der Kirche zu töten. Sie wurden
aus der Kirche getrieben. Als sie herauskamen, stach die Königin mit
einem Stab, den sie in der Hand hielt, Stephan, der ihr Beichtvater
gewesen war, ein Auge aus. Die Ketzer wurden vor die Stadtmauer
gebracht. Ein großes Feuer wurde in einer Kate angezündet, und sie
wurden alle mitsamt ihrem teuflischem Pulver verbrannt, von dem ich
oben gesprochen habe - außer einem Kleriker und einer Nonne, die
reuig zu dem Willen Gottes zurückgekehrt waren." [Paul de St.-Pere-de-
Chartres] Diese Gruppe hat die Sakramente und die Jungfrauengeburt
abgelehnt. Der Chronist unterstellt ihnen satanische Praktiken
(Dämonenanrufung, wahllose Unzucht mit Verbrennung so entstandener
Kinder und Verwendung der Asche zu einer Art Letzter Ölung und zur
magischen Bekehrung weiterer Ketzer [= obiges "Pulver"]), wobei
interessanterweise auf Tertullians "Verteidigung des Christentums"
zurückgegriffen wird - wo solche Praktiken gerade den frühen Christen
vorgeworfen wurden.
Auf einer Synode in Pavia wenden sich Heinrich II. und Papst Benedikt
VIII. gegen den Mißbrauch, daß Unfreie kirchlicher Herrschaften
"durch die Hand eines Freien" auf dem Wege von Urkunden (skriptiones)
Güter erlangen. Es soll aber die grundsätzliche Möglichkeit, daß
Knechte Besitz erwerben, gewahrt bleiben.
Der Papst beklagt auch, daß Geistliche öffentlich und "mit Aufwand"
(pompatice) Umgang mit Frauen hätten, und nicht vorsichtig (caute);
sie seien hartköpfiger als weltliche Ehebrecher.
1023 /1025: Die "lex familiae" des Bischofs Burchard von Worms kann noch nicht
als Stadtrecht angesehen werden, sondern ist noch ganz in die ländliche
Ordnung von Grundherrschaft und Vogtei eingebunden.
1024 Kaiser Heinrich II. (51) stirbt; neuer König wird Konrad II. der Salier
(34). Nach dem Tode Heinrichs zerstören die Einwohner von Pavia die
die Pfalz in der Königsstadt. Konrad bestraft sie und verurteilt sie
zur Wiederherstellung des alten Zustands, was freilich nicht geschieht.
Nach dem Aussterben der Liudolfinger geht das Herzogtum Sachsen an die
Billunger.
Beispiel für die Wirkung (bzw. Nichtwirkung) des Interdikts: Der
Bischof von Orléans hat die Stadt mit dem Interdikt belegt, aber
König Robert, der gerade mit ihm Streit hat, beruft einen Hoftag
genau dorthin (und auch noch an Weihnachten).
In diesem Jahr brechen die Quedlinburger Annalen ab.
Tuchherstellung in Arras bezeugt.
1025 Mit Abt Richard von St. Vanne brechen etwa 700 Pilger nach Jerusalem
auf.
Ca.: Guido von Arezzo schafft die Grundlage der heutigen Notenschrift,
ein präzises Liniensystem im Terzabstand. Von ihm stammt auch die
Benennung der sechs Töne des "Hexachords" c, d, e, f, g und a durch die
Silben ut, re, mi, fa, sol und la. Er leitet diese Silben von dem Text
eines Hymnus ab, der am Fest Johannes des Täufers gesungen wird. Die
erste Zeile dieses Hymnus beginnt mit dem Ton c und der Textsilbe ut,
die zweite mit d und der Textsilbe re, die dritte mit e etc. Als
Lernhilfe für die Singschüler gedacht, bürgern sich diese Silben bald
für die Bezeichnungen der Töne ein. Sie sind noch heute - "ut" allerdings
ersetzt durch "do" als Solmisation bekannt und gebräuchlich.
1026 Konrad II. (der Salier) tritt die Mark Schleswig an Knut den Großen
ab.
Februar: Konrad II. zieht nach Italien. Der Zeitpunkt zeigt, daß dem
König die Versorgung des Heeres aus freiwilligen Lieferungen gesichert
scheint.
1027 Gerichtsorte: In Bamberg tagt ein Gericht auf einer Brücke.
Konrad II. (37) wird zum Kaiser gekrönt (bis 1039).
1028 Es stirbt Udalrich von Ebersberg. Er hat darüber geklagt, daß die
"moderni" ihre Kinder nicht mehr das Recht erlernen lassen, während
er diese Ausbildung in St. Gallen noch erhalten hat.
Ebenso verstirbt Bischof Fulbert von Chartres. Er hat einen neuen
Dichtungstyp eingeführt: hagiographische Dichtung mit in vierzeiligen
Strophen ais rhythmischen Achtsilbern mit steigendem Schluß, die auch
in Deutschland Nachahmung finden.
/1029: Durch den Magister Ebo von Worms läßt sich Heinrich III. eine
Sammlung von "modi" (Liedern) zusammenstellen.
1030 Erste Erwähnung von Wien (Vienni).
Baubeginn des Doms zu Speyer.
Ca.: Bischof Adalberon von Laon verfaßt das Gedicht "Poème au roi
Robert", worin die christliche Gesellschaft aus Betenden, Kämpfenden
und Arbeitenden besteht.
1031 Auf der zweiten Synode von Limoges wird die Frage gestellt, ob ein
ungerechtfertigt oder ohne Schuld Gebannter sich an die Sentenz
halten müsse. Die Antwort, gemäß einer Entscheidung Gregors des
Großen, lautet: Gerecht oder ungerecht, mit oder ohne Schuld, die
Exkommunikation ist gültig.
Erste Erwähnung von Braunschweig ("Brunesguik"), obwohl eine
Besiedlung bereits für das 8. und 9. Jh. nachweisbar ist.
Als Imre (Emmerich), der einzig überlebende Sohn König Stephans I. von
Ungarn bei der Eberjagd tödlich verunglückt, läßt der König den einzigen
übrigen Arpadenabkömmling, den heidnischen Prinzen Vászoly mit der dort
üblichen Methode - Blenden und Ausgießen der Ohren mit Blei -
thronunfähig machen. Er bestimmt als Nachfolger Peter Orseolo, Sohn seiner
Schwester und des Dogen von Venedig. Daraus wird freilich nichts, aber
das gehört nicht hierher. (Stephan und Imre werden 1083 heiliggesprochen
werden.)
Frankreich: Heinrich I. wird neuer König (bis 1060); Übermacht des
Großadels.
Spanien: Mit dem Zerfall des Kalifats von Cordoba beginnt der Niedergang
der islamischen Herrschaft in Spanien.
1032 September: Nachdem König Rudolf III. von Burgund erbenlos gestorben ist,
besetzt Graf Odo von der Champagne große teile Hochburgends, obwohl der
Titel nach einem Vertrag Konrad II (urspr. heinrich II.) zusteht. Konrad
unternimmt nun einen Winterfeldzug nach Burgund, auf dem nachts die Hufe
der Pferde am Boden festfrieren. Er kommt aber nur bis zum Neuenburger
See und kann noch nicht einmal Murten erobern.
Bis 1033: Große Hungersnot nach einer Regenperiode in Frankreich. Die
Menschen heben, "nachdem sie wilde Tiere und Vögel gegessen hatten,
unter der Herrschaft eines verheerenden Hungers alles mögliche Aas und
andere, kaum auszusprechende schreckliche Dinge auf, um sie zu essen.
Einige nahmen, um dem Tod zu entgehen, ihre Zuflucht zum Wurzelwerk des
Waldes und zum Grün der Blumen. Wütender Hunger ließ die Menschen
selbst menschliches Fleisch verschlingen. Reisende wurden von
Stärkeren verschleppt, ihre Glieder abgeschnitten, gekocht und
verzehrt. Manche Leute, die aufgebrochen waren, um dem Hunger zu
entfliehen, und unterwegs Gastfreundschaft fanden, wurden des nachts
ermordet und dienten jenen als Nahrung, die sie aufgenommen hatten.
Viele zeigten Kindern eine Frucht oder ein Ei, lockten sie damit an
abgelegene Orte, brachten sie um und verschlangen sie. [Typische
Kannibalismusgeschichten aus Hungerzeiten - nicht gar zu ernst zu
nehmen, besonders bei Glaber!] Anderswo wurden Tote ausgegraben, um
den Hunger zu stillen.
In der Gegend von Mâcon entnahmen einige Leute dem Boden eine weiße,
dem Ton ähnliche Erde, mischten sie mit dem, was sie noch hatten,
Mehl oder Kleie, und machten aus dieser Mischung Brot, wodurch sie
hofften, nicht an Hunger zu sterben; dieses Verfahren brachte aber
nur trügerische Hoffnung und Erleichterung. Man sah nur bleiche und
abgezehrte Gesichter. Viele zeigten eine durch Aufblähungen gedehnte
Haut; die menschliche Stimme wurde spitz, den kurzen Schreien
sterbender Vögel vergleichbar." [Radulf Glaber] Bei einem Schlachter in
Lyon soll man angeblich 50 Menschenschädel gefunden haben, was sich
wieder ganz nach einer Glaber-Geschichte anhört.
1033 Es tritt "am dritten Tag vor den Kalenden des Juli, einem Freitag
und 28. Mondtag, eine Finsternis oder Verdunklung der Sonne ein, die
von der sechsten zur achten Stunde dieses Tages dauerte und wirklich
schrecklich war. Die Sonne färbte sich saphirgrün und trug auf ihrem
oberen Teil die Sichel des Mondviertels. Die Menschen, die sich
betrachteten, sahen sich gegenseitig bleich wie Tote. Alles schien
in einen safrangelben Dampf gehüllt zu sein. Da bemächtigte sich der
Menschenherzen Schrecken und gewaltiges Entsetzen. Dieses Schauspiel
verkündete, so begriffen sie, daß das menschliche Geschlecht vor
schlimmen Heimsuchungen stehe..." [Radulf Glaber] Hier werden die
Schrecken des Millenniums beschrieben, aber dies ist eine Spezialität
Glabers und kein allgemeiner Zustand! (vgl. 999)
Der Bischof von Modena verfügt anläßlich der Verpachtung einiger
Waldgebiete, daß "die alten Stieleichen zu schützen...und die jungen
zu erhalten" seien, als wichtiges Futter für die Schweine. In der
Poebene macht man sich bereits im 11. Jh. Gedanken über den Rückgang
der Wälder.
Zu Lichtmeß wird Kaiser Konrad II. auch noch zum König von Burgund
gewählt und gekrönt.
1034 Worms hat noch vor 1034 eine Synagoge erhalten.
Harald Hardrada, der berühmteste aller Waräger, besucht Jerusalem.
1035 Die Häretiker von Arras bestreiten, daß der Gottesdienst besonderer
Gebäude bedürfe.
Es stirbt Knut der Große, König von England, Dänemark und Norwegen. Aus
seinen Gesetzen gegen das Heidentum: "We earnestly forbid every
heathenism: heathenism is, that men worship idols; that is, that they
worship heathen gods, and the sun or the moon, fire or rivers, water-wells
or stones, or forest trees of any kind; or love witchcraft, or promote
'morth-work' in any wise."
Ca.: Erzbischof Bezelin Alebrand von Hamburg läßt ebendort einen
steinernen Wohnturm bauen ("Steinernes Haus"). Es ist der älteste
bekannte steinerne Profanbau nördlich der Elbe.
Ca.: In Westdeutschland entsteht das lateinische höfische Epos
"Ruodlieb" - oder aber erst um 1050 am Tegernsee. Wann auch immer,
darinnen wird das Schachspiel erwähnt.
1037 Unter den Westslawen bricht ein großer Heidenaufstand aus.
Es stirbt Avicenna (Ibn Sina, ca. 57), ein arabischer Arzt und
Aristoteliker ("Canon medicinae", 1685 lat. gedruckt); vermittelte
griechisches Wissen an Europa; Einteilung der Mineralien in Steine,
Salze, Erze und Brenze (brennbare Stoffe).
Konrad II. erläßt für Italien ein Lehnsgesetz, nach dem Bischöfe oder
Markgrafen oder deren große Vasallen zur Entscheidung von
Lehnsstzreitigkeiten auch nach Deutschland vor den König zitiert
werden können.
1038 Tod des arabischen Physikers Alhazen (Abu Ali Muhammed ben el Hasan,
ca 73); er hat besonders die Optik entwickelt (Reflexion, Brechung,
Lichtstrahlen vom Gegenstand zum Auge).
Der böhmische Fürst Bretislaw I. fällt in Polen ein und kommt zur
Festung Giecz. Die Einwohner können keinen Widerstand leisten, und so
kommt man überein, daß sie mit ihrem ganzen Vieh und ihrer beweglichen
Habe in Böhmen neu angesiedelt werden sollen. Bretislaw gibt ihnen
einen Streifen Waldland (vermutlich zum Roden) und erlaubt ihnen,
unter ihrem eigenen Vorsteher und nach eigenen Sitten zu leben. Eine
solche Zwangsumsiedlung ist eine von mehreren Möglichkeiten, um die den
größten Teil des Mittelalters knappen Arbeitskräfte zu bekommen. Bereits
im 11. Jh. ersinnt man zivilisiertere Methoden.
Thronfolger Heinrich III. wird in Personalunion König von Burgund. [Ist
diese Datierung exakt?]
1039 Es stirbt Kaiser Konrad II. (49); König wird Heinrich III. (22; bis
1056). Für Heinrich III. werden hier in der Folge exemplarisch die
Aufenthaltsorte an den hohen Festtagen festgehalten, um die Mobilität des
Herrschers zu verdeutlichen (und vielleicht auch, um eventuelle
Ereignisse an diesen Orten zu beleuchten).
Von diesem Jahr bis ins Jahr 1161 datieren venezianische Leihverträge
über eiserne Anker. Schiffe können sich für einen sehr hohen Preis
einen Eisenanker in Venedig leihen.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Regensburg.
1040 Der Bischof von Freising verleiht dem Kloster Weihenstephan das Recht,
Bier nicht nur zu brauen, sondern über den Haustrunk hinaus auch zu
"verleitgeben", d.h. zu verkaufen. In diesem Kloster wird bereits seit
zwei Jahrhunderten Bier gebraut.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Ingelheim.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Lüttich.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Münster.
Ca.: Von Frankreich aus verbreitet sich die Idee des "Gottesfriedens",
ein Fehdeverbot an bestimmten Tagen.
Ca.: Es stirbt Ibn al-Haitham, der in Kairo gewirkt hat und eine neue
Theorie der Optik entwickelt hat. Sie basiert auf dem Gedanken, daß vom
sichtbaren Objekt Licht an das Auge gesendet wird.
1041 In Salerno wirkt Alfanus (ca. 26) als Arzt; von ihm stammen "Über
die vier Säfte" und "Zusammenfassung der Pulslehre".
Ostern: Heinrich III. weilt zu Maastricht.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Worms (?).
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Straßburg.
1042 Epidemie des Antoniusfeuers (Mutterkornbrand) im Westen.
In Montreuil-sur-Mer soll es bereits zwei hydraulische Biermühlen
geben.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Köln.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Würzburg.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Goslar.
1043 Tuchherstellung in St. Omer bezeugt.
Abt Siegfried von Gorze schreibt an Abt Poppo von Stablo angesichts
der geplanten Hochzeit Heinrichs III. mit Agnes, der Tochter des
Herzogs von Aquitanien über die Gefahr des Eindringens verwerflicher
französischer Sitten in der Barttracht, über die Kürzung und Entstellung
der Kleider nebst anderen erschröcklichen Neuerungen.
"Ein regnerischer Sommer verursachte Mangel an Früchten und Wein. König
Heinrich zog erneut nach Ungarn [...] Von dort kam er nach Alamannien und
vergab auf der Synode von Konstanz allen, die gegen ihn gefehlt hatten,
zuerst selbst alle Schuld. Dann söhnte er durch Bitten und Ermahnungen
alle anwesenden Schwaben, nachdem sie einander Schuld und Feindschaften
vergeben hatten, gegenseitig aus, in dem eifrigen Bemühen, daß dasselbe
nachher in den anderen Ländern seines Reiches geschehe, und schuf so
einen seit vielen Jahrhunderten unerhörten Frieden und bekräftigte ihn
durch ein edikt. darauf empfing er seine Braut Agnes, die Tochter
Wilhelms von Poitou, ließ sie zu Mainz zur Königin salben und feierte
das königliche Beilager zu Ingelheim; dabei gab er allen ein nützliches
Beispiel, indem er die eitle Gunst der Spielleute nichts achtete und sie
mit leeren Händen traurig entließ." [Hermann von Reichenau, Chronik. Ed.
Rudolf Buchner (Quellen des 9. und 10. Jhs. zur Geschichte der
Hamburgischen Kirche und des Reiches), Darmstadt: WB 1961 (FSGA 11)
S. 677.]
Ostern: Heinrich III. weilt zu Lüttich.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Paderborn.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Trier.
Oder 1044: "Im vorletzten Jahre des Erzbischofs brannte die Kirche
des heiligen Petrus zu Bremen nieder, und diese Feuersbrunst verzehrte
das Kloster sammt den Werkstätten, die Stadt samt den Gebäuden gänzlich,
und es blieb keine Spur des früheren Wohnortes übrig. Da gingen der
Schatz der heiligen Kirche, da die Bücher und die Gewänder, da alle
Zierraten unter! Und dieser Verlust an Besitztümern hätte noch leicht
ersetzt werden können, hätten wir nur nicht noch größeren Schaden an
Sitten genommen. "Denn weit unterscheiden sich, wie jemand sagt, die
Verluste an Sittlichkeit von den Verlusten an zeitlichen Dingen, weil
jene in uns liegt, diese aber außer uns sich befinden." Gewiß nämlich
ist, daß von jener Zeit an von den Brüdern, welche bisher ein kanonisches
Leben geführt hatten, nunmehr aber außerhalb des Klosters umherschweiften,
die Regel der heiligen Väter, die bis dahin gar manches Jahrhundert
hindurch eifrig beobachtet war, zuerst vernachlässigt zu werden anfing,
dann aber, völlig verworfen, veraltete." Dazu Scholie 58: "Der Erzbischof
verlieh dem Edo die Propstei, darüber von eifersüchtigem Grimme erfüllt,
zündete der jüngere Edo, sein Neffe, das Münster an. Zur Sühnung für diese
Versündigung am Heiligen brachte Edos Vater sein Erbgut der Kirche dar.
Der Probst Edo aber ging als Pilger nach Jerusalem, indem er um die Zeit,
wo das Fest des heiligen Jacob gefeiert wird, abreiste und in der nächsten
Osterzeit wieder heimkehrte." [Adam von Bremen II. 77]
Bis 1045: Eine Zeit allgemeiner oder fast allgemeiner Hungersnot.
1044 Ostern: Heinrich III. weilt zu Nimwegen (?).
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Speyer.
1045 Auf Schloß Persenbeug ist eine Badestube nachgewiesen, und zwar durch
einen Unfall: Bei einer Feier in Gegenwart von König Heinrich III.
beginnen die tragenden Ständer im Saal unter der Last der Gäste
nachzugeben und die Gesellschaft landet in der Badestube des
Untergeschosses. Es soll Tote gegeben haben, aber der König kommt
mit dem Schrecken davon. (Ohne ihn wäre die Geschichte wohl kaum
überliefert worden.)
Erste Erwähnung der Mark als Gewichtseinheit (233,7 Gramm). Im 11./12.
Jh. wird sie Grundgewicht von Münzen.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Goslar.
Pfingsten: Heinrich III. weilt am ungarischen Königshof.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Goslar.
Der Hof Kaiserswerth (heute innerhalb von Düsseldorf) wird
kaiserliche Burg.
In Hamburg läßt der Billunger Bernhard II. eine steinerne Turmburg
errichten (später Alsterburg genannt; vgl. 1035).
Ca.: Beginn der Schiffahrt auf dem Hochrhein (Schweiz).
1046 Ostern: Heinrich III. weilt zu Utrecht.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Aachen.
Weihnachten: Heinrich III. (29) weilt zu Rom, wo er zum Kaiser gekrönt
wird.
Bei einem Heidenaufstand in Ungarn kommt Bischof Gellért (Gerhard) um.
Man wird ihn 1083 heiligsprechen.
1047 Brüssel erhält weitere Reliquien (vgl. 984): Die Reliquien der Hl. Gundula
werden in die Kirche St. Michael überführt.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Mantua.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Speyer.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Pöhlde.
1048 Das Kloster Benediktbeuren erhält das Recht, Bier zu verkaufen.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Regensburg.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Solothurn.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Freising.
1049 Aus diesem Jahr stammt der älteste datierbare jüdische Grabstein in
Mitteleuropa - aus Mainz.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Merseburg.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Pöhlde.
1050 Das Kloster Weltenburg bei Kelheim erhält das Recht, Bier zu
verkaufen. Bis ins 12. und 13. Jh. wird der Aufschwung der Braukunst
währen, bis, bedingt durch klimatische Erwärmung, der Wein dem Biere
den Rang ablaufen wird.
Gariopontus, Arzt in Salerno, stirbt. (Frühepoche der Schule von
Salerno)
Haithabu wird geplündert und zerstört.
Ostern: Heinrich III. weilt zu Maastricht.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Pöhlde (?).
Ca.: Beginn der romanischen Kunstepoche, wobei die vergangenen 50
Jahre als eine Art Vorlauf betrachtet werden können.
Ca.: Sextus Amantius berichtet von einem Spielmann, der in einer
Herberge einem vornehmen Herrn während des Essens mit der Laute und
mit Gesang unterhält, während viel Volk zusammenströmt, um zuzuhören.
Titel aus dem Repertoire des ioculators: "David und Goliath", "Das
Schneekind", "Von der Tonkunst des Pythagoras" und "Von der
Nachtigall"
Ca.: Der Erzbischof von Reims lobt Graf Balduin V. überschwenglich für
die Erfolge im Landesausbau, durch die in Flandern das frühere Wildland
fruchtbarer geworden sei als das alte Kulturland.
Ca.: Hamburg hat etwa 800 bis 900 Einwohner, davon zur Hälfte Kleriker.
Hamburg wird unter Erzbischof Adalbert (1043 - 1072) erneut Zentrum
der christlichen Mission.
Ca.: Aufkommen des gegliederten Dreschflegels. [Hatten wir das nicht
schon einmal? Vorsicht damit!]
Ca.: Europa hat etwa 46 Mio. Einwohner. [Woher kommen solche Zahlen?]
1051 Es stirbt Erzbischof Bardo von Mainz; "...den elenden Spielleuten
war er sehr zugetan."
Im Dom zu Speyer gibt es eine silberne Wasseruhr (clepsydra).
Ostern: Heinrich III. weilt zu Köln.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Paderborn.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Goslar. Hier läßt er mehrere Ketzer
aufhängen.
1052 Ostern: Heinrich III. weilt zu Speyer.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Zürich.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Worms.
1053 Herzog Gottfried läßt in Goslar einige Ketzer aufhängen (nach Lambert
von Hersfeld).
Ostern: Heinrich III. weilt zu Merseburg.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Goslar (?).
Weihnachten: Oetting am Inn.
1054 Kaiser Heinrich III. heiratet zu Ingelheim, wozu die Spielleute
- als große Ausnahme - vom Hof verbannt oder zumindest unbeschenkt
entlassen werden.
Aus dem Testament der Äbtissin Theophanu des Frauenstiftes zu Essen:
"Da es einem jeden unbekannt und unbewußt ist, was die Zukunft bringt
oder wann der künftige Tag naht, solen wir im Herrn wachen und aus den
uns anvertrauten Talenten den Ertrag vergrößern, damit, wenn er selbst
oder sein Tag nahen wird, wir nicht wegen Ungehorsams oder Muße verdammt
werden. Denn es steht geschrieben, der Tag des Herrn komme wie ein Dieb
in der Nacht." (Urkundenbuch zur Geschichte des Niederrheins, S. 122)
Die Äbtissin verfügt daher: Vom Tag ihres Todes bis zum 30. Tag danach
sollen die Priester zwölf Schillinge erhalten, um die Messe zu lesen;
an die Armen sollen am ersten und dem dritten Tag (nornalerweise dem
Begräbnistag) fünf, an den Tagen der ersten Woche zwei Schillinge,
danach alle sieben Tage 30 Denare (ein Schilling hat 12 Denare) und am
30. Tag noch einmal fünf Schillinge verteilt werden. Die gleiche Summe
sollen die Pilger erhalten. 30 Priester sollen für ihre Seele beten:
Wenn hier allerdings so viele Priester nicht zusammenkommen, dann soll
man zu meinen Brüdern vom heiligen Ludger (im Kloster Werden an der
Ruhr) schicken, damit die Zahl der Messen erfüllt werde." Für danach
stiftet sie jeweils am 30. Tag zwölf Denare für zwölf Messen und 18
Denare für die Fürsorge, an jedem Jahrestag aber fortan 30 Denare für
30 Messen und fünf Schillinge für die Armen. Außerdem sollen drei
Frauen drei Schillinge erhalten, um alle 30 Tage den Psalter über ihrem
Grab zu singen. Das nötige Geld liegt in einer Truhe bereit. "Wacht, ich
bitte euch, ihr Brüder und Schwestern; euer Gebet soll mich nicht als
Tote, sonden als Schlafende trösten."
Ostern: Heinrich III. weilt zu Mainz.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Quedlinburg.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Goslar.
Ca.: Mitte des 11. Jhs., unter Heinrich III., prallen verschiedene
Rechtsauffassungen aufeinander: Der sächsische Graf Thietmar, ein
Bruder des billungischen Herzogs wird von seinem eigenen Vasallen
beschuldigt, er habe geplant, Heinrich III. zu ermorden. Heinrich
verfügt einen gerichtlichen Zweikampf als Gottesurteil, in welchem der
Graf von dem Vasallen getötet wird. Daraufhin nimmt der Sohn des
Erschlagenen den siegreichen Vasallen gefangen und läßt ihn an den
Beinen aufhängen und von Hunden zerfleischen, eine Methode, mit der man
normalerweise Verräter umbringt. Der Kaiser exiliert daraufhin den
Sohn (nach Adam von Bremen). In dieser Auseinandersetzung werden weder
die üblichen Vermittler noch eine Möglichkeit des Beschuldigten erwähnt,
sich durch einen Reinigungseid und Eideshelfer zu behelfen. Heinrich
praktiziert hier also neue Formen des Umgangs mit adligen Gegnern, was
ihm wohl wenig Freunde macht.
1055 Ostern: Heinrich III. weilt zu Mantua.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Florenz.
Weihnachten: Heinrich III. weilt zu Zürich.
1056 Ostern: Heinrich III. weilt zu Paderborn.
Pfingsten: Heinrich III. weilt zu Goslar (?).
Heinrich III. (39) lebt ab. Sein Nachfolger Heinrich IV. ist
minderjährig (6); Regentin ist Agnes von Poitou.
1057 Bis 1064: Aus dieser Zeit stammt (aus Bamberg) das älteste Dienstrecht,
in welchem vom Stand der Ministerialen oder Dienstmannen die Rede ist.
Ihr Stand muß bereits verfestigt sein, weil ihnen darin ein Erbrecht - auch
für Seitenlienien - zugestanden wird. Die meisten Ministerialen kommen
aus der Unfreiheit - sie wurden als Bestandteil der Besitzungen betrachtet
und mit diesen verkauft oder verschenkt. Von den bäuerlichen Hintersassen
einer Grundherrschaft unterscheiden sie sich durch ihre Aufgabe als
Verwalter oder berittene Krieger. Von den übrigen Unfreien heben sie sich
durch durch den Besitz eines Dienstgutes zu Lehen ab, wodurch die
Unterhaltspflicht ihres Herren ihnen gegenüber abgegolten ist. In den
Ministerialenstand strömen Freie (Kleinbauern und kleine Grundherren),
wodurch sich ihr Rang und Ansehen weiter verbessert.
1058 Der Arzt Alfanus (in Salerno) wird Erzbischof.
1059 Papst Nikolaus II. belehnt den Normannen Robert Guiscard (44), alias
"Robert das Wiesel", einen der zwölf Söhne des Grafen Tankred von
Hauteville, mit Apulien, Kalabrien und Sizilien; Richard von Aversa
wird mit dem Fürstentum Capua belehnt. Die Normannen sind seit 1020 in
Süditalien aktiv. Sizilien freilich müssen sie erst noch erobern.
23. Mai: In Frankreich wird Philipp I. Mitregent.
1060 Bei einem Brand in Halberstadt brennt der Dom ab.
Beginn der cluniazensischen Dichtung.
Weimar kommt in den Besitz der Grafen von Orlamünde.
Frankreich: Philipp I. regiert nun allein (ab 29. August; bis 1108).
Seit seiner Regierung wird in Frankreich der Jahresanfang nicht mehr
wie bisher am 25. März (normannischer Einfluß), sondern zu Ostern
festgelegt (bis 1564). Einige Gebiete behalten jedoch abweichende
Termine (Dauphiné: 25. Dezember; Aquitanien, Auvergne, Angoumois,
Limousin: 25. März).
Ca.: Das Wort "riter" kommt auf als Übersetzung von "miles" und
bedeutet zunächst nichts weiter als "Berittener Krieger".
Ca.: Der Respekt vor den alten karolingischen Institutionen schwindet.
1061 Der Bamberger Schulmeister Meinhard wirft seinem Bischof Gunther, einem
der glänzendsten Kirchenfürsten seiner Zeit vor, daß er sich lieber
Heldensagen von Attila und Dietrich von Bern anhöre, statt Augustinus
oder Gregor den Großen zu lesen. [ZfdA 73, 1936, S. 87 - 98]
/1062: In eine Urkunde des Bischofs von Bamberg wird eine Rechtsordnung
für die Ministerialen des Bischofs eingeschaltet: "Wenn einen von ihnen
sein Herr anschuldigt wegen irgend einer Sache, soll ihm gestattet sein,
durch einen Eid sich mit seinesgleichen zu reinigen; ausgenommen in drei
Fällen, d. i. wenn er beschuldigt wird, gegen das Leben seines Herrn oder
seine Kammer oder seine Festungen Pläne geschmiedet zu haben. Gegen die
übrigen Menschen aber soll er sich von jeglichem Vorwurfe ohne Vogt mit
seinesgleichen durch einen Eid reinigen können; bei den übrigen Menschen
brauchen sie nicht mehr als 7 Mann, bei ihren Genossen aber 12. [Damit
werden die ursprünglich unfreien Ministerialen rechtlich den Freien
gleichgestellt.]
Ist einer getötet worden, so beträgt die Loskaufsumme 10 Pfund, die keinem
andern gehört als den Verwandten des Getöteten.
Wer vom Bischofe kein Lehen hat und sich ihm zu seinem Dienst stellte,
aber ein Lehen nicht erlangen konnte, mag Kriegsdienste nehmen, bei wem
er will, nicht als Lehensmann, sondern frei.
Stirbt einer ohne Kinder und hinterläßt eine schwangere Frau, so warte
man, bis sie gebiert. Ist es ein Knabe, so soll er das Lehen des Vaters
haben; wenn nicht, dann soll der nächste Anverwandte des Verstorbenen
sowohl den Panzer als das beste Pferd, das er hatte, seinem Herrn bringen
und das Lehen seines Verwandten erhalten.
Wer einen Kriegszug antritt, soll auf eigene Kosten zum Herrn kommen; von
da an wird er auf dessen Kosten erhalten.
Geht der Zug nach Italien, soll der Herr für jeden Panzer ein Pferd und
drei Pfund geben. Geht er aber anders wohin, sollen zwei von ihnen, die
Lehen haben, einem dritten die Auslagen bestreiten. Von ihrem Herrn sollen
sie nur zu fünf Diensten angehalten werden, d. i. daß sie entweder
Truchsesse oder Mundschenke oder Kämmerer oder Marschalke oder Jägermeister
seien." [Die Geschichte des Bisthums Bamberg. Bd. l: Die Gründung und das
erste Jahrhundert des Bistums Bamberg 1007-1102. Nach den Quellen bearb.
von Johann Looshorn. Bamberg: Historischer Verein, 1886. S. 380 f.]
1063 Pfingsten: Schlägereien und Kämpfe in der Kirche zu Goslar. Ursache ist
ein Streit zwischen dem Bischof von Hildesheim und dem Abt von Fulda
vom letzten Weihnachtsfest her: "Als sich der König und die Bischöfe
zum Abendgottesdienst versammelten, kam es wegen der Aufstellung der
bischöflichen Stühle wieder zu einem Tumult, nicht wie das vorige Mal
durch einen zufälligen Zusammenstoß, sondern durch einen seit langem
vorbereiteten Anschlag. Denn der Bischof von Hildesheim, der die damals
erlittene Zurücksetzung nicht vergessen hatte, hatte den Grafen Ekbert
mit kampfbereiten Kriegern hinter dem Altar verborgen. Als diese nun
den Lärm der sich streitenden Männer hörten, stürzten sie rasch hervor,
schlugen auf die Fuldaer teils mit Fäusten, teils mit Knüppeln ein,
warfen sie zu Boden und verjagten die über den unvermuteten Angriff wie
vom Donner gerührten mühelos aus der Kapelle der Kirche. Sogleich
riefen diese zu den Waffen; die Fuldaer, die Waffen zur Hand hatten,
scharten sich zu einem Haufen zusammen, brachen in die Kirche ein, und
inmitten des Chores und der Psalmen singenden Mönche kam es zum
Handgemenge: Man kämpfte jetzt nicht mehr nur mit Knüppeln, sondern mit
Schwertern. Eine hitzige Schlacht entbrannte und durch die ganze Kirche
hallte statt der Hymnen und geistlichen Gesänge Anfeuerungsgeschrei
und das Wehklagen Sterbender...Der König erhob zwar währenddessen laut
seine Stimme und beschwor die Leute unter Berufung auf die königliche
Majestät, aber er schien tauben Ohren zu predigen." (Lampert von
Hersfeld, Annalen. Hg. von Adolf Schmidt & Wolfgang D. Fritz, S. 77 ff.)
An diesem Ort sei stellvertretend vermerkt, daß es im Mittelalter so
etwas wie ein Gewaltmonopol nicht gibt.
Diese Geschichte hat noch weitere Folgen: "Als nun die Nachricht von
seiner Niederlage in Goslar nach Fulda kam, da äußerten sie (die Mönche)
alle laut ihren Unwillen, gereizt durch den Schmerz über diesen neuen
Schlag wie die Erinnerung an die früheren, und sie stachelten sich
gegenseitig an, eine so günstige, ihnen vom Himmel gebotene Gelegenheit
nicht zu versäumen; zur Ausführung ihres Vorhabens fehlte nichts als
ihr eigenes tatkräftiges Handeln, der Mann werde durch seine eigenen
rechtswidrigkeiten in den Untergang getrieben." (Lampert, S. 80f.)
16 Mönche verlassen unter geistlichen Gesängen das Kloster und bitten
den König um die Absetzung ihres Abtes. Am Hof jedoch gibt man sich
entsetzt: Die Rädelsführer werden in Klosterhaft geschickt und die
anderen werden nach Fulda zurückgebracht. Da sie sich durch Verlassen
des Klosters selbst von der Regel losgesprochen haben, werden vor ein
Laiengericht gestellt. Einige werden ausgepeitscht, geschoren (Mönche
sollten eigentlich schon geschoren sein!) und aus dem Kloster
ausgestoßen. Die anderen werden auf verschiedene Klöster verteilt.
"Über die einzelnen wurden jedoch nicht nach dem Maße ihrer Schuld,
sondern je nach ihrer hohen oder niedrigen Herkunft mildere oder
strengere Strafen verhängt. (...?) Möge der Abt zusehen, ob er nicht
etwa in seinem Grimm härter, als es sich geziemte, gestraft und das
Maß überschritten habe. (...?) Fest steht jedenfalls, daß dem Kloster
Fulda damals ein Schandmal eingebrannt worden ist, das wohl in einer
langen Reihe kommender Jahre nicht abgewaschen und getilgt werden kann."
(Lampert, S. 86f.)
1064 /1065: Unter Führung von Bischof Gunther von Bamberg ziehen über 7000
(oder bis zu 12000) Pilger ins Heilige Land. Sie nehmen den Landweg.
1065 Gründung der Hohen Schule von Bagdad.
Ein Bericht eines Pilgerzuges zeigt die Genuesen bereits in voller
Handelstätigkeit an der syrischen Küste.
1066 Slawenaufstand an der unteren Elbe.
Erste Erwähnung von Alt-Lübeck. Damit ist möglicherweise das
slawische Kastell im Norden der späteren Stadt gemeint.
Die Freiheitsurkunde für die Stadt Huy ersetzt den gerichtlichen
Zweikampf durch Eidesleistung: Der Einheimische kann sich mit drei
Eideshelfern vom Zweikampf freischwören, der Fremde durch Eineid und
die rechtssymblische Geste der exfestucatio.
Der irische Missionar Johannes wird in Mecklenburg umgebracht.
Erzbischof Eberhard von Trier stirbt mitten in der Osterfeier. Man
schreibt seinen Tod den Juden zu, welche ein von einem abtrünnigen
Priester namens Paulin geweihtes Wachsbild des Bischofs verbrannt
haben sollen. Dies ist die erste Erwähnung von "Rachepuppen" zum
Schadenszauber für Deutschland.
Die Obotriten überfallen Hamburg.
Die Normannen erobern England.
Haithabu wird erneut geplündert und zerstört.
Bei einem Turnier kommt Geoffroy de Preully (Preville) um, auf den
wahrscheinlich die Regeln für das Turnier mit stumpfen Waffen
zurückgehen.
Bis 1072: Hungersnot in Bremen, "und man fand viele Arme tot auf den
Plätzen der Stadt." [Adam von Bremen]
1067 Es stirbt Graf Balduin V. von Flandern. Es heißt von ihm, er habe durch
"Sorgfalt und Fleiß unkultiviertes Land fruchtbar gemacht".
1069 Adam von Bremen wird urkundlich daselbst als Domscholaster erwähnt. Es
ist über sein weiteres Leben nichts bekannt, außer daß er dem
Erzbischof nahegestanden hat.
1070 In Jerusalem wird durch fromme Bürger aus Amalfi wird ein Hospiz für
arme Pilger gegründet. Die Anstalt ist dem heiligen Johannes von
Jerusalem (gest. 417) geweiht. Sie wird von den Amalfitanern geleitet,
welche ein klösterliches Gelübde leisten und einem Meister unterstehen,
welcher seinerseits den Benediktinern untersteht.
Otto von Northeim, aus sächsischem Hause, ist derzeit Herzog von Bayern.
Als sich der König auf einem von dessen Gütern aufhält, kommt es zu
einem Zwischenfall: Kuno, der königliche Erzieher, wird Opfer eines
nächtlichen Überfalls (was sich wohl schon vor geraumer Zeit abgespielt
hat). Nun taucht am Hof ein gewisser Egino auf, welcher behauptet,
dieser Überfall habe Heinrich gegolten, von dem man gehofft hatte, er
werde dem Kuno zu Hilfe eilen. Egino behauptet, er habe von Otto von
Northeim den Auftrag erhalten, diesen Anschlag selbst auszuführen und
präsentiert ein angeblich von Otto erhaltenes Schwert dafür. Otto wird
informiert un soll binnen sechs Wochen nach Goslar kommen. Drei Wochen
nach Pfingsten stehen sich Heinrich und Otto auf einem Fürstentag zu
Mainz gegenüber und der Bayernherzog wird des Hochverrats beschuldigt.
Otto streitet alles ab, und so wird ein Zweikampf zwischen Otto und
Egino angesetzt. Dies steht nicht im Einklang mit den bisher
praktizierten Gewohnheiten: "'Es sei nicht recht und billig',
argumentierten sie (die Fürsten), 'daß ein Mann von höchstem Adel und
völlig unbescholtenem Ruf, der noch niemals durch den Makel eines
ungünstigen Gerüchts befleckt worden sei, mit einem solchen durch und
durch verruchten Menschen kämpfen solle, der alles, was er etwa an
adliger Gesinnung von seinen Vorfahren ererbt hätte, durch Diebstahl
und Straßenraub, kurz durch alle lasterhaften Schandtaten ausgelöscht
hatte.'" (Lampert von Hersfeld, S. 124ff; Brunos Buch vom Sachsenkrieg,
S. 216f.) Es wäre üblich gewesen, Otto zum Reinigungseid zu fordern und
dann die Sache als erledigt zu betrachten.
1. August: Zum Termin für den gerichtlichen Zweikampf mit Egino
erscheint Otto von Northeim nicht, obwohl er sicherlich leicht hätte
gewinnen können. Er gilt daher als schuldig und wird von sächsischen
Fürsten wegen Majestätsverbrechen zum Tode verurteilt. Dies ist ein
Versuch, ursprünglich politische Konflikte mit rechtlichen Mitteln
auszutragen. Otto verliert natürlich auch seine Herzogswürde und all
seine Güter. Bevor nun noch Heinrich ein Heer gegen ihn aufstellt,
brechen einige Hofbeamte, nämlich jene, denen Otto im Wege gestanden
hat, schon gegen ihn auf.
"Ottos Burg Hanstein, aus der gleich zu Anfang des schrecklichen Krieges
die Besatzung abgezogen worden war, ließ er (Heinrich) von Grund auf
zerstören. Vor eine andere Burg, Desenberg mit Namen, hatte er schon
Truppen gelegt. Obgleich sie ihrer Lage wegen uneinnehmbar und mit allen
zur Kriegsführung notwendigen Mitteln hinlänglich versorgt war, zogen es
ihre Insassen doch vor, sich freiwillig zu ergeben, als das zweifelhafte
Kriegsglück zu versuchen. Der König ließ dort eine Besatzung zurück und
führte sein Heer weiter, um auch die Besitzungen von Ottos Gemahlin
(Richenza) zu verwüsten. Er äscherte viele mit Kostbarkeiten und
Gebäuden herrlich ausgestattete Bauernhöfe ein und plünderte sie
aus, an Frauen und Kindern - denn die Männer hatten sich in den Bergen
und unzugänglichen Wäldern versteckt - beging er viele abscheuliche
Feindseligkeiten, und so harte und grausame Behandlung erlitten auf
diesem Zuge unschuldige und nicht mit dem geringsten Verdacht
irgendeines Vergehens behaftete Menschen von ihrem eigenen König, daß
sie nichts Härteres, nichts Grausameres von Barbaren hätten erleiden
können." (Lampert von Hersfeld, S. 128 f. - s.o.) Ottos Reaktion bleibt
nicht aus: "Er machte daher mit 3000 auserlesenen und in allen Künsten
der Kriegsführung geübten Männern einen Angriff auf Thüringen, steckte
die mit allen Vorräten reich ausgestatteten Königshöfe in Brand, machte
reiche Beute und köderte gleich zu Anfang seine Krieger, die in der
Mehrzahl nur die Hoffnung auf Beute zu dem Kampf gelockt hatte, durch
diesen Lohn und sicherte sich dadurch ihre unbedingte Treue. So zog er,
alles verheerend, bis über Eschwege hinaus. Hier verteilte er unter die
sich um ihn scharenden Bauern seiner Güter, denen die Krieger des
Königs nichts gelassen hatten als das elende Leben, einen Teil der
Beute, ermahnte sie, die Schläge der göttlichen Strafe tapferen Mutes
zu ertragen, und forderte sie auf, da sie ja keine Waffen führen
könnten, für ihn inbrünstig zu Gott zu beten." (Lampert von Hersfeld,
S. 128 f. - s.o.)
September: Otto von Northeim besiegt den Grafen Ruotger bei Eschwege.
Mit seinem Verbündeten Magnus, dem Sohn des Sachsenherzogs Ordulf igelt
sich Otto auf einem Bergrücken zwischen Diemel und Fulda ein. Der König
zieht von Nordwesten mit Truppen aus Hessen, Thüringen und Sachsen heran,
aber es kommt nicht zur Schlacht. Wie üblich erreicht ein Vermittler das
Ende des Konfliktes (siehe 1071).
Ca.: Adam von Bremen beschreibt am Beispiel des Erzbischofs Anno von
Köln, welche Qualitäten und Verhaltensweisen die Führungsschicht zeigen
soll: "Er förderte seine Verwandten, Freunde und Kapelläne und
überhäufte sie alle mit den höchsten Würden und Rängen, damit sie wieder
anderen, Schwächeren helfen konnten. Die Vornehmsten unter ihnen waren
des Erzbischofs Bruder Werner von Magdeburg, beider Vetter Burkhard,
der Bischof von Halberstadt, auch der erwählte Erzbischof Konrad von
Trier...ferner Eilbert von Minden und Wilhelm von Utrecht. Außerdem
waren in Italien der Patriarch von Aquileia, der Bischof von Parma und
andere, deren Aufzählung zu weit führen würde, Auf Betreiben und durch
die Gunst Annos erhoben worden. Und sie wetteiferten, ihrem Gönner
bei seinen Unternehmungen Hilfe und Ansehen zu geben." (Adam von Bremen,
S. 370f.) Was heutzutage mit "Filz" und "mafiöse Strukturen" bezeichnet
wird, ist im Mittelalter gängige Praxis.
1071 Pfingsten: Otto von Northeim unterwirft sich dem König zu Halberstadt.
Er verliert seine Reichslehen, behält jedoch seine eigenen Güter. Es
scheint, als hätten gewisse königliche Räte seinen Sturz betrieben. Von
dem im letzten Jahr verhängten Todesurteil jedenfalls ist keine Rede
mehr. Von Ottos Sturz profitiert sein Schwiegersohn Welf. Er schickt
diesem seine Tochter zurück und und bietet Heinrich IV. viel Geld,
damit er ihm als Nachfolger Ottos das Herzogtum Bayern gebe, "denn er
hielt es für besser, den Vorwurf des Meineids und die Schande des
Treubruchs auf sich zu nehmen, als sich in seiner glänzenden Lage an
dessen hoffnungslose, verlorene Sache zu binden...So geriet ihm der
Betrug, und er wurde groß und mächtig, aber alle verabscheuten ihn,
weil er die glänzendste und angesehenste Würde im Reich durch so
schmutzigen Ehrgeiz besudelt hatte." (Lampert von Hersfeld, S. 132f.)
Welf kann ungeachtet der Vorwürfe Lamperts seine Stellung ohne Probleme
behaupten und versöhnt sich später öffentlich mit Otto.
Vorübergehender Sieg der kirchlichen Reformbewegung der Patarener
gegen Adel und hohen Klerus in Mailand (bis 1075). Mailand wird
zunehmend unabhängiger von seinen Erzbischöfen.
1072 Die Obotriten überfallen Hamburg.
1073 Der Mönch Hildebrand wird nach dem Tode seines Vorgängers Alexander II.
als Gregor VII. neuer Papst.
1074 In der "Fastensynode" werden Priesterehe und Simonie verboten.
Stephan von Muret, einst Eremit in Kalabrien, gründet im Limousin den
Orden von Grandmont. Hier gibt es bald Laienbrüder, welche nur die
niederen Weihen empfangen und wirtschaftliche und finanzielle
Angelegenheiten des Ordens besorgen.
Als der Erzbischof von Köln das Schiff eines Kaufmanns entladen lassen
will, um es seinem Freund, dem Bischof von Münster zur Verfügung zu
stellen, kommt es zu einem Volksaufstand: "Zu derselben Zeit begab sich
in Köln ein Ereignis, welches der Trauer und der Tränen aller
Rechtschaffenen wert ist; man weiß nicht, ob durch den Leichtsinn des
gemeinen Volks, oder durch das Anstiften derer, welche das Schicksal des
Königs an dem Erzbischofe zu rächen wünschten. Wahrscheinlicher ist die
Vermutung, daß die Kölner dem Vorgange der Bürger von Worms folgten,
deren Name bei allen gefeiert war, deswegen, weil sie dem Könige im
Unglücke die Treue bewahrt und den Bischof, welcher sich aufzulehnen
versuchte, aus der Stadt vertrieben hatten, und daß sie diesem so bösen
Beispiel nacheifernd, dem Könige auch von ihrer Ergebenheit durch irgend
eine ausgezeichnete Tat einen erfreulichen Beweis darbringen wollten. Zur
Ausführung dieses ruchlosen Vorhabens gab der Zufall eine passende
Gelegenheit. Der Erzbischof beging das Osterfest zu Köln, und bei ihm war
der Bischof von Mimigardefurd [Münster], den er zur Teilnahme an den
Freuden einer so großen Feierlichkeit aus Rücksicht auf ihre vertraute
Freundschaft geladen hatte. Als dieser, nachdem die ersten Festtage
vorüber waren, sich zur Heimkehr anschickte, erhielten diejenigen, welche
das Hauswesen des Erzbischofs besorgten, den Auftrag, für ein Schiff zu
sorgen, welches zu seiner Abfahrt geeignet wäre. Nachdem sie alle
gemustert und genau besichtigt hatten, nahmen sie ein Schiff eines
gewissen sehr reichen Kaufmanns in Beschlag, weil es ihnen zu diesem
Gebrauche passend erschien; sie befehlen, die darauf befindlichen
Waren auszuladen, und das Schiff unverzüglich zum Dienste des Bischofs
in Bereitschaft zu setzen. Da die Diener, welchen die Bewachung des
Schiffes anvertraut war, sich weigern, drohen sie ihnen mit Gewalt, wenn
sie nicht ohne Zaudern ihre Befehle ausrichten. Jene eilen darauf in
schnellem Laufe, so rasch sie nur können, zu dem Herrn des Schiffes,
melden ihm die Sache und fragen an, was zu tun sei. Dieser hatte einen
erwachsenen Sohn, nicht weniger durch Kühnheit, als durch körperliche
Stärke ausgezeichnet, der sowohl durch Verschwägerung seiner Familie als
durch seine Verdienste den Vornehmsten der Stadt vor allen lieb und
befreundet war. Dieser nahm sein Gesinde und andere junge Leute aus der
Stadt, soviel er bei solcher plötzlichen Gefahr zu seiner Hilfe sich
verschaffen konnte, zu sich; er begibt sich mit ihnen in fliegender Eile
zu dem Schiffe und jagt die Diener des Erzbischofs, welche heftig darauf
dringen, das Schiff auszuräumen, schmählich von dannen. Als hierauf der
Stadtvogt die Sache auf sich nimmt, und bei seiner Ankunft den Lärmen
erneuert, so treibt er auch diesen mit gleicher Festigkeit zurück, und
schlägt ihn in die Flucht.
Schon eilen beiden Teilen ihre Freunde bewaffnet zu Hilfe, und es schien,
als wenn die Sache auf große Gefahr und einen bedenklichen Kampf
hinauslaufen wollte. Als man dem Erzbischofe die Nachricht brachte, daß
die Stadt durch einen sehr heftigen Auflauf beunruhigt werde, so schickte
er schnell seine Boten aus, um die Volksbewegung zu stillen, und drohte
voller Zorn, in der nächsten Gerichtssitzung die aufrührerischen jungen
Leute durch gebührende Strafe zu züchtigen. Denn er war zwar ein Mann, den
jegliche Gattung der Tugenden schmückte, und von oft erprobter
Rechtschaffenheit in allen Angelegenheiten des Staates sowohl wie der
Kirche Gottes; aber bei so vielen Tugenden erschien an ihm ein einziger
Fehler, wie ein kleines Mal auf dem schönsten Körper, daß er nämlich,
wenn sein Zorn entbrannte, die Zunge nicht genug beherrschen konnte,
sondern gegen Alle ohne Ansehen der Person zänkische Reden und die
beißendsten Scheltworte ausstieß. Dieses tadelte er auch an sich selbst
heftig, sobald er den Zorn ein wenig gebändigt hatte. Kaum gelang es, dem
Streite auf kurze Zeit Einhalt zu tun. Aber jener Jüngling, der trotzigen
Sinnes und durch den ersten Erfolg aufgeblasen war, hörte nicht auf,
alles zu verwirren, und die Stadt durchlaufend, streute er unter das Volk
mancherlei Reden aus über das hochmütige und harte Benehmen des
Erzbischofs, welcher so oft Ungebührliches gebiete, so oft Unschuldigen
das Ihrige nehme, so oft die achtbarsten Bürger mit den anzüglichsten
Worten angreife. Und es war nicht schwer, diese Gattung von Menschen zu
allem, was man wollte, wie ein Blatt, welches vom Winde fortgeweht wird,
umzustimmen, da sie, von Jugend auf in städtischer Üppigkeit erzogen,
keine Erfahrung von Kriegshändeln hatten, und gewohnt, nach Verkauf ihrer
Waren bei Weingelagen und Gastereien von Kriegstaten zu reden, alles,
was ihnen in den Sinn kam, ebenso leicht ausführen, als davon reden zu
können glaubten, weil sie es nicht verstanden, die Folgen der Dinge zu
ermessen. Überdies erinnerten sie sich der gefeierten und herrlichen Tat
der Einwohner von Worms, daß sie ihren Bischof, welcher anfing, allzu
anmaßend zu handeln, aus der Stadt vertrieben hatten, und da sie ja
stärker an Volkszahl, und mit Geld und Waffen noch besser versehen waren,
so hielten sie es für unwürdig, daß man glaubte, sie ständen an Kühnheit
unter jenen, für unwürdig, den Erzbischof, der über sie mit tyrannischem
Stolze gebiete, so lange weibisch zu dulden. Die Angeseheneren in der
Stadt beraten gemeinschaftlich törichte Pläne, der unbesonnene Pöbel
rast aus Sucht nach Neuerungen und ruft die ganze Stadt, von teuflischem
Geiste hingerissen, zu den Waffen; schon verschwören sie sich, den
Erzbischof nicht aus der Stadt zu vertreiben, wie die Einwohner von Worms,
sondern ihn durch alle Martern zu töten, wenn sie seiner habhaft würden.
Es war der Gedächtnistag des heiligen Georg des Märtyrers, der in diesem
Jahre auf den Mittwoch in der Osterwoche fiel, und der Erzbischof hatte,
nachdem er bei dem heiligen Georg die Messe gefeiert, während er zum Volke
redete, mit einer gewissen Ahnung der Zukunft, ohne das bevorstehende
Unheil selbst zu kennen, vor seinen Zuhörern beteuert, daß die Stadt in die
Gewalt des Teufels gegeben sei und ehestens untergehen werde, wenn sie sich
nicht beeilten, den schon über sie hereinbrechenden Zorn Gottes durch Buße
abzuwenden. Als nun Nachmittags, da sich der Tag schon zum Abend neigte,
so wie Öl zum Feuer, zum Zorne Trunkenheit sich gesellte, da stürzen sie
aus allen Teilen der Stadt zum erzbischöflichen Hofe, und an einem
öffentlichen Orte, wo er mit dem Bischof von Mimigardefurd [Münster]
speiste, greifen sie ihn an, schleudern Geschosse, werfen Steine, töten
einige von der Umgebung, und treiben die übrigen, von Schlägen und Wunden
erschöpft, in die Flucht. Bei diesem Auflauf sahen sehr viele den
Anstifter solcher Wut, den Teufel selber, vor dem unsinnigen Volke
vorauslaufen, behelmt und gepanzert, mit einem feurigen Schwerte furchtbar
blitzend, und niemandem als sich selbst zu vergleichen. Und während er mit
einer Kriegstrompete die Zaudernden anfeuerte, ihm in den Kampf zu folgen,
verschwand er mitten im Getümmel, als er mit lautem Geschrei auf die
Pforten zustürzte, um die Riegel derselben zu sprengen, plötzlich aus den
Augen der ihm folgenden. Den Erzbischof retten die Seinigen unter den
dicht gedrängten Haufen der Feinde und der Wolke von Wurfgeschossen mit
genauer Not, ziehen ihn fort in den Tempel des heiligen Petrus und
verrammeln die Eingänge nicht bloß durch Schlösser und Riegel, sondern
auch mit großen Blöcken, die sie davor wälzen. Außerhalb rasen und
brüllen, wie ausgetretene Fluten, jene Gefäße des Teufels, voll vom Weine
des Zornes Gottes, durchlaufen alle Gemächer des bischöflichen Palastes,
erbrechen die Türen, plündern die Schätze, zerhauen die Weinfässer, und
indem sie die für langen Gebrauch mit größtem Fleiße zusammengebrachten
Weine allzu hastig ausgießen, hätte der damit plötzlich angefüllte Keller,
was auch bei der Erzählung zum Lachen reizt, die durch die unvermutete
Flut gefährdeten beinahe ertränkt.
Andere dringen in die Kapelle des Erzbischofs ein, berauben den Altar,
betasten die heiligen Gefäße mit befleckten Händen, zerreißen die
priesterlichen Gewänder, und da sie alle zum Gottesdienst bestimmten
Gerätschaften mit sorgsamem oder vielmehr rasendem Eifer herumreißen,
finden sie hier jemanden, der sich aus Furcht in einem Winkel versteckt
hatte, und, in der Meinung, daß es der Erzbischof sei, tödten sie ihn,
nicht ohne frohlockende Schmährede, daß sie endlich einmal der so
zügellosen Zunge ein Ziel gesetzt hätten.
Doch als sie erfuhren, daß sie durch die Ähnlichkeit getäuscht wären,
und der Erzbischof innerhalb des Tempels des heiligen Petrus sowohl
durch die Heiligkeit des Ortes als die Festigkeit der Mauern sich
schützte, so scharen sie sich von allen Orten her zusammen, umlagern
die Kirche, strengen sich an, mit Fleiß die Mauern zu durchbrechen,
und drohen zuletzt, wenn ihnen der Erzbischof nicht sofort ausgeliefert
würde, auch Feuer anlegen zu wollen. Als nun die, welche innerhalb waren,
erkannten, daß der Sinn des Volks fest auf seinen Tod gerichtet war, und
daß diese Menschen nicht bloß durch die Trunkenheit, welche mit der Zeit
zu verschwinden pflegt, sondern auch durch hartnäckigen Haß und eine
gewisse tolle Wut getrieben würden, so raten sie ihm zu dem Versuch, mit
veränderter Kleidung aus der Kirche zu entfliehen und die ihn belagernden
zu täuschen, um durch diese Tat das heilige Gebäude von der Feuersgefahr,
und sich von dem drohenden Tode zu befreien.
Die günstige Zeit verhieß Schutz für die Flucht. Da der Aufstand sich bis
um Mitternacht hingezogen hatte, so herrschte überall schauerliche
Finsternis und Dunkelheit, daß es für niemanden leicht war, das Gesicht
der ihm begegnenden zu unterscheiden. Ein enger Eingang führte aus der
Kirche in das Schlafhaus, und wieder aus dem Schlafhause in den Hof und
das Haus eines Domherrn, welches an die Ringmauer der Stadt angebaut war.
Dieser hatte nach Gottes gnädiger Fürsehung zur Rettung des Erzbischofs
wenige Tage vor Entstehung des Aufruhrs von dem Erzbischofe die Erlaubnis
erlangt, die Stadtmauer durchbrechen, und sich eine kleine Hintertür
anlegen zu dürfen. Dort hinaus führte man den Erzbischof, und nachdem zu
seiner und seiner Begleiter Fortbringung schleunig vier Pferde
herbeigeschafft waren, entfernte er sich, durch die Finsternis der
dunkeln Nacht auf das trefflichste geschützt, daß ihn die begegnenden
nicht erkannten. Kurz nachher traf er auch den Bischof von Mimigardefurd
wieder, und gelangte, nun schon in Betracht des damaligen Mißgeschicks mit
stattlichem Geleit, an einen Ort, welcher Noussen genannt wird. Unterdessen
erschütterten die, welche die Kirche umzingelten, die Mauern durch heftige
Stöße der Sturmböcke, und es erscholl ein verwirrtes Geschrei der tobenden,
welche bei dem allmächtigen Gotte beteuerten, daß er ihren Händen nicht
entrinnen, daß er die Wachsamkeit der Belagerer nicht täuschen sollte,
selbst wenn er sich in das kleinste Gewürm der Erde verwandelte. Dagegen
vereitelten diejenigen, welche eingeschlossen waren, bald mit Bitten, bald
mit Versprechungen, daß sie ihm auf das sorgfältigste nachspüren, und ihn,
wenn sie ihn fänden, selbst ausliefern wollten, in schlauer Weise die
Bemühungen derer, die sie bedrängten, so lange bis sie glaubten, daß der
Erzbischof schon weit genug entwichen und an sichere Orte gelangt sei.
Dann erst öffnen sie die Türen, lassen jene selbst eindringen, um nach
ihrem Belieben zu suchen, und setzen hinzu, man suche ihn vergebens
innerhalb des Umfangs der Kirche, da sie mit Gewißheit erfahren hätten,
daß er bei dem ersten Anstürmen der aufgeregten Menge noch am hellen Tage
die Stadt verlassen habe, und schon in entfernte Gegenden habe gelangen
können; es sei eher zu vermuten, daß er von allen Orten bei nächtlicher
Weile Truppen zusammenziehen und am frühen Morgen anrücken werde, um sich
der Stadt mit den Waffen zu bemächtigen. Jene drangen also hinein, und
nachdem sie alle innersten Räume des Tempels sorgfältig durchforscht und
durchwühlt hatten, überzeugten sie sich endlich nur mit Mühe, daß sie
hätten getäuscht werden können; darauf aber richten sie nun von dem
Eifer im Nachsuchen ihr Augenmerk auf die Verwahrung der Stadt, und
verteilen die bewaffnete Menge rings umher auf die Schutzwehren.
Unterdessen ergreifen sie einen aus dem Haufen und knüpfen ihn zur
Schmach des Erzbischofs über dem Stadttore auf, mehr um ihre Wut, von
welcher sie unaufhaltsam hingerissen wurden, zu befriedigen, als weil
sie dem Unglücklichen irgend ein todeswürdiges Verbrechen hätten
vorwerfen können. Auch ein Weib stürzen sie von der Höhe der Mauer herab,
daß es den Hals brach und tot blieb, ihm schuld gebend, daß es verrufen
gewesen, Menschen oftmals durch Zauberkünste um den Verstand zu bringen.
Aber dieses Verbrechen hätten sie zu angemessener Zeit und mit ruhigerem
Gemüthe ahnden sollen.
Sie hatten auch den Vorsatz gefaßt, wenn Gott nicht, für seine Knechte
sorgend, die Tage ihres Wahnsinns verkürzt hätte, die Mönche im Kloster
des heiligen Pantaleon insgesammt zu ermorden, deswegen weil sie,
nachdem der Erzbischof die alten Mönche vertrieben, dort eine neue und
ungewöhnliche Art des Gottesdienstes eingerichtet hätten. Außerdem
befahlen sie rüstigen jungen Männern, in möglichst beschleunigter Reise
sich zu dem König zu begeben, ihm das, was vorgegangen war, zu melden,
und ihn aufzufordern je eher je lieber zu kommen, um die durch Verjagung
des Erzbischofs ledige Stadt zu besetzen; darauf beruhe das Heil der
Stadt und sein eigener größter Vorteil, daß er dem Erzbischof, der mit
großen Dingen umgehe um seine Schmach zu rächen, zuvorzukommen suche.
Von solcher Raserei wurden sie drei ganze Tage lang umhergetrieben.
Als man nun im Lande hörte, und es sich durch das allgemeine Gerücht
verbreitete, daß die Kölner ihrem Erzbischofe Schimpf und Schande
angetan und ihn aus der Stadt getrieben hätten, entsetzte sich alles
Volk über die Neuheit der That, über das Ungeheuere des Verbrechens,
das Schauspiel der menschlichen Dinge, daß ein Mann von so großen
Tugenden in Christo, vor Gottes Augen so unwürdiges habe erdulden können.
Seine große Freigebigkeit gegen Dürftige, seine hingebende Andacht in
göttlichen Dingen, seine große Mäßigung in menschlichen Geschäften, sein
unermüdeter Eifer zu Verbesserung der Gesetze, seine rücksichtslose
Strenge in Züchtigung der Übeltäter, wurden von aller Mund gepriesen,
und die Erinnerung daran erwarb ihm nicht wenig Gunst bei den Einwohnern
des Landes. Alle rufen laut, mehr ihnen selbst zur Schmach gereiche die
Verletzung der Majestät des priesterlichen Namens, und es wäre besser für
sie zu sterben, als zu dulden daß ein so großes Verbrechen zu ihren Zeiten
ungeahndet bleibe. Sie rufen daher vier oder fünf Meilen in der Runde
umher zu den Waffen, viele tausend Menschen strömen geschwinder als man
es nur sagen kann, herzu, und keiner, der seines Alters wegen die Waffen
tragen kann, weigert sich eines so frommen Kriegsdienstes;
zusammengeschaart bitten sie den Erzbischof, und treiben den zaudernden
mit Gewalt an, zur Wiedereroberung der Stadt auf das schleunigste
herbeizuziehen; sie wollten für ihn streiten, und wenn die Not es
erheische, wie Schafe für ihren Hirten und Kinder für ihren Vater gern
den Tod erleiden; beeilten sich die Kölner nicht, ihn aufzunehmen, wenn
er komme, und nach seinem eigenen Gutdünken dem beleidigten Genüge zu
tun, so würden sie entweder Feuer hinein werfen und das Volk mitsamt der
Stadt vernichten, oder die Mauer zertrümmern und ihn über die Leichen
der Erschlagenen auf den erzbischöflichen Stuhl zurückführen. So zog
denn der Erzbischof am vierten Tage nach seiner Flucht, umringt von
einer großen Schar, gegen die Stadt. Als die Kölner dieses erfuhren,
und inne wurden daß sie den Andrang einer so großen und so erbitterten
Menge weder durch ihre Mauer noch durch eine Feldschlacht aufhalten
könnten, da zuerst begann ihre Wut sich abzukühlen und die Trunkenheit
zu schwinden; und von gewaltigem Schrecken ergriffen, schickten sie ihm
Boten wegen des Friedens entgegen, indem sie sich als schuldig bekannten,
und bereit erklärten jede Strafe zu leiden, die ihnen auferlegt würde,
wenn ihnen nur das Leben bliebe. Der Erzbischof antwortete, er werde den
wahrhaft reuigen Vergebung nicht versagen. Hierauf feierte er das Hochamt
bei dem heiligen Georg, und lud diejenigen, welche den Bischof aus seinem
eigenen Sitze vertrieben, welche die Kirche mit Mord befleckt, welche den
Tempel des heiligen Petrus feindlich angegriffen, welche alles Recht der
Kirche mit roher Frechheit entweiht hätten, durch den bischöflichen Bann
zur Genugtuung. Alsbald zogen alle barfüßig, mit wollenen Gewändern auf
dem bloßen Leibe heran, nachdem sie nur mit Mühe von der Menge, die um
den Erzbischof war, die Zusage erlangt hatten, daß sie dieses ungefährdet
tun könnten. Denn jene zürnten ihm heftig, daß er, um der Leute Gunst zu
gewinnen, ohne Maß seine Milde zur Schau trage und dadurch die
nichtswürdigen Menschen, wenn dieser Frevel unbestraft bleibe, ermutige,
noch Schlimmeres zu wagen. Der Erzbischof befahl ihnen des folgenden
Tages beim heiligen Petrus sich einzustellen, um die Buße für eine so
ungeheuere Schandtat nach den kanonischen Vorschriften auf sich zu nehmen.
Er selbst zog weiter bis zur Kirche des heiligen Gereon, und beschloß
hier außerhalb der Stadt zu übernachten; und aus Besorgnis, daß nach
Übergabe der Stadt die Gewaltsamkeit der aufgeregten Menge nicht im Zaum
gehalten werden könne, sondern daß sie teils aus Erbitterung über das an
ihm begangene Unrecht, teils von Begierde nach Beute entflammt, allzu
grausam gegen das Volk wüten möchten, bittet er das bei ihm befindliche
Landvolk, daß ein jeder in Frieden heimziehen möge; er habe sich ihrer
Hilfe genug bedient, und einen augenscheinlichen Beweis davon erhalten,
welche Gesinnung die Schafe gegen den Hirten, die Söhne gegen den Vater
hegten; der schwierigste Teil des Geschäfts sei mit Hilfe ihrer großen
Tapferkeit vollbracht; das andere, was noch übrig sei, werde nun leicht
durch seine eigenen Haustruppen beendigt werden können; daher möchten
sie jetzt mit gutem Glück wieder nach Hause ziehen und die Hoffnung mit
zurücknehmen, daß die Dankbarkeit für diese Wohltat bei ihm, ob er nun
lebe oder sterbe, beständig fortdauern werde.
Nachdem er dieses mit Mühe erlangt hatte, befahl er seinen Leuten,
so vielen als er zur Dämpfung der städtischen Unruhen, wenn sie etwa
durch den Leichtsinn des Volkes sich wieder erneuerten, genügend glaubte,
in die Stadt einzuziehen; er selbst würde ihnen am nächsten Tage folgen,
sobald durch die Wachsamkeit derer, die er vorausgesandt, Sorge getragen
wäre zu verhüten, daß nicht etwa heimliche Nachstellungen in der Stadt
verborgen wären. In dieser Nacht entwichen aus der Stadt 600 oder noch
mehr der reichsten Kaufleute, und begaben sich zu dem Könige, um die
Hilfe seiner Vermittelung gegen das Wüten des Erzbischofs anzuflehen.
Die übrigen stellten sich, nachdem der Erzbischof in die Stadt gezogen
war, und ganze drei Tage lang, der Übereinkunft gemäß, sie erwartete, auf
keine Weise ihm vor, um irgend eine Art der Genugtuung anzubieten.
Dieses unwürdige Benehmen erschien den Mannen des Bischofs unerträglich,
und, wie die Meisten behaupten, ohne Vorwissen des Erzbischofs und ohne
ihn zu fragen, greifen sie zu den Waffen, dringen in die Häuser, plündern
die Habe, strecken von denen, die ihnen begegnen, einige zu Boden, andere
nehmen sie gefangen und werfen sie in Fesseln; kurz sie üben, um es, wenn
auch wider Willen, zur Steuer der Wahrheit zu bekennen, das Werk der
gerechten Rache weit grausamer, als es dem Rufe eines so hohen
Kirchenfürsten anstand. Aber die schwerere Krankheit bedurfte eines
schärferen Gegenmittels. Der Sohn des oben erwähnten Kaufmanns, welcher
zuerst das Volk zum Aufruhr entflammt hatte, und wenige andere wurden des
Augenlichts beraubt, einige mit Ruten geschlagen und ihr Haar geschoren;
alle büßten mit dem empfindlichsten Verluste an ihrem Vermögen, und
wurden gezwungen einen Eid abzulegen, daß sie hinfort für den Erzbischof
die Stadt wider die Gewalttätigkeit aller und jeder behaupten wollten, so
viel sie durch Rat und Tat vermöchten, und diejenigen, welche aus der
Stadt geflüchtet waren, stets als ihre ärgsten Feinde betrachten, bis
sie dem Erzbischofe gebührende Genugtuung geleistet haben würden. So
wurde die Stadt, welche kurz vorher so volkreich und nächst Mainz das
Haupt und die Krone der gallischen Städte gewesen war, plötzlich beinahe
zur Einöde gemacht; und sie, deren Straßen kaum die dichten Schwärme der
Fußgänger faßten, läßt jetzt nur selten einen Menschen blicken, während
alle vormaligen Orte des sehnlichen Verlangens und der Lustbarkeiten von
Schweigen und Schauer beherrscht werden. Unbezweifelte Vorzeichen hatten
dieses voraus verkündet. Ein Pilger war zur Feier des Palmsonntages
in demselben Jahre dahin gekommen. Dieser sah im Traume einen Raben von
furchtbarer Größe durch ganz Köln flattern, und mit schrecklichem
Gekrächze das Volk, welches über solchen Anblick entsetzt war, hierhin
und dorthin scheuchen; darauf sah er einen Mann erscheinen, herrlich an
Kleidung und Gestalt, welcher den Raben, der alles mit entsetzlichen
Tönen erfüllte, aus der Stadt vertrieb und das Volk, welches voll
Bestürzung schon das Schlimmste befürchtete, von der nichtigen Furcht
erlöste. Als nun dieser voll Schreckens die Umstehenden um die Erklärung
des Traumes befragte, da vernahm er, daß die Stadt wegen der Sünden des
Volkes in die Gewalt des Teufels gegeben gewesen, aber durch die
Fürbitte des Märtyrers Georg befreit, dem Verhängnis ihres nahen und
schon von Gott vorherbestimmten Unterganges entronnen sei." [Lampert von
Hersfeld, Annalen]
Eine Urkunde Heinrichs IV. gewährt der Stadt Worms Zollfreiheit: "Im Namen
der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit. Heinrich, durch das Walten
von Gottes Gnaden König.
Es ist Aufgabe königlicher Gewalt und Güte, den Dienst aller Leute mit
angemessenen guten Gaben zu entgelten, in der Weise also, daß diejenigen,
die sich in der Ergebenheit des Dienstes besonders bereitwillig zeigen,
auch beim Entgelten des Dienstes sich freuen können, als besonders
verdienstlich und besonders erhaben beurteilt zu werden. Und unter diesen
haben Wir die Einwohner der Stadt Worms nicht eines ganz kleinen, sondern
eines ganz großen und besonderen Entgelts für würdig, nein: für würdiger
als alle Bürger jeglicher Städte angesehen - sie, von denen Wir wissen,
daß sie in der ganz großen Erschütterung des Reiches mit ganz großer und
besonderer Treue zu Uns gehalten haben, obgleich Wir sie weder durch ein
mündliches, noch durch ein in einem Brief von Uns selbst oder einem Boten
vermerktes, noch überhaupt irgend ein Wort zu dieser so hervorragenden
Treue gewonnen hatten. Und diese Treue haben Wir deswegen so hervorragend
genannt: Während alle Fürsten des Reiches unter Mißachtung des heiligen
Bandes der Treue gegen Uns wüteten, gaben sie allein sich gleichsam dem
Untergang preis und hingen Uns an gegen den Willen aller. Denn während
alle Städte sonst sozusagen - nein: tatsächlich bei Unserem Herannahen
die Tore schlossen, während man Wachposten zur Nacht abwechselnd
verteilte, während sie, mit Kost und Eisenwaffen geschützt, bei Nacht und
bei Tag umschritten wurden, hat sich allein Worms mit der allgemeinen
Zustimmung der Bürger, mit der Rüstung der Waffen aller An Unserem Einzug
bewahrt. Daher sollen sie also bei dem Entgelten des Dienstes die ersten
sein, die in der Ergebenheit des Dienstes wahrhaftig nicht die
allerletzten waren. Daher sollen sie bei der gebührenden Belohnung ihres
Dienstes allen als Beispiel dienen, die alle in der Bewahrung des heiligen
Bandes der Treue übertroffen haben. Daher sollen Einwohner aller Städte
froh sein in der Hoffnung auf die königliche Vergütung, welche die Wormser
tatsächlich erreicht haben. Lernen sollen alle, in deren Nachahmung dem
König die Treue zu bewahren, - alle, die in deren Förderung die Güte des
Königs gutheißen.
Diese Förderung läßt sich zwar in wenigen Worten zusammenfassen, doch in
deren Einschätzung selbst wird sie nicht als geringfügig, sondern als
willkommen und ehrenvoll angesehen. Denn die Abgaben, die man in deutscher
Sprache als 'Zoll' bezeichnet, welche die Juden und die anderen Wormser
in allen Zollstätten, die der königlichen Gewalt zugehören - also
Frankfurt, Boppard, Hammerstein, Dortmund, Goslar, Enger -, bei der
Durchreise zu zahlen verpflichtet waren, haben Wir den Wormsern erlassen,
so daß sie künftig keinen 'Zoll' mehr zahlen, und dies haben Wir in
Gegenwart Unserer Fürsten - also Liemars des Erzbischofs von Hamburg, der
Bischöfe Ebbo von Naumburg, Dietrich von Verdun, Hermann von Bamberg und
Burkhard von Basel - sowie der übrigen Getreuen von Christus und von Uns
rechtskräftig gemacht. Daß diese Rechtsbestätigung, die über die Aufhebung
des genannten 'Zolls' stattfand, keiner Unserer Nachfolger, also keiner
der Könige oder Kaiser, aufhebt, bitten Wir inständig, und Wir verbürgen
Uns für die wünschenswerte Dauerhaftigkeit der Handlungen eines jeden.
Wer - und das sei ferne! - Uns dabei irgendwie schwächt, möge gewiß sein,
daß er sich selbst und was er tut schwächt. Diese Bestätigung, die, wie
man unten sieht, mit eigener Hand auf dieser Urkunde, die Wir haben
schreiben lassen, eingeschrieben und mit dem Aufdruck Unseres Siegels
versehen ist, haben Wir der Kenntnis allen künftigen und gegenwärtigen
Volkes hinterlassen.
Handzeichen des Herrn Heinrich IV., des allerdemütigsten und
unüberwindlichsten Königs. Ich, Kanzler Adalbero, habe in Vertretung des
Erzkanzlers Siegfried die Ausfertigung beglaubigt. Gegeben am 18. Januar,
im Jahre der Geburt des Herrn 1074, in der 12. Indiktion, aber im 19. Jahr
des Herrn Heinrich, des 4. Königs seines Namens, dem 17. Jahr seines
Königtums; geschehen zu Worms; Heil und Segen im Namen Gottes. Amen."
[Weinrich. S. 133/135. 0: Die Urkunden Heinrichs IV. Tl. l. Hrsg. von
Dietrich von Gladiß. Berlin 1941. (MGH DD H IV.) S. 342 f., Nr. 267.]
1075 In der "Fastensynode" wird die Laieninvestitur verboten. Damit beginnt
der Investiturstreit der Päpste mit den deutschen Königen.
Nach einer Augsburger Chronik sollen Höllengeister gleichzeitig
mehrere Weiber aus dem Gefolge von Herzog Wolf von Bayern überfallen
haben.
In Fulda ist ein neuer Abt zu bestimmen und etliche Bewerber machen dem
König Angebote: "Wie in einem feierlich angesagten Wettkampf lief da
jeder einzelne mit aller Kraft um die Wette: Der eine versprach goldene
Berge, der andere ungeheure Lehen aus den Fuldaer Besitzungen, ein
dritter außergewöhnliche Dienstleistungen für das Reich, und alle wahrten
nicht Maß noch Ziel in ihren Angeboten." (Lampert von Hersfeld,
S. 324ff.)
Ca.: Der Reif der ungarischen Stephanskrone wird etwa auf dieses Jahr
datiert. Die heutige Form der Krone, von der übrigens kein Teil auf den
hl. Stephan zurückgeht, entsteht Ende des 12. oder Anfang des 13. Jhs.
1076 Bischof Gandolfo von Reggio Emilia erlaubt den Bewohnern des Ortes
Fossoli (nördlich von Carpi im Modeneser Flachland), ein sumpfiges
Waldgebiet weiter im Norden, wo weite Gebiete ungebutzt liegen, zu
bearbeiten. Die Bauern benutzen es als Viehweide und zur Holzgewinnung.
Um den Holzabbau zu beschränken, darf das Holz nur auf dem Rücken
herausgeschafft werden darf.
Januar: Heinrich IV. und die deutschen Bischöfe erklären in der Synode
von Worms den Papst für abgesetzt.
In der "Fastensynode" setzt Papst Gregor VII. den deutschen König ab und
exkommuniziert ihn. Die Untertanen sollen vom Treueeid entbunden sein.
Oktober: Die deutschen Fürsten beschließen in Anwesenheit päpstlicher
Legaten auf dem Fürstentag zu Tribur (Trebur) den König abzusetzen,
falls der Bann nicht binnen Jahresfrist gelöst werde.
Epidemie des Antoniusfeuers (Mutterkornbrand) im Westen.
/1077: Strenger Winter in Deutschland, Frankreich und Italien.
1077 25. - 28. Januar: Heinrich IV. pilgert nach Canossa und wird vom
Bannzauber befreit. Die Fürsten wählen unterdessen Rudolf von Schwaben
(bzw. von Rheinfelden) zum Gegenkönig. Es gibt Bürgerkrieg (bis 1080).
In Mainz revoltieren die Bürger gegen den päpstlich gesinnten Erzbischof
Siegfried I., welcher den Gegenkönig gekrönt hat.
Auf dem Weg nach Canossa haben die eigenen Verwandten Heinrichs ihm die
Durchreise durch Savoyen erst gestattet, nachdem er ihnen wertvolle
Besitzungen in dieser Gegend geschenkt hatte. Erzbischof Gebhard von
Salzburg hat sich auf die Seite des Papstes gestellt. Während des
Investiturstreites werden die Befestigungen Hohensalzburg und Werfen
errichtet.
1078 Tübingen ("Tvvingia") wird erstmals erwähnt. Es belagert nämlich König
Heinrich IV. die Burg Hohentübingen.
1079 "Ein Graf namens Friedrich, der von den vornehmsten Grafen Schwabens
abstammte, hatte auf der Burg Staufen eine Siedlung angelegt. Da er im
Rat vorausschauend und im Waffenhandwerk tüchtig war, war er an den
kaiserlichen Hof (Heinrichs IV.) aufgenommen worden, hatte dort lange
Zeit Dienst getan und dem Kaiser in allen Gefahren mannhaft beigestanden.
Als nun der Kaiser die gefährliche Lage des Reiches erkannte, berief
er den Grafen insgeheim zu sich und und sprach zu ihm: 'Bester der
Männer, den ich im Frieden als den treuesten und im Kriege als den
tapfersten erkannt habe, sieh wie das römische Reich...sich zu
niederträchtigen Anschlägen und verabscheuungswürdigen Taten verleiten
läßt...Erhebe du dich wider diese schreckliche Seuche und gürte
mannhaft dein Schwert zur Niederwerfung der Feinde des Reiches. Denn
ich bin diener bisherigen Verdienste nicht uneingedenk und werde deiner
künftigen nicht uneingedenk sein. Ich werde dir vielmehr meine einzige
Tochter zur Ehefrau geben und dir das Herzogtum Schwaben, das Berthold
an sich gerissen hat, übertragen.'" (Otto von Freising, S. 144ff.)
Die Herzogswürde von Schwaben fällt damit für die nächsten 200 Jahre an
die Staufer.
Ca.: Verwendung von Hopfen zum Bierbrauen.
1080 In der Schlacht von Hohenmölsen fällt Gegenkönig Rudolf von Schwaben.
Er verliert hier nämlich seine rechten Arm, mit dem er einst Heinrich
ewige Treue geschworen hat und stirbt an der Verletzung. Man sieht
darin den Beweis für sein Unrecht. Sein grabmal im Dom von Merseburg
zeigt ein zeitgenössisches Reliefbild des Toten auf einer Bronzeplatte -
das erste Bild eines deutschen Königs auf einem Grabmal und das älteste
erhaltene figürliche hochmittelalterliche Laiengrabmal überhaupt.
Heinrich IV. wird erneut gebannt. Erzbischof Wibert von Ravenna wird
zum Gegenpapst erhoben.
Ca.: Lampert von Hersfeld (ein Mönch) verfaßt seine Annalen.
Ca.: König Philipp I. von Frankreich plündert italienische Händler
aus, die zu den Messen in seiner kleinen königlichen Domäne zwischen
Paris und Orléans kommen. Darüber ereifert sich Papst Gregor VII.
Nach 1080: In Bologna wirkt der Rechtsgelehrte Irnerius; er verfaßt
Glossen zum Rechtskodex des Justinian (aus dem 6. Jh.) und begründet
die "Glossatorenschule".
1081 Es stirbt der Chronist Lampert von Hersfeld (ca. 53).
1083 In Sachsen ist "der Sommer sengend; viele Kinder und Greise starben
an der Ruhr."
1084 Heinrich IV. (34) belagert Papst Gregor VII. in der Engelsburg in Rom.
Im Februar stößt er nach Apulien vor und läßt sich von Gegenpapst
Klemens III. am 21. März zum Kaiser krönen.
Bruno von Köln stiftet den Orden der Karthäuser.
Juden aus Mainz emigrieren nach Speyer. Bischof Rüdiger siedelt sie
geschlossen an und erteilt ihnen Privilegien.
1085 Papst Gregor VII. stirbt.
Heinrich IV. verkündet in Mainz für das Reich den "Gottesfrieden",
ein Fehdeverbot an bestimmten Tagen.
1086 In England entsteht das Domesday Book, eine Art Grundbuch. Hierin sind
insgesamt 268984 Personen verzeichnet. Dies sind allerdings nur die
Haushaltsvorstände (oder nur jene, die eine volle Hofstelle besitzen);
außerdem gibt es Lücken in den Städten sowie Rechenfehler, und die
nördlichen Provinzen sind nicht erfaßt. Darby hat daraus eine
Gesamtbevölkerung Englands zwischen 1,2 und 1,6 Millionen errechnet.
Mit hypothetischen 50% zusätzlichen Landlosen und Unterpächtern kommt M.
M. Postan auf eine Maximalzahl von bis zu 2,4 Millionen.
Daraus ist u.a. zu ersehen, daß in England beim Ackerbau noch keine
Pferde eingesetzt werden. Es gibt in England 5624 Wassermühlen.
/1087: Aus der Wassermühle wird die Walkmühle entwickelt, die das
Walken des Stoffes mit den Füßen oder mit Knüppeln ersetzt. (Nach
einer Urkunde der Abtei Saint-Wandrille) Eine solche Mühle kann bis
zu 40 Arbeitskräfte ersetzen.
1087 Bis 1087 ist in der päpstlichen Kanzlei die Griechische Indiktion
gebräuchlich (Wechsel des Jahres im Indiktionszyklus zum 1. September;
siehe bei 832).
1088 In Evreux existiert eine Biermühle.
Ca.: Bologna wird zum Mittelpunkt für die Lehre des Römischen Rechts.
Bildung einer Rechtsschule.
Bis 1143: Die päpstliche Kanzlei benutzte bisher als Jahresanfang neben
dem 25. Dezember auch den 25. März nach Florentiner Rechnung (25. März
nach unserem heutigen Jahresanfang). Nun wird zusätzlich auch noch die
Pisaner Rechnung (25. März vor unserem Jahresanfang) verwendet.
1089 Epidemie des Antoniusfeuers (Mutterkornbrand) im Westen. "Viele
verfaulten zu Fetzen, wie von einem heiligen Feuer verzehrt, das
ihnen die Eingeweide auffraß; ihre Glieder, nach und nach zernagt,
wurden schwarz wie Kohle. Sie starben schnell unter grauenvollen
Qualen, oder sie setzten ohne Füße und Hände ein noch schrecklicheres
Leben fort. Viele andere wanden sich in nervösen Krämpfen." [Sigbert
von Gembloux]
/1090: Im sog. Bempflinger Vertrag wird Reutlingen (Rutelingin) erstmals
erwähnt.
1090 Heinrich IV. gewährt den Juden von Worms und Speyer Privilegien.
Markgraf Wiprecht von Groitzsch beginnt die Gründung des Klosters Pegau
an der Elster.
Der normannische Graf Roger, der Bruder von Robert Guiscard von Sizilien
erreicht die Freilassung von christlichen Gefangenen aus der Eroberung
von Malta: "Er rief alle Gefangenen zusammen, die er der Gefangenschaft
entrissen und mit sich genommen hatte, und gab ihnen die Freiheit. Er
bot ihnen an, falls sie bei ihm in Sizilien bleiben wollten, auf seine
eigenen Kosten an einem Ort ihrer Wahl für sie ein Dorf zu bauen und sie
mit allem zu versehen, was sie für die Gewinnung des Lebensunterhalts
nötig war. Dieses Dorf sollte "freies Dorf" (villa franca) genannt
werden, weil es auf Dauer von jeglichen Abgaben und knechtischen
Diensten frei sein sollte. Jenen aber, die zu ihren eigenen Feldern und
Angehörigen zurückzukehren wünschten, gewährte er die Freiheit, zu
gehen, wohin sie wollten." (Malaterra, "De rebus gestis Rogerii 4, 16";
ed. Pontieri S. 95f.) Neu daran ist, daß Roger die Gefangenen nicht
zwangsweise neu ansiedelt, wie es sein Bruder noch vor wenigen
Jahrzehnten getan hat. Es wird versucht, Arbeitskräfte durch Schaffung
attraktiver Rahmenbedingungen anzulocken. Diese Methode wird die Basis
für die Siedlungs-, Wanderungs und Kolonisierungsbewegungen des
Hochmittelalters - im Gegensatz zu Knechtschaft und Gefangennahme in
früheren Zeiten.
Hassan Sabâh aus Ghom (Qom), der Anführer der persischen Ismailiten
bringt durch einen Handstreich die fast uneinnehmbare Bergfestung
Alamut (Adlernest) südlich des Kaspischen Meeres in seinen Besitz.
Dort regiert er die nächsten 34 Jahre über die Nezâris, wobei er
sein Zimmer in dieser Zeit nur zweimal verlassen haben soll (und
auch nur, um aufs Dach zu gehen). Er gilt auch als Mathematiker und
Alchimist. Er läßt zwei seiner eigenen Söhne töten, einen davon
wegen verbotenem Alkoholgenuß. Sein Werk sind die Assassinen (Sekte
oder Orden als "Staat im Staat"). Diese Geheimbewegung verbreitet
sich bis zu den Küsten des Mittelmeeres, mit einem Netz befestigter
Stützpunkte. Ihre fedâ'is ("Opfergänger") werden für ihre Mordanschläge
bekannt. (Nach der Legende vom "Alten vom Berge" sollen sie Haschisch
benutzt haben.)
Ca.: "Liber de vita christiana" des Bonizo von Sutri, worin der
"Ritter" (miles christianus) aufgefordert wird zu Ergebenheit
gegenüber dem Herrn, Verzicht auf Beute, Hingabe des Lebens für den
Herrn, Kampf für das Wohl der "res publica", Krieg gegen die "Ketzer",
Schutz der Armen, Witwen und Waisen sowie Einhaltung der dem Herrn
gelobten Treue. "Wenn Könige, Magnaten und Ritter nicht aufgerufen
wären, Schismatiker und Häretiker und Exkommunizierte zu verfolgen...,
dann wäre der gesamte Kriegerstand in der christlichen Gemeinschaft
überflüssig." [56]
Bis 1095: Eine Zeit allgemeiner oder fast allgemeiner Hungersnot.
1091 Beispiel für Reliquienverehrung - im Kloster Rastede (bei Oldenburg):
"(13) Auf ihn folgte Bischof Liemar im Bischofsamt. Mit seiner
Erlaubnis weihte Bischof Hartwig von Verden auf Bitten des ruhmreichen
Grafen Friedrich dieses Kloster im Jahre der göttlichen Fleischwerdung
1091, in der 9. Indiktion, am 16. August, im Namen der heiligen und
unteilbaren Dreifaltigkeit und zu Ehren der heiligen Gottesgebärerin,
der Jungfrau Maria, sowie der Heiligen, deren Reliquien im Hauptaltar
ruhen. Es sind darin folgende Reliquien eingelassen: Ein Stück vom
Grabe des Herrn, von der Krippe des Herrn und vom Tisch des Herrn.
Vom Bart des hl. Petrus. Von der Milch der hl. Jungfrau Maria. Von
ihrem Gewand, von den Daunen ihres Kopfkissens, und andere Reliquien
von ihr. Ein Stück vom Stabe des hl. Petrus. Vom Blut des hl. Johannes
des Täufers. Reliquien der heiligen Apostel Andreas, Jacobus, Barnabas,
Thomas, Philippus und Jacobus, Bartholomäus. Reliquien des hl.
Märtyrers Mauricius, des Johannes und Paulus. Stücke von den Gebeinen
und dem Gewand des hl. Georg. Reliquien der heiligen Unschuldigen
Kinder und des Hippolytus, Laurentius, Augustinus, Vitus, Modestus.
Reliquien der heiligen Bekenner Martin, Felix, und des Metzer Bischofs
Remigius. Reliquien der heiligen Kölner Jungfrauen Cäcilia, Martha,
Agatha, Barbara.
Der Südaltar wurde am 16. August von demselben ehrwürdigen Hartwig,
Bischof von Verden, im Namen der heiligen und unteilbaren
Dreifaltigkeit und zu Ehren Johannes des Täufers geweiht. In diesem
Altar befinden sich noch Reliquien des hl. Stephanus, des hl. Nicasius
und seiner Gefährten, zu deren Ehren der Altar gleichfalls geweiht ist.
Der Altar im Norden wurde am 17. August von demselben Bischof geweiht
im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit und zu Ehren der
heiligen Bekenner Benedikt, Nikolaus und Martin, deren Reliquien im
Altar ruhen. Außerdem befinden sich dort Stücke vom Grab und vom
Leichentuch des Herrn, vom Stab des hl. Petrus und vom Gewand der hl.
Maria. Ein Splitter vom Stab des Moses und Aaron. Reliquien der
heiligen Märtyrer Laurentius, Clemens und Hilarius. Ferner der
heiligen Kölner Jungfrauen Walpurgis und Petronilla, ferner von
Margareta und Maria Magdalena.
Im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1091, in der 14. Indiktion, am
17. August, weihte derselbe Bischof Hartwig den Mittelaltar im Namen
der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit und zu Ehren des
siegreichen Kreuzes und des hl. Märtyrers Dionysius, dessen Reliquien
mit anderen nachfolgend aufgezählten darin ruhen: Reliquien der
heiligen Märtyrer Cosmas und Damianus und des hl. Albanus. Teile vom
Banner des hl. Mauricius und von den Gebeinen desselben sowie seiner
Gefährten. Reliquien der Apostel Timotheus und Petrus. Ein Stück vom
hl. Kreuz. Reliquien des hl. Johannes des Täufers sowie des Bekenners
Augustinus. Reliquien der heiligen Kölner Jungfrauen Walpurgis und
Gertrud, der Maria Magdalena, Agnes, Felicitas und Margareta."
[Rasteder Chronik]
1093 Mißbrauch des Heeresaufgebots: Wilhelm II. (der Rote) von England
beruft die Aufgebote der Grafschaften nach Hastings, angeblich für
einen Feldzug in der Normandie. Es sollen 20000 gekommen sein, von
denen jeder die zehn Schillinge dabei hat, die seine Grafschaft zur
Versorgung stellen muß. William nimmt das Geld und schickt sie wieder
nach Hause.
1094 Der Markusdom in Venedig wird geweiht; dort werden erstmals Gondeln
erwähnt.
"Im selben Jahre war eine große Sterblichkeit der Menschen, vorzüglich
aber in Deutschland. Als nämlich die genannten Bischöfe auf ihrem Rückwege
von Mainz durch ein Dorf namens Amberk [Amberg], kamen, konnten sie die
außerhalb des Dorfes gelegene sehr geräumige Pfarrkirche nicht betreten,
um eine Messe zu hören, weil der ganze Boden voller Leichen lag. Auch in
der Stadt Kaker war nicht ein Haus, in welchem sich nicht drei oder vier
Leichen befanden; wir gingen also daran vorüber und übernachteten unweit
der Stadt auf freiem Felde." [Cosmas, Chronik von Prag]
Epidemie des Antoniusfeuers (Mutterkornbrand) im Westen.
1095 "Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1095 erschien der nördliche Himmel
viele Nächte hindurch gerötet." [Cosmas, Chronik von Böhmen]
27. November: Auf dem Konzil von Clermont ruft Papst Urban II. zum
Kreuzzug auf. Den Teilnehmern an Turnieren wird mit dem Bann gedroht.
Noch in diesem Jahr beginnt der Wandermönch Peter (der "Kleine
Peter", später als "Peter der Einsiedler") aus der Gegend von
Amiens, den Kreuzzug zu predigen, beginnend in der Grafschaft
Berry.
1096 Februar und März: Peter der Einsiedler zieht - kreuzzugspredigend -
durch das Orléannais und die Champagne nach Lothringen, von dort
an der Maas entlang über Aachen nach Köln, wo er bereits 15000
Leute gesammelt hat und wo ihm weitere zuströmen. (12. - 20. April)
In Deutschland schließen sich keine hohen Fürsten an.
Ein fanatisierter Volkshaufen unter Graf Emicho vom Nahegau zieht nach
Mainz und bringt dort 1014 Juden um. Es sollen 12000 Mann gewesen sein.
Insgesamt werden in Mainz, Worms, Trier, Metz, Köln, Neuß, Xanten,
Regensburg und Prag nach vorsichtigen Schätzungen 4000 bis 5000 Juden
umgebracht.
Frühjahr: Erste "zucht- und mittellose Horden" von Kreuzfahrern
erreichen Ungarn. Während des ganzen Sommers fließt ein führerloser
und ununterbrochener Pilgerstrom nach Osten.
1. August: Vor Konstantinopel erscheinen die ersten undisziplinierten
Haufen von Kreuzfahrern unter Peter von Amiens ("Peter der
Einsiedler"); die bereits in Ungarn angefangen haben zu plündern.
Guibert von Nogent: "Der Kaiser erließ ein Edikt, um allen die
Möglichkeit zu geben, nach Belieben zu kaufen, was in der Stadt
verkäuflich war, riet ihnen aber gleichzeitig, nicht den Meeresarm
zu überschreiten, der nach dem heiligen Georg hieß (der Bosporus)
und der sie von dem durch die Türken besetzten Land trennte. Er
warnte sie, sich wegen ihrer Unterlegenheit nicht ohne Gefahr dem
Zusammentreffen mit den unzähligen Streitkräften der Türken
auszusetzen. Doch weder die Gastfreundschaft der Einwohner der
griechischen Provinzen noch selbst die Leutseligkeit des Kaisers
konnten die Pilger besänftigen; sie benahmen sich mit äußerster
Unverschämtheit, verwüsteten die Paläste der Stadt, setzten
öffentliche Gebäude in Brand, rissen die Bleiplatten von den Dächern
der Kirchen und verkauften dieses Blei dann wieder an die Griechen.
Erschreckt von dieser kühnen Ausschreitung, befahl ihnen der Kaiser,
den Sankt-Georgs-Arm unverzüglich zu überschreiten."
15. August: Offizieller Aufbruch zum Kreuzzug.
Anonymus: "Als die Türken erfuhren, daß die Christen die Burg
(Xerigordon, kleine Grenzbefestigung) besetzt hielten, belagerten
sie diese. Vor dem Burgtor befand sich ein Brunnen und am Fuß der
Burg eine sprudelnde Quelle, bei der sich Rainald (der Führer der
Gruppe) aufstellte, um den Türken einen Hinterhalt zu legen. Diese
langten an am Tage des Michaelisfestes, entdeckten Rainald und
seine Gefährten und machten eine große Anzahl nieder, während die
anderen in die Burg flohen. Die Türken belagerten diese alsbald und
schnitten die Wasserzufuhr ab. Die unsrigen litten dermaßen unter
Durst, daß sie ihren Pferden und Eseln die Adern öffneten, um das
Blut zu trinken; andere warfen Schärpen und Lappen in die Latrinen
und drückten die Flüssigkeit aus in ihren Mund; einige urinierten in
die Hand eines Gefährten und tranken dann; andere gruben feuchten
Boden auf, legten sich dann nieder und häuften die Erde auf ihre
Brust, so groß war das Brennen ihres Durstes. Die Bischöfe und
Priester aber bestärkten die Unsrigen in ihrem Mut und ermahnten sie,
durchzuhalten."
Bei Civitot werden sie von den Türken nach einem Ausbruch am 21.
Oktober niedergemacht. Ein kleiner Teil entkommt nach Konstantinopel.
Später beschreibt Anna Komnena den Ort: "Diese Gebeine bildeten einen
ungeheuren Haufen oder vielmehr eine Erhebung, einen Hügel, einen
hohen Berg von beträchtlicher Oberfläche. Menschen von demselben
Stamm wie die niedergemetzelten Barbaren bauten daraus Mauern wie die
einer Stadt, und anstelle des Mörtels füllten sie die Zwischenräume
mit den Gebeinen der Toten und machten aus dieser Stadt gewissermaßen
ihr Grab. Dieser befestigte Platz besteht noch heutzutage, umgeben
von einer Mauer aus Steinen und Knochen."
Ende des Jahres erreicht der offizielle Kreuzzug Konstantinopel.
1097 In London wird der Weiße Tower vollendet (die erste Version des Londoner
Towers), ein Kubus von drei bis vier Stockwerken (33 x 36 x 27,5 Meter).
Diese königliche Zwingburg liegt gerade noch innerhalb der alten römischen
Stadtmauer "wie das Schloß an einer Kette" und über einem römischen Lager
und ist erbaut mit Steinen aus Caen. Er heißt der "weiße" Tower, weil
weiß gekalkt.
1098 Ein exemplarischer Sterbefall: Graf Liutold von Achalm verstirbt. Er
hat zusammen mit seinem Bruder Kuno das Kloster Zwiefalten gegründet.
Solche Gründungen durch einzelne Geschlechter dienen quasi als Vorsorge
für das Seelenheil und sind allgemein üblich. Liutold hat dem Kloster
fast seinen gesamten Besitz vermacht, aber das scheint noch nicht genug
zu sein: "Das zehnte Jahr seit der Gründung dieses Klosters war noch
nicht abgelaufen, da fühlte Graf Liutold, dessen Leiden sich
verschlimmert hatte, daß er dem Ende seines diesseitigen Lebens nahe
sei. Wohl konnte er mit dem Apostel sprechen: 'Einen guten Kampf habe
ich gekämpft, meinen Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; nunmehr liegt
für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit' und so weiter (2 Tim 4,7f.).
Gleichwohl bat er, um 'als Gerechter gerechtfertigt zu werden', ihm noch
in der Stunde vor seinem Hinscheiden die Mönchsweihe zu erteilen. (...?)
Dermaßen beraubte sich jener einst so reiche, so großmächtige Graf, dem
alle Genüsse des Lebens zu Gebote standen, um Gottes und um euretwillen,
ihr Brüder, ihr gottgeliebten Söhne, dermaßen entblößte er sich, um
nackt Christus nachfolgen zu können, 'um mit seinem Überflusse eurem
Mangel abzuhelfen', um sein Angedenken bei Gott und bei euch für ewige
Zeiten zu sichern." (Ortlieb von Zwiefalten, S. 72 - 74)
Robert, Abt des Klosters Molesme gründet inmitten des morastigen Waldes
von Cîteaux (in der Diözese von Langres) ein Kloster, um die
Benediktinerregel zu reformieren. Die Mitglieder dieses neuen Ordens
werden als Zisterzienser bezeichnet.
Nacht vom 2. auf 3. Juni: Die Kreuzfahrer erobern Antiochia (weil ihnen
ein armenischer Waffenschmied namens Firuz nachts ein Tor geöffnet hat,
um sich am Kommandanten der Stadt zu rächen). Das Gemetzel, welches sie
dort anrichten, soll zwischen 10000 und 60000 Tote gekostet haben. Bald
sehen sie sich selbst in der Rolle der Belagerten.
14. Juni: Die Kreuzfahrer finden in einer Kirche die "Heilige Lanze"
(ungeachtet der Tatsache, daß sich bereits in Konstantinopel eine
solche befindet!), angestiftet von einem provencalischen Visionär
namens Peter Bartolomäus ("der Ärmsten und Niedrigsten einer",
eine umstrittene Gestalt, die später an den Folgen einer Feuerprobe
stirbt). Drei Tage sollen mit Beten und Fasten verbracht worden
sein (beim allgemeinen Hunger kein Kunststück). Dann werden am 28. Juni
die belagernden Türken vertrieben.
Erster Kreuzfahrerstaat: Balduin von Boulogne setzt sich in Edessa
fest.
1099 Die Kreuzfahrer erobern Jerusalemd m unetzeln dort alles nieder. Die
Zahlen der Opfer schwanken zwischen 20000 und 70000. Angeblich soll
noch im nächsten Jahr der Verwesungsgeruch spürbar gewesen sein.
In Valencia stirbt der Cid alias Rodrigo Diaz aus Vivar.
In Mainz werden die Weber urkundlich erwähnt (erste Zunft?).
Es stirbt Graf Adalbert von Calw, der Stifter des Klosters Hirsau. Unter
seiner Herrschaft sind etliche Waldhufendörfer im Nordschwarzwald angelegt
worden.
In Venedig wird der Rialtomarkt eingerichtet

11. Jh. Bis Anfang des 11. Jhs. gilt in England der 25. Dezember als
Jahresanfang.

Genagelte Hufeisen sind nun überall gebräuchlich.
Aufkommen der Harfe in Europa.
Der gregorianische Choral wird allmählich von mehrstimmigem Gesang
verdrängt.
Seit Mitte des 11. Jh. wird in der byzantinischen Kaiserkanzlei
orientalisches Papier verwendet (wahrscheinlich arabische Importe).
Orientalisches Papier ist bräunlich, glatt, gut geleimt, zuweilen
löschpapierähnlich, stark und geschmeidig. Es zeigt keine
Wasserzeichen, aber dafür manchmal krumme oder schiefe Formstreifen
(je 20 in einer Breite von 22 - 30 mm) und unregelmäßig verteilte
Stege.
Seit Mitte des 11. Jhs. gilt in England durch normannischen Einfluß
der 25. März als Jahresanfang (bis 1752, in Schottland bis 1600).
Um die Wurten in Friesland entstehen erste niedrige Deiche. Zur
gleichen Zeit werden die bisherigen kleinen Boote durch größere
Schiffe ersetzt. Durch die Deiche können die Boote nicht mehr die
flachen Schiffsländen an den Warften ansteuern. Die ersten Deiche
sollen weniger das Meerwasser abhalten, als vielmehr die
Überflutung mit Süßwasser aus dem Hinterland verhindern, welches sich
zuweilen an der Grenze des Tideneinflußbereiches staut. Aus bisher
unbesiedelten Sietländern werden Polder.

/12. Jh.: Entstehung des französischen Epos "Karlsreise" (Le Voyage
de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople), wahrscheinlich
im Zusammenhang mit dem Reliquienkult von St.-Denis.
Ende 11. Jh.: Bis etwa jetzt hat die päpstliche Kanzlei für amtliche
Bücher noch Papyrus benutzt, während päpstliche Urkunden auf Papyrus
bereits um die Mitte des 11. Jhs. verschwunden sind.

Ende 11. Jh./Anfang 12. Jh.: Entstehung des Wilhelmsliedes (Chanson de
Guillaume), des ältesten Liedes der Wilhelmsepik um Wilhelm, einen
Vetter Karls des Großen.

1100 In York wird ein Hospital errichtet.
Ca.: Blütezeit des keltischen (kymrischen) Schrifttums in Wales.
Ca.: Beginn des Kupferbergbaus in Schlesien.
Ca.: In Deutschland und Italien sind Fahnenwagen (Karraschen) üblich.
Ca.: Europa hat etwa 48 Mio. Einwohner. (Vorsicht bei Zahlen!)
Ca.: Der Mönch Frutilo von Michelsberg (im Bamberger Milieu) wertet
die "Erzählung des Volkes" (vulgaris fabulatio) und den "Vortrag der
Lieder" (modulatio cantilenarum) gegenüber seiner neuen kritischen
Geschichtsschreibung ab. Immerhin scheint aber die Heldensage noch als
Geschichtsbewußtsein im Gegensatz zur gelehrten kirchlichen
Historiographie bestanden zu haben.
Ca.: Auf Gotland hört die Herstellung von Bildsteinen (bildstenar) auf. Diese
Steine, von denen ca. 450 ganz oder telweise erhalten sind, wurden etwa ab dem
Jahre 400 ausschließlich auf Gotland hergestellt. Es sind Fliesen aus Kalkstein
oder Sandstein, die auf einer Seite mit bemalten Ritzungen versehen sind. Ihr
zweck ist unklar, sie treten oft auf oder bei Gräbern, aber auch als Wegsteine
auf. Sie trugen heidnische und später christliche Darstellungen, Runeninschriften
und Flechtbandornamente.
Ca.: Anlage einer Straße vom Allgäu nach Meersburg.
1102 Der Normanne Roger II. von Hauteville (später König von Sizilien,
Kalabrien und Apulien) muß eine im Vorjahr angefertigte Urkunde seiner
Mutter, der Gräfin Adelasia wiederholen, "weil sie auf Papier
geschrieben war". Es geht darin übrigens um die Übereignung einer Mühle,
welche von einem Araber angelegt worden war, an das Kloster San Filippo.
In diesem Gebiet ist die Konstruktion von Mühlen eine Domäne der Araber.
Guy von Rochefort kehrt "in Ruhm und Fülle" vom Kreuzzug heim. Dies ist
einer der sehr wenigen Hinweise darauf, daß Kreuzfahrer reich heimkehren -
zumindest in den frühen Kreuzzügen. Die anderen Hinweise seien an dieser
Stelle aufgeführt [weil die exakte Datierung gerade nicht zur Verfügung
steht]: Ein Ritter namens Grimald, der auf der Heimreise an Cluny
verbeikommt, wird dort confrater, macht ein Testament zugunsten der
Abtei und schenkt ihr eine Unze Gold. Hadwig von Chiny, die ihren Mann
Dodo von Cons-la-Grandville auf dem Kreuzzug begleitet hat, schenkt der
Kirche St. Hubert-en-Ardenne einen kompletten Satz Gewänder aus
kostbarem Stoff und einen Abendmahlskelch, welcher neun Unzen wiegt und
mit Juwelen besetzt ist.
Ca.: Rahier, ein Spielmann am Hofe König Heinrichs I. von England
gründet aus seinem angehäuften Vermögen in London das Hospital St.
Bartholomäus.
1103 "Im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1103 setzte Kaiser Heinrich zu
Mainz einen Frieden ein und bekräftigte ihn eigenhändig, und die
Erzbischöfe und Bischöfe bekräftigten ihn eigenhändig. Der Sohn des
Königs schwur und die Großen des ganzen Reiches, Herzöge, Markgrafen,
Grafen und viele andere. Herzog Welf und Herzog Berthold und Herzog
Friedrich beschworen diesen Frieden bis Pfingsten und danach auf
vier Jahre. Sie schworen, sage ich, Frieden den Kirchen, Geistlichen,
Mönchen und Laien - Kaufleuten, Frauen (daß sie nicht mit Gewalt
entführt werden sollten) und Juden. - Dies ist der Schwur: Keiner
soll in jemandes Haus feindlich eindringen noch es durch Brand
verwüsten. Keiner soll jemanden um Geldes willen fangen noch
verwunden noch durchbohren noch töten. Und wenn einer das tut, der
soll die Augen oder die Hand verlieren. Wenn einer ihn schützt, der
soll die gleiche Buße erleiden. Wenn er in eine Burg flieht, soll sie
drei Tage belagert und von den Schwurbrüdern zerstört werden. Wenn
einer dies Gericht flieht, soll, wenn er ein Lehen hat, sein Herr es
ihm nehmen; das Eigen sollen ihm seine Verwandten nehmen. Wenn einer
einen Diebstahl begangen hat im Werte von 5 Schillingen oder mehr,
der soll die Augen oder die Hand verlieren. Wenn er einen Diebstahl
begangen hat im Werte von weniger als 5 Schllingen, der soll die
Haare verlieren und mit Ruten fortgetrieben werden und das Gestohlene
zurückgeben, und wenn er dreimal einen solchen Diebstahl begangen
hat oder Raub zum dritten Male, soll er die Augen oder die Hand
verlieren. Wenn dich auf der Straße dein Feind berennt, magst du ihm
schaden, wenn du ihm schaden kannst; wenn er in jemandes Haus oder
Hof flieht, soll er unverletzt bleiben. - Dieser Schwur dient den
Freunden des Königs als Schild, den Feinden aber nützt er keineswegs."
(Constitutiones et acta publica imperatorum et regum; MGH Const. 1,
S. 125 f; ed. L. Weiland)
Es werden unter Schutz gestellt: Geistliche, Frauen, reisende
Kaufleute inklusive Juden, Bauern, Jäger und Fischer, auch Kirchen,
Wohnhäuser, Mühlen, Ackergeräte auf dem Felde und Königsstraßen.
Dieses Gesetz soll durch Landfriedensgerichte überwacht werden.
Es stirbt der Mönch Frutolf von Michelsberg, dessen Chronik von der
Schöpfung bis 1099 reicht. Seine Darstellung ist nüchtern und distanziert.
1104 Älteste bekannte Eisenmühle in Cardedeu (Katalonien).
Markgraf Wiprecht von Groitzsch bringt aus Franken, wo seine Mutter
verheiratet ist, viele bauern mit, "die den Gau [das Land zwischen
Pleiße und Mulde] nach völliger Rodung des Waldes besiedeln und künftig
zu Erbrecht besitzen sollten". Dies scheint das früheste Zeugnis der
deutschen Ostkolonisation zu sein.
Guibert wird Abt von Nogent.
1105 Mit hinterhältigen Tricks gelingt es dem Thronfolger Heinrich V.,
seinen Vater Heinrich IV. zum Thronverzicht zu bewegen (Weihnachten).
Heinrich V. wird unterstützt von Bayern und Sachsen sowie einigen
Adligen aus Alemannien und Ostfranken. All diese sind Reformfreunde.
1106 Bischof und Graf von Worms errichten eine Innung (mitteldeutsche
Bezeichnung für "Zunft") von 23 Fischhändlern mit Erbrecht für die
Mitgliedschaft bzw. Zuwahlrecht durch den gemeinsamen Beschluß der
Städter.
Erzbischof Friedrich von Hamburg gibt Holländern in der Nähe von
Bremen Land zum Trockenlegen.
Das Kölner Patriziat (meist reiche Kaufleute) bildet eine durch
mündlichen Schwur verbundene Gemeinschaft.
Die Fläche von Köln ist von 120 aif 136 Hektar angewachsen.
In Köln ist die Judengemeinde wieder so konstituiert, daß ihr ein
besonderes Tor der Stadtbefestigung (das Judentor) zur Verteidigung
überlassen wird.
Das sächsische Geschlecht der Billunger stirbt aus.
Der abgesetzte Heinrich IV. kann sich der Bewachung durch die
Anhänger seines Sohnes entziehen und sucht Hilfe, wobei seine eigenen
Anhänger besonders in Niederlothringen, Lüttich und Köln sitzen.
7. August: Heinrich IV. (56) stirbt in Lüttich, bevor es zu einer
Entscheidung kommt. König wird Heinrich V. (20; bis 1125).
Bis 1113: In dieser Zeit wird der erste bekannte Ansiedlungsvertrag
zwischen Erzbischof Friedrich I. von Hamburg und einer Gruppe
niederländischer Siedler geschlossen, aber es wird kein genauer Ort
genannt.
Bis 1124: Etwa in dieser Zeit entsteht das Rolandslied (Chanson de
Roland), dessen früheste bekannte Handschrift von 1170 (Oxford)
datiert. Diese fassung enthält ca. 4000 zehnsilbige Verse.
1107 Rechtsunsicherheit um die Rechte der Kreuzfahrer: Graf Hugo II. von
Le Puiset, welcher das Kreuz genommen hat, fühlt sich bedroht, weil
Graf Rotrou von Mortagne (der übrigens am ersten Kreuzzug teilgenommen
hat) eine Burg auf einem Gutshof Hugos hat schleifen lassen. Hugos
Bischof Ivo von Chartres überstellt den Fall an ein weltliches Gericht,
obwohl er einer der führenden Kirchenrechtler seiner Zeit ist. Es folgt
eine Fehde und Hugo wendet sich an den Papst, welcher den Streit
schlichtet. Nach Ivo konnten sich die Kleriker nicht einigen, was zu
tun sei, weil "dieses Gesetz, welches die Güter der Ritter schützt, die
nach jerusalem gehen, neu war. Sie wußten nicht, ob sich der Schutz
nicht nur auf die Besitztümer der Kreuzfahrer oder auch auf ihre
Befestigungsanlagen erstreckte."
1108 Im Gebiet zwischen Pleiße und Mulde sind Rodungsdörfer des Hochstifts
Naumburg bezeugt.
1109 Brand in Xanten. Dabei brennt auch die ottonische Pfeilerbasilika ab.
Es stirbt Anselm von Canterbury, der "Vater der Scholastik".
1110 Gerhard aus Amalfi, der Meister der Amalfitaner erhebt diese
Hospitalsgenossenschaft zu einem selbständigen Orden, den
Hospitalitern, die nicht mehr den Benediktinern, sondern nur
unmittelbar dem Papst unterstellt sind. Den Ordensgütern wird der
Zehnte erlassen.
Das Strandrecht wird vom Laterankonzil verurteilt.
1111 Herzog Lothar von Sachsen belehnt nun Graf Adolf I. von Schauenburg mit
Holstein, Wagrien und Stormarn (darunter auch Hamburg).
König Heinrich V. (25) nimmt Papst Paschalis II. im Petersdom gefangen
und erzwingt von ihm Investitur und Kaiserkrönung (im nächsten Jahr
widerrufen).
Speyer wird Reichsstadt.
1112 Das Kölner Patriziat wird als Gemeinschaft vom Erzbischof anerkannt.
Diese Genossenschaft regiert von nun an durch eine aus ihren Reihen
gebildete Gruppe, die Richerzeche. Sie besitzt ein Siegel und ein
Rathaus.
Bei einem Streit am Königshpf wird persönliche Unfreiheit als Folge des
Strandrechts (d.h. Verknechtung von Schiffbrüchigen) als unzeitgemäß
betrachtet und kann nicht mehr durchgesetzt werden. [Annales Stadenses
320f.] Die Bekämpfung des Strandrechts, das ohnehin meist gegen Sachen
(Schiffsladungen) angewandt wird (durch Küstenbewohner bzw. deren - auch
geistliche - Territorialherren), zieht sich bis in die Neuzeit und ist
praktisch nur schwer durchführbar.
Bernhard von Clairvaux, ein lokaler Adliger, tritt der Uisterzienserabtei
Molesme bei (mitsamt seinen Gefährten).
1113 Papst Paschalis II. bestätigt die Bruderschaft der Johanniter
(Hospitaliter) und alle Schenkungen an sie. Tracht: Schwarzer Mantel
mit weißem Kreuz, im Krieg ein roter Waffenrock. Die Ordensbrüder
dürfen ihren eigenen Vorsteher wählen.
Verwendung von Steinkohle in Deutschland nachgewiesen.
Erzbischof Friedrich von Hamburg-Bremen sichert angesiedelten Holländern
urkundlich eine günstige Rechtsstellung. Sie erhalten Sumpfland an der
Niederweser zugewiesen, um es trockenzulegen und zu bebauen.
1114 Die Messen von Bar und Troyes (Champagne) existieren bereits seit
längerer Zeit.
Matilde von Canossa begibt sich zum schwerkranken Abt Alberico des
Klosters San Benedetto di Polirone und erteilt ihm die Erlaubnis, seine
Schweine in den Wäldern des Fürstentums weiden zu lassen sowie das Recht,
in einigen dieser Waldgebiete Canossas Abgaben für die Weidung fremden
Viehs zu erheben. Auf sein Ersuchen werden die Knechte des Klosters auch
von der Pflicht befreit, Hilfe (aida) bei der Suche nach fremdem Vieh
zu leisten. "Die Männer des Klosters seien nicht mehr verpflichtet, beim
Einfangen der Tiere in den Wäldern zu helfen." Das bedeutet: Die Wälder
dieses großen Klosters reichen (107 Jahre nach seiner Gründung) nicht mehr
aus und es fehlt an Hirten. Mit dem Rückgang der Wald- und Weidewirtschaft
in Italien verschwindet allmählich auch der jahrhundertealte
Zusammenhalt (aida) unter den Hirten.
1115 Planmäßige Seezeichen an Nord- und Ostseeküste.
Bernhard wird erster Abt von Clairvaux (Clara vallis; Zisterzienser).
In Laon bricht ein Aufstand gegen den Bischof aus. Dieser versteckt
sich in einem Faß, wird jedoch entdeckt und niedergemetzelt. Dem
Leichnam schneidet man den Finger mit dem Bischofsring ab.
Die Mainzer erzwingen in offenem Aufruhr bei Kaiser Heinrich V. die
Freilassung ihres gefangenen Erzbischofes Adalbert I.
Die Grafen von Scheyern verlegen ihren Sitz nach Wittelsbach und
nennen sich fürderhin die Wittelsbacher.
Roger II. von Sizilien "erneuert und bestätigt (...?) eine Urkunde
seines Vaters, des Großgrafen Roger, von 1090...weil sie auf Papier
geschrieben war". Man kann mit dem leichten importierten Baumwollpapier
aus Kairuan noch nicht sachgemäß umgehen, weil man an das robustere
Pergament gewöhnt ist.
Ca.: Guibert von Nogent verfaßt seine Autobiographie.
/1116: Es stirbt der Bischof und Kirchenrechtsgelehrte Yvo von
Chartres. Auf ihn geht eine bis heute akzeptierte Definition der
Dispens zurück: "eine Milderung der Strenge des Gesetzes auf Zeit
der Umstände oder des Nutzens halber".
1117 Der Abt von Maursmünster (Marmoutier) im Elsaß ersetzt das Scharwerk,
den kostenlosen Frondienst von drei Wochentagen, der auf karolingische
Zeit zurückgeht, durch einen Geldzins, wegen der "Saumseligkeit,
Nutzlosigkeit, Trägheit und Faulheit derer, die dienen."
1118 Nach dem Tode von Gerhard von Amalfi leitet Raymond von Le Puy nun
den Orden der Johanniter (Hospitaliter) und verwandelt ihn in einen
Ritterorden (oder 1120).
(Oder 1120): Hugo von Payns aus der Champagne gründet mit Gottfried
von Saint-Omer und sieben weiteren Rittern den Orden der Templer
(Fratres militiae Templi oder Pauperes commilitones Christi templique
Salomonis). Sie geloben Keuschheit, Gehorsam und Armut sowie Kampf
gegen die Ungläubigen. Neun Jahre lang sollen sie nur aus neun
Rittern bestehen. Sie sollen sich in dieser Zeit nicht an Kämpfen
beteiligt haben und sich nur im Tempelgelände zu Jerusalem
aufgehalten haben.
1119 Zu Bologna wird die erste Universität Europas gegründet.
1120 Norbert von Xanten gründet in Prémontré den Orden der Prämonstratenser.
Freiburg im Breisgau wird "gegründet" (wobei allerdings die Urkunde
umstritten ist):
"Kund sei allen, Zukünftigen wie Gegenwärtigen, daß ich, Konrad, in
meinem Ort Freiburg einen Markt errichtet habe im Jahre 1120 nach der
Geburt des Herrn. Mit den von überallher zusammengerufenen angesehenen
Kaufleuten habe ich in einer besonderen Vereinbarung beschlossen,
daß sie die Marktsiedlung beginnen und ausbauen sollen. Daher habe
ich jedem Kaufmann in der geplanten Marktsiedlung eine Hausstätte
zugewiesen, auf der er ein eigenes Haus erbauen kann, und habe
verfügt, daß mir und meinen Nachfolgern von jeder Hausstätte ein
Schilling öffentlicher Münze am Martinstage zu zahlen sei. Es sei
daher jedermann kund, daß ich auf ihre Bitten und Wünsche hin
folgende Rechte bewilligt habe, die - so schien es mir ratsam - in
einer Urkunde zusammengeschrieben werden sollten, damit man sie auf
lange Zeit im Gedächtnis bewahre, so daß meine Kaufleute und ihre
Nachkommen mir und meinen Nachkommen gegenüber dieses Privileg für
alle Zeiten behaupten können.
1. Ich verspreche Frieden und sichere Reise in meinem Machtbereich
und Herrschaftsgebiet allen, die meinen Markt aufsuchen. Wenn einer
von ihnen auf dieser Strecke beraubt wird, werde ich, wenn er den
Räuber namhaft macht, entweder dafür sorgen, daß die Beute
zurückgegeben wird, oder ich werde selbst zahlen.
2. Wenn einer meiner Bürger stirbt, soll seine Frau mit den Kindern
alles besitzen und frei von allen Ansprüchen behalten, was ihr Mann
hinterlassen hat.
3. Allen Marktsiedlern verleihe ich, daß sie an den Rechten meines
Volkes und der Landsleute teilhaben sollen, soweit ich es vermag,
daß sie insbesondere frei von aller Banngewalt die Weiden,
Wasserläufe, Gehölze und Wälder nutzen können.
4. Allen Kaufleuten erlasse ich den Zoll.
5. Niemals werde ich meinen Bürgern einen neuen Vogt oder einen
neuen Priester ohne ihre Wahl setzen, sondern wen sie dazu wählen,
den sollen sie unter meiner Bestätigung haben.
6. Wenn sich zwischen meinen Bürgern ein Zwist oder Streit erhebt,
soll er nicht nach meinem oder ihres Vorstehers Belieben entschieden
werden, sondern soll gerichtlich entschieden werden, wie es
Gewohnheit und Recht aller Kaufleute, besonders aber derer von Köln
ist.
7. Wenn jemand durch Mangel am Lebensnotwendigen dazu gezwungen ist,
darf er seinen Besitz verkaufen, wem er will. Der Käufer aber soll
von der Hausstätte den festgesetzten Zins entrichten.
Damit meine Bürger diesen Zusagen nicht etwa nur geringen Glauben
schenken, habe ich mit zwölf meiner namhaftesten Ministerialen durch
Eid auf die Reliquien der Heiligen dafür Sicherheit geleistet, daß
ich und meine Nachfahren alles Vorstehende stets erfüllen werden.
Damit ich aber diesen Eid nicht um irgendeiner Not willen breche,
habe ich mit meiner Rechten dem freien Manne... und den Vereidigten
des Marktes wegen dieser Sache ein unverbrüchliches Treugelöbnis
gegeben. Amen."
Es entsteht ein Markt und eine Ansiedlung von Kaufleuten und anderen
Siedlern, die zusammen mit den Vorbewohnern (burgenses) einen
Schwurverband bilden. Jeder Neuankömmling erhält gegen einen
Jahreszins von einem Schilling ein Hausgrundstück von 50 x 100 Fuß
zu Erbzinsrecht, Nutzungsrechte an der Allmende, Marktfrieden und
Zollfreiheit, und nicht zuletzt: "Wer aber über Jahr und Tag in der
Stadt gewohnt hat, ohne daß irgendein Herr ihn als seinen Leibeigenen
gefordert hat, der genießt von da an sicher und unangefochten die
Freiheit." Freiburg wird in seiner gesamten Länge von einer überall
gleich breiten Handelsstraße durchschnitten. Es gibt drei Hauptmärkte.
Der zähringische Stadtplan wird an anderen Orten nachgeahmt: Breisach,
Worms, Dinkelsbühl, Lippstadt, Lemgo.
Dies ist das älteste Privileg für eine Stadtgründung.

Beispiel für Reliquienverehrung, hier im Kloster Rastede (bei
Oldenburg): "Der erste Abt war bekanntlich Thetmarus (= Detmar).
Er war ein heiliger und frommer Mann und leitete dieses Kloster viele
Jahre hindurch in geistlichen und weltlichen Dingen umsichtig und
ehrenhaft. Zu seiner Zeit machte ein Mönch namens Sweder, ein kluger
und tugendreicher Mann, eine Wallfahrt nach dem hl. Land und kam im
Jahre des Herrn 1121 am Freitag nach Christi Himmelfahrt (20. Mai)
zurück. Er brachte Reliquien der Gefährten des seligen Nicasius, des
Bischofs von Reims, mit, und zwar einen vollständigen Leichnam, mit
großer Ehrerbietung aus der Kirche dieses Bischofs. Diese Reliquien
ruhen noch heute bei uns; sie künden einige Zeit vorher durch Klopfen
an, wenn einer der Grafen von Oldenburg oder einer von unseren Brüdern
demnächst sterben muß. Ferner brachte er mit: Ein Stück vom Gürtel des
Bischofs Nicasius. Einen Zahn der seligen Jungfrau und Märtyrerin
Eutropia, einer Schwester des seligen Nicasius. Ein Stück von ihrem
Schleier. Einen Knochen des seligen Abtes Benedikt. Ein Stück vom Arm
dieses unseres Vaters. Ein Gebein von seiner Schwester, der heiligen
Jungfrau Scholastica. Ein Stück vom Haupte des heiligen Märtyrers
Jocundus, der einer von seinen Gefährten war. Reliquien der heiligen
Märtyrer Crispinus und Crispinianus. Einen Knochen des heiligen
Märtyrers Hippolyt. Ein Stück vom Gelenk des hl. Crispinus. Einen
Splitter vom Stab des hl. Odelricus, des Bischofs von Augsburg.
Reliquien des Märtyrers Vincentius, des Bischofs Remaclus, des
Bischofs Hubertus, des Kölner Erzbischofs Herebert. Reliquien der hl.
Jungfrau Rosa, die eine der Elftausend Jungfrauen war. Reliquien der
hl. Jungfrau Odilia. Weiter ein Stück der Stola des hl. Remigius,
des Bischofs von Reims, ferner von seinem Mundtuch, von dem Bahrtuch,
worin sein Leichnam eingehüllt war, und von dem Altartuch, auf dem
er die Messe zelebrierte. Weiter vom Arm des hl. Sinnicius, des
Erzbischofs und Apostels der Remer (= Bewohner der Gegend um Reims)."
[Rasteder Chronik]

/1125: Entwicklung der Gezeitenmühle.
Ca.: Das Wort "riterschaft" taucht auf und bedeutet "Kriegsleute zu
Pferde".
Ca.: Theophilus Presbyter berichtet in der "Schedula diversarum artium"
eingehend über Stahl.
Bis 1130: Wahrscheinlich in dieser Zeit entsteht "De institutione
novitiorum", verfaßt von Hugo von St. Viktor. In dieser kleinen Schrift
über die Erziehung von Klosterschülern liegt der Akzent nicht auf der
geistlichen Ausbildung, sondern auf dem Zusammenhang zwischen innerer
Einstellung und äußerem Auftreten. Durch Wissen (scientia) gelangt man
zur Zucht (disciplina), durch Zucht zum Gutsein (bonitas) und dadurch
wieder zur Seligkeit (beatitudo), aber nur die ersten beiden Teile werden
behandelt. "Es gibt vornehmlich vier Bereiche, in denen disciplina
bewahrt werden muß, nämlich in der Kleidung, in der Gestik, in der
Sprechweise und am Tisch, das heißt beim Essen." Diese Schrift, die
übrigens in 172 Handschriften überliefert ist kann zur Erhellung der
sich entwickelnden höfischen Kultur beitragen, denn wesentliche Aspekte
davon sind von Geistlichen formuliert worden. Ein weiterer Auszug: "Die
einen breiten ihre Kleider aus, um sich noch prächtiger aufzuführen, und
spannen sie noch weiter auseinander, soviel sie können. Andere ziehen
ohne Grund die Falten in eins zusammen; andere umhüllen sich, indem sie
die Kleidung herumschlingen; andere schnüren und schlitzen sie, soviel
sie können, und enthüllen alle Formen ihres Körpers, um sie mit
schamlosester Unsittlichkeit den Blicken der Betrachter darzubieten.
Andere offenbaren die Leichtfertigkeit ihres Geistes durch das Bewegen
ihrer Kleidung, indem sie die Gewänder unruhig hin und her schwingen.
Andere fegen beim Gehen die Erde mit bauschigen Schleppen." [Sp. 936]
Fast alles, was hier an der "Art des Tragens" als falsch und tadelnswert
hingestellt wird, gilt an den Höfen als Kennzeichen moderner Mode: ganz
enge und weit fließende Gewänder, reicher Faltenwurf, ganz kurze und
überlange Gewänder, Schleppen und Schmuckärmel.
1121 Nach 1121 wird in Münster ein neuer größerer Straßenmarkt
(Prinzipalmarkt) angelegt.
1122 Nach dem Empfang der Annobertus-Reliquien beginnt man in der
Abteikirche von Notre-Dame in Morienval mit der Erneuerung der
Kirche. Die Außenmauer der Apsis ist in zwei Schichten zerlegt,
zwischen denen ein schmaler Zwischenraum mit neuartigem Rippengewölbe
liegt. Hier wird für den Chor mit dem normannischen Rippengewölbe
experimentiert. (Vorübungen zur Gotik)
Wormser Konkordat: Kaiser Heinrich V. verzichtet auf das Recht der
Investitur, erhält jedoch vom Papst das Recht, bei der Wahl der
deutschen Bischöfe persönlich anwesend zu sein und die Übertragung
der weltlichen Besitz- und Herrschaftsrechte des Bistums vor der
Weihe durch ein Szepter vorzunehmen. In Burgund und Italien ist er
jedoch verpflichtet, die Regalien nach vollzogener Weihe zu
übertragen. Der Papst macht diese Zugeständnisse zwar Heinrich
persönlich, doch haben die deutschen Könige bis zum Beginn des 13.
Jhs. maßgeblichen Einfluß auf die Besetzung der Bischofsstühle im
Reich (vergleichbar bei den Königen von Frankreich und England).
Petrus Venerabilis läßt den Koran ins Lateinische übersetzen. Der
Übersetzungskommission gehören ein Moslem, ein Jude und ein Christ
an.
Suger wird Abt von St.-Denis.
1123 Nach einer Halberstädter Urkunde sind an der Kolonisation neben Franken,
Sachsen und Lothringern auch Slawen beteiligt, die als Neusiedler die
gleichen Rechte wie die Deutschen erhalten.
Es stirbt Marbod, ein angesehener Vertreter der neuen "klassizistischen"
Richtung der Dichtung. Er hat in seiner Jungend gewagte
Liebesbriefdichtungen veröffentlicht und später ein "Liber lapidum" ("Buch
von den Steinen") verfaßt, einen Schulklassiker in reimlosen Hexametern.
1124 Für eine Kornmühle in Hamburg wird erstmals die Alster gestaut.
In stettin werden 900 Hausvorstände gezählt, was einer Einwohnerzahl von
etwa 5000 entspricht. Stettin ist derzeit die größte Stadt der heidnischen
Pomoranen (Fläche etwa 60000 m2, zwei Häuser auf 100 m2). Es gibt drei bis
vier heidnische Tempel. Weitere Details in den Viten Bischof Ottos von
Bamberg, der hier missioniert.
Heinrich V. plant im Bunde mit Heinrich I. von England (seinem
Schwiegervater) einen Kriegszug gegen Frankreich, insbesondere gegen
Reims, aber nachdem Ludwig VI. von Frankreich reichliche Unterstützung
im Lande erhält, wird das Unternehmen abgeblasen. Trotz dieser Ausnahme
sind die Beziehungen zwischen Frankreich und dem Reich im Mittelalter
normalerweise friedlich.
1125 Kaiser Heinrich V., der letzte Salier (39), stirbt kinderlos. Er hat
zum Erben den Staufer Friedrich von Schwaben, einen Neffen engesetzt.
Dieser verhält sich jedoch auf der Wahlversammlung so ungeschickt,
daß Herzog Lothar von Sachsen, ein Todfeind Heinrichs V., gewählt
wird - ein Welfe (Lothar III., ca 50 und ohne männliche Nachkommen).
Es kommt zum Konflikt mit den Staufern, weil Reichsgut und salisches
Eigengut während der Salierzeit unentwirrbar zusammengewachsen sind.
Es beginnt der Kampf zwischen Welfen und Staufern (dessen Bedeutung
oft überschätzt wird).
Nach 1125: Es stirbt der Chronist Ekkehard von Aura. Er hat in
mehreren Schüben die Weltchronik Frutolfs von Michelsberg für die
Zeit zwischen 1098/99 bis 1125 fortgeführt.
Bis 1140: Aus dieser Zeit datiert eine Urkunde, in welcher erstmals
mit Sicherheit die Dreifelderwirtschaft bezeugt ist.
1126 Es stirbt Wilhelm von Aquitanien (55), der als der erste bekannte
Troubadour gilt.
In Artois bohren Karthäusermönche den ersten (nach Artois benannten)
artesischen Brunnen, indem sie einen Eisenstab durch Hämmern in den Boden
treiben und unter einer wasserundurchlässigen Bodenschicht auf Wasser
stoßen, das unter Druck steht und von selbst aus dem Bohrloch fließt.
1127 Erste Erwähnung der Jakobsbrüder, auch Hospitaliter vom heiligen
Jakob genannt. Er widmet sich dem Pilgerschutz, der Krankenpflege
und dem Brückenbau.
Dezember: Konrad, der Bruder Friedrichs von Schwaben, wird zum
Gegenkönig erhoben (bis 1135).
12. August: König Lothar III. wird zu Würzburg von den Staufern
Konrad und Friedrich belagert. Diese veranstalten vor den Toren wie
zum Hohne ein Reiterspiel, welches vielleicht das erste deutsche
Turnier genannt werden kann.
Nach 1127: Teile des Oderhaffs entstehen durch Überflutung.
1128 In Würzburg werden die Rechte und stadtherrlichen Abgaben der
Schuhmacher festgehalten, die ein consortium (Zunft) bilden.
Großer Brand in Deutz.
Das Konzil von Troyes bestätigt auf Betreiben von Bernhard von
Clairvaux den Templerorden.
1129 In Avignon wird das früheste bekannte (bürgerliche) Konsulat
eingerichtet (eine Art Stadtrat).
1130 Der Erzbischof von Trier stellt die Juden in seiner Diözese vor die
Wahl, sich entweder taufen zu lassen oder auszuwandern. Als er kurz
darauf stirbt, werden die Juden beschuldigt, seinen Tod verursacht
zu haben, indem sie eine Wachsfigur des Bischofs "getauft" und über
dem Feuer geschmolzen hätten.
Es stirbt Budri von Bourgueil, einer der besten Vertreter der neuen
"klassizistischen" Richtung in der Dichtung.
Ca.: In Köln werden "Schreinsbücher" geführt, eine Art Grundbuch.
Ca.: Es erscheint "Liber peregrinationis" von Aymeric Picaud, einem
Kleriker aus dem Poitou. Diese Anleitung für Santjago-Pilger kann
als der erste europäische Reiseführer angesehen werden.
1131 In Beziers wird ein Konsulat (Stadtrat) eingerichtet.
Die Kathedrale von Noyon brennt ab.
1132 Der Zisterzienserorden erhält einen weiblichen Zweig.
In Narbonne wird ein Konsulat (Stadtrat) eingerichtet.
Die Benediktinerabtei von St.-Germer-de-Fly an der Grenze zwischen
der französischen Krondomäne und der Normandie gewinnen ihre
Germarus-Reliqien zurück, worauf der Pilgerstrom anschwillt. Der
englische König stiftet Bauholz und bald wird eine neue Kirche
errichtet, wo bereits mit neuen Formen experimentiert wird.
Der Erzbischof von Ravenna erläßt dem Abt des Klosters von San Benedetto
di Po den Zehnten für alle Kirchen, die dem Bischofssitz von Reggio
Emilia unterstehen. Der Bischof von Reggio behält sich die kanonische
Rechtsprechung und Priesterweihe sowie einen bescheidenen Geldbetrag
vor. Später wird der Erlaß auf sämtliche Gebiete des Klosters
ausgedehnt. Es gibt zu dieser Zeit in Norditalien, wo viel neues Land
urbar gemacht worden ist, Streit um den Zehnten. Unbebautes Land ist rar
und teuer zu pachten geworden, was zusammen mit den geringen Erträgen
von Neuland die Nutzung stark einschränkt. Daher wird der zehnte durch
Bauerngemeinschaften öfter verweigert.
"Der Leichnam des heiligen Godehard wird am 4. Mai unter großen Wundern
aus dem Grabe erhoben. Der König kam auf der Reise nach Rom zur Krönung
friedlich nach Augsburg; daselbst entstand durch Anstiften einiger Bürger
ein Streit mit den Leuten des Königs, und eine Feuersbrunst, welche in Folge
des Tumultes plötzlich ausbrach, verbrannte fast die ganze Stadt und viele
kamen teils durchs Schwert, teils im Feuer um. Ein Komet erschien am 2.
Oktober." [Annalen von Pöhlde]
1133 Lothar III. (ca. 58) wird von Innozenz II. zum Kaiser gekrönt.
Steinerne Brücke in Würzburg.
Beispiel für die Tätigkeit von Vermittlern in mittelalterlichen
Konflikten: Pfalzgraf Otto von Wittelsbach schlichtet eine Fehde
zwischen dem Bischof von Regensburg und dem welfischen Herzog Heinrich
dem Stolzen, als sich beide Parteien bereits auf dem Schlachtfeld
gegenüberstehen: "Mittlerweile sieht sich der Pfalzgraf Otto, ein
kluger Mann, der zu beiden Seiten Zutritt hatte, den Aufmarsch der
Heere an. Er meldet jenen, daß unseres (das der Welfen) stärker sei,
und setzt sie dadurch in Schrecken. Darauf bedacht, wie man in Güte
den Frieden herbeiführen könne, ermahnt er zunächst den mit ihm
verwandten Vogt Friedrich (von Falkenstein), sich zu ergeben. Dieser
fügt sich, von allen seinen Leuten im Stich gelassen, dem Rate des
Pfalzgrafen, geht in dessen Begleitung in das Lager des Herzogs, wirft
sich ihm zu Füßen und wird wieder zu Gnaden angenommen. Als der
Pfalzgraf dies erreicht hat, drängt er unter Vorstellungen über das den
Seinigen drohende Unglück auch seinen Schwiegersohn Otto (von
Wolfratshausen), sich zu ergeben und Genugtuung zu leisten. Dieser folgt
seinem, ihm auch von anderen erteilten Rat, zögert nicht mit der
Übergabe und liefert sich selbst mit seiner Burg in aller
Unterwürfigkeit dem Herzog aus. ... So ist auch der letzte Widerstand in
Bayern nach Gottes Fügung unterdrückt worden. Nicht lange danach kommt
es auch zwischen Herzog und Bischof zu einer Verständigung." (Historia
Welforum, Ed. Erich König, S. 40ff.) Dies ist im Mittelalter durchaus
kein untypischer Fall. Solche Vermittler sind normalerweise hochrangige
Personen, die zu beiden Konfliktparteien Beziehungen haben. Es soll
hier stellvertretend aufgezeigt werden, daß mittelalterliche Konflikte
nicht einfach in barbarischer Weise durch eskalierende Gewaltanwendung
bestritten werden, sondern daß auf persönlicher und vertraulicher Ebene
durchaus um eine friedliche Beilegung gerungen wird. Erst wenn solches
mißlingt, kommt es zu den (einschlägig und einseitig bekannten) Formen
"mittelalterlicher" Kriegsführung. (Vgl. 1001)
1135 Es stirbt König Heinrich I. von England. "Sein Leichnam wurde nach
Rouen gebracht und da begrub man seine Eingeweide, sein Gehirn und
seine Augen. Der übrige Körper wurde überall mit kleinen Messern
geschnitten, mit vielem Salze bestreut, in Rindshäute gehüllt und so,
um den üblen Geruch zu vermeiden, eingenäht. Aber letzterer war doch
so stark und überwältigend, daß er die Umstehenden krank machte. Darum
starb auch der Mann, welcher, durch eine große Belohnung gewonnen, des
Toten Haupt, um das stinkende Gehirn herauszunehmen, mit einem Beile
gespalten hatte, obwohl er sich den Kopf mit Leintüchern umwickelt,
und hatte schlechte Freude an dem Lohne. Das ist auch der letzte von
vielen, die König Heinrich umgebracht hat. Darauf wurde die königliche
Leiche nach Caen von den Dienstleuten getragen, und als man sie
daselbst in der Kirche, in der sein Vater beerdigt war, aufgestellt
hatte, so floß doch, obschon der Körper mit vielem Salze gefüllt und
in viele Häute gepackt war, beständig eine schwarze und gräßliche
Flüssigkeit durch die Häute hindurch und wurde in unter die Bahre
gestellten Gefäßen von den Dienern, die vor Ekel fast vergingen,
aufgefangen und fortgeschüttet." [Matthäus Parisiensis]
Oder 1136: Baubeginn einer steinernen Brücke in Regensburg. Für ihren
Bau und Unterhalt muß vom Kaiser persönlich die Berechtigung erkauft
werden (libertatem lapidei pontis).
Erste Erwähnung von Düsseldorf (Dusseldorp) in einer Kölner
Schreinsurkunde.
Es stirbt Hildebert von Lavardin, der berühmteste Vertreter der neuen
"klassizistischen" Richtung in der Dichtung.
Bis 1142: Es wird erstmals ein besonderes Gerichtshaus erwähnt (für
Köln).
1136 Geoffrey von Monmouth schreibt die "Geschichte der Könige der
Briten", worin erstmals der Zauberer Merlin erwähnt wird.
Petrus von Bruys, der Anführer der Petrobusianer, welche u.a. die
Kreuzverehrung ablehnen zündet an einem Karfreitag vor der Kirche
St. Gilles-du-Gard ein Feuer an, um dort öffentlich Kreuze zu
verbrennen. Am nächsten Tag wird er auf seinem eigenen Scheiterhaufen
verbrannt.
Slawenaufstand im Spreegebiet.
Wahrscheinlich in diesem Jahr nehmen das Salzburger Domkapitel und
die Benediktinerabtei St. Peter einen Fachmann (Steinmetz oder
Baumeister) namens Albert in Dienst, um einen Stollen durch den
Mönchsberg zu treiben, um so dem ständigen Wassermangel Salzburgs
abzuhelfen. Nach Unterbrechung durch einen Bergsturz wird das Werk
um 1143 fertiggestellt.
1137 Erste Erwähnung des Fußballspiels: Das "Chronicon Montis Sereini"
berichtet von einem Knaben, der durch einen Stoß beim Fußballspiel
umgekommen ist.
Die Bürger von St. Omer in Flandern erwirken von ihrem gräflichen
Stadtherrn das Münzrecht. Die ersten städtischen Münzen entstehen.
Die Kathedrale von Le Mans brennt ab.
(?, bis 1144) Abt Suger von St.-Denis läßt die dortige Abteikirche
umbauen und neugestalten. Der offizielle Termin für ihre
Grundsteinlegung ist zwar der 14. Juli 1140, liegt aber vermutlich
etwas früher. Um die Notwendigkeit einer Erweiterung des Chores deutlich
zu machen, beschreibt Suger einen Festtag: "Oft war die Basilika an
Festtagen so voll, daß die Menschenmengen wieder aus den Türen
hinausquollen. Es war nicht nur so, daß jene, die hereinwollten, nicht
hereinkamen, sondern daß die, die schon drinnen waren, von den Vorderen
zurückgedrängt wurden und notgedrungen wieder hinausgehen mußten. So
erstaunlich es auch ist, aber manchmal konnte man ein derartiges
Drängen der Massen nach hinten gegen jene beobachten, die gerade
eintraten, um die heiligen Reliquien - den Nagel und die Dornenkrone
des Heilands - zu ehren und zu küssen, daß niemand unter den Tausenden
von Menschen auch nur den geringsten Schritt tun konnte, so eng waren
sie aneinandergepreßt. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich einer
regungslosen Marmorstatue gleich nicht vom Fleck zu rühren; der einzige
Ausweg: Schreien nach Leibeskräften. Die Frauen, die zwischen den Männern
wie in einer Presse eingequetscht waren, ergriff eine so große und
unüberwindliche Angst, daß ihre Gesichter blutleer wurden, als seien sie
in Todesangst. Sie schrien ganz fürchterlich, gerade so, als lägen sie in
den Wehen. Viele von ihnen wurden erbärmlich niedergetreten.
Manchmal eilten ihnen unerschrockene Männer aus Mitleid zu Hilfe und
trugen sie auf dem Kopf, um ihnen eine sichere Unterlage zu bieten. Viele
flüchteten sich mit ihrem letzten Atem in den Mönchsgarten. Mehr als
einmal waren die Mönche, die den Besuchern die Zeugnisse der Leiden
Christi zeigten, des Ärgers und der Zänkereien dermaßen überdrüssig, daß
sie, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sahen, mitsamt den Reliquien aus
den Fenstern flüchteten."
Die Baumaßnahmen beginnen mit der Wiederherstellung der kaiserlichen
Gedächtnisstiftungen zur Erinnerung an Karl den Kahlen, der dort bestattet
ist. Die Kirche ist weiterhin Grabstätte des französischen Nationalheiligen
Dionysius, des angeblich ersten Bischofs von Paris. Dieser wird mit
Dionysios Areopagites verwechselt, einem Schüler des Apostels Paulus,
welchem die Schriften des Pseudo-Dionysios zugeschrieben werden. Selbiger
hat die Lehren der himmlischen Hierarchien formuliert, dergemäß sich der
König als ein irdischer, jedoch göttlich legitimierter Vertreter innerhalb
dieser Hierarchie begreifen kann.
Diese Kirche zeigt erstmals gotische Stilformen. Diese Kunstform
entsteht in der Provinz Francien zwischen Compiègne und Bourges mit
Paris als Zentrum. Beim Umbau dieser Kirche werden erstmals
burgundische Spitzbogen und normannische Rippengewölbe vereinigt.
Kaiser Lothar III. (62) stirbt.
Bis 1648: In Trier und dem Suffraganbistum Metz (dort bis 1581) datiert
man den Jahresanfang zum 25. März.
1138 Die erste Gerbermühle taucht bei Chelles in einer Neustadt auf.
In Lüttich ist ein jüdischer Arzt bezeugt. Ansonsten leben dort im
Mittelalter keine Juden, weil nämlich die Lütticher selbst im
Geldhandel engagiert sind.
Alt-Lübeck wird verwüstet.
Neuer König wird Konrad III. (41; bis 1152).
1139 Auf dem 2. Laterankonzil wird die Armbrust für die christliche
Kriegführung als zu mörderisch verboten - außer gegen die Heiden.
Gegenpapst Anaklet II. wird verdammt. Den Teilnehmern an Turnieren
wird wieder mit dem Kirchenbann gedroht.
Für Kleriker aller Weihegrade vom Subdiakon aufwärts sowie für
Regularkanoniker, Mönche und Konversen wird das Gebot der
Ehelosigkeit (Zölibat) definitiv festgelegt.
Der Templerorden wird ausschließlich dem Papst unterstellt und von
allen Zehnten und Zöllen befreit.
1140 Konrad III. erobert die welfische Burg Weinsberg und gewährt den
dortigen Frauen freien Abzug mit soviel, als sie auf der Schulter
tragen können. Diese tragen alsdann ihre Männer auf den Schultern
heraus und der König hat das Nachsehen, da sein Wort gilt. Dies ist
freilich eine vielzitierte Sage, die noch zu anderen Zeiten und an
anderen Orten angesiedelt wird.
Gratian stellt eine Sammlung von kirchlichen Rechtsvorschriften
zusammen (die bis 1917 Gültigkeit haben!). Danach ist z.B. bei
unehelichen Kindern nicht das Kind, sondern der Erzeuger für diesen
Makel haftbar. "Priestersöhne sollen nicht zum geistlichen Dienst
zugelassen werden; das gilt für diejenigen, welche die väterliche
Unenthaltsamkeit nachahmen. Wenn sie aber gemäß den kirchlichen
Geboten leben, können sie nicht nur Priester, sondern gar Päpste
werden." Spätere Päpste und Konzilsbeschlüsse werden diese Dekretalen
noch ergänzen.
Ca.: Von den Gefahren des Burglebens: Als auf der Felsenburg
Ravenstein bei Geislingen ein Holzgeländer bricht, stürzen mehrere
Ritter den Felsen hinab zu Tode.
Bis 1148: Im Alten land am Südufer der Elbe sind niederländische Siedler
feststellbar.
1142 Es stirbt der Scholastker Peter Abaelard (63). Ein Ausspruch von ihm:
"Man vermag nicht zu glauben, was man nicht versteht."
In seiner autobiographischen Unglückschronik ("Historia calamitatum")
berichtet er, wie er seine Schülerin Heloise verführt hat. Deren Vormund
hat ihn, nachdem ihr ein Sohn geboren ward und beide heimlich geheiratet
haben, überfallen und entmannen lassen. Beide gehen ins Kloster. (Der
Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist mitunter angezweifelt worden.)
Abaelard war ein früher Repräsentant städtischen offenen Denkens -
vielleicht ein früher Versuch mittelalterlicher "Aufklärung".
Naumburg an der Saale wird Stadt.
Ausgleich zwischen Staufern und Welfen auf dem Fürstentag zu Frankfurt.
Ca.: Im Kloster Rastede (bei Oldenburg) wird nach dem Tode von Abt
Simon der Ire Siward, vormals Bischof von Uppsala (aber dort von den
Heiden vertrieben) zum neuen Abt gewählt. Interessant ist hier die
Auflistung seiner Besitztümer: "Nunmehr wählte der Konvent jenen Abt
Siward, da er ein gottesfürchtiger und frommer Mann war, einmütig zum
Abt. Alles, was er mit seinen bischöflichen Amtshandlungen verdient
hatte, vermachte er diesem Kloster mitsamt den nachfolgend
aufgezählten Kleinodien, und zwar: vier Meßgewänder und sechs Stolen
mit Fransen, davon zwei silberdurchwirkte, nebst einem Gürtel. Zwei
Taschentücher für Subdiakone, ein größeres und ein kleineres. Sechs
weiße Linnengewänder oder Alben mit Gürteln. Einen Silberkelch mit
silbernem Saugröhrchen. Zwei Bischofsmützen und vier Handschuhe. Drei
Dalmatiken (Obergewänder), vier Unterkleider. Vier Chormäntel. Zwei
Bischofsmäntel (Pallien) und ein seidenes Handtuch. Fünf Kreuze, davon
zwei von Elfenbein, zwei von Silber und eines von Kupfer. Zwei
Marmorsteine und ein ...[Lücke im Text]... von Silber. Zwei kupferne
Leuchter und zwei von Kristall und Kupfer. Drei Altarhandtücher und
acht Hostientüchlein samt Behältern.
Ferner schenkte er Bücher, und zwar: Amtsbücher für Bischöfe. Ein
Meßbuch und ein Morgengesangbuch in einem Band und ein liturgisches
Gesangbuch. Ein Gebetbuch. Auszüge aus dem Kirchenrecht. Die vier
Evangelien einzeln. Ein Kräuterbuch und ein Steinbuch in einem Band.
Ein Edelstein der Seele. Ein Dogmenhandbuch. Ein Beichthandbuch. Ein
Taufhandbuch. Eine Chronik. Isidors Buch vom höchsten Gut. Die Regel
des hl. Benedikt und das Märtyrerbuch in einem Band. Die Ordnung des
Gottesdienstes, ein Beichtbuch und ein Naturkundebuch in einem Band.
Das Leben der hl. Maria von Ägypten. Die Werke des Arator, Juvencus,
Sedulius und Prosperus in einem Band. Sechs Bücher der Heilkunde. Ein
Buch über den Streit der Laster und Tugenden. Plato (Timäos?). Ferner
Prosperus, eine Verslehre und Theodulus. Cato und die Hymnen des
Prudentius in einem Band. Prudentius, Horaz und Boethius. Außerdem
noch ein Buch über die Bedeutung der Kirchengewänder." [Rasteder
Chronik]
Bis 1155: In Arles entsteht ein Konsulat aus zwölf Konsuln. Vier sind
Ritter, vier vertreten den Ort (Bürger), zwei den Markt und zwei den
Vorort Borriano.
1143 Graf Adolf II. von Holstein gründet Lübeck neu, indem er das
slawische Kastell neu befestigt (oder schon 1142).
Erstes Auftreten der Katharer (Albigenser) - in Köln - bezeugt. Sie
nennen sich "pauperes Christi" und betreiben, besitzlos wandernd,
Gebet, Fasten und Handarbeit. "Hier in der Nähe von Köln sind
kürzlich einige Häretiker entdeckt worden (...) Zwei von ihnen - ein
Mann, den sie ihren Bischof nannten, und sein Assistent - (...)
verteidigten ihre Ketzerei mit den Worten Christi und des Apostel
Paulus. (...) In dieser Zeit wurden diese Leute gegen unseren Willen
vom Volk (...) ergriffen, ins Feuer geworfen und verbrannt...Das ist
die häretische Lehre dieser Menschen:
Sie sagen, daß nur sie die Kirche seien, da nur sie Christus wirklich
nachfolgten. Sie fahren fort, daß sie die wahren Nachfolger des
apostolischen Lebens seien und nach nichts suchten, was die Welt
bieten könne. 'Ihr aber', so sagen sie zu uns, 'fügt Haus zu Haus,
Feld zu Feld und sucht die Dinge, die von dieser Welt sind.' Über sich
selbst sagen sie: 'Wir, die Armen Christi, (...) werden verfolgt wie
die Apostel und die Märtyrer, obwohl wir ein äußerst strenges und
heiliges Leben führen (...) Wie erdulden dies, weil wir nicht von
dieser Welt sind. Aber ihr, die ihr diese Welt liebt, lebt auch im
Frieden mit ihr, weil ihr von dieser Welt seid. Falsche Apostel,
verunreinigt ihr das Wort Christi (...)' Ihre Nahrungsvorschriften
verbieten den Genuß jeder Art von Milch und von allem, was daraus
hergestellt ist, und auch von allem, was aus Zeugung hervorgegangen
ist. (...) Ihre Sakramente halten sie geheim (...) Sie konsekrieren
ihr Essen und Trinken durch das Vaterunser und verwandeln es dadurch
in Leib und Blut Christi (...) Sie taufen und sind getauft im Feuer
und im Geist (...) Wer von ihnen die Taufe empfangen hat, den nennen
sie 'Erwählten', und sagen, daß er die Macht habe, andere zu taufen,
die es wert sind, und den Leib und das Blut Christi bei Tisch zu
konsekrieren. Durch die Handauflegung wird man in den Rang eines,
den sie 'auditor' nennen, in die Reihen der 'Gläubigen' aufgenommen.
So erhält man die Erlaubnis, an allen Predigten teilzunehmen, bis sie
ihn für hinreichend erprobt halten, um aus ihm einen 'Erwählten' zu
machen. Diejenigen von ihnen, die in den Schoß der Kirche
zurückgekehrt sind, haben uns auch erzählt, daß eine große Zahl
ihrer Anhänger über die ganze Welt verstreut sei, unter denen sich
auch viele unserer Kleriker und Mönche befänden. Die Verbrannten
haben uns während des Verhörs auch berichtet, daß sich diese Häresie
von den Tagen der Märtyrer bis heute verborgen gehalten und in
Griechenland und in gewissen anderen Ländern fortbestanden habe (...)
Diese Apostolischen des Satans haben Frauen unter sich, die
Enthaltsamkeit gelobt haben, wie sie sagen: Witwen, Jungfrauen und
ihre Ehefrauen, einige von ihnen als Erwählte, andere als Gläubige."
(Brief von Everwin, Probst der Prämonstratenserabtei von Steinfeld an
Bernhard von Clairvaux)
In Saint-Gilles wird ein Konsulat (Stadtrat) eingerichtet.
Bis 1146: Otto von Freising verfaßt seine Chronik (er selbst nennt es
das "Buch von den zwei Reichen"). Dazu Wattenbach: "Otto verfaßte
dieses Werk zuerst in der Zeit vor dem Kreuzzug Konrads, als die
Zerrüttung des Reiches durch die lange dauernden und
entscheidungslosen Parteikämpfe aufs äußerste gestiegen war, als alles
von Krieg und Fehden, von Raub und Brand erfüllt war. Dabei fühlte
sich Otto auch in seiner Betrachtung der Geschichte beengt durch seine
doppelte Stellung, einerseits als Mönch und Bischof, andererseits als
Fürst des Reiches und erster Rat des Königs. Auf allen Seiten sah er
nur gutes und böses unheilbar vermengt und den Untergang der Welt nahe
bevorstehend: nur die Frömmigkeit und die Gebete der Mönche, meinte er,
gewähren noch ein Gegengewicht gegen die Schlechtigkeit der Menschen.
Diese Auffassung beherrscht das ganze Werk, und die
philosophisch-theologische Behandlung des Stoffes ist durchaus als die
Hauptsache zu betrachten, nicht die historische Forschung, wenn auch
uns der letzte Teil des Werkes nicht unwichtige Nachrichten darbietet,
und Otto keineswegs ohne historische Kritik verfuhr. So erwähnten wir
schon, daß er die Lügenhaftigkeit der Leidensgeschichte des
Erzbischofs Thiemo von Salzburg nachgewiesen hat; ebenso widerlegte er
die Fabeln im Leben des Pabstes Silvester (VI, 1) und verhehlt nicht
seine Bedenken gegen die berüchtigte Schenkung Konstantins (IV, 3).
Auffallend aber ist seine Unsicherheit in Bezug auf die wichtigsten
staatsrechtlichen Fragen der Zeit.
Sein Bericht über das Wormser Konkordat von 1122 ist durchaus
ungenau, und er scheint die Ansicht zu teilen, daß nach einem
besonderen Vorrecht im römischen Reiche die Wahl der Fürsten
allein, ohne Rücksicht auf Verwandtschaft, über die Nachfolge
entscheide. Es ist das ein einzelnes Beispiel unter vielen von den
schädlichen Folgen der grenzenlosen Nachlässigkeit, mit welcher
man das Reichsrecht der Vergessenheit anheim fallen ließ, und auch
die wichtigsten Beschlüsse und Gesetze in keiner authentischen
Sammlung aufbewahrte, während die Kirche nicht nur ihre Rechte,
sondern auch ihre Ansprüche in den Sammlungen des kanonischen
Rechtes jedem ihrer Mitglieder als unabänderliche Basis ihrer Stellung
stets gegenwärtig erhielt." [Geschichtsquellen II]
Bis 1216: Die päpstliche Kanzlei verwendet nun allein den Jahresanfang
nach Florentiner Rechnung (25. März nach unserem Jahresanfang).
1144 Robert von Chester übersetzt einen arabischen alchimistischen Traktat
ins Lateinische und macht das christliche Europa damit erstmals mit
der Alchimie bekannt.
/1145: Die Katharer treten in der Diözese Lüttich auf. Der örtliche
Klerus berichtet solches an Papst Lucius II., dabei bemerkend, daß
bereits ganz Frankreich von dieser Häresie erfaßt sei.
Bis 1147: Bernhard von Clairvaux erwähnt die Verbreitung der Katharer
auch im Süden Frankreichs.
1145 Arnold von Brescia übt in Rom eine Art republikanischer Diktatur
aus (bis 1155), vor der Papst Eugen III. sich nach Viterbo
zurückzieht.
Im päpstlichen Gefolge befindet sich der deutsche Chronist Otto von
Freising, der erstmals den Priester Johannes erwähnt.
Die erste antiketzerische päpstliche Mission führt in das Gebiet von
Toulouse und Albi.
1. Dezember: Papst Eugen III. verkündet in der Bulle "Quantum
praedecessores" den Zweiten Kreuzzug. Der Aufruf richtet sich
speziell an König Ludwig VII. von Frankreich.
"In diesem Jahre brachen die Menschen - zunächst in Chartes - auf,
um mit ihren Schultern Karren voller Steine, Holz, Nahrung und andere
Dinge für das Werk der Kirche herbeizuschaffen, deren Türme damals
gerade im Bau waren." [Robert von Torigny]
1146 Die steinerne Brücke in Regensburg wird fertiggestellt. Sie hat 16
Pfeiler und eine Länge von 305 m (oder 336 m). Sie wird von drei
Brückentürmen gesichert.
Die Tempelritter übernehmen als ihr Zeichen das achtspitzige rote
Kreuz (Tatzenkreuz).
Griechische Arbeiter bringen die Seidenherstellung nach Palermo, von
wo sich sie sich nach Italien verbreitet.
Ludwig VII. von Frankreich soll eine Steuer zur Kreuzzugsfinanzierung
erhoben haben, aber dies ist nicht schlüssig belegt.
1147 Februar: Auf seinem Reichstag in Regensburg beginnt Kaiser Konrad,
sein Kreuzheer zu sammeln. Sie brechen im Mai auf, die Franzosen
unter Ludwig VII. im Juni. Letzterer ernennt Suger von St.-Denis
für die Zeit seiner Abwesenheit zum Reichsverwalter. Suger wird seit
dieser Zeit "Vater des Vaterlandes" genannt.
Ein "Kreuzzug" gegen die Wenden schlägt fehl; die Wenden erheben
sich (vorher oder nachher?).
Spätestens jetzt haben sich die Katharer bis zum Perigord verbreitet.
In einer Urkunde des Herzogs von der Steiermark erscheinen Spielleute
als Zeugen.
Nach einer südfranzösischen Quelle erhält ein Kloster sieben große
aufgeblasene Bälle ("VII maximos ballones") als Spende, mit denen
Fußball (soule) gespielt wird.
1149 Aus diesem Jahr stammt die Stiftungsurkunde der Bruderschaft der
Bettziechenweber (Bettücherweber) zu Köln.
Ratibor von Pommern läßt sich taufen und unterstützt in der Folgezeit
die deutsche Besiedlung Pommerns.
1150 Bis 1250: In dieser Zeit werden im Burgenbau häufig Buckelquader
verwendet.
Heinrich der Löwe "gründet" Braunschweig. Ein Dorf dieses Namens
existiert bereits.
Soest wird Stadt (dessen Stadtrecht wird Grundlage des Lübischen) und
später führend im Osthandel.
Ca.: Es kommen auf: Ritterliche Wappen, Wappensiegel, Städtesiegel.
Ca.: In Deutschland kommen Familiennamen auf.
Ca.: Im Reich gibt es etwa 200 Städte.
Ca.: Gründung der Universität Paris.
Ca.: Sachsen werden in Siebenbürgen angesiedelt.
Ca.: Handwerk der Goldschläger in Nürnberg erwähnt.
Ca.: Die Kunst des Ziegelbrennens kommt, vermittelt durch Kreuzfahrer,
nach Deutschland.
Ca.: In den Abgabenbüchern des Klosters Reichenbach werden erstmals
Tübinger Pfennige erwähnt. Diese in Tübingen geprägten Münzen sind im
ganzen Herrschaftsbereich der Grafen von Tübingen verbreitet, bis sie
Ende des 13. Jhs. zunehmend vom Heller verdrängt werden.
Ca.: Die Frankfurter Herbstmesse soll zu dieser Zeit bereits jährlich
zu Mariä Himmelfahrt (15. August) stattfinden.
Ca.: Der Chronist des Klosters Muri beschreibt erstmals die halbnomadische
Kultur der Almhirten - als eine Besonderheit. Existenzgrundlage ist hier
noch die Schafzucht. (Rinderhaltung scheint erst im 14. Jh. zu
dominieren.)
Ca.: Alanus ab Insulis verfaßt eine "Klage der Natur über den
Menschen (De planctu naturae), wonach sich der Mensch von allen
Kreaturen nicht an die Regeln des Schöpfers hält.
Ca.: Es entsteht das "Alexanderlied" des Pfaffen Lamprecht. Hier
erscheint in der deutschen Literatur erstmals ein antiker Stoff.
Alexander erscheint hier als kämpferischer Held, jedoch noch nicht als
höfischer Ritter.
Ca.: König Geza II. von Ungarn gründet zur Unterhaltung eines
Pilgerhospitals in Jerusalem den Orden der Stephaniter (Cruciferi Sancti
Regis Stefani de Strigonio). Dieser erste ungarische Orden (der in
Vergessenheit gerät und erst 1968 wiederentdeckt wird) wird 1187 vom
Papst anerkannt, befolgt die Augustinerregel und betreibt ein Hospital
in Strigonium (Esztergom, Gran) und in Jerusalem (später in Akkon). Der
Orden wird etwa 1440 in einem Bürgerkrieg untergehen.
Die Technik der Papierherstellung wird durch die Araber nach Spanien
gebracht.
Nach 1150/1160 werden in Münster im Rahmen der Stadterweiterung die
Wehranlagen der Domburg niedergelegt.
1151 Die Zunft der Bettzeugweber entsteht in Köln.
In den alemannischen und fränkischen Gebieten entsteht die Allmende,
Gemeinschaftseigentum an Wald und Weideland.
Hungersnot in Deutschland (oder Teilen davon).
In den katalanischen Pyrenäen sind 14 Schmieden mit einer Mühle
ausgestattet.
Wie man zu Land kommen kann: Nach den Erinnerungen des Zeugen eines
Prozesses aus diesem Jahr soll der Vater des Streitenden dem Abt von
Santa Maria di Felonica vorgeworfen haben, dieser habe ihm wertloses
Land (bei Bologna) überlassen, um es dann umgebrochen und bestellt
zurückzuerhalten: "Für den Finger, den du mir gewährst, bekommst du
eine ganze Hand zurück." Die Famile des Bauen bekommt das Eigentumsrecht
für das Land zugesprochen und muß dem Kloster dafür 40 Batzen zahlen.
Es stirbt Suger von St.-Denis (70).
Heinrich der Löwe erneuert seine Ansprüche auf Bayern. Er bleibt
diversen Reichstagen fern.
Geza II. wird König von Ungarn (bis 1162). Unter seiner Herrschaft
beginnt die Ansiedlung von "Sachsen" - deutscher Bauern von Rhein, Maas
und Mosel in Siebenbürgen.
1152 15. Februar: Konrad III. (55) stirbt an den Spätfolger einer Malaria, ohne
die Kaiserwürde erhalten zu haben. Da sein Sohn Friedrich erst sechs oder
sieben Jahre alt ist, hat er die Wahl seines Neffen Herzog Friedrich von
Schwaben (30) zum König empfohlen. Dies geschieht, damit nicht der
stauferfeindliche Erzbischof Heinrich von Mainz die Regentschaft erhält.
Am 4. März wird er zum König gewählt, nachdem er den Fürsten Zusagen gemacht
hat: Welf VI. soll Tuszien, Spoleto und Sardinien erhalten, sein Neffe Heinrich
der Löwe soll Bayern zurückerhalten, der Zähringer Berthold wird Rektor in
Burgund und Provence. Am 9. März wird Friedrich in Aachen gekrönt.
Es wird ein Landfriedensgesetz erlassen:
"Friedrich, von Gottes Gnaden Kaiser [?] der Römer und immer Augustus
[wirklich Augustus?] entbietet den Bischöfen, Herzögen, Grafen,
Markgrafen und Richtern, welche diesen seinen Brief zu Gesicht
bekommen, den Gruß seiner Gnade und seinen Frieden und seine Liebe...:
1. Wenn jemand während des verordneten Friedens einen anderen
Menschen tötet, muß er die Todesstrafe auf sich nehmen. Es sei denn,
er könne durch Zweikampf beweisen, daß er jenen anderen bei
Verteidigung des eigenen Lebens erschlagen habe. Wenn es aber allen
deutlich ist, daß er nicht unter dem Druck der Not, sondern
vorsätzlich jenen getötet hat, dann gebe es für ihn weder den
Zweikampf noch eine andere Entschuldigung, sondern er werde zum Tode
verurteilt.
2. Wenn ein Friedensbrecher das Antlitz des Richters flieht, dann
soll der Richter beschlagnahmen, was er an beweglichem Eigentum hat,
und in Verwaltung nehmen. Seine Erben aber sollen die Erbschaft, die
der Täter noch in Besitz hatte, antreten unter der Bedingung, daß sie
sich durch Eid verpflichten, jenen Friedensstörer niemals mit ihrem
Willen und Wissen einen Vorteil zukommen zu lassen. Sollten aber die
Erben dieses Gesetz brechen und jenem die Erbschaft aushändigen,
dann soll der Richter die Erbschaft dem König überweisen, und vom
König werden sie dann die Erbschaft zum Lehen erhalten.
3. Wenn jemand während des verordneten Friedens einen anderen
Menschen verwundet, dann werde ihm, falls er nicht im Zweikampf
beweisen kann, daß er dies bei der Verteidigung des eigenen Lebens
getan hat, die rechte Hand abgeschlagen...
4. Wenn jemand einen anderen Menschen der Freiheit beraubt und ihn,
ohne dabei Blut zu vergießen, mit den Fäusten schlägt oder ihm Haare
oder den Bart ausrauft, dann soll er an den Verletzten eine Buße von
zehn Pfund zahlen und bei dem Richter 20 Pfund hinterlegen. Wenn er
den fremden Menschen aber gelinder angegriffen hat, nur mit der
flachen Hand, so, wie der Volksmund sagt, und wenn er ihn nur mit
solchen Schlägen und Schimpfworten übel traktiert hat, dann soll er
für ein solches Vergehen fünf Pfund zahlen.
5. Wer seinem Richter für irgendein Vergehen 20 Pfund schuldet, soll
dem Richter seinen Besitz als Pfand übergeben und innerhalb von vier
Wochen die verpfändete Summe einlösen, dann sollen die
Erbberechtigten, falls sie es wollen, das Erbe antreten und dem
Richter innerhalb sechs Wochen 20 Pfund auszahlen. Wenn aber der
Richter den Besitz der Gewalt des Königs übereignet, dann soll er dem
Kläger den Schaden ersetzen und das Gut vom König als Lehen
empfangen.
6. Wenn ein Kleriker wegen Friedensbruches verklagt ist oder deshalb,
weil er einen Friedensbrecher versteckt hält, und wenn er in
Gegenwart seines Bischofs durch hinreichendes Zeugnis dessen
überführt wird, dann soll er dem Grafen, in dessen Grafschaft der
Kleriker sein Verbrechen begangen hat, 20 Pfund zahlen und sich
vor seinem Bischof für ein solches Vergehen den kanonischen Gesetzen
nach verantworten. Wenn sich aber dieser selbe Priester halsstarrig
zeigt, dann soll er nicht nur Amt und kirchliche Lehen verlieren,
sondern auch geächtet werden.
7. Sollte ein Richter einen Friedensbrecher vor der erregten
Volksmenge auf die Burg eines Herrn geführt haben, dann soll der
Herr, um dessen Burg es sich handelt, den Mann zur Gerichtsverhandlung
stellen. Wenn er nicht unschuldig ist und sich fürchtet, vor dem
Richter zu erscheinen, dann soll der Herr, falls der Mann ein Zimmer
in der Burg bewohnt hat, alle seine bewegliche Habe dem Richter mit
einem Eide übergeben und ihn, weil er als geächtet gilt, in seinem
Hause nicht mehr aufnehmen. Wenn er aber in der Burg kein Zimmer
bewohnt hat, dann soll der Herr ihn in Sicherheit vor Gericht
stellen. Der Richter aber soll nicht ablassen, ihn mit dem Volke als
Friedensbrecher zu verfolgen.
8. Wenn sich zwei Männer um dasselbe Lehen bewerben und einer von
ihnen den Herrn des Lehens als Zeuge benennen kann, dann soll der
Graf, falls der Lehnsherr anerkennt, die Gebühr für die Investitur
erhalten zu haben, sein Zeugnis an erster Stelle anerkennen; und wenn
derselbe Mann durch einwandfreie Zeugen beweisen kann, daß er das
Lehen ohne Gewalt besitzt, dann soll der Rechtshandel abgewiesen
werden und er das Lehen weiterhin behalten. Wird er aber vor dem
Richter der Gewalttat überführt, dann soll er den doppelten Wert
seines Gewinns bezahlen und das Lehen einbüßen, falls er es nicht
nach Recht und Richterspruch späterhin zurückgewinnen kann.
9. Soll der Fall eintreten, daß drei oder gar noch mehr Männer im
Streit liegen und sich dabei auf verschiedene Lehnsherren berufen,
dann soll der zuständige Richter, vor welchem der Fall verhandelt
wird, feststellen, wer von den Parteien im rechtsgültigen Besitz
des Lehens ist, indem er zwei Männer, die aus der Gegend des
Streitenden stammen, und sich eines guten Rufs erfreuen, einen
Zeugeneid schwören läßt. Wenn durch diesen Zeugeneid die Wahrheit
gefunden ist, dann soll der Inhaber des Lehens in aller Ruhe das
Lehen besitzen, es sei denn, daß ein anderer durch Recht und
Spruch des Richters imstande ist, es ihm aus der Hand zu nehmen.
10. Wenn ein Bauer schwört, er habe einen Krieger wegen
Friedensbruchs mit der flachen Hand geschlagen, er habe das aber
nicht vorsätzlich, sondern nur aus Notwehr getan, dann soll sich der
Krieger vom Verdachte reinigen mit drei Eideshelfern. Wenn umgekehrt
ein Krieger schwört, er habe einen Bauer mit der flachen Hand
geschlagen, er habe das aber nicht vorsätzlich, sondern nur aus
Notwehr getan, dann soll der Bauer die Wahl zwischen zwei
Möglichkeiten haben: Entweder legt er nach menschlichem und
göttlichem Recht seine Unschuld dar, oder er reinigt sich vom
Verdachte mit Hilfe von sieben Eideshelfern, die der Richter
bestimmt. Wenn ein Krieger gegen einen anderen Krieger wegen
Friedensbruchs oder wegen einer anderen Kapitalsache Entscheidung
durch gerichtlichen Zweikampf verlangt, dann darf dem nur unter der
Bedingung stattgegeben werden, daß er und seine Eltern schon von
jeher echte Ritter gewesen sind.
11. Nach dem St. Marientag soll jeder Graf sieben Männer auswählen,
die sich eines guten Leumundes erfreuen, und diese Männer soll er
geschickt in alle Teile seines Amtsbereichs verteilen und
vorherbestimmen, zu welchem Preise das Getreide entsprechend der
Zeit verkauft werden soll. Wenn jemand diesem Beschlusse zuwider
im Laufe des Jahres höhere Preise nehmen und teuerer verkaufen
möchte, dann soll er als Friedensbrecher gelten und dem Graf 20
Pfund für jedes Maß Getreide bezahlen, das er zu teuer verkauft hat.
12. Wenn ein Bauer Panzer, Lanze oder Schwert trägt, dann soll der
zuständige Richter entweder die Waffen beschlagnahmen oder ihn mit
20 Schillingen büßen.
13. Ein Kaufmann soll auf einer Geschäftsreise sein Schwert am
Sattel oder auf seinem Fahrzeug befestigen, auf daß er nicht einen
Unschuldigen verletze, sich selber aber gegen Räuber verteidigen
könne.
...
16. Menschen, die entweder als Räuber überführt oder allgemein als
solche bekannt sind, sollen nach altem Strafrecht verurteilt werden.
17. Wenn ein Mann seine Vogtei oder ein anderes Amt schlecht
verwaltet und auf Mahnungen seines Herrn hin sich nicht zusammennimmt,
sondern in seiner Ungebühr verharrt, dann soll er durch Richterspruch
von seiner Vogtei oder seinem Lehen abberufen werden; sollte er danach
den verbrecherischen Versuch machen, seine Vogtei oder sein Amt
gewaltsam wiederzugewinnen, dann gelte er als Friedensbrecher.
18. Wer einen Gegenstand im Werte von fünf Schillingen oder mehr
stiehlt, soll am Strick aufgehenkt werden; wenn der Wert geringer
ist, werde der Dieb mit Ruten gestrichen, mit Zangen gepeinigt und
kahl geschoren.
...
20. Wer auf der Reise über Land sein Pferd füttern will, darf
ungestraft dem Tiere geben, was er, unmittelbar am Wege stehend,
mit den Armen erreichen kann, um ihm Nahrung und Erholung zu
verschaffen. Soweit das ohne Verwüstung und Schaden geschieht, darf
er auch Kräuter und Grünzeug im Walde zu seiner Bequemlichkeit und
zu seinem Bedarf verwenden." Neu daran ist die meist fehlende
Unterscheidung zwischen Freien und Unfreien und die (teilweise)
Unterstellung von Klerikern unter die weltliche Gerichtsbarkeit.
(Ein Kommentar hierzu: Man sollte mittelalterliche Gesetze nicht
überbewerten, insbesondere nicht die zeitlich befristeten Landfrieden.
Entscheidend ist ihre Anwendung, die im Einzelfall belegt werden muß.)
15. Juni: Barbarossa kommt erstmals nach Augsburg, wo man sich über
die Gewalttätigkeit der Vögte und Rechtsunsicherheit beklagt. Er
befiehlt dem Klerus und der Bürgerschaft, gemeinsame Grundsätze zu
erarbeiten, nach denen Stadt und Kirche regiert werden sollen.
Wichmann, bisher Bischof von Naumburg wird Erzbischof von Magdeburg.
(Er verdankt seine Erhebung Barbarossa.) Er entwickelt eine gezielte
planmäßige Siedlungspolitik, wofür er besondere Agenten einsetzt, die
sog. Lokatoren. Diese agieren als Mittelsmänner zwischen interessierten
Grundherren und den Siedlern; sie sind für Logistik und Technik
zuständig, für die Anwerbung von Siedlern und die Landverteilung. Sie
bekommen dafür Ländereien und Privilegien in den neuen Siedlungen.
(Ein Beispiel: Siehe 1159)
Die Kathedrale von Amiens wird geweiht.
Heinrich Plantagenêt, der in Angers sitzt, heiratet Eleonore von
Aquitanien, die geschiedene Ehefrau des französischen Königs Ludwig
VII. Dadurch werden die Plantagenêts zu den größten Territorialherren
in Frankreich.
In China werden die ersten Raketen gebaut.
1153 Die Ehe Friedrichs I. mit Adele von Vohburg (Tochter des Markgrafen
Diepold III. von der Oberpfalz) wird geschieden. Die Begründungen
reichen von zu naher Verwandschaft bis (in späteren Chroniken)
Ehebruch. Ehebruch ist aber nach dem Kirchenrecht kein Scheidungsgrund.
Adele heiratet anschließend in zweiter Ehe mit Friedrichs Erlaubnis den
Ministerialen Dieto von Ravensburg, den Ahnherrn der Kämmerer von
Ravensburg.
Es sterben: Papst Eugen III. und Bernhard von Clairvaux (63).
Letzterer hat einmal behauptet: "Das Dogma will nicht begriffen, es
will gelebt werden." Er hat unter Mönchtum ein Leben strikten
Gehorsams und äußerster Selbstverleugnung (besonders in puncto
persönlicher Bequemlichkeit, Ernährung und Schlaf) verstanden.
Eventuell stirbt er auch erst August 1154.
Neuer Papst: Anastasius IV. (aber nicht für lange).
Ca.: Aus dieser Zeit stammt (nach der neueren Forschung, nicht, wie
früher angenommen, von 1064/65), das Tafelgüterverzeichnis von einer
fragmentarisch erhaltenen Handschrift aus Aachen. Es ist eine Liste
von Gütern, deren Erträge für die königliche Tafel bestimmt sind:
"Dies sind die Höfe, die zur Tafel des Römischen Königs gehören.
In Sachsen mit all ihrem Zubehör: die Lausitz - sie gibt 5 königliche
Dienste; der Milzengau; der Nisangau; Bautzen; Altenburg; Eisleben;
Allstadt; Wolferstedt; Farnstedt; Wallhausen; Tilleda; Aschersleben;
Werla; Goslar; Homburg; Pöhlde; Grone, dort gehören die
Sichelschmiede des Königs dazu; Eschwege; Mühlhausen; Merseburg 40
Dienste. Diese Höfe in Sachsen also geben dem König soviel Dienste,
wie Tage im Jahr sind, und 40 mehr. Wir machen euch auch bekannt,
was ein königlicher Dienst in Sachsen ist: Es sind 30 große Schweine,
3 Kühe, 5 Ferkel, 50 Hühner, 50 Eier, 90 Käse, 10 Gänse, 5 Fuder
Bier, 5 Pfund Pfeffer, 10 Pfund Wachs, Wein aus ihrem Keller überall
in Sachsen.
Dies sind die Höfe in Rheinfranken: Tiel 2 königliche Dienste,
Nymwegen 8; Aachen 8; Konzen 2; Düren 2; Remagen 2; Sinzig 2;
Hammerstein 2; Andernach 2; Boppard 3; Ingelheim 3; Lautern 8; die
Burg Briey 8; Diedenhofen 3; Flörchingen 7; Zolver 7; Sierck 7;
Haßloch 1; Nierstein 1; Trebur 4; Frankfurt 3.
Dies sind die Höfe in Franken. Soviel geben sie: 40 Schweine, 7
saugende Ferkel, 50 Hühner, 5 Kühe, 500 Eier, 10 Gänse, 5 Pfund
Pfeffer, 90 Käse, 10 Pfund Wachs, 4 große Fuder Wein.
Dies sind die Höfe in Bayern: Nürnberg gibt 2 königliche Dienste;
Gründlach 1; Schübelsberg 1; Pattenhofen 1; Weißenburg 1; die Burg
Nürnberg 7; Hafenberg 7; Greding 5; Neuburg an der Donau 2; Creußen 3;
Neumarkt mit 1000 Hufen; Dornberg 2. Dies sind die Höfe in Bayern.
Sie geben 26 königliche Dienste, und zwar so groß wie die in Franken.
Dies sind die Höfe in der Lombardei: Settimo gibt 2 königliche
Dienste; Turin gibt sein Allod; Susa 2000 Mark; die Burg Avigliana
1000 Mark; Piossasco 500 Mark; Chieri 500 Mark; Testona 500 Mark;
Revello 500 Mark; Saluzzo 200 Mark; Albenga 200 Mark; die Stadt
Sitten 200 Mark; die Städte Tarvil, Cavallermaggiore, Canelli geben
8 Dienste. Annone gibt 10 königliche Dienste; Revigniano 1; Sangiorgio
5; Castellazzo Gamondo 4; Marengo 8; Sezzé 3; Retorto 2; Pontecurone
2; Basaluzzo 2; der Edelhof Vigevano; der Edelhof Tromello; Lomello;
Montiglio; Coriano mit großem Zubehör. Dies sind die Höfe der
Lombardei. Sie geben so viel, wie keiner erzählen oder erfahren kann,
es sei denn, wir kämen zuvor in die Lombardei."
1154 Bischof Gerung von Meißen siedelt "tüchtige Männer, die aus dem Land
der Flandrer kommen, an einem unangebauten und fast menschenleeren
Orte" an, um dort ein Dorf mit 18 Hufen (mansi) zu gründen.
Papstwechsel: Anastasius IV. stirbt, Papst wird Hadrian IV. (bis
1159), der erste und einzige Engländer auf dem Papstthron.
Oktober: Beginn der Italienzüge Friedrichs I. mit einem kleinen Heer
und in Begleitung Heinrichs des Löwen. Sein Heer versammelt sich auf
dem Lechfeld und zählt nur 1800 Ritter, insgesamt vielleicht 5000 bis
6000 Krieger. Den größten Anteil, angeblich die Hälfte stellen die
Sachsen Heinrichs des Löwen.
Otto von Freising über die oberitalienischen Städte: "Schließlich
lieben sie die Freiheit so stark, daß sie sich bei jedem Übergriff
der Gewalt entziehen und lieber von Konsuln als von Herrschern
regiert werden. Da es bekanntlich bei ihnen drei Stände gibt, nämlich
Kapitäne, Valvassoren und Bürger, werde, um keinen Hochmut aufkommen
zu lassen, diese Konsuln nicht aus einem, sondern aus allen Ständen
gewählt, und damit sie sich nicht zur Herrschsucht verleiten lassen,
werden sie fast jedes Jahr ausgetauscht. So kommt es, daß das Land
fast vollständig unter Stadtstaaten aufgeteilt ist, und daß jeder
derselben die Bewohner seines Gebietes mit ihnen zusammenzuleben
zwingt, daß man ferner kaum einen Edlen und Großen von noch so
großem Ehrgeiz findet, der sich nicht trotzdem der Herrschaft seines
Staates beugte. Damit sie nicht der Mittel entraten, auch die
Nachbarn zu unterdrücken, halten sie es nicht für unter ihrer Würde,
junge Leute der unteren Stände und auch Handwerker, die irgendein
verachtetes mechanisches Gewerbe betreiben, zum Rittergürtel und zu
höheren Würden zuzulassen, während die übrigen Völker solche wie die
Pest von den ehrenvolleren und freieren Beschäftigungen
ausschließen...(?) So kommt es, daß sie an Reichtum und Macht die
übrigen Städte der Welt übertreffen. Förderlich war ihnen dabei
nicht nur, wie gesagt, ihr tatkräftiger Charakter, sondern auch die
Abwesenheit der Herrscher, die sich angewöhnt hatten, im
transalpinen Gebiet zu bleiben. Darin bewahren sie, uneingedenk der
antiken adeligen Haltung, einen Rest barbarischen Bodensatzes, daß
sie den Gesetzen nicht gehorchen, obwohl sie sich rühmen, nach
ihren Gesetzen zu leben. Denn ihrem Fürsten, dem sie freiwillig
ehrfürchtigen Gehorsam schuldeten, begegnen sie kaum jemals mit
Ehrfurcht, noch anerkennen sie Gehorsam, was er nach gültigem Gesetz
anordnet, es sei denn, daß sie, unter dem Zwang eines starken
militärischen Aufgebots, die Autorität zu spüren bekommen."
Dezember: Barbarossa hält auf den Ronkalischen Feldern bei Piacenza
einen Reichstag ab. Es wird dabei dekretiert:
1. daß ein Vasall, oder sein Erbe, sein Lehen einbüßen soll, wenn er
nach dem Tode des Lehnsherren Jahr und Tag verstreichen läßt, ohne
demm Herrn oder Erben des Herrn den Treueschwur zu leisten und ohne
um die Investitur zu bitten.
2. daß es dem Herrn erlaubt sein soll, alle vorgefallenen
Entfremdungen von Lehnsgut zu widerrufen, da einem solchen Verfahren
keine Bestimmung im Wege steht.
3. daß Ähnliches für die Feldzugsbeiträge gilt. So nennt man die
Steuer, die von den Vasallen an die mit dem König nach Rom ziehenden
Herren abzuführen sind.
4. daß wenn ein Kleriker, ein Bischof oder ein Abt ein Lehen
verliert, das er nicht nur für seine eigene Person, sondern für die
Kirche vom König erhalten hat, und das durch seine persönliche Schuld,
dann soll dieses Lehen, solange er lebt und im Besitz seiner
kirchlichen Ehren ist, dem König anheimfallen, nach seinem Tode aber
an seinen Nachfolger wieder ausgegeben werden.
Heinrich Plantagenêt wird König von England.
Imbreviatur-Buch von Genua, die älteste datierte Papierhandschrift
auf italienischem Boden, geschrieben auf arabischem Importpapier. (Vgl.
Sizilien 1102 und 1115)
1155 Eine Geschichte aus Barbarossas Belagerung von Tortona: "Der langen
Belagerung überdrüssig, wollte er (ein deutscher Reitknecht) den
anderen zeigen, wie man die Burg ersteigen könne, und nur mit Schwert
und Schild ausgerüstet, wie es diese Leute am Sattel tragen, ging er
den dem Roten Turm vorgelagerten Wall an, indem er sich mit seinem
Beil einen Weg bahnte, auf dem sein Fuß einen Halt finden konnte,
stieg er den Berg empor. Ihn konnten nicht die zahlreichen Steine
einschüchtern, die mit der ganzen Kraft der Geschütze von den
Maschinen des Königs gegen den Turm geschleudert wurden, nicht die
wie ein Regenguß ununterbrochen von der Burg aus heranprasselnden
Wurfspieße und Felsbrocken zurückhalten; er stieg bis zum schon
halbzerstörten Turm empor, streckte dort im mannhaftem Kampf einen
ebenfalls bewaffneten Ritter durch einen Streich zu Boden und konnte
trotz der vielen schweren Gefahren unversehrt ins Lager zurückkehren.
Der König ließ ihn zu sich rufen und wollte ihn wegen seiner
ruhmvollen Tat durch die Verleihung des Rittergürtels ehren. Doch als
jener erklärte, er sei ein Mann niedrigen Standes und wolle in diesem
bleiben, er sei mit diesem Los zufrieden, beschenkte er ihn reich und
ließ ihn zu seinen Zeltgenossen zurückkehren."
18. Juni: Friedrich I. Barbarossa (33) wird in Rom zum Kaiser gekrönt.
Am gleichen Tag noch wird dort ein Aufstand blutig niedergeschlagen.
Arnold von Brescia wird als Haupt der antipäpstlichen Bewegung
hingerichtet.
Der Papst siedelt nach Benevent über - wegen Unruhen in Rom.
Ulm wird Reichsstadt.
Brauordnung in Augsburg.
Ludwig VII. von Frankreich bestätigt die Statuten von Lorris (wie auch
Philipp II. August 1187 wieder). Es handelt sich um ein in Nordfrankreich
verbreitetes Gewohnheitsrecht, welches von Ludwig VI. von Frankreich (1108
bis 1137) dem damals zur Krondomäne gehörenden Dorf Lorris-en-Gâtinais
(Dép. Loiret) verliehen hat. Es ist kein Freiheitsprivileg, denn die
Bewohner von Lorris verbleiben unter der Jurisdiktion des königlichen
Prévôt, aber die seit Jahr und Tag in dem Ort Ansässigen sind von
bestimmten Frindiensten und dem Wachdienst befreit (Bemessung von
Spanndiensten auf einen Tag). Nur die Weinfuhre von der königlichen
Domäne zu Lorris nach Orléans und die Holzlieferung an den Königshof
zu Lorris werden aufrechterhalten. Die direkten Steuern werden aufgehoben
zugunsten eines Grundzinses von sechs Denier pro Haus und Morgen. Der
Weinbann (banvin) gilt nur noch für die königlichen Weinberge und diverse
Abgaben werden aufgehoben. Die Bewohner von Lorris genießen Zollfreiheit,
ihr Markt steht unter dem Schutz des Königs und sie dürfen nur vom
königlichen Prévôt gerichtet werden, was zu einer starken Reduzierung der
Bußen führt. Das Statut von Lorris wird im 12. Jh. ganz oder teilweise
von etwa 50 Dörfern der Krondomäne, Burgund, Champagne und Berry
übernommen. Im 13. Jh. wird sich diese Bewegung abschwächen.
29. Oktober: Eine Urkunde Barbarossas aus Würzburg regelt die
Freiheit der Mainschiffahrt und verbietet ungerechtfertigte hohe
Zölle.
Weihnachten: Auf dem Hoftag zu Worms verkündet Barbarossa seinen
Spruch im Streit des Erzbischofs Arnold von Mainz mit dem Pfalzgrafen
bei Rhein, Hermann von Stahleck, die sich in des Kaisers Abwesenheit
blutig befehdet hatten. Beide Seiten werden des Landfriedensbruches
für schuldig erklärt und zu schändlichem Hundetragen verurteilt:
Der Pfalzgraf muß in der Winterkälte barfuß eine deutsche Meile weit,
von einer Grafschaft zur anderen, im Angesicht der gesamten
Versammlung einen Hund am Hals tragen. Auch der Erzbischof wird dazu
verurteilt, jedoch wegen seines Alters von der Ausführung der Strafe
befreit. Diese Bestrafung zweier so hoher Reichsfürsten macht
Eindruck.
Oder 1156: Es stirbt Petrus Venerabilis, der letzte große Abt von
Cluny.
Und 1156: Die Weizenaussaat auf den burgundischen Besitzungen von
Cluny ergibt den zwei- bis vierfachen Ertrag des Saatguts. Vor 1200
scheint es im Mittel das dreifache gewesen zu sein.
Bis 1160: Entstehung des "Roman de Brut" von Robert Wace. In diesem
Werk der Artusepik wird erstmals die Tafelrunde erwähnt.
Bis 1160: Entstehung des "Roman d'Enéas," in welchem der Magnet erwähnt
wird. (Danach seien die Mauern von Didos Karthago mit Magneten besetzt
gewesen, die gepanzerte Feinde, welche ihnen zu nahe kamen, festgehalten
hätten.) Da keine weitere Erklärung dazu gegeben wird, kann daraus
geschlossen werden, daß die Wirkung des Magneten allgemein bekannt ist.
1156 Auf dem Berge Karmel in Palästina wird der Orden der Karmeliter
gegründet.
Mai: Rainald von Dassel, ein Papstgegner wird Reichskanzler. Er
bildet (in Urkunden) einen das Kaisertum verherrlichenden Reichsstil
aus; die Bezeichnung "sacrum imperium" ("Heiliges Reich") taucht
wieder auf.
Reichstag zu Regensburg: Heinrich der Löwe erhält das Herzogtum
Bayern (ein Wahlversprechen Friedrichs). Um die Babenberger, welche
dieses Herzogtum seit 1139 innehaben, zu entschädigen, löst der König
die Mark Österreich von Bayern, erhebt sie zum Herzogtum und stattet
den Babenberger Heinrich Jasomirgott mit besonderen Rechten aus: Er
kann (neben Erblichkeit des Herzogstums) auch im Falle kinderlosen
Todes seinen Nachfolger frei bestimmen dürfen. Dies ist ein erster
Schritt zur Zerschlagung des Herzogtums Bayern.
10. - 16. Juni: Hoftag zu Würzburg. Barbarossa heiratet hier Beatrix
von Burgund.
21. Juni: Barbarossa verkündet in Nürnberg das Augsburger Stadtrecht.
An der Spitze stehen Bestimmungen gegen Friedensbrecher. Der Bischof
setzt unter Berücksichtigung der Wünsche der Ministerialen, der
Bürger und des ganzen Stadtvolkes den Burggrafen und den Münzer ein.
Geldwechsel (ein Recht des Münzers) bis zur Höhe von zehn Mark ist
nur den Kaufleuten erlaubt, die mit Köln Handel treiben.
Leipzig erhält Magdeburger Stadtrecht. Der Bischof wird vom König als
Stadtherrn und obersten Gerichtsherrn, als Bewahrer des Stadt- und
Marktfriedens eingesetzt. Er ist oberster Grundherr, oberster
Münzer und Inhaber der öffentlichen Gewalt. Ihm ist der Burggraf
unterstellt. Die Bürger haben bereits Grundbesitz und die persönliche
Freiheit.
Winter auf 1157: König Svend Grate plündert Schleswig inklusive der
in der Schlei ankernden Nowgoroder Handelsflotte.
Ernteerträge der Landgüter der Abtei Cluny in Burgund: 1 : 3 für
Weizen, 1 : 5 für Roggen, 1 : 2,5 für Gerste.
1157 Die erste Kaufmannssiedlung von Lübeck (relativ weit entfernt vom
alten slawischen Kastell) brennt ab.
Erste Erwähnung des Kegelspiels (aber wo?).
Das Kloster Walkenried, seit 28 Jahren bestehend, erhält von
Barbarossa ein Viertel der Erzausbeute des Rammelsberges zugesprochen,
vermutlich in Anerkennung der Leistungen des Klosters bei der
Urbarmachung des südöstlichen Harzvorlandes. Gleichzeitig dürfen die
Mönche für 12 Mark Silber im Harzwald ohne Einschränkung Kohle
brennen.
22. August: Barbarossa zieht nach Polen und unterwirft Boleslaw IV.,
der jahrelang keinen Tribut gezahlt hat.
König Heinrich II. Plantagenet von England schickt mit einer
Gesandtschaft an Barbarossa ein kostbares Zelt: "Ebendort waren damals
auch Gesandte des Königs Heinrich (II.) von England zugegen, welche
mancherlei kostbare Geschenke mit vielen anmutigen Worten darbrachten.
Darunter erblickten wir ein Zelt, sehr groß an Umfang, sehr schön von
Beschaffenheit. Fragst Du nach seiner Größe, so wisse, daß es nur mit
Maschinen und Werkzeugen aller Art und mit Stützen gehoben werden konnte;
fragst Du nach seiner Beschaffenheit, so wisse, daß ich glaube, es werde
weder in Bezug auf das Material noch in Bezug auf die Ausführung jemals
von irgendeinem derartigen Gerät übertroffen werden." [Rahewin, Taten
Friedrichs III, 7]
Kaufleute aus Köln erhalten von Barbarossa ein erstes Handelsprivileg.
Ca.: Der von Kürenberg, erster namentlich bekannter deutscher
Minnesänger.
1158 Heinrich der Löwe zerstört die Zollbrücke des Bischofs von Freising.
Stattdessen läßt er Brücke, Markt und Münze bei der alten Mönchssiedlung
Apud Munichen (München) neu errichten und mit einem Mauerring befestigen
(Gründung von München). Der Ort wird bald Mittelpunkt des Salzhandels.
14. Juni: Barbarossa bestätigt Markt- und Münzrecht von München.
Zunft der Schuhmacher in Magdeburg.
"Während der Kaiser ein Lager bezieht und das aus den verschiedenen
Städten Italiens ankommende Heer erwartet, beschäftigt er sich nach
weiser Überlegung in passender und frommer Weise mit Geschäften des
Friedens eher als mit denen des Krieges. Er berief also eine
Fürstenversammlung und verordnete, daß folgende Friedensgesetze im Heere
beachtet werden sollten:
s. 1. "Wir verordnen und wollen streng beachtet wissen, daß kein Ritter
noch Knecht Streit anzufangen wage. Wenn einer mit dem andern in Streit
gerät, so soll keiner von beiden den Lagerruf schreien, damit nicht
dadurch seine Kameraden zum Kampfe gereizt werden. Wenn aber ein Streit
entstanden ist, soll niemand mit Waffen, nämlich mit Schwert Lanze oder
Pfeilen herbeilaufen, sondern, bekleidet mit Panzer, Schild und Helm,
bringe er in der Hand nichts als einen Knittel mit sich, um damit den
Streit zu schlichten. Niemand soll den Lagerruf erschallen lassen, außer
wer sein Quartier sucht. Hat aber ein Ritter durch Schreien des Lagerrufs
Streit verursacht, so soll ihm seine ganze Rüstung (harnascha) genommen
und er aus dem Heere ausgestoßen werden. Hat es ein Knecht getan, so soll
er geschoren, gegeißelt und an der Kinnlade gebrandmarkt werden, oder sein
Herr soll ihn loskaufen mit seiner ganzen Rüstung.
s. 2. Wer einen andern verwundet hat und leugnet, es getan zu haben, dem
soll dann, wenn der Verwundete durch zwei glaubwürdige, nicht
blutsverwandte Zeugen ihn überführen kann, die Hand abgehauen werden.
Fehlen Zeugen und will der Angeklagte durch einen Eid sich reinigen, so
kann der Kläger, wenn er will, den Eid zurückweisen und jenen zum
Zweikampf fordern.
s. 3. Wenn Jemand einen Todschlag begangen hat und von einem Verwandten
oder Freunde oder Genossen des Erschlagenen durch zwei glaubwürdige, mit
dem Erschlagenen nicht blutsverwandte Zeugen überführt worden ist, so wird
er mit dem Tode bestraft. Fehlen aber Zeugen und will der Täter durch
einen Eid sich reinigen, so kann der Freund oder Verwandte des Erschlagenen
ihn zum Zweikampf fordern.
s. 4. Wenn ein fremder Ritter friedlich zum Lager kommt, sitzend auf seinem
Gaule ohne Schild und Waffen, so soll, wer ihn verletzt, für einen
Friedensbrecher gelten. Kommt er aber auf einem Streitroß sitzend, mit dem
Schild am Halse, der Lanze in der Hand zum Lager, so hat, wer ihn verletzt,
den Frieden nicht gebrochen.
s. 5. Ein Ritter, der einen Kaufmann ausgeplündert hat, soll das Geraubte
doppelt erstatten und schwören, er habe nicht gewußt, daß jener ein
Kaufmann sei. Tat es ein Knecht, so soll er geschoren und an der Kinnlade
gebrandmarkt werden, oder sein Herr soll für ihn den Raub erstatten.
s. 6. Wer einen andern eine Kirche oder einen Markt berauben sieht, soll es
hindern, doch ohne Streit anzufangen; kann ers nicht hindern, so soll er
den Schuldigen bei Hofe verklagen.
s. 7. Niemand soll ein Weib in seinem Quartier haben; wer aber eins zu
haben wagt, dem soll seine ganze Rüstung genommen werden, und er soll für
exkommuniziert gelten, und dem Weibe soll die Nase abgeschnitten werden.
s 8. Niemand soll eine Burg angreifen, welche vom Hofe eine Besatzung hat.
s 9. Hat ein Knecht einen Diebstahl begangen und wird beim Diebstahl
ertappt, so soll er, wenn er zuvor kein Dieb war, deshalb nicht gehenkt
werden, sondern er soll geschoren, gegeißelt und an der Kinnlade
gebrandmarkt und aus dem Heere gestoßen werden, es sei denn, daß sein Herr
ihn mit seiner ganzen Rüstung loskauft. War er zuvor schon ein Dieb, so
soll er gehenkt werden.
s 10. Wird ein Knecht nur des Diebstahls beschuldigt, nicht aber dabei
ertappt, so soll er sich am Tage darauf durch die Probe des glühenden
Eisens reinigen, oder sein Herr soll für ihn einen Eid leisten. Der
Kläger aber soll schwören, daß er ihn aus keinem anderen Grunde des
Diebstahls bezichtige, als weil er ihn für schuldig erachte.
s 11. Hat einer des andern Pferd gefunden, so soll er es nicht scheren
noch unkenntlich machen, sondern er solls dem Marschall sagen; und soll
es nicht geheim halten, sondern ihm sein Gepäck aufbürden. Trifft nun der,
welcher das Pferd verloren hat, es unterwegs beladen, so soll er das Gepäck
nicht herabwerfen, sondern zum Quartier folgen, und dort wird er sein Pferd
zurückerhalten.
s 12. Wenn aber einer ein Dorf oder Haus angezündet hat, so soll er
geschoren und an den Kinnladen gebrandmarkt und gegeißelt werden.
s 13. Der Schmied soll im Dorfe keine Kohlen brennen, sondern er soll das
Holz nach seinem Quartiere tragen und dort Kohlen brennen; tut ers im
Dorfe, so soll er geschoren, gegeißelt und an den Kinnladen gebrandmarkt
werden.
s 14. Hat einer den andern verletzt, indem er ihm vorwirft, er habe den
Frieden nicht beschworen, so soll er nicht des Friedensbruches schuldig
sein, wenn jener nicht durch zwei geeignete Zeugen beweisen kann, daß er
den Frieden beschworen habe.
s 15. Niemand soll in sein Ouartier einen Knecht aufnehmen, der ohne Herrn
ist; wenn er's tut, so soll er zwiefach wiedererstatten, was jener
gestohlen hat.
s 16. Wer eine Vorratsgrube findet, mag sich ihrer ungehindert bedienen.
Werden die Vorräte ihm genommen, so soll er nicht Böses mit Bösem
vergelten, soll das ihm angetane Unrecht nicht rächen, sondern soll's dem
Marschall klagen, um Gerechtigkeit zu empfangen.
s 17. Wenn ein deutscher Kaufmann in eine Stadt geht, Waren kauft, sie zum
Heere bringt und teurer im Heere verkauft, so soll ihm der Kämmerer seinen
ganzen Kram wegnehmen und soll ihn geißeln und scheren und an der Kinnlade
brandmarken.
s 18. Kein Deutscher soll einen Lateiner zum Genossen haben, er verstehe
denn das Deutsche; hat er ihn zum Genossen, so soll ihm genommen werden,
was er hat.
s 19. Hat ein Ritter einem Ritter Schmähworte gesagt, so kann er es durch
einen Eid ableugnen; leugnet er es nicht ab, so soll er ihm 10 Pfund Münze
zahlen, wie sie zu der Zeit im Heere gilt.
s 20. Hat einer gefüllte Weinfässer gefunden, so hebe er den Wein so
vorsichtig heraus, daß er die Fässer nicht zerbricht noch die Bänder der
Fässer zerschneidet, damit nicht zum Nachteil des Heeres der ganze Wein
auslaufe.
s 21. Ist eine Burg erobert worden, so mag die Habe, die darin ist, geraubt
werden, aber die Burg soll nicht angezündet werden, wenn es der Marschall
nicht etwa selbst tut.
s 22. Hat einer mit Jagdhunden gejagt, so soll das Wild, welches er
gefunden und mit den Hunden aufgetrieben hat, ohne Widerspruch von irgend
jemand ihm gehören.
s 23. Hat jemand mit Windhunden ein Wild aufgescheucht, so gehört es nicht
notwendig ihm, sondern dem, der's ergreift.
s 24. Hat einer mit Lanze oder Schwert ein Wild durchbohrt, und ein anderer
ergreift es, ehe jener es mit der Hand aufgehoben, so soll es nicht dem
gehören, der's ergreift, sondern dem, welcher es tötete, ohne Widerrede.
s 25. Hat einer auf der Pirsch (birsando) mit Armbrust oder Bogen ein Wild
getödtet, so soll es ihm gehören."
Diesen Frieden bekräftigten die Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, indem sie für
sich die Rechte zum Handschlag boten, und sie versprachen, die
Friedensstörer mit der Strenge des pontifikalen Amtes (d. h. mit
kirchlicher Strafe) zu züchtigen." [Rahewin, Taten Friedrichs III. 28]
Ein Generalkapitel der Zisterzienser verbietet diesen das Tragen von
Wildfellen und teuren Pelzen.
Wladislaw von Böhmen wird zum König erhoben.
22. September: Otto von Freising stirbt (unter 50).
Durch ein Privileg Barbarossas entsteht in Bologna eine Universität
mit akademischer Freiheit. Es wird nur Recht gelehrt.
Der Umbau der Kathedrale von Le Mans ist abgeschlossen. Es ist ein
erheblicher Aufwand betrieben worden. Die enormen romanischen
Mauermassen dienen hier als Basis für Neuerungen (z.B. neue
Zwischenpfeiler, neue Spitzbogen unter alten Rundbogen), bei denen
alles noch schwerer und massiver wird. Es soll das dynastische
Monument des Hauses Plantagenêt werden.
Oder 1159: Lübeck wird von Heinrich dem Löwen neu gegründet. Er weist
den Kaufleuten zunächst einen wenig günstigen Siedlungsplatz an der
Wakenitz zu, während der bevorzugte Platz am Südende (der Landzunge
zwischen Wakenitz und Trave) an den ersten Bischof von Oldenburg
fällt. In der Grafenburg residieren die Vertreter der Fürsten. Bei
dieser Neugründung werden zur Entlastung des Marktes schmale
Parallelstraßen angelegt. Durch die Anlage von Längs- und Querstraßen
"Rückgrat- und Rippenstraßen") um den Markt herum wird dieser zunehmend
zum eigentlichen Mittelpunkt der Stadt erhoben. (Dieses neue System der
Stadtplanung wird im 13. Jh. viele Stadtgründungen, besonders im Osten
beherrschen.)
1159 "...und der Winter war in jenem Jahre [in Italien] mehr als gewöhnlich
regnerisch und durch Kälte streng." [Rahewin, Taten Friedrichs IV. 67]
"Wenige Monate, nachdem Bischof Otto am 10. Tag vor den Kalenden des
Oktober um die Zeit der Wintersonnenwende [22. September 1158] gestorben
war, brannte ungefähr um die Sommersonnenwende, an den Nonen des April
[5. April], auf welche damals der Palmsonntag fiel, während der Frühmette
die Stadt Freising vollständig nieder, also daß, um von den größeren
Kirchen, welche mit ihren Schmuckstücken zu Grunde gingen, sowie von der
bischöflichen Kirche selbst und der Pfalz zu schweigen, auch keine einzige
von den kleineren Kapellen und kein Bethaus übrig blieb. Auch die Häuser
und Wirthschaftsgebäude der Kanoniker und die Häuser der Ritter
verbrannten, bis auf sehr wenige. Diese Kirche war zu dieser Zeit in
solchem Wohlstand, daß sie an Vermögen, Gebäuden und Reichtum beinahe
alle angrenzenden und benachbarten Bistümer übertraf oder ihnen gleichkam;
durch die Trefflichkeit ihres Klerus war sie so ausgezeichnet, daß in
Ehrbarkeit und Zucht, in Freigebigkeit, in Kenntnis der Wissenschaften
wenige ihren Klerikern gleich waren und keine Geistlichkeit im römischen
Reiche für besser oder überlegen gehalten werden konnte.
16. Vorzeichen des Unglücks.
Welche Vorzeichen diesem Unglück vorangingen und daß Albert dem Otto
nachfolgte.
Diesem vielfachen Unglück der Stadt Freising und dem Unfall trübseligen
Ausgangs waren mancherlei Vor- und Wunderzeichen vorausgegangen. Einmal
nämlich, am Tage der Beschneidung des Herrn [1. Januar] stürzte, während
der Priester zur feierlichen Messe am Hochaltar stand und schon das
zuletzt bei dem heiligen Sakrament beobachtete Stillschweigen aufgehoben
hatte, der Kelch mit dem Blute so gänzlich um und ergoß seinen Inhalt vor
aller Augen über den Altar, daß auch nicht ein Tropfen übrig blieb. Aber
der hochweise Bischof, der erkannte, daß durch ein solches Vorzeichen
nichts Glückliches verheißen worden sei, riet durch Fasten und Litaneien
der göttlichen Strafe vorzubeugen und Gottes Zorn zu besänftigen.
Um dieselbe Zeit sahen auch glaubwürdige Geistliche und Laien vierfüßige
Ungeheuer und andere Gespenster der Nacht hierhin und dorthin fliegen.
Tiere der Wildnis, wie Füchse und Hasen, wagten sich wie Haustiere in die
Vorhallen der Kirche und in die Wirthschaftsgebäude der Kanoniker und
ließen sich geduldig den Fangstrick anlegen. Knaben und Mädchen zogen
öfters in Prozession mitten durch die Stadt, und wahre Bittgesänge
nachahmend, prophezeiten sie durch ihre Scherze bitteren Ernst. Denn im
folgenden Jahre brannte gerade die Stelle, wo die Domkirche und die
bischöfliche Residenz erbaut werden sollten, vom Blitz getroffen, durch
himmlisches Feuer nieder.
Käuzlein, Wiedehopfe, Uhus schrieen das ganze Jahr hindurch auf den
Dächern den Sterberuf und erfüllten die Ohren aller Menschen mit ihrer
trauerverheißenden Stimme. Kobolde (pilosi), welche man Satyrn nennt,
hörte man sehr häufig in den Häusern.
Aus dieser, durch solche Anzeichen vorherverkündeten Verwüstung und
trostlosen Verödung erwartet die genannte Freisinger Kirche mit
göttlicher Hilfe durch die Nachfolge des frömmsten Hirten Adalbert,
welcher sie gegenwärtig leitet und regiert, den Wiederaufbau und hofft
durch seine Fürsorge sich erholen und wiederaufleben zu können.
17. Der Brand der Kirche von Speyer.
Von dem Brande der Kirche von Speyer und dem Tode anderer (Bischöfe und)
Fürsten.
In demselben Jahre wurde auch die herrliche Kirche in der Stadt Speyer -
ein königlicher Bau - auf ähnliche Weise durch Feuer verzehrt, und noch
dazu begrub, da der Zusammenhang der Mauer sich löste, der schwere Schutt
sehr viele Menschen, wie damals das Gerücht ging." [Rahewin, Taten
Friedrichs IV, 15 - 17]
Abt Arnold von Ballenstedt verkauft flämischen Kolonisten einige Weiler
nahe der Elbe, wo zuvor Slawen gewohnt haben. Diese Siedler fassen die
vorhandenen Weiler zu einem großen Dorf von 24 Hufen zusammen, in dem
das flämische Recht (iura Flamiggorum) gilt. Die Beteiligung von
Flamen an der Besiedlung Ostelbiens ist so verbreitet, daß eine der
beiden Standardformen der Hufen "flämische Hufe" genannt wird.
Beispiel für die Tätigkeit der Lokatoren (Siedlungsagenten im Erzbistum
Magdeburg; siehe 1152): Erzbischof Wichmann überträgt dem Lokator
Herbert das Dorf Pechau südöstlich von Magedeburg "zur Besiedlung und
Nutzbarmachung", wobei vertraglich festgelegt wird, daß der Lokator
selbst als Lohn sechs Hufen Land erhalten soll sowie das Recht, als
Schulze zu amtieren und ein Drittel der Gerichtsgefälle (meist
Bußgelder und eingezogenes Eigentum) zu behalten. Diese Privilegien
sind erblich. Den Siedlern gewährt man als Anreiz das vorteilhafte
Recht von Burg (bei Magdeburg) sowie eine zehnjährige Befreiung von
der Pflicht, beim Burgenbau mitzuarbeiten ("Burgwerk"). Auch die
flämischen Siedler in Großwusteritz an der Havel werden in diesem
Jahr durch den Erzbischof vom Burgwerk-Dienst befreit, aber: "die
Verpflichtung ausgenommen, sich zu Schutz und Trutz gegen die
benachbarten Heiden (die Westslawen) mit einem Wall zu umgeben".
Johannes von Salisbury erwähnt eine kirchliche Schwertsegnung, wobei
das Schwert beim Eintritt in die Kirche auf den Altar gelegt wird und
der Ritter den Dienst für Gott gelobt. Von jenem stammt übrigens auch
die Bemerkung, in der Falknerei überträfen die Frauen die Männer.
1160 Der Mainzer Erzbischof Arnold von Selenhofen wird im Konflikt mit der
städtischen Oberschicht ermordet.
Ca.: In Salzburg wird das Wasser des Rosittenbachs (am Untersberg)
in hölzerne Gerinne gefaßt, um die Wasserzufuhr der Stadt zu erhöhen.
Ca.: Aktivität der Katharer in Norditalien, das neben Südfrankreich
eines ihrer Hauptgebiete wird.
Ca.: Ein anonymer Normanne verfaßt nach Vorlagen Ovids und Vergils
den "Roman d'Eneas". Das Werk gehört zusammen mit dem "Roman de Thebes"
und dem "Roman de Troie" zum Umkreis Heinrichs II. von England und
dessen Frau Eleonore. Der "Roman de Troie" (1160/70) wird von Benoit
de Sainte Maure verfaßt und ist die erste ausführliche französische
Troja-Darstellung.
Ca.: Erste Erwähnung von Stuttgart. Genannt wird ein Hugo de Stukarten.
/1165: Der Kanonist Rufin verfaßt die "Summa decretorum", worin die
Dispens als "Aufhebung einer kanonischen Vorschrift im Einzelfall"
gilt.
1161 Bildung einer deutschen Hanse ("Schar") in Wisby, geheißen
"Gemeinschaft der Kaufleute des Römischen Reiches, die Gotland
besuchen". Die eigentliche Hanse geht aus diesem Bund hervor. Hier
erscheinen auch die ersten Lübecker in Wisby.
Trier erhält Stadtrecht.
Das früheste Handels- und Seerecht entsteht in Pisa: Constitutum Usus.
1162 Barbarossa zerstört Mailand.
Thomas Becket wird Erzbischof von Canterbury.
Ca.: Die Katharer versuchen, in England zu missionieren. Die etwa 30
"deutschen" Männer und Frauen unter einem "etwas gebildeten" Gerhard
haben wenig Erfolg und werden bald ergriffen, als Ketzer verurteilt
und hingerichtet. Sie stammen wahrscheinlich aus der Rheingegend.
1163 Die Kölner Königschronik (von ca. 1200) berichtet, daß in diesem Jahre
einige Katharer aus Flandern nach Köln gekommen seien. Sie werden
entdeckt und verhört, und da sie nicht abschwören wollen, am 5. August
außerhalb der Stadt verbrannt. In diesem Jahr taucht der Name
Katharer ("Catharos") erstmals auf - bei dem Benediktiner Ekbert
(später Abt von Schönau bei Trier). Das Wort wird als "Ketzer" zur
Bezeichnung für dogmatische Abweichler. Die Katharer selbst, die
sich für die wahren Christen halten, nennen sich (veri oder boni)
christiani oder boni homines.
Papst Alexander III. verbietet die Zinssatzung. Bei diesem Geschäft stellt
der Gläubiger dem Schuldner einen Geldbetrag zur Verfügung und erhält
dafür fruchttragende Güter (z.B. einen Acker, Weinberg oder eine Mühle)
als Pfand. Solange die Schulden nicht zurückgezahlt werden, streicht der
Gläubiger die Erträge als Zinsen ein. (Vgl. 829) Der Papst verlangt nun,
daß diese Erträge von der Schuld abzuziehen seien und das Gut dem
Schuldner zurückzugeben sei, sobald die angesammelten Pfanderträge die
Höhe der ursprünglichen Schuld erreicht hätten. Die Zulässigkeit der
Zinssatzung ist bereits in den 30er Jahren in den Klöstern diskutiert
worden, wo dieses Geschäft eine beliebte und verbreitete Geldanlage
ist. Insbesondere Kreuzfahrer haben solcherart ihre Güter an Klöster
verpfändet, um sich für ihren Kreuzzug flüssig zu machen.
Die Zisterzienser haben die Zinssatzung für ihren Orden bereits 1157
verboten. Trotz des päpstlichen Verbotes wird die Zinssatzung bis in
die frühe Neuzeit weiterhin praktiziert, aber auch bekämpft.
Papst Alexander III. legt den Grundstein für die Kathredrale Notre-Dame
in Paris. Mit 130 Meter Länge und 35 (oder 32,8) Meter Gewölbehöhe geht
man damit weit über das übliche Maß hinaus. Diese Emporenbasilika wird
fünfschiffig, wie bisher nur St. Peter in Rom und die Abteikirche in
Cluny.
Mainz verfällt der Reichsacht (siehe 1160). Seine Mauern werden zerstört.
Erste Erwähnung der Herren von Dinslaken.
1164 Slawenaufstand im südlichen Mecklenburg.
Fernkaufleute aus Ulm sind bezeugt.
1. Februar: In der Julianenflut entsteht durch schwere Sturmfluten
und Deichbrüche der Anfang des Jadebusens. Es sollen an der Nordseeküste
20000 umgekommen sein.
Rainald von Dassel bringt die angeblichen Gebeine der Hl. Drei Könige
nach Köln. Diese ziehen während des ganzen Mittelalters zahlreiche Pilger
in die Stadt.
England: In den Konstitutionen von Clarendon wird festgelegt, daß
kriminelle Geistliche durch ein geistliches Gericht verurteilt und durch
ein weltliches Gericht bestraft werden sollen. Die geistlichen
Appellationen an Rom werden eingeschränkt.
1165 Im sogenannten Konzil von Lombers (bei Albi) findet eine öffentliche
Auseinandersetzung zwischen Katharern und Katholiken statt. Das hier
gesprochene kirchliche Verdammungsurteil bleibt folgenlos.
Friedrich I. läßt durch Gegenpapst Paschalis III. Karl den Großen in
die Schar der Heiligen aufnehmen.
In Leipzig findet die erste Messe statt; in der Nähe der Burg wird
eine Marktsiedlung errichtet.
Lübecker Händler erscheinen an der Dünamündung.
Ca.: Johann von Würzburg verfaßt eine Art Pilgerhandbuch für Palästina,
worin er nicht nur die Waffentaten der deutschen Ritter besonders
hervorhebt, sondern auch empört feststellt, daß im Heiligen Land der
Anteil der deutschen an der Eroberung Jerusalems unterschlagen werde,
daß sogar "Verunglimpfer unseres Volkes" durch die Entfernung von
Grabsteinen die Erinnerung daran bewußt auszulöschen suchten. Dies sei
deswegen, weil die meisten Deutschen nach der Eroberung in ihre Heimat
zurückgekehrt seien und Franzosen, Lothringer, Normannen, Provenzalen,
Italiener, Spanier und Burgunder diese besetzt hätten. Wären die
Deutschen geblieben, so wären die Grenzen der Kreuzfahrerstaaten schon
längst weit über den Nil und Damaskus hinaus vorgeschoben.
Ca.: In den 1160er Jahren findet die Tübinger Fehde statt. Zwar ist es
nur eine von vielen mittelalterlichen Fehden, deren Zahl zu groß ist,
um sie im Rahmen dieser Darstellung auch nur annähernd zu erfassen,
jedoch findet sich darüber eine interessante Darstellung der
mittelalterlichen Kriegsführung: "Jetzt eilt auch unsere Hauptmacht in
geschlossener Front...herbei, aber wegen der Schwierigkeit des Zugangs
erreichen nur wenige den Kampfplatz. Gleichwohl haben alle, die zum
Schlagen kamen, zwei Stunden lang aufs tapferste gekämpft, obgleich mit
Ausnahme eines einzigen auf keiner Seite jemand fiel. So gut waren sie
nämlich alle durch ihre Rüstungen geschützt, daß sie viel leichter
gefangengenommen als getötet werden konnten. (...?) Als die Feinde
dieser Flucht gewahr werden, nehmen sie zunächst ihre noch kämpfenden
Gegner, von denen nur wenige entkommen, gefangen und schicken sie in
die Burg; dann setzen sie den anderen nach. Wie Schafe von der Weide
in den Stall treiben sie sie vor sich her und nehmen ihnen alles in
allem 900 Gefangene und ungeheure Beute ab." (Historia Welforum)
Zu dieser Zeit ist die Körperpanzerung noch nicht so weit entwickelt,
daß realistischerweise solche Resultate zu erwarten sind. Es zeigt sich
vielmehr daran, daß die Motivation in solchen Fehden begrenzt ist:
Es wird nicht bis zum letzten Blutstropfen gefochten, sondern der
Einsatz wird dosiert; energischer Widerstand gegen eine Gefangennahme
findet nicht statt. Mittelalterliche Fehdeführung besteht mehr aus
demonstrativ-rituellen Drohgebärden als aus wirklichen Gewaltakten -
ausgenommen natürlich gegen die Resourcen und die Bauern des Gegners!
(Vgl. 1001 und 1133)
1166 Dieses Jahr soll der Wein so schlecht sein, daß man angeblich damit den
Kalk zum Mauern zubereitet. [Nach Dillich, Hessische Chronik; vgl. 1450]
Barbarossa zieht nach Italien, wozu rasch ein Heer aufgestellt worden
ist. Da ihn die deutschen Fürsten nur zum Teil mit Lehnsaufgeboten
unterstützen, werden hier Söldnerkontingente aus Flandern, Brabant
und Lothringen, die (gefürchteten) Brabanzonen, herangezogen. Hier
wird erstmals das freie Söldnertum legitimiert.
Ludwig VII. von Frankreich und Heinrich II. von England erheben eine
Steuer, um Geld für einen Kreuzzug aufzutreiben. Sie hängt vom
individuellen Einkommen und Besitz ab. Hier liegen die Ursprünge einer
allgemeinen Kreuzzugsbesteuerung.
1167 Wismar wird erstmals erwähnt.
Die Katharer gründen Bistümer in Toulouse und Carcassonne. In Albi
besteht bereits ein katharisches Bistum. In St.-Felix-de-Caraman
halten sie ein Konzil ab; als Gast erscheint u.a. der bogumilische
"Papst" (Pope?) Niketas aus Konstantinopel. Hier wird der Grundstein
des Wirkens der Katharer als Kirche gelegt. Der radikale Dualismus
wird als Grundlage übernommen.
Über Salzburg wird die Reichsacht verhängt. Beim Angriff kaiserlicher
Truppen gerät die Stadt in Brand.
Waldemar I. (der Große) von Dänemark) macht dem Erzbischof Absalom ein
Fischerdorf namens Havn zum Geschenk (später Kopenhagen).
Gründung der Lombardischen Liga, eines Vorläufers der späteren Städtebünde.
1168 Im Gebiet des heutigen Freiberg wird Silber gefunden.
Barbarossa erzwingt, daß die Söhne des vertriebenen und inzwischen
verstorbenen Wladislaw als Herzöge in die beiden schlesischen
Herzogtümer Breslau und Ratibor einzusetzen sind. Diese, am
deutschen Hof aufgewachsen, wenden sich dem Reich zu und lösen
Schlesien aus Polen heraus.
In Pisa wird auf dem zugefrorenen Arno ein Kampfspiel veranstaltet.
23. Dezember: In Rennes stirbt Stephan von Fougères (Étienne de Fougères),
der in seine letzten Lebensjahren das der Gräfin von Hereford gewidmete
"Livre des manières" verfaßt hat. Dieses aus 1344 Achtsilbern bestehende
Gedicht ist eins der frühesten Beispiele einer Ständedidaxe in
französischer Sprache und behandelt im ersten Teil die höheren Stände
(König, Klerus, Ritter) und im zweiten, gleich langen Teil die niederen
Stände (Bauern, Bürger, Frauen). Es ist nur in einer einzigen Handschrift
Anf. 13. Jh.) erhalten.
1169 Bis 1173: Wilhelm von Tyrus verfaßt die "Historia rerum in partibus
transmarinis gestarum", eine Geschichte des "lateinischen" Ostens
seit 614.
1170 Der Pfaffe Chunrat (Konrad), vermutlich im Dienste Heinrichs des
Löwen, beginnt mit der Übersetzung des Rolandsliedes aus dem
Französischen. In 9094 Versen wird die Vorlage religiös modifiziert.
Lübeck erhält Soester Stadtrecht, welches sich bald als Lübisches
Recht verbreitet.
Eine Sturmflut in der Nordsee erweitert die Zuidersee und bildet die
Inseln Texel und Wieringen.
Goslarer Bergleute beginnen mit der Erschließung der Silbervorkommen
bei Freiberg im Erzgebirge.
Thomas Becket kehrt nach England zurück und bringt eine neumodische
zweizinkige (italienische) Gabel mit. Der Legende nach sollen Adlige
am Hof mit solchem Eßbesteck Zweikämpfe machen. (Die Gabel wird sich
erst im 18. Jh. verbreiten.) Becket wird in diesem Jahr ermordet, als
er König Heinrich II. von England Widerstand leistet.
25. Juli: Gründung von Gelnhausen als Stadt, gleich mit Zollfreiheit.
In einem Brief kritisiert Peter von Blois den Verfall der Kriegszucht:
Früher hätten sich die Ritter durch einen Eid gebunden, in der
Schlacht nicht zu fliehen und den Nutzen des Gemeinwohls dem eigenen
Leben voranzustellen; auch heute erhielten sie ihre Schwerter vom
Altar zur Ehrung der Priester, zum Schutz der Armen und zur Strafe
der Übeltäter, ihre Handlungen jedoch kehrten das ins Gegenteil: Sie
wenden sich gegen Priester, wüten im kirchlichen Grundbesitz, plündern
die Mönche aus, bedrängen die Elenden und befriedigen ihre Gelüste
im Schmerz der anderen. Statt im Krieg gegen die Feinde des Kreuzes
ihre Kräfte zu messen, streiten sie beim Trinken um die Wette; die
Ritter ziehen nicht mit dem Schwert, sondern mit Wein in den Krieg,
nicht mit Lanzen, sondern mit Käse, nicht mit Wurfspießen, sondern
mit Bratspießen. Sie leben in Muße und entehren so die Ritterpflicht
(das officium militiae); goldene Schilde sprächen der Kampfpflicht
Hohn, an die Stelle der Kampfbegierde sei der Wunsch nach Beute und
nach unberührten Jungfrauen getreten; Kriege ließen sie nur noch auf
Bildern darstellen.
Ca.: Etienne de Fougères, Bischof von Lisieux, verfaßt mit dem "Livre
des manières" die erste systematische Abhandlung über das Rittertum,
ausgehend von der Dreiteilung der Gesellschaft. Als Kirchenmann sieht
er es als Aufgabe des Ritters an, der starke rechte Arm der Kirche zu
sein, ohne allzu viele Fragen zu stellen. Das Rittertum wird als
"Orden" definiert.
Ca.: In England übernimmt man die "französische", d.h. gotische
Bauweise.
Ca.: Steyr wird als "urbs" genannt.
Ca.: Entstehung des "Straßburger Alexanders", einer Bearbeitung des
Alexanderliedes des Pfaffen Lamprecht, wo Alexander bereits als
höfischer Ritter erscheint.
Ca.: Eilhart von Oberg verfaßt, vermutlich am Hofe Heinrichs des
Löwen in Braunschweig, "Tristrant und Isalde".
Ca.: Entstehung der "Historia Welforum", der Hausgeschichte der
Welfen.
Ca.: Abfassung der Pöhlder Annalen.
1171 Seit diesem Jahr taucht in Urkunden aus dem Rhein-Main-Gebiet Friedrich
von Hausen auf, der Sohn des Freiherrn Walther von Hausen. Dieser
einflußreiche Ministeriale sitzt wahrscheinlich auf der Burg Rheinhausen
nördlich von Mannheim. Es ist der erste als historische Gestalt faßbare
Dichter des Minnesangs, zugleich der erste, bei dem provencalische
Einflüsse deutlich nachweisbar sind und schließlich der erste, bei dem
sich nicht nur einzelne Motive des Hohen Minnesangs finden, sondern bei
dem das gesamte System minnesängerischer Selbstdarstellung ausgebildet
vorliegt: das unerwiderte, ungelohnte Dienen, die Erziehung des Ritters zu
Beständigkeit und zu Maßhalten, die Spiritualisierung der Herrin als einer
in der Distanz angebeteten, bewunderten und geliebten Frau, die ihm das
Herz raubt und sich ihm entzieht, das bejahte und beklagte Minneleid.
Florenz erhält durch ein Bündnis mit Pisa freien Zugang zum Meer.
Ca.: Helmolds "Chronica Slavorum".
Bis 1175: Auf Betreiben des Kaisers erhält Aachen eine Stadtmauer.
1172 Ludwig III. der Milde wird Landgraf von Thüringen (bis 1190).
Rothenburg ob der Tauber erhält Stadtrecht.
In Florenz beginnt man mit dem Bau der Stadtbefestigung; sie umfaßt
etwa 80 Hektar Land. (vgl. 1284)
Nach 14 Jahren Bauzeit wird in Prag eine steinerne Brücke fertiggestellt,
die nach Königin Judith benannt wird.
Heinrich der Löwe weilt als Pilger in Jerusalem.
Bis 1175: Der Anglonormanne Thomas d'Angleterre verfaßt am Londoner
Hof seinen "Tristan", der in zehn Fragmenten erhalten ist.
1173 Erste historisch nachweisbare Grippeepidemie. (Unklar; vgl. 1323 und 1367)
Der spanische Rabbiner Benjamin von Tudela, von einer Reise durch
die Mittelmeerländer zurück, verfaßt den "Itinerarius".
1174 Landgraf Ludwig III. von Thüringen heiratet Gräfin Margarete von Cleve.
Zu diesem Anlaß leiht der Dichter Heinrich von Veldeke (wahrsch. aus
einem Maastrichter Ministerialengeschlecht) das Manuskript seines
unfertigen Romans "Eneide" der Gräfin. Graf Heinrich Raspe, ein
jüngerer Bruder Ludwigs entwendet das Manuskript und schickt es nach
Thüringen. Der Autor erhält es erst in neun Jahren zurück. In diesem
Werk findet sich eine frühe Erwähnung der Zugbrücke (valbrucken).
Für die Messen in der Champagne taucht erstmals ein Messeaufseher auf.
Dieser ist beauftragt, Ordnung zu schaffen und und einen ungestörten
Ablauf der Geschäfte zu gewährleisten. Er übernimmt die juristische
Garantie für die Ausführung der vor ihm eingegangenen Verträge.
In Brixen brennt der Dom ab.
Barbarossa verwendet für seinen Italienzug erneut Brabanzonen
(Söldner, siehe 1166).
1175 Nachdem bei Turnieren in Sachsen 16 Ritter zu Tode gekommen sind,
belegt der Erzbischof von Magdeburg alle Turnierteilnehmer mit dem
Bann und läßt alle weltlichen Fürsten bei den heiligen Reliquien
schwören, den Rittern ihres Herrschaftsgebietes die Teilnahme an
Turnieren zu verbieten. (Wer wird sich über die Wirkung solcher
Vorschriften irgendwelche Illusionen machen?)
Herzog Boleslaus von Schlesien gewährt den Zisterziensern von Leubus
für "alle Deutschen, die künftig die Güter des Klosters bebauen oder,
durch den Abt auf ihnen angesiedelt, dort Wohnung nehmen werden",
Freiheit vom "polnischen Recht".
In den 1170er Jahren: Wahrscheinlich in dieser Zeit verfaßt Chretien de
Troyes den "Yvain." Hierin wird eine Rattenfalle erwähnt: "This gate was
very high and wide, but had such a narrow entry-way that two men or two
horses could not pass through together or meet one another in the gate
without crowding or great difficulty; for it was built just like a trap
that awaits the rat on its furtive scavenging: it had a blade poised above,
ready to fall, strike, and pin, and triggered to be released and to fall at
the slightest touch." Es scheint sich dabei um die einzige mittelalterliche
Erwähnung einer Rattenfalle zu handeln.
1176 Lokale Hungersnot in Mittelfrankreich.
Das Straßbuger Münster brennt ab. (Nach den Marnacher Annalen zum vierten Mal,
nach den Jahrbüchern von Straßburg zum fünften Mal)
Dietrich, der Sohn des Markgrafen von Meißen kommt bei einem Turnier
ums Leben.
Barbarossa verlangt für seinen Italienzug fußfällig die Unterstützung
Heinrichs des Löwen, doch dieser fordert als Gegenleistung für
Hilfstruppen die Übertragung der Reichsvogtei Goslar mit ihren
Silbergruben und so wird nichts daraus.
1177 Im Sommer gibt es (zumindest in den Kreuzfahrerstaaten) neue
Kreuzzugsgerüchte. Der Papst schickt seinen Arzt Philipp aus, um den
Priesterkönig Johannes zu suchen und um Unterstützung zu bitten.
Seine Reise endet, wie es den Anschein hat, ergebnislos in Abessinien.
(Etwa zu dieser Zeit - 1179? - schickt der Papst einen Brief an den
Priester Johannes, der freilich nie beantwortet wird.)
1178 Ca.: Das Wort "Weihnachten" (wihe naht) wird erstmals gebraucht.
Bis 1182: Entstehung der "Alexandreis" des Walter von Chatillon, der
beliebtesten lateinischen Alexanderdichtung.
In Köln sind 48 Häuser und Hofstätten im Besitz von Juden.
1179 Es stirbt Hildegard von Bingen.
Heinrich der Löwe verfällt der Acht.
Das dritte Laterankonzil: Die Katharer und deren Helfer werden mit
dem Bann belegt; wer gegen sie kämpft, erhält Ablaß. Das Strandrecht
wird verurteilt. Erneut - und wieder vergeblich - werden Turnierteilnehmer
mit dem Bann bedroht.
Ebenso mit dem Bann bedroht wird die Verwendung von Söldnern zur
Kriegsführung. In diesen Jahrzehnten hat sich ein Söldnerwesen in
folgenden Gebieten entwickelt: Flandern, Brabant, Lothringen, Aragon,
Navarra, Baskenland.
Portugal wird von Papst Alexander III. als Königreich anerkannt. Lissabon
erhält Stadtrechte (Hauptstadt ist aber noch Coimbra).
/1180: Entstehung der Version I (Branche I) von Berols "Tristan",
der Sprache nach normannischer Herkunft und für ein englisches
Publikum konzipiert - in einem Fragment überliefert. Obwohl
unverkennbar zwei Autoren am Werk waren, wird das Werk in dieser
uneinheitlichen Form vom Publikum rezipiert.
1180 13. April: Heinrich der Löwe wird abgesetzt und geächtet, weil er dem
Kaiser die Gefolgschaft verweigert hat. An seine Stelle tritt Pfalzgraf
Otto von Wittelsbach. Das Herzogtum Sachsen geht auf die Askanier über.
Sie herrschen nur um Lauenburg und Wittenberg.
Westfalen wird selbständiges Herzogtum unter dem Erzbischof von Köln.
Die Markgrafschaft Steiermark wird (unter Otakar I.) Herzogtum.
Die Kölner bauen gegen den Willen des Bischofs eine neue Mauer. Sie wird
6,9 km lang werden.
Johannes von Salisbury (ca. 65) stirbt.
Ca.: Gründung von Dinkelsbühl.
Ca.: Barbarossa verleiht Reutlingen das Marktrecht.
Ca.: An europäischen Schiffen taucht das Heckruder auf.
Ca.: Bei Alexander Neckham wird (offenbar erstmals) ein Spiegel aus Glas erwähnt:
"Take away the lead which is behind the glass and there will be no image of the
one looking in." [Holmes 1952, p 144]
Ca.: Pierre de Chantre, ein Domherr der Kathedrale von Paris kritisiert
den Kathedralenbau: "Es ist eine Sünde, Kirchen zu bauen, wie es momentan
geschieht...Dahinter steht die ständige Leidenschaft zu bauen...Die
Klosterbauten und die Kathedralen werden zur Zeit mit dem Wucher des
Geizes, der List und der Lüge und mit den Betrügereien der Prediger gebaut."
Ca.: Gautier von Arras verfaßt den "Éraclé", einen Roman um den
byzantinischen Kaiser Heraclius (gest. 641).
Bis 1190: In Urkunden von Basel werden erstmals Rat (consilium) und
Ratsleute (consiliarii) erwähnt.
Bis 1208: Die "Historia Danica" (Dänengeschichte) von Saxo Grammaticus
wird zusammengestellt, enthaltend neben einer Geschichte der Dänen auch
einen Abschnitt über die Sagen und Bräuche Nordeuropas. Im dritten und
vierten Buch findet sich unter jenen Sagen die Geschichte von Amlethus,
ein Stoff, welcher später durch Shakespeares Hamlet bekannt wird.
Bis 1240: Köln erhält eine neue Befestigung. Es wird die größte und
stärkste Befestigung ihrer Zeit in Europa. Die alte römische
Stadtmauer ist bereits im 10. Jh. teilweise niedergelegt worden. Köln
erreicht damit eine Fläche von 400 Hektar, was bis zum 19. Jh. nicht
mehr überschritten wird.
Bis 1247: In England wird der Short-cross Sterling herausgegeben. Sterling
ist die Bezeichnung für englischen Pfennige (Pennies).
Bis 1250: Das mittlerweile mit zwei t geschriebene Wort "Ritter"
gewinnt eine auffallende Beliebtheit, die auf einen Wandel seiner
Bedeutung hinweist. Es wird zur Benennung von Adligen und Königen
verwendet.
1181 "Herzog Heinrich von Sachsen wird vom Kaiser unterworfen. Das Getreide war
teuer, der Wein gut und wohlfeil. Im selben Jahre starb Papst Alexander und
Lucius folgte ihm." [Marbacher Annalen]
Philipp II. August nimmt den Titel "König von Frankreich" an, statt
wie bisher "König der Franzosen" (bzw. Franken).
Frühjahr: Heinrich, Kardinallegat und Abt von Clairvaux leitet einen
ersten Kreuzzug gegen die Katharer in Okzitanien, speziell gegen
den Vizegrafen Roger II. von Albi, Beziers und Carcassonne. Die
Beteiligung ist gering und die Sache verläuft im Sand. Der Adel
unterstützt vielfach die Katharer oder läßt sie gewähren, da sie
jegliche Autorität der Kirche (und damit auch die Angaben an sie)
ablehnen. So haben sich sie Vizegrafen von Albi, Beziers und
Carcassonne sowie die Grafen und Toulouse und die von Foix gewaltsam
Kirchengüter angeeignet. Die Stimmung in Okzitanien ist antiklerikal.
Die Abtei Saint-Mary of Swineshead in Lincolnshire richtet die erste
bekannte Windmühle ein. (Möglicherweise hat es gleichzeitig oder
etwas früher auch in der Normandie und auf der iberischen Halbinsel
Windmühlen gegeben.) Andererseits soll die erste Erwähnung einer Windmühle
erst 1185 erfolgt sein und sich auf Yorkshire beziehen. Andererseits sind
Windmühlen mit horizontalen Flügeln (also nicht mit vertikalen wie in
Europa) bereits seit dem 7. Jh. im Gebiet von Iran und Afghanistan bekannt.
Diese benötigen zwar kein Zahnradgetriebe, sind aber gerade wegen dieser
fehlenden Übersetzung zu langsam und kaum effektiv zum Mahlen.
Die Heiligsprechung wird ein Vorrecht des Papstes.
Das Abhalten von peinlichen Gerichten innerhalb von Kirchen wird
verboten. (vgl. 1273)
Reichstag zu Erfurt.
Barbarossa erhebt Zollplatz und Kaiserpfalz Kaiserswerth zur Stadt.
Es stirbt Serlo von Wilton, von welchem der Satz stammt: "Natur
befiehlt, ihr nicht zu folgen wäre ein Verbrechen." (Poèmes latins,
ed. Öberg 29.19)
Konrad III., der erste Kardinal in Salzburg beginnt mit dem Neubau des
romanischen Domes, eines der größten nördlich der Alpen. (In Frankreich
wird bereits gotisch gebaut.)
1182 "Am Feste des heiligen Jakob wurde Bischof Heinrich von Straßburg in Italien
unter großen Schwierigkeiten von Christian, dem Bischof von Mainz geweiht.
Viel und guter Wein; der Eimer wurde um sechs Straßburger Pfenninge verkauft."
[Marbacher Annalen]
1183 Ludwig I. der Kelheimer (9) wird Herzog von Bayern.
Urkunde des Grafen Wilhelm von Valentinois: "Es ist ein besonderes
Merkmal des Adels, und es erfordert die Gewalt unseres Schwertes,
daß wir Witwen und Waisen verteidigen und beschützen, Recht sprechen
und Gerechtigkeit üben an den Armen in ihrer Not."
Die allgemeine Zisterzienser-Versammlung verhängt schwere Strafen
gegen jedes Mitglied, welches Wahrsagerei getrieben hat.
Heinrich von Veldeke erhält sein unfertiges Manuskript der "Eneide"
zurück und kann den Roman fertigstellen - im Auftrag seines neuen
Mäzens, des zukünftigen Landgrafen Hermann von Thüringen.
Gladbach erhält Marktrecht.
Der Friede von Konstanz legitimiert das städtische Bündnisrecht.
1184 20. Mai (Pfingsten): Hoffest zu Mainz. Barbarossa schmückt sich mit
den angeblichen Insignien Karls des Großen. Zwischen Rhein und Main
wird eigens eine Feststadt aus Hütten und Zelten errichtet. Es nimmt
eine ungewöhnlich große Zahl an Rittern aus dem Reich (inkl. Italien
und Burgund) teil. Der einzige ausländische Teilnehmer ist der
französische Dichter Guiot de Provins.
Es wird als das glänzendste Reichsfest des Mittelalters bezeichnet.
"Am Pfingstmontage wurden der Herr Heinrich, König der Römer, und der
Schwabenherzog Friedrich, Söhne des Herrn Kaisers Friedrich, zu
Rittern geschlagen. Diese Ehrung veranlaßte diese sowie alle Fürsten
und viele Edelleute, den Rittern, Gefangenen, solchen, die das Kreuz
genommen hatten, Spielleuten, Gauklern und Gauklerinnen reiche
Geschenke zu übergeben: Pferde, kostbare Kleider, Gold und Silber.
Die Fürsten taten dies nicht bloß zur Ehre des Kaisers und seiner
Söhne, sondern sie spendeten auch, um ihren eigenen Ruhm weithin
bekannt zu machen, mit freigiebiger Hand.
Am Pfingstmontag und Pfingstdienstag begannen die Söhne des Kaisers
nach dem Morgenmahl das Turnier, an dem sich schätzungsweise
zwanzigtausend oder mehr Ritter [diese Zahl bedarf keines Kommentars!]
beteiligten. Die Turniere wurden ohne eigentlichen Kampf abgehalten;
die Ritter ergötzten sich bloß am Schild- Lanzen- und Fahnenschwingen
sowie ihrer Reitkunst. Auch der Herr Kaiser tat mit, und wenn er auch
an Größe und Schönheit nicht alle übertraf, so führte er doch seinen
Schild am besten. Der Graf von Hennegau diente ihm beim Turnier und
trug seine Lanze.
Am Dienstag erhob sich gegen Abend ein Sturm und warf die Kapelle
des Herrn Kaisers sowie einige Häuser, die man wegen der Menge des
Volkes am Rheinufer erbaut hatte, um. Die Trümmer erschlugen einige
Leute, viele Zelte wurden zerrissen, und alle Menschen befiel Furcht.
Zu diesem Hoftage waren, wie schon erwähnt, 70000 Ritter [s.o.]
erschienen, zumal schon die bedeutensten Fürsten eine große Zahl
herbeigeführt hatten: der Herzog von Böhmen 2000, der Herzog von
Österreich 500, der Herzog von Sachsen 700, der Pfalzgraf bei Rhein
1000 oder mehr, der Landgraf von Thüringen 1000 oder mehr, der Herr
Erzbischof Konrad von Mainz, ein Vetter des Kaisers, 1000, der Herr
Erzbischof von Philipp von Köln, ein Vetter des Grafen von Hennegau,
1700, der Herr Erzbischof von Magdeburg 600, der Herr Abt von Fulda
500, dazu kamen dann noch die übrigen Fürsten...Das für Ingelheim
am Rhein angesagte Turnier unterblieb nach dem Rate der Fürsten."
(La chronique de Gislebert de Mons, ed. Léon Vanderkindere, S. 154 -
161) Es nimmt auch Heinrich von Veldeke, der Dichter des "Eneit" an
diesem Fest teil, wie man aus Angaben aus ebendiesem Werk weiß.
Barbarossa unternimmt seinen sechsten Italienzug (bis 1186). Nach einem
Bündnis mit Mailand wird Heinrich (VI.) dort zum König von Italien
gekrönt und mit Konstanze von Sizilien vermählt. An dessen Brautfahrt
nach Apulien soll auch Markgraf Dedo II. von Rochlitz und Goiz als
Begleiter teilnehmen. Dieser, ein kleiner, dicker und kurzatmiger
Mensch fürchtet die Hitze und die Anstrengungen, weswegen er einen
Arzt konsultiert. Der Arzt schneidet dem Markgrafen kurzerhand den
Bauch auf und das Fett heraus - eine Prozedur, welche er freilich nicht
überlebt.
"Mittlerweile hielt König Heinrich zu Augsburg, einer Stadt Rätiens, Hof;
daselbst verlobte er sich mit Constantia, der Tochter des Königs Roger von
Apulien. In diesem Jahre war der Sommer warm und trocken, aber im Monat
November war eine sehr bedeutende Überschwemmung, denn die Gewässer stiegen
nicht allein in Folge des Regens, sondern auch aus verborgenen Quellen
hervorbrechend so hoch, daß sie fast die ganze herumliegende Ebene [um Augsburg
oder um Marbach?] bedeckten und den Menschen sehr großen Schaden brachten. Im
selben Jahre hatte Heinrich zu Erfurt, einer vornehmen Stadt in Thüringen, eine
Besprechung mit einigen Fürsten und Baronen. Während dieser Unterredung stürzte
der untere Teil des Gebäudes, in welchem die Fürsten, Grafen und andere Leute
verschiedenen Standes versammelt waren, zusammen und viele fanden den Tod, indem
sie in die Abtrittsgrube fielen und versanken. Unter ihnen wurden Graf Friderich
von Habenberc und vier andere mächtige und reiche Grafen und viele andere an
verschiedenen Körperstellen verletzt, tot oder halbtot herausgezogen. Nur König
Heinrich klammerte sich an einem Fenster des Hauses an und wurde auf der einen
Seite von Cunrad, dem Erzbischof von Mainz, und auf der andern Seite von seinem
Kanzler Godefrid gestützt." [Marbacher Annalen]
Auf dem Konzil von Verona ruft Papst Lucius III. die Bischöfe zur
Verfolgung und Exkommunikation von Ketzern auf.
1185 In Paris werden die Straßen gepflastert.
Erste Walkmühle in England.
Der Bamberger Dom brennt.
Alfons II. von Aragon unterstützt die Besiedlung von Valmadrid im
Ebro-Tal durch das Kloster San Salvador in Saragossa und dessen
Prokurator Domingo de Luna unter folgenden Bedingungen: "Ich befehle,
daß alle, die als Siedler dorthin kommen oder die dort ein Landstück
besitzen, bis Weihnachten Häuser bauen, und wenn sie dort bis zu diesem
Termin keine Häuser gebaut haben, soll der obengenannte Domingo de
Luna bevollmächtigt sein, das Landstück einzuziehen und es anderen zu
geben, die dort siedeln und Häuser bauen wollen."
Der arabische Autor Ibn Jubair beschreibt Akkon: "Akkon ist...der
Anlaufhafen für alle Schiffe. Die Stadt ist das Ziel der Schiffe und
Karawanen und der Treffpunkt der muslimischen und christlichen Kaufleute
aus aller Herren Länder. Ihre Wege und Straßen sind von dem Andrang von
Menschen verstopft, so daß man kaum seinen Fuß auf den Boden setzen
kann. Es stinkt und ist schmutzig, überall liegen Müll und Exkremente
herum."
"Im selben Jahre schickte ein Astronom von Toledo namens Johannes in alle
Gegenden der Welt Briefe mit der Versicherung, daß im nächsten Jahre, ungefähr
im Monat September alle Planeten in einem Hause zusammenkommen würden,
verkündete einen beinahe jedes Gebäude zerstörenden Wind, Sterblichkeit,
Hungersnot und viele andere Übel, das Ende der Welt und die Ankunft des
Antichristes, worüber alle Astronomen und andere Philosophen und Magier,
sowohl christliche als heidnische und jüdische einverstanden wären. Daher
bemächtigte sich vieler die größte Angst, so daß sich einige unterirdische
Wohnungen herstellten und in vielen Kirchen Fasten, Prozessionen und Bittgänge
veranstaltet wurden. Aber damit sich zeigte, daß die Weisheit dieser Welt
Torheit vor Gott ist, war zur vorherbestimmten Zeit große Heiterkeit und Ruhe
in der Luft und nichts von allem, was verkündet war, traf ein. (Im gleichen
Jahre wird die Burg Breisach von König Heinrich gegründet.)" [Marbacher Annalen]
Die Normannen erobern Thessaloniki, die zweitgrößte Stadt des
byzantinischen Reiches.
1186 "In diesem Jahre war ein warmer Winter, so daß im Dezember und Januar viele
Bäume blühten, an welchen man um die Zeit des Februar Birnen von der Größe einer
Haselnuß erblickte. Auch hatten Raben, Elstern und andere derartige Vögel im Januar
Junge." [Marbacher Annalen]
Friedrich I. erläßt das Landfriedensgesetz "Constitutio contra
incendiarios", wonach Söhne von Priestern, Diakonen und Bauern
vom Rittertum ausgeschlossen werden. Gegebenenfalls muß sie der
Landrichter ihrer Würde entkleiden. Dieses strenge Gesetz wird
natürlich nicht immer beachtet.
Ein Artikel im Bremer Stadtrecht besagt, daß derjenige, der binnen
Jahr und Tag in der Stadt unter Weichbildrecht sitze, frei sei, wobei
ausdrücklich Männer und Frauen genannt werden (ebenso 1209 in Stade).
König Sverrir von Norwegen gerät über die deutschen Kaufleute in Zorn,
die auf sehr großen Schiffen Wein und Luxusprodukte nach Bergen
bringen, um "sein Volk zu verderben".
Geoffrey Plantagenet, der Sohn König Heinrichs II. von England kommt
bei einem Turnier ums Leben.
1187 "Aber im folgenden Jahre, nämlich 1187 kam um die Zeit des März eine
sehr ungünstige Witterung und heftige Kälte, welche bis zum ersten Juni
anhielt, so daß an Pfingsten, nämlich Mitte Mai, viel Schnee fiel und fast
alles Obst zu Grunde ging. In eben diesem Jahre und in genanntem Monat wurde
Straßburg zum großen Teil durch Feuer verwüstet. In diesem Jahre wurde
zwischen dem Papst und dem Kaiser über den Frieden unterhandelt, aber es nützte
nichts, weil er damit umging, den Kaiser und den König zu excommuniziren. Gott
vereitelte aber seine böse Absicht, denn in eben diesem Jahre starb er und
folgte ihm Gregor der achte, ein guter und frommer Mann. Im selben Jahre drang
Saladin, der König von Babylon, welcher dem Kaiser früher befreundet gewesen -
denn sie hatten sich wechselseitig Gesandte und Geschenke zugeschickt - mit
einem Heere in das Land der Christen ein und errang, nachdem er den Kampf mit
ihnen begonnen, einen blutigen Krieg. Denn mehr als dreißigtausend Menschen wurden
niedergemacht, Jerusalem zur Übergabe gezwungen und nicht lange darauf, nachdem
alle seine Bürger entweder gefangen oder gegen eine Loskaufsumme entlassen und
vertrieben waren, von Heiden bewohnt; auch das verehrungswürdige Holz des heiligen
Kreuzes wurde geraubt, Acharon und fast alle benachbarte Städte bis auf das einzige
Tyrus erobert und andere unzählige und unerhörte Greuel verübt." [Marbacher Annalen]
2. Oktober: Saladin erobert Jerusalem.
In Stettin (früher rein heidnisch) wird die durch den Bamberger Kaufmann
Beringer gestiftete St. Jakobikirche geweiht.
1188 Januar: Erzbischof Josias von Tyros trifft sich in Gisors an der
Grenze zwischen Normandie und Frankreich mit Heinrich II. von England
und Philipp August von Frankreich, wohin diese gekommen sind, um nach
Jahren planlosen Krieges einen Waffenstillstand zu verhandeln. Er
kann sie zum Frieden bewegen und nötigt ihnen das Versprechen ab,
sich so bald wie möglich auf den Kreuzzug zu begeben. Graf Philipp
von Flandern, der sich möglicherweise seines fruchtlosen Kreuzzuges
vor zehn Jahren schämt, folgt nebst anderen Angehörigen des Hochadels
beider Königreiche ihrem Beispiel.
Ende des Monats tritt Heinrichs Kronrat in Le Mans zusammen und ordnet
die Einrichtung des Saladin-Zehnten für England und Frankreich an.
Der Saladin-Zehnte wird einigermaßen erfolgreich eingetrieben, trotz
der Versuche eines Tempelritters namens Gilbert von Hoxton, seinen
Anteil in die eigene Tasche zu stecken und der Unfähigkeit des
schottischen Königs Williams des Löwen, seinen Baronen auch nur einen
einzigen Penny zu entlocken. (Ein frühes Beispiel für schottische
Sparsamkeit.) Allein in England sollen 70000 Pfund Einnahmen erzielt
worden sein, was wahrscheinlich übertrieben ist. In Frankreich gibt es
Widerstand. Kreuzfahrer sind von dieser Steuer ausgenommen.
Es wird bestimmt, daß die Untergebenen Philipps II. von Frankreich rote,
die Heinrichs II. von England weiße und die des Grafen von Flandern
grüne Kreuze tragen sollen.
Lange, ehe das Kreuzheer versammelt werden kann, bricht in Frankreich
wieder Krieg aus.
Philipp II. August von Frankreich und Heinrich II. von England
erlassen gemeinsam eine Heeresordnung, welche das Tragen von Buntwerk,
Grauwerk, Zobel oder Scharlach, sowie von ausgeschnittenen und
geschnürten Kleidern verbietet.
Es stirbt der Emir Ussama ibn Munkidh (93), der Neffe des Herrschers von
Scheisar, welcher (irgendwann vorher) einmal ein Erlebnis aus seiner
Jugend berichtet hat, betreffend die abendländische Medizin: "Schon
nach zehn Tagen stand Thabit wieder vor meinem Onkel. Und wir hatten
geglaubt, er kuriere im Libanon fränkische Wunden! Die Herren
Kreuzfahrer nämlich hatten verdammt wenig Zutrauen zu der Heilkunst
ihrer eigenen Leute und zogen es vor, hier im "Heiligen Lande" ihre
Hautausschläge, Koliken und Durchfälle von unseren Ärzten behandeln zu
lassen. Und wie recht sie taten (Allah verfluche sie)! Mein Onkel, der
Emir von Schaisar, hatte unserem fränkischen Nachbarn auf der Burg
Munaitira den Gefallen getan und ihm auf sein Drängen für einige Zeit
unseren tüchtigen Thabit überlassen, auß daß er an seinen kranken
Freunden verschiedene Kuren durchführe. Aber Thabit war aus der
fränkischen Garnison schon wieder zurückgekehrt. "Wie hast du nur so
schnell die Kranken geheilt?" fragten wir ihn erstaunt. "Man brachte
mir einen Reiter, an dessen Bein sich ein Geschwür gebildet hatte",
erwiderte der Arzt, "und eine Frau, die von einem zehrenden Fieber
befallen war. Dem Reiter habe ich ein Zugpflaster aufgelegt. Das
Geschwür brach auf und nahm einen gutartigen Verlauf. Der Frau
verordnete ich Diät und besserte ihr körperliches Befinden durch
Darreichung von pflanzlicher Nahrung. Da kam ein fränkischer Arzt hinzu
und sagte: "Der versteht nicht, sie zu heilen." Darauf wandte er sich
an den Reiter mit der Frage: "Was ist dir lieber: zu leben mit einem
Bein oder zu sterben mit zwei Beinen?" Der antwortete: "Leben mit einem
Bein." Dann sagte der fränkische Arzt: "Holt mir einen starken Reiter
mit einem scharfen Beil!" Der Reiter mit dem Beil erschien. Ich war
noch zugegen. Nun legte der Arzt das Bein des Patienten auf einen
hölzernen Hauklotz und befahl dem Reiter: "Schlag ihm das Bein mit einem
einzigen Axthieb ab!" Der Reiter versetzte ihm einen Hieb, während ich
zusah. Aber das Bein war damit noch nicht abgetrennt. Er schlug zum
zweitenmal zu. Da floß das Mark des Beines aus, und der Unglückliche
starb zur Stunde. Darauf untersuchte der Arzt die Frau und sagte:
"Dieses Weib hat hat einen Teufel im Kopf, der in sie verliebt ist.
Schneidet ihr die Haare ab!" Man schnitt sie ihr ab, und sie aß wieder
die Speisen ihrer Landsleute, Knoblauch und Senf. Das Fieber stieg bei
ihr. Der Arzt sprach: "Der Teufel ist ihr in den Kopf gestiegen." Mit
diesen Worten ergriff er das Rasiermesser, machte ihr kreuzweis einen
Schnitt in den Kopf und zog ihr die mittlere Kopfhaut ab, bis der
Schädelknochen bloßgelegt war, den er nun mit Salz rieb. Die Frau starb
zur selbigen Stunde. Ich fragte die Leute: "Habt ihr noch eine nötige
Verrichtung für mich?" Sie antworteten: "Nein", und so ging ich, nachdem
ich von ihrer Heilkunst gelernt hatte, was mir bis dahin unbekannt
geblieben war.""
Spätestes Datum für die Entstehung des russischen Igorliedes.
Ca.: In Wales lebt Sylvester Geraldus, der Verfasser des "Itinerarium
Cambriae".
Ca.: Engelhard von Langheim verfaßt für die Nonnen von Wechterswinkel
das Exempelbuch "Liber diversarum miraculorum".
1189 7. Mai: Barbarossa gewährt für die gräfliche Hamburger Neustadt
(gegründet von Adolf III. von Schauenburg für Schiffer und Kaufleute)
u.a. Zollfreiheit für Handel und Schiffahrt auf der Niederelbe und auf
See. Es scheint dafür keine Urkunde zu geben (siehe 1265).
Der Bischof von Mantua und der Abt von San Benedetto di Polirone machen
sich gegenseitig für abgeholzte Wälder, zerstörte Wiesen und die auf
einst unbebautem Land errichteten Bauernhäuser verantwortlich. Letztere
sollen gar wieder abgerissen werden, um wieder Bäume und Gras wachsen zu
lassen. Ein Dokument aus dem gleichen Jahr (oder die gleiche Quelle?)
beklagt, daß Zäune und Hecken verhindern, daß das Vieh sich frei in den
Wäldern und an den Wassergräben bewegen kann, um an deren Rändern zu
weiden, und daß es nicht mehr über öffentliche Straßen zur Weide
getrieben werden kann. Die freie Weide ist in Italien am Verschwinden.
3. September: Richard I. Löwenherz wird in Westminster gekrönt.
Sogleich kommt es in London und York zu einer lebhaften Verfolgung
der Juden, denen sein Vorgänger Heinrich II. Vergünstigungen gewährt
hatte. Richard bestraft die Aufrührer und gestattet einem Juden, der,
um sein Leben zu retten, konvertiert war, zu seinem Glauben
zurückzukehren.
Beginn des dritten Kreuzzuges (bis 1192).
Unter den Zeugen einer Kaiserurkunde taucht ein "Rubertus ioculator"
auf (ein Spielmann).
1190 10. Juni: Friedrich I. Barbarossa (68) ertrinkt auf dem Kreuzzug im
anatolischen Flusse Saleph.
Heinrich VI. (25) wird König.
Seit der Regierung Heinrichs VI. erscheint in der Königskanzlei die
Tagesbezeichnung nach Monatstagen (wie heute noch üblich). Die
häufigste Tagesbezeichnung des Mittelalters ist nach Fest- oder
Heiligentagen; in der Frühzeit kommen auich die römischen Bezeichnungen
(Kalenden, Nonen und Iden) vor.
4. Juli: Die englischen und französischen Kreuzfahrer brechen nach
zahlreichen Verschiebungen jetzt erst auf.
Gründung des Deutschen Ordens vor Akkon als Bruderschaft zur Krankenpflege.
Weil Graf Adolf III. von Schauenburg sich auf dem Kreuzzug befindet,
nutzen die Hamburger diese Gelegenheit, um sich von der gräflichen
Bevormundung zu befreien. Die bischöfliche Altstadt und die gräfliche
Neustadt wählen einen adligen Rat. Beide Ortsteile zusammen haben etwa
1000 - 1500 Einwohner.
Auf dem Kreuzzug stirbt der Minnesänger Friedrich von Hausen (siehe
1171). Sein Tod wird von mehreren Chronisten als wichtiges Ereignis
notiert und beklagt.
Nach dem Tode von Ludwig III. wird Hermann I. Landgraf von Thüringen
(bis 1217).
Ein Massaker an Juden in York hat vor allem die Beschlagnahme von
deren Eigentum zum Ziel.
Ca.: Beginn der Erweiterung der Mainzer Stadtmauer.
Ca.: Es verstirbt William Fitzstephen, der Autor einer Biographie Thomas
Beckets (enthaltend einen wertvollen Bericht über das frühe London). Aus
ihm schöpft noch 1598 John Stow: "The Citie of London (saith Fitzstephen)
hath in the East a verie great and most strong Palatine Tower, whose
turrets and walles doe rise from a deepe foundation, the morter therof
being tempered with the bloud of beasts...it hath beene the common opinion:
...that Iulius Caesar, the first conquerour of the Brytains, was the
originall Authour and founder...therof..." [Survey of London, Ed. Charles
Lethbridge Kingsford, 2 Bde., Oxford 1908, Repr. 1971, I. S. 44]
/1190: Hartmann von Aues "Erec".
Bis 1202: In Urkunden von Straßburg werden erstmals Rat (consilium) und
Ratsleute (consiliarii, rectores) erwähnt.
Bis 1217: Herbort von Fritzlar verfaßt im Auftrag von Landgraf Hermann
von Thüringen die Versdichtung "Liet von Troye" nach dem Vorbild des
"Roman de Troie".
1191 Neuer Papst wird Coelestin III. (bis 1198).
Es werden Tübinger Kaufleute erwähnt, woraus gefolgert wird, daß
Tübingen einen Markt hat.
Der Graf von Flandern erlaubt Gent die Eröffnung weltlicher Schulen.
In der Abtei von Glastonbury in Südwestengland werden mit großem
propagandistischem Aufwand die angeblichen Gebeine von König Arthur und
Gwenyver entdeckt, weil der König von England die walisische Legende von
der Wiederkehr Arthurs buchstäblich begraben möchte.
Heinrich VI. (26) wird zum Kaiser gekrönt.
12. Juli: Die Kreuzfahrer erobern Akkon. Die Engländer beleidigen
Herzog Leopold von Österreich, indem sie dessen Banner in den
Schmutz werfen. Dies wird noch Folgen haben.
1192 In Venedig führt der Doge Enrico Dandolo eine neue Münze ein, den
Groschen oder Matapan. Er wiegt etwas über zwei Gramm und kommt zwölf
alten Denaren im Wert gleich.
Die Steiermark fällt an Österreich (Babenberger).
9. Oktober: Richard Löwenherz verläßt Palästina, erleidet bei Aquileia
Schiffbruch und reist über Land weiter durch Kärnten und Österreich,
um unbemerkt ins Land seines Schwagers Heinrich von Sachsen zu gelangen.
11. Dezember: Richard wird in einem Gasthaus bei Wien erkannt und
zu Herzog Leopold geführt. Dieser beschuldigt ihn des Mordes an
Konrad von Montferrat und wirft ihn in den Kerker.
14. Dezember: Richard wird an Kaiser Heinrich IV. übergeben, der ihn
haßt und ihn ein Jahr lang auf dem Trifels gefangen hält.
1193 Ein weiteres Laterankonzil droht wieder einmal den Turnierteilnehmern
mit dem Bann.
Bis 1194: Eine Empörung Prinz Johns von England gegen seinen
abwesenden Bruder Richard Löwenherz gelingt nicht. Der tatsächliche
Herr von England ist in dieser Zeit Erzbischof Hubert Walter von
Canterbury. [Zu dieser Zeit spielen üblicherweise die Filme um Robin
Hood.]
1194 Leopold VI. der Glorreiche (27) wird Herzog von Österreich.
März: Gegen ein gewaltiges Lösegeld und nach Ableistung eines
Lehnseides kommt Richard Löwenherz aus der Gefangenschaft Kaiser
Heinrichs VI. frei.
Zurück in England, muß er zunächst seinen aufrührerischen Bruder John
unterwerfen.
Die Kathedrale von Chartres, dem bedeutendsten Marienheiligtum von
Frankreich brennt ab. Die Rettung der Marienreliquie wird bald als
Wunsch der Jungfrau nach einer neueren und schöneren Kirche interpretiert,
welche sogleich begonnen wird.
1195 Aufkommen der Schleifmühle.
Der Seekompaß wird in Europa bekannt.
Der deutsche Reichsadler (mit einem Kopf) ist nachweisbar.
Papst Coelestin III. bestimmt, daß der Wind der Kirche gehört und daß
deshalb der Müller der Kirche gegenüber steuerpflichtig sei. Daraus läßt
sich schließen, daß Windmühlen bereits eine gewisse Verbreitung erfahren
haben.
Es stirbt Heinrich der Löwe.
Ca.: Papst Innozenz III. korrigiert die Angabe des 89. Psalms, der
Mensch werde 70, wenn es hochkomme 80 Jahre: "Wenige erreichen jetzt
60, ganz wenige 70 Jahre."
1196 Papst Coelestin III. bannt Philipp von Schwaben.
Heidelberg wird urkundlich erwähnt.
In Utrecht werden Ratsherren (consules) erwähnt.
In Hildesheim wird ein Bürgermeister (magister civilis) erwähnt. [Im
12. Jh. ist auch für Köln ein magister civium bezeugt.]
"Im selben Jahre brach eine sehr bedeutende Fehde aus zwischen dem Bischof
Cunrad von Straßburg und dem [Pfalz]Grafen Otto, durch welche das ganze Elsaß
vier Jahre lang ohne Unterbrechung verwüstet wurde." [Marbacher Annalen]
Heinrich V. versucht, das Strandrecht abzuschaffen.
Gislebert von Mons' "Chronik des Hennegaus".
1197 28. September: Kaiser Heinrich VI. (32) stirbt.
"Nachdem man also den Tod des Kaisers erfahren, versöhnten sich der Bischof
von Straßburg und der Graf Albert von Dachsburg, welche früher Feinde waren,
und sowohl sie, wie auch Herzog Berthold von Zäringen und Luotold, der Bischof
von Basel, und viele Grafen machten eine Verschwörung gegen ihn und fingen an,
nicht nur ihn selbst und die Seinigen, sondern auch die Leute des Kaisers
anzugreifen und alles durch Brand und Plünderung zu verheeren. Unter dem vielen
Übel, das sie dem Grafen Otto zufügten, wurde auch seine Vogtei im Gregorienthale,
welche für uneinnehmbar galt und niemals von jemandem erobert worden, von ihnen mit
leichtester Mühe eingenommen. Und nachdem sie dort alles geplündert und zerstört
hatten, verübten sie in Colmar, Schlettstadt, Ehnheim, Rosheim und vielen anderen
Städten und Dörfern ihre Greueltaten. Auch die Leute und Besitzungen des Kaisers wurden
allenthalben und von allen geplündert, weil sie keinen Beschützer hatten. Denn als sein
Bruder Philipp, der Herzog von Schwaben, noch von ihm herbeigerufen, auf seiner Reise
nach Rom gekommen war und den Tod des Kaisers erfahren hatte, begab er sich auf
den Rückweg; aber nach einem falschen Gerücht gaben ihn einige für gefangen und geschunden,
andere für krank aus. In diesem Jahre erschien ein Komet. Im selben Jahre war auch eine so
gewaltige Hungersnot im Elsaß, daß an verschiedenen Orten, aus Feldern und in Dörfern
haufenweise Verhungerte gefunden wurden. Denn das Gemäß, welches man gewöhnlich
"Burevirteil" nennt, wurde um eine Mark Silber verkauft. In eben diesem Jahre
starb Papst Celestin, welchem Innocenz folgte." [Marbacher Annalen]
Dietrich der Bedrängte wird Markgraf von Meißen.
Die schwedische Abtei Soroë richtet eine Eisenmühle ein.
Beispiel für Dienstmannenhuldigung: Auf einem dem Johanniterorden
gehörenden Herrenhof bei Toulouse schwört ein Leibeigener auf die
Bibel, aufrecht und treu zu sein und nicht zu fliehen.
1198 Walther von der Vogelweide beginnt seine Wanderschaft als fahrender
Sänger.
Dem Herzog Berthold V. von Zähringen wird die Königswürde angeboten,
aber er lehnt ab, weil er vor den Kosten zurückschreckt und unterstützt
stattdessen die Bewerbung Philipps von Schwaben, was ihm dieser wiederum
reichlich lohnt. Er läßt sogar seine Neffen im Stich, die er als Geiseln
dafür gestellt hat, daß er sich zum König würde wählen lassen.
Juni: Der Graf von Poitou (bzw. Braunschweig) wird in Köln als Otto
IV. zum König gewählt und im Juli in Aachen gekrönt. Er ist Welfe und
wird von England unterstützt (wo er auch erzogen worden ist).
Erzbischof Adalbert III. von Salzburg vollendet den dortigen romanischen
Dom.
8. September: Herzog Philipp von Schwaben (Staufer) wird in Thüringen
zum Gegenkönig gewählt und später in Mainz gekrönt. Er hat Rückhalt
in Frankreich. Etwa um diese Zeit kommt Walther von der Vogelweide
an seinen Hof (bis 1201).
Unter Philipp von Schwaben tritt in Deutschland öfter der 25. März als
Jahresanfang auf. In der kaiserlichen Kanzlei ist der Jahresanfang
seit der Karolingerzeit normalerweise der 25. Dezember.
Es stirbt Ibn Roschd (Averroes).
Der Deutsche Orden wird zum Ritterorden.
Otto IV. (23) wird zum König gewählt.
Nach einer Belagerung wird Aachen an Otto IV. übergeben.
1199 Es stirbt der Troubadour Giraut de Bornelh (ca. 37). Aus einem seiner
Lieder: "Schande über den Ritter, der sich anschickt, um die Damen zu
werben, wenn er blökende Schafe mit den Händen greift und Kirchen und
Reisende ausplündert." [Ed. Ad. Kolsen, Nr. 65, V. 27 - 30]
Papst Innozenz III. führt den Brauch ein, in den Kirchen Sammelkästen
für Geldspenden zum Wohle des Heiligen Landes aufzustellen. Solche Kästen
ähneln einer großen Schatztruhe (eher einem Sarkophag als, wie man
vielleicht heute fälschlich meinen könnte, einer Spendenbüchse); ein
Exemplar aus Climping in Sussex ist erhalten.
"Zu eben dieser Zeit ereignete sich auch etwas Wunderbares und in unseren
Tagen ganz Unerhörtes zu Augsburg. Ein Weib behielt nämlich, anstatt zu
kommunizieren, den Leib des Herrn im Munde, überzog ihn hierauf mit Wachs
und bewahrte ihn bei sich im Hause, ich weiß nicht, was sie mit solchem
Verfahren bezwecken wollte. Später bereute sie es, ging zu einem
Ordensgeistlichen von gutem Rufe und bekannte ihm ihre Sünde. Dieser wollte
ihr keine Buße auferlegen, ehevor sie den Leib des Herrn zurückgebracht hätte,
welchen sie unerlaubter Weise zu Hause behalten. Sie ging also und brachte
den Leib des Herrn, mit Wachs überzogen wie er war, dem Priester. Derselbe
empfing ihn ehrfurchtsvoll, nachdem er noch viele andere Gläubige versammelt
hatte, öffnete das Wachs und fand den göttlichen Leib, das geheimnisvolle
Brot, in wirkliches Fleisch und Blut verwandelt. Auf diesen außerordentlichen
Vorfall hin strömt nicht nur aus den benachbarten Orten, sondern auch aus
entfernteren Gegenden eine sehr große Menge herbei und der Herr wirkt daselbst
sehr viele Wunder zur Ehre seines Namens. In diesem Jahre nahm Cunrad, der
Erzbischof von Mainz, nach großen jenseits des Meeres ausgestandenen Mühsalen
mit vielen anderen Pilgern zurückgekehrt, obgleich er wegen des Todes des
Kaisers nichts dort ausgerichtet, doch aus Verlangen nach der Wiederherstellung
des heiligen Grabes des Herrn aufs neue das Kreuz. In demselben Jahre
verbrannte vor Geburt des Herrn das Kloster Hohenburg." [Marbacher Annalen]
26. März: Richard Löwenherz fällt durch einen verirrten Pfeil aus der
Aufrührerburg Chalus im Limousin.
Sein Bruder Johann (der böse Prinz John etlicher Filme) wird sein
Nachfolger (bis 1216).

12. Jh. Aufkommen des Zahnhammers.
Im höfischen Leben wird der Met vom Wein abgelöst. Der Met entwickelt
sich nun zu einem Volksgetränk.
Mitte des 12. Jhs. wird in Spanien bereits Papier erzeugt, doch ist
eine Kontinuität nicht nachweisbar. [Freilich ist das maurische
Spanien damit gemeint!]
Erst im 12. und 13. Jh. wird es in allen Gesellschaftsschichten
üblich, Brot zu den Mahlzeiten zu essen (statt Mehlbrei).
Ende 12. Jh.: Entstehung des anonymen Epos "Mainet" (oder: Karlot) in
pikardischer Mundart.
Ende 12. Jh.: Entstehung des anonymen französischen Epos "Aspremont"
(Karlsepik mit Einflüssen aus der Artusepik).
Ende 12. Jh.: (?) Entstehung des pikardischen Epos "La Déstruction
de Rome" (Die Zerstörung Roms), zugeschrieben Louis Le Roi oder
Gautier von Douai (Karlsepik über die Eroberung Roms Anno 864).
Ebenfalls diesen beiden Autoren zugeschrieben wird das wohl etwa
gleichzeitige Epos "Fierabras" (Fierebrac), eine Fortsetzung davon.

1200 Ein Brand verwüstet Rouen. Auch die Kathedrale muß neu gebaut werden.
Eberhard II. aus dem Geschlecht der Freien von Regensberg (bei Zürich)
wird Erzbischof von Salzburg (bis 1246). Er verschafft der Saline
Hallein die führende Stellung im Südostalpenraum und gründet die drei
Eigenbistümer Chiemsee, Seckau und Lavant. Dieser bedeutendste
Salzburger Erzbischof des Hochmittelalters greift als letzter seines
Amtes in die europäische Geschichte ein.
Ca.: Der Marktplatz von Hannover wird (nach archäologischen Befunden)
mit kleinen Feldsteinen gepflastert. Es bildet sich dort im Laufe des
13. Jhs. eine 30 cm hohe Schmutzschicht, weil es noch keine
Straßenreinigung gibt.
Ca.: Hamburg erhält zwei Rathäuser (wohl je eins für Altstadt und
Neustadt).
Ca.: Wahrscheinlich bereits jetzt haben die Schwertschmiede von Köln ein
eigenes Kaufhaus.
Ca.: Erste Erwähnung des Hellers (Häller Pfennig nach der königlichen
Münzstätte Hall in Schwaben). Aus einer Mark Feinsilber werden 600 Heller
geprägt.
Ca.: Größte Wachstumsrate der europäischen Bevölkerung im Mittelalter,
besonders in Frankreich und England.
Ca.: Ungefähre Einwohnerzahlen Europas nach Le Goff: Gesamt 61 Mio.,
Frankreich 12 Mio., Deutschland 8 Mio., England 2,2 Mio., Florenz
(nach Villani) 10000.
Ca.: Die Schriften des Aristoteles werden im Abendland bekannt.
Ca.: Hartmann von Aues "Iwein".
Ca.: Es gibt bereits Hausunterricht im Sinne von Laienbildung.
Ca.: Ende der romanischen Kunstepoche.
Ca.: Entstehung des Nibelungenliedes, wahrscheinlich in Passau.
Ca.: Entstehung der zwei erhaltenen Fragmente der "Folie Tristan"
(Bern und Oxford).
Ca.: Die Slawen sind mittlerweile auf die Linie Schwerin, Ruppin,
Jüterbog, Dresden, Eger zurückgedrängt.
Ca.: Die Stadtmauern von Mainz (vor 37 Jahren zerstört) werden wieder
instandgesetzt.
Ca.: Erst jetzt hat die Hausratte (Rattus rattus) in nennenswertem
Umfang Mitteleuropa besiedelt.
Ca.: Bei Lüttich wird mit dem Abbau von Steinkohle im Tagebau
begonnen.
Ca.: Eine Miniatur in einem Manuskript aus Cambridge zeigt einen
neuen Webstuhl: einen Zwischentyp aus Vertikal- und Horizontal-
Webstuhl. Dieser hat bereits Pedale, seine Schäfte sind jedoch noch
waagerecht. Dieses Modell webt schneller und der Stoff wird dichter
und schöner.
Ca.: In den Jahrzehnten um 1200 hat sich vermutlich im Laufe etwa
einer Generation großräumig ein Töpferhandwerk im engeren Sinne
herausgebildet. Etwa gleichzeitig tritt in der Keramik eine neue
Technologie auf (bis um 1500 beibehalten) und die Zahl verschiedener
Gefäßformen - für spezielle Anwendungen - wächst. Vor allem beim
Trinkgeschirr geht man über die bloße Zweckmäßigkeit hinaus.
Ca.: Entstehung der Burg Lahr (bei Offenburg), ein frühes Beispiel
für eine Wasserburg mit Ecktürmen. (Deren Schwerpunkt liegt im 14.
und 15. Jh.)
Ca.: Münster erhält eine Stadtmauer.
Ca.: Ab jetzt etwa findet der Dolch Eingang in die ritterliche
Bewaffnung.
Ca., bis ca. 1350: In dieser Zeit ist in den meisten Diözesen
Deutschlands die Bedanische Indiktion zur Jahreszählung
gebräuchlich. (Erläuterung der Indiktion: siehe 832) Bei dieser
wechseln die Jahre zum zum 24. September.
Ca.: Ein Anonymus (alias "Magister P.", vielleicht Bischof Peter von
Györ?), der ehemalige Notar König Belas III. von Ungarn verfaßt die
"Gesta Hungarorum", die erste Geschichte der Ungarn.
Nach 1200 werden in Wien erste kleine Steingebäude errichtet.
Bis 1209: Wirnt von Grafenberg verfaßt "Wigalois oder der Ritter mit
dem Rad", einen Roman des Artuskreises.
Nach 1200: Auf Burgen treten neben Kaminen auch Öfen auf.
1201 17. November: Sonnenfinsternis.
Herzog Waldemar II. von Dänemark überfällt Hamburg und besetzt Stadt
und Umland (bis 1227). Graf Adolf III. von Schauenburg gerät in
dänische Gefangenschaft.
In die Grafenburg zu Lübeck wird eine dänische Besatzung gelegt (bis
1225).
In Lübeck werden Ratsherren (consules) erwähnt.
Gründung von Riga.
Chiarissimo de' Medici wird als Mitglied des Stadtrates von Florenz
erwähnt, womit erstmals ein Mitglied dieser Familie öffentlich genannt
wird.
Philipp von Schwaben wird erneut vom Papst gebannt.
1202 Vor 1202 stirbt der französische Troubadour Blondel de Nesle. Über sein
Leben ist nichts näheres bekannt und von seinen Liedern sind 24 erhalten.
Die Sage macht aus ihm den treuen Spielmann, der den gefangenen Richard
Löwenherz gefunden hat - aber dem ist nicht so!
März und April: Graf Hugo von St. Pol schafft auf seinem Grund drei
(vielleicht auch vier) städtische Kommunen, um auf diese Weise an Geld
für die Teilnahme am Vierten Kreuzzug zu kommen.
An einer Moschee in Damaskus wird eine Wasserkunstuhr mit Schlagwerk
angebracht.
Gründung des Schwertbrüderordens. Ihm können auch Kaufleute angehören.
Leonardo Fibonacci veröffentlicht das "Liber abaci" (Buch vom
Rechenbrett), die erste gründliche Darlegung der arabischen
Zahlzeichen, der Null und des Dezimalsystems.
1203 Neue Münze: Venedig gibt den Matapan heraus. Das alte Münzsystem,
verkörpert durch Monometallismus ("ganz aus Silber" - theoretisch!)
und Einheitlichkeit der Währung (nur der Denar), das der Zeit nicht
mehr entspricht (man muß säckeweise schlechte Denare mitschleppen),
wird langsam aufgeweicht (nicht nur in Florenz).
12. November: "Pelzurkunde" des Bischofs Wolfger von Passau: Walther
von der Vogelweide erhält für 5 solidi einen neuen Pelzrock. Bischof
Wolfger, der sich an seinem Bischofssitz auch einen eigenen joculator
hält, hat zahlreiche Rechnungen hinterlassen, in welchen Spielleute
beschenkt werden, wobei die namentlich genannten von ihnen meist
höhere Beträge erhalten. So hat einmal ein Messerwerfer das Doppelte
eines durchschnittlichen Gauklers bekommen. Auf einer Reise nach
Italien hat Wolfger etwa acht Mark für Spielleute ausgegeben, jedoch
nur drei Mark für Pilger, Arme und Alte. (Um 1200)
Leopold VII. von Österreich heiratet Theodora Komnena.
1204 Bischof Wolfger von Passau beschenkt in in Italien mehrere "cantatrici"
(Sängerinnen).
Es stirbt der jüdische Philosoph Moses Maimonides (69).
Papst Innozenz III. dekretiert in der Bulle "Per venerabilem"
bezüglich des französischen Königs: "Der König ist in seinem Reich
Kaiser."
Philipp August von Frankreich erobert die Normandie.
1205 Ca.: Das Nibelungenlied erhält seine endgültige Gestalt.
Ca.: In der Gegend von Mâcon sind die Ritter in eine Krise geraten;
sie können sich nur noch Geld leihen, wenn sie einen Teil ihrer
Ländereien verpfänden.
1206 Heinrich von Lettland berichtet, daß in diesem Jahr zwei mit Korn
beladene Koggen die neue Stadt Riga vor einer Hungersnot gerettet
haben.
Der Ort Drezdany am linken Ufer der Elbe wird urkundlich als Dresden
erwähnt.
Nach 1206: Konrad von Eberbach vollendet sein "Magnum Exordium" (Exordium
magnum Cisterciense sive narratio de initio Cistercienis ordinis
auctore Conrado monacho Claravallensi postea Eberbacensi), ein
Exempelbuch.
1207 Sagenhafter Sängerkrieg auf der Wartburg.
Der Erzbischof von Bremen dringt mit einem Heer ins Gebiet der
Stedinger ein, um höhere Abgaben zu erzwingen. Viel Erfolg scheint
er dabei nicht gehabt zu haben.
1208 21. Juni: Philipp von Schwaben wird aus persönlichen Gründen von
Pfalzgraf Otto von Wittelsbach in Bamberg ermordet.
In Wien gibt es eine flämische Kolonie; Herzog Leopold VI. von
Österreich gewährt ihnen Privilegien.
1209 London erhält eine steinerne Brücke.
Konzil von Avignon: Die Bischöfe werden angewiesen, sogenannte
Synodalzeugen einzusetzen (meist Autoritätspersonen der niederen
weltlichen Gerichtsbarkeit), die in den Gemeinden gezielt nach Erzketzern
und deren Aktivitäten suchen und solche dem Bischof melden sollen.
Tod des Spielmanns (Menestrel) Jean Bodel aus Arras (geb. 1165), der
etliche inzwischen verlorengegangene Epen bearbeitet haben muß,
besonders das Sachsenlied (Chanson des Saxons).
Otto IV. (34) wird nochmals zum König gewählt. In diesem Jahr erhält er
auch die Kaiserkrone (bis 1218).
Gründung des Franziskanerordens.
Bis 1348: Aus dem Ort Taunton in der englischen Grafschaft Somerset
ergeben erhaltene Aufzeichnungen ein jährliches Bevölkerungswachstum
von 0,85%. (Vgl. 1377)
1210 Die Kathedrale von Reims brennt ab.
Ca.: Otto IV. verleiht Reutlingen die ersten städtischen Rechte.
Ca.: Wolfram von Eschenbachs "Parzival".
Ca.: Gottfried von Straßburgs "Tristan" (erstes Jahrzehnt 13. Jh.).
Über den Autor ist praktisch nichts bekannt. Der Versroman ist durch
11 Handschriften und 16 Fragmente überliefert (meist alemannisch).
Bis 1220: Thomasin von Zerklaere (Zerclaire) verfaßt "Der welsche Gast",
die erste umfassende Hoflehre in deutscher Sprache. Danach gilt es u.a. an
deutschen Höfen als vornehm, seine Rede mit französischen Wörtern zu
schmücken. Den adligen Frauen wird größte Zurückhaltung auferlegt:
"ein vrouwe sol ze deheiner zit / treten weder vast noch wît" (Eine
Dame soll beim Gehen niemals zu stark auftreten oder zu große Schritte
machen.) [417 - 418]; "ein vrouwe sol recken niht ir hant, / swenn si
rît, vür ir gewant; / si sol ir ougen und ir houbet / stille haben"
(Eine Dame soll beim Reiten nicht ihre Hand aus dem Gewand herausstrecken,
sie soll Augen und Kopf stillhalten.) [437 - 440]; "ein vrouwe sol niht
vast an sehen / einn vrömeden man" (Eine Dame soll einen fremden Mann
nicht direkt ansehen.) [400 - 401]; "zuht wert den vrouwen alln gemein /
sitzen mit bein über bein" (Der Anstand verbietet es allen Damen, beim
Sitzen ein Bein über das andere zu schlagen.) [411 - 412].
1211 Der Erzbischof von Trier schenkt den Hemmeroder Mönchen zu ihren
Klosterbauten die "unnützen" Mauern des dortigen Amphitheaters als
Steinbruch.
Als Begleitung der vierjährigen Elisabeth, spätere Landgräfin von
Thüringen auf dem Weg zur Wartburg, erscheint eine gewisse Alheit,
einmal als "jongleresse" und einmal als "Fidlerin" beschrieben, die
von König Andreas von Ungarn eigens dazu erkoren worden ist, das
Mädchen aufzumuntern und ihm das Heimweh zu nehmen.
In Reims wird mit dem Bau einer neuen Kathedrale begonnen.
1212 Walther von der Vogelweide ist im Dienst von Markgraf Dietrich von
Meißen. Von diesem Jahr bis 1213 befindet er sich auch am Hofe von
Otto IV.
In Polen wird die erste Walkmühle erwähnt.
Mai: In Saint-Denis, wo König Philipp von Frankreich Hof hält
erscheint ein etwa zwölfjähriger Hirtenknabe namens Stephan (aus
Cloyes im Orléannais) und überbringt einen Brief für den König, der
angeblich ihm von Christus persönlich übergeben worden sei, welcher
ihm erschienen sei und ihn geheißen habe, den Kreuzzug zu predigen.
Philipp schickte ihn zwar wieder nach Hause, doch beginnt besagter
Stephan nun vor dem Portal der Abtei von Saint-Denis zu predigen und
verkündet, daß er einen Zug von Kindern zur Rettung der Christenheit
anführen werde. Das Meer würde vor ihnen austrocknen und sie würden
wie einst Moses ins heilige Land ziehen. Er erhält Zulauf von
allerlei Kindern und zieht im Lande herum.
Ende Juni: Zu Vendôme versammeln sich mehrere tausend Kinder, um
sich Stephan, dem "minderen Propheten" (wie er damals genannt wurde)
anzuschließen, darunter auch Mädchen und mehrere junge Priester
nebst einigen älteren Pilgern. Viele müssen außerhalb der Stadt
lagern. Ihr Zeichen ist ein Abbild der Oriflamme (Lilienbanner).
Von dort ziehen sie nach Marseille, meist zu Fuß, ihr Anführer
Stephan in einem geschmückten Karren mit Baldachin. Er wird wie ein
Heiliger behandelt und Locken seines Haares und Stücke seiner
Kleidung werden wie Reliquien gesammelt. Sie ziehen über Tours und
Lyon. Der Sommer ist ungewöhnlich heiß, Dürre macht die Verpflegung
schwierig, da sie auf milde Gaben angewiesen sind. Viele sterben
unterwegs, andere kehren um. Schließlich erreichen sie Marseille.
Dort finden sie in Häusern Unterkunft, andere auf der Straße. Am
nächsten Morgen ziehen sie zum Hafen, um zu sehen, wie sich das Meer
vor ihnen teilen soll. Als dies nicht geschieht, kehren einige um.
Sie warten einige Tage, bis zwei Marseiller Kaufleute, genannt Hugo
der Eiserne und Wilhelm das Schwein sich anbieten, ihnen Schiffe zur
Verfügung zu stellen und sie kostenlos "zum Ruhm Gottes" nach
Palästina zu verschiffen. Stephan nimmt dieses Angebot eilfertig an.
Es werden sieben Schiffe gemietet und die Kinder stechen in See.
Erst 18 Jahre später hört man wieder etwas von ihnen. (Siehe 1230)
Unterdessen hat sich auch in Deutschland ein Kinderkreuzzug
gesammelt. Im Rheinland prdigt ein Knabe namens Nikolaus das gleiche,
will jedoch die Ungläubigen nicht bekämpfen, sondern bekehren. Die
deutschen Kinder sind offenbar etwas älter als die französischen und
es sollen sich auch mehr Mädchen darunter befunden haben. Runciman:
"Es hatten sich auch eine größere Gruppe von Knaben aus Adelsfamilien
sowie eine Anzahl verrufener Landstreicher und käuflicher Weiber zu
ihnen gesellt." (Kreuzz. 919)
Sie teilen sich in zwei Gruppen. Die erste unter Nikolaus selbst,
die 20000 gezählt haben soll, zieht über Basel und Genf und
überquert beim Mont-Cenis-Paß die Alpen nach Genua. Die zweite Gruppe
zieht über den St. Gotthard nach Ancona.
August: Die erste Gruppe des deutschen Kinderkreuzzuges erreicht
Genua, wo sie für eine Nacht um Unterkunft bitten. Von denen, die
aufgebrochen sind, ist weniger als ein Drittel übrig. Die Genueser
sind ihnen zunächst geneigt, argwöhnen dann aber eine deutsche
Verschwörung. Sie erlauben ihren Aufenthalt für eine Nacht, aber
alle, die wünschten, sich dauernd in Genua niederzulassen, werden
aufgefordert, dies zu tun. Als das Meer sich am nächsten Morgen
weigert, auszutrocknen, werden viele tatsächlich Bürger von Genua.
Mehrere große Familien Genuas behaupten später, von ihnen
abzustammen. Nikolaus zieht mit der Mehrzahl weiter nach Pisa.
Dort nehmen zwei Schiffe, die nach Palästina unterwegs sind, einige
von ihnen mit, doch ist deren weiterer Verbleib nicht bekannt.
Nikolaus, der immer noch an ein Wunder glaubt, zieht mit dem Rest
nach Rom, wo sie vom Papst empfangen werden. Dieser erklärt ihnen,
daß sie jetzt heimkehren müßten und daß sie, sobald sie erwachsen
seinen, ihr Gelübde erfüllen könnten.
Über ihre Rückreise ist wenig bekannt. Viele, vor allem die Mädchen,
bleiben in Italien zurück.
Die zweite Gruppe ist inzwischen über Ancona, wo das Meer auch nicht
hat austrocknen wollen, nach Brindisi gezogen. Einige finden dort
Schiffe nach Palästina, die übrigen kehren um.

"Kaiser Otto kehrte aus Apulien und Italien in die deutschen Länder
zurück und hielt zu Frankfurt einen Hoftag. Und um die Erntezeit machte
er mit gesammeltem Heere einen Feldzug nach Thüringen wider seinen Gegner,
den Landgrafen Hermann. Daselbst eroberte und zerstörte er auch zwei
ziemlich feste Burgen, nämlich Rotenberch und Salzungen. Und von da zog
er weiter und belagerte Weißensee, welches er bis auf die Burg gleichfalls
einnahm. Daselbst kam zum ersten Male das Kriegsinstrument, welches man
gewöhnlich "Tribock" nennt, in Gebrauch.

Zur selben Zeit wurde eine alberne Heerfahrt unternommen von Kindern und
Unbesonnenen, welche ohne einige Überlegung das Kreuz nahmen, mehr aus
Neugierde als ihres Heiles wegen. Es zogen aber Kinder beiderlei Geschlechtes,
Knaben und Mädchen, nicht nur Kleinere, sondern auch Erwachsene, Verheiratete
und Jungfrauen mit leerem Geldsack nicht nur durch ganz Deutschland, sondern
auch durch Teile von Gallien und Burgund. Und von Eltern und Freunden ließen
sie sich in keiner Weise abhalten, mit allem Eifer diese Heerfahrt zu machen,
so zwar, daß sie hier und da in Dörfern und auf dem Felde mit Zurücklassung ihres
Arbeitsgerätes und dessen, was sie gerade unter Händen hatten, den Vorüberziehenden
sich anschlossen. Und wie wir so Ungewöhnlichem oft gerne unser Zutrauen schenken,
so meinten viele, dies geschähe nicht aus Leichtsinn, sondern auf göttliche
Eingebung und aus einer gewissen Frömmigkeit, weshalb sie ihnen auch auf eigene
Kosten Lebensmittel und was sie nötig hatten, darreichten. Den Geistlichen aber
und anderen vernünftigeren Sinnes, welche widersprachen und diesen Zug für eitel
und unnütz erklärten, leisteten die Laien heftigen Widerstand, indem sie
behaupteten, die Geistlichen wären ungläubig und widersetzten sich diesem Unternehmen
mehr aus Neid und Geiz als um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen. Da aber kein
Unternehmen, welches unvernünftiger und unüberlegter Weise begonnen wird, einen
guten Ausgang hat, so verbreitete und zerstreute sich diese törichte Menge, in
Italien angekommen, in größere und kleinere Städte und wurden viele derselben
von den Bewohnern des Landes als Knechte und Mägde zurückbehalten. Andere sollen
ans Meer gekommen sein, wo sie von den Schiffern und Seeleuten getäuscht und nach
entlegenen Weltgegenden übergefahren wurden. Die Übrigen gelangten nach Rom, und
als sie sahen, daß sie keinen Erfolg hätten, weil sie ohne alle Vollmacht waren,
erkannten sie endlich ihre Bemühungen als albern und vergeblich, wurden aber vom
Kreuzgelübde durchaus nicht losgesprochen mit Ausnahme der Knaben, welche die
Jahre der Einsicht noch nicht erreicht, und jener, welche das Alter niederbeugte.
So traten sie also getäuscht und beschämt den Rückweg an und diejenigen, welche
vorher geschart und in Streithaufen und immer unter Absingung des Celeuma das Land
zu durchziehen pflegten, kehrten jetzt einzeln und im stillen, barfuß und
hungernd zurück und wurden allen zum Gelächter, weil sehr viele Jungfrauen geraubt
waren und die Blüte ihrer Jungfrauschaft verloren hatten." [Marbacher Chronik]
"Ungefähr drei Jahre vor diesem Concil wurden auf Anordnung Gottes, welcher der
wahre Weingärtner ist, einige unfruchtbare Reben von der Kirche Gottes weggenommen
und die listigen Füchse, welche den Weinberg des Herrn verwüsten, aus ihren Höhlen
gezogen; es wurden nämlich zu Straßburg die Ketzer ergriffen, welche insgeheim die
Getreuen der Kirche durch verkehrte Lehren verführten. Als sie aber vorgeführt
wurden und ihre Ketzerei leugneten, wurden sie nach angestellter Probe des
glühenden Eisens verwahrt, ihre Zahl aber betrug achtzig und darüber von beiden
Geschlechtern. Wenige von ihnen erschienen unschuldig, alle Übrigen wurden vor
der Kirche überführt, da ihre Hände verbrannt waren, verurteilt und gingen im Feuer
zu Grunde." [Marbacher Annalen]
1213 Die Stedinger erleiden eine erste Niederlage gegen die Grafen von
Hoya. Dies nutzt der vertriebene Erzbischof Gerhard von Bremen, um
beim heutigen Delmenhorst die Zwingburg Schlütterberg zu errichten,
womit er den südöstlichen Zugang zum Stedingerland kontrolliert.
Frühjahr: Wenige Versprengte des deutschen Kinderkreuzzuges kehren
in ihre Heimat zurück. Nikolaus ist wahrscheinlich nicht unter ihnen.
Die zornigen Eltern, deren Kinder umgekommen sind, bestehen auf der
Verhaftung seines Vaters, der ihn offenbar aus Ruhmsucht ermuntert
hatte. Er wird ergriffen und gehängt.
Es stirbt die später seliggesprochene Maria von Oignies. Bei ihr
taucht erstmals der Phänomen der Stigmatisation auf, die Manifestation
der meist blutenden Wundmale Christi am Körper. In diesem ersten Fall
handelt es sich um gezielte Selbstverletzungen. Solch erzwungene
"Imitatio Christi" ward nie vor dem Hochmittelalter gesucht. (Vgl. 1222).
Albigenserkriege: Simon von Montfort besiegt bei Muret Raimund VI.
von Toulouse und dessen Schwager Peter II. von Aragon.
Der Papst, einen neuen Kreuzzug im Schilde führend, schickt seinen
Legaten Robert von Courçon durch Frankreich mit dem Auftrag, die
Eignung aller jener, die das Kreuz nehmen wollten, nicht allzu
sorgfältig zu prüfen. Bald beklagen sich französische Barone, daß
ihre Lehnsleute von den Predigern des Legaten von ihren Lehnseiden
entbunden würden und daß eine haarsträubende Heerschar von alten
Männern und Kindern, Aussätzigen, Krüppeln und übelbeleumdeten
Weibern zusammengetrommelt worden sei, um den heiligen Krieg zu
führen. Der Papst muß Robert zügeln.
Friedrich II. verzichtet auf die Mitwirkung bei Bischofswahlen und
bei der Entscheidung über zwiespältige Wahlen.
In einer Adelsverschwörung in Ungarn wird Königin Gertrud von
Andechs-Meranien (Mutter der Hl. Elisabeth von Thüringen) ermordet.
1214 In einer Urkunde wird München erstmals als Stadt bezeichnet.
Das zweite Straßburger Stadtrecht gestattet nur den männlichen
Spielleuten das Aufspielen bei Hochzeiten.
Im Streit zwischen Bischof und Bürgern von Straßburg wird angeordnet, daß
niemand dort einen Rat (consilium) einrichten dürfe oder irgendein
weltliches Gericht haben dürfe außer mit Zustimmung des Bischofs.
In der Schlacht von Bouvines wird Otto IV., im Bunde mit dem König
von England und zahlreichen Fürsten, von den Franzosen besiegt. Otto
hat hier auch Söldner eingesetzt. Söldner werden in diesen Jahrzehnten
allgemein als Brabanzonen bezeichnet. Sie werden bald gesellschaftlich
integriert, ihre Anführer werden zu Vasallen ihrer Auftraggeber.
Im Reich gewinnen die Staufer wieder die Oberhand.
Friedrich II. tritt das deutsche Gebiet nördlich der Elbe an das mit
ihm gegen die Welfen verbündete Dänemark ab. Hamburg erhält einen
dänischen Statthalter.
1215 In Aachen wird ein eigenes Gerichtshaus erwähnt.
4. Laterankonzil: Einführung der bischöflichen Inquisition.
Den Geistlichen wird verboten, bei Feuer- oder Wasserproben
mitzuwirken sowie ärztliche Tätigkeit. Jeder Christ muß einmal jährlich
die Ohrenbeichte ablegen. Die Bußpraxis wird institutionalisiert.
Es wird verboten, Reliquien außerhalb der Schreine zu zeigen (vergeblich).
Die Ehe wird als Sakrament bestätigt (vgl. 1140).
Die Ehe bei Blutsverwandtschaft bis zum vierten Grad der Seitenlinie,
bei Verschwägerung und bei geistlicher Verwandtschaft wird verboten.
Das Verbot von Turnieren wird auf die drei Jahre Vorbereitungszeit
vor einem Kreuzzug beschränkt. (Dies ist wohl speziell auf den kommenden
Kreuzzug gemünzt.) Der Kreuzzug soll sich auch gegen gewisse Horden von
Söldnern richten.
Ämterverbot und Kleiderordnung für Juden. Juden und Sarazenen müssen
sich durch ihre Kleidung von den Christen unterscheiden.
Es werden auch die Zustände in den Klöstern angeprangert: Nächtliche
Gelage, Vergnügungen und Spiele sowie die Begeisterung für die
Darbietungen der mimi, histriones und joculatori (Spielleute etc.)
würden die Geistlichen von ihren Tagespflichten abhalten. Es wird
ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Mönche nicht saufen, fressen und
dabei noch Lieder und Geschichten von Fahrenden anhören sollen.
Die Kompetenz der Bischöfe bei der Ablaßgewährung wird eingeschränkt.
Johann I. von England muß in Runnymede bei Windsor die "Magna Charta
libertatum" gewähren: Der König wird an das "alte Recht" gebunden und
muß die Rechte der Barone verbriefen (feudales Widerstandsrecht).
König Johann ohne Land (der böse King John der Robin Hood-Filme)
wird auch gezwungen, sein Söldnerheer ("milites stipendiarios") zu
entlassen.
Sie wird die "Bibel der Verfassung". Der Papst wettert dagegen, weil
England dadurch jener ausländischen und feudalen Gewalt entzogen wird,
die das Papsttum verewigen will.
Ca.: Der Stricker verfaßt auf der Grundlage von Konrads Rolandslied
den "Karl", wobei Karl der Große als Kaiser des Römischen Reiches
gesehen wird, welcher den Deutschen das Recht überträgt, künftig aus
ihren Reihen in Aachen den neuen Kaiser zu wählen.
Ca.: Rudolf von Ems verfaßt den "Guten Gerhard", wo erstmals ein
Kaufmann im Mittelpunkt einer Dichtung steht.
Ein Bürger von Arras baut sich als einer der ersten weltlichen
Städter ein Haus aus Stein. Der Abt von Saint-Vaast hetzt die
Bevölkerung gegen diesen Frevler auf und das Haus wird in Brand
gesteckt.
In Ägypten befinden sich in diesem Jahr nicht weniger als 3000
europäische Kaufleute. Als zwei solche Handelsherren plötzlich mit
einer Schar Bewaffneter in Alexandria eintreffen, geraten die
Behörden in Schreck und lassen die gesamte europäische Kolonie
vorübergehend in Haft nehmen.
1216 Dresden ist als Stadt bezeugt.
Dominikus von Caleruega (Domingo de Guzmán) gründet den Orden der
Dominikaner. Seine Hauptaufgabe ist die Wanderpredigt und das Vorgehen
gegen die Ketzer (zunächst gegen die Katharer und ursprünglich nur mit
der Macht des Wortes).
Köln erhält einen Rat.
Hamburg, bisher in Altstadt und Neustadt getrennt (und immer noch
unter dänischer Besatzung) hat nun nur noch einen Rat, ein Rathaus
und ein Gericht mit eigener Rechtsprechung.
Es wird überall der 5. Kreuzzug gepredigt. Der Papst hat bereits
festgestellt, daß die 666 Jahre, die in der Offenbarung des Johannes
dem Antichristen zugewiesen seien, nahezu vorüber wären - damit
meint er die Zeit seit der Geburt Mohammeds. Er hat auch schon an
Sultan el-Adil geschrieben, ihn vor dem heraufkommenden "Zorn
Gottes" gewarnt und ihn dringlichst aufgefordert, Jerusalem friedlich
abzutreten, solange noch Zeit sei. Seine Zuversicht ist voreilg,
denn obwohl das ärmere Volk begeisterungsfähig ist, bleibt der
Adel wenig motiviert, besonders die Herzöge von Burgund und
Lothringen.
16. Juli: In Perugia stirbt Papst Innozenz III.
18. Juli: Kardinal Savelli wird als Honorius III. zum Papst gewählt.
Todesursachen: König Johann I. Ohneland von England [der Bösewicht der
Robin-Hood-Filme] stirbt auf Burg Newark, wie es heißt, am
übermäßigen Genuß von Pfirsischen und jungem Apfelwein.
Für etwa 25 Jahre herrscht in der päpstlichen Kanzlei als Jahresanfang
der 25. Dezember vor.
1217 Es stirbt Landgraf Hermann I. von Thüringen, welcher den Wolfram von
Eschenbach beauftragt hat, den "Willehalm" zu verfassen, der demnach
ungefähr zu dieser Zeit entstanden sein muß. Vorbild ist das
französische Epos "Aliscans". Der Willehalm wird einer der
beliebtesten Romane des deutschen Mittelalters. Er ist von religiöser
Toleranz geprägt.
Walther von der Vogelweide wechselt zur Partei Friedrichs II.
Der fünfte Kreuzzug beginnt.
König Philipp August von Frankreich gestattet dem Kathedralkapitel
von Le Mans (das vor 13 Jahren an die französische Krone gefallen
ist), die Stadtmauer an einer Stelle abzureißen, um an dieser Stelle
einen umfangreichen neuen Chor für die Kathedrale zu errichten. Es
sind wegen abfallendem Gelände dort zunächst aufwendige
Fundamentierungsarbeiten nötig. (Der Chor wird in 37 Jahren fertig
sein.)
Ca.: Die Burg von Lübeck wird in die neue Stadtmauer miteinbezogen, was
sie jedoch nicht vor der Zerstörung durch die Lübecker neun Jahre später
schützen wird.
1218 In Würzburg ist als "Thol" des Dietrichspitals eine unterirdische
steinerne Wasserleitung bezeugt - eine große Ausnahme. (Erneut
bezeugt 1225/1226)
Es wird in Paris, insbesondere für die Studenten an der Sorbonne ein
Edikt erlassen, welches ausdrücklich Meuchelmord, Straßenraub,
Einbruch in Häuser, Ehebruch und die Entführung und Schändung von
Jungfrauen verbietet.
Otto IV. (43) stirbt. König wird Friedrich II. (24).
Aussterben der Zähringer.
Unter Friedrich II. tritt häufiger als Jahresanfang der 25. März auf,
in diesem Jahr sogar nach Pisaner Gebrauch. (In Pisa beginnt das Jahr
am 25. März vor unserer Zählung!)
Der König entscheidet im Streit zwischen Bischof und Bürgern von Basel
(auf Vorschlag des Erzbischofs von Trier und mit Zustimmung der übrigen
Fürsten), daß er in Basel ohne Zustimmung des dortigen Bischofs einen
Rat weder gewähren noch einrichten könne.
1219 Der Jadebusen bricht ein.
In Mainz werden Ratsherren (consiliarii) erwähnt.
Papst Honorius III. verbietet der Pariser Universität den Unterricht
im zivilen (d.h. römischen) Recht (vermutlich auf Betreiben des
französischen Königs, dem die Lehre des kaiserlichen Rechts in seinem
Lande nicht recht ist).
Franz von Assisi besucht Akkon und gründet dort ein Franziskanerkloster,
das vor allem asiatische Sprachen lehrt und zu einem Seminar für die
Ausbildung von Missionaren und Predigern von ganz Asien wird.
Bis 1223: Caesarius von Heisterbach verfaßt den "Dialogus miraculorum",
eine Kompilation von Mirakeln, Exempeln und Erzählungen in zwölf
Distinctiones mit insgesamt 746 Kapiteln.
1220 Nach einem Reichsgesetz verfällt derjenige, welcher länger als sechs
Wochen im Kirchenbann steht, zusätzlich der Reichsacht, die nicht
früher als der Kirchenbann aufgehoben werden kann. Wer mit einem
Geächteten weiter verkehrt, verfällt selber der Acht.
Friedrich II. versucht, das Strandrecht abzuschaffen.
5. August: Gelnhausen erhält einen ersten Markt, indem der Köbeler
Markt (von Marköbel alias Kebela) dorthin verlegt wird. Er heißt noch
eine Weile Köbeler Markt, später Michaelismarkt.
Dortmund wird freie Reichsstadt.
In Zürich werden Ratsherren (consiliarii) erwähnt.
Baubeginn der neuen (gotischen) Kathedrale von Amiens, nachdem die alte
Kathedrale (1152 geweiht) abgebrannt ist. Der erste Baumeister ist Robert
de Luzarches. Sein Werk wird größer als die Kathedralen von Chartres und
Reims, weil er deren enorme Pfeilermassen nicht imitiert. Bis 1288 wird
der Bau zügig realisiert, obwohl beim Baubeginn nicht die volle Baufläche
zur Verfügung steht: Am Platz der alten Kathedrale befindet sich nur das
neue Langhaus, während im Bereich des künftigen Chores noch die Stadtmauer
verläuft und am Ort des Nordquerarms sich die Kirche St. Firmin befindet.
Im Westen steht noch das Johannes-Hospital. Der Bau beginnt sozusagen in
der Mitte der Kirche.
Friedrich II. (26) trägt anläßlich seiner Krönung zum Kaiser (November)
das zu den Reichsinsignien gehörende Zeremonialschwert. Griff und
Scheide sind sizilianisch-sarazenische Arbeit.
Spätestens jetzt stirbt Wolfram von Eschenbach.
Ca.: Stuttgart erhält Stadtrechte.
Ca.: Reutlingen erhält Stadtrechte. Bis 1240 wird eine Stadtmauer
errichtet.
Ca.: Um Aachen entsteht das anonyme Epos "Karl und Galie" über die
sagenhafte Jugend Karls des Großen. (Später erster Teil des
"Karlmeinet")
Ca.: Snorri Sturluson verfaßt die Snorra-Edda.
Ca.: In Mainz tragen betuchte Frauen beim Kirchgang gern eine lange
Schleppe am Kleid, obwohl die Kirche gegen diesen "Pfauenschweif"
eifert, "dies sei der Tanzplatz der Teufelchen und Gott würde, falls
die Frauen solcher Schwänze bedurft hätten, sie wohl mit etwas der Art
versehen haben".
Ca.: Nach John of Garland gehören in England Spiegel bereits zum gängigen
Handelsgut: William, our neighbor, has in the market these things before
him to be sold: needles and needlecases, cleansing material or soap, mirrors,
razors, whetstones, fusils or fire-striking irons, and spindles."
[Holmes 1952, p 143]
Bis 1230 oder 1250: In dieser Zeit entsteht die Sammlung "Carmina
burana" (benannt nach dem Kloster Benediktbeuren, in dessen Besitz
sich der Codex von irgendwann bis 1803 befinden wird). Es handelt
sich wahrscheinlich um eine Auftragsarbeit, wohl aus der Steiermark,
vielleicht vom Hofe des Bischofs von Seckau. Die Handschrift ist in
frühgotischer Minuskel geschrieben und mit Miniaturen verziert. Der
Inhalt ist in einzigarigtiger Weise (für Sammelhandschriften)
planvoll angelegt: Moralisch-satirische Dichtungen, Liebeslieder,
Trink- und Spielerlieder sowie geistliche Spiele. Möglicherweise gab
es noch eine Abteilung mit geistlicher Dichtung, aber die Sammlung
enthält Lücken. Es wird unbefangen mit den heidnischen Gestalten der
antiken Mythologie umgegangen und der ganze Sinn der Dichtungen ist
aufs Diesseits gerichtet, was einer gewohnten Vorstellung über diese
Zeit widerspricht. (Insbesondere aus der Interpretation der Baukunst
nährt sich die Vorstellung, die Menschen des Mittelalters seien
völlig aufs Jenseits ausgerichtet und in beständiger Angst um ihr
Seelenheil gewesen. Dies ist ein Faktor, der nicht einseitig
verallgemeinert werden sollte.)
1221 Erste Erwähnung der herzoglichen Tuchhalle zu Brüssel.
/1230: In dieser Zeit findet sich der erste Nachweis für Androhung und
Anwendung körperlicher Zwangsmaßnahmen (Folter), und zwar in
österreichischen Stadtrechtsquellen. Dieses Recht der Wiener Neustadt,
das von gelehrten Vorstellungen beeinflußt worden ist, gilt vielfach als
ältester Hinweis für das selbständige Entstehen der Folter im Reich. Es
steht jedoch nicht zweifelsfrei fest, daß es wirklich bereits in dieser
Zeit entstanden ist.
1222 Beispiel für "Schutz" des Handels: Zwei Kaufleute aus Lille an der
Spitze eines Tuchtransports aus Lille, Ypern, Beauvais und Brügge
werden am Monte Surdoi bei Como ausgeraubt. Der Magistrat von Como
entschädigt sie mit 95 kaiserlichen Pfund.
In Frankfurt ist eine Holzbrücke über den Main bezeugt.
In England wird ein Stigmatisierter (jemand, der die Wundmale Christi
trägt - vgl. 1213) als Betrüger hingerichtet.
Der fünfte Kreuzzug (nach westlicher Auffassung) endet ohne Erfolg.
Nach anfänglichem Reliquiensammeln in Palästina hat man planlos in
Ägypten operiert und muß sich am Ende zurückziehen. [Nach deutscher
Auffassung findet der fünfte Kreuzzug 1228 bis 1229 statt.]
Es stirbt der Dichter Heinrich von Morungen.
In einer "Goldenen Bulle" erhält der ungarische Adel (ähnlich wie in der
englischen Magna Charta) das Recht zum bewaffneten Widerstand gegen einen
willkürlich regierenden Herrscher "ohne sich des Treuebruchs schuldig zu
machen". Später werden sich Aufstände gegen die Habsburger darauf
berufen.
Bis 1310: In Köln und seinen Suffraganen wird der Jahresanfang nun
nach dem Osterstil bestimmt: Das Jahr beginnt hier nicht mehr wie zuvor
am 25. Dezember, sondern am Karsamstag.
"Vom Lande der Perser überschritt ein sehr großes und starkes Heer die
Grenzen und bahnte sich den Weg durch die nächstgelegenen Länder. Es sollen
Männer gewesen sein von großer Körperlänge und schrecklichem Aussehen, was
wir aber nicht glauben. Warum sie übrigens ausgewandert sind, oder was sie
getan haben, wissen wir nicht. Indessen kehrten sie bald nach Hause zurück.
Einige sagten, sie hätten gen Köln ziehen und die aus ihrem Volke stammenden
drei Magier sich holen wollen. Nur das eine wissen wir, daß das Volk der
Juden über dieses Gerücht eine große Freude bezeigte und sich lebhaft
beglückwünschte, indem sie sich davon, ich weiß nicht, was bezüglich einer
bevorstehenden Befreiung versprachen, weshalb sie auch den Anführer jener
Menge den Sohn Davids nannten." [Marbacher Annalen]
1223 Papst Honorius III. bestätigt den Orden der Franziskaner (Minoriten).
Der "Liber plegiorum" in Venedig ist seit diesem Jahr aus Papier.
"Unter dem Vieh und den Zugtieren brach eine heftige Seuche aus, welche, wie
man sagte, von Ungarn aus durch alle dazwischen liegende Länder bis zu uns
kam und länger als drei Jahre andauerte. Um dieselbe Zeit ereignete sich eine
Mondfinsternis gleich bei Beginn des Abends. In diesem Jahre starb Heinrich,
der Bischof von Straßburg, und folgte ihm Berthold." [Marbacher Annalen]
Ludwig VIII. wird zum König von Frankreich gekrönt - in der Baustelle
der Kathedrale von Reims.
1224 Das Generalkapitel der Zisterzienser erlaubt die Verpachtung aller
Ökonomien des Ordens gegen Zins.
Eine Geschichte aus England (Quellenlage und Wahrheitsgehalt nicht
bekannt): Zwei predigende Franziskaner verirren sich im Gewitter in
einem großen Wald bei Oxford und finden eine Einsiedelei der Benediktiner.
Da man die zerlumpten Gestalten dort für Spielleute hält, werden sie
gastlich aufgenommen, doch als die Benediktiner erfahren, wer sie
wirklich sind, werfen sie sie mit Fußtritten und Faustschlägen wieder
hinaus ins Unwetter. Nach einigen Varianten der Erzählung sollen sie am
Ende noch durch Fürsprache eines jungen Benediktiners Zuflucht im
Heustadel erhalten haben.
Friedrich II. ordnet für die Lombardei an, daß alle von Bischöfen
überführten Häretiker von der weltlichen Obrigkeit festzunehmen und zu
verbrennen seien.
Selbstregierung der nach Siebenbürgen eingewanderten "Sachsen".
1225 Basel baut eine Rheinbrücke (erste Jochbrücke über den Rhein im
Mittelalter).
Die Franziskaner kommen nach Lübeck, wo übrigens dieses Jahr die
dänische Besatzung abzieht.
Antwerpen ersetzt seine Holz-Erde-Umwallung durch eine steinerne
Befestigungsmauer.
Beispiel für Turnierpreise: In Siena erhält der Sieger "ein sehr
schnelles, mit einer seidenen Schabracke bedecktes und einem
stählernen Panzer versehenes Streitroß", der Zweite einen Helm und
der Dritte ein Schwert.
In Colmar werden Ratsherren (consiliarii) erwähnt.
"Zur selben Zeit war in Sens, einer Stadt Galliens, ein Schulknabe
namens Johannes, dessen Alter damals auf nicht mehr als sechs Jahre
geschätzt wurde, und welcher ein so großes Talent und solche Kenntnisse
gehabt haben soll, daß sich niemand erinnern konnte, ähnliches von einem
so kleinen Knaben gehört zu haben. Im gleichen Jahre wurde der ehrwürdige
Engelbert, Erzbischof von Köln, von einem gewissen Grafen Friderich von
Isinburch, seinem Blutsverwandten, meuchlings ermordet. Der Mörder aber
wurde später von den Bürgern von Köln ergriffen und mit Räderung bestraft.
In diesem Jahre ereignete sich am ersten Oktober, einem Mittwoch, gegen
Abend ein Erdbeben." [Marbacher Annalen]
Seit 1200 hat Rouen sechs Brände gesehen.
Ca.: Entstehung der anonymen Epen "Ortnit" und "Wolfdietrich" im
bayerisch-oberdeutschen Raum.
Ca.: Im Burgenbau erlebt die Verwendung von Schildmauern ihren
Höhepunkt. Eine Schildmauer ist eine besonders hohe und dicke Mauer,
die eine Seite der Burg wie ein Schild schützt. Burgen mit solchen
Schildmauern sind relativ selten und meist ohne Hauptturm. Ihr
Schwerpunkt liegt in Südwestdeutschland.
1226 Basel vollendet seine erste (hölzerne) Rheinbrücke. Im gleiche Jahr erhält
die Stadt ihre erste Zunft, nämlich die der Kürschner.
In Überlingen gibt es eine Judengemeinde.
Ludwig VIII. von Frankreich erläßt Statuten für die Leprösenhospitäler.
Die Zahl der Aussätzigen in Frankreich wird in diesem Jahr auf etwa
2000 geschätzt.
Ludwig IX. wird zum König von Frankreich gekrönt - in der Baustelle
der Kathedrale von Reims.
Beauvais, eine der reichsten Städte Frankreichs, beginnt mit dem Bau
einer Kathedrale. Es wird eine der anspruchvollsten gotischen Kathedralen
werden, denn Beauvais ist eine der reichsten Städte Frankreichs.
Friedrich II. besiegt die Dänen.
Franz von Assisi stirbt.
1227 Das Konzil von Trier verbietet den Mönchen und Nonnen, Mäntel aus
schwarzem oder purpurnem Brunat, Pelze aus Buntwerk o.ä. zu tragen;
Nonnen dürfen keine enganliegenden oder angenähten Ärmel und keine
Halsketten, Spangen, goldenen oder silbernen Ringe, Goldfransen,
seidenen Gürtel und anderen weltlichen Schmuck tragen.
Ulrich von Lichtenstein zieht, als "Frau Venus" verkleidet im
Minnedienst von Friaul über Wien nach Böhmen. Dazu läßt er sich
zu zwölf Frauengewändern 30 Paar Ärmel nähen, denn es ist derzeit
üblich, an Frauengewändern auswechselbare Ärmel zu tragen, welche
angenestelt oder -geknöpft werden.
Beschreibung eines Bades ("wazzerbat") auf Ulrich von Lichtensteins
"Venusfahrt": Das Bad findet im Freien statt und wird durch Bader
besorgt. Er und die Wasseroberfläche werden mit Rosen bestreut. Nach
dem Bad wird ihm vom Kämmerer das Badegewand gereicht.
Über die Femegerichte: Die Freischöffen (die nur noch teilweise aus
Freien bestehen) werden erstmals als "vemenoten" (Femegenossen)
bezeichnet. Die Feme ist wahrscheinlich zwischen Rhein und Weser auf
der Grundlage der westfälischen Freigerichte (die ihrerseits aus
karolingischen Grafengerichten erwachsen waren) entstanden. Die
Femegerichte finden im Spätmittelalter weite Verbreitung. Jeder
Femegenosse ist verpflichtet, in seinem Freigericht oder Freistuhl alle
der Feme zugehörigen Taten zu rügen (Mord, Raub, Brand, Diebstahl,
Eidbruch, rechtsverweigerung u. ä.), ohne daß es einer Klage bedarf. Der
Beschuldigte wird dann vorgeladen. Erscheint er nicht, wird er verfemt
(geächtet). Die Freischöffen dürfen ihn dann ohne weiteres überall, wo
sie ihn antreffen, hängen. Über den Ablauf der Verhandlung ist wenig
bekannt. Das Urteil lautet Tod durch den Weidenstrang oder Freispruch.
Die Femegerichte verbreiten
22. Juli: Bei Bornhöved (östlich von Neumünster) besiegt ein deutsches
Koalitionsheer die Dänen vernichtend. Die dänische Herrschaft über
Hamburg endet. Die Stadt erhält in diesem Jahr ihr erstes Kloster
(Franziskaner).
Die Dominikaner kommen nach Lübeck. Sie erhalten ein Grundstück im
Burgbereich.
Lübeck erhält Reichsfreiheit.
In Lübeck wird ein "Liber civitatis" (Stadtbuch) geführt.
In Mülhausen werden Ratsherren (consiliarii) erwähnt.
Friedrich II. will zum Kreuzzug aufbrechen, muß wegen Krankheit aber
in Italien bleiben und wird von Papst Gregor gebannt, der ihm dies
wohl nicht glaubt.
Ca.: Die "Annales Januenses" belegen die Verwendung von
Wurfmaschinen zur Verteidigung von Burgen.
1228 Eine Charta Friedrichs II. für die Nonnen von Goess in der Steiermark
ist die älteste kaiserliche Urkunde auf Papier.
Friedrich II. fährt nach Akkon und erhält per Vertrag mit Sultan
el-Kamil von Ägypten Jerusalem, Bethlehem und Nazareth. [Dies ist
der fünfte Kreuzzug nach deutscher Auffassung.] Von el-Kamil erhält er
(möglicherweise etwas später) einen Elefanten als Geschenk. Dieser
wird dann (speziell in Italien) bei wichtigen Anlässen mitgeführt. Der
Elefant trägt einen Turmaufbau, in welchem sich ein Trompeter befindet.
Das Tier lebt noch zwanzig Jahre. (Karl der Große, der zuletzt als ein
westlicher Kaiser einen Elefanten besaß, hatte den seinen nur zwei
Jahre lang.)
Xanten erhält vom Kölner Erzbischof Stadtrechte. Das Recht auf eine
Stadtmauer ist damit aber nicht verbunden. Die Stadt hat nur Wall und
Graben.
Rees erhält Stadt- und Befestigungsrechte, wodurch der Erzbischof von
Köln sein Einflußgebiet weiter rheinabwärts ausdehnt (1392 an Kleve).
In Hamburg und Stralsund werden Schuldbücher geführt, eine Abart der
Stadtbücher.
1229 Zu Magdeburg veranstalten die Geschlechter an Pfingsten ein Turnier,
dessen Turnierdank aus einem schönen Mädchen namens Sofia besteht.
Ein alter Kaufherr aus Goslar gewinnt diese Maid und verschafft ihr
eine Aussteuer.
Geldern erhält Stadtrechte (oder 1230).
Erzbischof Gerhard II. von Bremen fällt - ohne Erfolg - ins Gebiet der
Stedinger ein. Um seine 220 Panzerreiter wirkungsvoll einzusetzen,
hat er zum Angriff den Winter gewählt, aber der sumpfige Boden ist
nicht so fest gefroren wie erwartet und die bischöflichen Truppen
bieten ein gutes Ziel für die Bogen- und Armbrustschützen der
Stedinger. Bei der Verfolgung der Flüchtenden bringen die Stedinger
kurzfristig weite Gebiete des Bremerlandes unter ihre Kontrolle,
wobei u.a. die Burg Schlütterberg und das Kloster Hude zerstört
werden.
"Im selben Jahre wurde von einem Magister zu Toledo, welcher Andreas
hieß, vorausgesagt, und von Einigen von den Dächern verkündet, daß
nach sieben Jahren sehr heftige Wirbelwinde kommen und jegliches
Gebäude zerstören und umwerfen würden, viele Städte würden in Folge
von Erdbeben einstürzen, die Sonne zu jener Zeit verfinstert und die
Luft verschlechtert werden und dies Sterblichkeit und andere, den
Menschen unerhörte Uebel zur Folge haben." [Marbacher Annalen]
1230 Berlin wird zur Stadt erhoben.
Die Florentiner veranstalten vor den Mauern des belagerten Siena
Wettläufe und/oder Pferderennen.
In Rottweil und in Winterthur ist ein Schultheiß bezeugt.
In der Gegend von Mâcon sind die Ritter von nun an gezwungen, ihr
Erbe Stück für Stück zu verkaufen.
In Frankreich trifft ein Priester aus dem Osten ein, der erzählt,
er sei einer der jungen Geistlichen gewesen, die vor 18 Jahren den
französischen Kinderkreuzzug begleitet hatten. Nachdem sie sich
eingeschifft hatten, seien sie in schlechtes Wetter geraten und
zwei der sieben Schiffe seien an der Insel San Pietro an der
Südwestecke Sardiniens zerschellt und alle Insassen ertrunken.
Die restlichen seien bald darauf von einem sarazenischen Geschwader
aus Afrika umzingelt worden und mußten erfahren, daß sie aufgrund
einer vorherigen Vereinbarung hierher gebracht worden seien, um sie
in die Sklaverei zu verkaufen. Sie wurden nach Bougie an der
algerischen Küste gebracht, wo viele direkt verkauft worden seien.
Andere, darunter auch der Priester, seien nach Ägypten verschifft
worden, wo fränkische Sklaven bessere Preise erzielten. Dort wurde
der größte Teil vom Statthalter gekauft, der sie auf seinen Feldern
arbeiten ließ. Dem Priester zufolge waren zu dieser Zeit noch 700
Kinder am Leben. Eine kleine Schar landete auf dem Sklavenmarkt von
Bagdad, wo 18 von ihnen umgebracht wurden, als sie sich weigerten,
zum Islam überzutreten. Der Priester und die wenigen anderen, die
lesen und schreiben konnten, landeten bei el-Kamil, dem Statthalter
von Ägypten und Sohn el-Adils, wo sie in relativ angenehmer
Gefangenschaft als Dolmetscher, Lehrer und Sekretäre arbeiteten.
Eine spätere Geschichte identifizierte die beiden Marseiller
Kaufleute (Hugo der Eiserne und Wilhelm das Schwein), die die Kinder
in die Sklaverei verkauft hatten, mit zwei Handelsmännern, die einige
Jahre später wegen eines Versuches, Kaiser Friedrich im Auftrage der
Sarazenen zu entführen, gehängt wurden.
König Andreas II. von Ungarn verleiht dem Handelsort Pest das Stadtrecht.
Er hat zuvor dort die slawischen und bulgarischen Händler islamischen
Glaubens vertrieben und Deutsche nach Pest geholt. Am anderen Ufer der
Donau liegt Ofen (Obuda, Alt-Buda), das ebenfalls von Deutschen bewohnt
ist. (In elf oder zwölf Jahren werden beide Orte von den Mongolen dem
Erdboden gleich gemacht werden.)
Ca.: Höhepunkt des Burgenbaus im Reich.
Ca.: Walther von der Vogelweide stirbt.
Ca.: Entstehung des anonymen Epos "Kudrun".
Ca.: Entstehung des ersten Teils des "Roman de la Rose" des Wilhelm
von Lorris (4000 Verse).
Ca.: Vermutliche Entstehung der isländischen "Egils saga Skallagrimsson",
eventuell durch Snorri Sturluson.
Ca.: Es stirbt der Rechtsgelehrte Azo, der sich um die Wiederentdeckung
des römischen Rechts verdient gemacht hat. Sein Werk "Summa in codicem"
wird für Jahrhunderte zu einem Standardwerk.
Bis 1235: Der Augsburger Adlige Ulrich von Türheim verfaßt eine
Fortsetzung des "Tristan" Gottfrieds von Straßburg (in sieben
Handschriften generell zusammen mit Gottfried überliefert). Seine
Quelle ist Eilharts "Tristrant". Im Gegensatz zu Gottfried wird hier
wieder religiös moralisiert.
Bis 1240: Die Brüder, die das Hospital von Amiens betreiben, wollen nicht
recht einsehen, daß es im Interesse der Stadt liegen soll, die Kathedrale
auf Kosten des benachbarten Hospitals zu erweitern. Dem stimmen sie
schließlich nur für eine stattliche Entschädigung und den Neubau ihres
Hospitals an einem großen Wasserlauf auf Kosten des Kapitels zu. Für einen
Zeitraum von fünf Jahren werden ihnen 100 Livres gewährt und es wird ein
vierköpfiger Ausschuß gebildet, um die Umzugskosten abzuschätzen. Es müssen
außerdem Maßnahmen ergriffen werden, um Schlägereien zwischen den Brüdern,
die für den Umzug sind und jenen, die an Ort und Stelle bleiben wollen, zu
verhindern.
Bis 1250: Der Denar aus Tours (Tournois) hat nur noch 0,35 Gramm
Feinsilber. Die ursprünglich hellen Münzen sind mittlerweile schwarz
geworden. Seit der Karolingerzeit hat die Inflation 83% des Denars
aufgefressen.
1231 Tübingen wird erstmals als Stadt (civitas) bezeichnet.
Friedrich II. erläßt die Konstitutionen von Melfi, das erste
"staatliche" Gesetzbuch des Mittelalters. Hier wird die Folter gegen
Ketzer zugelassen. Aus der Präambel: "...weil das Übel der Sünde von
den Vätern auf sie fortgepflanzt war, faßten sie (die Menschen)
gegeneinander Haß, veränderten den nach natürlichem Recht gemeinsamen
Besitz der Dinge, und der Mensch, den Gott aufrecht und einfach
geschaffen hatte, scheute sich nicht, sich in Streitigkeiten zu
verstricken. Und so unter dem Zwang der Dinge selbst und nicht minder
auf Antrieb der göttlichen Vorsehung wurden die Fürsten der Völker
gewählt, damit durch sie die Freiheit zu Verbrechen eingeschränkt werden
könne; sie sollten als Richter über Leben und Tod den Völkern das ihnen
gebührende Schicksal, Los und Leben gleichsam als Vollstrecker der
göttlichen Vorsehung begründen. Damit sie über die ihnen anvertraute
Verwaltung vollauf Rechenschaft ablegen könnten, wird vom König der
Könige und vom Fürsten der Fürsten von ihren Händen vor allem verlangt,
daß sie die hochheilige Kirche, die Mutter des christlichen Glaubens,
nicht durch die geheimen Herabsetzer der Religion beflecken lassen und
sie vor den Einfällen der öffentlichen Feinde durch die Macht des
weltlichen Schwertes schützen, daß sie den Völkern den Frieden und,
sobald sie befriedet sind, die Gerechtigkeit nach Vermögen bewahren,
da diese beiden sich wie zwei Geschwister gegenseitig umschlingen."
Friedrich II. verbietet den Gebrauch von Papier für für die amtlichen
Akten seiner Kanzlei.
Friedrich II. erklärt alle städtischen Einrichtungen (comunia, consilia,
magistri civium, rectores, officiales), die von der Gesamtheit der
Bürger (universitas civium) ohne Einwilligung der jeweiligen Bischöfe
geschaffen worden sind, für ungültig, auch Städtebünde.
Die Dominikaner werden als Orden von Papst Gregor IX. mit der Inquisition
beauftragt. (Zuweilen werden auch Franziskaner ernannt.) Die Inquisitoren
haben die Verdächtigen aufzufordern, sich innerhalb von 14 bis 40 Tagen
freiwillig zu stellen. Danach werden Anzeigen anderer entgegengenommen.
Dabei genügen zwei anonym bleibende Ankläger, um jemanden für schuldig
zu erweisen. Gesteht der Angeklagte, werden ihm Bußen auferlegt. Erst wenn
er hartnäckig bleibt, wird er der weltlichen Gewalt zur Verbrennung
übergeben.
Wilhelm von Auvergne wird Bischof von Paris (bis 1236). Während seiner
Amtszeit verfaßt er ein Werk namens "De universeo creaturarum," in welchem
er die Bewegung der himmlischen Sphären durch magnetische Induktion
erklärt, der Fähigkeit eines Magneten, ein Stück Eisen zu magnetisieren.
Auf einer Bremer Synode werden die Stedinger zu Ketzern erklärt. Bald
(1233) werden haarsträubende Schauergeschichten über sie berichtet
(von einer Art Hexensabbath als "Aufnahmezeremonie").
Es stirbt der Hl. Antonius von Padua (von Franz von Assisi als "Rindvieh"
tituliert), der als Urheber der Geißelprozessionen gilt.
"Im gleichen Jahre wurde Luodewig, der Herzog von Bayern, ermordet. Er wurde
aber durchstochen mit einem vorne geschliffenen Messer, das man Dolch nennen
kann, von einem, wie man sagte, schlechten und unbekannten Manne, wie sie
ein gewisser Mächtiger, welchen man gewöhnlich den Alten vom Berge nennt, zu
schicken pflegt. Der Mörder wurde ergriffen und vielfach gefoltert, um ihn
zum Bekenntnis zu zwingen, auf wessen Eingebung oder Befehl er eine so
schwere Missetat zu unternehmen gewagt hätte; man konnte aber nichts aus ihm
herausbringen und so starb er, an allen Gliedern zerfleischt und
auseinandergezerrt." [Marbacher Annalen]
1232 "Zur selben Zeit herrschte während des ganzen Juli und August fortwährende
Trockenheit und große Hitze, so daß in sandigen Gegenden Eier, in den
zusammengescharrten Sand gesteckt, nach kurzer Zeit gebraten herausgenommen
wurden." [Marbacher Annalen]
Rheinberg erhält Stadtrechte.
Im "Statutum in favorem principum" setzen sich die Landesherren
gegenüber dem König durch, der sich verpflichten muß, keine neuen
Märkte zu errichten, wenn diese die alten behindern.
Mai: Friedrich II. wendet sich unter Berufung auf seine allgemeine
Anordnung vom Vorjahr gegen den Rat von Worms, welcher der Stadt am
17. März durch Heinrich VII. gewährt worden war. Friedrich gestattet dem
Bischof von Worms, das Rathaus (domus quae vocabatur communitatis)
völlig niederzureißen. [Ist das auch tatsächlich geschehen?]
Ende des Jahres werden die Stedinger in Acht und Bann getan. Ihre
Verbündeten wenden sich von ihnen ab.
Der Bischof von Braga erhält die Vollmacht, für 1746 illegitime
Kleriker (von unehelicher Geburt bzw. Kinder von Klerikern) Dispens
zu erteilen. Diese hohe Zahl ist eine Ausnahme, da normalerweise die
Dispens auf 20 Personen beschränkt ist.
Hubert de Burgh wird angeklagt, aus dem Schatz des Königs von Frankreich
einen Edelstein entwendet zu haben, der angeblich unbesiegbar macht, und
diesen einem Feind des Königs geschenkt zu haben.
Für den Besuch des englischen Königs wird in Oxford hastig eine
improvisierte Küche errichtet, die dann von einem heftigen Sturmwind
fortgerissen wird.
Friedrich II. ordnet für das ganze Reich an, daß alle von Bischöfen
überführten Häretiker von der weltlichen Obrigkeit festzunehmen, einem
kirchlichen Gericht zu übergeben und öffentlich zu verbrennen seien.
Neues aus China: In der Schlacht von Pien-king tauchen auf chinesischer
Seite erstmalig Pfeile auf, die mittels eines salpeterhaltigen
Brandsatzes abgefeuert werden.
1233 Der Marburger Mönch Konrad, vom Papst zum obersten Inquisitor für
Deutschland eingesetzt, durch Verfolgungseifer unbeliebt geworden,
wird nach mehreren Warnungen bei Marburg von einigen Edelleuten
erschlagen. Ein Nachfolger findet sich nicht, und so kann die
Inquisition in Deutschland keinen Fuß fassen.
Der Podesta von Parma erteilt dem Gherardo Boccabadati die Vollmacht,
in die Statuten der Stadt die Verpflichtung einzufügen, berüchtigte
Häretiker der Folter zu unterziehen, um andere zu entdecken, wenn es der
Bischof für richtig hält.
27. Februar: In Worms kommt es in einer sog. Rachtung zum Ausgleich
zwischen Bischof und Bürgern. Es wird ein Rat aus neun vom Bischof
ernannten Bürgern und sechs von den Bürgern gewählten Rittern geschaffen.
Den Vorsitz führt der Bischof. Von den beiden Bürgermeistern soll in
Zukunft einer vom König und der andere vom Bischof ernannt werden.
März: Die Stedinger zerstören die im Wiederaufbau befindliche Burg
Schlütterberg. Ihre Angriffe auf Oldenburg und Bremen scheitern.
Sommer: Der "Kreuzzug" gegen die Stedinger verwüstet deren
Siedlungsgebiete östlich der Weser, wobei über 400, auch Frauen
und Kinder, umgebracht werden. Wer lebend erwischt wird, wird
verbrannt. Eine am 17. Juni ausgestellte zweite Kreuzzugsbulle trifft
in Bremen ein, wonach die "Pilger" den gleichen Ablaß erhalten wie
Jerusalemfahrer.
6. Juli: Das "Kreuzfahrerheer" wird bei Hemmelskamp von den Stedingern
geschlagen. Wieder bleiben die Reiter im Morast stecken und werden
von Fernwaffen niedergestreckt; 200 fallen, darunter ihr Anführer Graf
Burkhard von Oldenburg.
Der Bischof von Bremen schickt nun Saboteure, die die Deiche der
Stedinger durchstechen sollen, was aber offenbar nicht gelungen ist.
In Tuy gibt es 350 Kleriker mit Geburtsmakeln (unehelich oder als
Kinder von Klerikern geboren).
Emmerich erhält Stadtrechte. Im gleiche Jahr wird mit Bau einer Mauer
begonnen.
1234 "Ein furchtbarer Winter brachte Schaden den Weinstöcken und Feldfrüchten
und hielt den ganzen Januar an." [Marbacher Annalen]
Herzog Heinrich I. der Bärtige von Krakau und Schlesien versucht, im
Quellgebiet des Dunajec Deutsche aus Schlesien anzusiedeln.
Die Nikolaikirche in Dresden wird erstmals erwähnt. Sie soll bereits um
1170 errichtet worden sein.
27. Mai: Ein neues, noch größeres "Kreuzfahrerheer" (vielleicht 8000)
besiegt bei Altenesch die Stedinger (3000 bis 4000). Gefangene werden
nicht gemacht. Das eroberte Land wird zwischen Bremen und Oldenburg
aufgeteilt. Die Stellung der Bauern in diesem Gebiet verschlechtert
sich beträchtlich.
König Jaime (Jakob) von Aragon verordnet, daß jeder Adlige sich einen
eigenen fest besoldeten Spielmann halten soll, den anderen Spielleuten
dafür aber nichts mehr geben soll. Er bestimmt weiterhin, daß Pelze aus
Zobel oder Hermelin ausschließlich den Fürsten vorbehalten seien - eine
Bestimmung, die bis in die Neuzeit aufrechterhalten wird.
Es erscheint der "Liber extra", die erste von einem Papst feierlich
publizierte Sammlung von Kanones. Hier wird u.a. das Verbot der
direkten Nachfolge des Sohnes in einer vom Vater innegehabten Pfründe
festgeschrieben - allerdings ist hier Dispens möglich.
1235 In Deutschland werden die Juden erstmals (in Fulda) des Ritualmordes
beschuldigt. Es werden ihrer 32 erschlagen, weil sie angeblich (am
Weinachtstage) die Kinder eines Müllers ermordet und seine Mühle
angezündet hätten.
Friedrich II. zieht nach 15 Jahren Abwesenheit in Deutschland ein,
nicht nur mit großem Heer, sondern auch mit exotischen Tieren, Affen
und Elefanten.
Friedrichs Reichslandfrieden ist das erste in deutscher Sprache
abgefaßte Reichsgesetz.
Wer keine Beine mehr hat, muß sich mit Schemeln fortbewegen und wird
daher Schemler genannt. Wie es einem dann ergeht, mag ein Beispiel aus
diesem Jahre zeigen: Ein 21jähriger Schemler legt in 5 Wochen eine
Strecke von 35 km zurück, braucht also einen Tag für einen Kilometer.
Béla IV. wird König von Ungarn (bis 1270). Er holt Franziskaner und
Dominikaner ins Land und führt das strenge byzantinische Hofzeremoniell
ein (weil seine Frau Maria Laskaris die Tochter des byzantinischen
Kaisers ist).
Bis 1240: Entstehung der Originalfassung des "Tristan en prose" in
Frankreich, im Grunde eine Neubearbeitung des "Lancelot en prose".
Dieses Werk wird ein großer Publikumserfolg und nach 1240 entstehen
die zwei Fassungen, welche für die Rezeption bestimmend werden.
1236 "Zur selben Zeit ermordeten Juden in einer Mühle beim Kloster Fulda einige
Knaben, um ihnen Blut zu ihrem Gebrauch zu entziehen, weshalb die Bürger
dieser Stadt viele von ihnen töteten. Nachdem aber die Leichen der Knaben
nach der Stadt Hagenau gebracht und daselbst mit Ehren bestattet waren,
rief der Kaiser, da er den gegen die Juden entstandenen Aufruhr nicht
anders bewältigen konnte, viele mächtige und angesehene Herren und Gelehrte
von verschiedenen Gegenden zusammen und erforschte sorgfältig bei den
Kundigen, ob die Juden wirklich, wie das allgemeine Gerücht geht, am Rüsttage
vor Ostern Christenblut nötig hätten, mit dem festen Vorsatz, wenn sich
dieses bewahrheitete, sollten alle Juden seines Reiches vertilgt werden. Da
er aber hierüber nichts Gewisses erfahren konnte, kam der strenge
kaiserliche Vorsatz bald wieder in Vergessenheit, freilich nachdem von den
Juden eine bedeutende Geldsumme erlegt war. (...)
In diesem Jahre war sehr großer Überfluß an Wein, so daß ein Faß, welches
vierzig Eimer faßte, leer um zwanzig Unzen verkauft wurde und das Viertel
Wein um einen Denar." [Marbacher Annalen]
Graf Richard von Cornwall nimmt das Kreuz. Eine seiner ersten Maßnahmen
ist das Abholzen seiner Wälder und Verkauf des Holzes, um Geld für den
Kreuzzug aufzutreiben. Häufig wird Holz verkauft, um rasch zu Geld zu
kommen.
Friedrich II. erklärt die deutschen Juden zu kaiserlichen Kammerknechten
und stellt sie unter besonderen Schutz.
Quilichinus von Spoleto verfaßt die "Historia Alexandri".
1237 Beim Brand des Klosters von Vorau opfert Propst Bernhard II. sein
Leben, um Handschriften und Urkunden, darunter die berühmte
Kaiserchronik und frühmittelhochdeutsche Gedichte zu retten.
Eine Straße längs der Reußschlucht und eine Brücke in Schöllenen
öffnet den Gotthardpaß. Besonders Mailand wird davon profitieren.
Florenz führt eine neue Münze ein: den Soldo, welcher, obwohl aus
Silber, vom alten Solidus abgeleitet ist. Der Wert beträgt zwölf
Denare.
"Zu bemerken ist noch, daß vor dem Herbste dieses Jahres das Viertel Wein, an
welchem im vorigen Jahre so großer Überfluß war, sechzehn Denare galt."
[Marbacher Annalen]
Erstmals wird ein Stadtkämmerer erwähnt, und zwar in Lübeck. Stadtkämmerer
(alias Lohnherren, Losunger, Rentmeister, Säckelmeister) sind mit der
Finanzverwaltung betraut und kommen in der Folgezeit häufig aus der
Kaufmannschaft, weil einerseits Erfahrung im Rechnungswesen nötig ist und
andererseits städtische Ausgaben teilweise vorgeschossen werden müssen.
Friedrich II. besiegt bei Cortenuova die verbündeten lombardischen
Städte. Bei seinem anschließenden triumphalen Einzug in Mailand führt
er auch seinen Elefanten mit, welcher den erbeuteten lombardischen
Fahnenwagen zieht.
Herzog Barnim I. läßt die rechtlichen Befugnisse der Deutschen in Stettin
erweitern und überträgt ihnen die Rechtsprechung über die gesamte, auch
slawische Bevölkerung der Stadt. Er legt auch den Zuständigkeitsbereich
der beiden Pfarren St. Peter und St. Jakob fest, wobei bemerkenswert ist,
daß beode Kirchen außerhalb des Befestigungsringes liegen.
Es stirbt Neidhart von Reuenthal.
Es stirbt der deutsche Gelehrte Jordanus Nemorarius, der mechanische
Bewegungsprobleme untersucht hat.
Nach der Niederlage des Schwertbrüderordens gegen die Litauer bei
Schaulen übernimmt der Deutsche Orden auch die baltischen Länder.
1239 Graf Adolf IV. von Schauenburg zieht sich als Mönch in das von ihm
selbst gestiftete Franziskanerkloster in Hamburg zurück. Unter seiner
Herrschaft hat Hamburg weitgehende Selbstverwaltung erhalten und ist
beträchtlich vergrößert worden. Handel und gewerbe, vor allem die
Bierbrauerei, blühen auf. Mehrere Klöster und Spitäler entstehen.
Mai: Der Dominikanerinquisitor Robert le Bougre läßt an einem einzigen
Tag 183 Katharer samt deren Erzbischof umbringen.
1240 Die Synode von Worcester verbietet den Klerikern den Tanz.
Der päpstliche Legat Latinus verbietet (nach Salimbene von Parma) den
Frauen in den oberitalienischen Städten das Tragen von Schleppen und
schreibt stattdessen nur bis zur Erde oder eine Handbreit darüber
reichende Kleider vor. "Das war den Frauen bitterer als der Tod."
Burg und Siedlung von Danzig übernehmen das lübische Stadtrecht.
Kaiser Friedrich II. gewährt den Besuchern der (hier erstmals
erwähnten) Frankfurter Messe Markt- und Messefreiheit. Dazu gehört
auch das Meßrecht, welches mehrere Aspekte umfaßt: Regelung der
allgemeinen Rechtsstellung mit Geleitwesen und Straßensicherung;
unbedingte Handels- und Gewerbefreiheit; einen besonderen
Meßgerichtsstand und Rechtsschutz der Gäste (selbst Geächteten),
Asylrecht, polizeiliche Ordnungsregelungen sowie Handels- und
Wechselrecht.
König Alfons X. (der Weise) von Kastilien beruft einen astronomischen
Kongreß von 50 christlichen, jüdischen und arabischen Gelehrten nach
Toledo ein.
In Hamburg wird dem Bau einer neuen Mauer begonnen.
München kommt vollständig in den Besitz der Wittelsbacher.
Erzbischof Eberhard II. von Salzburg verfällt dem Kirchenbann.
Ca.: Aufkommen der hydraulischen Säge mit automatischem Vorrücken
des zu bearbeitenden Stücks.
Ca.: Aufkommen der Schraubenwinde.
Ca.: Rudolf von Ems verfaßt seinen Alexanderroman.
Nach 1240: Es stirbt Caesarius von Heisterbach (ca. 60), Prior des
Zisterzienserklosters Heisterbach bei Königswinter.
/1250: Es entsteht das Friedrich II. zugeschriebene Traktat "De arte
venandi cum avibus" (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen). Danach ist
die Beizjagd besonders geeignet, um Herrschaft zu repräsentieren. Sie
sei adliger und würdiger als andere Jagdarten, weil Raubvögel adliger
seien als andere Jagdmittel und schwieriger abzurichten, nämlich nur
durch den Geist des Menschen, wodurch nur Adlige dieser Aufgabe
entsprechen könnten.
Bis 1250: Ungefähre Entstehungszeit des "Rennewart" des Ulrich von
Türheim, eine Art Fortsetzung von Wolframs "Willehalm", obwohl hier
religiöser Fanatismus vorherrscht.
1241 Schutz- und Trutzbündnis zwischen Hamburg und Lübeck.
Bei einem Turnier zu Nuys bei Köln bleiben angeblich 60 Ritter tot auf
dem Platz.
Island: Snorri Sturluson (geb. 1178 oder 1179), Großbauer, Politiker,
Historiograph und Dichter wird ermordet.
Nach einem unvollständigen Verzeichnis stehen dem deutschen König
aus dem Reich nördlich der Alpen etwa 12000 Mark (ca. 2800 kg) Silber
an Einnahmen zur Verfügung. Die Einnahmen aus den norditalienischen
Städten werden (zur Zeit Barbarossas) auf mindestens 10000 kg Silber
geschätzt.
Gründung von Wesel.
Breslau wird Stadt mit deutschem Recht.
9. April: Die Mongolen kommen bis nach Liegnitz, wo sie ein polnisch-
deutsches Ritterheer unter Herzog Heinrich II. dem Frommen
zusammenhauen. Zwei Tage später schlagen sie auch die Ungarn, doch
der Tod ihres Großkhans im Dezember nötigt sie zum Rückzug, um sich
in der Mongolei in die Thronstreitigkeiten einzumischen. Wegen diesem
Rückzug wird zuweilen fälschlicherweise kolportiert, daß die Mongolen
bei Liegnitz geschlagen worden wären.
1242 In Avignon werden drei Inquisitoren und zwei Gehilfen erschlagen.
Der englische Franziskaner Roger Bacon (1219 - ca. 1292) berichtet
vom Schießpulver.
Die Steuermatrikel aus diesem Jahre stellt die älteste Quelle für die
Höhe der Stadtsteuern dar. Danach betragen die Steuern, in Mark pro
Jahr für: Frankfurt 250, Basel 200, Schwäbisch Gmünd 200, Schwäbisch
Hall 170, Esslingen 120, Lindau 100, Ulm 80, Biberach 70, Memmingen
70, Donauwörth 60, Konstanz 60, Bopfingen 60, Ravensburg 50,
Dinkelsbühl 40, Wangen 10 und Buchhorn 10. Diese Einstufung
entspricht nicht immer der Wirtschaftskraft.
Kleve erhält Stadtrechte. Der Ort schließt gleich einen Vertrag mit
Geldern, um die Abwanderung in andere Gebiete zu beschränken und dadurch
die Arbeitskräfte zu erhalten.
Der Graf von Kleve verleiht dem Ort Kalkar (vor zwölf Jahren gegründet)
Stadtrechte. Kalkar liegt am Schnittpunkt der Fernhandelsstraße von
Köln nach Nimwegen und steigt bald zu einem blühenden Ort der
Wollweberei auf.
In Kiel werden Stadtbücher geführt.
In Stettin ist der erste Schultheiß belegt.
Todesursachen: Enguerrand III. von Coucy (ca. 60) stürzt vom Pferd und
wird vom eigenen Schwert durchbohrt.
1243 Byzantinisches Geld wird im internationalen Handel allmählich durch
italienisches Geld ersetzt. (Das Reich von Nikaia ist vom Handel
weitgehend abgeschnitten)
Stettin erhält Magdeburger Recht und zahlreiche wirtschaftliche
Privilegien.
Bis 1280: In der päpstlichen Kanzlei wird als Jahresanfang wieder
der 25. März (nach unserem Jahresanfang) nach Florentiner Rechnung
verwendet.
1244 Es fällt nach über einjähriger Belagerung die Burg Montségur (durch
Verrat), das Symbol des Widerstandes der Katharer. Hierhin hatten sich
400 bis 500 Katharer (inkl. Frauen und Kinder) zurückgezogen, die jetzt
zwischen Widerruf und Scheiterhaufen entscheiden müssen. 200 wählen den
Feuertod. Nach der Überlieferung sollen von den "Vollkommenen" nur vier
entkommen sein. Diese sollen einen angeblichen Schatz der Katharer (eine
absurde Vorstellung!) irgendwo verborgen haben. In der Folgezeit entstehen
allerlei fabelhafte Geschichten; besonders in den 30er Jahren des 20. Jhs.
will man die Burg Montségur gar zum Schauplatz der Parzivalsage machen,
welche nachweislich älter ist.
Mainz erhält u.a. das Privileg, einen Stadtrat zu wählen. [Dies kann
auch eine Bestätigung sein, denn Ratsleute werden für Mainz bereits 1219
erwähnt.]
Im Bayerischen Landfrieden ist die älteste erhaltene nichtfiktive
Kleiderordnung erhalten (zuvor hat es bereits literarisch fixierte
bzw. vorgeschlagene Kleiderordnungen gegeben - abgesehen von den
Bestimmungen für Juden von 1214):
"An Werktagen dürfen sie [die Bauern] lediglich ein kurzes Messer
und einen Pflugstab tragen, ein Schwert nur die Hauswirte, aber
keine anderen und nur zum Kirchgang." Kostbare und bunte Stoffe sind
den Bauern nicht gestattet; sie sollen stattdessen billige und graue
Stoffe verwenden und die Schuhe haben aus einfachem Rindsleder zu
sein. Unzulässige Kleidungsstücke sollen eingezogen und den Bauern
nur gegen Bußgeld wieder ausgehändigt werden. Den Bäuerinnen wird der
Gebrauch von Seidenbesatz und bunte und kostbare Schleier untersagt.
Außerdem sollen die Bauern ihre Haare kurz und bis zu den Ohren
geschnitten tragen.
Nach dem Wiener Stadtrecht darf ein Spielmann nur dann gerichtliche
Entschädigung für grundlose Schläge erwirken, wenn ihm der Beschuldigte
drei weitere Schläge "im Spaß" zufügt.
Jerusalem geht an die Chwaresmier verloren.
1245 Synode von Rouen: "Da die Geistlichen, die Pfarrer und die Priester
den Laien als Vorbild dienen sollen, sei es ihnen bei schweren
Strafen untersagt, zu kämpfen oder zu tanzen."
Regensburg wird Reichsstadt.
Die romanische Kirche von Rees brennt ab. (Ein Neubau wird bald im
gotischen Stil begonnen)
Stettin erhält das Recht, ein Kaufhaus zu bauen.
Ca.: Stettin erhält das Recht, Zünfte zu gründen.
Ca.: Falkenbuch Kaiser Friedrichs II.
Bis 1247: Der päpstliche Gesandte Piano Carpini reist über Kiew nach
Karakorum.
1246 In Bremen wird ein eigenes Gerichtsgebäude (praetorium) erwähnt.
Herzog Friedrich II. ("der Streitbare") von Österreich greift zum
zweitenmal Ungarn an, fällt aber in der Schlacht an der Leitha. Damit
stirbt die männliche Linie der Babenberger aus.
Erzbischof Eberhard II. von Salzburg stirbt. Da er gebannt ist,
verbleibt sein Leichnam über 40 Jahre unbestattet in Altenmarkt.
1247 Braunschweig tritt dem Bund Hamburg-Lübeck bei.
In den Fragmenten des Kopialbuchs von Mont St. Michel steht die
erste (und während des Mittelalters einzige) Erwähnung des "Rechtes
der ersten Nacht" (ius primae noctis), wobei dieser Brauch den Pikten
zugeschrieben wird - ohne nähere Angaben von Zeit, Stamm oder Person.
Spätere Zeiten haben diesen Brauch oft fälschlicherweise dem
Mittelalter unterstellt, was dem Charakter der Ehe als Sakrament
völlig widerspräche. So unterstellt z.B. eine neuzeitliche Sage den
Brauch den Rittern von Prasberg (natürlich ohne Namen zu nennen),
gegen welche sich deswegen die Bürger von Wangen erfolgreich erhoben
hätten (und natürlich ganz sagenhaft ohne irgendwelche Konsequenzen).
Das Hauptsiechenhaus zu Köln hat 100 Insassen.
Bis 1249: Der spätere Papst Urban IV. ist als päpstlicher Legat in
Deutschland unterwegs und wird in dieser Zeit von drei verarmten
Adligen überfallen und ausgeraubt. Die drei werden zu einer Wallfahrt
verurteilt, doch auf ihr Bitten erhalten sie Absolution.
Bis 1278: In England wird der Long-cross Sterling herausgegeben, der den
Short-cross Sterling ablöst. (englischer Pfennig) Der Sterling hat sich
seit Beginn des 13. Jhs. besonders in Frankreich, den Niederlanden und
im nordwestlichen Deutschland verbreitet und wird dem Kölner Pfennig
gleichgesetzt. Der Short-cross Sterling wurde besonders in Westfalen
z.T. täuschend echt nachgeahmt, der Long-cross Sterling vor allem in den
Niederlanden, Luxemburg, Frankreich, Rheinland, Westfalen und
Skandinavien imitiert.
1248 Der Elefant Friedrichs II. stirbt "ex habundantibus umoribus" zu
Cremona und wird beerdigt in der Hoffnung, daß seine Knochen zu
Elfenbein werden. Es war Friedrichs Lieblingstier, obwohl sich der
Kaiser wohl noch weitere Elefanten zugelegt hat.
Der päpstliche Legat Jacques Pantaléon (später Papst Urban IV.)
bestimmt für Deutschland: Wenn ein Priester zum Versehgang gerufen
wird, läute er sofort die große Glocke seiner Kirche, damit sie in
der gesamten Pfarre gehört werde. Das Volk ströme hierauf zur
Kirche und folge dem Priester in Prozession zum Haus des Kranken.
Nach der Spendung des Sakramentes begleite das Volk den Priester in
gleicher Weise zurück zur Kirche. Für diese Begeleitung werden
Ablässe gewährt. (Als Urban IV. wird er diese Praxis 1263 für die
Gesamtkirche einführen.)
In Basel bilden die Bauleute und Metzger Zünfte.
Erzbischof Konrad von Hochstaden legt den Grundstein für den Kölner
Dom. (Dieser wird erst 1880 vollendet werden.)
Es stirbt der arabische Gelehrte Ibn al Baitar, der die Erkenntnisse
der arabischen Arzneikunde im "Buch der einfachen Arzneimittel"
zusammengefaßt hat.
Aachen, das den Welfen treugeblieben ist, wird durch Wilhelm von
Holland belagert (Oktober).
Sechster Kreuzzug (bis 1254): Ludwig IX. von Frankreich ("der
Heilige") bricht nach Ägypten auf. Man schätzt (im 14. Jh.), daß der
König auf diesem Zug 1537570 livres tournois an Ausgaben hat - mehr als
das Sechsfache seiner üblichen Jahreseinnahmen (250000 livres) . Darin
#sind enthalten: Proviantierung und Bekleidung des königlichen Haushalts,
Sold der Ritter, Schildknappen und Armbrustschützen, Kauf und Ersatz von
Pferden, Kamelen und Maultieren, Anmietung und Verproviantierung der
Schiffe, Geschenke und Darlehen an die Kreuzfahrer, das Lösegeld für den
König im April 1250, Kosten für Befestigungen u.a. Dies können aber noch
nicht die Gesamtkosten gewesen sein, denn Ludwig subventioniert etwa 55%
der Kreuzfahrer in seinem Gefolge über Verträge, Geschenke und Darlehen.
Hinzu kommen "versteckteKosten" wie der Neubau des hafens von Aigues
Mortes speziell für diesen Kreuzzug'oder die Schulden, die der könig vor
seinem Aufbruch macht, um sein Reich zu befrieden und zu stablilisieren.
Simon Lloyd (Oxford Ill. Hist. Crusades 1995) schätzt die Kosten auf drei
Millionen livres. Die individuelen Aufwendungen der Territorialherren
und ihres Gefolges sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Bis 1269: Die Visitationsprotokolle von Odo Rigaud erwähnen fast alle
Klöster der Normandie als verschuldet.
1249 Abt und Mönche des Klosters Prüfening zu Regensburg haben sich bei
Papst Innozenz IV. darüber beschwert, daß die jungen Kleriker und
Scholaren alljährlich zu Weihnachten einen der Ihren zum Kinderbischof
erwählen, Masken- und sonstige unschickliche Spiele veranstalten,
selbst in das Kloster einbrechen und hierbei Mönche und Hausgenossen
unehrerbietig behandeln.
Es stirbt Wilhelm von Auvergne, der Bischof von Paris. Er hat einmal zugegeben,
daß die Höllendrohungen der Theologen dieselbe Funktion hätten wie die
elterliche Drohung mit Ungeheuern Kindern gegenüber, beide sollen Gehorsam
erzeugen. [Baschet, Justices, S. 580, Anm. 149]
1250 Vermutlich vor 1250 werden in Nordfrankreich die "Ordene de chevalerie"
verfaßt. Dieses anonyme Werk erlangt große Popularität und ist in
zahlreichen Abschriften überliefert, oft zusammen mit anderem für ein
ritterliches Publikum interessantem Material. Es zirkuliert auch eine
kurzgefaßte Prosaversion. Die Rahmenhandlung erzählt, wie Graf Hugo von
Tiberias von Sultan Saladin gefangengenommen wird, welcher ihn
freizulassen verspricht, wenn er ihm erkläre, wie nach Christenrecht
Ritter gemacht würden. Das Gedicht beschreibt dann ausführlich, wie Hugo
den Sultan zum Ritter macht. Trotz des christlichen Anstrichs der
Rituale wird hier ein ganz und gar weltliches Verfahren gezeigt, das ohne
Kleriker auskommt. Am Ende wird Hugo freigelassen, nachdem Saladin das
Lösegeld spendiert hat.
Albertus Magnus beschreibt Metallfiguren, die, mit Wasser gefüllt und
erwärmt, die verschließenden Holzkeile wegschleudern ("Püsteriche").
Der "Königsspiegel" empfiehlt, das Hemd kürzer zu schneiden als den
Rock, weil sich kein höfischer Mann mit Stoffen aus Hanf oder Flachs
schmücke. (Was soll das wohl bedeuten?)
In Kulmbach werden Neubürgerlisten angelegt.
Die Mainzer zerstören mit Unterstützung von König Wilhelm die Burg
Weisenau.
Kaiser Friedrich II. (56) stirbt.
Ca.: Der französische Architekt Villard zeichnet eine Uhr mit Gewichten.
Ca.: Entstehung der Stifterfiguren im Naumburger Dom.
Ca.: Einsetzen der "Chronica universalis Mettensis" (Metzer Chronik)
des Dominikaners Jean de Mailly. Hier findet sich sich die erste
heute allgemein als echt anerkannte Bezeugung der Päpstin (der
späteren Päpstin Johanna der Legende): Nach Papst Viktor (gest. 1087)
am Ende der Seite, welche die Jahre von 1051 bis 1100 umfaßt, wird
eine "papissa" (Päpstin) erwähnt, die nicht im Katalog der Päpste
geführt werde, weil sie als Frau das andere Geschlecht nur simuliert
habe. Durch große Begabung (probitate ingenii) habe "er" es zuvor
schon zum Notar der Kurie, später zum Kardinal und schließlich zum
Papst gebracht und die ganze Sache sei durch eine Geburt beim Reiten
publik geworden, worauf man sie an den Schwanz ihres Pferdes gebunden
und durch die Stadt geschleift habe, währenddessen sie vom Volk
gesteinigt und am Ort ihres Todes begraben worden sei.
Dies soll nach "Romana iustitia" geschehen sein. Eine lateinische
Inschrift (mit sechs allitterierenden P) bezeuge dies: "Petrus, Vater
der Väter, du sollst das Gebären der Päpstin verraten". In ihrer
Amtszeit soll das Quatemberfasten eingeführt worden und als das
Fasten der Päpstin bezeichnet worden sein. Dazu sei bemerkt, daß im
Entwurf des Autors am Ende eines Folio der Vermerk "require" (prüfe)
steht, wobei unklar bleibt, ob der Autor diese Prüfung tatsächlich
vorgenommen hat. Möglicherweise (nach Boureau) liegt hier ein "Sprung
des Gerüchts in den Text" vor.
Ca.: Der Marner, ein wandernder Liederdichter, beschreibt in einem
Werk, was die Hofgesellschaft von ihm erwartet: "Sing ich dien liuten
mîniuliet, / sô wil der êrste daz / wie Dieterîch Berne schiet, /
der ander, wâ künc Ruother saz, / der dritte wil der Riuzen sturm, sô
wil der vierde Ekhartes nôt, / Der fünfte wen Kriemhilt verriet, / der
sehsten taete baz / war komen sî der Wilzen diet".
Ca.: Stephanus de Bellavilla, ein Inquisitor, entdeckt in Neuville
(Diözese Lyon) einen bäuerlichen Kult, bei dem ein heiliger Hund verehrt
wird ("De aduratione Guinefortis canis"). Selbstredend sorgt er für
dessen Ausrottung.
Bis 1280: Entstehung der Steirischen Reimchronik. Hier wird u.a.
vom armen Schneider Berchtold aus Wien berichtet, der durch die
Gunst von Herzog und Herzogin zum Schützenmeister aufsteigt (Ein
Beispiel für ständische Mobilität).
Bis 1296: Mehrmals wird das Turnier von den französischen Königen -
ohne Erfolg - verboten.
Ca.: In Westisland entsteht die "Laxdoela saga" (Saga von den Leuten
aus dem Laxartal).
1251 Kreuzzug der Pastorellen ("Hirtenkinder") in Nordfrankreich unter
Führung eines gewissen Meister Jakob aus Ungarn. Ihr Zeichen ist das
Lamm (vielleicht auch daher der Name, denn es sind nicht nur Kinder).
Es sollen angeblich schließlich 100000 gewesen sein und sie beginnen
mit Ausschreitungen, besonders gegen die Juden. Die Königin, die
Jakob zunächst ehrenvoll aufgenommen hat, bewirkt nun den Bann gegen
ihn und seine Haufen werden verfolgt und zerstreut. Meister Jakob wird
in Bourges von einem Fleischer erschlagen.
Aufkommen der Senfmühle.
Brand von Lübeck. Danach wird die dortige Marienkirche als frühgotische
Hallenkirche weitergebaut. (Beginn der norddeutschen Backsteingotik)
Nach einer Verordnung sind "Mädchenräuber, Diebe und Totschläger...
nicht als Studenten zu betrachten und zu behandeln".
1252 In der Bulle "Ad exstirpanda" von Papst Innozenz IV. wird erstmals die
Folter (durchgeführt durch die weltliche Obrigkeit) zur Erzielung eines
Geständnisses in der Inquisition von der Kirche gebilligt. Die Folter,
seit der Antike bekannt, war seit Anfang des 10. Jhs. verschwunden.
In Norditalien wird der Inquisitor Peter von Verona umgebracht.
Übergang zur Goldwährung in Florenz (Florin, Floren, Florenus, Fiorino
d'oro) und Genua (Dukaten). Der Florin zeigt vorne Johannes den Täufer
und auf der Rückseite die Lilie. Er hat 24 Karat Feingehalt und 3,537
Gramm Rauhgewicht und soll einem Pfund Silbergeld entsprechen. Die neue
Währung wird in ganz Europa begeistert aufgenommen und heißt bald nur
noch "Gulden". Die allgemein übliche Abkürzung (für Gulden) wird "fl"
und bezeichnet noch heute den niederländischen Gulden. (Die genuesische
Münze heißt evl. ursrünglich nicht "Dukaten" - vgl. 1284).
Traditionelles Gründungsjahr von Stockholm, weil aus diesem Jahr zwei
Briefe des "major domus" der Stadt erhalten sind, die Stockholm aber gar
nicht betreffen.
Über Toleranz in Spanien: Es stirbt König Ferdinand III. von Kastilien.
Seine Grabinschrift ist auf lateinisch, hebräisch und arabisch verfaßt.
(Vgl. 1389)
Steyr wird als "civitas" genannt. (Vgl. 1170),
Gründung von Stockholm.
1253 In Siena wird das gegenseitige Bewerfen mit Steinen (ein Kampfspiel)
verboten. An dieser Stelle sei stellvertretend für die zahlreichen noch
folgenden Verbote bemerkt, daß das Mittelalter keine Freude an der
rigiden Durchsetzung von Normen hat. Die gleiche "Obrigkeit" (ein Begriff,
der erst Ende des 15. Jhs. entsteht), die Verbote erläßt, gestattet
gleichzeitig Ausnahmen und Sonderlizenzen.
7. Mai: Der Mönch Wilhelm von Rubruck, Gesandter Ludwigs IX. von
Frankreich bricht von Konstantinopel aus auf, um nach Karakorum zum
Mongolenkhan Möngke (Mangu) zu reisen.
1254 Gründung des Rheinischen Städtebundes auf Betreiben des Mainzer
Kaufmanns Arnold Waldpot; ursprünglich zurückgehend auf Mainz, Worms
und Oppenheim. Dazu die Wormser Chronik zu diesem Jahre:
"Desmals aber stunds in Deutschland und fürnehmlich am Rhein also, daß
wer der stärkst war, der schub den andern in sack, wie er kunnt und
möcht. die reuter und edelleut nähreten sich aus dem stegreif,
mordeten wen sie konnten, verlegten und versperten die päss und
straßen und stellten denen, so ihres gewerbs halben über land ziehen
musten, wunderbarlich nach. darneben hatten etliche herrschaften neue
zöll am Rhein aufgericht, auch war das arm volk mit übermäßigen
unbilligen schatzungen hoch beladen, beschwert und bedrängt, derhalben
weil sie sonst keiner hülf oder trosten gewärtig, verbanden sich nach
deren von Worms, Mainz, Oppenheim exempel fast in die 60 städt am
Rhein gelegen, daß ie eine der andern in nöthen beistand thuen sollte,
als Wesel, Neus, Ach, Cöln, Bonn, Boppard, Wetzlar, Speier, Straßburg,
Basel, Schlettstatt, Zürch, Freiburg, Breisach, Weißenburg, Neustatt,
Wimpfen, Heidelberg, Lützelberg, Frankfurt, Friedberg, Seligenstadt,
Bingen, Lautersburg, Mühlhausen, Gelhausen. zu dieser städt bund
schlug sich pfalzgraf Ludwig, welches schwester mit namen Elisabetha
könig Conrad zum gemahl gehabt, stellt seine kriegsrüstung neben sie,
die thaten dann zusammen und stellten alle zöll ab, so auf dem Rhein
bei den städten aufgehoben wurden, wiewohl sie von wegen der krieg
viel schuldig, rißen die raubschlösser ein, schleiften sie, vertrieben
die mörder und straßenräuber zum land hinaus. als diß ihnen glücklich
näher gieng, schickten sie zu den benachbarten fürsten und herrn,
nämlich Gebharden, Conraden, Arnolfen, erzbischofen zu Mainz, Cöln
und Trier, Richarden, Heinrichen, Bertholden, Jacoben, bischofen zu
Worms, Straßburg, Basel und Metz, desgleichen an Conraden, Emichen
wildgrafen, Dietherichen von Catzenelnbogen, Friedrich zu Leiningen,
Bertholden zu Ziegenhain, Boppen zu Thüringen, Ulrichen von Pfirt,
Gerlachen von Limburg und alle städt, daß sie auch desgleichen
abstelleten, wiewohl sie aber erstlich des ungern thaten, iedoch
folgeten sie den andern, kamen gen Metz zusammen und schwuren den
zehnjährigen frieden zusammen. ward also durch deren von Worms löblich
exempel und großen kosten (dann ihnen das erst jahr über die tausend
mark auf söldner und reuter zu bestellen gelaufen) wiederum fried und
ehrbarkeit ziemlicher maßen gepflanzt. Actum anno 1254 auf Margretae."
[Friedrich Zorn, Wormser Chronik, ed. Wilhelm Arnold, Stuttgart 1857,
S. 101f.] [Wie aus der Sprache schon ersichtlich, Jahrhunderte später...]
Graf Derik IV. von Kleve erhebt die Zollstation Grieth, erst vor vier
Jahren gegründet, zur Stadt.
In London findet in Vorbereitung eines Turniers (erstmals?) ein
Reiter-quintain ("Sarazenenstechen") statt, welches in ein allgemeines
Handgemenge ausartet. Das teilnehmende Hofvolk wird von den Bürgern
verspottet (als Feiglinge und Hampelmänner), bricht daraufhin ab und
verprügelt die Spötter. Der König verurteilt den Londoner Magistrat
zu einer Geldbuße von 1000 Mark.
Papst Innozenz IV. stirbt. Er wird mit seinen Pontifikalhandschuhen
beerdigt, und diese stellen das älteste erhaltene mittelalterliche
Strickwerk dar. Das Stricken, in der Spätantike vermutlich von koptischen
Christen in Ägypten erfunden und später in Vergessenheit geraten, ist
Mitte des 13. Jhs. neu entdeckt worden.
Ca.: In Rostock werden Stadtbücher geführt.
Bis 1260: Entstehung des Versromans "Biterolf und Dietleib", wahrsch.
im Traungau (Steiermark).
1255 Städtischer Rat in Ulm bezeugt.
In der ersten Teilung Bayerns erhält Herzog Ludwig II. der Strenge
Oberbayern mit München. Unter seiner Herrschaft wird die Stadt Residenz
der Wittelsbacher.
König Ludwig der Heilige von Frankreich, der von seinem Kreuzzug einen
Elefanten mitgebracht hat, schenkt dieses Tier seinem Schwager Heinrich
III. von England. Dies ist der erste Elefant, der seit der Römerzeit
nach England kommt. In London wird ihm beim Tower sogleich ein Haus
gebaut, welches 40 mal 20 Fuß groß sein soll (siehe 1258).
Diese Episode ist der "Chronica majora" von Matthäus Parisiensis
vermerkt, wo sich die erste realistische Abbildung eines Elefanten
im nördlichen Europa findet - allerdings ohne weitere Folgen, denn
die Bilderwelt wird weiterhin von phantastischen Darstellungen
beherrscht.
Uerdingen wird zur Stadt erhoben.
In Barcelona wird mit dem Bau eines Arsenal- und Werftbereiches begonnen.
Fall von Queribus (in den Pyrenäen), der letzten Burg der Katharer.
1256 Die Markt- und Gewerbeordnung für Landshut schreibt vor, daß Würste
nur aus gutem Fleisch hergestellt werden dürfen, bei einer Strafe von
einem Pfund Pfennig und Ausschluß aus dem Handwerk für ein Jahr. [O hätten
wir heute solch ein Gesetz...]
Aus dem Bayerischen Landfrieden: "Loterpfaffen mit dem langen hare
und spilleut, die diu wip mit in furent uzzerhalb ir pfarre, die sint
uz dem fride."
König Alfons X. (der Weise) von Kastilien verwendet zu astronomischen
Beobachtungen Kerzen-, Quecksilber- und Wasseruhren.
In Italien bildet sich der Augustiner-Eremiten-Orden.
Leonardo Malaparte durchschwimmt die Etsch "gleich einer Ente unter
Wasser" auf 7000 Schritt.
Ca.: Markgraf Heinrich von Meißen vefügt für die Stadt Altenburg im
Reichsterritorium Pleißen, daß jeder, der unfrei geboren wird und Jahr
und Tag ohne Rückverfolgung in der Stadt lebt, nach dieser Frist nicht mehr
zurückverlangt werden kann. Hier wird verfahrensrechtlich erstmals faßbar,
was später mit dem Satz "Stadtluft macht frei" umschrieben wird. (Dieser
im 19. Jh. geprägte Grundsatz hieß zunächst "Luft macht frei".) Dieser Satz
beruht im Kern darauf, daß sich gesellschaftliche Veränderungen auch
rechtlich auswirken. Das ältere Personalitätsprinzip des Frühmittelalters,
bei dem die Zugehörigkeit zu einer Personengruppe entscheidend ist, wird im
Hochmittelalter vom Territorialitätsprinzip abgelöst, bei welchem die
räumliche Abgrenzung entscheidet. [Dies geschieht natürlich nicht genau
Anno 1256!]
/1257: Bologna befreit alle Leibeigenen seines contado, insgesamt etwa 6000.
Ihre fast 400 Herren erhalten hohe Entschädigungen, während die Freigelassenen
ihren Anspruch auf ihre Besizrechte verlieren und nun auch noch besteuert
werden.
Bis 1273: Interregnum im Reich.
1257 Beispiel für Ostsiedlung: Herzog Konrad von Schlesien organisiert die
Besiedlung des Dorfes Zedlitz. Dabei wird vereinbart, daß solche
Landstücke, die bereits offen (gerodet) oder nur mit Buschwerk bestanden
sind, in flämische Hufen (etwa 16 Hektar Land) aufgeteilt werden
sollen, dichtes Waldland hingegen in fränkische Hufen (etwa 24 Hektar).
Die flämische Hufe kann aus verschiedenen Parzellen zusammengesetzt
sein, die fränkische jedoch bildet einen zusammenhängenden Landstreifen.
Eine fränkische Waldhufe erreicht erst nach einiger Zeit ihre volle
Ausdehnung, weil sich diese Fläche nicht in einer Saison vollständig
roden läßt. Die flämischen Hufen genießen in Zedlitz fünf, die
fränkischen zehn Jahre Abgabenfreiheit. (Diese Karenzzeit kann freilich
variieren: In einem anderen schlesischen Beispiel aus dem späten 13. Jh.
beträgt diese Frist für bereits urbares Land drei Jahre, für Buschland
neun Jahre und für dichtes Waldland 16 Jahre.
Heinrich III. von England gibt versuchsweise Goldmünzen aus. Dieser
Versuch scheitert. (England erhält erst 1344 eine Goldwährung).
1258 König Alfons X. von Kastilien erläßt die erste konkrete ständische
Kleiderordnung: "Niemand außer dem König soll ein Cape aus Scharlach
tragen. ... Kein Adliger und niemand sonst soll einen Umhang aus
Silberfell mit Edelsteinen, Knöpfen [gibt es denn schon Knöpfe?],
langen Schnüren, mit Hermelin oder Nutria tragen, und kein Edelmann
soll am Hof einen Tabardo-Mantel tragen." Adlige und Ritter werden
angewiesen, im Jahr nicht mehr als vier Garnituren neuer Kleider,
und zwar nur aus Fell und Stoff zu erwerben.
In London geht der vor drei Jahren eingeführte Elefant ein.
Der Stadtrat von Toledo gründet etwa 30 km südlich der Stadt das Dorf
Yébenes, dessen Bewohner zehn Jahre Abgabenfreiheit erhalten. (Auch in
Spanien finden in den den Mauren entrissenen Gebieten ausgedehnte
Besiedelungsaktionen statt - mit den gleichen Mechanismen wie im Osten.)
die Siedler sind verpflichtet, in den ersten beiden Jahren eine
bestimmte Fläche mit Weinreben zu bepflanzen.
1259 Handelsbund zwischen Lübeck, Hamburg, Wismar und Rostock.
In Chevilly und L'Hay gewährt das Kapitel eine Kollektivbefreiung von
Leibeigenen. Während sich die Lage der Bauern in einigen Gebieten
verbessert, verschlechtert sie sich in anderen (z.B. in England).
Köln erhält Stapelrecht (bis 1831).
1260 Es gibt etwa 17500 Franziskaner.
Im Kloster Corvey wird die antike Tabula Peutingeriana reproduziert.
Herzogin Gertrud, die letzte Babenbergerin, legt für Judenburg eine
Steuer von zwei Pfennig für alle Bürger und Ministerialen für die
Einleitung und Benutzung des Stadtbaches fest. Der Bau dieser
Wasserversorgung ist ein besonderes Anliegen des landesfürstlichen
Verwalters der Stadt, Ulrich von Lichtenstein (auch als Minnesänger
bekannt).
Breslau beginnt mit dem Bau einer Stadtmauer mit sieben Toren.
In Bologna verstirbt der Rechtsgelehrte Accursius, der in den "Glossa
ordinaria" die Glossen seiner Vorgänger (zum römischen Recht)
zusammengefaßt hat.
Ca.: In Paris gibt es 130 organisierte Gewerbe, davon allein 22 für
die Eisenbearbeitung.
Ca.: Ludwig IX. gründet in Paris ein Blindenhospital.
Bis 1270: Rutebeuf verfaßt den "Renard le Bétourné", eine Tierfabel,
in welcher die Bettelorden lächerlich gemacht werden.
1261 Von Italien aus kommt die Schwärmerei der Geißelprozessionen nach
Deutschland. Ein solcher Zug soll 34 Tage dauern. Diese Bruderschaften
heißen Compagnia della Scopa, del Battuti, Flagellanti, Scopatori und
Disciplinata.
Obwohl Spielleute eigentlich keine Waffen tragen dürfen, tritt der
Spielmann "Bitterpfeil" in einer Fehde zwischen der Stadt Straßburg
und ihrem Bischof Walter von Geroldseck als Schwertkämpfer auf.
Der Dominikaner Etienne de Bourbon verfaßt den "Tractatus de diversis
materialibus praedicabilibus" (Traktat der sieben Geistesgaben).
danach hat sich um das Jahr 1100 eine Verwegenheit oder eine
Ungeheueuerlichkeit (mirabilis audacia imo insania) ereignet, wie es
"in den Chroniken" heiße. Eine gebildete und in der Kunst des
Schreibens - der Zauberei? - versierte Frau, die sich durch männliche
Kleidung (assumpto virili habitu) als Mann ausgab kam nach Rom und
brachte es durch Fleiß und Schriftgelehrsamkeit zum Notar der Kurie
und durch Unterstützung des Teufels zum Kardinal, schließlich gar zum
Papst. Dies ist die zweite Erwähnung der Päpstin (vgl. 1250), später
als "Päpstin Johanna" bekannt. Wie in der ersten Quelle wird sie auch
hier nach einer Geburt enttarnt und zu Tode geschleift (aus der Stadt
gezogen) und gleichzeitig über eine halbe Meile gesteinigt. Diese
Stelle scheint Jean de Mailly zu folgen (vgl. wieder 1250) mit dem
Unterschied, daß sie diesmal nicht an den Schwanz, sondern an die
Beine des Pferdes gebunden wird. Diese Variante, die als Verschärfung
der Strafe gedeutet wurde, bedarf eines Kommentares: Es mag makaber
erscheinen, sich über die Details des Zutode-Schleifens auszulassen,
aber weder die eine noch die andere der beschriebenen Methoden
erscheinen realistisch. (Es wäre auch noch zu klären, inwieweit eine
solche Strafe zu dieser Zeit üblich ist bzw. war.) Bei Etienne de
Bourbon geht es jedenfalls weiter, daß an ihrem Grabe ein Stein mit
der Inschrift "Hüte dich, Vater der Väter, das Gebären der Päpstin zu
verraten" stehe. Der Text schließt: "Seht, zu welch verabscheuungswürdigem
Ende eine so unbesonnene Vermessenheit führt!"
Der sterbende Herzog Heinrich von Brabant verordnet, daß alle Wucherer
aus seinem Lande zu vertreiben seien. Seine Witwe entscheidet sich dann
aber - nachdem sie den Rat von Thomas von Aquin eingeholt hat - zur
Toleranz.
Ca.: In Lyon stirbt Stephanus de Bellavilla (Stephanus de Borbone,
Étienne de Bourbon), ein Inquisitor, der in seinen letzten Jahren als
Hauptwerk der "Tractatus de diversis materiis praedicabilibus" (auch
"De septem donis spiritus sancti") ist. Diese etwa 3000 Erzählungen sind
zum Teil anderen Quellen entnommen (Bibel, Antike, Heiligenlegenden,
Vitae patrum, Isidor, Petrus Alfonsi), zum Teil berichten sie aber auch
von Erlebnissen während seiner Reisen und gestatten damit einen Einblick
ins Volksleben.
1262 Ende der bischöflichen Herrschaft in Straßburg.
Der Lübecker Rat errichtet gegen den Widerstand der Kirche die
Lateinschule bei St. Jacobi für Kaufmannssöhne. Sie wird von der
Stadt bezahlt.
Der Magistrat von Siena droht den Teilnehmern an einem Pferderennen
mit rechtlichen Konsequenzen, wenn sie beim Rennen schwere oder
tödliche Verletzungen verursachen.
Die von Rainer von Modena (einem weiteren Heiligen) gegründete
Geißelgesellschaft veranstaltet eine Geißelprozession nach Modena,
an der viele angesehene Personen teilnehmen.
Die venezianischen Kaufleute Maffio und Niccolo Polo reisen erstmalig
nach China.
1263 Markgraf Heinrich der Erlauchte von Meißen veranstaltet zu Nordhausen
ein Turnier. Erster Preis: Ein Schlachtroß mit prächtigem Sattel und
Zeug, dazu eine 20 Pfund schwere silberne Rüstung, ein Schwert mit
goldenem Griff, nebst dergleichen Wehrgehänge und Sporen. Zweiter
Preis: Schlachtroß, Schwert, Wehrgehänge und Sporen. Dritter Preis:
ein Schlachtroß und eine schwere goldene Kette mit einem Schaupfennig.
Die Bewohner von Düsseldorf erhalten das Recht, eine Fährstelle am
Westufer der Altestadt <sic!> zu errichten. Der Ort hat wohl nicht
besonders viel davon, denn solche Übergänge sind häufig und das Land
am anderen Ufer gehört dem Erzbischof von Köln.
In Lübeck ist die Möglichkeit der Überprüfung der stadtgerichtlichen
Urteile durch den Rat als eine Art Obergericht bereits als feste
Einrichtung bezeugt.
In Stettin ist ein Stadtrat belegt, den es vermutlich schon seit 1254
gibt. In diesem Jahr zählt er zehn Mitglieder (1302: 14; seit 15. Jh.:
16).
Ramon Lull, ein Freund und Gefolgsmann von Jaime von Mallorca, der
bisher wohl ein recht liederliches Leben geführt haben soll, bekehrt sich
nach einer Vision und verfaßt bald darauf das "Libre del ordre de
cavayleria", eine Abhandlung über das Rittertum, die sehr erfolgreich
wird.
Bis 1315: In der Gegend von Nizza vermehrt sich die Zahl der Haushalte
von 440 auf 722, ein Zuwachs von 0,95% pro Jahr. (vgl. 1377)
1264 Die Pisaner veranstalten vor den Mauern des belagerten Florenz
Wettläufe.
Mainz und Nürnberg bestätigen ihre gegenseitige Zollbefreiung.
1265 In Rottweil ist ein Rat bezeugt.
In Xanten gibt es Kegelbrüder: eine Handschrift erwähnt "fratres
kegelorum". Es handelt sich um eine Art Gilde, die eine Aufnahmegebühr
in Naturalien verlangt. Die Kegelbahn soll direkt neben dem Dom gewesen
sein. Ursprünglich wird nur mit einem Kegel, später mit elf gespielt.
In Aachen sind gepflasterte Straßen nachgewiesen.
Für dieses Jahr ist eine der ältesten Sühnewallfahrten, und zwar nach
Aachen nachgewiesen. Solche Wallfahrten werden zum Seelenheil der
Getöteten unternommen, nicht zur Besserung der Täter.
Dresden erhält ein Franziskanerkloster.
Nach dem Tode Urbans IV. wird Clemens IV. neuer Papst (bis 1268).
Er gewährt mit wachsender Freizügigkeit Ablässe und verordnet einen
allgemeinen Vorbehalt aller frei werdenden Kurialpfründen.
Ca.: In Hamburg wird der "Barbarossa-Freibrief" gefälscht (auch
inhaltlich verändert), weil es für die Privilegien von 1189 offenbar
keine (erhaltene?) Urkunde gibt.
1266 Erzbischof Engelbert II. von Köln erneuert in der ganzen Diözese die
Privilegien der Juden (die verletzt worden waren).
Münzen: Aus dem Solidus wird der Schilling.
Magister Gerhard, der Pfarrer von St. Stephan in Wien gründet ein
Leprosenhaus bei dem Klagbaum an der Wieden.
Ludwig der Heilige läßt eine "große" Silbermünze prägen, den Gros
tournois im Werte von zwölf turonischen Denaren. Diese "große" Münze
ist für Jahrhunderte nur eine reine Rechnungseinheit gewesen. Der Gros
tournois ist aus reinem Silber, während der Denar sich ständig
verschlechtert. Ludwig gibt außerdem eine Goldmünze heraus, den
Denier d'or à l'écu vom gleichen Gewicht wie dier Gros tournois. Schon
im Namen zeigt sich sich die hartnäckige Vorstellung, daß die einzige
Münze der Denar sei, daher auch der unsinnige Begriff "Golddenar".
Dieser Écu ist zehn Sous tournois wert, womit schlichtweg festgesetzt
wird, daß Gold zehnmal soviel wert ist wie Silber. Von dieser Währung
sind nur sehr wenige Münzen erhalten. Vielleicht werden nur wenige in
Umlauf gesetzt oder sie werden heimlich eingeschmolzen. Es hat jedoch
Ludwig der Heilige mit dieser Münze gezeigt, daß er Gold prägen kann
wie die byzantinischen Kaiser und die (zum Reich gehörigen)
italienischen Städte. (Vielleicht will er gar nicht mehr damit?)
In diesem Jahr, wie auch bereits 1263, regelt der französische König
die Währung durch eine große Verordnung: Der König hat das alleinige
Recht auf Münzprägung und auf den Gewinn aus den Prägungen sowie das
Recht, die Währung anzugleichen (entgegen landläufiger Ansicht meist
ein Verlustgeschäft). Die Währung des Königs ist im ganzen Lande
obligatorisch, während die Prägungen der Landesherren nur in deren
lokalem Herrschaftsbereich gelten. Die Barone dürfen nur Münzen prägen,
die vom Gewohnheitsrecht sanktioniert sind - also nur alte Denare, die
bald nur noch als Hilfswährung dienen.
In England legt eine Brotverordnung (Assize of Bread) Gewichte und Preise
verschiedener Brotsorten fest. Wer zu leichtes Brot backt, wird an den
Pranger gestellt.
Die Mongolen unter Kublai Khan setzen arabische Techniker ein.
1267 Das Wiener Konzil bezieht sich wörtlich auf das 4. Laterankonzil (von
1215) und verkündet die Judenkanones, darunter die Verpflichtung, den
Judenhut ("cornutus pileus") zu tragen, um sexuelle Kontakte mit
Christen zu verhindern. Das Würfelspiel auf dem St.-Stephans-Friedhof (!)
wird untersagt.
Zur Baseler Fastnacht sind etliche Edelleute in der Stadt, die durch
"Galanterie" (J. Scherr) über die Stränge schlagen, worauf sich die
Baseler erheben und ihrer nicht wenige erschlagen oder verwunden:
"Etliche wurden den schönen Jungkfrawlein in dem Schoß zerhauen".
1268 Die Leipziger Messe, die bereits seit 97 Jahren stattfindet, erhält
ein kaiserliches Privileg.
In Hamburg wird bestimmt, daß die Baulinie der Fassaden und Bauteile
der Häuser den Gewässern und Straßen folgen müssen.
Die Rheinbrücke zu Basel (282 Schritt lang) wird schwer beschädigt.
In Avignon entsteht die Geißelbruderschaft der Grauen Büßer. (Solche
Vereinigungen werden erst im 16. Jh. dort ihre Blütezeit erleben.)
Die italienische Stadt Fabriano in der Mark erhält Papiermühlen.
Es stirbt der englische Rechtsgelehrte Bracton. Sein fünfbändiges
Werk "Über die Rechte und Rechtsgewohnheiten Englands" bleibt bis ins
18. Jh. hinein Handbuch des Common Law.
1269 Die Geißelbruderschaft von Bologna will eine Geißelprozession in
größerem Umfang durchführen, was aber durch das Mißtrauen der
Ghibellinen verhindert wird. Der Marchese Obizzo von Este und die
Räte von Ferraro erlassen strenge Verordnungen dagegen.
Pierre de Maricourt, genannt Petrus Peregrinus verfaßt ein Werk über
den Magnetismus: "Epistola Petri Peregrini Maricurtensis de Magnete".
Darin befindet sich auch die Zeichnung eines Kompasses mit arabischen
Ziffern sowie u.a. folgender Satz: "Ich habe viele Männer gesehen, die
sich auf der Suche nach der Erfindung dieses Rades [des perpetuum mobile]
aufrieben." Diese Schrift bleibt offenbar einziges Standardwerk über den
Magnetismus bis 1600 (durch William Gilbert, der Teile von Maricourts Werk
übernahm). Maricourt ist der Lehrer von Roger Bacon.
1270 Als in St.-Maximin in der Provence neue Reliquien von Maria Magalena
gefunden und vom Papst für echt erklärt werden, bricht die bisherige
Wallfahrt nach Vézelay, wo sich bisher die Reliquien von Maria
Magdalena befunden haben, zusammen.
Mit der Errichtung eines Dammes, der die Amstelmündung von dem Ij
genannten Zuiderzee-Arm trennen soll, beginnt die Geschichte von
Amsterdam.
In Hamburg tritt das "Ordeelbook" (Urteilsbuch) in Kraft, ein
Gesetzbuch, geschaffen von Jordan von Bolzenburg.
Beispiel für die Motivierung der Ostsiedlung durch Abgabenfreiheit:
Der Bischof von Olmütz gewährt den Siedlern des bei Mährisch-Ostrau
gelegenen Dorfes Fritzendorf zwölf Jahre Abgabenfreiheit, jenen aber,
deren Felder sich "gegen Staritsch erstreckt(en)", 16 Freijahre, "weil
die Äcker dort schlechter als die anderen sind." Im 13. Jh. schwankt
die Zahl der abgabenfreien Jahre für Siedler zwischen einem und 20.
Philipp III. der Kühne prägt Goldmünzen: den Denier à la reine.
Ludwig IX. von Frankreich gelingt es, seinen unruhigen Bruder Karl
von Anjou zu einem Kreuzzug nach Tunis umzuleiten. Auf diesem
siebten und letzten Kreuzzug stirbt er selbst an der Dysenterie.
Alphons von Poitiers finanziert die teilnahme am Kreuzzug durch den
Verkauf von Holz und indem er seinen Leibeigenen erlaubt, sich
freizukaufen.
Ende der Hochgotik. Allein in Frankreich sind bisher etwa 80
Kathedralen und zahlreiche kleinere Kirchen im gotischen Stil gebaut
worden.
Ca.: Mindestanforderungen an Priester nach einer Schrift des Straßburger
Dominikaners Ulrich Engelberti: Ein Priester muß über wenigstens soviel
Grammatikkenntnisse verfügen, um die Worte der Messe richtig zu
betonen und auszusprechen. Von dem, was er vorlese, soll er wenigstens
den Sinn verstehen. Das institutionenferne Mittelalter kennt für das
Priesteramt keine geregelte Ausbildung (der Priester darf lediglich
nicht "illiteratus" sein) und kein durchgängig geregeltes Prüfungsverfahren.
Ca.: Tod von Guillelmus Peraldus, welcher jegliches Hören von Musik
für besorgniserregend gehalten hat, weil dadurch das menschliche Gemüt
verweichlicht würde.
Ca.: In Steyr existiert eine Waldensergemeinde mit Schule.
Ca.: In einem Dominikanerkloster in Genua verfaßt Jacobus a Voragine
(später Erzbischof von Genua) die "Legenda aurea", die bekannteste
christliche Legendenkompilation (über 200 Legenden).
Ca.: Entstehung des Epos von der Rabenschlacht im österreichisch-
bayerischen Sprachraum (wohl Tirol). Dieses Werk bildet mit "Dietrichs
Flucht" zusammen das "Buch von Bern" (Dietrichsepik).
Ca.: Jean de Meung verfaßt den zweiten Teil des "Roman de la Rose",
eine fast schon parodistische Fortsetzung.
Ca.: Der Salzburger Pleier verfaßt das Epos "Garel vom blühenden Tal".
Ca.: Der Marner, ein wandernder Dichter, wird offenbar ermordet.
Ca.: In Zürich entsteht eine Liederhandschrift, die zum Vorbild für
die spätere "Große Heidelberger Liederhandschrift" (Codex Manesse)
wird.
Ca.: Aus dieser Zeit stammt das älteste erhaltene Exemplar eines
Topfhelmes, gefunden bei Dargen auf Usedom.
Ca.: Deutsche Kaufleute vereinbaren mit Khan Möngke Temur direkte
Handelsbeziehungen unter Ausschaltung des russischen Zwischenhandels.
Ca.: Bei der Belagerung von Fan-tsching setzen die Mongolen Feuerwaffen
ein.
1271 Graf Meinhard II. von Tirol (oder: von Görz in Tirol) läßt in Meran
erstmals eine neue Silbermünze prägen: den Kreuzer oder Zwainziger. Eine
Seite zeigt ein Doppel- oder Radkreuz. Der Wert beträgt 20 "Berner"
(Veroneser Pfennig).
Aus der Basler Bauleutezunftordnung: "In dirre selben zunf sint die
vrowen als die man." (Die Frauen gelten soviel wie die Männer.)
Robertus Anglicus erwähnt in einem Kommentar zur "Sphaera" des
Sacrobosco einen Wandel der Zeiterfahrung und Zeitvorstellung.
Bisher sind Tag und Nacht in je zwölf Stunden eingeteilt, deren
Länge je nach Jahreszeit variiert. Nunmehr gehe man zu gleichlangen
Stunden über. Er beschreibt auch die Herstellung einer solchen
mechanischen Uhr, doch sei es noch nicht gelungen, ein Rad herzustellen,
das eine vollständige Umdrehung für jeden Äquinoktialkreis vollbringt.
Dresden erwirbt den Marktzoll.
In Stettin sind Juden nachgewiesen, die hier aber nie besonders zahlreich
sind.
Bis 1286: Der Hofdichter Ulrich von Etzenbach verfaßt die
"Alexandreis", einen Alexanderroman, gewidmet dem böhmischen König.
1272 Es stirbt Berthold von Regensburg. Er hat sich z.B. gegen die
Wallfahrt von Frauen ausgeprochen, weil sie mehr Sünden als Ablaß
und Buße mit nach Hause brächten, oder gegen den Aufwand an der
Kleidung (daß etwa die Schneiderarbeit soviel koste wie das Tuch
dafür - was übrigens viel zu hoch gegriffen ist).
Es stirbt David von Augsburg. Er hat vor falschen Wundern und Visionen
gewarnt.
In Wismar werden Stadtbücher geführt.
Breslau erhält eine "Wasserkunst" (Wasserversorgungsanlage).
Erste maschinelle, von Wasserkraft betriebene Vorrichtung zum Zwirnen
von Seide in Borghesano.
Der Chor der Kathedrale von Beauvais ist fertig. Er hat die Rekordhöhe
von 48 Metern, wird aber nur zwölf Jahre halten.
1273 Die Stadt Leipzig übernimmt gegen eine Zahlung von 30 Mark Silber
die markgräfliche Münzstätte.
In Augsburg gibt es ein Frauenhaus (Bordell).
Dinkelsbühl wird Reichsstadt.
Dinslaken wird von Graf Dietrich VII. von Kleve zur Stadt erhoben.
In England werden etwa acht Millionen Schafe gezüchtet, welche die
Zentren der Wollindustrie in Flandern und Florenz mit 32743 Säcken
Schurwolle (Gewicht etwa 3500 Tonnen) versorgen.
Das Abhalten jeglicher weltlicher Gerichte innerhalb von Kirchen wird
verboten.
Neuer König wird Rudolf I. (55; bis 1291).
1274 Es stirbt Thomas von Aquin. Um seine Reliquien zu erhalten, wird
seine Leiche vom Kopf getrennt, gekocht und präpariert.
Es stirbt Bonaventura (alias Johannes Fidanza), italienischer
Franziskaner, Kirchenlehrer, Ordensgeneral und Kardinal. Von ihm
stammt folgender Satz: "Was das Wesen des Ebenbildes Gottes in der
Seele und in deren Vermögen angeht, so gibt es zwischen Mann und Frau
keinen Unterschied."
Das Provinzialkonzil von Salzburg weist an, das Tragen langer Haare,
nicht geschlossener Kleidung, silberner Gürtel und Schnallen sowie
geschwänzter Hüte zu unterlassen. Für die Verbrämung der
Kopfbedeckung wird schwarzes Schaffell vorgeschrieben. Das zielt auch
auf den Klerus.
Die Rheinbrücke von Basel wird erneut beschädigt.
Rothenburg ob der Tauber wird Reichsstadt.
An der Sorbonne zu Paris haben die Mitglieder die vollständig
geschlossene Tunika (cappa clausa) zu tragen, und zwar in Schwarz,
Blau oder in einer anderen bescheidenen Farbe.
Für den großen Wald Schwaderloch am Bodensee, wo die umliegenden
Dörfer und Grundherren lange Zeit umfangreiche Schweinemastrechte
besessen haben, wird die Zahl der Schweine begrenzt, die in den Wald
getrieben werden dürfen, um einer Überweidung vorzubeugen.
1275 Papst Gregor X. fordert Rudolf von Habsburg auf, in einem Dekret alle
weiteren Turniere zu verbieten. Grund für die häufigen kirchlichen
Turnierverbote ist die Befürchtung, die Ritter könnten plötzlich ohne
Sterbesakramente umkommen. Rudolf indessen dürfte dieses Verbot kaum
ernsthaft beachten, da er mehrmals selbst zum Gestech angetreten ist.
In Regensburg wird mit dem Bau des neuen Doms begonnen, einer
gotischen Kathedrale nach französischem Vorbild, aber mit bedeutenden
Sonderformen.
In Dreden wird die hölzerne Brücke über die Elbe zerstört.
In einem Schreiben an König Alfons X. von Kastilien beklagt sich der
Troubadour Guiraut Riquier darüber, daß selbst höfische Dichter und
Sänger wie er selbst als "Jongleure" bezeichnet werden. Mit diesem
Begriff sollten aber nur jene bezeichnet werden, "welche sich
überschlagen, Affen tanzen lassen und einen sittenlosen Lebenswandel
führen."
Mit dem Zollprivileg des Grafen Floris V. von Holland wird den
Bewohnern des fischerdorfes Amtelledamme (Amsterdam) freie Fahrt und
freier Handel mit eigenen Waren in der Grafschaft Holland gewährt.
Ca.: Der Rhein verlagert sein Flußbett, wodurch die Zollstätte
Duisburg (Mitglied der Hanse) ihre Lage am Fluß verliert.
Ca.: Es entsteht das arabische Kriegsbuch des Hassan ar-Rammah, worin
auch Feuerwaffen und Explosivstoffe beschrieben werden.
Ca. (oder 1295/96): Entstehung des Epos "Dietrichs Flucht"; der
Erzähler (Bearbeiter?) nennt sich Heinrich der Vogelaere.
Ca.: Jacobus de Cessolis verfaßt "Liber de moribus hominum et officiis
nobilium", worin einem König folgende Lehre gegeben wird: "Ich hoffe,
daß du während deines Regiments ein anderer wirst, so daß du über dich
selbst gebietest, bevor du über andere mit Gewalt statt mit Recht
gebietest. Es ist nicht rechtens, daß du über andere herrschen willst,
solange du nicht über dich selbst herrschen kannst." [Ed. E. Köpke
1879, S. 2]
Bis 1292: Marco Polo (der Neffe Niccolo Polos) dient in Peking in
der mongolischen Verwaltung unter Khubilai.
1276 Ein Brand in Wien läßt angeblich nur 100 Häuser beim Kärntnertor
verschont, so daß der Landesherr, König Ottokar von Böhmen, den
Bürgern fünf Jahre lang Steuer- und Mautfreiheit gewährt und einen
Wald zum Wiederaufbau schenkt.
In Lübeck wird die Verwendung von leicht brennbarem Material zum
Dachdecken verboten.
Das Augsburger Stadtbuch erwähnt - erstmals für Deutschland - einen
professionellen Henker. Dieser hat neben dem Vollzug der Leibstrafen
auch noch andere Aufgaben. Er soll nämlich auch die "varnden freulein
us der stat triben, daz si tages und nachtes keine bosheit in der
Stadt tun mit unkeusche". Sie dürfen nur ihre Verpflegung in der Stadt
kaufen.
Aus dem Augsburger Recht: "Wer sein Kind kein Handwerk läßt lernen,
es sei Sohn oder Tochter, was Lohn dem verheißt, kommt er zu klagen,
das soll ein Burggraf richten, als die Schuld beschaffen ist."
Hier wird außerdem die Reinhaltung der "drei Leche" (Stadtbäche) vor,
um die Mahl- und Sägemühlen nicht zu beeinträchtigen.
In Basel spannt ein Seiltänzer sein Seil vom Münsterturm bis zum
Hof des Domkantors.
Seit 1276 bürgert sich der grossus turonensis, auf Deutsch Groschen genannt,
im Tal der Mosel ein, von wo er sich bald nach dem Rhein und den
Niederlanden ausbreitet.
Seit diesem Jahr stellen die Nonnen des Klosters von Chiusi jedes Jahr
einen Stier für den Stierkampf auf dem Jahrmarkt von Perugia. Dies als
Beispiel, daß die Kirche dem Stierkampf zuweilen gar Vorschub leistet.
Ramon Lull beginnt im Franziskanerkolleg zu Miramar zu lehren.
1277 Die vor den Toren der Stadt Sultz hausenden Dirnen ("metrices
silvestres") vertreiben ihre in der Stadt ansässigen Konkurrentinnen
("metrices domesticae") mit Knüppeln.
In Uri wird ein angeblicher Nekromant brutal vertrieben, der in den
Bergen nach Erzadern gesucht hat. Man hat einen Hagelschlag als
Strafe Gottes für das Antasten der Natur angesehen.
Der Erzbischof von Paris spricht ein strenges Verdammungsurteil über
alle "Bücher, Schriftrollen oder sonstige Schriften, die von der
Nigromantie handeln oder von zauberischen Experimenten,
Dämonenbeschwörungen oder anderen Zeremonien, die den Seelen
gefährlich sind".
Ausfuhr der englischen Wolle: durch Italiener 29%, Franzosen 21%,
Holländer 20%, Deutsche 11%.
Eine genuesische Galee (galeerenartiges Schiff) unter Nicolozzo Spinola
erreicht Brügge.
Erste Erwähnung des Mainzer Rathauses.
/1279: Aegidius Romanus verfaßt den "Fürstenspiegel".
1278 Ein Fall von Tanzwut in Utrecht: Auf einer Brücke wollen 200 Leute
nicht eher aufhören zu tanzen, bis ein Priester eine Hostie zu einem
Kranken vorbeiträgt, doch dummerweise ist offenbar gerade kein
Kranker zur Hand. Als sie immer wütender auf der Brücke tanzen,
bricht diese und die Tänzer sollen ertrunken sein.
Rudolf von Habsburg unterstellt die Prostituierten ("hübschlerinnen")
der Aufsicht des Henkers. Sie haben wöchentlich einen Grundzins von
zwei Pfennig zu entrichten (jeweils am Samstag) und müssen danach die
Stadt verlassen, weil sie sich an Sonntagen dort nicht aufhalten
dürfen. Sie dürfen auch während der Fastenzeit Wien nicht betreten -
bei Strafe des Nasenabschneidens. (Solch barbarische Strafen werden
zwar immer wieder angedroht, aber ob sie vollstreckt worden sind, ist
eine andere Geschichte. Zudem scheinen sich diese Bestimmungen auf Wien
zu beschränken.)
Steyr erhält die landesfürstliche Eisenmaut.
Es stirbt Martin von Troppau, Verfasser des "Chronicon", einer
Weltchronik.
Bis 1296: Entstehung des Wiener Stadtrechtes. Hier wird erstmals das
Amt des Spielgrafen erwähnt, als eine Art Gerichtsbarkeit für alle
Fahrenden (insonderheit die Spielleute). Dieses Amt ist für manche
Städte bezeugt (Wien, Regensburg, Hamburg, Lübeck, Königsberg).
Bis 1351: In England wird der Long-cross Sterling (englischer Pfennig)
vom Edwardian Sterling abgelöst. Diese Münze wird vor allem Frankreich,
Luxemburg, den Niederlanden, Rheinland, Westfalen und Skandinavien
nachgeahmt. (Vgl. 1180, 1247)
1279 Philipp III. von Frankreich verbietet den Bürgern das Tragen von
Pelzwerk und Goldschmuck. Es ist die erste französische Kleiderordnung.
Den Edlen werden im Jahr vier Paar Pelzröcke - nur den Vornehmsten fünf
- verstattet.
Nach der englischen Zählung der "Hundred Rolls" besitzen etwa 20%
der Bauern und 10% der freien Pächter soviel Land, daß man sie zur
Gruppe der vermögenden Bauern (die Überschüsse erwirtschaften und
gar Geld verleihen können) zählen kann.
Edward III. von England gibt eine "große" Silbermünze im Wert von zwölf
Denaren, den Groat heraus.
1280 Vor 1280: Roger Bacons "Wunder der Natur und der Kunst". Er behauptet,
man könne mit zwölf Brennspiegeln die Sarazenen und Tartaren vertreiben.
"Man kann auch Geräte bauen, in denen entfernte Dinge sehr nahe
erscheinen. Man kann auch sehr kleine Buchstaben aus unglaublichen
Entfernungen lesen und winzige Gegenstände zählen. Mit Hilfe großer
Spiegel kundschaftete Caesar vom gallischen Ufer aus die Beschaffenheit
und den Standort von Lager und Städten der Bewohnerdes kleinen
Britanniens aus."
Ein Brand zerstört in Tübingen etwa 150 Häuser.
Erste Erwähnung des Spinnrades in einer Verfügung der Stadt Speyer.
wobei seine Verwendung wegen mangelnder Qualität des damit erzeugten
Garnes eingeschränkt wird (oder erst 1298). Größe und Qualität des
Tuchs wird in Speyer kontrolliert, um die Armen vor Betrug zu schützen.
Aus diesem Jahr stammt die älteste Bewilligung (der Niederlande) für das
Recht, Darlehensgeschäfte zu eröffnen.
Im Urbar der Habsburger werden für Österreich 15 landesherrliche Städte
genannt.
Im englischen Ulgham kommt bei einem Fußballspiel der Spieler Henry de
Ellington ums Leben, als er mit einem Gegenspieler namens David de Ken
zusammenstößt und sich durch dessen heraushängendes Messer eine Verletzung
zuzieht, an welcher er nach einigen Tagen stirbt.
Der Mönch Gutolf von Heiligenkreuz verfaßt die "Translatio sanctae
Delicianae", eine Beschreibung von Wien und Umgebung. Er rühmt die
Donau am nördlichen Stadtrand; auf den Berghängen wächst Wein und im
Westen ist ein Jagdgebiet. Am Wasserlauf gibt es blühende Gärten.
Mit einem schneereichen Winter und Überschwemmungen beginnt in Böhmen
eine mehrjährige Krise, zunächst mit Teuerung.
In einer Rechnungsaufstellung über die Arbeiten in der zisterziensischen
Abtei von Vale Royal in England werden 29 religiöse Feiertage erwähnt.
Es stirbt Albertus Magnus (87). Er hieß eigentlich Albrecht Graf von
Bollstädt und war Dominikaner, Leiter des Studium generale zu Köln
und Bischof von Regensburg, wird gerühmt als Theologe, Philosoph und
Naturforscher, war aber auch an Alchemie, Astrologie und "Hermetismus"
interessiert, wodurch er in der Legende später zu einem Magier wird.
Er war der bedeutendste deutsche Vermittler und Kommentator von
Aristoteles.
Ca.: In Pisa wird (wahrscheinlich) die Brille erfunden, eventuell von
Salvino Armato (oder von Alessandro Spina).
Ca.: Beginn der Ummauerung von Salzburg.
Ca.: Entstehung von Ortolfs "Arzneibuch". Dieses Werk ist in über 400
Fassungen (hauptsächlich ab dem 15. Jh.) überliefert.
Bis 1417: In der päpstlichen Kanzlei wird als Jahresanfang wieder der
25. Dezember verwendet.
1281 Bildung einer Hanse.
Aufstand in Wien, welches im Niederlagsprivileg Albrechts I. "des
riches houptstat in Osterrich" genannt wird.
Das Konzil von Köln verbietet den geistlichen Herren rote und grüne
Stoffe, Schmuckärmel und Schnürschuhe.
Artikel 32 des bayerischen Landfriedens: Niemand soll eine Burg
haben, er habe sie denn ohne des Landes Schaden.
Eine Kölner Synode beschließt, daß die Taufbrunnen verschlossen
werden müssen, um abergläubische Exzesse mit dem Taufwasser zu
verhindern. (vgl. 1513)
Rudolf von Habsburg bestimmt per Erlaß, daß Spielleute nicht mehr als
Kläger oder Zeugen vor Gericht erscheinen dürfen.
Alexander von Roes führt in Köln den offensichtlichen Machtverlust des
Reiches darauf zurück, daß unter den Staufern das Einvernehmen zwischen
Kaisertum und Papsttum zerbrochen ist und die Staufer das Reich nur
noch mit ihrer oberdeutschen Umgebung regieren, ohne die vornehmen
rheinischen und niederdeutschen Fürsten an den Entscheidungen zu
beteiligen. Nicht Fürstenegoismus, sondern der Partikularismus der
Herrscherdynastie erscheint ihm als Ursache für den Niedergang von
Kaisertum und Königsherrschaft.
1282 Ältestes bekanntes Wasserzeichen auf Papier - aus Bologna.
Hungersnot in Böhmen. In Prag werden acht Massengräber angelegt,
jedes angeblich zehn Ellen im Quadrat und je 1000 Leichen fassend.
Solche phantastischen Zahlen sollen vor allem Eindruck machen.
Bischof Tobias von Prag läßt bei seiner Priesterweihe und am Jahrestag
seiner Bischofsweihe nach dem Brauch seiner Vorgänger eine 220 Pfund
schwere Wachskerze in der Domkirche aufstellen.
Der Priester von Inverkeithing wird vor seinen Bischof zitiert, weil
er an Ostern einen Fruchtbarkeitstanz um ein phallisches Götzenbild
angeführt haben soll. Er darf seine Pfründe behalten. [Nach den
Chronicles of Lanercost, Ed. Stevenson, S. 109]
Erste Erwähnung einer Tuchmacherzunft zu Brüssel. Die Stadt wird im
13. Jh. von sieben Patrizierfamilen regiert.
1283 Ein Leprösenhaus in Frankfurt wird erwähnt.
In Bordeaux wird alles für einen Zweikampf zwischen Karl von Anjou
und Peter von Aragon gerüstet. Er findet freilich nicht statt, aber
angekündigte und nicht stattfindende Fürstenzweikämpfe scheinen eine
gängige Praxis zu sein.
Durch den Zusammenschluß von nahezu autonomen Kirchspielen entsteht die
"Universitas terrae Dithmarciae". Die Dithmarschen haben eigene
Gerichtsbarkeit, Satzungshoheit und Gewalt über Krieg und Frieden, während
der Bischof von Bremen nur noch eine formale Oberhoheit ausübt.
/1299: Nach Seifried Helbling bewirkt der Birnenmost, das damalige
bayerische Nationalgetränk, bei Heiserkeit (durch Versetzen mit
Heilkräutern?), daß "diu kel wider würde heiter unde hel".
1284 Häufig genanntes Datum für die erste Räder-Turmuhr.
5. August: In Hamburg wütet ein verheerender Brand. Die Stadt hat
etwa 5000 Einwohner.
In Florenz wird mit dem Bau einer neuen Stadtmauer begonnen; sie
umfaßt über 600 Hektar Land. Zum Vergleich: Die Mauer von 1172 hat nur
80 Hektar umschlossen.
Die Florentiner veranstalten vor den Mauern des belagerten Arezzo
Wettläufe.
In der Kathedrale von Beauvais stürzt das Schiffsgewölbe ein (Es
hatte die Rekordhöhe von 48 m). Offenbar gab es Fehler im Strebewerk,
denn der Bau ist bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Man verdoppelt
nun die Anzahl der Pfeiler.
Venedig gibt erstmals Goldmünzen aus: Die Münze heißt nach der Münzstätte
(Zecca) "Zecchino" (Zechine); ihr zweiter Name Dukat(en) leitet sich von
dem letzten Wort der Umschrift ab: "Sit tibi Christe datus quem tu regis
iste ducatus" (Dieses Herzogtum, das du regierst, sei dir, Christus,
geweiht). Der Zecchino wird von diesem Jahr bis 1797 mit unverändertem
Gepräge, Gewicht und Feingehalt geschlagen. "Dukat" bezeichnet in der
Folgezeit auch alle Nachprägungen, deren Schrot und Korn konstant bleibt.
Nach der Seeschlacht bei Meloria gegen die Genueser büßt Pisa seine
Machtstellung ein.
Es verstirbt König Alfons X. (der Weise) von Kastilien.
1285 Frankfurt, Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen schließen sich zum
Wetterauischen Städtebund zusammen.
In London stellt ein königlicher Untersuchungsausschuß fest, daß die
Luft durch Kohlenrauch "verunreinigt und verdorben (sei) und eine
Gefahr für alle darstelle, die solche Landstriche bewohnen".
Beim Turnier von Chauvency ist die Dame d'Aspremont mit einem surcot
(Obergewand) bekleidet, welcher die Wappenfarben ihres Ehemannes zeigt.
Damen tragen gelegentlich, meist beim Turnier, die Farben ihres Mannes,
Vaters oder Favoriten (vgl. 1290-1300).
Das englische Parliament erläßt das Statute of Merchants (das mit dem
bereits 1283 erlassenen Statute of Acton Burnell in Zusammenhang steht).
Die Präambel begründet die strengen Bestimmungen auf englischem Boden
damit, daß fremde Kaufleute nicht nach England einreisen sollen, um dort
Handelsgeschäfte abzuschließen, wenn sie nicht über ein Vermögen verfügen,
das sie zu Schuldzahlungen befähigt. In den größeren Städten wird dies
durch die Einrichtung von Verfahren zur Schuldregistrierung und durch
Anheftung eines königlichen Siegels an den Schuldschein gewährleistet.
Nach den noch härteren Verordnungen von 1285 wird der Schuldner, wenn
der Schuldschein nicht eingelöst worden ist, sofort in Haft genommen und
erst nach Zahlung der Schuld wieder freigelassen. Wenn die Bezahlung nicht
innerhalb von drei Monaten erfolgt, wird der Schuldner seiner beweglichen
Habe und auch der Verfügung über seine Ländereien für verlustig erklärt.
Der Wert seines Besitzes wird geschätzt und der Gläubiger erhält für die
Jahre, die zur Tilgung der Schuld erforderlich sind, gemäß der im Statute
of Merchants gewährten Besitzform ein Eigentumsrecht an dem Besitz. Das
Statut kann von laien und Klerikern in Anspruch genommen werden, während
für Juden andere Vorschriften gelten. Es findet auch in Irland Anwendung.
Bis 1315: München erhält einen zweiten Befestigungsring.
1286 Nach einem verheerenden Brand in Zürich behauptet ein Mönch, ein vom
Teufel Besessener habe das Ereignis - eine Strafe für den Hochmut der
Zürcher - vorher angekündigt.
Das Kanalsystem von Salzburg wird erweitert. Es wird bald als Almkanal
bezeichnet.
Die Stadt Lübeck erhält die Patronatsrechte an der Marienkirche und
darf dadurch den Pfarrklerus ein- und absetzen.
Seit diesem Jahr veranstalten die Fürsten von Schlesien zu Schweidnitz
Schießwettbewerbe. Die dortige (wahrscheinlich später gegründete)
Schützengesellschaft leitet davon ihren Anspruch ab, die älteste
deutsche Schützenvereinigung zu sein.
Es gibt Wassermühlen in Berlin.
Regensburg tritt dem Rheinischen Städtebund bei.
Rudolf belagert von einer Wagenburg aus Stuttgart. Die Stadt wird zur
Schleifung der Mauern gezwungen.
1287 Die Lucia-Flut an der Nordseeküste soll angeblich 50000 Opfer gefordert
haben.
Erstes Salzburger Stadtrecht.
Ältestes Stadtprivileg von Steyr.
In Dresden ist eine neue Brücke über die Elbe mit steinernem Unterbau
bezeugt (vgl. 1275).
Steyr wird Eisenniederlage für Innerberger Eisen und Holzstapelplatz
(oder ist als solches bezeugt). Der Burgfried Steyr wird vom Landgericht
eximiert. Freie Richterwahl besteht in der Stadt bereits.
Judenverfolgung in Bern.
Der sizilianische Dichter Guido de Columnis verfaßt die "Historia
destructionis Troiae".
In Mailand gibt es 400 Notare, 200 Richter, 200 Ärzte, 80 Schulmeister,
50 Briefschreiber, 10000 Ordensleute, 3000 Mühlen, 1000 Tavernen, 150
Spitäler, 1345 Kirchen mit 120 Glockentürmen und 3000 kleinere Altäre.
(Man bedenke: Es sind nur überlieferte Zahlen.)
Ein Erlaß des böhmischen Königs verbietet den Pragern, bei Tag und Nacht Waffen
zu tragen (falls nicht bestimmte finanzielle Voraussetzungen gegeben sind) und
Messer in Schuhen oder Strümpfen zu verbergen. Wer wiederholt erwischt wird,
bekommt die Hand durchbohrt oder wird der Stadt verwiesen.
1288 Handwerkeraufstand in Toulouse.
In Mainz ist eine Ärztin bezeugt.
Aufstand in Wien.
In Abbeville ist das Spinnrad bezeugt.
Die Kölner besiegen in der Schlacht von Worringen ihren eigenen
Erzbischof. Dieser, gefangengenommen, muß muß die Freiheiten der
Stadt beschwören, die dadurch de facto zur Freien Reichsstadt wird.
14. August: Graf Adolf VII. von Berg erhebt nach der Schlacht bei
Worringen Düsseldorf zur Stadt. Der Ort hat allerdings nur eine einzige
Straße. Man beginnt mit dem Neubau einer Stiftskirche (St. Lambertus;
erste Bauphase um 1350 beendet).
Der Erzbischof von Köln (Siegfried von Westerburg) gesteht der Stadt
Rheinberg als Dank für die Unterstützung bei der Schlacht von
Worringen (trotz der Niederlage) die Zollrechte zu.

Bonvesin della Ripa verfaßt "De magnalibus urbis Mediolani" ("Die
Wunder Mailands"). Danach hat die Stadt: 200000 Einwohner, 12500 auf
die Straße gehende Häuser, 60 coperti (Arkadengalerien), 200 Kirchen
(davon 36 der Madonna geweiht), 10 Hospitäler, 300 Bäckereien, 440
Metzger, ca. 1000 Tavernen, 150 Herbergen, 80 Schmieden und 40
Buchschreiber.
In Tirol wird für den Fürstenhof und die Städte ein Augenarzt
berufen (Magister Phylippus medicus oculorum de Florencia; bis 1350).
Ca.: Die Prägung des Kölner Pfennigs (Sollgewicht 1,46 Gramm) wird
eingestellt. Er ist der hochwertigste und wegen seiner Stabilität der
beliebteste Pfennig in Deutschland gewesen, hat dann aber nach der Mitte
des 13. Jhs. auch an Wert verloren. Die Zeit der Pfennige ist vorüber.
1289 Sandro di Popozo erwähnt Augengläser, die "man vor kurzem erfunden
hat und die armen alten Leuten helfen sollen, deren Sehkraft schwach
geworden ist. (...?) Ich bin vom Alter so geschwächt, daß ich ohne
sie nicht mehr lesen oder schreiben könnte." ("Abhandlung über die
Familienführung") Dies ist die erste Erwähnung von Brillen.
In Rottweil ist ein Bürgermeister bezeugt.
In Montpellier verfaßt Arnold von Villanova die "Parabolae medicationis"
(Parabeln der Heilkunst).
Universität Montpellier gegründet.
Im Heer Rudolfs von Habsburg befinden sich 1500 Mann aus den drei
Schweizer Urkantonen (Uri, Schwyz und Unterwalden), die einen Zug
gegen Besancon durch einen Nachtangriff entscheiden. Man findet
Schweizer zu dieser Zeit auch in italienischen Diensten.
1290 Rudolf von Habsburg spricht dem Zweikampf jegliche rechtliche Wirkung
ab. In diesem Jahr läßt er alleine in Thüringen, Franken und Schwaben
136 Raubritterburgen zerstören (davon 60 in Thüringen). Zur
Abschreckung werden entlang der Handelsstraßen Räder und Galgen
aufgestellt.
In Frankfurt wird erstmals eine Badestube erwähnt.
In Nürnberg soll per Gebot nur Gerste zum Bierbrauen verwendet werden.
Vertreibung der Juden aus England.
Ludwig, der Sohn des Herzogs von Bayern kommt bei einem Turnier ums
Leben.
In stettin ist ein Schöffenkollegium belegt.
Vertreibung der Juden aus England.
Gründung der Universität von Lissabon nach dem Vorbild von Bologna.
Ca.: Heinrich von Freiberg, ein Bürgersohn aus Leitmeritz, der dem
Literaturkreis um König Wenzel II. von Böhmen angehört, verfaßt eine
"Tristan"-Fortsetzung im Auftrag des böhmischen Adligen Ulrich von
Lichtenburg. Auch hier wird der Stoff wieder moralisierend betrachtet.
Bis 1300: Ab dieser Zeit werden auf Damensiegeln statt einem zwei Wappen
abgebildet, nämlich neben demjenigen des Gatten auch das des Vaters.
Möglicherweise erscheint diese Zweiteilung nun auch in der Damenmode,
wie z.B. für 1340 nachweisbar. In dieser Zeit kommen auch die ersten
gevierten Wappenschilde auf.
1291 "Ewiger Bund" der drei Schweizer Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden.
(Eidgenossenschaft). Dies ist zunächst eher ein Landfriedensbund als
ein Bündnis gegen die Habsburger.
In St. Gallen (!) sind der Abt, Der Propst und neun Mönche des Stifts
nicht fähig, zu unterschreiben, d.h. sie können gar nicht schreiben.
In einem Vertrag zwischen Lübeck und dem Bischof von Ratzeburg wird
mittels einer bronzenen Staumarke geregelt, bis zu welcher Höhe die
Lübecker das Wasser der Wakenitz aufstauen dürfen.
In Siena werden sämtliche Kampfspiele, einschließlich der
Schneeballschlachten verboten.
Gerichtsorte: In Freiburg i. Br. wird vom Gericht unter der Laube
berichtet. Gerichtslauben sind ursprünglich freistehend, werden aber,
sobald die Städte die Gerichtsbarkeit innehaben, oft ans Rathaus
angebaut.
Die Hohenzollern erhalten den Burggrafensitz in Nürnberg zu Lehen.
11. Februar: Im Bodenseeraum wird erstmals das Wort "Fastnacht" erwähnt.
Breslau erhält eine zweite Stadtmauer mit zehn Toren.
18. Mai: Akkon, die letzte christliche Festung in Palästina wird von
den Mamelucken erobert. Die Christen räumen Tyros, Beirut und Sidon.
Der Johanniterorden wird nach Zypern verlegt, der Hochmeister des
Deutschen Ordens zieht nach Venedig um.
In Genua laufen zwei Galeeren ('Allegranza' und 'San Antonio' unter
den Gebrüdern Vadino und Ugolino Vivaldi) aus, um, unterstützt von
der Familie Doria (Teodisio Doria ist eventuell auch bei der
Expedition), Afrika zu umsegeln und Malabar zu erreichen.
Nach genuesischen Quellen erreichen sie mindestens das marokkanische
Vorgebirge Juby, sind aber danach verschollen, obwohl von einigen
(ohne Beweise) behauptet wird, sie seien bis Äthiopien gekommen.
Galeeren können ohne Schwierigkeiten eigentlich nur bis zum Cabo
Bojador (Westsahara) fahren. Es ist jedoch der erste ernsthafte
Versuch, die arabische "Gewürzbarriere" zu durchbrechen.
In der Signoria von Florenz taucht der ersten Medici als Prior auf.
In den nächsten gut 50 Jahren üben sie dieses prestigeträchtige Amt
noch 27 mal aus.
König Rudolf I. (73) stirbt.
1292 Ein Genuese bringt dem Emir von Marokko einen vergoldeten Baum mit
automatisch singenden Vögeln.
Ein Urteil des Hofgerichts von König Adolf von Nassau legalisiert
nach Ablauf einer gewissen Zeit die Duldung des illegalen Baus von
Burgen durch den zuständigen Grafen.
In Hamburg erhält der Rat gesetzgebende Gewalt.
Hamburg hat mehrere Bordelle ("Frauenhäuser"). Den "gemeinen Frauen"
wird bei Strafe von Pranger und Ausweisung verboten, mit unzüchtigen
Reden den guten Ruf redlicher Frauen in Frage zu stellen.
Die Franziskaner von Andernach verkaufen ein großes Haus in der Nähe
ihrer Kirche an einen reichen Bürger mit der ausdrücklichen Auflage,
daß er dieses weder einem Schmied, einem Zöllner oder einem Wirt
verpachten dürfe [vielleicht wegen Lärmbelästigung, wie Kühnel meint;
vielleicht spielen hier aber noch andere Ursachen hinein: der Schmied
steht (eventuell noch) im Geruch der Magie, der Zöllner ist biblisch
vorbelastet und beim Wirt scheint man das Laster zu wittern].
Das Stadtrecht von Dresden wird bestätigt. Ein Bürgermeister und
Schöffen werden gewählt.
Der Erzbischof von Köln beginnt in Rheinberg mit dem Bau eines
kurfürstlichen Schlosses und Zollturms. Der Zollturm (später auch
Pulverturm genannt) wird etwa 35 Meter hoch werden und steht bis 1598.
In Paris gibt es nach einer Steuerübersicht 352 Straßen, elf große
Kreuzungen, zehn Plätze, 15 Kirchen und 15000 Steuerzahler. Es gibt
dort auch 13 Hersteller von Bällen (für Ballspiele).
In Genua gibt es Papiermühlen.
Adolf von Nassau wird König (bis 1298).
/1294: Unruhen in Braunschweig, verbunden mit territorialen Vorgängen.
1293 Aus dem Freiburger Stadtrecht: "Ein wip ist genoz irs mannes, und der
mann des wipes, und erbet ein wip iren mann unhd ein mann sin wip."
(Standes- und erbrechtliche Gleichstellung der Eheleute)
1294 Die Bierbrauer errichten in Lübeck die erste "Wasserkunst", eine aus
der Wakenitz (Wagnitz) gespeiste Wasserleitung. Dies deswegen, weil
das Wasser der Wagnitz sauberer ist als dasjenige der durch den
Hafenverkehr verschmutzten Trave, obwohl an der Wagnitz ein -
saisonal betriebenes - Schlachthaus steht.
Philipp IV. von Frankreich erläßt eine Kleiderordnung: So dürfen u.a.
Adlige - weltliche und geistliche - pro Jahr nicht mehr als vier
farbige Gewänder anfertigen lassen. Der Preis des Stoffes ist auf
30 Pfund pro Elle begrenzt, sofern der Betreffende nicht mehr als
5000 bis 7000 Morgen Land hat. Kein Bürger darf Fehpelze oder
Grauwerk tragen, außer er hat 1000 Pfund Vermögen. Er darf insgesamt
nur eine Garnitur Kleidung besitzen und darf dafür kein Gold
verwenden. Bürgersfrauen und Geistlichen ist nur ein pelzbesetztes
Kleid erlaubt. Frauen dürfen nur ihr Hochzeitskleid, von dem die
Elle höchstens 35 Pfund kosten darf, als Festkleid auch später
tragen.
In der ältesten Waldordnung von Nürnberg beginnt der Schutz der
umliegenden Reichswälder.
Der Ort Kranenburg am Niederrhein (1227 als Niederburg gegründet)
erhält Stadtrechte. Der Graf von Kleve hatte holländische Kolonisten
hierhergeholt, um Kranenburger Bruch trockenzulegen. Besonders der
Käsehandel bringt Wohlstand.
Das Amt und Gericht Kempen erhält Stadtrechte und bald auch eine
Mauer.
1295 Herzog Ferry III. von Lothringen ordnet an, daß die Stadt Sierck über
ein Tuchsiegel verfügen soll (Qualitätskontrolle).
Minden und Paderborn sind als Hansestädte belegt.
Der Mainzer Stadtrat erwirbt vom Erzbischof das einträgliche Recht
des Judenschutzes.
Erste urkundlich bekannte Braurechte in Pilsen.
In Freiburg läßt der Rat am Münster ein Zubermaß für Holzkohle
einmeißeln, mit dem Hinweis, daß acht solcher Zuber einen Karren
ergeben.
In Dresden wird das Kaufhaus auf dem Stadtmarkt (später Altmarkt)
urkundlich erwähnt. Es dient zugleich als Rathaus.
Aus England stammt der älteste schriftliche Nachweis über die Verwendung
von geschorenem Samt (Velours) als Kleidungsstoff.
Herzog Johann von Brabant kommt bei einem Turnier ums Leben.
1296 In Troyes wird ein "juglator" namens Johannes durch königliche
Urkunde zum Spielmannskönig eingesetzt. Dieses Amt bleibt eine lokal
begrenzte Würde.
Wien wird aus der Reichsunmittelbarkeit gelöst; bürgerliche
Sonderrechte werden beseitigt.
Albrecht I. verbannt "Würfelspieler und Lotterbuben" von allen
Friedhöfen Wiens.
Im Ausburger Stadtrecht werden zwei Stellen bezeichnet, an denen der
Henker den Aushub der "sprechhäuser" in den lech zu schütten hat.
In Frankreich wird eine Verordnung gegen das Fluchen erlassen.
Bis 1311: Aufstand gegen Steuertyrannei in Douais.
1297 Als England die Wollausfuhr einstellt, bricht in den flandrischen
Städten Hunger und Elend aus. Ein Bittgesuch des Parlaments an Edward
I. schätzt die Wolleinkünfte Englands auf die Hälfte des gesamten
Bodenbesitzes.
Gerard de Moor, Lord von Wessegem besitzt sieben Pferde im Gesamtwert
von 1200 livres tournois. Dabei kann der Wert des Hauptpferdes dem
Jahreseinkommen eines Ritters entsprechen. [nach Verbruggen, Warfare]
In Venedig schließt sich der Große Rat am 28. Februar erbrechtlich ab:
Von nun an kann nur noch eintreten, wer in ihm Vorfahren auf der
Vaterseite nachweisen kann (aristokratisch-oligarchische Verfassung);
dies hat bald Verschwörungen zur Folge. Das neue Wahlgesetz ist als
die Serrata bekannt.
Bis 1304: In dieser Zeit entsteht ein Preislied von Johannes Hadlaub aus
Zürich, in welchem er die Sammeltätigkeit der Züricher Patrizierfamilie
Manesse rühmt, die einen unvergleichlichen Schatz von "liederbuoch"
zusammengebracht habe. Es ist nicht klar, ob damit die "Große Heidelberger
Liederhandschrift" (Codex Manesse) gemeint ist oder Material, das für diese
bereitgestellt wird und vielleicht ein eigenes Liederbuch bildet.
1298 Ein "Edler" von Rintfleisch führt in Würzburg und Nürnberg eine
Judenverfolgung durch; er soll "100000" erschlagen haben.
Bei einem großen Brand in Straßburg wird das Münster beschädigt und
335 Häuser brennen ab. Daraufhin werden die "Überhänge", die
vorkragenden Obergeschosse der Häuser verboten.
Zwischen Genua, Flandern und England wird eine regelmäßige
Schiffahrtslinie eingerichtet.
In Siena machen die Buonsignori bankrott.
Bis 1308: Zu Lübeck wird an das Rathaus das sog. Danzelhaus angebaut,
ein Festsaal für Empfänge und den Tanz der Ratsgeschlechter, ohne den
kein Patrizierregiment auskommen kann. Zur Finanzierung dient die
Miete der Goldschmiedeläden, die in den Arkaden der Marktseite
angebracht sind.
König Adolf von Nassau (48) stirbt. Albrecht I. (43) wird König.
1299 Auf dem Generalkapitel von St. Quentin machen die Benediktineräbte
der Reimser Kirchenprovinz darauf aufmerksam, daß sich gewisse
Mißstände in den Klöstern breitgemacht hätten: Die Mönche benutzten
leinene Hemden, gold- und silbergeschmückte Gürtel aus Seide, modische
Schuhe und Übergewänder, sowie bunte geschlitzte Kleider mit tief
herunterfallenden Ärmeln.
Rotterdam wird Stadt (und bald ein Zentrum der Heringsfischerei).
Rottweil wird von auswärtigen Gerichten befreit.
Erste Erwähnung der Stadtmauer von Dresden.
Breslau erhält ein Rathaus.
Bei einem Brand in Weimar werden die Burg sowie die Kirche St. Peter
und Paul zerstört.
Papst Bonifatius VIII. verbietet (wie auch 1300 wieder) aufs
strengste die verbreitete Praxis, die Leichen von auf Reisen
verstorbenen Edlen zu zerschneiden und zu kochen, um die solcherart
gereingten Knochen zur Bestattung zu verschicken. Diese Sitte hört
damit natürlich nicht auf.
Ca.: Venedig beginnt mit der Prägung goldener Dukaten.
Und 1300: Nach dem Passauer Stadtrecht bleibt straffrei, wer einen
Fahrenden schilt oder schlägt.

13. Jh. 20er Jahre: In Kölner Raum entsteht das Epos "Morant und Galie",
später (auch) als zweiter Teil des "Karlmeinet".
Verbesserung der Sense. Die Sense wird bis ins 15. Jh. lediglich zur
Heumahd verwendet. Das Getreide wird weiterhin mit der Sichel
geschnitten (bis ins 18. Jh.).
Am Wagen werden Ortsscheite üblich, wodurch mehrere Pferdepaare
hintereinandergespannt werden können.
Verwendung des Pedals.
Selbst der Adel trägt noch nicht überall Unterwäsche.
Der bäuerliche Bundschuh wird ein populäres Symbol gegenüber dem
bespornten Ritterstiefel.
In den höheren Kreisen verbreitet sich der Spiegel.
Im 13. Jh. setzt sich in immer mehr Gemeinwesen der 1. Januar als
Jahresanfang durch.
Im 13. Jh. festigt sich die das ganze Mittelalter hindurch gültige
Sitte, daß nur unverheiratete Frauen das Haar offen tragen dürfen.
Kopftuch und Schleier bleiben die ganze Zeit in Mode, beginnen aber
schon im 13. Jh. ihre verhüllende Funktion einzubüßen.
Mitte: Entstehung des Epos "Karl und Elegast" (Carel ende Elegast,
später als Teil IV des "Karlmeinet").
Mitte des 13. Jhs. setzt in Italien eine eigene Papierfabrikation ein
Fabriano, Provinz Ancona).
Mitte des 13. Jhs. geht die kaufmännische Oberschicht nördlich der
Alpen (etwa in Lübeck) zur Schriftlichkeit über.

Seit dem 13. Jh. wird die Beförderung zum Ritter (durch die
Schwertleite) auch gewöhnlichen Ministerialen zuteil.
Noch nach der Mitte des 13. Jhs. wird in bäuerlichen Kreisen Baden
als Verweichlichung angesehen.

Ende des 13. Jhs. ordnet der Stadtrat von Colmar an, die Sägewerke zu
zerstören, um den Raubbau am Wald zu verhindern. Daraufhin strömen
"arme Leute und Hungerleider" scharenweise mit Handsägen in die
Wälder und richten hundertmal mehr Schaden an.
Bis Ende des 13. Jhs. gibt es in Paris 26 öffentliche Heißbäder.
Ende 13. Jh. bis 1378: In Deutschland herrscht als Jahresanfang der
25. Dezember vor, zuweilen erscheint auch der 1. Januar.

1300 Der bayerische Landfrieden verfügt, daß wer einen Spielmann halten
will, ihn auch versorgen soll. Diese Bestimmung bleibt wirkungslos,
weil ein Gutteil der Besoldung der Spielleute aus Geschenken besteht
(Verpflichtung zur "milte"), auch wenn sie patronisiert werden.
Aus dem Passauer Stadtrecht: "Wer farund volk, das gut für er nimbt,
schilt oder slecht, der ist dem richter nichts darumbe schuldich."
Papst Bonifaz VIII. verkündet erstmals ein Heiliges Jahr und einen
Jubelablaß, eine "volle Vergebung der Sünden". Es ist vorgesehen, alle
100 Jahre ein Jubeljahr zu begehen (in Wahrheit wird es öfter
geschehen).
Amsterdam erhält Stadtrechte.
Bankrott der Riccardi in Lucca.
König Wenzel II. von Böhmen läßt aus dem Silber des Erzgebirges erstmals
den Prager oder Böhmischen Groschen (zu zwölf Parvi) prägen.
In der Grafschaft Holland gilt ab jetzt der Jahresanfang zu Ostern.
Daneben haben Geldern und Friesland stets den 25. Dezember, Delft den
25. März als Jahresanfang.
Ca.: Die Reutlinger Friedensordnung wird niedergeschrieben; sie enthält
für Reutlingen erstmals eine allgemeingültige Ordnung für das
Zusammenleben der Bürger.
Ca.: Anbau von Maulbeerbäumen zwecks Seidenraupenzucht in Modena
nachgewiesen. Als Ersatz für die teuer und rar gewordene englische
Wolle erscheint, besonders in Italien, die Wolle der spanischen
Merinoschafe auf dem Markt.
Ca.: Frankreich verfügt über 13 Millionen Hektar Wald - eine Million
Hektar weniger als heute.
Ca.: Berliner Kaufleute handeln in Hamburg "Berliner Roggen" und
"Wagenschott" (Eichenbretter) gegen Tuche aus Gent.
Ca.: Das Heiliggeisthospital zu Zürich geht von der Spitalbrüderschaft
in städtische Verwaltung über.
Ca.: Wahrscheinlich in England erscheinen die "Gesta Romanorum", eine
bald in ganz Europa verbreitete Sammlung lateinischer Kurzgeschichten.
Ca.: Das Verlagssystem dringt in das Nürnberger Metallgewerbe ein.
Ca.: Die Slawen sind mittlerweile etwa bis auf die Reichsgrenze
von 1937 zurückgedrängt oder überlagert.
Ca.: Ende des Bevölkerungswachstums.
Ca.: Um diese Zeit dürfte es im Reich die größte Zahl gleichzeitig
bestehender Burgen gegeben haben, wobei die geschätzten Gesamtzahlen
(also nicht unbedingt für die Zeit um 1300) weit auseinandergehen:
10000 bis 25000, bei Tillmann (1960) werden ca. 14500 namentlich
genannt, Krahe (1992) schätzt max. 17500, davon ca. 13000
gleichzeitig.
Ca.: Einführung von Fensterglas (auch auf Burgen). Glas ist zunächst
noch so teuer, daß man erst nur kleine Ausschnitte der Fensterläden
verglasen kann, vielleicht anstelle von Pergament oder Horn. Es kommt
in Deutschland zu dieser Zeit auch die Glasmalerei auf.
Ca.: Ein Kettenhemd ist vier Kühe wert. (Das scheint billig!)
Ca.: In der Bildkunst taucht der Nierendolch auf; ebenso kommt der
Scheibendolch auf (vielleicht schon vorher).
Ca.: Wohl um diese Zeit kommt die Sitte auf, im Obergeschoß des
(städtischen) Hauses zur Straße hin abzusondern, die sog. Stube, zum
täglichen Aufenthalt bestimmt und mit einer Heizung versehen. Diese
Stuben sind anfangs noch spärlich möbliert.
Ca.: In einer Beschreibung des Elsaß fällt einem Dominikaner das
Verschwinden des Waldes auf: "Es gab damals im Elsaß viele Wälder,
welche das Land unfruchtbar machten. (...?) Gießbäche und Flüsse
waren damals nicht so groß wie jetzt, weil die Wurzeln der Bäume die
Feuchtigkeit von Schnee und Regen längere Zeit in den Bergen
zurückhielten."
Ca.: Seidenherstellung in Augsburg und Ulm. Das Zentrum der
Seidenherstellung ist Lucca. In Modena ist Seidenraupenzucht bezeugt.
Ca.: Ungefähre Einwohnerzahlen Europas nach Le Goff: Gesamt 73 Mio.,
Frankreich 21 Mio., Deutschland 14 Mio., England 4,5 Mio.
Ca.: In Deutschland (in den Grenzen von 1937) existieren etwa 170000
Siedlungen. Davon werden in 200 Jahren 40000 wieder verschwunden sein.
Ca.: In der Picardie besitzen ein Drittel der Bauern weniger als 0,2
Hektar Land.
Ca.: Die Bauern in Brandenburg entrichten etwas über 20% des Ertrags
an Getreide an den Grundherrn.
Ca.: Beginn der "Großen Heidelberger Liederhandschrift" (Codex
Manesse), vollendet - mit Zusätzen - bis 1340.
Ca.: Es entsteht die Versdichtung "Ritter von Staufenberg",
enthaltend ein Beispiel für adlige Bildungsschwerpunkte: "Bretspiles
kunde er ouch vil, und mager leie seitenspil, daz tete in dicke
froelich wesen; er kunde ouch schriben unde lesen, daz lert er in
sînen jungen tagen, birsen, beizen unde jagen, daz kunde wol der
ritter guot."
Ca.: Aus Nürnberger Polizeiordnungen: "Es sol auch nieman kainen wein
machen mit alûn (Alaun), mit glas, mit kalcke, mit gebrantem wein",
weil die Gefahr bestehe, "daz ieman an dem leibe geschaden müge".
Ca.: Ab jetzt etwa wird der Teufel in der Kunst mit Fledermausflügeln
dargestellt.
1301 Die verarmten Tübinger Pfalzgrafen verpfänden die Stadt Tübingen an
das von ihnen gegründete Kloster Bebenhausen. Zwar kann Pfalzgraf
Gottfried die Stadt im nächsten Jahr wieder auslösen, doch folgen bald
weitere Verpfändungen.
Dante flieht aus Florenz; als Gegner der päpstlichen Partei wird er
dort nächstes Jahr in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Bankrott der Mozzi in Florenz.
1302 Gründung des mittelrheinischen Städtebundes: Koblenz, Boppard,
Oberwesel, Andernach und Bonn (später auch Köln).
Eine Dortmunder Urkunde erwähnt Steinkohlenbergbau: Im Ruhrtal existiert
ein kleiner Tagebau, wo Kohlenflöze an die Oberfläche treten.
Im ältesten Satzungsbuch von Nürnberg erscheinen Bestimmungen zum
Schutze des Fischbachs (der im Vergleich zur Pegnitz nur wenig Wasser
führt): Niemand darf sein "privat" oder "heimliches Gemach" (Klo)
direkt in den Fischbach leiten; Bader sollen keinen Unflat
hineingießen, Lederer keine Häute darin waschen, Kleider dürfen nicht
darin gewaschen werden, damit die beiden Mühlen nicht Schaden
erleiden.
Die Rheinbrücke von Basel wird beschädigt.
In Nürnberg werden Neubürgerlisten angelegt.
Schlechte Ernte im Languedoc.
In der "Sporenschlacht" von Courtray (Kortryk) unterliegt ein
Ritterheer flandrischen bürgerlichen Fußtruppen (bei denen aber auch
Adlige abgesessen kämpfen). Das Fußvolk beginnt ab hier seine
bisherige Rolle als verachtete Hilfswaffe zu verlieren. Die Schlacht
hat ihren Namen aus der Beute: 700 vergoldete Rittersporen.
Papst Bonifaz VIII. beansprucht in der Bulle "Unam sanctam" noch
einmal die volle päpstliche Oberhoheit über den "Staat". König
Philipp IV. von Frankreich beruft die Stände, um gegen diese
Ansprüche Verwahrung einzulegen.
1303 Die Bremer Zollordnung rechnet mit beträchtlichem Holzimport.
Bischof Benno von Seitz weilt zwecks Einweihung der Stadtkirche in
Weißenfels. Der Magistrat tischt ihm sogleich tüchtig auf, und die
Speisekarte ist erhalten: Eiersuppe mit Safran, Pefferkörnern und
Honig; Hirse; Gemüse; Schaffleisch mit Zwiebeln; Brathuhn mit
Zwetschgen; Stockfisch mit Öl und Rosinen; Bleie in Öl gebacken;
gesottener Aal mit Pfeffer; gerösteter Bückling mit Leipziger Senf;
gesottene Fische, sauer zubereitet; gebackene Barbe; kleine Vögel in
Schmalz gebraten mit Rettich; Schweinskeule mit Gurken ("korcken");
gelbes Schweinefleisch (mir Safran); Eierkuchen mit Honig und
Weinbeeren; gebratener Hering; kleine Fische mit Rosinen; kalte Bleie
vom Vortag; gebratene Gans mit roten Rüben; gesalzener Hecht mit
Petersilie; Salat mit Eiern; Gallert (Galreide) mit Mandeln.
Die Stadt Tübingen verwendet erstmals ein Siegel, das nicht mehr den
regierenden Grafen, sondern die Bürger nennt ("Sigillum civium de
Tuwingen").
5. Mai: In Paris wird der bekannte Musiker l'Escurel wegen sittlicher
Vergehen hingerichtet. Er ist Kleriker.
Universität Rom gegründet.
Die Ostsee friert zu.
Schlechte Ernte im Languedoc.
Papst Bonifaz stirbt zu Anagni.
1304 Erfurt hat eine mechanische Räderuhr. (Angeblich die erste sichere
Erwähnung einer solchen)
König Philipp der Schöne von Frankreich verbietet das Turnier.
Derselbe erhebt auf dem Schlachtfeld von Mons-en-Pévile einen Metzger,
der sich im Kampf ausgezeichnet hat, in den Adelsstand.
Einsetzen des "Handlungsbuches" der Holzschuher in Nürnberg.
In den Statuten der ländlichen Gemeinde von Cerea im Veroneser Flachland
werden bestimmte Baumarten unter Schutz gestellt (wie auch noch
andernorts in Norditalien). Es werden genannt: Linde, Eiche, Esche und
Ulme. Die großen Lindenwälder, die einst charakteristisch für die
Niederungen gewesen waren, verschwinden fast völlig.
In Zürich stirbt der Patrizier Rüdiger Manesse, der wahrscheinlich mit
mehreren Anghörigen anderer Adelsgeschlechter aus Zürich und Umgebung
zu den Auftraggeber der "Großen Heidelberger Liederhandschrift" (Codex
Manesse) gehört. Dieses nicht exakt zu datierende Werk sei an dieser
Stelle beschrieben: Diese Handschrift enthält 140 Autoren von der Mitte
des 12. Jhs. bis ins erste Drittel des 14. Jhs. Die Niederschrift dürfte
sich über einen längeren Zeitraum seit Beginn des 14. Jhs. vollzogen
haben. Vermutlich ist der Züricher Autor Johannes Hadlaub mit der
Redaktion betraut oder an ihr beteiligt. Die heutige Popularität dieser
Handschrift rührt von den ganzseitigen Miniaturen her, mit denen 137
der Autorencorpora versehen sind. Es handelt sich um typisierte Bilder
(nicht individuelle Porträts!) mit offenen oder verdeckten Bezügen zu
Namen oder Liedinhalten. "Keine andere weltliche Handschrift des
deutschen Mittelalters versucht in solchem Maße mit der Prachtentfaltung
geistlicher Handschriften zu konkurrieren." [T. Cramer 1990]
Ältestes erhaltenes Siegel von Steyr.
Schlechte Ernte im Languedoc.
Die Stadt Sterzing in Tirol erhält das ausschließliche Gastungsmonopol
im gesamten Raum zwischen Brenner, Mittewald und dem Jaufen.
1305 Das Kremser Stadtrecht verbietet den Fremden, mit gespannter Armbrust
oder Bogen die Stadt zu betreten. Die Sehne muß vor dem Stadttor
gelöst werden. Es ist auch bei Strafe von zehn Pfund oder Verlust
einer Hand verboten, ein "langes mezzer, daz ein stechmezzer haizzet,
in der hosen oder in dem schuhe oder anderswa" verborgen zu tragen.
Das Würzburger Landgericht erklärt, "das kein varen man, der gut für
ere nympt, nicht gezeuge sey in keiner sache, nach nymant seins
rechten gehelffe."
Das Wiener Stadtrecht verbietet den "freien Töchtern" die Heirat.
In Steyr wird eine Gemein der Ritter erwähnt, eine Art Rat aus ehemaligen
Burgmannen und Kaufleuten mit vollem Bürgerrecht.
König Philipp IV. von Frankreich bezeichtigt den Templerorden
ketzerischer Geheimlehren und unsittlicher Bräuche.
Im Bistum Genf wird der Jahresanfang zum 25. Dezember festgelegt (bis
1575). Zuvor fand er dort an Ostern statt. Ähnlich ist es im Bistum
Sitten.
Beginn des ältesten Stettiner Stadtbuches, das bis 1352 reicht. Hier
werden etwa 40 organisierte Handwerke genannt, die aber meist nur für
den lokalen Markt und teilweise für Handel und Schiffahrt der Stadt
produzieren. Hier sind vor allem die Böttcher zu nennen, die Fässer für
den Heringstransport von Schonen herstellen.
Eine Urkunde aus Brügge erwähnt Ausgaben für Turniere zu "groote
vastenavonde". Es ist die erste Erwähnung von Fastnacht im flandrisch-
niederländischen Raum.
Die Stadt Brügge hat seit Oktober 1284 wiederholt Geld im Gesamtwert von
460000 Pfund aufgenommen.
Schlechte Ernte im Languedoc.
Ca.: Tod von Adenet Le Roi, dem "König der Spielleute" (geb. ca.
1240); er hat u.a. als Bearbeitung älterer Chansons den Roman "Bertha
mit den großen Füßen" (Berthe as grans piés) verfaßt.
1306 Bischof Friedrich von Straßburg verbietet Geistlichen, Kleidung an
Spielleute zu verschenken (auf Diözesansynoden 1310 und 1341 oder
1345 erneuert). Wie zum Lohne für solche Äußerungen ereilt ihn in
diesem Jahre der Tod.
Vertreibung der Juden aus Frankreich.
In Bologna wird das "ludus graticulorium" verboten, ein Spiel, bei dem
sich zwei gegnerische Parteien einander mit rohen Eiern bewerfen.
Seit diesem Jahr wird in Siena jährlich am Ambrosiustag ein
Pferderennen veranstaltet. Es findet in den Straßen statt. Es gibt
übers Jahr zahlreiche Pferderennen in der Toskana; diejenigen von
Siena sind die bekanntesten.
Es ist eine Maschine zum Drahtziehen bekannt (wozu man sich freilich
genauere Angaben wünscht...).
In Bologna seziert der Anatom Mondino di Luzzi Leichen.
Zweite Erwähnung von Brillen, und zwar in einer Predigt von Giordano
di Rivakto: "Es sind noch keine zwanzig Jahre her, daß man die Kunst
entdeckt hat, Augengläser zu verfertigen, eine der vortrefflichsten
und notwendigsten Künste, die die Welt kennt. (...) Ich habe den Mann
gesehen, der sie als erster erfunden und gemacht hat, und ich habe mit
ihm gesprochen."
Es stirbt Heinrich von Klingenberg, der Bischof von Konstanz, welcher
wahrscheinlich die "Weingartner Liederhandschrift" in Auftrag gegeben hat.
In Brüssel erheben sich die Zünfte gegen die Herrschaft der Patrizier. Sie
herrschen aber nur bis 1306 (wo sie in der Schlacht von Vilvoorde
unterliegen).
Winter auf 1307: Die Ostsee friert erneut zu.
1307 Berlin und Cölln werden vereinigt; es wird eine Stadtmauer errichtet.
Sagenhafter Rütlischwur der drei Schweizer Urkantone gegen Habsburg -
Wilhelm Tell ist hier angesiedelt, jedoch nicht historisch.
Edward I. von England verbietet den Gebrauch von Steinkohle, aber ohne
Erfolg, weil in London Holzmangel herrscht.
Beispiel für die Bauweise von Burgen: Altbodman, vor zwölf Jahren noch
als "die newe burg" bezeichnet, wird durch Blitzschlag und Brand
völlig zerstört.
In Frankreich wird der Templerorden verfolgt und zerschlagen. Die
Templer werden verhaftet, viele werden umgebracht. Man wirft ihnen
Teufelsverehrung (des Götzen Baphomet), homosexuelle Unzucht und
antikirchliche Propaganda vor.
Bankrott der Franzesi in Florenz.
/1308: Die Universität Lissabon wird nach Coimbra verlegt.
1308 Mittelmärkischer Städtebund unter Führung Berlins.
Auf dem Kirchplatz von Kranenburg (am Niederrhein) wird ein Baum
gespalten und darin das "Wundertätige Kranenburger Kreuz" entdeckt. Es
soll 1280 ein Hirte eine Hostie der Osterkommunion, die er nicht
schlucken konnte, in diesen Baum gespuckt haben. Kranenburg wird nun
zum Wallfahrtsort.
In Venedig gestattet der Senat erstmals, daß eine Leiche seziert
werden darf.
In Florenz wird der streitbare halbfeudale Adel von der Staatsmacht
ausgeschlossen.
Karl Robert von Anjou wird König von Ungarn. Er ist nämlich ein Enkel
Königin Marias von Neapel, welche wiederum von König Béla IV. von Ungarn
abstammt. Er wird unterstützt vom Papst, oberitalienischen Bankiers, den
Johannitern und einigen oberungarischen Städten und leitet militärische
und wirtschaftliche Reformen ein: Festlegung der Regalien, königliche
Hoheitsrechte an Steuern und Handelszöllen sowie ein Edelmetallmonopol.
In diesem Jahr werden die ersten ungarischen Goldmünzen (nach
florentinischem Vorbild) geprägt. In dieser Zeit steht Ungarn in der
Goldproduktion an erster Stelle in Europa.
In Ungarn beginnt man Goldmünzen zu prägen.
Es stirbt der Scholastiker Duns Scotus (ca. 38).
Es stirbt König Albrecht I. (53). Heinrich VII. (34) wird König.
1309 Papst Clemens V., ein französischer Kardinal und früher Bischof von
Bordeaux, tritt sein Amt nicht in Rom, sondern in Avignon an. Man
sagt, er habe in der Herzogin von Perigord eine französische
Konkubine. In Avignon blüht nun die Simonie (Ämterkauf). Er verhängt
den Kirchenbann gegen Venedig und ruft sogar zum Kreuzzug gegen diese
Republik auf.
Aus diesem Jahre stammt das erste erhaltene Stadtsiegel von Dresden.
Der Hochmeister des Deutschen Ritterordens verlegt seinen Sitz von
Venedig nach Marienburg; die Johanniter verlegen ihren Sitz von
Zypern nach Rhodos (bis 1530).
Ein Aufstand in Wien scheitert; Ende der Oligarchie der Ritterbürtigen.
Universität von Orleans gegründet.
Bei den Dominikanern wird die Philosophie des Thomas von Aquin zur
offiziellen Lehre - wegen ihrer Anlehnung an Aristoteles teilweise
heftig umstritten.
6. Januar: Heinrich VII. von Luxemburg wird zum deutschen König gekrönt.
Bis 1317: Hungersnot (aber wo?).
/1318: Österreichische Reimchronik. Hier wird u.a. eine Vielzahl von
Weinen genannt: "Muglaere und reinval, kriechisch wîn und Terran,
Muscatel und Vindeplan, wîn von Ciper ouch dâ lac, claret unde
schafernac, von Genû und Malvasîn; diu zweier hande wîn daz houbet
machent râz; Pinol und wîn von Arrâz, diu wîn sint gar stark, und
wîn von Ancôn der mark, den wil man für den besten hân, Ecke unde
Tribiân; wîn von Wippach und Patznaer man dê sach und ander wîn
genuoc."
Bis 1323/25: Bernard Gui verfaßt die "Practica (officii) inquisitionis
haereticae pravitatis", ein Handbuch der Inquisition. Es bezieht sich
vor allem auf die Situation in Südfrankreich. Hier wird das Bild von
eloquenten, mit allen Wassern gewaschenen Ketzern gezeichnet, die den
Inquisitor hinters Licht führen wollen und für jede ketzerische Richtung
werden eigene Abschwörungsformeln formuliert. Gui ist zwischen 1307 und
1324 (mit Unterbrechungen) Inquisitor von Toulose.
1310 Johann von Luxemburg wird zum böhmischen König gewählt. Er hat sich
oft am französischen Hof aufgehalten und verhilft in Prag der neuen
französischen Mode zum Durchbruch.
Erste Erwähnung einer Sägemühle in Deutschland (Kirchheim/Teck).
In Trier gestattet eine Synode den Klerikern das Würfelspiel, aber
nur zur Erholung und nicht um Gewinn.
In Lübeck wird ein "Meister des Pflasters" genannt, ein Hinweis für
die Pflasterung von Straßen.
Sintflutartige Regenfälle im Languedoc führen zu einer Hungersnot.
In Köln wird der Jahresanfang (seit 1220 am Karsamstag) wieder auf
den 25. Dezember gelegt.
/1314: Östlich von Krems befindet sich nahe der Antonikirche ein
Sondersiechenhaus (Leprosorium).
Bis 1320: In dieser Zeit wird in Diessenhofen ein Haus gebaut, in
welchem sich ein Wandgemälde befindet, das das Werfen eines
scheibenförmigen Gegenstandes (Diskus) zeigt.
1311 Hallstatt erhält Marktrecht.
Der König von Frankreich verbietet das Turnier.
Zu einem Turnier in Rostock kommen "6400" Ritter. [Wie üblich ist bei
Zahlenangaben Vorsicht geboten!]
Rottweil verbündet sich erstmals mit Villingen.
Göttingen hat vor der Stadt ein Leprosenhaus. Dort besteht eine
besondere Badestube, in der viermal jährlich ein "Schaubad"
abgehalten wird, bei dem durch vier vereidigte Personen und zwei
Angehörige des Rats der Gesundheitszustand der Kranken untersucht
wird.
In Steyr werden Ketzer hingerichtet, wahrscheinlich Waldenser.
Es stirbt Arnold von Villanova (alias Arnoldo Bachuone), gewesener
Arzt, Laientheologe und Alchemist. Seine ärztliche Tätigkeit basierte
auf einer astrologischen Medizin, die weitgehend auf arabische
Anregungen zurückging. Danach werde alles durch subtile astrologische
Kräfte beeinflußt und mittels Kenntnis selbiger können Talismane zu
Heilzwecken verwendet werden.
Utrecht führt (wieder?) den Jahresanfang zum 25. Dezember ein. Auch
in Osnabrück geht man etwa gleichzeitig zu diesem Termin über (vorher
war hier der Jahresanfang am 25. März).
/1312: Konzil von Vienne: Erstmals werden bei der hohen Geistlichkeit
Stimmen nach einer Kirchenreform laut.
Das Konzil verbietet auch bei Welt- und Ordenspriestern den beliebten
kurzen Rock mit Zaddelwerk am Saum, weil dadurch das Untergewand
sichtbar werde. Außerdem wird verboten, perforiertes rot oder grün
gefärbtes Schuhwerk zu tragen. Dort wird übrigens auch das
Fronleichnamsfest eingeführt, wodurch die Monstranz ein beliebter
Gegenstand des Kunsthandwerks wird.
Papst Clemens V. befiehlt vergeblich, den zum Tode Verurteilten
wenigstens die Beichte zu gewähren, weil diese zu jener Zeit in
Frankreich und England den Delinquenten verweigert wird (in Frankreich
bis 1397).
Bis 1316: Bernard Gui verfaßt die Universalgeschichte "Flores
chronicorum". Das Werk ist in 48 Handschriften überliefert.
1312 Konzil von Vienne: Papst Clemens V. hebt den Templerorden wegen
Ketzerei und Nutzlosigkeit auf. Das reiche Vermögen des Ordens fällt
in Frankreich meist an die Krone; in Portugal erbt es der Christusorden,
im übrigen Abendland die Hospitaliter.
Der König von Frankreich verbietet erneut das Turnier - kein Effekt.
Seit der Antike werden erstmals wieder die Kanarischen Inseln - durch
die Genueser - entdeckt.
Dante wird aus Florenz verbannt, weil er gegen den Papst opponiert hat.
Der Orden der Beginen wird verboten.
Es werden immer noch hölzerne Kirchen gebaut: Rostock verpflichtet
sich, in Warnemünde eine Holzkirche wiederaufzubauen.
München hat einen besoldeten Arzt.
Zweite Erwähnung (nach Augsburg 1276) eines professionellen Henkers -
in Braunschweig und etwa gleichzeitig auch in Lübeck. In Braunschweig
wird hier erstmals der Begriff "Scharfrichter" erwähnt, als Bezeichnung
für denjenigen, der mit dem Schwert richtet.
Der Graf von Geldern verleiht den Herren von Krickenbeck Stadtrechte.
Krickenbeck (am Niederrhein) bleibt jedoch für Jahrhunderte ein
herrschaftliches Anwesen und entwickelt sich nicht zur Stadt.
England: Piers Gaveston, ein Emporkömmling und Freund des unfähigen
Königs Edward II. wird umgebracht, weil er dummerweise gewagt hat,
den führenden Baronen Spitznamen zu geben.
Bankrott der Frescobaldi in Florenz.
Heinrich VII. (38) wird zum Kaiser gekrönt (bis 1313).
Ca.: In den "Voeux du paon" des Jacques de Longuyon tauchen erstmals
die "Neun Tapferen" ("les neuf preux") auf, neun Helden: drei Heiden,
drei Juden und drei Christen (Hektor, Cäsar, Alexander, Josua, David,
Judas Makkabäus, Artus, Karl der Große und Gottfried von Bouillon).
Später werden ihnen noch neun Frauengestalten zugesellt.
1313 Es stirbt Arnold von Villeneuve, der angeblich den Branntwein erfunden
hat. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß die Destillation schon im 12. Jh.
entdeckt worden ist, und zwar in Italien. Der Branntwein wird jedoch noch
lange lediglich als alchimistisches Elixier oder als Heilmittel
Verwendung finden.
Nach einer Überlieferung aus Schonen (Schweden) soll ein Komet die
Heringe vertrieben haben.
Nach einem großen Brand in Zürich ordnet der Rat an, daß künftig die
Gebäude aus Stein gemauert werden sollen: "Und wer wider buwen wolt,
der muost eines gadems hoch muren sin hus".
Münster führt als Jahresanfang den 1. Januar ein.
Hungersnot im Languedoc.
Kaiser Heinrich VII. (39) stirbt.
Ca.: England exportiert jährlich etwa 30000 Sack Wolle und 5000
Stück Tuch.
Die Tuchproduktion in Ypern hat sich seit 1309 fast verneunfacht.
Nach 1313 stirbt Hugo von Trimberg. In seinem "Renner" wurde erstmals
das deutsche Wort "Bibel" erwähnt.
1314 Die Synode von Orleans verbietet den Klerikern den Tanz.
Erste Erwähnung der sog. Hamelner Schlagden: Die Schiffe auf der
Weser werden zum Umladen gezwungen und müssen ihre Waren in der Stadt
zum Verkauf anbieten (Stapelrecht, d.h. Vorkaufsrecht).
Zweite Erwähnung einer Sägemühle in Deutschland (Pfaffenweiler bei
Villingen).
Rottweil hat elf Zünfte.
März: Jacques de Molay, letzter Großmeister des Templerordens und
Geoffroi de Charnay, Großpräzeptor der Normandie, werden im Rahmen
der Templerverfolgungen bei lebendigem Leibe geröstet. (Letztes
beurkundetes Ereignis in der Geschichte der Templer)
Einen Monat später stirbt Papst Clemens V. an der Ruhr.
König Philipp IV. von Frankreich stirbt (Ursache ungeklärt) - "Der
Fluch der Templer".
Mai: Johann von Würzburg vollendet seinen Roman "Wilhelm von Österreich".
Es ist das einzig bekannte Werk dieses Autors, dem der Esslinger Bürger
Dieprecht mit seiner Bibliothek literarische Hilfe geleistet hat.
Alpenpässe: Ausbau des Weges in der Eisackschlucht am Brenner.
Ludwig IV. der Bayer, Sohn Herzog Ludwigs II. des Strengen von
Oberbayern (22) wird König. München wird dadurch quasi Residenzstadt
des Reiches.
/1315: In Zürich werden die Bewohner aufgefordert, den auf die Straße
geschafften Mist im Sommer bis zum dritten Tag und im Winter bis zum
achten Tag wegzuschaffen.
Bis 1320/32: Nürnberger Kleiderordnung: Der Wert von silbernen
Gürteln, Taschen und Messern wird begrenzt; Spangen, Ringe oder Knöpfe
an den Ärmeln werden beschränkt; völlig verboten werden perforierte
("zerhauwen") Schuhe, gezaddelte Säume und Ärmel sowie das Aufnähen
von Silberplättchen und Seide.
Ca.: Beschwerden gegen rauchende Kohlenherde in England.
1315 Seit diesem Jahr finden in Venedig alljährlich am St. Paulstag
Bootsrennen statt.
Antwerpen wird Mitglied der Hanse.
Schlacht von Morgarten: Etwa 4000 Schweizer Bauern (aus Schwyz, Uri
und Unterwalden) besiegen ein Ritterheer Herzog Leopolds von
Österreich, weil sie geschickt das Gelände ausnutzen und Hellebarden
einsetzen (diese werden bei Johannes von Winterthur erstmalig beschrieben).
Der Papst verdammt den Bettelorden der Fraticelli als Ketzer.
In Venedig erscheint erstmals die coccha, eine mediterrane Nachahmung
der Kogge.
König Edward II. von England verfügt: "Durch die empörend und
ausschweifende Vielfalt von Fleisch und Gerichten, welche die großen
Männer des Königreichs in ihren Schlössern auftischten, und dadurch, daß
Personen niederen Standes ihr Beispiel nachahmten, über das hinaus, was
ihr Rang erforderte und ihre Mittel erlaubten, sind viele große Übel auf
das Königreich gekommen, die Gesundheit der Untertanen des Königs wurde
angeschlagen, ihr Vermögen verbraucht, sie selbst versanken in Armut.
deshalb ... befiehlt der König: Daß die großen Männer des Königreichs
nur zwei Gänge mit Fleischgerichten an ihrem Tisch servieren dürfen,
und jeder Gang darf nur aus zwei Sorten Fleisch bestehen." Die höheren
Ränge dürfen freilich als Ausnahme in einem Zwischengang noch eine
fünfte Sorte Fleisch essen, damit sie nicht gar zu sehr leiden müssen.
Bis 1317: Schwere Hungersnot in weiten Teilen Europas nach
unaufhörlichen Regenfällen (in Südfrankreich bis 1318). Dazu wütet
die Ruhr. Flandern wird in dieser Zeit durch unternehmungslustige
florentinische Kaufleute von Sizilien aus mit Getreide versorgt.
/1330 bis 1360: Aus dem Nürnberger Satzungsbuch III/C: "Unde nieman
sol dehainen unflat in haven oder in anderen dingen nicht an die
straze werfen."
1316 Neuer Papst (in Avignon) wird Johannes XXII. Er hebt das Turnierverbot
auf. Die Kleiderkosten seines Gefolges sollen pro Jahr 7000 bis 8000
Goldflorin betragen haben. Einmal soll er 40 Kleidungsstücke aus
Goldbrokat zum persönlichen Gebrauch in Damaskus eingekauft haben, was
1276 Goldflorin kostet.
In Rottweil sitzen im 80köpfigen Großen Rat auch die Zünfte.
In Basel übernimmt die Stadt die Betreuung der Brunnen.
Der Anatom Mondino di Luzzi verfaßt eine maßgebliche Anatomie, welche
das scholastische Denken sprengt.
Das Gewerbeverzeichnis von Florenz verzeichnet über 70 Tätigkeiten,
obwohl nur 21 kaufmännische und handwerkliche Vereinigungen als
Zünfte anerkannt sind. Erwähnt werden auch Ausrufer verlorener
Gegenstände.
König Ludwig X. von Frankreich stirbt. Er hat insgesamt sechs
Spielleute unter Vertrag gehabt (Instrumentalisten und Sänger).
Neuer König wird Philipp V. der Lange (bis 1322).
Eine Zauberin beschuldigt im Verhör die Schwiegermutter Philipps V.,
Mahaute von Artois, diese habe eine magische Beschwörung angeordnet,
um eine Versöhnung zwischen dem König und ihrer Tochter zu bewirken.
Es wird sogar behauptet, sie hätte Ludwig X. vergiftet, um Philipp
zur Königswürde zu verhelfen.
König Philipp von Frankreich läßt anläßlich des Weihnachtsfestes zwei
neue Roben schneidern. Eine Robe ist eine Garnitur von bis zu sieben
Kleidungsstücken, von denen vier gleichzeitig getragen werden. Hier nun
werden sieben Stücke gemacht: Eine houce, ein Mantel, ein ärmelloser
surcot (Obergewand), zwei surcots mit Ärmeln und zwei Gugeln. Dafür
werden insgesamt 1598 Fehpelze verarbeitet. Allein für einen
halbkreisförmigen Mantel werden 300 Felle benötigt.
Bei einer Hungersnot sollen in Erfurt angeblich "7985" Menschen
gestorben sein - eine phantastische Zahl.
Im nordafrikanischen Bougie wird Ramon Lull (über 80) beim Versuch,
Moslems zu bekehren gesteinigt.
Verwicklungen des Lehnswesens: Das Lehen Achaia geht nach der Vergiftung
Ludwigs von Burgund an dessen Bruder Odo von Burgund, der sein Erbe für
40000 Pfund an Philipp von Tarent verkauft, welcher als Despot der Romania
nun auch Fürst von Achaia wird - also sein eigener Vasall.
1317 Vor 1317 entsteht das "Gesundheitsregiment" Konrads von Eichstätt.
Graf Willem III. von Holland übernimmt Amsterdam von den Bischöfen
von Utrecht.
Die Dekretale "Execrabilis" verbietet vergeblich die Pfründenhäufung
von Klerikern.
Ein Mandat des Bischofs von Straßburg befiehlt dem Klerus bei Strafe
des Bannes, sich der grünen, gelben und roten Schuhe zu enthalten.
Die Feuerlöschordnung von Meran schreibt u.a. vor, Feuerhaken und
Äxte zum Abreißen der Häuser bereitzuhalten - demnach kann es sich
dabei kaum um Steinhäuser gehandelt haben.
König Heinrich von Böhmen gibt unter dem Gesichtspunkt des
öffentlichen Interesses den Anstoß zur Gründung einer Apotheke in
Bozen.
Der Bischof von Cahors wird hingerichtet, weil er mit einem angeblich
jüdischen Magier und einigen anderen zwielichtigen Figuren ein
Komplott zur Ermordung des Papstes geschmiedet haben soll.
In Mainz wird auf dem Brand ein Kaufhaus errichtet. Es dient wohl nicht
nur dem Handel, sondern auch als städtisches Fest- und Tanzhaus.
Portugal: Der Genuese Micer Manuel Pessagno, der mit 20 Spezialisten
für Galeerenbau in portugiesische Dienste getreten ist, erhält von
König Dinis den gerade erst neu eingeführten Titel Admiral.
1318 27. Februar: Papst Johannes XXII. schreibt in einem Brief: "Sie (die
Götzendiener) besitzen Bücher über Magie. Sie verwenden häufig Spiegel
oder Figuren, die ihren abscheulichen Riten geweiht sind. (...?)
Manchmal schließen sie Dämonen in einen Spiegel ein, um sie zu
befragen."
März: Der Florentiner Geldwechsler Lippo di Fede del Sega hat seit
Juni des Vorjahres 2300 Silberflorins gehortet, um damit zu spekulieren;
er verkauft sein Silber an die Münzstätte, wenn diese vorübergehend
keines hat.
Die Stadt München übernimmt die Kosten für einen Brunnen neben der
Fleischerbank. In Heilbronn ist ein Stadtbrunnen auch gewerblicher
Nutzung zugänglich. Anfang des 14. Jhs. übernehmen die Städte
zunehmend Kostenbeteiligung und Verantwortung für jene Brunnen, die
überwiegend gewerblich benutzt werden.
Die erste Zunft von Prag bilden die Schneider der Altstadt.
Linn (bei Krefeld) wird als Stadt erwähnt.
Der Ort Büderich erhält als Hauptzollstätte der Grafen von Kleve die
Stadtrechte.
In Marseille werden vier Fraticelli als Ketzer verbrannt.
Es stirbt zu Mainz Heinrich von Meißen (58), genannt Frauenlob.
1319 In Nürnberg werden 34 Kuppler und Falschspieler namhaft gemacht.
Die Kleiderordnung von Zürich verpflichtet die Dirnen, eine rote
Kapuze zu tragen. (Ebenso in Bern)
Der Rat von Nürnberg verweist 34 "ruffiane" (Hurenwirte) mitsamt
ihren Dirnen der Stadt. Dies ist allerdings eine Ausnahme, welche
sich im Achtbuch der Stadt nicht wiederholen wird.
In Pietro Viscontes Seekarte der Erde ist jetzt nicht mehr der Osten,
sondern der Norden oben.
Bei der Belagerung des englischen Berwick sollen kleine Kanonen
eingesetzt worden sein.
1320 Zu Augsburg gibt es eine öffentliche Großmangel für Wäsche mit Göpel-
oder Tretradantrieb.
Wasserradantrieb für Eisenhammer in der Lausitz.
Ältestes bekanntes deutsches Handelsbuch in Konstanz.
Von Paris aus ziehen die Pastorellen durch Aquitanien. Es sind Gruppen
von etwa fünfzehnjährigen Hirtenkindern, welche, barfuß und ärmlich
mit gehißtem Kreuzbanner marschieren und sich nach dem Heiligen Land
einschiffen wollen. In Aquitanien wollen sie gewaltsam Juden taufen,
"um die Gunst des Volkes zu gewinnen" (Bernard Gui). Wer sich wehrt,
wird ausgeraubt oder ermordet. Zwar schreitet in Carcassonne die
Obrigkeit ein, um die Juden als "Diener des Königs" zu schützen (wohl
nicht ganz uneigennützig, wie sich wenige Monate später zeigen wird),
doch billigen viele diese Gewalttaten. Gerade in Carcassonne jedoch
beschweren sich bald die Konsuln über Mißbräuche und Ausschreitungen:
Juden betrieben neben Wucher auch noch Zuhälterei und Vergewaltigungen,
mißbrauchten Hostien etc. und sollten daher vertrieben werden. Die
Aussätzigen würden ihre Krankheit "durch Gift, todbringende und
zauberkräftige Mittel" absichtlich verbreiten und gehörten daher
interniert und an ihrer Vermehrung gehindert.
Der Dominikaner Bernard Gui gibt eine aktuelle Liste der Werke des
Thomas von Aquin heraus.
Ca.: Es stirbt der angesehene Mediziner Bernard Gordon. Wie viele
seiner Zeitgenossen hat er geglaubt, man könne epileptische Anfälle
dadurch verhindern, daß man die Namen der heiligen drei Könige auf
einem Pergament mit sich trage.
Ca.: In Deutschland gibt es etwa 400, größtenteils befestigte Städte.
Ca.: In der Tuchweberei kommt das Kettenanscheren auf Holzrahmen auf.
Seit diesem Jahr werden in Stralsund Stadtbücher (libri memoriales) geführt.
1321 Tod Dantes. Kurz zuvor hat er noch die "Divina Commedia" vollendet.
Aufkommen der Mörsermühle.
Bochum wird zur Stadt erhoben.
Universität Florenz gegründet.
Monte Cassino wird Bistum.
Hamburg tritt der Hanse bei. Die Stadt dient als Nordseehafen für
Lübeck.
Das Wort "Zeitung" ("Reiseerlebnis") ist bezeugt.
Der Katharinenhof (ein Hospital) zu Hildesheim hat 30 Insassen.
16. April (Karfreitag): Im Perigord kommen erste Gerüchte über eine
Vergiftung des Wassers auf. Es folgen Festnahmen und Verbrennungen,
bald in ganz Aquitanien. Opfer sind Aussätzige und Juden.
Nach der Chronik des Klosters St. Etienne von Condom (abgefaßt 1336)
werden in diesem Jahr die Aussätzigen "vernichtet". In ganz
Frankreich werden zu dieser Zeit Leprakranke wegen angeblicher
Giftmischerei verbrannt. Man wirft ihnen auch vor, sie wollten die
Gesunden umbringen bzw. mit Lepra infizieren und die Herrschaft
übernehmen. Am 21. Juni erläßt König Philipp V. der Lange zu Poitiers
ein Edikt gegen die überlebenden Aussätzigen: Wer gestanden hat, soll
verbrannt werden, wobei schwangere Frauen erst nach Geburt und
Abstillen ins Feuer kommen sollen. Wer von ihnen nicht gesteht, soll
abgesondert werden, Männer und Frauen wiederum getrennt. Ihre Güter
werden eingezogen. Jegliches gerichtliche Vorgehen gegen sie wird der
Krone anheimgestellt. Letztere beiden Maßnahmen werden im August
wieder eingeschränkt.
In Toulouse wird Guillaume Belibaste verbrannt, der letzte "Vollkommene"
der Katharer.
Montpellier verwehrt den Spielleuten, insbesondere den jüdischen Lezim
oder Klezmorim den Eintritt in die Stadt.
Ca.: Der Araber Levi ben Gerson erwähnt die Lochkamera (Camera obscura)
als Hilfsmittel zur Sonnenbeobachtung.
1322 Papst Johannes XXII. verbietet wegen der Gefahr der Verweltlichung den
mehrstimmigen Kontrapunkt in der Kirchenmusik. In einer plötzlichen
Kehrtwende vertreibt er die Juden, die er bisher gegen die Pastorellen
in Schutz genommen hat, aus seinem Gebiet.
König Karl der Schöne von Frankreich bestätigt die Absonderung der
Aussätzigen. Dies ist das erste massive Internierungsprogramm in
Europa. Bisher haben sie Leprösen in hospizartigen offenen
Einrichtungen gelebt, nun werden sie auf Lebenszeit interniert.
Die Reichsstadt Eger wird an den König von Böhmen verpfändet - und nie
wieder ausgelöst.
In Straßburg gibt es einen städtischen Pflastermeister.
In Aachen werden alle sieben Jahre die Reliquien gezeigt. Wegen des
großen Andrangs wird die Zeremonie (die es seit etwa 1238 gibt) ins
Freie verlegt.
In Pisa ist der Geldwert in den letzten 56 Jahren um zwei Drittel
gesunken.
In Paris muß sich eine gewisse Jacoba wegen ärztlicher Tätigkeit vor
Gericht verantworten. Ihre Verteidigungsrede ist gleichzeitig ein
Kommentar zur Verantwortung des Arztes.
In diesem Jahr entsteht die Satzung der St.-Sebastianus-Handbogengilde
zu Gent, die erste bekannte Satzung einer Schützengesellschaft.
1323 In Pisa werden zu Himmelfahrt ein Ruderbootsrennen und ein
Pferderennen ausgeschrieben. Die Gewinner erhalten einen Ballen Samt,
ein Pferd und weitere Haustiere, die Verlierer einen Zwiebelkranz.
In Paris gibt es eine Torsteuer (Octroi).
Es wird der erste mit hydraulischen Blasebälgen versehene Schmelzofen
erwähnt.
Die Ostsee friert zu. Man kann von Dänemark und Deutschland zu Fuß
nach Schweden gehen.
Der Rat von Zürich bestimmt, daß im Heiliggeisthospital, das
offenbar Bettler angezogen hat, nur "arme lüte, so krank und siech
an ir libe sint, dass sy das Almusen nit gesuchen mügen" aufgenommen
werden dürfen.
Amsterdam wird Zollstation für das aus Hamburg importierte Bier. Daraus
entwickelt sich bald ein reger Handel mit den Hansestädten.
Papst Johannes XXII. erklärt die Auffassung von der irdischen
Besitzlosigkeit Christi (Ideal der Franziskaner) für ketzerisch.
Frühjahr oder Sommer: König Karl IV. vertreibt die Juden aus
Frankreich.
Grippeepidemie in Italien. Die Grippe heißt "Influenza" vom gedachten
Einfluß der Gestirne auf den Krankheitsverlauf.
18. Juli: Thomas von Aquin wird feierlich heiliggesprochen.
Winter, bis 1328: Bauernaufstand in Flandern. Die Unruhen beginnen in
Brügge und richten sich gegen die Übergriffe adliger Gerichtsherren,
welche Steuern willkürlich einsetzen und ungesetzliche
Gerichtsgebühren einziehen. Der Aufstand breitet sich ohne Widerstand
aus; mehrere Burgen werden geplündert und zerstört. Die Städte - außer
Gent - schließen sich an.
1324 In Siena finden trotz mehrfacher Verbote immer noch Kampfspiele statt:
Ein solches Spiel artet in eine wüste Schlägerei aus und nicht einmal
die Stadtpolizei kann die Parteien trennen, bis schließlich der
Bischof an der Spitze einer Prozession Frieden stiftet. Zurück bleiben
vier Tote und mehrere ausgebrannte Läden. Erneut werden Kampfspiele -
vergeblich - verboten.
Ein anonymer katalanischer Koch, der schon am englischen Königshof
gekocht hat, verfaßt das "Libre de Sent Sovi", ein Kochbuch. Die Rezepte
ähneln denen der Antike, außer daß nun auch Zimt, Nelken und Muskat
verwendet werden. Im Unterschied zum allgemeinen Gebrauch dickt der
Katalane seine Saucen mit rohem Eigelb (neben Brot und gemörserten
Mandeln) statt mit gekochtem und dann püriertem. Es gibt hier übrigens
auch eine Sauce für ein Bärengericht, ferner halbgegrilltes Geflügel in
süßsaurer gewürzter Mandelsauce und "weiße Sauce" aus Mandeln, Ingwer
und Hühnerbrust.
Ludwig der Bayer leiht sich Geld von einem Juden aus Rottweil.
Die Goldschmiede von Prag bilden eine Zunft, die zweite der Stadt.
In Metz wird erstmalig (?) in einer Schlacht ein Pulvergeschütz
abgefeuert.
Marco Polo stirbt.
William von Ockham, ein nominalistischer Scholastiker, nach dessen
Lehre der "Staat" von der Kirche unabhängig sein soll, wird zum Papst
nach Avignon geladen, flieht aber nach München, wo er verbleibt.
Gegen seine Exkommunikation antwortet er mit einer Streitschrift, in
der er dem Papst 70 Irrtümer und sieben Ketzereien vorwirft.
Marsilius von Padua behauptet in seinem Werk "Defensor Pacis" die
Souveränität des "Staates". Der Papst antwortet mit Exkommunikation.
Der Bischof von Lugo erhält die Vollmacht, für über 500 illegitime
Kleriker (von unehelicher Geburt bzw. Kinder von Klerikern) Dispens
zu erteilen. Diese hohe Zahl ist eine Ausnahme, da normalerweise die
Dispens auf 20 Personen beschränkt ist.
/1325: In Augsburg finden sich in den Stadtrechnungen Ausgaben für
das Verlegen eines Pflasters.
1325 Die Mauren setzen bei Baza Feuerwaffen ein.
Berlin wird wegen Ermordung des Propstes von Bernau gebannt.
In Köln sind 70 Häuser und Hofstätten im Besitz von Juden.
In Florenz nehmen Mädchen an Wettläufen teil.
In Böhmen beginnt man Goldmünzen zu prägen.
Bau der Tuchhalle in Gent.
14. Juni: Ibn Battuta (21) aus Tanger bricht zu einer Pilgerfahrt nach Mekka
und Medina auf. Diese Reise wird ihn bis Indien und China führen und es
werden 24 Jahre vergehen, bis der "Marco Polo der Araber" nach Marokko
zurückkehren wird.
Ca.: Erfindung des Ribaud (Pot de fer), einer Feuerwaffe, die
dreikantige Bolzen verfeuert. (?)
Ca.: Metz hat 25000 Einwohner.
Ca.: Erfindung des Orgelpedals.
1326 In Wien bricht im Hause eines Bäckers in der Wallnerstraße ein Brand
aus, der bald zwei Drittel der Stadt erfaßt.
Innsbruck erhält das Privileg zur Errichtung einer Apotheke und
eines Arztpostens. Als Amtssprengel wird den beiden Apotheken zu
Innsbruck und Bozen das ganze Inntal zugewiesen; außerdem erhalten
sie Steuerfreiheit. Die notwendigen Waren dürfen zollfrei eingeführt
werden, müssen aber beim Apotheker Jakob von Volano in Bozen bezogen
werden.
Eine englische Handschrift enthält eine Miniatur, auf der bei einer
Belagerung mittels eines Flugdrachens ein Geschoß über einer Burg
abgeworfen wird.
Der Engländer Walter de Milimete verfaßt eine Schrift namens "De
Nobilitatibus Sapientiis et Prudenciis Regum", gewidmet König Edward
III. von England, worin ein Krieger abgebildet ist, der eine Lunte
an das Zündloch einer flaschenförmigen Feuerwaffe hält, aus deren
Hals als Geschoß ein großer Pfeil ragt.
In England gibt es Brillen für Gelehrte, Adlige und Geistliche.
(Starre Bügel gibt es erst im 18. Jh.)
Paris erhält ein Waisenhaus.
Bei einem Aufruhr in London wird der Bischof geköpft und seine Leiche
nackt auf die Straße geworfen.
In Florenz werden Metallgeschütze hergestellt, welche Kugeln aus
Schmiedeeisen verschießen können.
Bankrott der Scali in Florenz.
4. August: Iwan I. Kalita legt in Moskau den Grundstein der ersten
Steinkirche.
Schwere Verschuldung zwingt Erzbischof Friedrich III. von Salzburg zur
Erhebung einer ersten allgemeinen Steuer.
Der Anatom Mondino di Luzzi stirbt.
1327 Es stirbt der Mystiker Meister Eckart.
Zusammenschluß von Mainz, Worms, Speyer, Straßburg, Basel, Freiburg/Br.,
Zürich, Bern, Solothurn, Konstanz, Überlingen, Lindau und Ravensburg
unter sich sowie mit den Landleuten von Uri, Unterwalden und
Schwyz, dann mit den Grafen von Kyrburg und von Montfort sowie mit
dem Bischof von Konstanz zu einem Bund zur Wahrung des Landfriedens.
Großer Brand in München. Ein Großteil der Stadt brennt ab.
Wien hat ein primitives Kanalsystem von Abflußbächen zur Donau, die
wegen geringer Wasserführung Kloakencharakter haben. Seit diesem
Jahr werden sie "Möhrung" (Schmutzbach) genannt.
Auf der Piazza Grande zu Modena wird ein Stein aufgestellt, der die
zulässige Höchstlänge der Schleppe der Frauenkleider - eine Elle -
angibt.
Avignon hat 43 italienische Bankhäuser.
In England gibt es 120 bis 130 Walkmühlen.
1328 In einem Rechtsbuch wird der gerichtliche Zweikampf als Gottesurteil
verboten, was sich aber erst langsam durchsetzt.
Eine anonyme französische Chronik, die in diesem Jahr schließt,
berichtet über die angebliche Giftverschwörung der Aussätzigen. Aber:
"Es hieß, die Juden seien bei diesem Verbrechen die Spießgesellen der
Aussätzigen gewesen, und deswegen wurden viele von ihnen zusammen mit
den Aussätzigen verbrannt. Das niedere Volk hielt selbst Gericht,
ohne erst einen Vogt oder Amtmann zu rufen. Sie sperrten die Leute
mitsamt ihrem Vieh und Hausrat in ihre Behausungen und steckten diese
in Brand." Diese Version steht aber fast allein; etliche andere
Chroniken (anonyme Fortsetzung von Guillaume de Nangis und von Girard
de Frachet, Johann von St. Viktor, Chronik von St. Denis, Jean
d'Outremeuse, Genealogia comitum Flandriae) verweisen auf ein
Geständnis, das Jean Larcheveque, der Herr von Parthenay, dem König
Philipp V. hat zukommen lassen, wonach einer der Oberen der
Aussätzigen von einem Juden mit Geld bestochen worden sei und von ihm
Gift erhalten habe, um es in Quellen und Brunnen zu schütten. Das
"glaubwürdigste" der Gerüchte macht den König von Granada als
eigentlichen Hintermann dafür verantwortlich, der seinerseits die
Juden bestochen haben soll, um die Christen zu verderben. Die vom
Teufel gelenkten Aussätzigen hätten dann vier Konzilien abgehalten,
um ihre Pläne zu schmieden. Einige gefälschte Briefe sollen diese
Vorwürfe, insbesondere gegen die Juden, "beweisen".
Die flandrischen Bauern unterliegen einem französischen Ritterheer,
welches der Graf von Flandern herbeigeholt hat. Damit ist der dortige
Aufstand beendet.
Im Rechtsbuch des Fürsprechers Ruprecht von Freising stehen etliche
arbeitsrechtliche Bestimmungen: "Wer Dienstboten dingt, es sei Magd
oder Knecht, für eine Weile oder für Jahre, was er ihnen gelobt, das
muß er ihnen geben. Und läßt er sich deswegen verklagen, so verliert
er die Frevelbuße gegenüber dem Richter, das sind 72 Pfennige."
In Frankfurt tritt erstmals die Bezeichnung "bornfeger" auf, d.h. es
finden dort regelmäßige Brunnenreinigungen statt.
In Paris tun sich einige Spielleute zusammen, um ein Spital (St.
Julian, Schutzheiliger der Spitäler, und St. Genesius, ein Märtyrer
der Spielleute) zu stiften. Anschließend baut man noch eine Kirche an,
deren Fassade den Hl. Genesius in Spielmannskleidung zeigt, die
Fiedel streichend und von musizierenden Engeln umgeben.
Am französischen Königshof gibt es neben der eigentlichen Küche noch die
paneterie, die für die Brotversorgung zuständig ist (hier arbeiten 21
Personen), die échansonnerie für die Weinversorgung (33 Personen) und
die fruiterie für die Obstversorgung (14 Personen).
Die Harnischmacher von Prag bilden eine Zunft.
Ludwig der Bayer (46) wird zum Kaiser gekrönt. Die Reichskleinodien
werden bis 1350 in München aufbewahrt.
Bis 1423: Dülken (am Niederrhein) ist Münzstätte der Herren von Jülich.
1329 Erster bekannter Streik in Deutschland: In Breslau streiken die
Gürtlergesellen ein Jahr lang.
In einer Zollordnung werden für die Frankfurter Messe folgende Waren
aufgezählt: Pferde, Schlachtvieh, Fleisch, Butter, Schmierfett,
Unschlitt (Talg), Rheinfisch, Bolchen, Heringe, Bücklinge, Lorbeer
und andere Gewürze, Eisen verschiedener Art, Blei und Zinn in Klumpen,
Glas und Trinkbecher, Kreide, Galmei (Zinkerz), Weinstein, Pech,
Schleifstein, Flachs (rauh oder gehechelt), Hanf, Werg, Garn, Wolle,
Leinwand, Weinfässer und Leinwandballen.
Petrus von Zittau berichtet über Böhmen: "Man sieht sehr oft kurze
und enge Kleider mit einem am Ellbogen herabhängendem Fleck, der wie
ein Eselsohr umherfliegt und manchmal bis zur Erde reicht."
Während einer Erzstiftsfehde werden in Mainz drei Kirchen zerstört.
Die Stadt ist deshalb über 100 Jahre lang rechtlich zur Sühnezahlung
verpflichtet.
Bau des Moskauer Kreml - aus Holz.
Mißernte im Languedoc. Juden, Aussätzige und Zauberer werden beschuldigt.
Bernard Gui vollendet seinen Heiligenspiegel, eine vierteilige
Darstellung der französischen Heiligen.
/1335: In Nürnberg wird die Verwendung von leicht brennbarem
Material zum Dachdecken verboten.
1330 In Tournai kommen Vertreter von 31 Spielmannsgenossenschaften
zusammen, jeweils angeführt von einem Oberhaupt ("rex"). Chroniken
sprechen von einem Fest der 31 Könige.
In Villach wird der Bleiberg aufgetan.
Älteste Darstellung eines Geschützes (in England).
28. April: Ludwig der Bayer gewährt Frankfurt eine zweite Messe in der
Frühjahrs- oder Fastenzeit, zwecks Verkauf der Winterprodukte (etwa
Wein und Wolle). Diese Messe kann sich nur schwer etablieren, da sie
vom vierten bis zum zweiten Sonntag vor Ostern stattfindet und dadurch
manchmal schon in den Februar fällt.
König Alfons XI. von Kastilien gründet einen Ritterorden, dessen
Mitglieder sich zum Verzicht auf Knoblauch und Zwiebeln verpflichten
müssen. Wer nach Knoblauch riecht, muß sich für einen Monat dem Hofe
fernhalten.
In Göttingen wird unter Strafe gestellt, Aas und Kadaver auf die
Straße zu werfen.
Satzung der St.-Sebastianus-Bogenschützengesellschaft zu Dünkirchen,
die vielleicht zweite bekannte Satzung einer Schützengesellschaft (vgl.
1322 in Gent).
In Elbing wird ein "Liber civitatis" (Stadtbuch) geführt.
Seit 1330 versucht Philipp VI. von Frankreich, den Geldumlauf zu regeln.
Ein Erlaß erinnert daran, daß vertragliche Abmachungen nur in
Rechnungsgeld (monnaie de compte) beglichen werden dürfen: "Arglistige
Leute haben sich bemüht, in mehrerer Hinsicht Unsere Erlasse zu
umgehen, besonders bezüglich der Handelsgeschäfte, Verträge und
Darlehen in Golddenaren und in Gros Tournois, zu Unserem Schaden und
zum Schaden Unseres Volkes, was Uns sehr mißfällt.
Wir verbieten, daß einer sich erdreiste, mit Golddenaren oder Gros
Tournois zu handeln, Verträge abzuschließen oder Darlehen zu nehmen,
außer in Sous und Livres der Währung, die Wir jetzt prägen lassen." In
Wirklichkeit werden die Preise in Gros oder Écus festgelegt, vor allem
aber in Florins (relativ stabile goldwährung), während das offizielle
System auf dem alten Denar beruht (zurückgehend auf das Silbergeld der
Karolingerzeit).
Einwohnerzahl von Florenz (nach Villani): 90000.
Ca.: Großer Drehkran mit Tretantrieb in Lüneburg.
Ca.: In der Männerkleidung ist der Rock zu dieser Zeit noch etwa
wadenlang, was sich bald ändern wird.
Ca. 1330/1345: Johann von Viktring lehrt in seinem "Liber certarum
historiarum": "Und wie Seneca sagt: Wenn du dir alles unterwerfen willst,
unterwirf dich zuerst der Vernunft; kannst du dich selbst beherrschen,
so wirst du viele beherrschen." [Ed. F. Schneider 1909 S. 302]
1331 In Prag beginnt man, die Straßen zu pflastern.
Angeblich sollen in diesem Jahr in Prag italienische Kriegsgefangene
Schornsteine kehren, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Dies
würde darauf hinweisen, daß es in Italien bereits üblich ist,
regelmäßig verrußte Schornsteine zu reinigen.
In Worms ist eine Genossenschaft fahrender Schüler nachweisbar.
In Florenz findet seit diesem Jahr gleichzeitig mit dem alle fünf
Jahre stattfindenden Pferderennen auch ein Rennen für die Plebejer
statt. Es findet am ersten Sonntag nach dem 11. Juni statt und ist
von den Tuchfärbern initiiert worden. Der erste Preis ist ein Ballen
ungefärbtes Tuch und die Rennpferde bilden jene ausgemergelten Klepper,
mit denen das Tuch in die Färberei geliefert wird. Die Teilnehmer
schlagen während dieses Corso de' Tintori zur Erheiterung der Zuschauer
erbarmungslos aufeinander und auf die Gäule der Konkurrenten ein.
Januar: In Westminster weigern sich die Maurer, "am Montag oder
Dienstag zu arbeiten, weil ihnen seit Weihnachten kein Lohn
ausbezahlt worden ist und sie befürchten, dessen, was ihnen gebührt,
verlustig zu gehen." Nachdem sie ausgezahlt worden sind, erscheinen
sie am Mittwoch wieder zur Arbeit.
Mainz wird als "freie Stadt des Reiches" bezeichnet, obwohl rechtlich
der Erzbischof Herr von Gericht, Markt, Zoll und Münze ist.
Die Burg von Cividale wird von Büchsen und Feuerwaffen beschossen.
Moskau: Ein Brand zerstört den hölzernen Kreml.
Die Mauren setzen bei Alicante Feuerwaffen ein.
30. Dezember: Es stirbt Bernard Gui (ca. 70).
1332 Nürnberg läßt sich von Ludwig dem Bayern eine Gesamtbestätigung seiner
Zollfreiheiten (in 69 Städten) geben.
Die Straßburger Zünfte erlangen Sitz im Rat.
Die Mainzer Zünfte erlangen im Rat Gleichberechtigung mit den
patrizischen Geschlechtern.
Der spätere Kaiser Karl IV., in Frankreich erzogen, erhält dort den
Ritterschlag. Er wird diese Form der Rittererhebung, welche in
Frankreich bereits im 13. Jh. üblich war, später im Reich einführen.
Die Rosenart Rosa Centifolia kommt aus Persien nach Europa. (Nach anderen
Angaben soll sie aber erst 1596 in Holland aufgetaucht sein, aber das
muß sich nicht unbedingt widersprechen.)
Die Kaufleute von Gent sehen sich genötigt, auf eigene Kosten die Straße
nach Senlis zu reparieren, um die Beförderung ihrer Waren nach Paris zu
beschleunigen.
Winter: Hunger im Languedoc läßt die Armen rohes Gras essen.
Es stirbt Philipp von Tarent, Despot von Romanien (in Griechenland),
der dem Odo von Burgund das Lehen Achaia für 40000 Pfund abgekauft hat.
Dadurch wurde Philipp auch Fürst von Achaia und damit sein eigener
Lehnsherr.
1333 Erster öffentlicher botanischer Garten in Venedig.
Bau der gedeckten hölzernen Kapellbrücke über die Reuß in Luzern.
Petrarca weilt derzeit in Köln. Am Johannistage wird er von Freunden
an den Rhein geführt, wo man ihm ein herrliches Schauspiel verpricht:
"In diesem Versprechen wurde ich auch nicht enttäuscht, denn das
ganze Ufer war mit einem großen, herrlichen Kreis von Frauen bedeckt,
über deren Schönheit, Gestalt und Pracht ich staunte. Ich stand auf
einem etwas höheren Orte..., die Frauen, eine eifriger als die andere,
zum Teil mit wohlriechenden Kräutern geschmückt, wuschen...die weißen
Hände und Arme in der Flut und sprachen dabei irgendwelche Formeln in
unverständlicher Rede. Da ich mich wunderte, erhielt ich zur Antwort,
das sei ein sehr alter Aberglaube, besonders bei den Frauen, daß sie
meinten, durch Baden an diesem Tage alles Unglück für das kommende
Jahr abzuwaschen und das Glück rein hervorleuchten zu lassen, weswegen
sie dieses segensreiche Bad nie unterließen."
Ein etwas unklar überlieferter Aufstand der Tuchmacher in Breslau führt
zu drei Enthauptungen und, je nach Quelle, zu sechs Verbrennungen oder
Stadtverweisen. Spätere Quellen machen Steuererhöhungen dafür
verantwortlich. [Heiduk S. 37, Anm. 66]
/1350: Entstehung des Stadtrechts von Feldkirch in Vorarlberg. Hier
sind mehrere feuerpolizeiliche Bestimmungen enthalten: Nach dem Läuten
der "Schmiedglocke" soll weder ein Kupferschmied noch ein Hufschmied
oder ein anderer Schmied Feuer in der Esse haben, bei einer Buße von
fünf Schilling Pfennig an die Stadt und für den Knecht, der das
Feuer entdeckt hat, ein Schilling Pfennig zu entrichten. Weder in
den Kachelöfen noch in den Backöfen ohne Ofeneisen darf noch Feuer
brennen - bei schweren Strafen. Es wird weiterhin bei Strafe verboten,
Unrat in den Stadtbach zu gießen oder zu werfen. Jede Verunreinigung
wie Sperrmüll, Sand oder Steine, die zu Boden sinken, müssen vom
Verursacher wieder entfernt werden. Die Gerber und Schuhmacher dürfen
Häute und Felle nur an bestimmter Stelle in den Bach hängen und
müssen dort auch die "abschabung" ins Wasser schütten.
Lüttich führt als Jahresanfang den 25. Dezember ein.
Bis 1438: Das Wiener Areal Hafnersteig 11 - Laurenzerberg 5 -
Schwedenplatz 5, Standort zweier Häuser für Hafner, befindet sich
in dieser Zeit nacheinander im Besitz von zehn Personen - Beispiel
für Mobilität in der Stadt.
1334 Der Dominikaner Venturinus von Bergamo veranstaltet eine Bußfahrt
nach Rom, an der 10000 Lombarden - in besonderer Kleidung - teilnehmen
sollen. Dies soll auch eine Geißelfahrt gewesen sein.
Die erste Nachricht von der Verwendung von Büchsen bei einer
Belagerung (zumindest für Deutschland) betrifft die Belagerung von
Meersburg durch Kaiser Ludwig den Bayern 1334:
"Es was och allda etlicher maister, der sant uss schütz uss ainer
büchs, die ainen schutzlichen und herten don und klapf hette mit
dem ussgang des schutz, also das vil menschen bayderlai geschlächt
in gehör des schutz unter den beliegern als halbtod und onmächtig
vilent uff das ertrich." (Chronik von Dacher, aus Ruppert: Das
alte Konstanz, 1891, S. 43.)
In Aachen ist der erste Marktbrunnen belegt. Er wird 1620 wegen
Baufälligkeit abgerissen werden.
In Aachen sind geplasterte Straßen nachgewiesen (wie schon 1265).
In Bremen werden im Chor des Doms die Reliquien der Heiligen Cosmas
und Damian wiederaufgefunden. Solche Reliquien üben eine
überregionale Anziehungskraft aus und bringen der Stadt
wirtschaftliche Vorteile.
In England wird seit diesem Jahr der Nobel, eine Goldmünze von 7,7 Gramm
im Wert von 6 Shilling 8 Pence herausgegeben.
Landgraf Heinrich II. von Hessen läßt eine Handschrift des "Willehalm"
Wolframs von Eschenbach anfertigen und illustrieren. Bei diesem Exemplar
reichen die Fingerspuren der Benutzer nur so weit wie die Bilder des
unvollendeten Miniaturenzyklus, d.h. man hat nur die Bilder betrachtet,
nicht aber den Text gelesen und wohl noch weniger vorgetragen.
/1335: Die Stadt Aachen legt für die Anfertigung von Brandeimern zum
Feuerlöschen 32 Mark 7 Schilling aus.
1335 In Zürich verbietet der Rat den Fang von Vögeln, insbesondere von
Wachteln, weil diese Mücken und Würmer vertilgen.
Ein Klostergut im Artois erreicht für Weizen einen Ernteertrag von
1:15 - ein sehr hoher Wert.
Eine Chronik erwähnt für S. Gottardo in Mailand eine Schlaguhr. Diese
zeigt erstmals Stunden von gleicher Länge (mit Glockenschlag) an. "was
für alle Menschen sehr nützlich ist". Es sind nämlich die mittelalterlichen
Stunden je nach Jahreszeit verschieden lang.
Wer in Göttingen Mist, Stroh oder Dung liegen läßt, hat mit einer
empfindlichen Geldbuße zu rechnen.
In Berlin wird der Aufwand von Hochzeitsfeiern beschränkt: Es dürfen
höchstens fünf Gänge und 40 Vorlegschüsseln aufgetragen werden.
Nach der Limburger Chronik gehen Herren, Ritter unf Knechte noch
"alle in langen kleidern, eine grose spanne nedewenig iren knien",
d.h. es werden noch lange Gewänder getragen, allerdings bereits
aufgeschürzt ("das sie sich ofschorzeten").
Erste Erwähnung eines öffentlichen Bades in der Altstadt von Prag.
Die Bürger von Tübingen übernehmen 3000 Pfund Heller Schulden vom
Tübinger Pfalzgrafen, wofür sie auf neun Jahre alle Einnahmen der
Stadtherren erhalten.
Karl I. von Ungarn schließt in Visegrád ein Handelsabkommen mit Böhmen
und Polen zwecks Ausschaltung Wiens im Ostwesthandel. Zum wichtigsten
Umschlagplatz von Ungarn steigt nun Buda auf.
1336 26. April: Petrarca besteigt den Mont Ventoux (1912 m), einzig aus
dem Grunde, "die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch
Augenschein kennenzulernen".
In einer Fehde gegen Berthold von Bucheneck setzt die Stadt Straßburg
einen Fahnenwagen (carroccio) ein welcher das große Banner der Stadt
(Maria mit Kind auf goldenem Grund) trägt. Es ist eine der letzten
Erwähnungen von großen Bannern auf Wagen. Die Kontingente der Zünfte
erscheinen unter ihren eigenen Bannern.
In diesem Jahr setzt die Limburger Chronik des Tilman Elhen von
Wolfhagen ein, welche bis 1398 reicht. Sie wird hier öfter zitiert
werden, da sie eine ergiebige kulturhistorische Quelle darstellt.
"Da man zählet nach Christi geburt tausend dreihundert und sechs und
dreißig Jahr auf das Fest Simons und Judä, da war der große Wind. Er
tat großen Schaden und warf große Häuser, Schuppen und Türme um und
fällte große Bäume in den Wäldern." [Limburger Chronik 1]
"2. ln derselben Zeit versorgte der hochgeborene Fürst, Landgraf
Heinrich zu Hessen, die Burg Eberstein, gelegen in Sachsen, mit
Lebensmitteln. Er hatte bei sich seiner Freunde Ritter und Knechte,
mehr denn sechszehn hundert gekrönter Helme, und schlug aus dem Felde
mit Macht alle Herzöge von Sachsen und setzte seinen Willen durch.
Sie stürmten vor Einbeck und lagen neun Tage im Lande Sachsen. Dieser
Landgraf Heinrich war genannt mit Beinamen der eiserne Heinrich und
war ein Urenkel der seligen Frau, der heiligen Elisabeth. Seine
Mutter war eines Grafen Tochter von Ravensberg aus Westfalen; er
hatte eines Markgrafen Tochter von Meißen, und die hatte einen Sohn,
der hieß Landgraf Otto, ein gar edler Fürst, wie nachher geschrieben
steht, und hatte auch zwei Töchter. Die eine kaufte ein Herzog
von Braunschweig, die andere ein König von Krakau. Später hatte
dieser König andere Frauen lieber als sie, so daß sie sich nicht mit
ihm vertragen mochte, und kam wieder heim zu ihrem Vater nach Kassel.
Dort verlebte sie noch etliche Jahre, bis daß sie starb.
Dieser Landgraf Heinrich verbesserte gar sehr sein Land mit Land und
mit Leuten und richtete auf die Herrschaft von Treffurt, dazu
Spangenberg gehört, und andere Schlösser, Leute, Wälder und Gerichte.
Diese Herrschaft ist mehr wert als dreimal hunderttausend Gulden. Und
hatte er auch die Ritterschaft lieb, darum diente sie ihm auch, wenn
er ihrer bedurfte. Und schirmte er damit sein Land mit großer
Weisheit. Auch kaufte er die Grafschaft von Ziegenberg mit allem
Zubehör, gelegen an der Werra, und kaufte auch die Herrschaft von
Romrod, bei Alsfeld gelegen. Er hatte einen Bruder, der hieß Landgraf
Ludwig. Der führte Krieg mit ihm um das Land Hessen und kaufte ein
Weib, das war eines Grafen Tochter von Spanheim, damit dieser ihm
helfe. Während der Zweiung starb er und hinterließ zwei Söhne. Der
eine hieß Hermann; der ward ein gewaltiger Landgraf zu Hessen; doch
ward es ihm gar sauer gemacht, eh er dazu kam, wie du auch hernach
geschrieben findest. Der andere Bruder kam zum Bischof von Magdeburg,
seinem Vetter, der wollte ihn zu einem Bischof an seiner Statt machen.
Da wurde dieser Landgraf vergiftet." [Limburger Chronik 2] Diese
Passage aus der Limburger Chronik soll beispielhaft als Streiflicht
aus dem Adel dienen. Auffällig ist dabei, daß Frauen "gekauft" werden.
Dies darf nicht zu dem Trugschlusse verleiten, daß etwa Frauen als Ware
gegolten hätten (noch dazu Adlige!). Es ist vielmehr ein Synonym für
"heiraten", anspielend auf die Kosten, denn an anderer Stelle ist vom
"Kauf" von Männern durch Frauen die Rede! Im weiteren Verlauf sei die
Chronik hier gekürzt, weil es nicht darum geht, die Lokalgeschichte des
hessischen Adels darzustellen.
"5. Item in diser zit stunt Limpurg di stat unde di burger in gar
großen eren unde selicheit von luden unde von richtome, want alle
gaßen und alen waren vol lude unde gudes, unde worden si geachtet,
wanne si zu felde zogen, me dan an zwei dusent burger wol bereiter
lude mit panzer unde harnasche unde was darzu gehort, unde zu
ostern di Godes licham entphingen, di worden geachtet me dan an
echte dusent menschen. Nu saltu wißen, weme aiso vil lude sint
befolen zu regiren geistlichen oder werntlichen, der darf wol guder
sinne unde redelicheit, als da sprichet Aristoteles in dem ersten buche
Piliticorum: "Habentes rationem et intellectum utentes, naturaliter
aliorum domini fiunt et rectores". Daz saltu also vurstan: Welcher
man suchet redelicheit unde ez gebruchen kan, der ist andere lude zu
regiren sunder man.
Item der stift des guden herren sente Georgen daselbes stunt in großen
eren unde herlicheit, also daz he ein recht inkomen hatte von rechter
rente unde gulde bi hondert unde zwenzich gulden geldes. Dan der
vurgenante stift auch geregirt wart von canonichen, di waren hieiger
lude unde ritterskinde." [Limburger Chronik 5] Diese Passage bezieht
sich auf die Zeit bis etwa 1340 und soll nur ein Beispiel sein, ohne
irgendwelche Besonderheiten Limburgs herauszustellen.
Der Bauernaufstand der Armlender wird zum Anlaß genommen, Judenpogrome
durchzuführen.
Der Dauphin Humbert II. de Viennois legt in einem Erlaß die Speisenfolge
für seinen Hofstaat präzise fest. Dabei erhalten in einem Sonntagsmenü
(coena) der Dauphin und die Dauphine: je zwei Pasteten, gefüllt jeweils
mit einem großen Huhn und zwei Hähnchen; die Barone und hohen Ritter: je
eine dieser Pasteten; die niederen Ritter: eine Pastete für ihrer zwei;
Schildknappen, Kaplane und niedere Geistliche: je ein Viertelhuhn oder
ein halbes Hähnchen und eine Achtelscheibe Schweinefleisch aus der Keule
in je einer Pastete für zwei Personen. Das subalteren Personal, das im
"tinel", einer Art Gesindestube ißt, bekommt kein Geflügel, sondern pro
zwei Personen eine Pastete mit einer Zwölftelscheibe Schweinfleisch aus
der Keule. Geflügel gilt als "feiner" und weniger nahrhaft und ist daher
dem "untätigen" Adel vorbehalten. Weiterhin haben beim Montagsessen nur der
Dauphin und seine Gattin Anrecht auf ein Zwischengericht (hier: Kapaun),
während die anderen Gäste sich mit zwei Gerichten begnügen müssen.
Der Straßburger Autor Philipp Colin fordert für die Abfassung des "Niuwen
Parzefal" ein Honorar von 200 Pfund. Dafür bekäme man in Straßburg drei
bis vier Häuser. Dies ist die einzige exakte Angabe für die Kosten eines
Romans aus dem deutschen Mittelalter. Es sind aus dem ganzen 14. Jh. nur
noch drei von Adligen in Auftrag gegebene Romane überliefert - gegenüber
etwa 50 aus dem 13. Jh. Nach 1336 tritt für etwa 100 Jahre eine Pause in
der Geschichte des deutschen höfischen Romans ein. Offenbar hat der Adel
in dieser Zeit nicht die Mittel dafür bzw. andere Interessen.
1337 Die Synode von Köln spricht sich gegen Kleider aus, die aus verschiedenen
Farben und Figuren zusammengesetzt, schachbrettartig gemustert oder
gestreift sind, aus Seidenstoffen und anderen Geweben bestehen oder Ärmel
von anderer Farbe aufweisen.
In Tübingen wird eine Badstube erwähnt.
Ludwig IV. verleiht der Stadt Reutlingen das privilegium fori, mit dem
die Stadt wesentliche Teile der Gerichtsbarkeit erhält.
Es erscheint das "Schachzabelbuch" des Armeleut-Priesters Konrad von
Ammenhausen aus Stein am Rhein, eine Ständesatire.
3. Juni: Der Moskauer Kreml brennt erneut ab (Teile der Stadt gleich mit).
Tod Giottos.
Philipp VI. von Frankreich erklärt Aquitanien für beschlagnahmt,
worauf Edward III. von England sich "rechtmäßiger König von
Frankreich" nennt und den Krieg vorbereitet.
Er verbietet in England bei Todesstrafe jeden Sport außer dem
Bogenschießen und erläßt denjenigen Handwerkern die Schulden, welche Bogen
und Pfeile herstellen.
Beginn des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich
(mit Unterbrechungen bis 1453).
Beispiel für die Aufgebote französischer Städte: Rouen stellt 200
Mann, Nimes 95 Reisige, Narbonne 150 Bogenschützen. Die französischen
Bogenschützen spielen im ganzen 14. Jh. keine bedeutende Rolle,
wahrscheinlich deshalb, weil die Ritter sich - aus Herablassung -
nicht mit ihnen abstimmen.
/1338: Der englische König gibt für seine "Great Wardrobe" bereits
kurze Kleidung in Auftrag.
Bis 1344: In Oxford erfolgt die erste regelmäßige Wetterbeobachtung,
allerdings noch ohne Messungen. Es wird dadurch entdeckt, daß man
herannahendes Regenwetter daran erkennen kann, daß die Kirchenglocken
auf weitere Entfernung hörbar sind.
1338 Der Rat von Freiburg i. Br. erläßt, daß niemand ein Schauspiel aufführen
dürfe, in welchem die Juden verunglimpft werden würden. Es hat nämlich
hier kurz zuvor, ausgelöst durch ein Passionsspiel, Judenverfolgungen
gegeben, die von einem gewissen König Armleder angeführt worden sind.
31. Oktober: Papst Benedikt XII. sendet eine Bulle an den Erzbischof
von Toulouse, weil sich die Aussätzigen der Region an ihn gewandt haben,
um die Rückgabe ihrer konfiszierten weltlichen Güter zu erwirken. Der
Papst fordert den Bischof auf, dies zu tun, da die Leprösen laut
richterlichem Urteil für "harmlos und unschuldig" an denen ihnen
angelasteten Untaten seien. Offenbar hat man ihnen ihre Güter aber dann
doch nicht zurückerstattet.
Florenz hat 90000 Einwohner und sechs kaufmännische Bildungsschulen
mit 1000 bis 1200 Schülern.
Universität Pisa gegründet.
Boccaccios "Filostrato" erscheint.
England verbietet die Ausfuhr von Wolle.
Erste Folterung in der "Fragstatt" zu Regensburg erwähnt.
Markgraf Friedrich II. von Meißen läßt in Nachahmung des Böhmischen
Groschen (seit 1300) den Meißner Groschen prägen. Diese Münze wird in
Franken und Norddeutschland "Schilling" genannt.
Im abgelegenen Aitterwanch (Tirol) wird ein Wildbad gebaut - eine
frühe Erwähnung, denn Wildbäder kommen erst im 15. Jh. in Mode.
Zwei "Kirchenrektoren" verbünden sich mit zwei Rittern und "einer
großen Menge Landvolk" gegen den Bischof von Konstanz. Einige aus
dessen Gefolge werden verwundet und er selbst ins Gefängnis geworfen.
Bis 1360: Aus dem Nürnberger Ärzte- und Apothekereid: Arme und Reiche
sollen ohne Unterschied mit Arzneien versorgt werde. Ohne Vorwissen
des Arztes darf kein Austausch ("quid pro quo") erfolgen und die
Preise sollen mäßig sein. Ärzte müssen alle Krankheiten betreuen,
sollen ein bescheidenes Honorar fordern und dürfen keine Arzneien
herstellen. Die Berufe Arzt und Apotheker sollen getrennt sein.
1339 Erneute Erwähnung einer Genossenschaft fahrender Schüler in Worms.
Eine Kleiderordnung in Köln schreibt den "gemeinen frawen" vor, rote
Schleier zu tragen, damit "man si kente vor andern frawen".
Universität von Grenoble gegründet.
22. Februar: Der Rat von Venedig verbietet (im Karneval) das nächtliche
Herumtreiben unter Masken.
Die Metzger von Prag bilden eine Zunft.
König Johann von Böhmen tritt den königlichen Erlös aus dem Weinzoll an die
Stadt Prag ab, damit weitere Straßen gepflastert werden können.
Das Amt des Dogen von Genua wird erblich.
Der profranzösische Graf von Flandern, Ludwig von Nevers, muß nach
Frankreich fliehen. Flandern gerät unter die Kontrolle des
ehrgeizigen Kaufmanns Jakob von Artevelde, des Anführers der
Aufständischen, die den Grafen geschlagen und vertrieben haben.
Er verschreibt sich der Sache der flämischen Textilproduzenten, die
ein Bündnis mit England anstreben.
Britischer Staatsbankrott. Edward hat den Krieg durch Kredite
finanziert, besonders bei den florentinischen Bankiers Bardi und
Peruzzi.
1340 In der ältesten erhaltenen Stadtrechnung von Lüneburg sind "figellatores
civitatis" bezeugt (fest angestellte Musikanten).
Gründung des Oberlausitzer Sechsstädtebundes: Bautzen, Görlitz, Zittau,
Lauban, Löbau und Kamenz. Ihr wichtigstes Gewerbe ist die Tuchmacherei.
Der Bund ist gegen den Niederadel gerichtet.
Altes Rathaus in Nürnberg fertiggestellt.
Lübeck erhält als erste Stadt im Reich das Privileg, goldene Münzen zu
prägen. Auch Frankfurt wird (auch jetzt schon?) dieses Privileg zuteil.
Auszug aus den Göttinger Statuten: "Van den husen to deckende.
Vortme we eyn nyge hus buwet, de scal dar enne hert up slan eder scal
oth decken mit teygele eder mit scheverstene; des dakes scal de stat
den verden del bekostechen. Ouch mach de rad in jowelkem burschoppe
beden jo des jares eyn hus to deckende mit teygele eder mit
scheverstene eder mit eyme herde." (Förderung von Steinbauten; städt.
Zuschuß von 25% auf Ziegel- oder Schieferdächer)
In Göttingen wird der Bauabstand zwischen Koben (Ställen) und auch
Kloaken zum Nachbarn reglementiert. Dabei werden überirdische und
unterirdische Kloaken erwähnt. Die Bauweise der oberirdischen Kloaken
ist nicht bekannt; die unterirdischen bestehen aus einem gemauerten
Schacht (rund oder eckig) mit einem hölzernen Überbau und zum Teil
mehreren Sitzlöchern. Holzbauten haben einen Zwischenraum zum Haus,
während Steinbauten direkt ans Haus angebaut sind. In geringem
Umfang landen in den Kloaken auch Haushaltsabfälle und Werkstattreste.
Stadtrecht von München: "Ain frau, die zu margt stet und diu chauft
und verchauft, die hat ellew (alle) recht, die ir wirt (Gemahl) hat."
Das Wiener Stadtrecht verbietet den "freien Töchtern" die Heirat.
Die Rheinbrücke von Basel wird beschädigt.
In Italien wird die angeblich erste Papiermühle auf dem europäischen
Festland eingerichtet.
Die Müller von Prag bilden eine Zunft.
Der Rat von Prag erteilt einem gewissen Heinrich Nithart den Auftrag, ein
Jahr lang die Straßenreinigung zu übernehmen.
Alfons XI. von Kastilien stiftet nach dem Sieg über die Mauren bei
Salado ein Kloster in Guadalupe, an einem Ort, an welchem im frühen 14.
Jh. ein Hirte ein angeblich vom heiligen Lukas geschaffenes schwarzes
Madonnenbild gefunden haben will.
Bei Sluis (Sluys) kommt es zur Seeschlacht zwischen Engländern und
Franzosen. Die Engländer verfügen über 147 Schiffe unter Edward III.
selbst, während die Franzosen über 190 verfügen. Beide Flotten
bilden je drei Einheiten, aber während die Engländer beweglich
bleiben, schließen die Franzosen ihre Schiffe zu drei schwimmenden
Plattformen zusammen. Zwei von drei englischen Schiffen sind mit
Langbogenschützen bewaffnet, die die Schlacht entscheiden, indem
sie die Franzosen unter Deck treiben und mit breiten Pfeilspitzen
deren Takelage zerschießen. Die Franzosen verlieren sieben Achtel
ihrer Schiffe und drei Viertel ihrer Mannschaften. Das Gefecht soll
acht Stunden gedauert haben. Zunächst wagt es niemand, Philipp VI.
den Schlachtausgang zu berichten, nur sein Hofnarr soll gerufen
haben: "Oh, diese englischen Feiglinge! Was für Feiglinge die
Engländer doch sind!" - "Sie sind nicht über Bord gesprungen wie
unsere tapferen Landsleute!" Es heißt, die Fische hätten soviel
französisches Blut getrunken, daß sie französisch gesprochen hätten,
hätte Gott ihnen die Gabe der Rede verliehen.
Edward kann jedoch aus Mangel an Landtruppen diesen Sieg nicht
ausnutzen. Er schließt jedoch einen Vertrag mit dem flandrischen
Anführer Jakob van Artevelde, um ein Sprungbrett zum Kontinent zu
haben. John of Reading stellt fest, England sei in der Kleidermode
jedoch dem französischen Einfluß unterlegen.
Ca.: Ein Thüringer, dem das Mainzer Domkapitel Geld schuldet, droht
damit, er wolle das Siegel des Domkapitels auf der Schuldurkunde zu
Wachskerzen für eine Henkershochzeit einschmelzen lassen, was den
Domherren zur Schmach gereichen soll.
Ca.: In Nürnberg werden überall dort, wo es das Gelände zuläßt, erste
steingedeckte Dollen (gewölbte Kanäle) angelegt, um darin das
gesammelte Abwasser in die Pegnitz zu leiten.
Ca.: Vollendung der "Großen Heidelberger Liederhandschrift" (Codex
Manesse).
Nach 1340 gibt es in England keine Feudalarmee mehr. Neben
ausländischen Söldnern stehen alle Soldaten unter Vertrag und dienen
unter Berufsoffizieren.
Etwa 10000 Geißler gehen im Raum Cremona umher. Anstifterin soll ein
schönes Mädchen gewesen sein, in dem man bald die Bettgenossin eines
berüchtigten Mönches entdeckt. Beide sollen verbrannt werden, aber die
Herren von Gonzaga befreien sie.
Oder 1341: Lübeck erhält das Recht, bis zu einem bestimmten Wert
Silbermünzen und - als erste deutsche Stadt - auch Goldmünzen zu
prägen.
Ca., bis 1430: Die kennzeichnende Form des Schleiers in der Frauentracht
ist in Deutschland der meist aus Seide oder Leinen gefertigte Kruseler,
so genannt, weil mindestens seine das Gesicht rahmende Kante mit
mehreren gekrausten Rüschen besetzt ist.
Ca.: Schätzungen für die Bevölkerung Europas:
Gesamt: 53,9 Mio; Iberische Halbinsel: 9 Mio; Frankreich: 6 Mio;
Italien: 9,3 Mio; Britische Inseln: 5 Mio; Deutschland und
Skandinavien: 11,6 Mio. [J. C. Russel, Bevölkerung. In: Lexikon des
Mittelalters 2, 1983, Sp. 14]
Ca.: Ausbruch der Pest am zentralasiatischen Balchaschsee, besonders
unter den Christen, welche dadurch in dieser Gegend ihre Bedeutung
verlieren Entweder sind sie urbaner bzw. seßhafter als Andersgläubige
oder einfach nur durch Grabinschriften besser dokumentiert. Die Pest
breitet sich nun aus (Die gleiche übrigens wie im 7. und 8. Jh.).
/1350: Entstehung eines Medaillons (heute im Kunstgewerbemuseum
Berlin-Charlottenburg), welches folgende Aufschrift zeigt: Auf der
Vorderseite Maria mit vier Engeln, Spruchbänder: "FROU SANTT MARIA
ICH BIT DICH DURCH DER ENGEL GESANG HILF DES DICH DER RITTER BIT UND
ER MANT"; auf der Rückseite Christus thronend und umgeben von drei
Evangelistensymbolen, Spruchbänder: "HER GOT DURCH DIN TOT HILF
DISSEM RITTER US ANGST UND US ALLER NOT".
1341 Vor 1341 entsteht eine französische Variante des Fuchs-Romans (Roman
de Renard le Contrefait); in diesem entrüstet sich der Autor über das
in Freudenhäusern übliche Würfel-, Karten- und Brettspiel - eine
frühe Erwähnung des Kartenspiels.
In Köln wird erstmals ein Karnevalsumzug erwähnt.
Aus der Ordnung der Regensburger Bäckerzunft: In der Zech (zünftische
Zusammenkunft) soll man "sweigen vnd zühticleich darinn sitzzen vnd
chain man sol nicht reden in der zech vnd hat er icht zu reden, so sol
er der zechmaister ainen nemen, der im sein sach red an seiner stat.
Teet er dez nicht, so muos er ainen vyerdung wachs ze wandel geben...
Auch sein wir ze rat worden vnd vberain chomen, welhi fraw ain witib
ist, Sie sey ains pekchenknehtz witib oder sunst ains vnsers pruders
witib, die vnser pruoderschafft haben wil, die soll all Cottemper
[alle Vierteljahr] geben in die pruoderschafft drey Regensburger
pfennig vnd sol darinn erscheinen. Vnd ob dew selb fraw einen man
nimmet, der in vnserer pruoderschafft nicht ist, vnd ob der selb
vnser prüder werden wil, so sol man in ze pruoder nemen vnd sol die
pruoderschafft chauffen nach der zechmaister vnd der prüder rat...
Wir sein auch vber ain chomen mit gemainem rat, welher pruoder in
vnserr pruoderschafft chinder hat, die zuo iren tagen vnd iaren chomen
sind, die weil dew selben chind in seinem prot sind, so ist man in
der pruoderschafft schuldig. Wirt ez aber verheirat oder chömpt es
aus seinem prot, So ist man im der pruoderschafft nicht mehr schuldig,
Ez gewinn si dann."
Kleve erhält eine Stadtmauer.
In Rom wird Petrarca zum Dichterkönig gekrönt.
1342 In Florenz übernimmt Walter de Brienne die Macht. Nach Giovanni
Villani (Cronica 12) soll durch ihn, bzw. seine französische
Leibgarde die französische Mode nach Florenz gekommen sein.
Der Erzbischof von Canterbury beklagt, daß sich der Klerus wie die
Laien kleidet, mit rot und grün karierten Mänteln, eng anliegend und
mit besonders weiten Ärmeln mit Pelz- und Seidenbesatz, mit Hüten
und Stolas "von erstaunlicher Länge", mit spitzen und geflochtenen
Schuhen und juwelenbesetzten Gürteln mit goldenen Taschen. Sie
mißachten die Tonsur, tragen Bärte und lange Haare, "zum tiefen
Entsetzen des Volkes". Einige halten sich Narren, Hunde und Falken,
einige reisen mit Ehrengarde im Land umher.
Vogt und Rat von Schaffhausen verordnen, daß Schindeldächer mit
Nägeln und nicht mit Steinen befestigt werden müssen.
Brand in Limburg (an der Lahn): "Item da man schreip dusend druhondert
unde zwei unde virzich jar uf sente Bonifacien dag da vurbrante di
stat binahe halber." [Limburger Chronik 6]
In München wird die Verwendung von leicht brennbarem Material zum
Dachdecken verboten.
In Göttingen gewährt der Rat für ein neues Ziegeldach den vierten
Teil der Kosten als Zuschuß.
In Würzburg läßt der Rat ein "neues Eisen" anfertigen, d.h. ein
Model aus Eisen für die Form und Größe der Ziegel. Wer kleinere
Ziegel herstellt, muß eine Buße von einem Schilling Pfennig pro 100
Ziegel zahlen.
Die erste Apotheke von Wien befindet sich "under den goltsmiden an
dem ekke, gegen sant Stephans freithof über".
Februar: Die steinerne Judithsbrücke in Prag wird durch Eisgang irreparabel
beschädigt. Man behilft sich nun eine Zeitlang mit einer provisorischen
Holzkonstruktion, die in die Obhut der Ritter vom Kreuz mit dem roten Stern
gegeben wird, welche einen Brückenzoll erheben, der für einen Neubau verwendet
werden soll.
Die Pfalzgrafen Götz und Wilhelm von Tübingen verkaufen ihren gesamten
Besitz, darunter auch die Stadt Tübingen, an Graf Ulrich III. von
Württemberg.
England und Frankreich schließen einen Waffenstillstand, wodurch der
Hundertjährige Krieg unterbrochen wird.
Die Mauren setzen bei Algeciras Feuerwaffen ein.
1343 Seit 1321 hat es in Forez sieben Hungersnöte gegeben.
Nach Cola di Rienzo soll sich in Rom vor 1343 die Kleidung plötzlich
verändert haben.
Erste Darstellung des Bottichstechens. Bei diesem Spiel sitzt der
Spieler auf einem Wägelchen oder Schlitten und wird unter einem
wassergefüllten Gefäß hindurchgezogen, welches auf einem dicken Brett
steht. Dabei muß er mit einem Stab genau ein Bohrloch im Brett treffen,
sonst fällt das Gefäß um und durchnäßt ihn.
In Florenz kontrollieren städtische Beamte die Kleidertruhen in den
Häusern und legen Verzeichnisse an: Fast alle Damen besitzen Kleider
aus verbotenen Stoffen.
Die Stadt Nürnberg verbietet ihren Bürgern, Schellen zu tragen.
In Dortmund werden Haus- und Hofbesitzer zum Anbau von Laubbäumen
verpflichtet, wobei Wildlinge ausgegraben und an gewünschte Stellen
gesetzt werden.
Beispiel für Heiratszwang in einem Weistum der Propstei Weitenau:
"Der Probst soll jedem 18-20jährigen Gotteshausmann gebieten, ein
Weib zu nehmen, bei Strafe von einem Pfund Pfennig. Der Probst soll
jedem 14jährigen Gotteshausmädchen gebieten, einen Mann zu nehmen,
bei Strafe von einem Pfund Pfennig. Witwen und Witwer, die vom
Gotteshaus belehnt sind, kann der Probst zwingen, sich
wiederzuverheiraten." Die ist ein für mittelalterliche Verhältnisse
ungewöhnlich niedriges Heiratsalter (im Gegensatz zu einer populären
Auffassung).
Die Rheinbrücke von Basel wird beschädigt.
Limburg erhält einen Stadtgraben: "6. ...Item darnach ober ein jar oder
darbi da wart der nuwer grabe ußwendig Limpurg an Castelle von Mentzer
porten an bit an di lane beleidet unde von dem edilin herren Gerlache
herren zu Limpurg vurgenant unde gemachet in ein festunge der
vurgenanten stat Limpurg.
7. Item in der selben zit da wart ein krig mit der stat zu Limpurg unde
dem edilin greben zu Ditze [Dietz], unde enhatten doch kein vede mit
ime. Dan di stat zu Limpurg einen gefangen hatten, der was ein
hantwerksman, und furten den zu Limpurg. Da folgete der selbe grebe
nach mit sinen frunden unde griffen die von Limpurg an unde si wider an
in. Da wart he wunt unde reit heim unde starp. ...
8. Item da man schreip dusent druhondert unde vir unde virzich jar des
sondages nach pingesten da wart di herschaft unde stat zu Limpurg halp
vursast [versetzt] bischofe Baldewine erzebischofe zu Trier unde dem
stifte daselbes umbe eine somen geldes nach ußwisunge der bribe di
darober gegeben sint.
9. Item in der selben zit unde jare uf sente Jacobes dag des heiligen
apostelen gelegen in dem erne da was große flut unde waßer uf erden,
daz großer unsegelicher jamer unde schaide geschah von der flut. Unde
hatte nit sere geregent oder waßer gafallen zu der zit, also daz ez von
wunderlicher godesgewalt was unde quam, daz di waßer also groß waren.
Auch mit namen zu Limpurg, da ging di Lane bit ober di Schoppen, daz
man mit nachen allenthalben darober fur. Unde ist dit di erste
waßerflut die den alden luden indenklich ist."
[Limburger Chronik]
Im Dortmunder Forst wird eine Eichenpflanzung zerstört - dort ist
demnach aufgeforstet worden.
In Goslar führt der Augenarzt Meister Jan Operationen durch.
12. Dezember: Ludwig der Bayer unterzeichnet eine Urkunde mit der ersten
schriftlich fixierten Verfassung der Stadt Reutlingen. Der Rat der
Stadt besteht danach aus zwölf Richtern und den jährlich neu gewählten
acht Zunftmeistern.
König Robert von Neapel (bzw. Anjou), ein glühender Anhänger des Papstes,
stirbt. Es heißt von ihm, unter seiner Herrschaft hätten quasi
paradiesische Zustände geherrscht und man hätte unbewaffnet durch Apulien
und Kalabrien reisen können, nur mit einem Knüppel, um sich der Hunde zu
erwehren.
Die byzantinische Kaiserin Anna muß die Kronjuwelen an die Venezianer
verpfänden.
1344 Erdbeben in Lissabon und Konstantinopel.
1345 In Florenz gehen die Banken der Bardi und Peruzzi bankrott, die König
Edward III. von England 900000 bzw. 600000 Florin geliehen und nicht
zurückbekommen haben. Weitere Florentiner Banken, evl. auch in anderen
Städten werden in Mitleidenschaft gezogen, doch bleibt das Bankwesen an
sich intakt. In Florenz verschwindet fast das ganze Silbergeld vom Markt.
Juli: Jakob van Artevelde wird gestürzt: Er hat mit seiner
Finanzierung des englischen Königs das flämische Ehrgefühl verletzt
und vorgeschlagen, daß Edward, der Prince of Wales (der spätere
Schwarze Prinz), den ältesten Sohn des Grafen von Flandern, Ludwig
von Male, als Erben und Regenten von Flandern ersetzen soll. Zudem
hat der Papst auf Druck Philipps VI. die flämischen Städte exkommuniziert.
Außerdem wird Artevelde verdächtigt, Gelder unterschlagen zu haben.
Eine erzürnte Menge folgt ihm zu seinem Haus und verlangt Rechenschaft
über alle flandrischen Gelder. Er verspricht dies für den nächsten Tag
und will durch den Hintereingang fliehen, aber ein Mob aus 400 Menschen
bricht die Tür auf und erschlägt ihn.
Flensburg wird befestigt.
In Stettin werden zwei Bürgermeister erwähnt, die auch im Stadtrat sitzen.
In Steyr werden Juden erwähnt (offenbar erstmals).
Ein Hostienwunder läßt Amsterdam zum Wallfahrtsort werden. In zwei
Jahren wird dafür eigens eine Kapelle gebaut werden.
1346 Baubeginn des dritten Mauerrings von Nürnberg.
Die Hammermeister (Inhaber von Hammerwerken für Eisen) der Oberpfalz
bilden eine Hammereinung. Hier werden verbindliche Absprachen über
Preise und Qualitätsnormen, Arbeitsbedingungen und Löhne sowie die
Kennzeichnung von Produkten treffen. In der Oberpfalz liegt die
Organisation des Bergbaus ausschließlich (außerhalb: überwiegend)
in den Händen der führenden Bürgerkreise. Die Hammerwerke, welche
Roheisen in Form von Schienen oder Stäben (Halbfertigfabrikate)
erzeugen liegen nahe den Lagerstätten und an Wasserläufen (wegen
Wasserkraftbetrieb der Hämmer). Die wirtschaftliche Basis bilden oft
Grundherrschaften der Hammermeister (Hammergüter), welche dem lokalen
Adel oder den reichsstädtischen Patriziern (etwa von Nürnberg)
gehören, und vielfach steigen die Hammermeister in diese Schicht auf.
Diese Leute sind häufig auch im Eisenhandel und im Transportgewerbe
tätig.
10. August: Aragon schickt eine Expedition zur Umschiffung Afrikas
aus. Jaime Ferrer aus Mallorca verläßt mit der 'Uxor' Barcelona und
gelangt vermutlich bis zur Mündung des Senegal. Von einer Rückkehr
ist nichts bekannt.
Bei Crécy unterliegen die französischen Ritter den englischen
Langbogenschützen. Hier werden auch erstmals in einer größeren
Schlacht Kanonen erwähnt [die aber keinerlei Einfluß auf den Verlauf
der Schlacht haben, wie verschiedentlich kolportiert wurde, sondern
lediglich die Pferde der französischen Ritter für eine Weile erschrecken].
Die englischen Langbogenschützen erhalten hier für lange Zeit den Ruf
einer Wunderwaffe, während der bisherige Ruhm der genuesischen
Armbrustschützen (die von den französischen Rittern der eigenen Seite
z.T. achtlos niedergeritten worden sind) sinkt.
Frankfurt hat eine Malerin.
1347 Kaffa (heute Feodosia auf der Krim), in Besitz Genuas, wird im Frühjahr
(wie öfters) vom Tatarenkhan Djam Bek belagert, in dessen Heer die Pest
ausbricht. Bevor er abzieht, läßt er noch einige Pestleichen über die
Mauern werfen, die prompt ihre Wirkung tun.
Sommer: Die Pest erreicht Konstantinopel.
Ende September: Die Pest erreicht Messina.
Oktober: Pest auf Sizilien und in der Basilikata.
Hungersnot in Paris und Florenz.
Antwerpen hat 5000 Einwohner.
Das Stadtrecht von München stellt jenen eine finanzielle Unterstützung in
Aussicht, die ihre Häuser mit Ziegeln zu decken beabsichtigen.
Speyer: "Wir, der Stadtrat von Speyer, erfuhren, daß während des in
unserer Stadt vor sich gehenden verwerflichen Würfelspiels Unser Herr
durch arge, unziemliche Flüche gelästert wird, weshalb wir
beschlossen, auf dem Gebiet unserer Stadt und deren Umgebung
ausnahmslos jedermann das Würfelspiel zu verbieten." Bei
Zuwiderhandlung droht Geldbuße.
In Nürnberg werden vier "Aufmacherinnen" und ein Gastwirt wegen
Kuppelei befristet aus der Stadt gewiesen.
"10. Da man schrieb 1347, da wurden die von Koblenz jämmerlich erschlagen
und niedergeworfen bei Grenzau, und blieben ihrer tot 172 Mann, und
wurden ihrer viele gefangen. Und das tat Reinhart, Herr zu Westerburg.
Dieser Reinhart war ein edler Ritter von Leib, von Sinn und von Gestalt.
Er ritt oft im Gefolge Kaiser Ludwigs, sang und machte dieses Lied:

"Wenn ich durch sie den Hals zerbräche,
Wer rächte mir den Schaden dann?
So hätt' ich niemand, der mich räche;
Ich bin ein ungefreund'ter Mann!

Drum, so muß ich selber warten,
Wie es mir gelegen sei.
Ich hab nicht Trostes von der Zarten,
Sie ist in ihrem Herzen frei.

Will sie mich nicht, die werte Reine,
Wohlan, so muß ich Urlaub han.
Denn ihre Gnade acht ich kleine,
Sieh, das laß ich sie vetstahn."

Als der vorgenannte Kaiser Ludwig das Lied gehört hatte, tadelte
er den Herrn von Westerburg und sagte, er wolle es der Frauen halber
gebessert haben. Da nahm sich der Herr von Westerburg eine kurze Zeit
und sagte, er wolle es für die Frauen besser machen und sang das Lied :

"In Jammers Not ich ganz verstoßen bin
Durch ein Weib so minniglich" usw.

Da sprach Kaiser Ludwig: "Westerburg, du hast es uns nun wieder
gebessert"." [Limburger Chronik 10]
Kaiser Ludwig der Bayer (65) stirbt.
"12. In dieser Zeit, etwa ein Jahr danach, wurden zwei Römische
Könige gekürt und erwählt von den Kurfürsten. Eine Partei wollte haben
des blinden König Johanns Sohn von Böhmen, von dem auch vorher
geschrieben steht; die andere Partei wollte haben einen Grafen von
Schwarzburg aus dem Thüringerland, namens Günther. Und kurz nach der
Wahl, als man nach der Gewohnheit des heiligen Reiches sollte vor
Frankfurt lagern, da ward König Günther vergiftet, daß er starb. Das
tat ein Arzt, der war genannt Freidank, und dem sollte dafür das Bistum
Speyer versprochen sein, wie überall verlautete. Doch mußte dieser
Freidank denselben Trank antrinken, den er dem König geben woute, darin
das Gift war. Und er starb mit dem König. Der König Günther aber hätte
der Lehre folgen sollen, wie sie der weise Cato seinem Sohn gab:
"Consilium arcanum tacito committe sodali. Corporis auxilium medico
committe fideli."
Das lautet also: Du sollst deinem verschwiegenen Gefährten den geheimen
Plan sagen und deinem getreuen Arzt die Nöte deines Körpers klagen.
Und König Johanns Sohn von Böhmen, genannt Karl IV., blieb Römischer
König und ward richtiger Kaiser. Dieser Karl war weise und sehr gelehrt,
so daß er die Disputationen der Magister zu Prag besuchte und sich darin
gut zu finden verstand. Er hatte einen Meister, der ihn zur Schule
führte; dem schlug er ein Auge aus, um ihn zu strafen. Das machte er
wieder gut und machte ihn zum Erzbischof von Prag, später zum Kardinal.
Karl regierte und herrschte wie ein Löwe mehr denn dreißig Jahre, wie
denn seine Taten in den nachfolgenden Jahren hernach geschrieben stehen.
13. Nun sollst du wissen, alles was hernach nach dem Datum unseres
Herrn Jesu Christi, nämlich 1347, bis daß man schreiben wird das Jahr
1402, das ist alles zu meinen Tagen geschehen, und habe ich das mit der
Hilfe Gottes wohl gesehen und gehört von meinen Kindestagen an bis heute
und was ich jung vernahm und gesehen habe, soweit es erwähnenswert ist,
das habe ich von der Zeit, daß ich dreißig Jahre alt war, hernach alles
geschrieben." [Limburger Chronik 12 - 13]
Neuer König wird Karl IV. (bzw. 1346)
Erster Seeversicherungsvertrag in Italien.
Die Engländer erobern Calais. Sie müssen Verstärkung und Nachschub aus
England holen, wo die Beschlagnahme von Getreide und Vieh
wirtschaftliche Härten erzeugt und die Übernahme von Handelsschiffen
den Wollexport ruiniert und das Steueraufkommen senkt.
In Frankreich wird eine Verordnung gegen das Fluchen erlassen.
Der byzantinische Kaiser ist so verarmt, daß er seine Hochzeit mit
Tongeschirr feiern muß. Es werden die Jahreseinküfte der genuesischen
Kolonie in Galata als siebenmal so hoch wie diejenigen Konstantinopels
eingeschätzt.
1348 Januar: Erdbeben in ganz Europa, von Griechenland bis Deutschland.
Januar: Die Beulenpest erreicht Tunis. Gleichzeitig wütet sie in Rom
und Florenz. Juni bis August verbreitet sie sich in Burgund, der
Normandie, Paris, Bordeaux, Südengland, der Schweiz und Ungarn.
In Barcelona bricht sie aus und wird erst in 306 Jahren dort
endgültig verschwinden; in dieser Zeit herrscht während 49 Jahren
Pest in Barcelona; bis zum nächsten Jahr sinkt die Bevölkerungszahl
von 240000 auf 27000.
14. April: In Toulon, wo bereits die Pest herrscht, wird das
Judenghetto gestürmt und geplündert und etwa 40 Juden im Schlaf
ermordet. Die Verantwortlichen werden drei Jahre später begnadigt.
Ähnliche Vorfälle finden bis Mai in Hyeres, Riez, Digne, Manosque
und Forcalquier statt.
17. April: Datierung eines Antwortschreibens aus Narbonne auf eine
nicht mehr erhaltene Anfrage aus dem von der Pest noch nicht
betroffenen katalonischen Gerona, was denn die Ursachen dieser
Krankheit seien (zit. n. C. Ginzburg, Hexensabbath): "Seit der
Fastenzeit hatte die Pest in Narbonne, Carcassonne, Grasse und den
umliegenden Ortschaften gewütet und ungefähr ein Viertel ihrer
Einwohner hingerafft. In Narbonne und an anderen Orten hatte man
Arme und Bettler unterschiedlicher Herkunft festgenommen, da sie
Pulver bei sich trugen, das sie in Wasserstellen, Speisen, Häuser und
Kirchen streuten, um den Tod zu verbreiten. Einige hatten freiwillig
gestanden, einige unter Folter. Sie hatten erklärt, das Pulver
zusammen mit Geld von Personen erhalten zu haben, deren Namen sie
nicht kannten: Dies hatte den Verdacht erweckt, die Anstifter seien
Feinde des Königreiches Frankreich. In Narbonne hatte man vier
geständige Schuldige mit glühenden Zangen gezwickt, gevierteilt,
verstümmelt und schließlich verbrannt. In Carcassonne waren fünf davon
hingerichtet worden, in Grasse zwei; viele waren festgenommen worden.
Einige Gelehrte - so hieß es weiter im Brief - seien der Ansicht,
die Pest habe natürliche Ursachen, nämlich die derzeitige Konjunktion
der beiden regierenden Planeten; sie jedoch glaubten, daß Planeten und
Pulver gleichermaßen die Pest verursacht hätten. Der Brief schloß mit
dem Hinweis, daß die Krankheit ansteckend sei: Diener, Gesinde und
Verwandte des Opfers stürben in der Regel binnen drei oder vier
Tagen."
27. April: Ein Anonymus aus Avignon berichtet, bei einigen "Elenden"
sei Pulver gefunden worden. Weil sie dieses angeblich in die
Wasserstellen gestreut hätten, seien sie zum Tode verurteilt worden.
Weitere Verbrennungen fänden derzeit statt. Ob dies zu Recht geschehe,
wisse Gott allein. Es finden sich die gleichen Mechanismen wie
schon 1321.
16. Mai: In La Baume werden alle Juden umgebracht.
17. Mai: In Barcelona artet ein banaler Streit um die Bestattung
eines Pestopfers in ein Massaker unter den Juden aus. Ähnliches findet
in den nächsten Monaten in weiteren Städten Kataloniens statt.
Juli: Die Pest erreicht Trient, von wo aus sie sich nach Kärnten und
zum Inntal hin ausbreitet.
6. Juli: Papst Clemens VI. erläßt eine Bulle, nach welcher die Pest
ein Produkt aus Sternkonstellation und göttlicher Rache ist. Juden
sind danach nicht verantwortlich.
Juni/August: Pest in Bordeaux, Lyon, Paris, Burgund und Normandie.
Von dort erreicht sie Südengland. Als die Schotten davon erfahren,
stellen sie ein Invasionsheer zusammen "und lachten über ihre
Feinde" - was ihnen im kommenden Jahr vergehen wird.
16. Oktober: In einer weiteren Bulle wendet sich Papst Clemens VI.
gegen den Vorwurf, die Juden hätten die Pest erzeugt. Zum einen
sterben sie selbst daran und zum anderen bricht die Pest auch dort
aus, wo es keine Juden gibt.
Oktober: Philipp VI. von Frankreich bittet die medizinische Fakultät
der Universität von Paris um einen Bericht über die Pest. Diese macht
eine Dreierkonstellation aus Saturn, Jupiter und Mars am 20. März 1345
verantwortlich, die in 40 Grad zu Aquarius stehen. Dies wird als
offizielle Begründung anerkannt und vielfach zitiert.
In Freiburg im Breisgau werden (angeblich alle) Juden verbrannt;
ähnliches geschieht in anderen rheinischen Städten, in Straßburg
angeblich 2000.
1. November: Verseuchte Schiffe, denen das Anlaufen Genuas verweigert
worden ist, erreichen Marseille. Kurz darauf sterben der Bischof
und alle Domherren, während vollgeladene, aber menschenleere
Geisterschiffe vor dem Hafen treiben. [Dieses Datum ist evl. nicht ganz
astrein.]
Als die Pest Oberdeutschland (und die Schweiz) erreicht (bis 1349?),
werden die Juden der Brunnenvergiftung bezichtigt und in Konstanz,
Zürich, Winterhur, Schaffhausen, Diessenhofen, Saulgau, St. Gallen
und Überlingen verbrannt.
Nach unverbürgten Angaben soll es im Hegau eine eigene Judenstadt
zwischen Eigeltingen und Honstetten gegeben haben, die in diesem Jahr im
Rahmen der allgemeinen Judenverfolgungen zerstört worden sein soll.
Ihre Einwohner sollen ermordet worden sein. Damit ist eine Vorburg
der Tudoburg gemeint.
In Prag entsteht die Korporation der Maler und Schildermaler, anfangs
im Charakter einer religiös-karitativen Bruderschaft, die später
immer mehr Zunftcharakter annimmt.
"Hewschrecken vnd gewürme an zal vom auffgang bis zum nidergang wie
ein dicker wolck den himel vberziehende haben diser zeit alle krewter
vnd frucht der erden verösigt. vnnd nach zerstörung vnd gestanck
derselben ein grawsame pestilentz geursacht." [Schedelsche Chronik,
1493]
Gründung der Universität Prag.
Aufkommen der Waidmühle.
In Frankfurt sind von der Stadt fest angestellte Pfeifer bezeugt.
Handwerkeraufstand in Nürnberg.
In Köln wird der Fleischverkauf nach Gewicht eingeführt.
Düsseldorf fällt durch Erbschaft an die Grafschaft Jülich.
1349 1. Januar: Die Pest erreicht Pisa.
25. Januar: Über Ragusa hat die Pest Venedig erreicht.
Erneuter Ausbruch der Pest in Paris. Sie verbreitet sich in Picardie,
Flandern und Niederlanden, ebenso in England, Schottland, Irland und
Norwegen. In Paris sterben täglich 800, insgesamt 50000. Nürnberg und
Würzburg bleiben von dieser Pestwelle verschont.
In England sterben angeblich sogar die Schafe an der Pest, was aber auch
bedeuten kann, daß gleichzeitig noch Viehseuchen grassieren, denn Tiere
sind für die Pest nicht besonders anfällig (laut Beobachtungen aus
Indien um 1900).
Der englische König gibt eine Verordnung heraus, nach der jeder für
den Lohn von 1347 zu arbeiten hat. Bestraft werden Lohnforderungen,
Arbeitsverweigerung, Arbeitsplatzwechsel und sogar höhere
Lohnzahlungen. (1351 erneuert)
In Paris streiken die Gerbergesellen für höhere Löhne.
In zahlreichen deutschen Städten fallen die Juden Pogromen zum Opfer
(z.B. Mainz, Rottweil, Dresden...). In Köln werden die Juden für 23
Jahre aus der Stadt verbannt.
In Aachen werden aus Angst vor der Pest die Reliquien außerhalb des
üblichen Siebenjahreszyklus hervorgeholt und den gewaltigen
Pilgermassen gezeigt.
Karl IV. erläßt der Stadt Gelnhausen die Judenschulden (wahrscheinlich
noch einigen anderen...).
Karl IV. gestattet der Nürnberger Metzgerzunft, angeblich für die
Nichtbeteiligung an einem Aufstand das "Schönbartlaufen" als
Fastnachtsumzug.
Seit dem Frühjahr ziehen größere oder kleinere Scharen von Geißlern
umher. Sie legitimieren sich mit einem "Himmelsbrief", müssen sich
zweimal täglich geißeln (Geißeln mit eisernen Stacheln), dürfen nicht
mit Frauen sprechen und singen einen Gesang, der Lais (Leis, Leich)
genannt wird. Sie werden bald übermütig: zwei Predigermönche
widersprechen ihnen, worauf einer davon mit Steinen totgeworfen wird.
"Das Volk trat in solcher Menge in ihre Brüderschaften, daß es den
Papst und den König und die Geistlichkeit verdroß. Da schrieb der
römische König Karl dem Papste, daß er etwas in der Sache tun solle,
sonst würden die Geißler die ganze Welt verkehren; denn sie maßten
sich große Heiligkeit an und gaben vor, es geschähen durch sie große
Zeichen. Zu Straßburg trug man ein totes Kind um ihren Ring, aber es
gelang ihnen nicht, dasselbe lebendig zu machen. Die Geißelfahrt
dauerte ein halbes Jahr, während welcher Zeit jede Woche einige
Scharen Geißler kamen. Darauf machten sich auch die Frauen auf und
zogen über Land und geißelten sich. Hierauf zogen auch die Knaben
und Kinder über Land in der Geißelfahrt. Endlich wollten die
Stadtbürger sie nicht mehr mit Glockengeläut empfangen, und man war
ihrer so müde, daß man aufhörte, sie nach Hause einzuladen. Man fing
an, davon zu sprechen, daß sie mit Betrug umgingen, und daß der Brief,
den sie predigten, erdichtet sei. Zuletzt verbot der Papst ihre Fahrt
und gebot allen Bischöfen, daß sie in ihren Bistümern die Geißler
abtun und verbieten sollten. Auch in Straßburg gebot man, daß kein
Geißler mehr hereinkommen sollte; und wer Lust hätte, sich zu
geißeln, solle sich im Verborgenen in seinem Hause geißeln, so viel
als er wollte. Also nahm die Geißelfahrt in einem halben Jahr ein
Ende, die, wie sie sagten, 34 Jahre dauern sollte...Und so lange die
Geißelfahrt währte, so lange dauerte auch die Pest, und als jene
aufhörte, ließ auch das Sterben nach." [Jakob von Königshoven,
Elsässische und Straßburger Chronik]
20. Oktober: In einer Bulle verdammt Papst Clemens die Geißler. Darin
wird auch erwähnt, daß die Geißler Juden umgebracht hätten.
"14. Item da man schreip dusent druhundert und in dem nune unde
virzigesten jare da quam ein groß sterben in Dusche lande, daz
ist genant daz große erste sterben. Unde storben si an den drusen,
unde wen daz aneging, der starp an dem dretten dage in der maße.
Unde storben die lude in den großen steden zu Menze, zu Collen
unde also meistlichen alle dage me dan hondert menschen oder in
der maße, unde in den kleinen steden als Limpurg storben alle dage
zwenzig oder vir unde zwenzig oder drißig, also in der wise. Daz
werte in etzlichen stat oder lande me dan dru virtel jares oder
ein jar. Unde storben zu Limpurg me dan vir unde zwenzig hondert
menschen, ußgenommen kinde.
15. Da das Volk den großen Jammer von Sterbenden sah, der auf
Erden war, da überkam die Leute allgemein eine große Reue über
ihre Sünden, und sie suchten Pönitentien und taten das nach
eigenem Willen; sie nahmen den Papst und die Kirche nicht zu Hilfe
und zu Rat, was eine große Torheit war und große Versäumnisse und
Verdammnisse ihren Seelen brachte. Und kamen die Männer zu Hauf in
den Städten und auf dem Lande und gingen mit den Geißeln zu
hundert, zweihundert, dreihundert oder in dem Maße. Ihr Leben war
so, daß jeder Trupp dreißig Tage mit den Geißeln von einer Stadt
zur anderen zog und Kreuze und Fahnen wie in der Kirche mitführte,
auch Kerzen und Fackeln. Und wenn sie vor eine Stadt kamen, dann
gingen sie in einer Prozession zwei und zwei beieinander bis in
die Kirche. Sie hatten Hüte auf, an denen vorn rote Kreuze waren,
und ein jeder führte seine Geißel mit sich, die vor ihm hing. Und
sie sangen ihre Leisen :
"Ist diese Bittefahrt so hehr!
Christ fuhr selber nach Jerusalem
Und führte ein Kreuz in seiner Hand.
Nun helfe uns der Heiland!"
Der Leis entstand damals, und man singt ihn noch heute, wenn man
die Heiligen fragt. Sie hatten ihre Vorsänger, zwei oder drei, und
sangen ihnen nach. Und wenn sie in die Kirchen kamen, so machten sie
diese zu und taten ihre Kleider aus bis auf die Unterkleider; von
ihren Lenden bis auf ihre Enkel trugen sie Kleider aus leinenem Tuch.
Sie gingen um den Kirchhof zwei und zwei beieinander in einer
Prozession, wie man pflegt um die Kirche zu gehen, und sangen. Und ein
jeglicher schlug sich selbst mit seiner Geißel, und sie ließen die
Geißeln zu beiden Seiten über die Achsel gehen, daß ihnen das Blut über
die Enkel floß. Sie trugen Kreuze, Kerzen und Fahnen vor sich und
ihr Sang war also, wenn sie umzogen:
"Tretet herzu, wer büßen wolle,
So fliehen wir die heiße Hölle.
Lucifer ist ein böser Geselle;
Wen der hat,
Mit Pech er ihn labt."
Das ging noch weiter. Und in dem Finale des Liedes sangen sie:
"Jesus ward gelabt mit Gallen, Drum wir am Kreuze niederfallen."
So knieten sie alle nieder und schlugen kreuzweis mit ausgereckten
Armen und Händen auf die Erde und lagen allda. Und sie hatten
unter sich etwas sehr Törichtes und Verderbliches ausgemacht und
wähnten, es wäre gut: Nämlich, wenn sie niedergefallen waren, wer
da unter ihnen war, der seine Ehe gebrochen hatte, der legte sich
auf die Seite, damit man sehen sollte, daß er ein Ehebrecher wäre.
Und wer einen Mord begangen hatte, es wäre heimlich oder
öffentlich, der wendete sich um und legte sich auf seinen Rücken.
Wer meineidig war, der streckte zwei Finger neben dem Daumen in
die Höhe, damit man sähe, daß er ein meineidiger Schalk wäre, und
so fort. Wie wohl daß Ritter, Knechte, Bürger und Bauern alle in
einem einfältigen Sinne mit den Geißeln gingen, so verloren sie
doch allesamt ihren frommen Sinn, weil sie sich ohne Erlaubnis der
heiligen Kirche selbst die Buße auferlegten und sich selber zu
Schalken und Bösewichtern machten. Denn wenn man einen in seinem
Verkehr und in seiner Kundschaft für einen ehrbaren, biederen Mann
gehalten hatte, der machte sich selbst zu einem Schalk, so daß er
nicht mehr auf Erden zu Ehre und Seligkeit taugte. Und mancher von
ihnen ward verderbt und gehängt in Westfalen und anderswo, und
wurden des Landes verwiesen von dem Rate, darinnen sie gesessen
hatten, wie sich das gehört, in Westfalen und anderswo. Und wenn
diese Geißelbrüder aus den Städten gingen und ihre Buße getan hatten,
so zogen sie aus mit ihren Kreuzen, Fahnen und Kerzen in ihren
Prozessionen und ließen sich ihre Leisen vorsingen und sangen sie nach.
Der Gesang aber war also:
"O Herre Vater Jesu Christ, Da du ein Herr alleine bist, Der uns
die Sünde kann vergeben, Gib uns Frist zum besseren Leben, Daß wir
beweinen deinen Tod! Wir klagen dir, Herr, unsre Not."
Das ging noch weiter. Auch sangen sie einen anderen Leis, der war
also:
"Es erging sich unsere Fraue, kyrieleison, Des Morgens in dem
Taue, alleluia. Gelobet sei Maria!
Da begegnete ihr ein Junge, kyrieleison, Sein Bart war ihm
entsprungen, alleluia. Gelobet sei Maria." usw.
Du sollst wissen, daß diese Gesänge alle gemacht und gedichtet
wurden während der Geißelfahrt, und es war der Leisen keine vorher
gehört worden. Auch hatten die Geißler die Sitte, daß sie kein
Weib ansprachen während der Geißlerfahrt. Also gingen sie um wie
Toren und wußten nicht, wie das enden sollte. Spricht doch der
Metriker:
"Quicquid agis, prudenter agas et respice finem", das bedeutet:
Was du angehst, das sollst du in Weisheit werken und sollst das
Ende davon merken. Und wenn die Geißler so niedergefallen waren,
wie oben geschrieben steht, so lagen sie auf der Erde, bis man
wohl mochte fünf Vaterunser gesprochen haben. Dann kamen zwei, die
sie zu Meistern erkoren hatten, und gaben einem jeden einen
Streich mit der Geißel und sagten:
"Steh auf, daß dir Gott all deine Sünden vergebe." So richteten
sie sich auf ihre Knie auf. Die Meister und die Sänger sangen
ihnen vor:
"Jetzt recket aufwärts eure Hände, Daß Gott das große Sterben
wende;
Jetzt recket aufwärts eure Arme, Daß Gott sich über uns erbarme."
Und dann reckten sie alle ihre Arme kreuzweis auf und jeder schlug
sich vor seine Brust drei oder vier Schläge und sie huben alle an
zu singen:
"Nun schlaget euch sehr
Zu Christi Ehr!
Durch Gott laßt die Hoffahrt fahren,
So will sich Gott über uns erbarmen."
Dann standen sie auf und gingen wieder umher und schlugen sich mit
den Geißeln, daß man Jammer an ihrem Leibe sah. Wenn das geschehen
war, dann gingen die ehrbaren Leute heran und luden die Geiß ler
in ihr Heim, einer vier oder fünf, der andere sechs oder sieben,
und taten ihnen gütlich über Nacht. Auf den Morgen gingen sie
wieder hinweg in einer Prozession mit ihren Kreuzen in eine andere
Stadt. Das laß dir ein Spiegel sein und sage das deinen Kindern,
wenn mehr Not geschehe auf Erden in diesen hundert Jahren oder
später, daß sie sich davor hüten, solche Dinge anzugeben ohne den
Rat der heiligen Kirche, wie Aristoteles, der heidnische Meister,
sagt in dem Buche, das da heißt "Regimen principum": "Facta
praeterita certa dant documenta tuturorum", das besagt; Die Werke,
die jetzt gegenwärtig sind geschehen, sollen dir hernach sichere
Lehre geben.
16. In diesen Jahren war eine gute Zeit für Früchte und für Wein.
[Limburger Chronik 14 - 16]
Die geißler werden (u.a.) auch aus Dresden vertrieben.
Bis 1351: Die Pest überzieht Deutschland. Insgesamt stirbt etwa ein
Drittel der Bevölkerung, besonders in den Städten. Ganz verschont
bleiben Süd-Oberschlesien, Westböhmen, Erzgebirge, Böhmerwald und
die küstennahen Niederungen.
Es erscheint Konrad von Megenbergs "Buch der Natur".
An englischen Schulen wird Englisch die offizielle Sprache.
/1350: In Aachen wird das ausgedehnte Röhrennetz, welches die Brunnen
speist "verbessert": Die Eichenholzröhren (die immer wieder erneuert
werden müssen), werden teilweise durch Bleiröhren ersetzt.
/1350: Altendresen, der kern von neustadt (bei Dresden) wird erstmals
erwähnt.
1350 In Mölln stirbt Till Eulenspiegel. Zu diesem Jahr berichtet Hermann
Botes Weltchronik (von 1480): "Pestilencien was sere ghruwelik over
de ghansen werlde...To Brunswick sterff dat Bervotenkloster, de
moneke al ut...Do sulvest sterff Ulenspeygel to Mollen."
Papst Clemens schreibt ein neues Jubeljahr aus, in dem jeder nach
Gefallen Ablaß erhalten könne.
"17. Nach dem Sommer, in dem die Geißler umgegangen waren, ging das
Jubiläumsjahr zu Weihnachten an. Dieses nannte man das goldene
Jahr. Und die Leute liefen nach Rom, auch die, die mit Geißeln
gegangen waren; und wenn sie von Rom zurückkamen, waren sie zum
Teil böser, als sie vorher gewesen waren.
18. In diesem Jubiläumsjahr, da das Sterben aufhörte, da wurden
die Juden allgemein in diesen deutschen Landen erschlagen und
verbrannt. Das taten die Fürsten, Grafen, Herren und Städte, ohne
den Herzog von Österreich, der behielt seine Juden. Und gab man
den Juden Schuld, daß sie die Christenmenschen vergiftet hätten,
weshalb sie so zahlreich gestorben waren. Da ward ihr Fluch wahr,
den sie selbst auf den heiligen Karfreitag getan hatten, wie man
in der Passion liest: "Sanguis eius super nos et super filios
nostros". Das bedeutet: Sein Blut gehe über uns und über unsere
Kinder. (...)
20. Item in der selben zit und manich jar darvor da waren die
wapen also, als hernach geschreben stet. Ein iglich gut man,
fursten, greben, herren, ritter unde knechte di waren gewapent in
platen, unde auch die burger, mit ihren wapenrocken darober, zu
stormen unde zu striden, mit schoißen unde lipisen, daz zu der
platen höret, mit iren gekroneten helmen, darunder hatten si ire
kleine ponthuben. Unde furte man in ire Schilde und ire tartschen
na unde gleven, unde di gekroneten helme fürte man uf eime kloben.
Unde furten si an iren beinen strichhosen unde darober große wide
lersen. Auch furten si beingewant, das waren roren von leder
gemachet als armeleder von sarocken gestippet unde isern bockele
vur den knien. Sa worden di reisige lude geachtet an hondert oder
zweihondert gekroneter helme.
21. Item di kleidunge von den luden in Duschem lande was also
getan. Di alden lude, mit namen di manne, drugen wide unde lange
kleider unde enhatten nit kneufe an den, sunder an den armen
hatten si dri kneufe, vir oder funf. Di arme waren bescheidelichen
wit. Unde die selbe rocke waren umb di brost oben gerunziret unde
gefrenziret unde waren vornen ufgeslitzet bit an sinen gortel.
Unde die jungen manne drugen korze kleider, di waren abegesneden
uf den lenden unde gerunziret unde gevalden, mit engen armen. Die
kogeln waren groß. Darnach zuhandes drugen si rocke mit vir und
zwenzig oder drißig geren unde lange heuken, die waren gekneufet
vorn nider bit uf di fuße, unde stumpe schuwe. Item etzliche
trogen kogeln, di hatten vornen einen lappen unde binden einen
lappen, di wanten eime iglichen an sinen knien; di lappen waren
vursneden unde gezadelt. Daz hatte manich ja geweret. Item di
herren, ritter unde knechte, wanne daz si hobeten, so hatten si
lange lappen an iren armen bit uf di erden, gefudert mit
kleinespalde oder mit bunte, als den herren unde rittern zugehort.
Item die frauwen gingen gekleidet zu hoben unde zu dornzen mit
parkleidern unde darunder rocke mit engen armen, unde daz oberste
kleit hiß ein sorkeit unde was bi den siten bineben unden
ufgeslitzet unde das gefudert mit bunte zu winter oder mit zinde
zu somer, darnach ez zemelich eime iglichen wibe was. Auch trugen
di frauwen, die burgersen in den steden gar zemeliche heuken, di
nante man feien, unde was daz kleine gespens von distelsait, krus
unde enge bi ein gefalden, mit eime saume binach einer spannen
breit; der koste einer 9 gulden oder 10.
22. Item in der selben zit sang man ein nuwe lit in Duschen
landen, daz was gar gemeine zu pifen unde zu trompen unde zu
aller freude:
"Wißet, wer den sinen i vurkois
und ane alle scholt getruwen frunt vurlois,
der wirt vil gerne sigelois.
Getruwen frunt den ensal niman laßen,
want man vurgelden daz nit entkan."
Daz lit gelichet sich der schritt in Moralibus, als da sprichet
Aristoteles in dem nunden buche Ethicorum: "Amicus est cosolativus
amico visione et sermone," daz vurstant also: Ein frunt sal simef
runde trostlich sin unde dun daz mit rede unde gesichte schin.
23. Man sang nach diesem auch ein schönes Lied von Frauenzucht, in
Sonderheit auf ein Weib zu Straßburg, das hieß die schone Agnes
und war aller Ehren wert;
es trifft aber auch auf alle guten Weiber zu. Dies Lied ging also
an:
"Eines reinen guten Weibes Angesicht Und
fraueliche Zucht dabei, Sind wahrlich
eine Lust zu schauen. Zu guten Frauen
hab' ich Pflicht, Weil sie sind allen
Makels frei." usw.
24. Zur selben Zeit ward Falkenstein, eine Burg im Lande Hessen,
erbaut, eine Meile Weges von Fritzlar. Das tat eine Ritterschaft,
die hieß die Hunde, ganz nahe bei Niedenstein.
25. Nicht lange danach sang man ein Lied, gut in Weise und in
Worten, durch ganz Deutschland, das so ging:
"Ach reines Weib von guter Art
Gedenk an alle Stetigkeit,
Daß man auch nie von dir gesagt,
Was edlen Frauen übel ansteht.
Daran sollst Du gedenken
Und sollst nicht von mir wanken,
Dieweil daß ich das Leben hab.
Noch zwingt zu klagen mich die Not
Über die liebste Fraue mein,
Daß ihr zartes Mündlein rot
Will mir ungnädig sein.
Sie will mich zu Grund verderben,
Untrost will sie mir vererben,
Dazu weiß ich keinen Rat." usw.
26. Da man schrieb nach Christi Geburt das Jahr 1350, in der Zeit
war ein Erzbischof zu Mainz, der hieß mit Beinamen Busemann. Er
war von Virneburg geboren und hieß deshalb Busemann, weil er gern
trank. Er war ein Feind des hochgeborenen Fürsten Landgrafen
Heinrich, Landgrafen zu Hessen, der war ein Urenkel St.
Elisabeths, der heiligen Frau, wie das oben geschrieben steht. Der
Krieg hatte manche Zeit und manches Jahr gewährt, so daß sie
manche Kämpfe, Raufereien und Scharmützel hatten. Und es zog der
vorgenannte Landgraf Heinrich mit großer Macht vor eine Burg, die
hieß Haldersen und lag bei Geismar; und er lag lange davor. Und
die darinnen waren, gaben die Burg auf unter der Bedingung, daß,
käme der Bischof und das Stift von Mainz binnen eines Monats und
beschütze sie, sie frei sein sollten von der Übergabe.Und da der
Monat um war und der Bischof nicht kam, da war der Landgraf mit
viel Volk da, mit dem Herzog von Braunschweig und dem Markgrafen
von Meissen, und würde gekämpft haben, wenn der Bischof gekommen
wäre. Und er nahm das Schloß ein und brach es ab bis auf den
Grund. Bald danach kam der zuvor erwähnte Bischof mit großer
Heeresmacht gen Fritzlar und zog bis Gudensberg und wollte das
ganze Land schädigen bis nach Kassel. Da kamen die Landgräflichen
dem Bischöfe bis Gudensberg entgegen und stritten einen großen
Streit. Da fing der Landgraf einen Herrn von Virneburg, einen
Herrn von Daun und viele andere Ritter und Knechte vom Rheine und
aus anderen Ländern, und viele Leute blieben auf beiden Seiten
tot. Der Landgraf aber behauptete das Feld mit großen Ehren.
27. Item darnach oder ein jar da dit sterben, dise
geiselerfart, romerfart unde judenslacht, als vur geschreben stet,
ein ende hatte, da hup di werlt wider an zu leben unde frolich zu
sind, unde machten die menner nuwe kleidunge. Di rocke waren unde
ane geren [Keilstücke an der Hüfte] unde waren auch nit abgesneden
umb die lenden unde waren also enge, daz ein man nit darinne
geschriden konnte, unde waren die rocke ein spanne nahe ober di knien.
Darnach machten si di rocke also korz, ein spanne ober dem gortel.
Auch trugen si heucken [Mäntel], di waren alumb ront unde ganz, daz
hiss man glocken; di waren wit, lang unde auch korz. Item da gingen
auch die langen snebel an den schuwen an, und die frauwen drugen wide
heubtfinster, also daz man ire broste binach halbe sach.
28. In der selben Zeit verschwanden die Platten in diesen Landen,
und die reisigen Leute, Herren, Ritter und Knechte trugen alle
Jacken, Panzer und Hauben. Man schätzte die berittenen Leute mit
Sturmhauben auf hundert oder zweihundert Mann. Der Schnitt und die
Form der Jacken war von bescheidener Länge, die Ärmel waren einmal
eine oder zwei Handspannen lang von der Achsel aus, ein andermal
waren es bloß Löcher, durch die man die Arme steckte. Hinten
hatten sie seidene Quasten herunterhängen. Das war Prunksucht.
Die Unterwämse hatten enge Ärmel, und in dem Gelenk waren sie
benäht und zusammengeheftet mit Stücken vom Panzer; das nannte man
Mauseisen.
29. In dieser Zeit starb der obengenannte Bischof Busemann von
Mainz, und an seine Stelle kam Gerlach von Nassau, der war ein
Enkel König Adolfs von Nassau, von dem oben geschrieben steht. Und
da ward der Krieg mit dem Landgrafen gesühnet, denn der Landgraf
Heinrich hatte dem Bischof Gerlach sehr geholfen und war ihm
beigestanden gegen Bischof Busemann." [Limburger Chronik]

Die inzwischen verbotenen Geißlerbrüderschaften wirken nun im
Verborgenen, besonders in der Diözese Köln.
In Rostock werden zwei Geistliche unter dem Vorwand des Giftmischens
(d.h. des Pestverursachens) unter dem Galgen lebendig begraben.
Ein Hostienwunder läßt Boxtel zum Wallfahrtsort werden.
In Frankreich steigt der Weizenpreis um das Vierfache.
Ca.: Aufkommen der Gugel. In der Männerkleidung ist der Rock
inzwischen so kurz geworden, daß er die Knie nicht mehr bedeckt.
Ab jetzt etwa wächst die im im 13. Jh. gegebene leichte Spitzform der
Schuhe, besonders in der Männermode, zu ausprägten Fortsätzen
(Schnabelschuhe). Dies wird zu extremen Formen führen: einmal werden
Fürsten und Prinzen zweieinhalb Fuß, gewöhnlichen Leuten immerhin
ein halber Fuß (etwa 15 cm) zugewiesen. Solche Schnäbel müssen mit
Baumwolle ausgestopft oder hochgebogen werden; es können auch hölzerne
Unterschuhe (Trippen) in gleicher Länge getragen werden, die außerdem
noch den Straßenschmutz abhalten. (An den Trippen kann man auch sehen,
daß der Fußgänger und nicht mehr der Reiter die Mode bestimmt.)
Ca.: Entstehung der anonymen Rezeptsammlung "Daz buoch von guoter
spise" in Würzburg. Diese Pergamenthandschrift mit 96 Rezepten kann
noch nicht als Kochbuch bezeichnet werden, da der Schreiber mangels
Sachkenntnis wohl nicht der Verfasser ist. Es finden sich darin Rezepte
für mehrere Süßspeisen, Hirschleber, gebratenes Hirn, Haselhühner und
Ferkel, daneben eine Anleitung zur Herstellung von Met. Im gleichen
Jahr entsteht auch eine französische Rezeptsammlung "Le Grand Cuisinier
de toute Cuisine".
Ca.: Aus dieser Zeit stammt die älteste erhaltene deutsche Türmeruhr
(aus Würzburg). Türmer- oder Turmwächteruhren haben kein eigenes
Schlagwerk, sondern mahnen den Türmer durch ein Weckzeichen, alle
Stunde die Stundenzahl auf der Glocke anzuschlagen.
Ca.: In Stuttgart befindet sich vor dem Tunzhofer Tor ein
Sondersiechenhaus, das der Aufnahme von Kranken mit ekelerregenden
und ansteckenden Krankheiten dient. Die oft erwähnten Heilungen von
Leprakranken sind damit zu erklären, daß alle Menschen mit
Hautkrankheiten in Sondersiechenhäuser gesteckt werden und nach
Abklingen von Ekzemen, Krätze etc. dann an wundersame Heilungen
geglaubt wird.
Ca.: In Regensburg wird den Spielleuten das Tragen von Waffen oder
Rüstungen verboten.
Ca.: "In einem Zeitraum von drei Jahrhunderten - von 1050 bis 1350 -
wurden in Frankreich mehrere Millionen Tonnen Steine für den Bau von 80
Kathedralen, 500 großen Kirchen und einigen zehntausend Pfarrkirchen
gehauen. Das bedeutet, daß im Frankreich jener drei Jahrhunderte mehr
Steine hin- und hergekarrt wurden als zu irgendeiner Zeit im alten
Ägypten..." [Jean Gimpel 1980]
Ca.: In den meisten Diözesen Deutschlands wird die Bedanische Indiktion
zur Jahreszählung von der Römischen Indiktion abgelöst (Erläuterung der
Indiktion: siehe 832) Bei der Römischen Indiktion wechseln die Jahre
am 25. Dezember oder am 1. Januar. An der Bedanischen Indiktion
(deren Jahre zum 24. September wechseln) wird in Osnabrück, Gnesen und
Mailand weiter festgehalten. (In Köln soll es einen stilus Coloniensis
mit Wechsel zum 1. Oktober gegeben haben, was aber nicht recht erwiesen
ist. Auch Siena hat eine eigene Indiktion mit Wechsel am 8. September.)
/1351: Mit den Helmen der Türme wird zu Lübeck die Marienkirche
vollendet, die unter dem Patronat der Stadt steht und die an Größe
und Wirkung im Stadtbild den ebenfalls existierenden Dom übertrifft.
Hier ist dem Bürgertum die Vollendung einer Großkirche gelungen, was
die Bischöfe von Köln, Straßburg und Regensburg zu dieser Zeit nicht
geschafft haben.
Nach 1350: Es kommt ein glockenförmiger Mantel auf, genannt Heuke. Bei
den Männern wird er auf der rechten Schulter geschlossen, bei den
Frauen wird er bevorzugt ohne Verschluß und über den Kopf gebreitet
getragen. Die Frauenmode verzichtet gerne ganz auf den Mantel.
/1376: Nach den Satzungen von Feldkirch wird der Verkauf von finnigem
Fleisch mit einer Strafe von zwei Pfund Pfennig belegt.
1351 Erstmals erwähnt wird Wasserkraft für das Ziehen von Stahldraht.
In England setzen die Grundherren im Parliament das "Statute of Labourers"
durch, das ein Angebot an billigen Arbeitskräften durch Festsetzung der
Löhne auf das Niveau vor der Pestzeit sichern soll. Alle tauglichen
Männer unter 60 Jahren mit keinem sichtbaren Vermögen für den Unterhalt
können zur Arbeit herangetogen werden. Jährliche Lohnsätze werden für
jeden Typ der Landarbeiter und tägliche Lohnsätze für verschiedene Arbeiten
des Baugewerbes festgesetzt. Arbeiter, die den Winter in einem bestimmten
Dorf verbringen, sollen den Sommer nicht in ein anderes Dorf ziehen. Die
Preise der erzeugten Waren werden auf die Höhe vor der Pest festgesetzt und
die Preise von Lebensmitteln sollen angemessen sein. Bestimmte
Rechtsbevollmächtigte sorgen in jeder Grafschaft bis 1359 für die
Durchführung des Status, später sorgen "Justices of the Peace" dafür, was
einigen Widerstand hervorruft (und später einige Richter das Leben kosten
wird; vgl. 1381).
In der Bretagne findet der "Kampf der Dreißig" statt: Der
pro-französische Bretone Robert de Beaumanoir fordert seinen
pro-englischen Landsmann Bramborough zum Zweikampf heraus. Beider
Gefolgsleute wollen teilnehmen, so daß ein Treffen von je 30 Rittern
anberaumt wird. Es wird mit Schwertern, Bärenspießen, Äxten und
Dolchen gefochten, bis vier auf französischer und zwei auf englischer
Seite erschlagen sind und eine Pause gemacht wird. Der blutende
Beaumanoir verlangt nach einem Getränk, worauf sein Gegner antwortet:
"Trink dein Blut, Beaumanoir, und dein Durst wird vergehen!" Darauf
geht der Kampf weiter, bis kein Überlebender mehr unverwundet ist
und die französische Seite die Oberhand gewonnen hat. Bramborough
und acht seiner Mitstreiter fallen, der Rest gerät in Gefangenschaft.
Dieses Gefecht wird gefeiert und idealisiert und auf dem Schlachtfeld
ein Denkmal errichtet. Froissart schränkt aber ein: "Einige
betrachteten ihn [den Kampf] als Tapferkeit, andere als Ausschreitung
und große Vermessenheit." Auf englischer Seite ist der beste Mann ein
gewisser Crokart gewesen, dessen Biographie hier kurz angerissen sein
soll: Dieser, ehemals Knecht der Herren von Arkel, hat ein Vermögen
von etwa 60000 Kronen angehäuft und einen Stall mit 30 Pferden
besessen. Er hatte sich einen Ruf großer Tapferkeit erworben, so daß
der König von Frankreich ihm Ritterschaft und eine vornehme Heirat
versprochen hatte. Er ist nach Holland zurückgekommen und hat dort
großen Staat gehalten, aber die holländischen Herren haben noch
gewußt, wer er war und ihn absichtlich übersehen. So ist er nach
England zurückgekehrt.
König Johann II. der Gute von Frankreich gründet den Orden der
"Chevaliers Nostre Dame de la Noble Maison", nach seinem Abzeichen
auch der Sternenorden genannt. Im "Edlen Haus" zu Saint Ouen (bei
Saint Denis) haben sie eine "table d'onneur", an der bei
Feierlichkeiten die drei tapfersten Prinzen, die drei tapfersten
Bannerherren (bannerets) und die drei tapfersten Ritter (bachelers)
Platz nehmen müssen. (Huizinga nennt diesen und zahlreiche ähnliche
Orden des 14. und 15. Jhs "vornehme Klubs".) Die Ritter dieses Ordens
müssen schwören, niemals weiter zu fliehen als vier Morgen Landes,
sonst haben sie zu sterben oder sich zu ergeben, was (nach Froissart)
später etwa 90 Rittern das Leben kosten wird.
1352 Die erste Welle der Pest ebbt ab. In diesem Jahr sind als letzte
Städte betroffen: Oxford, Danzig, Moskau, Kiew und (zum zweiten Mal)
Nowgorod.
Die Bäcker von Mainz, Worms, Speyer, Oppenheim, Frankfurt, Bingen,
Bacharach und Boppard treffen eine Übereinkunft, die verhindern soll,
daß ein Geselle, der in einer dieser Städte von seinem Meister vor
die Tür gesetzt wurde, in einer anderen Unterkommen und Arbeit findet.
Auch wenn die Ehefrau eines Bäckergesellen dann noch "zu Markte sitzet"
und Mehl und Gries feilhält, soll kein Meister in den acht Städten
diesen Gesellen beschäftigen.
Die Tiroler Landesordnung gebietet, daß alle Bauern auf ihren Höfen
und Gütern bleiben sollen und nicht ohne Zustimmung ihres Herrn
wegziehen dürfen. Weggezogene Bauern dürfen zurückgefordert werden
und müssen widrigenfalls 50 Pfund bezahlen.
Markgraf Ludwig von Brandenburg bestätigt als Landesfürst von Tirol
eine Landesordnung, in welcher u.a. den Bauern und Handwerkern das
Würfelspiel ohne Geld erlaubt wird.
In Basel werden Pflasterarbeiten durchgeführt, die aus privater
Initiative gestiftet werden.
Ein kurzlebiger Ritterorden: König Johann der Gute von Frankreich stiftet
am 6. Januar den Sternorden (Ordenstracht: rot-weiß) mit nominell 500
Mitgliedern. Im gleichen Jahr fallen fast 100 Ritter des Ordens in der
Schlacht von Mauron, weil sie getreu den Statuten auf dem Schlachtfeld
ausharren, statt zu fliehen. Dies bedeutet faktisch das Ende des Ordens.
Bis 1354: Das Straßburger Münster erhält eine prächtige Schlaguhr -
allerdings noch ohne Schlagwerk. Sie verfügt (evl. später) über
bewegliche Figuren wie etwa einen krähenden Hahn. Eine solche Uhr soll
das Prestige einer Stadt erhöhen.
Bis 1364: Irgendwann in dieser Zeit erhält Dülken von Herzog Wilhelm I.
von Jülich Stadtrechte.
In Marrakesch bricht Ibn Battuta zu seiner Reise durch Afrika auf.
1353 Der Rat von Zittau erfindet eine originelle Methode, den Frauen das
Tragen der Gugel zu verleiden, indem "des züchtigers und henkers mägde"
die Auflage bekommen, "kögelen zu tragen".
Boccaccios "Decamerone" erscheint. Danach sind Teigwaren in Italien
wohl bereits allgemein üblich: "In einer Gegend namens Bengodi, wo
man die Weinstöcke mit Wurst festbindet, gibt es einen Berg aus
geriebenem Parmesankäse, auf dem Männer den ganzen Tag lang arbeiten
und Spaghetti und Ravioli machen, die sie in Kapaunensauce essen."
[Es sei daran erinnert, daß die Tomate noch nicht zu diesem Ensemble
gehört, da selbige bekanntlich aus Amerika stammt.]
29. Juli: Der Große Rat von Venedig unterstützt seine griechischen
Kolonien mit neuen (schlechten) Münzen: "Zum Wohl und Nutzen der
Kommune und unserer Ländereien Coron und Modon, des Negropont und
Kretas wird verordnet, hier Turnosen mit 8 Unzen Kupfer und 1 Unze
Silber, 80 Turnosen auf eine Gewichtsmark zu prägen, ferner eine
möglichst große Menge dieses Geldes in besagte Ländereien zu schicken
und den Beamten aufzutragen, sie angemessen auszugeben und alles zu
tun, um sie in Umlauf zu bringen. Ferner soll dieses Geld zu 3 Denaren
den Turnosen gezählt werden, und die Form und Prägung soll so sein,
wie es der Signoria gut zu sein scheint."
1354 In München ist eine Augenärztin bezeugt.
Eine Göttinger Kleiderordnung macht das Tragen von kostbarer Kleidung
oder Schmuck von der Steuerleistung der Männer abhängig. Allen Frauen,
die mehr Geschmeide tragen, als erlaubt ist, die silberne Gürtel oder
pelzgefütterte Mäntel besitzen wird die Haltung von Pferden für die
Stadt auferlegt. Es wird weiterhin das Glücksspiel untersagt.
Der Wiener Rat erlaubt den Verkauf von Waldglas, welches, aus Venedig
eingeführt, nur auf dem Hohen Markt feilgeboten werden darf.
Die Wiener Augustiner erhalten die Erlaubnis, ihr heimliches Gemach
(Klo) in einem an der Ringmauer zu erbauenden Turm unterzubringen.
Erzbischof Ortolf von Salzburg schließt mit dem Domkapitel und der
Abtei St. Peter einen Vertrag, welcher ihm zusichert, eine
Wasserleitung in Röhren durch den Mönchsbergstollen an seinen Hof
bauen zu dürfen.
Eine frühe Erwähnung des Kochgewerbes: In Graz werden "Maister Ott
der Choch" und "Hainrich der Choch pey dem Weyer" erwähnt.
Februar: Karl IV., ein eifriger Reliquiensammler, der dabei
weder Tränen, Zwang noch Diebstahl scheut, schneidet aus dem Trierer
Domschatz ein Drittel von dem Kreuzesholz ab, das Kaiserin Helena
an ihren angeblichen Geburtsort an die Mosel übertragen hat.
Karl IV. entführt aus Aquileia die letzten zwei Lagen der vom
Evangelisten Markus angeblich persönlich dem hl. Hermagoras
übergebenen Handschrift des Markusevangeliums.
Was sonst noch geschah: "36. In dieser Zeit da erschlug der Sohn eines
Herrn von Itter, das da stößt an das Land Hessen, seinen Vetter, damit
die Herrschaft zu Itter ihm zufallen möchte. Wegen dieses großen
Mordes und dieser Bosheit zogen die zwei Fürsten Herr Gerlach,
Erzbischof zu Mainz, geboren von Nassau, und Landgraf Heinrich,
Landgraf zu Hessen, und Graf Otto von Waldeck vor das Schloß Itter
und vor andere Schlösser des Landes Itter und eroberten die Schlösser,
das Land und die Leute und teilten sie unter sich und behielten die
Herrschaft von Itter für ewige Tage." [Limburger Chronik]
Dahlen (heute Rheindahlen bei Mönchengladbach) erhält Stadtrechte.
1355 Lehrgeld für Bäckerlehrlinge in Frankfurt: "Auch wer unsir hantwerk
lernin wil, der gibet eynen virdung phennig und zwey pfund wazses
(Wachs)"
"37. Da man schrieb 1355, da ward Kirberg in der Grafschaft Diez zu
einer Stadt gemacht. Das tat der vorerwähnte Graf Gerhart von
Diez. Er brach die Kirche ab (!) und erbaute an dieser Stätte die
Burg, die Kirburg genannt ward. Dieser Graf Gerhart hatte einen
Krieg und eine Fehde mit dem vorher genannten Grafen Johann von
Nassau, Herrn zu Merenburg. Ihm mußte der Graf von Diez das oben
genannte Schloß gleich halb geben. Damit wurde der Streit gesühnt,
die Burg aber gehört noch seinen Erben bis auf diesen Tag. Der
vorgenannte Gerhart war ein Ritter gar schön von Gestalt. Er
hatte das schönste Weib, das es in allen diesen Landen gab, die
war von Westerburg, Herrn Reinhards Tochter, von dem hiervor
geschrieben steht. (...)
39. In dieser Zeit und auch einige Zeit vorher war ein Herzog zu
Baiern namens Ruprecht, Pfalzgraf bei Rhein, der herrlichste und
hochgesinnteste Fürst, der in deutschen Landen sein mochte. Unter
allen Fürsten, Grafen und Herren fand man seinesgleichen nicht in
diesen Landen an Macht und großer Herrlichkeit, sei es mit
Hoffesten und Turnieren, sei es auf Fahrt, zu Spiel oder zu Ernst.
Er tat dies bis an sein Ende, von dem du hernach noch hören
sollst. Zur selben Zeit, als das geschah, was du hernach
beschrieben findest, und bei aller seiner Herrlichkeit fand man
die Tugend an ihm, daß er die Geistlichkeit, Stifte, Kirchen und
Klöster beschützte und beschirmte. Witwen und Waisen tat er
desgleichen. Dazu hatte er die Ritterschaft lieb und scheute dabei
keine Kosten. Und vergleiche ich seine Macht und sein Wohltun mit
dem, was Salomo sagt: "Ubi plures sunt opes, pures sunt, qui
cosumunt eas". Das bedeutet so viel als:
Wer viel Güter besitzt, der muß viel Verzehrer haben.
40. In dieser selben Zeit und Jahren, da waren die größten
Grafschaften in dem Lande zu Westfalen ohne rechte Leibeserben
ausgestorben. Die eine war die Grafschaft Lohn, die kam an den
Grafen von Berg, der darauf ein Herzog geworden ist. Die andere
Grafschaft hieß Ravensberg. Die dritte Grafschaft hieß die Grafschaft
von Arnsberg, die hatte der letzte Graf aus eigenem Willen an das
Stift zu Köln gegeben. Im Dom zu Köln liegt er begraben.
41. Zu diesen Zeiten sang man dies Lied:
"Ach Gott, daß ich sie meiden muß,
Die ich zur Freude hart erkoren,
Das tut mir wahrlich allzu weh.
Möcht' mir noch werden ein freundlicher Gruß,
Den ich so lange hab entbehrt." [Limburger Chronik]
Karl IV. (39) wird zum Kaiser gekrönt. Auf dem Weg zur Krönung nach
Aachen sind die Straßen durch Pilger völlig überfüllt, weil dort
(wie alle sieben Jahre) die Reliquien gezeigt werden. Er muß bis
zum Ende der Zeremonie in Bonn warten. (Ein früher Verkehrsstau)
Seine Residenz ist Prag. Er läßt an dem zu den Reichsinsignien
gehörenden Zeremonialschwert einen Knauf mit dem Reichsadler und dem
böhmischen Löwen anbringen.
Otto der Fröhliche gründet in Wien den Orden vom Fürspann.
Ca.: Phlipp von Leyden verfaßt den Fürstenspiegel "De cura
reipublicae". Hier wird u.a. der Gewässerschutz erwähnt, indem der
Autor daran Anstoß nimmt, daß Färbereiabwässer in öffentliche
Gewässer eingeleitet werden, weil solches die Gesundheit
beeinträchtige und die Nahrung der Fische vergiftet werde.
1356 "42. Im Jahre nach Christi Geburt 1356, da waren große Erdbeben. Es
gab deren viele und sie kamen oft wieder, heute und morgen, danach
auch mehr, hier und da, und währte das mehr denn ein Vierteljahr.
Besonders auf St. Lucas-Tag, des heiligen Evangelisten, war das
Erdbeben so groß, daß Basel am Rhein, die herrliche Stadt, so
bewegt ward, daß sie beinahe ganz zusammen fiel. Und es gab manche
Burgen und Türme in diesem Lande, die alle umfielen. Auch
verblieben zu Basel viele Leute tot, die unter den Häusern
erschlagen und erdrückt wurden.
43. In dieser Zeit sang man das Taglied von der heiligen Passion,
das neu war und das ein Ritter gemacht hatte:
"O starker Gott,
All unsre Not
Befehlen wir, Herr, in dein Gebot,
Laß uns den Tag mit Gnaden überscheinen!
Die Namen drei,
Die stehn uns bei
In allen Nöten, wo man sei,
Die Nägel drei, der Speer und auch die Krone."
44. In diesem selben Jahr erhob sich großer Jammer, und es kam das
zweite große Sterben, so daß die Leute an allen Enden in deutschen
Landen starben in großen Haufen an derselben Seuche, wie sie
gestorben in dem ersten Sterben. Und wo sie nicht hinkam in diesem
Jahre, dahin kam sie im nächsten Jahr und ging überall um. Auch
das Korn und die Früchte galten gutes Geld, da sie in
manchem Lande spärlich und kümmerlich standen, sonderlich in
Hessen, in Westfalen und daherum und anderswo. Auch der Wein war
nur für viel Geld zu haben. Unter anderem kostete ein Quart
Elsässer Wein zu Limburg fünf Englische und der Landwein sowie der
Rheinwein einen Schilling Pfennige.
45. In diesem Jahr ward Neu-Langenau, gelegen zwischen Nassau und
Weinähr auf einem Berge an der Lahn, zerstört. Das tat Bischof
Boemund, Erzbischof zu Trier. Die Burg war erst kürzlich erbaut
worden." [Limburger Chronik]
"In dem Jahr des Herrn 1356 ist zu Wirtzburg und daselbst herum im Land
zu Franken eine heftige Pestilenz angefallen, die sehr viel Leut
hinweggenommen hat." [Chronik des Würzburger Magisters Lorenz Fries]
In Frankfurt bestimmt der Rat, daß niemand "mit den würffeln grysen,
schancze slahen odir paryren" darf. Andere Spielen dürfen bei Tag und
Nacht nur bis zu einem Höchstbetrag von zwei Schilling alter Heller
erfolgen.
In einigen französischen Städten bricht die Pest erneut aus (bis
1670 jährlich an wechselnden Orten). Auch Franken und möglicherweise
weite Teile Böhmens werden von dieser zweiten Pestwelle heimgesucht.
In Frankreich wird ein "lusus pilae cum palma" (Ballspiel mit der
Handfläche) erwähnt, ein Vorläufer des Tennis, wozu im Laufe des
Jahrhunderts wahrscheinlich unter italienischem Einfluß zunehmend
Schläger Verwendung finden.
Erdbeben im Rheingraben.
Pest in Speyer. Darauf erläßt der Rat, der "die Pest als Zorn Gottes
zur Bestrafung der sündigen Menschheit" interpretiert, eine
Kleiderordnung: Keine Frau soll einen "sleyger, genannt kruseler,
dragen, der me habe umbe gewunden, danne vier fach, also daz die selben
vach alle, an den flocken daran, von der stirnen uber sich uf, nit
hoeher sint oder sin soellent danne eins twerch vingers hoch". Diese
spezielle Forderung richtet sich gegen vielfach (bis über zwanzigfach)
gefältelte Schleier (je üppiger die Fältelung, desto bedeutender die
Trägerin), wie sie in der zweiten Hälfte des 14. Jhs. üblich sind (etwa
in Ulm oder Ravensburg). Und noch mehr: Es "sol ouch dehein
schuochmecher hie zuo Spire der selben gesnebelten schuohe oder
lederhosen niht me machen deheinre personen, vrouwen oder mannen, die
hie zuo Spire wonent, sie sint burger oder niht, oder wer sie sint."
daraus ist einerseits ersichtlich, daß eine Kleiderordnung einen
Handwerkszweig (hier die Schuhmacher) schwer treffen kann (denn man
bedenke, daß diese Ordnung nur für Speyer gilt!), andererseits werden
hier "Lederhosen" erwähnt, was immer damit gemeint ist. Die Behauptung,
lederne Beinkleidung (speziell in Form von Hosen) sei im Mittelalter
nicht üblich gewesen, wird dadurch zumindest eingeschränkt.
Mehr aus der Speyerer Kleiderordnung: "es sol ouch deheine vrouwe oder
jungvrouwe deheinen mannes mantel dragen noch deheinen zersnitzelten
kugelhuot (gezaddelte Gugel)".
Im selben Jahr geschieht in Frankfurt genau das Gegenteil: Hier
kapituliert der Rat vor der Flut der modischen Neuerungen und überläßt
die Regelung der Kleiderfrage kurzerhand dem menschlichen Gewissen.
Übrigens ist das Wort "Mode" dem Mittelalter noch unbekannt - es kommt
erst im 16. Jh. auf.
Ein Teil von Rothenburg ob der Tauber wird durch ein Erdbeben zerstört.
Die wohlhabende Stadt kann sich einen Wiederaufbau in einheitlichem und
harmonischem Stil leisten.
Beispiel für die Zahl der Arbeitstage von Handwerkern: Nach Rechnungen
wird in Xanten in 49 Wochen an 250 Tagen gearbeitet. Durch die sehr
zahlreichen Feiertage ergibt sich im Durchschnitt praktisch eine
Fünftagewoche. (Vgl. 1495)
Es entsteht das Breslauer Landrecht, dem Sachsenspiegel nachgebildet.
Darin findet sich z.B. für Kirchendiebstahl im härtesten Fall die Strafe
der Räderung, doch gibt es keine Belege dafür, daß sie vollstreckt wurde.
Die Goldene Bulle. Sieben Kurfürsten haben das Recht zur Königswahl:
Die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, der König von Böhmen,
der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen-Wittenberg und der
Markgraf von Brandenburg.
Hier wird (in Artikel XXIV) auch die Folter erwähnt; sie scheint etwa
zu dieser Zeit stärker in Übung gekommen zu sein.
Den Kurfürsten wird die völlige Münzhoheit verbrieft (also auch
für Goldmünzen).
Münzverruf in Frankreich: "Der Golddenar mit dem Lamm, den man in der
Vergangenheit geprägt hat und heute noch prägt, wird in Zukunft zu
30 Sous tournois das Stück gerechnet und nicht mehr. Die weißen Denare,
die zu 8 Deniers tournois das Stück rechneten und noch rechnen, werden
in Zukunft als Zahlungsmittel für 3 Deniers tournois und nicht mehr
ausgegeben und angenommen." Der Denier à l'agnel (Agnel, Mouton) hat
damit seit seiner Ausgabe vor zwei Jahren 20% Wert verloren.
/1357: Durch ein Erdbeben stürzen in Straßburg die Schornsteinköpfe
mit mehrteiligem Gefach und die Hausgiebel ein. Fortan wird verfügt,
diese abzubrechen und nicht wieder zu errichten.
Bis 1361: Die Frauenkirche in Nürnberg erhält eine Uhr.
/1362: Konrad von Megenberg verfaßt die "Ökonomik".
1357 Eine Kleiderordnung in Zürich verbietet: kronenförmigen Kopfputz
("kron schappel") aus Seide, Silber, Gold oder Edelsteinen, eng
anliegende Kleider, die geknöpft oder genestelt werden, Gold-, Silber-
oder Edelsteinapplikationen an Gewändern, zweigeteilte ("mi-parti")
oder gestreifte Hosen. Der Männerrock muß bis ans Knie reichen und
die Kapuze darf diesen an Länge nicht übertreffen. Dies gilt für
"reich oder arm". Ein Gürtel darf höchstens fünf Pfund Pfennig wert
sein. Zaddeltracht ist verboten. Die Geldstrafe beträgt zehn
Schilling Pfennig.
Kaiser Karl IV. wiederholt nochmals ausdrücklich, daß die Frankfurter
Frühjahrsmesse die gleichen Rechte und Privilegien habe wie die
Herbstmesse. Klimatische Gründe behindern die Entwicklung dieser
Messe (siehe 1330).
In Frankfurt hebt der Rat die Strafen für Glücksspiel wieder auf, mit
der Begründung "dan yeder menczsche gedencke, daz he sich gein god
und die wernt also halde, daz es gode lobelich und behegelich sii und
inne selbir nurczlich."
Um Dresden werden Förster angewiesen, in der Heide Laubholzsamen
auszustreuen.
In Brüssel wird mit dem Bau eines zweiten Mauerrings begonnen.
"47. Da man schrieb 1357, da wurden die von Warburg in Westfalen,
zwei gute Städte in dem Stifte zu Paderborn, niedergeworfen. Das
tat die Ritterschaft von Hatzfeld. Es wurden an hundert Mann
gefangen und an vierzig Mann blieben tot. Die Gefangenen wurden
losgekauft für 4000 Mark Silber.
48. Zu dieser Zeit sang man und pfiff in allen diesen Landen dies
Lied:
"Mancher wähnt, daß niemand besser sei als er,
Dieweil das ihm gelingt.
Dem will ich wünschen, daß ihm nimmer Heil gescheh,
Und will das fröhlich singen.
Kehr dich an sein Kläffen nicht,
Das bitt ich dich: die Treue
Ist an ihm klein,
Sie ist bei ihm nur äußerlich." [Limburger Chronik]
Edward III. von England sieht im höllischen Gestank der Themse große
Gefahren für die Bevölkerung.
Es stirbt Bartolus de Saxoferrato, einer der bedeutendsten
italienischen Kommentatoren des römischen (bzw. justinianischen)
Rechts. Sein Schüler und Nachfolger ist Baldus de Ubaldis (bis 1400).
Ca.: Der Luzerner Rat straft sechs Kleriker, die allen Warnungen zum
Trotz den sagenumrankten Pilatus-See untersuchen wollten.
1358 Bund "van der düdeschen hanse"; allgemeiner Zusammenschluß zur
Sicherung von Handelsvorteilen: Stapelrecht eigener Waren;
Stapelzwang für fremde Kaufleute (Warenvorlage) u.a. Privilegien.
Von 13 Meißener Domherren können fünf nicht unterschreiben, d.h. sie
sind des Schreibens unkundig.
Ende Mai: Bauernaufstand ("Jacquerie") in Frankreich, beginnend im
Beauvais und bald auf die Picardie übergreifend. Ursachen sind hohe
Steuerforderungen, große Verwüstungen durch den Hundertjährigen Krieg
und Plünderungen marodierender Söldnerhaufen. Für eine Elendsrevolte
verarmter Bauern erreicht die Jacquerie eine erstaunlich umfangreiche
räumliche Ausdehnung. Die Bauern haben schon vorher
Selbstschutzabteilungen zum Schutz vor marodierenden Söldnern
gegründet. Es schließen sich ihnen aber nur wenige Städte an. Nach
wenigen Monaten bricht der Aufstand zusammen.
In diesem jahr kommt die Bezeichnung "freie Stadt" auf.
"49. Ein Jahr darauf oder so ungefähr da wurden die von Limburg vor
Merenberg niedergeworfen. Das taten die von Merenberg. Es blieben
drei ehrbare Männer tot. Deren einer hieß Hartung und war ein
Schulteiß und ein Schöffe zu Limburg; man hielt diesen Hartung für
den klügsten Laien in allen diesen Landen. Auch wurden ihrer
gefangen zehn oder zwölf." [Limburger Chronik]
1359 2. Januar: Karl IV. verspricht den schwäbischen Städten, ihre Steuern
nicht mehr zu verpfänden. Im selben Jahr gewährt er den Städten
Lindau (für vier Jahre) und Konstanz (für sechs Jahre) eine
Steuerermäßigung um 100 Pfund Heller. Karl wird allerdings die Steuer
von Lindau 1361 und 1365 dessenungeachtet an den Bischof von Chur
versetzen (und später noch öfter). Stadtsteuern werden in dieser
Zeit oft zur Schuldendeckung verpfändet und erreichen die kaiserliche
Kasse nicht mehr.
Erstmals wird für den Erfurter Stadtwald eine geregelte Schlageinteilung
erwähnt.
In Brüssel wird erstmals der Ommegang als Fest der Hl. Jungfrau von Sand
(Sablon, Zavel) erwähnt.
"50. Da man schrieb 1359 um St. Margarethen-Messe, da lag vor
Villmar das Reich und Bischof Boemund von Trier mit Herren,
Rittern und Knechten, mit denen von Limburg und anderen Bürgern
seiner Städte, und mehr Fürsten und Herren. Und es ward genommen.
Und ehe es eingenommen wurde, geschah es, daß die von Frankfurt
sollten eine Nacht lang die Katzen hüten. Da kamen die Feinde
heimlich in der Nacht, spickten die Katzen, steckten sie an und
verbrannten sie. Von den Frankfurtern blieben fünfzig tot. Das kam
von ihrer rechten Völlerei, denn Völlerei stiftet nie Gutes, wie
Bernhardus sagt in seiner Epistel: "Ebrietas nihil aliud facit,
nisi quod cadit in lutum". Das heißt: Dem Trunkenen gehört das zu,
im Dreck zu liegen, spat und fruh. [Mit Katzen sind hier wohl
Belagerungsgeräte gemeint.]
51. Zu denselben Zeiten da sang und pfiff man dies Lied:
"Gott geb ihm ein verdorben Jahr,
Der mich machte zu einer Nonne
Und mir den schwarzen Mantel gab,
Den weißen Rock darunter.
Soll ich ein' Nonn' werden
Wider meinen Willen,
So will ich einem Knaben jung
Seinen Kummer stillen.
Und stillt er mir den meinen nicht,
Daran mag er vergehen."
52. Damals war ein Herr von Württemberg, der war ungehorsam gegen
Kaiser Karl, den Römischen König und König zu Böhmen. Und zog der
Kaiser gegen ihn mit großem Pomp und großer Heeresmacht und gewann
ihm viel Land und Leute ab. Er hätte sie ihm für immer
weggenommen, doch fiel der von Württemberg dem Kaiser zu Füßen und
bat um seine Gnade. Da tat er es. Doch setzte der Kaiser seinen
Willen in großen Ehren durch." [Limburger Chronik]
1360 Edward III. von England verbietet den Hahnenkampf (natürlich ohne
Erfolg).
In Lübeck brennt nach der Explosion einer Pulverstampfe das Rathaus
ab.
In Köln verpflichtet eine Feuerordnung die Zimmerleute, Steinmetzen,
Schmiede und Dachdecker im Brandfalle mit jeweils besonderen
Aufgaben Hilfe zu leisten.
In Regensburg wird dem Rathaus ein Danzelhaus (Tanzsaal) angefügt.
"53. Da man schrieb 1360 da ward dem obengenannten Kaiser Karl und
Könige zu Böhmen ein Sohn geboren, was die ganze Christenheit
erfreute; man wußte nicht, daß er später ein wunderliches Leben
und Ende haben werde. Den Sohn ließ er von Prag nach Nürnberg
bringen. Dort wurde er getauft und Wenzeslaus genannt. Seine
Mutter war eine geborene von Schweidnitz. Zu des Kindes Taufe
waren mehr denn vierzig oder fünfzig geborene Fürsten gekommen,
dem Kaiser zu Gefallen und zu Diensten, jeder, wie es ihm zukam,
seines Amtes wegen; dazu Grafen, Herren, Ritter und Knechte so
viele, daß es unzählige waren. Sie hielten den allerherrlichsten,
größten und kostbarsten Hof zu Nürnberg, der je gesehen werden
sollte, mit großer Köstlichkeit, Zehrung, Kleidung und dem
großartigen Benehmen der Fürsten, Grafen, Herren und Frauen, mit
ritterlichen Waffen, mit Lanzenbrechen, Fechten und allem Spiel,
das dazu gehört. Es ward geprüft, daß sich auf den Stechebahnen
jederzeit mehr als tausend Mann mit festgebundenen gekrönten
Helmen aufhielten.
54. In diesem selben Jahr verwandelten sich die Dictamina und
Gedichte in den deutschen Liedern. Wenn man bisher lange Lieder
mit fünf oder sechs Gesetzen gesungen hat, so machen die Meister
nun Lieder, die heißen Widergesänge, mit drei Gesetzen. Auch mit
den Pfeifen und dem Pfeifenspiel hat es sich gewandelt. Die Musik
ist vorangekommen und ist bisher nie so gut gewesen, wie es jetzt
damit angefangen ist. Denn wer vor fünf oder sechs Jahren im
ganzen Lande ein guter Pfeifer genannt wurde, der taugt jetzt
nicht mehr als eine Fliege. So sang man den Widersang:
"Hoffen erhält mich am Leben,
Trauern täte mir sehr weh."
55. In diesen Zeiten zog Landgraf Otto, des Landgrafen Heinrich
von Hessen vorher genannter Sohn, mit zwölfhundert Lanzen gegen
einen Abt von Fulda und lag vierzehn Tage in seinem Land und
herrschte darin.
56. Item in diesen vurgenanten jaren da was der erwerdige Cone von
Falkenstein, ein tumeherre in dem stifte zu Menze, vurmunder unde
beschirmer des Stiftes zu Trire. Unde in der nuwe leise so buwete
her Philips von Isenburg herre zu Grensauwe, der wonete zu Velmar,
und machte ein nuwe burg unde slug di uf einen stein nit verre von
Limpurg unde von Velmar, unde wart genant Gretenstein, want sin
wip Grete hiß, unde nante die burg nach irme namen, unde wolde he
ir ein gut testament alda befesten. Unde da die burg ufgeslagen
was, da spiset he si unde mante daz sloß wol mit guden rittern
unde knechten, die waren ferre uß des herzogen lande von Beigern
palzgreben bi Rine, unde wonte wol genistet haben. Des qwam der
vurgenante Cone von Falkenstein von des vurgenanten Stiftes wegen
mit rittem unde knechten unde zoch mit der glocken uß mit der
ganzen stat zu Limpurg, unde die hatten des dages bi
echtzenhondert man wol gewapent. Da si dar qwamen vur daz huis, da
lachten si sich nider unde aßen unde drunken unde stalten sich zu
sturme, unde der vurgenante Cone ging selber mit den von Limpurg
unde andern sinen frunden alda vigentlichen zu storme. Unde die uf
dem huise worfen daz vigentlicheste werfen, daz man i solde
gesehen. Unde gewonnen das huis binnen eime halben dage, unde was
in dem erne, unde daden daz mit rechter gewalt ober heupt. Unde
was noch den von Limpurg gar ernst darzu, sintemal daz ez in also
nahe bi lag. Unde fingen uf dem huise den haubtman hern Philips
mit ses unde drißig rittern unde knechten unde brachen daz huis in
den grunt. Unde wart her Cone von Falkenstein gar sere geworfen,
daz ime sin antlitze mit sweiße unde blude ran; unde ein jungher
von Runkeln, genant Heinrich, der wart da geworfen, daz he nit
lange darnach lebete. Da saitu wißen, daz dem vurgenanten hern
Philips geschach, als David sprichet in dem selter: "Incidit in
foveam quam fecit,,. Daz sprichet also: Eime andern hatte he eine
grube gemacht unde ist selber darinne geracht. Den vurgenanten
hern Conen glichen ich der dogent di da heißet Sterke, als da
sprichet Aristoteles in dem dretten buche Ethicorum: "Fortitudo
est agressio terribilium, ubi mors videtur imminere, ad salvandum
commune bonum,,. Daz saitu vursten also: Der dogende ein heißet
Sterke, di plihet stritlicher werke; daz si irlose di gemeine gut,
darzu stellet si iren mut. Item nu saltu wißen, daz darnach ober
hondert jar geborn solde werden, ein memoriale, daz ist ein
gedechtnisse, daz vur dem huise geschah unde qwam also. Da man
solde vur dem huise zu storme gen, so komet rennen ein amptman des
bischofes von Trire unde sprach wider di burgermeister unde burger
zu Limpurg, daz si sich stelten unde gingen darvur zu storme.
Daruf antworte ime der burgermeister mit namen Johan Boppe unde
sprach also: "Wir sin hir, da wir stürmen wollen; dan ir dorfet
nit gedenken, daz man den graben mit uns von Limpurg alleine
follen solle. Ritter und knechte sollent bi uns nider tretten. Zu
den wollen wir uns mengen unde mit in glich zu storme gan unde
wollen nit di lesten sin". Da der amptman unde ander ritter unde
knechte di antworte gehorten, da filen si nider mit den von
Limpurg unde gingen zu storme, unde niman gap dem ändern nit
zuvorn in dem storme, unde stormeten als vur geschreben ist."
[Limburger Chronik]
Aalen wird Freie Reichsstadt.
König Ludwig von Ungarn vertreibt die Juden aus Buda (oder aus dem
ganzen Land?).
Im Frieden von Bretigny wird der Hundertjährige Krieg zwischen
England und Frankreich unterbrochen. Die Engländer erhalten die
Gascogne, Guyenne, Calais, Poitou u.a.
Ca.: In Magdeburg verfaßt der Schöffenschreiber Heinrich von Lammespringe
die "Magdeburger Schöppenchronik", die von späteren Stadtschreibern
fortgesetzt werden wird.
Ca.: König Karl V. von Frankreich reduziert die sechs am Hofe
angestellten Spielleute um zwei. Sein Nachfolger Karl VI. wird aber
wieder fünf weitere anstellen.
Ca.: Kurze wattierte Männerwämse, ausgehend von Prag, kommen in Mode.
Ca.: Als eine neue Helmform kommt die Hundsgugel auf.
/1361: Zweite Welle der Pest in Deutschland.
/1370: Bei der Darstellung religiöser Themen wird es üblich, nicht
nur Büttel, Schergen und Knechte, sondern auch Vertreter des Bösen
(z.B. Kain) in Mi-parti (zweifarbigen Gewändern) auftreten zu lassen.
Mi-parti gilt als Zeichen gesellschaftlicher Unterordnung und
Abhängigkeit. Die Farben richten sich nach den heraldischen
Hauptfarben der jeweiligen Herrschaft.
1361 Es stirbt der Mystiker Johannes Tauler (ca. 61).
In Hamburg findet eine Besichtigung der Bauten statt, um festzustellen,
ob diese vorschriftsmäßig errichtet sind.
In Luzern wird das Mindestalter für Heiraten festgelegt: "Wer der
ist, der eins burgers tochter, dü under 15 iaren alt ist, old (oder)
ein frouw eins burgers sun, der under 18 iaren alt ist, heimlichen
oder offenlichen an ir fründen (Verwandte), und irs vogtes willen
und wüssend zer e nimet, das der, ist er burger old burgerin, fünf
jar an gnad von der stat sin sol." (Die Vorstellung, im Mittelalter
hätte man sehr früh geheiratet, ist irrig! Männer heiraten im Schnitt
mit 30,5 Jahren, Frauen mit 22,1 Jahren, und diese Werte stammen vom
Hochadel, wo insgesamt früher geheiratet wird!)
"58. Ein Jahr danach zog derselbe Herr Kuno von Falkenstein,
Verweser des Stiftes zu Trier, mit der Stadt Limburg aus und
eroberte Allendorf, eines Ritters Wohnung, bei Merenberg gelegen.
Es war ein festes Haus, das er verbrannte und ganz und gar schleifte.
59. In dieser Zeit sang man überall das Lied:
"Meiden, scheiden,
Das tut wahrlich weh,
Über Maßen weh
Von einer, die ich gern anseh'.
Und doch ist's nicht unmöglich." [Limburger Chronik]
Die Frauenkirche zu Nürnberg erhält eine Kunstuhr mit beweglichen
Figuren: Sieben Kurfürsten verneigen sich stündlich vor dem Kaiser.
Bis 1363: Dritte Pestwelle in vielen Teilen Europas.
1362 In der schwersten der sechs Marcelli-Sturmfluten (am St. Marcellustag
am 16. Januar oder Februar) des 14. Jhs. brechen Dollart und
Jadebusen auf ("de grote manndrank"). Viel bedeichtes Gebiet,
besonders im niedrigen Sietland, geht verloren. Wasser dringt bis an
den Rand der Geest vor, bis an die sandige Küste von Dangast bei
Varel, wohin das Wasser unter natürlichen Umständen permanent nie
reichen würde. Später können Randbereiche im Süden wieder eingedeicht
werden, aber die komplette Abdämmung dieser Bucht gleingt nie mehr.
Dies wird auch kaum versucht, weil sich das tiefe Wasser im
Flaschenhals des Jadebusens als Fahrrinne für Hochseeschiffe nutzen
läßt. Große Landflächen zwischen Sylt und dem Festland gehen verloren.
An der gesamten Nordseeküste sollen 100000 ertrunken sein. Es sollen
in einer einzigen Nacht (auf Sylt oder überall?) 30 Kirchspiele,
darunter das legendäre Rungholt weggespült worden sein. Es versinkt
auch der Hafenort Wendingstadt westlich von Wenningstedt und Listum im
Norden (zwischen Sylt und Festland).
In England wird in Gerichten und im Parlament Englisch die offizielle
Sprache. ("Statute of Pleaders")
Beispiel für Münzvielfalt: Der Rechenschaftsbericht des päpstlichen
Schatzmeisters vermeldet 15654 Florins, 1397 Leopards, 299 Écus, 103
Moutons, 5 Royal d'Or sowie 60 Livres, 6 Sous und 2 Denare aus Silber.
"Von den Florins sind 4223 Florins der Apostolischen Kammer, 3869
Florins der Sentence, 7438 starke Florins, 16 Dukaten, 5 Florins aus
Genua, 31 Florins aus Aragon, 7 Florins aus Frankreich, 59 Florins
mit kleinem Gewicht, 5 Florins aus Cambrai. Von den Ecus sind 271
alte Ecus mit gutem Gewicht, 1 Ecu aus England, 1 Ecu aus Bayern,
2 alte Ecus, nicht mit gutem Gewicht, 17 nachgemachte alte Ecus,
8 Ecus von Philipp."
Im Schweizer Kanton Uri werden erstmals eine allgemeine Wehrpflicht
und jährliche Ausrüstungsüberprüfungen erwähnt.
"61. In demselben oben genannten Jahr im Herbst nach St.
Michaelstag, da zog Herr Gerlach, Erzbischof zu Mainz, geborener
Graf von Nassau, gegen den Grafen Johann von Nassau, Herrn zu
Dillenburg, mit vielen Rittern und Knechten, daß sie geschätzt
wurden auf fünfhundert Mann mit Lanzen, dazu mit den Rheingauern.
Die taten ihm großen Schaden. Und sie hätten ihm noch mehr Schaden
zugefügt, hätten sie gut Wetter gehabt. Aber der Regen und das
Wasser trieben sie von dannen.
62. In diesen Jahren vergingen die großen weiten kurzen Lersen und
Stiefel. Die hatten oben rotes Leder und waren geschlitzt. Und es
kamen die engen langen Stiefel mit langen Schnäbeln. Diese hatten
Krappen, einen Krappen bei dem andern von der großen Zehe an bis
oben hinauf; hinten hinauf waren sie genestelt bis halb in den Rücken.
Da fing es auch an, daß die Männer sich hinten, vorn und neben
nestelten und fest eingespannt einhergingen. Die jungen Männer trugen
meist alle geknäufte Kogeln wie die Frauen. Diese Kogeln hielten sich
an die dreißig Jahre, dann verschwanden sie." [Limburger Chronik]
1363 Ein Colmarer Statut bestimmt, daß keine "varende tochter" einen
"rüffina" oder einen "lieben mann haben sol in der gassen" - d.h.
den Dirnen werden feste Partnerschaften verboten, weil sie der
Allgemeinheit gehören.
Nach einem Brand in Voitsberg in der Steiermark bestimmt Herzog Rudolf
IV. von Österreich: Wenn die Bürger beim Wiederaufbau der Häuser
Dachziegel verwenden, sollen sie sechs Jahre Steuerfreiheit erhalten,
verwenden sie für das Dach ein anderes, brennbares Material, nur vier
Jahre.
In Trier feiert ein Spielmann namens "Soumerdanze" Erfolge.
"63. Item da man schreip von Christes geborte 1300 unde in dem dru
unde seszigesten jare uf den mandag zu pingesten da wart Frederich
von Hatzstein wolgeborn knecht, der ein haubtman was der stede zu
Limpurg, irslagen an der Lane under dem steine, da man geit von
Grifenporten in di helde. Unde daz daden die von Rifenberg; die
waren figende der stede Limpurg zu der zit. Unde die herren unde
stat zu Limpurg vurloren in zu male noide, dan he in nutzlich unde
dinstlich was. Auch was der selbe Frederich groß unde stark, also
daz he eine ame wines ufhup unde drank uß der ponten [daß er ein Ohm
Wein aufhob und aus dem Spundloch trank].
64. In derselben Zeit ward der vorher genannte Herr Kuno von
Falkenstein zum Erzbischof zu Trier gewählt.
65. In diesen Jahren sandte Gott eine neue Plage auf das
Erdreich, besonders in Deutschland, das waren Heuschrecken. Die
kamen und flogen so dicht in der Luft und auf dem Felde, als wäre
ein großer Schnee gefallen. Sie fielen in die Frucht und taten
großen verderblichen Schaden und flogen dann wieder auf. Das
währte von der Ernte an beinahe sechs Wochen, bis sie mit einem
Reif und von der Kälte vergingen. Die Heuschrecken waren groß und
eine halbe Spanne lang und länger, so etwa von dieser Größe.
Diese Plage kam von großer Hoffahrt, und man kann diese Plage
vergleichen mit dem, was David im Psalter sagt: "Et dedit erugini
fructus eorum et labores eorum locustis". Das bedeutet:
Die Raupen sollen von ihren Früchten leben, Arbeit der Leute ist
den Heuschrecken gegeben.
66. In demselben Jahr galt die Quart Wein zu Limburg einen
Schilling Pfennige und einen Heller und folglich auch anderswo ihr
Geld. Das währte beinahe ein Jahr.
67. In diesen Zeiten sang man und pfiff dies Lied und seine
Widergesänge:
"Ich will in Hoffnung leben fort, Daß mir
irgend Heil geschehe Von der liebsten
Fraue min. Sprach sie zu mir ein
freundlich Wort, So sollte die Trauer von
mir fliehn."
Antwortgesang: "Ich will in Hoffnung" usw.
"Ihre Gunst mich zum Heil bekort, Ach
Gott, daß ich sie sollte sehen!"
Antwortgesang: "Ich will in Hoffnung leben" usw." [Limburger Chronik]
Ein Nürnberger Handerwerkerverzeichnis zählt 1217 Meister in 50
Berufsgruppen.
Entstehung des Revaler Kämmereibuches.
In Siena gibt es einen Fall von Pocken, nämlich die spätere heilige
Katharina von Siena. Es scheinen im Italien des 14. Jhs. Pocken und
Pest häufig gemeinsam aufzutreten, doch sind ausdrückliche Hinweise auf
die Pocken zunächst selten - man spricht meist pauschal von "Pestilenz".
1364 Es erscheint Giovanni di Dondis "Astrarium", worin ausführlich das
Uhrwerk und die Übersetzungsgetriebe beschrieben werden. Dondi und
sein Vater Jacopo entwickeln eine Uhr, die von einem Techniker
namens Antonio im Turm des Palazzo Capitano in Padua gebaut wird.
Das Ziffernblatt dreht sich gegen den (heutigen) Uhrzeigersinn;
demnach wird die Zeit am linken unteren Rand einer jeden
Stundeneinteilung abgelesen.
Augsburg hat eine Schlaguhr.
In Villingen wird der Müller verpflichtet, "wenne es in der stat
brünnet", bei Ertönen der Sturmglocke, das Überwasser, das gewöhnlich
neben der Stadt abfließt, sofort in die Stadt zu leiten.
Ein Beispiel für neues Selbstwertgefühl ist das Testament des
Lübecker Kaufmanns Berthold von Rucenberg: "Von meinen Eltern habe
ich nichts empfangen, weswegen ich irgend jemand verpflichtet wäre.
Darauf will ich auch sterben. Denn was ich besitze, das habe ich mir
von jungen Jahren an mit großer Mühe und Arbeit erworben."
In Erfurt müssen "etliche jünckerlein" 49 Mark Strafe zahlen, weil
sie mit kurzen Kleidern, langen Mänteln und Schnabelschuhen geprahlt
haben.
In Polen taucht der Jahresanfang zum 1. Januar auf.
Gründung der Universität Krakau.
/1365: Die Schüler des Studium Papale in Trets (Provence) erhalten pro
Tag 2600 Kalorien; an 302 Tagen im Jahr gibt es Gemüsesuppe, davon an
125 Tagen Kohlsuppe, ansonsten aus Spinat, dicken Bohnen, Lauch,
Zwiebeln, Kichererbsen, Kürbissen, Linsen und Rüben. [nach H. Neveux in:
L'Histoire de la France rurale].
/1365: Beispiel für Raubrittertum nach einem Bericht des Drosten von
Meppen über einen Raubzug des Grafen Otto von Tecklenburg: Dieser
raubt u.a. aus Dahlem 24 Kühe und 1005 Schafe, aus Haselünne 92 Kühe
und 80 Pferde und aus Holte 111 Kühe, 50 Schweine, 15 Pferde und
sonstige Wertsachen, wobei in Holte auch zwei Bauern erschlagen
werden.
1365 "68. Da man schrieb 1365 im Mittsommer um St. Johannis des Täufers
Messe, da war die große Gesellschaft aus Welschland vor Straßburg
gezogen und lagerte sich bei Colmar und in dem Lande ringsherum
und im Elsaß. Sie taten großen Schaden und lagen fast einen ganzen
Monat lang in dem Lande. Und die ehrwürdigen Fürsten, Herr Kuno
von Falkenstein, erwählter Erzbischof zu Trier, und Herr Gerlach,
Erzbischof zu Mainz, und dazu die hochgeborenen Fürsten von Bayern
und besonders Herr Ruprecht, Pfalzgraf bei Rhein, und dazu alle
die Grafen, Herren, Freie, Ritter und Knechte vom Rhein, von der
Mosel, von der Lahn und vom Main und daherum rüsteten sich fast
alle und zogen in großer Waffenherrlichkeit, alle wohlausgerüstet
mit goldenem und silbernem Geschmeide, einer mehr als der andere,
gen Elsaß. Und die Gesellen flohen aus dem Lande Tag und Nacht
wieder ins Welschland. Nie hat es den Deutschen so leid getan, daß
die Gesellen ihnen entflohen. Die Gesellschaft wurde geschätzt
alles zusammen auf 20000 Mann, ausgenommen das Weibsvolk. Die
Herren aus diesen Ländern und die Städte am Rhein, im Elsaß, aus
Schwaben - die Stadt Limburg hatte allda auch einen Bürgermeister
mit Söldnern mit vierundzwanzig Pferden - weit und breit hatten sie
an 24000 reisiger wohlbewaffneter Leute. Das war Glanz und
Waffenschein.
69. Da man schrieb 1365 wie vorher, da war das große dritte
Sterben. Doch war das Sterben mäßiger als die ersten Sterben, so
daß die Menschen zu zehn oder zwölf den Tag starben in Städten wie
Limburg und solchen, die dem gleich sind. Da starb Herr Gerlach,
Herr zu Limburg, der als erster von dem großen Zug aus dem Elsaß
gekommen war, wo er die große Gesellschaft aus Welschland
bekämpfen helfen wollte; es starb auch seine edle Frau Elschen
drei Wochen darauf ohne Leibeserben. Dieser Herr Gerlach war
mittelgroß, braun von Antlitz, scharf im Reden und Raten und hatte
eine schwarze Krulle und einen schwarzen Bart, und er war schnell
von Entschluß, wenn es galt, etwas zu tun. An seine Stelle trat
der edle Junker Johann, sein Bruder. Der war ein Domherr zu Köln
und Trier und war ein gar stattlicher Mann mit einem wohlgebauten
Leib von mittlerer Größe, mit einem schönen Antlitz weiß und rot,
mit gelber Krulle und Bart. Das Haar war so gelb wie Goldfäden. Er
war gütig beim Sprechen und gütig beim Antworten. Er wußte wohl zu
scherzen, wie auch ernst zu sein. Und wartete er beinahe zwanzig
Jahre, bis er eine Frau nahm." [Limburger Chronik]
Die Pest wütet in Köln.
Es stirbt der Mystiker Heinrich Seuse.
1366 Für einen unaufgeklärten Mord wird in Krakau am Ende ein Spielmann
namens Kapusta ("Kohl") verantwortlich gemacht (vielleicht nur um
irgendeinen Täter zu haben).
"70. Ein Jahr danach zu Halbfasten sollten die Meister des
Wollenhandwerks zu Limburg mit ihrem Gewand auf die Messe nach
Frankfurt fahren. Und sie wurden zwischen dem Kloster zu dem Thron
und der Höhe niedergeworfen; es wurden ihnen abgenommen mehr denn
dreihundert Stück Tuch und etliche wurden gefangen, etliche
blieben tot. Das tat Heinrich, des Grafen Otto Sohn von Nassau,
Herrn zu Dillenburg. Dieser Heinrich war ein Domherr zu Köln und
hatte den Beinamen Graf Scheinleder. Die Wollenweber fuhren im
Geleite des Grafen Johann von Nassau, Herrn zu Merenberg.
71. In diesem selben Jahr schlug der oben genannte Graf Johann von
Nassau eine Burg auf zu Kirchberg an der Lahn unter Staufenberg.
Diese Burg zerbrach Landgraf Heinrich, Landgraf zu Hessen, und
fing auf ihr mehr denn zwanzig wehrhafte Männer.
72. In demselben Jahre und ein wenig danach, da ward Linz am Rhein
genommen; es ward erstiegen und geplündert bis auf den Grund.
73. Damals sang man und pfiff dies Lied:
"Das Schachtafelspiel Ich jetzt
beginnen will" usw." [Limburger Chronik]
Gladbach (Mönchengladbach) erhält Stadtrecht.
Petrarca über das Schwarzpulver: "Es war nicht genug, daß der erzürnte
unsterbliche Gott vom Himmel blitzte, auch das Menschlein muß von der
Erde donnern: Ihr aber unterdrückt damit freies Volk. Diese Pest war
bisher noch so selten, daß sie wie ein großes Wunder betrachtet wurde,
jetzt ist sie, da man bei den schlechtesten Dingen am gelehrigsten
ist, so gemein wie jede andere Art von Waffen."
Ca.: Petrarca berichtet in einem Brief an Boccaccio von Spielleuten,
die vom Vortrag fremder Werke leben, welche sie überall von den
Verfassern durch Bitte oder Kauf zu erwerben suchen. Er selbst habe
schon einige Dichtungen hergegeben, und jene seien damit reich
geworden. (Ob man als Spielmann reich werden kann, sei dahingestellt!)
1367 Erstes Verbot des Kartenspiels - in Bern.
Die Mainzer Chronik bemerkt, "daß die jüngeren Männer so kurze Röcke
trugen, daß sie weder die Schamteile noch den Hintern bedeckten. Mußte
sich jemand bücken, so sah man ihm in den Hintern. O welch
unglaubliche Schande."
Eine böhmische Chronik: "Etzliche trugen auch auf der Brust mit
Baumwollen gefütterte und ausgefüllte Brustlätze, auf daß es ein
Ansehen haben müßte, gleich als wenn der Mann so wohl gebrüstet wäre
als eine Weibsperson, und pflegten auch dieselbigen falschen Brüste
und Bäuche sehr einzuschnüren."
In Augsburg sind die Fugger als Webermeister belegt.
Etwas über ritterliche Ideologie und Kriegstaktik: Heinrich von
Trastamara will sich um jeden Preis mit dem Feind in offenem Felde
schlagen. Er verzichtet freiwillig auf seine günstige Stellung und
verliert so die Schlacht von Navarette (Najera). Geschehen in Kastilien.
"75. Damals war eine harte Zeit und ein teures Jahr, so daß ein
Malter Korn Limburger Maßes kostete fünf Pfund Heller und zwei
Turnosen, und das Malter Hafer drei Pfund Heller. Arme Leute
hatten große Gebrechen und Mangel. Die Quarte Wein kostete zwanzig
alte Heller.
76. Da man schrieb 1367 am Abend von St. Peter ad vincula in der
Haferernte, da erstach ein Freier von Dehrn den Junker Johann,
eines Grafen Sohn von Diez, auf der Burg zu Dehrn, so daß er auf
der Stelle tot war. Er war ein junger Mann unter dreißig Jahren
von guter Größe. Er hatte ein länglich Antlitz mit hoher Nase,
schlichtes Haar mit einem langen Zopf, wie es gewöhnlich zu der
Zeit war. Dieser Johann wäre ein Graf zu Diez geworden, wenn er
weiter gelebt hätte. Die Grafschaft aber wurde in eine andere Hand
gegeben, wie dies hernach beschrieben wird. Der Freie hieß
Friedrich, ein gestrenger Ritter von fünfzig Jahren; er war als
ein rechter Freier geboren von allen seinen vier Ahnen her. Er
ward auf der Burg Dehrn gefangen und nach Diez geführt. Graf
Gerhart, Junker Johanns Bruder, beschied ein Landgericht zu
Reckenforst. Und es ward dem Freien sein Haupt abgeschlagen, und
er ward zur selben Stunde zu Limburg bei den Barfüssern begraben.
Drum sieh dir an, wen du schlägst, wie schon Salomo spricht:
"Fremens ira nulli parcit". Das heißt:
Der grimme Zorn läßt niemand Frist, wie du von Salomo beschieden
bist. Nun sollst du die Physiognomie und Gestalt des Freien
erfahren: Der Freie war ein vierschrötiger Mann mit einer krausen
Krulle, er hatte ein in die Breite gehendes Gesicht mit einer
flachen Nase. Der Freie von Dehrn hatte auch einen Bruder, der
hieß Junker Kraft; der war ein Domherr zu Köln am Dom und zu St.
Gereon daselbst. Er wurde später in Westfalen erschossen.
77. Damals sang man und pfiff dies Lied:
"Verlaß mich nicht, Wie ich's
nicht tue. Ich will Dir stets
In ganzer Treue leben, Ich
hoffe, ich finde Dasselbe bei dir", etc.
78. In dieser Zeit war der Streit zu Sprendlingen zwischen Bingen
und Kreuznach. Da blieben tot mehr denn zweihundert Mann. Den
Streit verlor ein Graf von Spanheim mit Namen Walram: er wurde
auch gefangen, und der Herr von Bolanden behauptete das Feld.
79. In demselben Jahre war zwischen den zwei Unser-Frauen-Tagen
das große Wetter mit Donner und Blitzen, wie man es seit langer
Zeit nicht gesehen hatte. Das war eines Nachts in der Gegend von
Mainz und Frankfurt. Und an Unser Frauen Münster zu Mainz
verbrannte ganz, was daran war von Holzwerk, mit einem gar hohen
Turme, das wurde gänzlich zerstört und es entstand großer
verderblicher Schaden. Und es gab noch mehr Schaden in demselben
Gebiet ringsumher im Lande. (...)
81. Da man schrieb 1367, da waren verfeindet die edlen Grafen
Johann zu Nassau, Herr zu Dillenburg, und Johann, Herr zu
Westerburg. Und es begab sich, daß sie einen Zusammenstoß und ein
Gefecht bei Gudendorn hatten. Johann, Herr zu Westerburg,
behauptete das Feld und fing den Grafen von Nassau mit mehr denn
dreißig Rittern und Knechten. Auf der nassauischen Seite blieben
drei und auf der Westerburger Seite einer tot, gute, handfeste
Leute. Derselbe Graf ward frei mit den Rittern und Knechten für
achttausend Gulden. Und er hätte wohl mehr Geld geben müssen,
hätte er nicht Freunde gehabt, die sich sehr für ihn verwendeten.
82. Zur gleichen Zeit lebte Meister Johannes Buridanus, der zur
Paris länger als vierzig Jahre das Studium geleitet hatte. Der
wurde für den besten Logiker und Philosophen auf Erden in der
ganzen Christenheit gehalten, und man fand nicht seines gleichen.
Er schrieb Untersuchungen über Ethik, die besten, die je gemacht
wurden. Diese Untersuchungen gab er als letztes Geschenk und
dauerndes Testament allen Meistern und Studenten.
83. Zur selben Zeit eroberte Herr Kuno von Falkenstein, Erzbischof
zu Trier, Schnorrenberg.
84. Damals entstand eine große Zweiung in der Stadt Wetzlar an der
Lahn zwischen dem Rat und der Gemeinde. Der alte Rat ward aus der
Stadt vertrieben und die Gemeinde setzte sich einen neuen Rat und
regierte die Stadt nach ihrem Sinne bis ins siebte Jahr und zahlte
niemanden Leibrenten. Und es hätte sich gehört, alle Jahre an
fünftausend Gulden Geldes als Leibzuchtrente zu zahlen. Als dies
das siebente Jahr ging, da kamen die von dem alten Rat wieder in
die Stadt mit dem Vorwand, daß man sich wieder aussöhnen wollte.
Darüber einigten sich die vorgenannten alten Ratsmitglieder
heimlich mit Junker Johann, Graf zu Solms. Dieser war gar
weltgewandt nach der neuen Art und tat vertraut mit dem alten und
mit dem neuen Rate. Er kam mit wohl fünfzig Rittern und Knechten
in die Stadt und ließ die von dem neuen Rate alle in ein Haus
kommen und tat so, als ob er mit ihnen zum Nutzen der Stadt zu
Rate gehen wollte, nahm den ganzen neuen Rat gefangen und stellte
so viele seiner Diener dabei, daß sie in dem Hause bleiben mußten.
Dann nahm er das Reichspanier in die Hand und trat auf den Plan
und der alte Rat mit ihm. Da kam die Bürgerschaft, wohl an
fünfhundert bewaffnete Männer, um dem neuen Rate zu helfen. Als
sie aber sahen, daß der neue Rat, ihre Freunde, nicht dabei
waren, da wurden sie entmutigt. Der vorgenannte Graf Johann aber
beredete sie mit süßen Worten und besprach sie, daß sie die Waffen
ablegten. Und sie wurden einträchtig mit ihm und mit dem alten
Rate und legten den neuen Rat in den Turm, nahmen seinen
Mitgliedern ihr Gut, schlugen dreien die Köpfe ab und warfen einen
Teil der anderen ins Wasser. So ging der Graf von Sohns um mit
süßen und trügerischen Reden, daß die Stadt Wetzlar seines Sinnes
wurde. Sie wurden betrogen, wie man ein Gleichnis in der Schule
den Kindern vorliest:
"Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps". Das heißt: Des
Voglers Pfeife gar süß sang, da er tat den Vogelfang." [Limburger
Chronik]
In Zittau wird ein Tuchmacher bei handhafter Tat festgenommen, als er
einen Schöffen überfällt. Dem Täter wird die Mordwaffe in die Hand
gebunden, bevor er vor das Gericht tritt (ein alter Rechtsbrauch).
Er legt ein Geständnis ab und wird enthauptet. Dies ist ein ungewöhnlich
hartes Urteil, denn das Opfer hat die Tat überlebt und ist nur am
Finger verletzt worden!
Grippeepidemie in Italien.
Ludwig I. der Große von Ungarn gründet die Universität von Pécs (in
Südungarn); es ist nach Prag, Krakau und Wien die vierte Universität in
Mitteleuropa und die erste in Ungarn.
In Moskau wird ein neuer Kreml errichtet, diesmal aus Stein.
Papst Urban V. kehrt gegen den Willen seiner Kardinäle und gegen den
Rat Karls V. von Frankreich von Avignon nach Rom zurück.
Bis 1383: In der Regierungszeit König Fernandos I. von Portugal erhält
Lissabon eine neue 54 km lange Stadtmauer. Die Stadt hat etwa 60000
Einwohner. Der König führt die Beleuchtung der Stadt mit Öllämpchen ein.
1368 Im bisher aristokratisch regierten Augsburg kommt es nach einem
unblutigen Aufstand zur Beteiligung der Zünfte am Stadtregiment.
Von den 51 Augsburger Geschlechtern treten hier aber nur wenige einer
(politischen) Zunft bei.
In Augsburg hat es in den letzten 30 Jahren 172 Totschläge gegeben.
In Breslau kündigen zwei Bürger ihr Bürgerrecht, weil die
Kleiderordnung ihren Frauen das Tragen bestimmter Kleider verboten
hat.
In Würzburg gibt es einen "Herdgulden", d.h. die Existenz
eines Schornsteins - ein Statussymbol - wird als Grundlage der
Steuerbemessung herangezogen.
In Wien werden "Überleger" erwähnt; dies sind Pflasterer, die
gänzlich von der Stadt bezahlt werden.
In Nürnberg erfindet Peter Stromeir die Nadelwaldsaat.
1369 In Augsburg werden in diesem Jahr 10 Personen hingerichtet.
In Nordhausen werden sieben Geißler, die nicht widerrufen wollen, als
Ketzer verbrannt.
Karl V. von Frankreich verbietet das Kugelspiel. (Ludwig XI. wird es
wieder einführen.)
Im Nürnberger Reichswald erprobt Peter Stromer erstmals die künstliche
Tannensaat.
12. Mai: Nowgorod brennt ab.
München hat über 10000 Einwohner.
1370 Unter Beteiligung der Weber kommt es in Köln zu einem ersten Angriff
auf die Geschlechterherrschaft.
Von den 13 Angehörigen des Brixener Domkapitels kann kein einziger
unterschreiben (d.h. überhaupt schreiben).
Nach der Polizeiordnung von München wird eine Deputation von 36
Bürgern ernannt, die darauf zu achten hat, "daz man ab sol prechen
alle die paw, die hie ze München unordentlich geschechen sind".
Die offenbar vorübergehende Tätigkeit dieser Baudeputation beinhaltet
u.a. die Beseitigung von hölzernen Lauben, Stiegen, Vordächern und
zu weit vorspringenden Dachrinnen in engen Gassen.
Es wird in München weiterhin verordnet: Wer den vor seine Tür oder
auf die Straße geschütteten Mist oder Kehricht nicht am selben Tag
entfernt, muß Strafe zahlen, nämlich der Stadt 36 Pfennig, dem
Stadtrichter sieben Pfennig und dem Gerichtsdiener zwölf Pfennig.
Es gibt bereits Schellen an der Kleidung als (typisch deutsche)
Modeerscheinung: Auf einem Fest, das der Herzog von Braunschweig in
Göttingen gibt, erscheinen viele der adligen Damen und Herren mit
kostbaren Gürteln und herrlichen Gewändern, "die gingen schurr,
schurr, kling, kling".
"85. Da man schrieb 1300 Jahr und in dem siebzigsten Jahr in den
Fasten, da lagen die von Erfurt, die von Mühlhausen und Nordhausen
und viele andere Herren, die mit zu ihnen gelobt und geschworen
hatten, vor Hanstein. Die Burg liegt in Sachsen, unter Herzog
Otto. Der fiel das Heer an, das aufbrach und wegzog. So jedoch
konnten sie nicht davon kommen, der Herzog bekämpfte sie, schlug
ihrer viele tot und nahm von den Erfurtern, Mühlhausenern und
Nordhausenern so viele gefangen, daß sie als Lösegeld
sechsunddreißigtausend Mark lotigen Silbers gaben.
86. Bald darauf fingen allgemein die Tapparden an; diese trugen
Männer und Frauen. Die Männer trugen auch kurze und weite Heuken,
auf beiden Seiten geknöpft. Und das währte nicht lange in diesen
Landen." [Limburger Chronik]
Papst Urban V. verläßt Rom wieder und kehrt nach Avignon zurück.
Heinrich von Vic (Wiek) fertigt eine große Schlaguhr mit Gewichtsantrieb
für den Glockenturm des Pariser Königsschlosses an. (oder bereits 1364,
oder 1364 bis 1370?)
In Nürnberg werden Nadeln hergestellt.
Nachdem die Hanse mit Hilfe von Mecklenburg, Holstein, Jütland und
Köln Waldemar IV. von Dänemark besiegt hat, wird im Frieden von
Stralsund festgelegt, daß der dänische König nur mit Zustimmung der
Hanse gewählt wird.
In Brüssel kommt es zu Judenverfolgungen. Man wirft ihnen wieder einmal
Hostienschändung vor.
Pest in Lübeck und in einigen Ostseestädten sowie in Lüttich.
Ca.: Aus diese Zeit stammt ein in Lübeck (1866) gefundener Satz
Schulgerät, bestehend aus Griffeln, Tintenfässern, Rechenpfennigen,
löffelartigen Hölzern (Züchtigungsgeräte?) und eine Reihe von
beschriebenen Wachstafeln mit einfachen Strichzeichnungen, Ergebnissen
von Schreibübungen, Fragmenten lateinischer Verse und vor allem
lateinische Briefe und Briefformulare (zu geschäftlichen und
politischen Zwecken).
/1380: Eine Kleiderordnung zu Straßburg bestimmt "sunderliche, daz
houptloch sol sin, daz man die brüste nit gesehen müge"; fünf Pfund
Strafe drohen, "wenne die houptlöcher untz an die angonden ahsseln
süllent sin" (bis zum Ansatz der Achseln reichen). Es werden auch
künstliche Haarteile bekämpft: "daz ouch kein frowe sich nit me verwe
(schminke), oder löcke von toten har anhencken sülle".
Nach Gerüchten um Hostienschändung werden die Juden aus Brabant
vertrieben.
Bis 1387: In diesem Zeitraum wird in Hamburg einmal jährlich der
Zustand der Gebäude untersucht.
Bis 1512: In dieser Zeit ist das Haus Tuchlauben Nr. 19 in Wien
nacheinander im Besitz von 13 Eigentümern, d.h. hier wechseln im
Durchschnitt alle 10,9 Jahre die Besitzer (Beispiel für Mobilität
in der Stadt).
1371 Vor 1371: In Zürich sind seidene oder leinene Schleier in der
Frauentracht bezeugt, deren Kanten einen Besatz mit Schmuckborten
aufweisen.
In Augsburg werden in diesem Jahr 13 Personen hingerichtet.
"88. Da man schrieb 1300 und einundsiebzig Jahr, vierzehn Tage vor
Fastnacht, da geschah es, daß ein Bürgermeister zu Limburg mit
Namen Kunz Noide einen wegen Dieberei gefangen in den Katzenturm
führen sollte. Als sie nun einen halben Steinwurf weit vom Diezer
Tor auf die Mauer kamen, da sprang der Gefangene mit dem
Bürgermeister von der Mauer und brach ihm dabei den Hals, daß er
binnen acht Tagen starb. Der Gefangene ward zur Stunde gehängt, da
er so schwer von der Mauer gefallen war, daß er nicht davon kommen
konnte.
89. Da man schrieb 1371, am Freitag nach Unser-Frauen-Tag, wo man
die Würz-Kräuter weiht, waren verfeindet die zwei hochgeborenen
Fürsten, der Herzog von Brabant, der Wenzeslaus hieß und Kaiser
Karls Bruder und des blinden Königs Johann von Böhmen Sohn war,
und der Herzog Wilhelm von Jülich. Und an dem genannten Tage hatte
der Herzog von Brabant mehr denn vierundzwanzig hundert Lanzen,
Ritter und Knechte, gar gute Leute, die den Herzog von Jülich
daheim in seinem Lande zu schädigen, zu überwältigen und zu
überreiten suchten. Als sie nun über die Maas, das Wasser im
Jülicherland, kamen, da begegnete ihnen der Herzog von Jülich mit
mehr denn tausend Lanzen, Grafen, Herren, Rittern und Knechten.
Auf dessen Seite waren viele unserer Landesherren von der Lahn,
namentlich Graf Johann von Nassau, Herr zu Dillenburg, Graf
Ruprecht von Nassau, Graf Eberhard von Katzenelenbogen, der Graf
von Wied und Junker Friedrich, Herr zu Runkel, und andere Herren,
die ich nicht nennen kann. Und sie hoben einen gewaltigen Streit
an. Als dieser Streit anhub, da kam der Herzog von Gelderland mit
mehr denn sechshundert Lanzen, Rittern und Knechten den Jülichern
zu Hilfe und stritt mit den Brabantern. Die Jülicher gewannen mit
großen Ehren und mit Würdigkeit den Streit und fingen den Herzog
von Brabant mit mehr als tausend Rittern und Knechten; und es
blieben tot mehr denn achthundert Ritter und Knechte. Der Herzog
von Gelderland, den man die Blume von Geldern nennt, ward in dem
Streit auf der Jülicher Seite erschossen, und der Graf von St. Pol
aus Welschland fiel auf der Brabanter Seite mit vielen seiner
Landsleute aus Welschland. Und Johann, Erzbischof von Mainz, war
ein Bruder des genannten Grafen von St. Pol, obwohl er ein
Welscher war. So ward der größere Haufe Männer von dem minderen
niedergeworfen; das kam von Gott, wie denn Judas Maccabaeus sagt:
"Non in multitudine exercitus victoria belli est, sed de celo
est". Das heißt so viel wie: Der Sieg kommt von dem Himmel hoch
und nicht von der Vielzahl der Leute.
90. In dem besagten Jahre ,da erhob sich zu Köln in der Stadt eine
große Zwietracht und ein Hader zwischen dem Rate und den Meistern
von dem Wollweberhandwerk. Und das kam so. Es war ein Mann als
Gast nach Köln gekommen, der war von einem rechten Gericht seines
Leibes und Gutes verlustig erklärt und dazu verurteilt worden, daß
man ihm das Haupt sollte abschlagen. Den führte man auf das Feld
zum Gerichte. Dabei standen viele, die vom Wollenhandwerk waren;
sie nahmen den Mann, den das Gericht verurteilt hatte, und führten
ihn mit Gewalt in die Stadt zu Köln und meinten, daß sie ihn so
erlösen könnten. Sofort trat der Richter vor den Rat und führte
laute Klage ob der Gewalt, die da geschehen war. Und der Rat und
seine Freunde wappneten sich und bereiteten sich zum Streit und
zogen gegen die Weber. Und deren war auch eine große Rotte, mehr
denn sechshundert, wohl gerüstet mit aufgerichteten Panieren, und
traten gegen sie an. Da behauptete der Rat das Feld mit großen
Ehren. Auf der Gegenseite blieben sieben oder acht tot auf der
Walstatt, die anderen flohen, obwohl ihrer zweimal mehr waren als
der vom Rate. Dazu fingen sie ihrer dreiunddreißig in den nächsten
vierzehn Tagen; denen schlug man ihr Haupt ab auf dem Heumarkte,
so heute und morgen, wie sich das traf. Dazu vertrieben sie
manchen reichen ehrbaren Mann von dem vorhergenannten Handwerke,
nahmen ihm seine Habe weg und bereiteten ihnen großen Verdruß. Sie
brachen ein großes Versammlungshaus ab, das einem großen Palaste
glich und in dem sie zusammenkamen wegen ihrer Zunftangelegenheiten.
Der Rat machte daraus eine schöne Fleischschirne, so daß die Vertreter
des vorgenannten Handwerks kein Recht mehr daran hatten. So hat der Rat
zu Köln seinen Willen behalten.
91. Zur selben Zeit da fingen die westfälischen Lendengürtel an.
Die waren so, daß Ritter, Knechte und reisige Leute diese
Lendengürtel trugen. Sie fingen an der Brust an, wurden hinten auf
dem Rücken hart zugespannt und reichten so weit, als die Jacke
lang war; sie waren hart gesteppt von beinahe eines Fingers Dicke.
Diese Mode kam aus Westfalenland.
92. In derselben Zeit, zu Halbfasten, da wollten die niederländischen
Kaufleute mit ihren Gewändern den Rhein herauf fahren zur Messe nach
Frankfurt. Da sie von Andernach eine Meile Weges den Rhein aufwärts
kamen, da kamen der Graf von Wied und Herr Salentin von Isenburg und
nahmen dort den Kaufleuten Gewänder im Werte von mehr denn viertausend
Gulden weg und führten sie gen Isenburg. Da erhob sich der ehrwürdige
Fürst Herr Kuno von Falkenstein, Erzbischof zu Trier, mit großer Macht
und Gewalt und heischte das zurück, was in seinem Gebiet und unter
seinem Geleit weggenommen worden war. Doch das geschah nicht. Deshalb
legte er sich in der genannten Herren Land, nahm ihnen den Engersgau
ab und baute zu Engers eine Burg, die bis auf den heutigen Tag
Kunenstein heißt nach seinem Namen. Er nahm ihnen auch Herschbach und
Dierdorf ab und tat ihnen großen verderblichen Schaden. Den
Kaufleuten ward das Weggenommene und die Gewänder wiedergegeben.
So behielt Herr Kuno, der Erzbischof, mit Gewalt seinen Willen und
nahm ihnen Land, Leute und die Fähre über den Rhein weg bis auf
den heutigen Tag." [Limburger Chronik]
In Steyr werden die Juden im Handel beschränkt.
Pest in Böhmen, Schlesien, Polen und in Moskau.
Karl IV. erneuert den Landfrieden in Westfalen. Er erklärt die Femegerichte
zu Landfriedensgerichten.
Ca.: Nikolaus Oresmius stellt erstmals die physikalischen Bewegungsgrößen
graphisch dar.
Bis 1432: Während der Messezeiten und bei Reichstagen erlaubt der Rat
von Frankfurt den "Heißen Stein", so etwas wie eine konzessionierte
Spielbank, in der ausschließlich Würfelspiele stattfinden. Der "Heiße
Stein" bestellt alljährlich in Speyer 10000 Würfel. Eine gleichnamige
Institution existiert auch in Mainz.
1372 Karl IV. verleiht dem Erzbischof von Köln und den westfälischen
Bischöfen das Recht, unter Königsbann nach Urteil der Freischöffen
Landfriedensbrecher mit dem Tode durch den Strang zu strafen.
Die Zollstätte von Neuß, dem Erzbischof von Köln gehörig, wird von
Zons abgelöst.
Besonders am Rhein hat sich der neue Goldgulden schnell verbreitet,
so daß die Kurfürsten von Mainz, Köln, Trier und der Pfalz den Fuß des
Rheinischen Goldguldens in Münzverträgen regeln. [Die Bezeichnung
"Goldgulden" ist an sich ein Pleonasmus.]
Der Straßburger Bürger Heinrich Blankhart soll für einen begangenen
Mord nach Santjago pilgern. Es gelingt ihm, sich davon durch die
Stiftung einer ewigen Messe zu Ehren des hl. Jakob in der Kirche des
Straßburger Johanniterklosters loszukaufen.
Die Uhr am Straßburger Münster erhält eine Schlagglocke.
Wiener Maßeinheiten (nach dem Ordnungsbuch): Das Maß für Holzkohle
heißt "Stübich" und entspricht 129,9 oder 133,9 Liter. Für das
Kalkmaß "Potigel" existiert ein Eichgefäß.
"93. Da man schrieb 1372, da entstand eine große Gesellschaft in
deutschem Lande, besonders in dem Lande zu Hessen, die hieß die
Gesellschaft von den Sternen. In dieser Gesellschaft führten die
Ritter goldene und die Knechte silberne Sterne. Einer der
Begründer war Herzog Otto von Braunschweig, dem Göttingen und das
Land darum gehört, ein Tochtersohn des Landgrafen Heinrich von
Hessen, auch der Graf von Ziegenhain, Graf Johann von Nassau, Herr
zu Dillenburg, der Graf von Katzeneinbogen, Herr Johann von
Büdingen und weiter die Herren von Isenburg, der Herr von Hanau,
der Herr von Lisberg, der Herr von Helfenstein, der Herr von
Eppstein und dazu die meisten Ritter und Knechte in dem Lande zu
Hessen und in der Wetterau, im Buchenland und am Rhein, in
Sachsen, in Thüringen und in Westfalen, so daß man die Gesellen
von den Sternen an zweitausend Ritter und Knechte schätzte, die an
vierthalb hundert Schlösser hatten.
94. Zur selben Zeit war der hochgeborene Graf Heinrich von Hessen
Feind des genannten Herrn von Lisberg. Er schickte seines Bruders
Sohn, Landgraf Hermann, da hin, daß er sich mit mehr denn tausend
Rittern und Knechten vor den Herzberg legte und da ein Haus
aufschlug. Darauf kam die Gesellschaft von dem Sterne zu Haufe,
mehr denn fünfzehnhundert Ritter und Knechte, und trieben den
Landgrafen fort, verbrannten ihm sein Land bis gegen Fritzlar,
lagen darinnen mehr denn acht Tage und schieden wieder von dannen.
Darum begannen der genannte Landgraf Heinrich und Landgraf
Hermann, seines Bruders Sohn, gegen die Sterngesellen einen
täglichen Krieg und gelobte Landgraf Hermann, daß er den Krieg
nicht sühnen wolle bei Jahr und Tag. Er hielt das auch durch und
hielt mehr denn sechshundert Lanzen von Rittern und Knechten, die
er mit hohen Kosten besoldete, mehr denn Jahr und Tag zu täglichem
Krieg.
95. In dieser Zeit war der edle Ruprecht Graf zu Nassau, ein Enkel
König Adolfs, Grafen zu Nassau, Helfer des hochgeborenen Fürsten,
Landgrafen Heinrich von Hessen, wider die genannte Gesellschaft
von dem Sterne und nahm dafür seinen Sold. Und es ereignete sich,
daß ein Teil der Sterner, in Sonderheit die Grafen von
Katzenelnbogen, Graf Wilhelm, Graf Eberhard und Grat Diether, die
Niederlassung zu Hadamar des Nachts erstiegen, einnahmen, in der
Nacht sorglos umher gingen und wähnten, es in der Hand und in
ihrem Willen zu haben. Da ermannte sich die Gemeinde zu Hadamar und
stellte sich zur Abwehr mit Werfen, mit Schießen und anderer großer
Anstrengung, sie trieben sie kraftvoll hinaus, fingen ihrer acht
in derselben Nacht; und deren drei starben, ohne den anderen
großen Schaden, den sie vom Stürmen und von den Geschossen hatten."
[Limburger Chronik]
Bis 1376: Papst Gregor IX. wird durch die Alberti mit über 400000
Gulden finanziert.
1373 In Augsburg werden in diesem Jahr 5 Personen hingerichtet.
Bis 1392: Guillaume Tirell, genannt "Taillevent", der ehemalige Erste
Hofkoch Karls V. von Frankreich verfaßt eines der ersten Kochbücher
in französischer Sprache. (Darin wird u.a. auch Hanfsamensuppe
erwähnt.)
1374 Tod Petrarcas (70).
In Braunschweig beendet nach längeren Unruhen ein blutiger Aufstand
die Geschlechterherrschaft. Der Rat, der sich bisher selbst ergänzt
hat, wird nun durch 19 Körperschaften gewählt (14 Gilden und fünf
Gemeinden). Acht Ratsherren bzw. Bürgermeister werden hingerichtet,
52 vertrieben. Die Vertriebenen fliehen nach Lübeck, Hamburg und
Lüneburg.
In den Niederlanden, am Rhein und an der Mosel gibt es im Sommer
Fälle von Tanzwut: Die Tänzer stellen sich einander gegenüber und
tanzen oft einen halben Tag lang auf der Stelle. Mitten im Tanz
werfen sie sich auch auf den Boden und lassen sich auf den Leib
treten, wovon sie nach eigener Aussage gesund würden. Aus einer
niederländischen Quelle (zit. n. Otto von Corwin, Geißler):
"Am 16. Juli kam eine sonderbare Art besessener Menschen aus den
oberen deutschen Ländern nach Aachen, von da nach Utrecht und endlich
gegen September nach Lüttich. Halb nackend, mit Kränzen auf den
Köpfen, führten diese Besessenen beider Geschlechter auf den Straßen,
selbst in den Kirchen und Häusern, ohne alle Scham ihre Tänze auf,
wobei sie in ihrem Gesange nie gehörte Namen des Teufels ausriefen.
Nach vollendetem Tanz quälten die Teufel sie mit den heftigsten
Brustschmerzen, so daß sie mit schrecklicher Stimme schrien, sie
stürben, wenn man sie nicht mit Binden mitten um den Leib stark
zusammenschnüre. Bis zum Oktober wuchs ihre Sekte zu vielen Tausenden
an. Aus Lüttich strömten täglich neue Tänzer herbei, und zu Lüttich
wurden viele, die noch an Leib und Seele gesund waren, plötzlich von
den Teufeln ergriffen und verbanden sich mit den Tänzern. Kluge Leute
wußten keinen anderen Grund der Entstehung dieser teuflischen Sekte
anzugeben als die herrschende Unwissenheit in Glaubenssachen und in
den Geboten Gottes. Viele aus dem Volke warfen aber die Schuld auf
die Priester, die im Konkubinat lebten, durch die also jene Leute
nicht recht getauft worden seien...In einem Flecken bei Lüttich
sammelten sich um Allerheiligen eine Menge Tänzer und Tänzerinnen und
beschlossen, nach der Stadt zu gehen und den Prälaten samt allen
übrigen Pfaffen umzubringen. Als sie jedoch nach Lüttich kamen, legte
sich ihre Mordlust bald...Nach dem Wortlaut einiger Verse konnten sie
niemand weinen sehen. Die rote Farbe, besonders rotes Tuch und
Schnabelschuhe, waren ihnen ein Greuel. Daher wurde den Lütticher
Schuhmachern verboten, solche Schuhe zu machen. Sie sagten, sie
müßten deswegen hochspringen und tanzen, weil es ihnen vorkäme, als
wenn sie in einem Strome von Blut ständen. Andere meinten wieder, sie
würden zum Springen genötigt, wenn der Teufel in ihre Beine
hinabstiege; kam er jedoch in den Bauch, so quälte er sie entsetzlich.
Bei ihren rasenden Reihentänzen gaben sie sich die Hand und
ermunterten einander: frisch! frischkes! Diesen Ausruf und andere
ausgestoßene Wörter und Töne hielt man dann für die Namen von
allerhand Teufeln..." Viele tanzen sich in der Wut zu Tode oder
reiteln einander mit Stöcken, die sie im Gürtel stecken haben. Durch
Beschwörungen werden etwa 3000 Tanzteufel ausgetrieben, und weil dazu
das Johannesevangelium dient, wird ihr Tanz auch "Tanz des Heiligen
Johannes" genannt. In Köln tanzen sie nachts, wobei über 100
tanzende Jungfrauen schwanger werden. Nach 16 Monaten nimmt die
Geschichte ein schimpfliches Ende.

"96. Da man schrieb 1374, des Donnerstags vor Fastnacht, da war
eine große Flut auf Erden und große Not von Wassers wegen, so daß
der Rhein und die Lahn mehr als sechsundzwanzig Fuß hoch über ihr
rechtes Gestade in die Höhe gingen. Die Flut kam von einem großen
Schnee, der gefallen war; er schmolz und verging sehr schnell. Es
war der größte Schnee, der in hundert Jahren vorher gefallen sein
mochte. Und die Flut währte mehr denn fünf Tage und Nächte und
nahm zu und ab. Es war große Betrübnis bei den Leuten und das
Geflügel in den Häusern, Hähne und Hühner, sangen auch betrüblich.
Die Lahn vor Limburg warf in den Gärten alles um und um, auch
manchen Rahmen mit Gewand, und führte die Obermühle am Steiger
hinweg; auch führte sie hinweg die Walkmühle und die Lohmühle und
die Brücke zu Diez, die hölzern war. Das trieb alles fort. Es war
auch schon eine Flut zuvor auf den zwölften Tag nach Weihnachten
gewesen. Jene Flut kam dieser nicht gleich, da diese größer war.
97. Da man schrieb 1374, zu Mittsommer, da erhob sich ein
wunderlich Ding auf Erden und sonderlich in deutschem Lande am
Rhein und an der Mosel. Die Leute hoben an zu tanzen und zu rasen
und standen je zwei gegen einen und tanzten einen halben Tag auf
einer Stelle. Beim Tanzen fielen sie gar oft auf die Erde nieder
und ließen sich mit Füßen auf ihren Leib treten; sie nahmen an,
daß sie davon genesen wären. Sie liefen von einer Stadt und von
einer Kirche zur anderen und hoben Geld von den Leuten, wo es
ihnen gegeben wurde. Und es waren ihrer so viele, daß man in der
Stadt Köln mehr denn fünfhundert Tänzer fand. Und man fand, daß es
Betrug und Ketzerei war, und um Geldes willen geschah, damit ein
Teil von ihnen, Frauen und Männer, in Unkeuschheit leben und sie
vollbringen konnten. Und fand man, daß zu Köln mehr denn hundert
Frauen und Dienstmädchen, die keinen Ehemann hatten, bei der
Tanzerei alle wurden Kinder tragend. Wenn sie tanzten, so banden
und knebelten sie sich um den Leib hart zu, um schlanker zu
erscheinen. Dazu sagten einige Meister, sonderlich die guten
Ärzte, daß ein Teil tanze, weil sie von hitziger Natur waren und
aus anderen bresthaften Ursachen. Deren aber waren wenige, denen
so ge schah. Die Meister der Heiligen Schrift beschworen einen
Teil der Tänzer und meinten, daß sie vom bösen Feind besessen
wären. So nahm es ein betrügerisches Ende. Und es währte wohl
sechzehn Wochen oder ungefähr so lange in diesem Lande. Die
vorhergenannten Tänzer, Männer sowohl wie Frauen, taten auch so,
als ob sie kein rotes Gewand sehen könnten. Es war aber alles
Betrügerei und, wie mich dünkt, eine Vorbotschaft des Antichrists
gewesen.
98. Zu dieser Zeit sang man und pfiff dies Lied:
"Geläutert rein und säuberlich, Weiß
ich ein Weib gar minniglich, Die ist
in ihrer Zucht bewahrt. Ich wollte,
daß sie's wüßte, Die Reine, zart."
99. Da man schrieb 1374, da ward Herr Friedrich von Saarwerden,
Domherr zu Köln, ein Erzbischof allda zu Köln. Der regierte das
Stift zu Köln gar herrlich und mußte sich sehr viel mit den
Westfalen herumbeißen, ehe er mit ihnen sein Durchkommen hatte.
Auch war er groß und wohlgestaltet für einen Fürsten. Er hielt
herrlich Hof und Haus nach fürstlichem Stande. Unter demselben
Bischof geschah es im vierten Jahre seines Bischoftums, daß auf
den heiligen Christtag in seiner Gegenwart auf dem Saal zu
Godesberg der Burggraf von Rheineck einen Freien erstach, einen
ehrbaren, tapferen Ritter; der hieß Herr Rulemann von Sinzig. Der
Burggraf ward gefangen und ward von ihm gerichtet und sein Haupt
abgeschlagen.
100. In diesen Zeiten war der ehrwürdige Herr Kuno von
Falkenstein, Erzbischof von Trier, Verweser des Stiftes zu Mainz
und Köln, bis sie zur rechten Besetzung kamen.
101. Damals sang und pfiff man:
"Wie möcht es mir wohl sein
In Reue?
Es grünet in dem Herzen mein
Wie auf der Aue.
Daran gedenke,
Mein Lieb, und nicht enwenke."
102. Da man schrieb 1374, da war ein Graf zu Solms, der hieß
Johann. Und es geschah, daß er wohl mit hundert Pferden vor
Friedberg kam und das Vieh zu Hauf trieb. Die von Friedberg jagten
ihn bis nach Butzbach vor das Schloß, und waren den Feinden zu
stark. Und in dem Durcheinander ritt aus Butzbach ein Edelknecht,
der war selbdritt. Sie waren unbewaffnet und wollten nachsehen,
was auf dem Felde vorginge. Da geschah es, daß die von Friedberg
den edlen Knecht erschlugen. Da war zu Butzbach ein großer Rumor
und ein Geschrei;
sie zogen zu Felde mit dem erwähnten Grafen zu Solms, stritten mit
denen von Friedberg, erschlugen ihrer wohl acht und fingen ihrer
mehr denn zweihundert. Diese gaben zu guter Freundschaft mehr denn
sechstausend Gulden, und das verdankten sie dem Kaiser, der da
hieß Karl, König zu Böhmen.
103. In dieser Zeit, als die von Friedberg gefangen lagen, erhob
sich Junker Dietrich, Herr zu Runkel, mit unseren Landsleuten an
der Lahn, von Nassau, von Isenburg, von Grenzau, von Westerburg,
von Molsberg und anderen Schlössern um Limburg, mit wohl hundert
Lanzen guten reisigen Volkes, Rittern und Knechten, gingen die von
Friedberg an und suchten sie zu schädigen. Doch wurde dieser Zug
gemeldet, so daß die Burgmänner von Friedberg kamen, dem Raube
folgten, sie niederwarfen und der Landsleute mehr denn siebzig
Mann fingen. Etzliche blieben auch tot. Der genannte Junker
Dietrich aber wurde selbdritt mit zwei Hauptleuten gefangen. Für
alle gab man als Schatzung zehntausend Gulden, und das war ein
gnädiges Lösegeld.
104. In demselben Jahr zwischen St. Michaelis- und St.
Lubentiustag verbrannten die von Limburg die Talsiedlung zu Ellar.
Da verbrannte ein Knecht in dem Feuer, der von Dehrn her gelaufen
war und sie gewarnt hatte. Die Limburger erschlugen einen Mann,
und eine Frau ward erschossen, und sie fingen dazu vier Mann. Und
das taten sie um zweier willen, die ihre Feinde waren und da aus-
und einritten. Von beiden hieß einer Krae und der andere hieß
Busse. Diese beiden wurden noch in dem selben Jahre von anderen
gehängt, die ihnen Feind waren, und das taten die von Elkerhausen.
105. In demselben Jahre, da waren die von Reifenberg Feinde Junker
Philipps, Herren zu Falkenstein. Der wurde der Stumme von
Falkenstein genannt; nicht weil er ein Stummer war beim Reden,
sondern ein Stummer beim Werken. Die von Reiffenberg erstiegen und
gewannen Königstein jenseits der Höhe, fingen ihn mit vier seiner
Kinder und führten sie auf ihr eigenes Schloß gen Reifenberg.
Dort starb derselbe Junker Philipp binnen acht Tagen, denn er war
zu Königstein sehr gefallen und wäre gern geflohen, als das Haus
erstiegen ward. Die Kinder gaben denen von Reifenberg dafür, daß
sie frei wurden und ihr Haus Königstein wieder ihnen gehörte,
zehntausend Gulden und den Helfern fünfhundert Gulden. Von diesen
Kindern wurde einer ein Bischof zu Trier, wie man dies hernach
beschrieben findet; sein Name war Werner.
106. Da man schrieb 1374, da ward Adolf, des Grafen Adolf von
Nassau Sohn, Bischof zu Speyer, ein von dem Kapitel erwählter
Bischof zu Mainz. Er nahm alle Schlösser in dem Lande und Bistum
zu Mainz und hatte sie in seiner Gewalt. Der Papst Gregor XI. aber
gab das Bistum zu Mainz Herrn Ludwig, eines Markgrafen von Meissen
Sohn, Bischof zu Bamberg. Und die zwei Bischöfe lagerten sich
gegenüber, um sich mit dem Schwerte zu bekriegen. Der von Nassau
wollte dem Markgrafen von Meissen nicht weichen und zog an sich
den Herzog Otto von Braunschweig, den Grafen von Waldeck, einen
Grafen von Schwarzburg, Graf Johann von Nassau, Herrn zu
Dillenburg, den Grafen von Ziegenhain, einen Herrn zu Eppstein und
einen Grafen von Katzenelnbogen. Diese selbst und dazu mancher
andere, Grafen und Herren, zogen miteinander in die Stadt Erfurt
und hatten mehr denn sechzehnhundert Ritter und Knechte ohne der
Erfurter große Macht. Sie lagerten allda und unterstanden sich,
die Markgrafen von Meissen zu überwältigen und sein Land zu
gewinnen. Und da boten die Markgrafen von Meissen mit ihren
Freunden ein Heer auf und kamen vor Erfurt mit sechstausend
Rittern und Knechten auserlesenen Volkes ohne andere Bürger, die
sie da hatten. Sie lagerten sich um Erfurt und fügten ihnen großen
Schaden zu; sie zerhieben ihre Weingärten und bedrängten sie gar
sehr. Und da sie vierzehn Tage und Nächte vor Erfurt gelegen
hatten, da kam der römische Kaiser Karl IV., König von Böhmen, und
sein Sohn Wenzeslaus mit vielem Volk, Rittern und Knechten, und
legten sich auch vor Erfurt mit den Markgrafen von Meissen und
lagen allda ganze acht Wochen nach einander mit großen Ehren und
großer Gewalt. Sie hätten gern gestritten mit den Herren und mit
der Stadt Erfurt, doch gelang es ihnen nicht. Denn was zu Erfurt
drinnen war von Herren, Rittern und Knechten, das ritt bei Nacht
zwischen zwei Tagen größtenteils alles von dannen und ließen den
Markgrafen und den Kaiser allda liegen. So behielt der genannte
Bischof Adolf das Bistum zu Mainz gänzlich mit allen Schlössern,
Ländern und Leuten mit rechter Gewalt wider den Papst, den Kaiser
und alle Markgrafen von Meissen, ließ sie alle ihr Bestes suchen
und regierte das Stift zu Mainz als ein kühner, energischer Fürst
in trefflicher Weise
und vollführte er das, was der Metriker in der Schule sagt:
"Audaces fortuna iuvat non omnibus horis". Das heißt: Das Glück
hilft den kühnen Leuten nicht zu aller Zeit, das laß dir gedeuten!
107. Da man schrieb 1374 Jahr auf den Montag nach unseres Herrn
Leichnams Tage, das war der fünfte Tag in dem Monat, den man
lateinisch Junius nennet, da hielten Herr Kuno von Falkenstein,
Erzbischof zu Trier, und Junker Johann, Herr zu Limburg, ein
strenges Gericht zu Limburg auf dem Berge in eigener Person ab.
Das Gericht sollte sein über einen Schöffen zu Limburg namens
Johann von Nauheim. Und die genannten Herren hatten zu Beisitzern
am Gerichte Herrn Friedrich von Saarwerden, Erzbischof zu Köln,
Johann Grafen von Sayn, Reinhard Herrn zu Westerburg, Dietrich
Herrn zu Runkel, und viele andere Ritter und Knechte. Das Gericht
ging in der Form und Weise an, wie hernach geschrieben steht. Da
stand ein Ritter mit Namen Herr Dietrich Walpode auf und fragte
die Schöffen zu Limburg im Aufrag der Herren, daß sie auf ihren
Eid sagten und offenbarten, wofür sie ihre Herren hielten, und was
ihre Herrschaft, ihre Freiheit und ihr Recht wäre zu Limburg. Da
gingen die Schöffen hinaus und hielten eine Beratung und kamen
wieder und taten ihren Spruch. Das Wort führte Johann Boppe,
Schöffe zu Limburg, gar würdig und sprach mit Festigkeit im Namen
der Schöffen von Anbeginn des Gerichts bis zuletzt und sprach
also: "Wir bekennen, daß unser Herr von Trier unser Herr durch
Kauf ist nach dem Wortlaut und Ausweis solcher Briefe, die darüber
gegeben und besiegelt sind mit Vorbehalt der Vorzeigung auch
solcher Briefe und Gegenbriefe, die auch die Bürger und die Stadt
von Limburg von dem Stifte und unserem Herrn von Trier und seinen
Vorgängern wiederum und dagegen haben". Weiter sprach er: "Wir
bekennen und halten unseren Junker von Limburg für unseren rechten
geborenen Herrn, der zur Herrschaft von seinen Eltern, unseren
seligen Herren, geboren ist, wie daß die Herrschaft und
Herrlichkeit an ihn durch Erbschaft überkommen und gelangt ist von
seinem Vater und Herrn Gerlach, seinem Bruder, unseren seligen
Herren". Zum anderen Male stand der vorher genannte Ritter auf und
fragte die Schöffen im Auttrage der Herren und ermahnte sie gar
ernstlich und auf den Eid, daß sie erzählten und sagten von Punkt
zu Punkt und von Stück zu Stück, was der Herren Herrlichkeit,
Herrschaft, Freiheit und Recht wäre, und was man ihnen hier zu
Limburg an der Herrschaft zugestände, ohne daß ihre Herrschaft und
Freiheit einen Verlust erlitte. Da gingen die Schöffen abermals
hinaus und berieten sich und kamen wieder und der genannte Johann
Boppe sprach: "Wir erklären für Recht, daß das Gericht zu Limburg
unseren Herren gehört über Hals und Haupt; doch daß die Herren
keinen Bürger von Limburg nicht greifen, noch in irgend einer
Weise anrühren sollen, die Schöffen hätten denn darüber zuvor
geurteilt. Weiter gestehen wir den Herren die höchste Wette zu,
das sind zehn Mark Limburger Währung, und der ganzen Stadt Limburg
ein Fuder Frenzwein, sowie einem jeglichen Schöffen eine Mark
weniger vier Pfennige. Zum anderen gestehen wir den Herren die
mindeste Wette zu, das sind dreißig Schilling Pfennige, und einem
jeglichen Schöffen zehn Pfennig; und wir erkennen als Recht, daß
man keinen Bürger zu Limburg pfänden noch ergreifen soll einer
Geldbuße wegen, man habe denn zu zweimal vierzehn Tagen über die
Geldbuße vorher gerichtet und über die kleine Geldbuße zu dreimal
vierzehn Tagen. Auch soll man keinen Bürger zu Limburg antasten
oder vor Gericht ziehen, der jemand geschlagen oder gestochen
hätte, solange der Geschlagene noch den Atem in seinem Leibe hat.
Dies alles ist in jeder Weise althergebracht und allzeit
getreulich und festgehalten worden." Wiederum fragte der genannte
Ritter im Auftrage der Herren, wenn einer eine Gewalt begehe zu
Limburg, ob dann ein Amtmann der Herren ihn ergreifen und in Haft
halten könne bis zur Entscheidung der Schöffen, damit er nicht
vorher flüchtig werde. Da gingen die Schöffen hinaus und kamen
wieder, und der vorgenannte Johann Boppe antwortete für sich und
die Schöffen und sprach: "Wir erklären für Recht, so bald einem
Amtmann eine Gewalttat geklagt wird, so soll er im Auftrag der
Herren ein Gericht bescheiden und soll die Schöffen auch versammeln
und die Klage eröffnen, so wie die Sache geschehen und erfolgt ist.
Nachdem dann die Klage erbracht worden ist, sollen sich die Schöffen
beraten und überlegen und sollen dann sagen und für Recht erklären,
was nach ihrer Ansicht Recht sei. Und werde es ihnen nicht von den
Schöffen angewiesen, so sollen die Herren oder auch die Amtleute
keinen Bürger ergreifen noch irgendwie anrühren". Zum andern Mal fragte
der vorher genannte Ritter im Auftrag der Herren, wenn man einen
verdächtige, daß er eine Gewalttat getan und begangen hätte, was er
den Herren schuldig wäre. Deshalb gingen die Schöffen abermals hinaus
und berieten sich und kamen wieder; und es antwortete der vorher genannte
Johann Boppe im Namen der Schöffen und sprach: "Liebe Herren, wir,
die Schöffen zu Limburg, erkennen und sprechen noch kein Urteil
über einen nur gedachten Fall." Und mehr sagte er nicht. Liebe
Freunde, da diese Fragen und Antworten, wie sie hier beschrieben
sind, und noch viel mehr der Reden, die hier nicht alle
geschrieben stehen, geschehen und mit Würde und Weisheit
beantwortet worden waren, da standen die beiden vorher genannten
Fürsten von Trier und von Köln, die Grafen, Herren, Ritter und Knechte
auf und verwunderten sich über die große Vorsichtigkeit und einer sah
den andern an, als ob sie sollten sprechen: "Der Has' ist uns entgangen,
den wir wähnten zu haben gefangen." Und sie erwiesen den Schöffen große
Ehre, lobten ihre Weisheit und gingen von dannen.
Daran gedenket. Ihr Jungen und Ihr Alten, Daß
Ihr mit Weisheit möget behalten Euren Leib,
Gut und Ehre, Das ist Euren Kindern gute Märe.
Bittet Gott für den Schreiber Tilemann, der diese Urteile sofort
zur Notiz nahm zur Ehre und Wohlfahrt der Stadt zu Limburg! Dies
sind die Schöffen, die zu der Zeit waren, als dies vorgenannte
Gericht zu Limburg war: Johann Boppe, Johann von Nauheim, Helwig
von Holzhausen, Markwart Borgenit, Otto Knappe, Kunze Schultheiß,
Johann Mulich, Heinrich Wiße, Kunz Priol, Kuno auf der Schoppen
und der alte Johann Sibolt.
108. In dieser Zeit, fünf oder sechs Jahre zuvor, da lebte am Main
ein Mönch des Barfüßer-Ordens, der war von den Leuten ausgewiesen
und war nicht rein. Der machte die besten Lieder und Reigen in der
Welt, in Reim und Melodie, so daß ihm niemand am Rheinstrome oder
in diesen Landen gleichkam. Und was er sang, das sangen die Leute
alle gern, und alle Meister, Pfeifer und andere Spielleute führten
den Sang und die Gedichte mit sich. So sang er dies Lied:
"Im Leben bin ich ausgezählet, Man weist
mich Armen vor die Türe, Untreue ich nun
spüre Zu allen Zeiten."
Ferner sang er:
"Mai, Mai, Mai,
Deine wonnigliche Zeit,
Jedem Freude gibt,
nicht mir.
Was meinet das?"
"Die Untreue hat mit mir gespielt" usw.
Der Lieder und Widergesänge machte er gar viele, und war das alles
gut zu hören." [Limburger Chronik]

In Köln werden die Höchstlöhne für Dachdecker, Zimmerleute und
Steinmetze festgelegt. Einige von diesen versuchen in der Folgezeit,
sich unerlaubt zu bereichern, indem sie für die Lehrlinge einfach
Gesellenlöhne berechnen.
In Butzbach gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
Venedig richtet für (pestverdächtige) Neuankömmlinge eine dreißigtägige
Isolation (trentana) ein - eine erste Quarantäneverordnung.
9. Oktober: Karl IV. erteilt der Stadt Reutlingen das Privileg, daß
Prozesse gegen ihre Bürger künftig nur noch vor dem Reutlinger
Stadtschultheißen angestrengt werden können.
In Venedig wird den Banken der Warenhandel untersagt.
Venedig organisiert Konvois nach Brügge.
Und 1375: Hungersnot in Florenz. Die französischen Legaten des Papstes,
die ohnehin nicht sehr beliebt sind, untersagen den Export von Getreide
aus den Kirchenstaaten.
1375 Tod Boccaccios (62).
Der Lübecker Hansetag schließt Braunschweig aus der Hanse aus.
John Gower klagt: "Auf dieser Welt wird alles zusehends schlimmer.
Schäfer und Kuhhirten verlangen für ihre Mühe mehr, als der Vogt in
früheren Tagen für sich selber forderte...Die Armen und das niedere
Volk wollen besser essen als ihre Herren. Und mehr noch, sie stecken in
schönen Kleidern, die in allen Farben leuchten."
Es verstirbt die Nonne Langmann aus Engelthal. Sie hat aufgrund von
Visionen behauptet, Christus hätte durch ihe Bitten einmal 4000,
andere Male 10000, 20000 und 30000 Seelen aus dem Fegefeuer befreit.
Seit diesem Jahr hat Hamburg eine "Tollkiste" (Irrenhaus).
Aus der Hamburger Gerberordnung: "Welk knecht der dre jahr gedeet
heft in dem ampte, lüstet et em tho wandernde, dat shal he kündigen
den werkmeistern." Die Gesellenwanderung wird erst in diesem
Jahrhundert prägend für die Gesellenzeit. Wanderpflicht wird erst
Mitte des 15. Jhs. relevant.
"109. In dem Jahre 1375, da war ein besonders trockener und heißer
Sommer, so daß es mehr denn zwölf Wochen nicht regnete. Und in dem
Jahr ward das Korn und die Früchte so gut, wie man vierzehn Jahre
vorher nicht gesehen hatte. Zu Limburg in der Ernte galt das
Malter unter der Sichel einen Gulden und danach zehn Schilling
Pfennige. Auch der Wein ward gar gut in dieser Zeit und es wäre
gar viel geworden, aber die Sonne hatte ihn verbrannt und verheert
Die Maß des besten Weines galt zu Limburg acht alte Heller, und
das währte fünf Jahre nacheinander.
110. In diesem selben Jahre zu Herbst vor St. Michels-Tag, da kam
eine große Gesellschaft von Lombarden vor Metz. Die lagerten sich
in dem Lande an der Mosel und verwüsteten das Land, so daß die von
Metz handelten mit ihnen um mehr denn zwanzigtausend Gulden, daß
sie in Frieden verblieben und daß auch ihre Weingärten
unbeschädigt blieben. Da zogen sie in das Bistum Trier. Des ward
gewahr der genannte ehrwürdige Herr, Herr Kuno, Erzbischof zu
Trier, sammelte ein großes Heer und wollte mit ihnen streiten. Da
flohen sie wieder hinweg und kamen vor Straßburg und in das ganze
Land ringsum im Elsaß länger als zwei Monate mit ganzer Gewalt und
verdarben das Land jämmerlich. Sie wurden auf mehr denn
zwanzigtausend gewappnete Männer geschätzt, ohne die Schützen und
anderen Leute und Frauen. Da versammelten sich die Fürsten,
nämlich der Herzog von Österreich, die Herzöge von Bayerland und
Herr Adolf, Bischof zu Speyer, erwählter Erzbischof zu Mainz, und
dazu die Grafen und Herren, so daß sie genug Leute zum Streiten
hatten. Aber die zu Straßburg und die anderen Städte hatten kein
Vertrauen zu den Herren und wollten nicht zu Felde. Jedoch die
Gesellschaft zog sich zurück und floh ins Welschland. Als sie aber
gewahr wurden, daß die Fürsten und die Herren fortgeritten und
geschieden waren, da kam die vorher genannte Gesellschaft wiederum
ins Elsaß. Da taten sich die Schweizer zusammen, zogen gegen sie,
verbrannten ihrer in einem Hofe und erschlugen ihrer dazu so
viele, daß mehr denn zweitausend tot blieben. Und damit wurden sie
aus diesen Landen gejagt." [Limburger Chronik]
Bis 1384: In den Ausgaben des Rats von Bern tauchen häufig Beihilfen
für Ziegeldächer auf.
1376 Gründung des Schwäbischen Städtebundes gegen Graf Eberhard den Greiner
von Württemberg: Ulm, Konstanz, Überlingen, Ravensburg, Lindau,
St. Gallen, Wangen, Buchhorn, Reutlingen, Rottweil, Memmingen,
Biberach, Isny und Leutkirch. Die Bundesstädte werden geächtet.
Nach einem mißlungenen Handwerkeraufstand in Hamburg wird die gesamte
Bürgerschaft neu in Eid genommen: Von 1175 registermäßig erfaßten
Personen sind 178 selbständige Fernkaufleute (84 Flandernfahrer, 35
Englandfahrer, 40 Lübeckfahrer, 19 Gewandschneider); dazu kommen 21
Krämer und 10 Höker. 457 sind Brauer, darunter 126 Exportbrauer nach
Amsterdam und 55 Exportbrauer nach Friesland. Der Rest (43,3%)
entfällt auf das sonstige Handwerk (ohne Brauer).
In Frankfurt läßt der Rat für Altstadt und Sachsenhausen keine neuen
Backhäuser und Schmieden mehr zu. Bei den Schmieden geht es nicht nur
um Brandverhütung, sondern auch um Lärmbelästigung.
Das Stadtrecht von Pettau sieht Strafen für jene Bäcker vor, die
den Markt nicht beliefert haben oder kein Brot im Backofen haben, bei
denen jedoch der Stadtrichter Mehl findet.
Der "Überleger" (Pflasterer) Magister Johannes erhält für das
Pflastern von Straßen 162 Pfund Pfennig und für das Ausbessern von
bestehenden Pflasterstraßen 124 Pfund Pfennig. (Wo?)
Die Pfründeninhaber des Heiliggeistspitals in Ulm können seit diesem
Jahr jährlich eine zwanzigtägige Badekur antreten.
Papst Gregor XI. kehrt nach Rom zurück.
1377 In Basel wird das Kartenspiel verboten.
In Frankfurt betreut der Stadtarzt auch die Spitäler.
Aus der Frankfurter Metzgerordnung: "Item ein knecht, der nit eins
metzelers son zu Franckefurt noch von Franckefurt burtig ist, nymmet
der eins metzelers dochter zu der heiligen ee, der sal ein redelichen
besiegelten brieff brengen von dem rade oder gerichte, dar er her burtig
ist, das er von frommen erbern vater und muter und elich geborn und nit
eins scheffers sone sij, so ferre yne wissentlich sij ungeverlich und
er selbs auch einen erbern lumont habe." Eine Ausgrenzung der Schäfer
als unehrlich und damit handwerksuntüchtig erfolgt im 14. Jh. nur
vereinzelt. In 15. Jh. werden solche Fälle häufiger, obwohl es möglich
ist, mit Erfolgsaussicht bei der Obrigkeit dagegen zu klagen. Die
Diffamierung der Schäfer gründet sich darin, daß sie an Orten, wo es
keinen Schinder gibt, die verrufene Abdeckertätigkeit ausüben, obwohl dies
auch im Namen der Obrigkeit geschieht.
In Nürnberg wird der Lueg-ins-Land errichtet, ein sehr hoher Turm,
welcher dazu dienen soll, den Burggrafensitz im Osten der Stadt zu
übberwachen. (Dieser Burggrafensitz ist zu unterscheiden von der
Reichsburg im Westen der Stadt.)
In Korbach gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
Tübingen hat eine Gelehrtenschule.
Ibn Battuta (73) stirbt. Der "Marco Polo der Araber" hat in ingesamt 27
Reisejahren etwa 120000 km zurückgelegt. Er ist länger und weiter unterwegs
gewesen als Marco Polo.
In England werden Kopfsteuerlisten angelegt. Hier wird über 14 Jahre
eine Gesamtbevölkerung von 1361478 Einzelpersonen über 14 Jahre
verzeichnet. Da es seit 1348 mehrere Pestwellen gegeben hat, nehmen
einige an, diese Zahl entspräche der Hälfte der Bevölkerungszahl vor
der Pest. Die Bevölkerung unter 14 dürfte zwischen 35 und 45% betragen,
der Anteil der Steuerausfälle 20 bis 25% (R. Bartlett 1993). Im Rahmen
dieser Werte ergibt sich eine Bevölkerungszahl von knapp vier Millionen
bis maximal 6,5 Millionen für England. daraus wiederum ergibt sich
ein Bevölkerungswachstum (für England) seit dem 11. Jh. (Domesday Book)
von minimal 0,2% und maximal 0,68% pro Jahr. (Zum Vergleich heute:
1. Welt 0,8%, 3. Welt 2,5%)
Beginn des Süddeutschen Städtekrieges (bis 1389). Die Städte besiegen
Karl IV. bei Ulm. Die Reutlinger unternehmen einen Raubzug ins Uracher
Tal, um Proviant für die Stadt zu erbeuten (darunter "300 haupt vichs"),
was Graf Ulrich von Württemberg zum Anlaß gibt, ihnen den Rückweg
abzuschneiden bzw. ihr Eingreifen in den Städtekrieg zu verhindern.
Der Graf wird vor den Toren der Stadt von den Reutlingern vernichtend
geschlagen und kann mit Mühe und Not in die nahegelegene Burg Achalm
(seit 1262 württembergisch und ständige Bedrohung für Reutlingen)
entkommen.
In Ragusa werden (pestverdächtige) Neuankömmlinge für einen Monat isoliert
(vgl. Venedig 1374).
Bis 1392: In Nürnberg ist Meister Heinrich als einer der beiden
ersten besoldeten Apotheker nachgewiesen. Sein Jahressold beträgt
acht Pfund Heller.
Bis 1397: Rigoroses Vorgehen des Nürnberger Rats bei der Durchsetzung
der Kleiderordnung. Es werden gegen Patrizier Geldstrafen zwischen
fünf Pfund Haller bis drei Gulden wegen zu schweren Gürteln und
Silberketten, seidenen Wämsern, zu weiten Ärmeln oder einem Mantel mit
eingenähtem Seidenfutter verhängt. Die Stadtrechnungen bis 1397 lassen
erkennen, daß daß selbst angesehene Patrizier hohe Geldbußen wegen
Übertretung der Kleiderordnung zahlen müssen.
1378 In Basel werden Schneeballschlachten verboten (noch oft bis 1656).
Beschreibung eines Kegelspiels nach einer französischen Urkunde:
"Mehrere Gesellen der Stadt Serry taten sich zu einem freundschaftlichen
longues quilles-Spiel zusammen, bei denen man auseiner stattlichen
Entfernung mit ungefähr einer Elle langen Stöcken nach den Kegeln werfen
muß."
Großes Schisma der Kirche: Ein Teil der Kardinäle wählt den Erzbischof
von Bari zum Papst, der als Urban VI. (bis 1389) in Rom bleibt. Die
anderen wählen den Kardinal Robert von Genf, der als Klemens VII.
nach Avignon geht. Urban wird anerkannt im Reich, in Flandern, dem
größten Teil Italiens, England, Ungarn, Polen, Dänemark, Schweden und
Norwegen. Zu Klemens halten Frankreich, Savoyen, Schottland, einzelne
deutsche Gebiete, Neapel, Sizilien, Sardinien, später auch die
spanischen Königreiche.
20. Juni: Aufstand der Wollarbeiter und anderer Tagelöhner in Florenz.
Nach dem Sturm auf die Adelspaläste halten sie eine Sitzung ab und
fordern höhrere Löhne, eine eigene Zunft, Mitbestimmung am
Stadtregiment, Befreiung von der Gerichtsgewalt.
Steyr wird von der Jurisdiktion des Burggrafen befreit.
Karl IV. hat in seiner Kanzlei erstmals ein breites deutschsprachiges
Urkundenwesen entfaltet, wozu hier ein Beispiel vom 24. Juni stehen
soll, welches am Ende des Mainzer Bistumsstreits einzuordnen ist:
"Karl von gotes gnaden Romischer keyser zu allen zeiten merer des
reichs und kunig zu Beheim (.) Erwirdiger Adolph, bischoff zu Spyre.
Wir haben furmals empfolhen und gebeten den hochgeboren Ruprecht den
elter pfalczgraven bey Reyne, des heiligen reichs oberisten
trukczessen und herczogen in Beyern, unsern lieben swager und
fursten, daz her von unsern und des reichs wegen losen wolle die
dorffer uff der ebyn, die czenten zu Reichartshusen und die
kunigslewte, wo die gesessin sint, die dorczu gehorent, die in
pfandisweyse von dem reiche stehen dem styffte zu Mentze. Nu ist uns
furkomen, daz du die mit beten und andern sachen beswerest und auch
daz sie von deinen wegen und fur dich beschedigt und angegriffen
werden. Und wann wir die lewte und guter zu der losungen dem reiche
unvorterbit haben wollen, heissen wir dich bey unsern und des reichs
hulden und wollen daz also gestalt habin, daz du schaffest,
understehest und gentzlichen bestellest, daz die egenanten guter und
lewte umbeschedigt furbas bleibin. Tetest du des nicht, so sol sie
der egenant unsir swagir herzog Ruprecht von unsern und des reichs
wegenschutzen und schirmen. Gebin zu Prage an sante Johanns tag des
tawffers unsirer reiche in dem tzweyunddreyssigsten und des
keysertums in dem vierundzwentzigsten jaren. de manto. dni. imperis.
Nicol. Camericen. prepositus."
Abschiebung von Geisteskranken: Eine "Unsinnige" zu Nürnberg wird,
nachdem sie einige Zeit im Lochgefängnis zugebracht hat, mit Pelz und
Schuhwerk versorgt und dann aus der Stadt abgeschoben.
31. August: In Florenz wird der Aufstand der Wollarbeiter (Ciompi)
von der Bürgermiliz niedergeschlagen. Man treibt sie zur Arbeit
zurück.
In Köln fordert der Rat die Kannengießer auf, Flaschen und Kannen wie
vorgeschrieben eichen zu lassen, bei einer Strafe von sechs Schilling
Pfennig pro Stück.
In Nürnberg stirbt Meister Bertold, einer der beiden ersten
nachgewiesenen besoldeten Apotheker. Sein Jahressold hat 16 Pfund
Heller betragen.
Pest in Thüringen und Hessen, später in Schwaben.
Kaiser Karl IV. (62) stirbt; sein Sohn Wenzel (17) wird König. "Diser
Wentzlaw was seinem vater in allen dingen vngleich. Er suchet
wollvstbarkeit vnd fluhe sorg vnd arbeit. vnd was des weins geflißner
vnd giriger dann zu versorgknus des reichs. vnd verzeret alle zeit
seiner tag in müßigkeit vnd flaischgirigkeit." [Schedelsche Chronik,
1493]
/1379: In Wien heißen die Kloakenreiniger offziziell "purgatores
privete", im Volksmund jedoch "Könige der Nacht" oder "Kotkönige".
1379 In St. Gallen wird das Kartenspiel verboten.
Papst Clemens VII. gestattet Erfurt die Errichtung einer Universität.
In Vicenza wird an Pfingsten ein Feuerwerk veranstaltet: Eine an einer
Schnur befestigte und mit einer Rakete versehene (offenbar künstliche)
Taube fährt vom Bischofspalast zur Schaubühne eines Mysterienspiels
hinab. Ob dieses Wunders sollen sich die Zuschauer zu Boden geworfen
und angeblich in fremden Zungen geredet haben.
Gründung des Wendischen Münzvereins durch die Städte Lübeck, Hamburg
und Wismar.
"113. Da man schrieb 1379, in dieser Zeit ging an, daß man das
heilige Blut besuchte zu Wilsnack in dem Lande Sachsen. Und es
geschahen dort besonders viel große Zeichen und Wunder, was man
anderswo alles beschrieben findet. (...)
115. In dieser Zeit wurde Neuenahr bei Sinzig am Rhein erobert und
zerstört. Das tat Herr Friedrich von Saarwerden, Erzbischof zu Köln.
116. Da man schrieb 1379 Jahr, da lag Herr Kuno, Erzbischof zu
Trier, vor Hattstein mit Hilfe der Städte Mainz, Frankfurt und
Limburg. Und der genannte Herr Kuno gewann es binnen vierzehn
Tagen, so daß die Burg sich ergab und in seine Hand überging; und
ist sie zu ewigen Tages des vorhergenannten Stiftes Untertasse,
sein offen Haus.
117. In dieser Zeit sang man und pfiff dies Lied:
"Die Fährte ich zurück jetzt jage, Das
prüfe ich Jäger an der Spur. Hoho! sie
ist vor mir, Die ich so lang' erwartet habe."
118. Da man schrieb 1379, da war eine Gesellschaft von Rittern und
Knechten in dem Lande zu Hessen und an der oberen Lahn; und der
waren mehr denn zweihundert. Die hießen die Gesellen von dem
Horne, also nannte man sie die Hörner. Die hielten zusammen und
erzürnten sehr ihre Nachbarn. Die Gesellschaft währte bis in das
dritte Jahr; da nahm sie ein Ende.
119. In dieser Zeit, da ging das Studium zu Heidelberg an bei
Herzog Ruprecht von Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein." [Limburger Chronik]
In England verbietet ein Erlaß den Pastetenbäckern, sich bei den Köchen
adliger Häuser mit Innereien von Kapaunen, Hühnern oder Gänsen einzudecken,
damit keine verdorbenen Pasteten verkauft werden.
1380 Ein Handwerkeraufstand in Lübeck wird gütlich beigelegt.
Braunschweig muß durch einen Sühnevertrag die 1374 Vertriebenen
wieder aufnehmen und entschädigen.
Heinrich III. von Brandis, der Bischof von Konstanz (1370 - 1380)
erläßt eine ausführliche Judenordnung mit gehässigen Bestimmungen, um
möglichst jeden Kontakt mit den Christen zu unterbinden.
In Nürnberg wird das Kartenspiel verboten.
Es entsteht der erste größere Hochofen (?).
St. Stephan zu Wien hat einen Türmer, welcher stündlich die Glocke
schlägt.
"120. Da man schrieb 1380 Jahr im Hartmonde ward zu Limburg an der
Lahn ein Kind geboren, das hatte vier Arme und vier Beine und eine
Platte auf seinem Haupte und starb alsbald. Und bekannten sich dazu
Vater und Mutter.
121. Und da man schrieb das Datum, wie oben steht, da war eine
große Gesellschaft am Rhein von Grafen, Herren, Rittern und
Knechten; die nannten sich die brüllenden Löwen, und dabei war
auch der von Württemberg und der schwäbischen Ritter und Knechte
viele. Sie waren Feinde der Stadt Frankfurt und zogen vor sie und
zwangen die Stadt dazu, mehr denn sechsundzwanzig Gefangene ledig
und los zu sagen und ohne einen Heller und Pfennig herauszugeben.
Die Löwen waren von Kelwin und währten nicht lange.
122. In dieser Zeit war ein Maler zu Köln, der hieß Wilhelm. Er
war der beste Maler in deutschen Landen, so ward er geachtet von
den Meistern, denn er malte jeden Menschen so, als würde er leben.
123. In dieser selben Zeit war in Westfalen in dem Stifte zu
Paderborn und in derselben Gegend ringsherum auch eine
Gesellschaft von Rittern und Knechten; die hießen die Falkener. Das
waren Ritter und Knechte. Die Gesellschaft nahm ein Ende binnen drei
Jahren.
124. In dieser selben Zeit, da schlug Landgraf Hermann zu Hessen
eine Burg auf dem Wedelberg bei dem Städtchen Naumburg auf, eine
Meile von Wolfhagen. Die Burg ward binnen zwei Jahren wieder
abgebrochen, und das geschah ohne Nötigung und ward
freundschaftlich ausgemacht. Auf demselben Berge Wedelberg hatte
hundert Jahre zuvor schon eine Burg gelegen. Sechzehn Jahre später
ward noch eine Burg auf demselben Berg aufgeschlagen, wie hernach
geschrieben steht.
125. Zu derselben Zeit, da sang man und pfiff dies Lied:
"Die Sehnsucht will mich nicht verlassen
Nacht und Tag, zu keiner Zeit."
126. In dieser Zeit ward der Schnitt der Kleider so verwandelt,
daß, wer heuer ein Meister des Schnittes war, der ward über ein
Jahr ein Knecht, wie man dies hernach beschrieben findet.
127. Da man schrieb das Jahr 1380, da schlossen die rheinischen
Städte, von Frankfurt an bis nach Mainz zu und bis ins
Schwabenland, in gleicher Weise überall Freundschaft, machten
einen Bund und verbanden sich eidlich miteinander. Sie gewannen
Diener für sich, jegliche Stadt nach Gebühr und nach ihrem
Vermögen und besoldeten sie; und sie wurden geschätzt auf
zweitausend Lanzen reitender Leute. Und es ging ihnen in den
ersten fünf Jahren gar wohl, so daß sie die Oberhand hatten; sie
gewannen Burgen und Land und bedrängten ihre Landesfürsten über
die Maßen und dazu die Grafen, Herren, Ritter und Knechte, so daß
sie diese beherrschten und überwältigten. Einige Städte
unterstanden sich, die Pfaffen, Stifte und Klöster und geistliche
Leute sehr zu bedrängen. Von diesen heischten sie Steuern und Geld
von ihren geistlichen Gaben und Benefizien für ihre Söldner und
unterstanden sich, zu viel zu fordern. Da kamen sie in die Klemme
und es entstand eine Zweiung und eine Feindschaft zwischen Herzog
Ruprecht von Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein, und dem Bunde, und
alle Herzöge von Bayern und viele andere Fürsten und der Herr von
Württemberg wurden alle Feinde des Bundes und setzten ihm hart zu,
wie man hernach beschrieben findet.
128. Da man schrieb 1380 auf St. Bonifatius-Abend, da hatte die
Stadt zu Limburg gar große Fehde. Die Feinde kamen, mit mehr denn
dreihundert Lanzen, Ritter und Knechte, die beste Ritterschaft,
die die untere und obere Lahn hatte, und fielen des Morgens, da
die Sonne aufging, in die Vorstadt jenseits der Brücke und
verbrannten mehr denn zwanzig Häuser und Scheuern. Und die
Limburger traten ihnen entgegen und taten heftige Gegenwehr mit
Werfen und Schießen und wehrten den Feinden, so daß sie nicht
Macht hatten, weiter zu brennen; anders hätten sie die Vorstadt
völlig verbrannt und geplündert. Und von den Feinden blieb einer
tot und zwei wurden gefangen, und der Limburger wurden auch zwei
gefangen. Und dies alles geschah deshalb: Der Limburger Söldner
einer erstach den Edelknecht Dietrich von Staffel. Dadurch kamen
die von Limburg in Bedrängnis. Dazu wurden sie gebracht von den
Rittern vom Stein, von Langenau, von Kramberg und anderen Freunden
des Ritters.
129. In derselben Zeit, im Winter, da zogen die rheinischen und
einige schwäbischen Bundesherren vor Burgsolms, das zwischen
Braunfels und Wetzlar liegt. Sie lagen einen Monat davor und
brachen es bis zum Grunde ab. Auch Hattstein ward genommen von
Bischof Kuno von Falkenstein, Erzbischof zu Trier, und von den
Reichsstädten hier zu Lande.
130. In diesen Jahren, da fing es an, daß Herren, Ritter und
Knechte kurze Haare und Krullen trugen, über den Ohren
abgeschnitten, gleich den Konversenbrüdern. Und da taten das auch
alle Bürger und die gewöhnlichen Leute und danach alle Bauern.
131. In dieser Zeit war das dritte Sterben, in dem Maße, wie die
ersten Sterben waren; doch war es mäßiger.
132. In dieser Zeit ward die Burg Greifenstein bei dem Städtchen
Herborn aufgeschlagen von Graf Ruprecht, Grafen zu Nassau, und Johann,
Grafen zu Solms. Sie taten dies gegen Graf Johann zu Nassau, dem
Herborn gehörte. Vor hundert Jahren hatte schon eine Burg dort
gelegen, die auch Greifenstein hieß und gebrochen worden war.
133. In dieser selben Zeit, da geschah eine Sache zu Limburg, wie
man sie zu Limburg nie gesehen oder gehört hatte, soweit jemandem
eindenklich war. Es fand eine vierfache Trauung und Ehe statt, und
das war so. Es war ein edler Mann, der hieß Heinrich von Staffel,
und der hatte drei junge Söhne. Und es war in dieser Zeit eine
Bürgerin zu Limburg, die war eine Witwe, eines Schöffen Tochter,
der Johann Boppe hieß. Sie hieß Grete und hatte drei junge
Töchter. Und griffen die acht zusammen zu der heiligen Ehe, so daß
Heinrich Grete kaufte und die drei Knaben, die Brüder, zu gleicher
Zeit die drei Schwestern kauften. Die genannten Eheleute wurden
alle binnen kurzer Zeit von Todes wegen geschieden, ohne
Leibeserben, ohne das jüngste Paar, das am Leben verblieb." [Limburger
Chronik]
In Böhmen ist von einer "großen Pest" die Rede; in Prag sollen angeblich
1100 an einem Tag gestorben sein; die Studenten sollen aus der Stadt
geflüchtet sein.
König Wenzel erhebt Graf Wilhelm von Jülich-Berg zum Herzog.
Ca.: Erste Zunftordnung der Tuchmacher von Dresden. Diese bilden dort
die größte Handwerkerzunft.
Ca.: Nach der Limburger Chronik wird "der snet von den kleidern
vurwandelt: wer huwer ein meister was von dem snede, der wart ober ein
jar ein knecht." Der sprunghafte Wandel der Kleiderschnitte bringt so
manchen Schneider an den Bettelstab.
/1381: Pest in Österreich inklusive Wien.
Bald nach 1380 setzt in Regensburg eine Produktion von Markenbarchent
ein. Diese Baumwollprodukte haben als Gütezeichen Messer und Rad und
sind auf den Umschlagplätzen in Prag, Wien und Frankfurt
konkurrenzfähig.
1381 In Köln wird die Verwendung von Hopfen zum Bierbrauen verboten (!).
Hintergrund dafür ist die traditionelle Verwendung von Grut anstatt
Hopfens, einer Kräutermischung, die im Gegensatz zum Hopfen mit Abgaben
belegt ist.
Der Konstanzer Rat verbietet in den zwölf Tagen nach Weihnachten den
Tanz. Wer in dieser Zeit einem Spielmann das Instrument wegnimmt, soll
straffrei bleiben.
Glücksspielverbot in Göttingen.
Der städtische Ziegelhof von Hildesheim verkauft Ziegel auch in die
Dörfer.
In Nürnberg wird ein Trittwebstuhl erwähnt.
In Marseille läßt sich ein Notar von einem jungen Kaufmann, der sich
nach Alexandria einschiffen will, unterschreiben, daß dieser weder
während seiner Reise noch acht Tage lang nach seiner Rückkehr (bis er
abgerechnet hat?) Spielkarten anrühren darf.
Regensburg tritt dem Schwäbischen Städtebund bei.
In Speyer entsteht der Rheinische Städtebund: Mainz, Straßburg, Worms,
Speyer, Frankfurt, Hagenau, Weißenburg, Pfeddersheim, Schlettstadt
und Oberrehnheim. Organisatorischer Vorort ist Speyer. (Möglicherweise
ist er auch schon kurz vorher gegründet worden.)
Der Rheinische Städtebund vereinigt sich mit dem Schwäbischen zum
Süddeutschen Städtebund.
In England erscheint ein Kochbuch: "Ancient Cookery", eine Zusammenfassung
bereits bekannter Rezepte und hauptsächlich für Fürstenhöfe bestimmt.
Ende Mai: Bauernaufstand in England, beginnend in den südöstlichen
Grafschaften. Die Bauern werden von großen Teilen der Städter
unterstützt und in ihren Reihen finden sich auch viele reiche Bauern.
Eine ihrer Hauptforderungen ist die Abschaffung der Leibeigenschaft.
Sie sollen geschrieben haben: "Wir sind Menschen, nach Christi
Ebenbild erschaffen, aber man behandelt uns wie wilde Tiere." [nach
Froissart]
13. Juni: Die aufständischen Bauern werden in London eingelassen und
ermorden dort u.a. den Lordkanzler und den Erzbischof von Canterbury.
Nach anfänglichen Verhandlungen werden sie vertrieben.
Ende Juni: Der englische Bauernaufstand ist im wesentlichen
niedergeschlagen; dennoch wird die Auflösung der Leibeigenschaft in
England dadurch beschleunigt.
Karl VI. von Frankreich versucht, für Paris einen regelmäßigen
Straßenreinigungsbetrieb einzuführen, der später durch Sondersteuern
finanziert wird.
Es stirbt der flämische Mystiker Jan van Ruysbroeck (Ruusbroec).
1382 Mehrere niederdeutsche Städte gründen den Sächsischen Städtebund.
Wetzlar, Friedberg und Gelnhausen treten dem Rheinischen Städtebund
bei.
In Flandern und Burgund wird das Kartenspiel verboten.
In Nürnberg verpflichtet eine Satzung des Rates die Nachbarschaft zur
Duldung der Geruchs- und Lärmbelästigung während der Räumungsarbeiten
der Kloaken (die normalerweise nachts stattfinden).
Heinrich von Pottendorf d. Ä. gründet in Wien das Hieronymuskloster
als Zuflucht und Wohnstätte für Dirnen.
Seit diesem Jahr sind in Wien "Scharlachrennen" belegt. Es sind
Pferderennen, deren Sieger ein Stück Scharlachtuch im Wert von etwa
35 Pfund Pfennig erhält.
In London versucht eine Frau, mit Hilfe eines Stücks Pergament, auf
welches ein Gebet geschrieben ist, Heilungen vorzunehmen. Zuvor hat
jemand versucht, verdorbenes Wolfsfleisch als potentes Medikament
anzupreisen. In beiden Fällen legen die Behörden großen Wert auf die
Feststellung, daß die beiden dafür Angeklagten weder wirkliche
Ärzte noch Chirurgen seien. Ihr Vergehen besteht also nicht in der
Anwendung unerlaubter Heilmethoden, sondern in Amtsanmaßung.
Beim flandrischen Aufstand gegen Frankreich befindet sich im Heer
Philipps van Artevelde zur Verteidigung von Oudenaarde "eine riesige
Bombarde, die Steinkugeln von unglaublichem Gewicht verschossen, und
wenn sie losging, machte diese Bombarde einen solchen Lärm, daß alle
Teufel der Hölle sich dort zu versammeln schienen." [Froissart]
26. August: Moskau wird von den Mongolen niedergebrannt.
/1383: Entstehung einer altjiddischen Sammelhandschrift (in hebräischer
Schrift), enthaltend neben drei Legenden, einer Josephsgeschichte und
einer Löwenfabel das anonyme Epos "Ducus Horant" (entstanden um 1300).
Die Handschrift wurde im Archiv der Synagoge von Fustat bei Kairo
gefunden.
Ca./ bis 1390: Englische Bibelübersetzung.
1383 Frauenüberschuß in Frankfurt: auf 1000 Männer kommen 1100 Frauen.
In Nottuln gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
Der Mailänder Fabrikant Pietro Tanzio erwirbt für 100 Gulden Silber
die fünf Markenzeichen des renommierten Pietro di Preda.
Die meisten deutschen und englischen Studenten verlassen die Universität
Paris, welche Papst Clemens unterstützt und gehen teilweise nach Wien.
Henry Despenser, der Bischof von Norwich veranstaltet einen "Kreuzzug"
zur Unterstützung der flandrischen Städte gegen ihren "schismatischen"
Grafen. Dieses Unternehmen artet in einen reinen Plünderungszug aus.
Gegen den Süddeutschen Städtebund organisieren sich zahlreiche
Territorialfürsten im Nürnberger Herrenbund.
Seit 1383 macht der Herzog von Berg durch Reliquienankäufe aus
benachbarten Orten St. Lambertus zu Düsseldorf zur Wallfahrtsstätte.
Papst Bonifatius IX. hilft dabei mit Ablässen.
1384 Selz tritt dem Rheinischen Städtebund bei.
In Lübeck kommt es unter Führung des Hinrich Paternostermaker (aus
angesehener Familie, wirtschaftlich erfolglos, von persönlichen
Motiven geleitet und mit einer Clique aus vor allem Knochenhauern
eng verbunden) zu einer Verschwörung, welche blutig niedergeschlagen
wird.
Die Frankfurter Frühjahrsmesse wird eigenmächtig um zwei Wochen
verlängert, weil Frost, Treibeis und Hochwasser die Reisewege der
Kaufleute stark erschweren. Für die nächsten zehn Jahre reicht die
Frühjahrsmesse - sehr zum Ärger der Kirche - bis in die Karwoche
hinein.
Herzog Albrecht III. von Österreich räumt den "büßenden Weibern"
(den bekehrten Dirnen) das Recht ein, sich zu verheiraten, auch mit
einem Handwerker, ohne daß diesem in der Zunft daraus Nachteile
erwachsen sollen.
In Aragon ist eine "Isabel, ministrera de la senyora reyna" (Spielfrau
der Königin) angestellt.
Marseille richtet für (pestverdächtige) Neuankömmlinge eine Absonderung
von 40 Tagen ("Quarantäne") ein.
Eine Ferntrauung: Enguerrand VII. von Coucy "vollzieht" in Mailand die
Ehe zwischen dem Sohn des Herzogs von Anjou und Lucia Visconti.
Geert (Gerhard) de Groote stiftet die Fraterherren (alias Brüder vom
gemeinsamen Leben).
Entstehung des Rigaer Erbebuches.
Im Süddeutschen Städtekrieg wirkt die Heidelberger Stallung wie ein
Waffenstillstand. Es ist der machtpolitische Höhepunkt der von den Fürsten
implizit anerkannten Städtebünde.
Es stirbt John Wiclif.
1385 Vor 1385 hat Köln bereits eine Schlaguhr.
Der Süddeutsche Städtebund verbündet sich mit den Eidgenossen.
Der Erzbischof von Mainz ernennt einen Spielmann namens Brachte zum
"künige fahrender lüte" des Erzbistums.
Am französischen Hofe gibt es neunen angestellte Spielleute (sechs
für Blas- und drei für Saiteninstrumente).
Der Konstanzer Rat untersagt in der Weihnachtszeit (den 12 Tagen
nach Weihnachten), Spielleute und fahrende Fräulein in die Häuser und
in die zünftigen Trinkstuben zu bitten.
Die Vitalienbrüder beginnen, zunächst in mecklenburgischen Diensten,
Nord- und Ostsee unsicher zu machen.
Von den Höfen des oberbayerischen Klosters Tegernsee im Amt Gevild
auf der Münchener Ebene liegen 17 wüst und 14 sind zu Ödrecht
verliehen. (Höhepunkt der Wüstungen und Tiefpunkt der Einnahmen in
diesem Amt) Ödrecht ist ein eigenes Recht, das sich zur erneuten
Besetzung von Hufen gebildet hat, die wegen pestbedingter
Bevölkerungsverluste wüst (verlassen) liegen (speziell in Oberbayern).
Insgesamt verschlechtert sich die Einkommenssituation der Grundherren.
Zur Neubesetzung wüster Hufen und Bauernstellen müssen beträchtliche
Zugeständnisse und Erleichterungen gemacht werden und wegen des
Bevölkerungsschwunds sind die Getreidepreise in den Keller gefallen.
(Daher auch der hohe Fleischverbrauch in spätmittelalterlichen
Städten) Gleichzeitig steigen die Löhne. [Diese allgemeine
Entwicklung steht nur deshalb an dieser Stelle, weil es gerade ein
Beispiel gibt!]
In Aachen wird Magister Nicolaus zum Stadtarzt bestellt. Er hat auch
das Sondersiechenhospital (Leprösenhaus) zu überwachen.
In Hameln wird verfügt, daß innerhalb eines Jahres feuergefährdete
Häuser bei Strafe von einer Mark Silber abzubrechen sind.
"134. Da man schrieb 1385, da zog Adolf von Nassau, Erzbischof zu
Mainz, Herzog Otto von Braunschweig und die Markgrafen von Meissen
gegen Landgraf Hermann von Hessen. Sie hatten mehr denn
vierundzwanzighundert Ritter und Knechte, ohne die Leute zu Fuß
und ohne die Schützen, und lagen einen Monat in dem Lande Hessen
vor Kassel und vor Immenhausen, das sie verbrannten und gewannen.
Allda verbrannten darin und verdarben mehr denn hundert Menschen,
Freund wie Feind, und die blieben meist in den Kellern und
Häusern, weil die Feinde Geld und Gut suchten und gar sehr
plünderten. Dabei überfiel sie das Feuer, daß sie umkamen. Und
zwar kamen von den Städtern an siebzig und von den Feinden an
dreißig um, so daß es an hundert Menschen waren.
135. Die Steuerburg ward bei Elkerhausen aufgeschlagen. Das tat
Landgraf Hermann von Hessen, Graf Ruprecht von Nassau und Junker
Johann, Herr zu Limburg. Und über ein Jahr danach ward diese Burg
erobert und verbrannt." [Limburger Chronik]
Nachdem der Rhein sein Flußbett verlagert hat, wird die Zollstätte
Griethausen (gehörend den Herren von Kleve) nach Beek bei Xanten
verlegt.
Gründung der Universität Heidelberg.
In der Schlacht von Aljubarrota verfügt Kastilien über 16 Bombarden,
dennoch gewinnen die Portugiesen - ganz ohne Feuerwaffen.
Ca.: Spannungen zwischen Markgräfin Catharina von Meißen und ihrem Adel
werden in einem Parteilied deutlich: "Von Meissen frawe Katerein / ich
horte in den zwei landen dein / Doringen und Franken / kein bedermann
dir danken. / (...?) / Werts hundert jar und einen tag / im land nicht
frede werden mag / Nim dich ein ander weise an, / volge dem rat der
bederman, / davon die land in freden stan." Mit dem "rat der bedermann"
will der Adel, stets nach Regierungskontrolle bestrebt, seine Interessen
als diejenigen des Landes bzw. des gemeinen Mannes hinstellen.
In Lübeck beauftragen Ratsherren des Lesemeister des dortigen
Franziskanerklosters St. Katharinen, Detmar mit der Abfassung einer
Stadtchronik. Detmar verbindet die Stadtchronistik mit den Traditionen
der Weltchronistik; er schreibt auch, um seine Leser, "maan unde wiven"
zu unterhalten.
In München entstehen die ersten Bauten der Residenz.
/1386: Der rheinische Münzverein wird (endgültig) gegründet. Köln, Mainz,
Trier und die Pfalz bringen den Rheinischen Goldgulden heraus.
Bis 1390: In dieser Zeit entsteht, wahrscheinlich im Elsaß, ein
gotischer Spielteppich, der etliche derbe Späße zeigt, z.B. das
"Schinkenklopfen" oder "Füßeln" in Anwesenheit einer gekrönten Dame.
1386 Neue Verfassung in Braunschweig; insgesamt ist die Machtbeteiligung
von Kaufleuten und Handwerken (je nach Stadtviertel verschieden)
etwa ausgeglichen.
Der Rat von Frankfurt versucht, die Schmiedewerkstätten aus der
Altstadt zu entfernen. Dabei geht es nicht nur um Brandverhütung,
sondern auch um Lärmbelästigung.
Ein Tierkampf in Lübeck: In einem abgezäunten Raum müssen zwölf
Blinde mit Knüppeln ein Schwein totschlagen. Dabei treffen sie sich
natürlich auch gegenseitig, und als mehrere schon ohnmächtig am Boden
liegen, wird dem Schwein ein Glöckchen um den Hals gehängt.
In der Küche des französischen Königs arbeiten 73 Personen. Diese Zahl hat
sich innerhalb eines Jahrhunderts mehr als verdoppelt.
Ein Zweikampf zwischem dem Engländer Pierre de Courtenay und dem
Franzosen Guy de la Tremoïlle, der erweisen soll, ob die Engländer
oder die Franzosen überlegen seien, wird von den Regenten Burgund und
Berry im letzten Moment verhindert.
Bei Sempach besiegt der Schweizer Gewalthaufe in offener Feldschlacht
das Heer der Habsburger: Ende Juni bricht Leopold III. von Österreich
mit 4000 Mann auf (Adel und Stadttruppen von Aargau und Breisgau plus
Söldner aus Burgund, Tirol und Mailand), um Luzern einzunehmen.
Bei Sempach sperren ihm 2000 Eidgenossen unter dem habsburgischen
Ministerialen und ehemaligen Stadtschultheißen von Luzern, Peter von
Gundolfingen, die Gotthardstraße. Die Österreicher stehen in drei
Treffen, vorne abgesessene Reiter, während die Schweizer einen Keil
bilden. Den Durchbruch bringen Schweizer Vorstöße an den Flanken und
der Schmied Winkelried, welcher im Zentrum ein Bündel feindlicher
Spieße mit den Armen umgreift und auf sich zieht, damit eine Lücke in
der Front entsteht. Die zweite Reihe der Österreicher steigt ab,
unterliegt aber, während das dritte Treffen flieht. Leopold, 600 Ritter
und mehrere hundert weitere Österreicher bleiben auf dem Feld. Die
habsburgische Vormacht in den vorderen Landen und das Rittertum im
Aargau sind beendet.
Belagerung einer Burg: "Also zogetent die von Strosburg mit dem von
Liechtenberg für Löwenstein die burg vnd sturmetent die vnd
undergrubent den berg vnd den veils, do die burg uffe stunt gar
siere, das sich die innern entsossent. Dovon gobent sü die burge uf
vnd lies man sü enweg gon. Do zerbrach man die burg ze grunde abe,
als dervor was gelegen uf vier wuchen. Do wart uf XIIII tusend gulden
verzert, vnd verlonet den grebern vnd werglüten." [Jakob von
Königshofen, Elsässische Chronik]
Justiz gegen Tiere, leider ohne Ortsangabe: Eine Sau, die einem Kind
das Gesicht zerfleischt hat, wird zum Tode verurteilt. Man hängt sie
an den Hinterbeinen auf, nachdem man ihr den Rüssel zerstört und
stattdessen eine menschliche Maske aufgebunden hat. Dazu hat man ihr
einen Rock, Hosen und weiße Handschuhe angezogen. Dieses Ereignis ist
in einem Fresko der Dreifaltigkeitskirche von Falaise festgehalten.
(Vielleicht hat es sich dort zugetragen.)
"137. Zwei Jahre darauf zogen die vorher genannten Herren wiederum
gegen den Landgrafen und gewannen den Niedenstein, der sich ergab.
Und sie verbrannten Gudensberg und eroberten Rotenburg und
Melsungen an der Fulda, die sich alle in ihre Hand gaben.
138. In dieser Zeit erstarb die goldene Grafschaft Diez ohne
Manneserben. Der edle Graf Gerhard hinterließ zwei Töchter. Die
älteste kaufte den Junker Adolf, des Grafen Johann von Nassau,
Herrn zu Dillenburg, Sohn, der ein Graf zu Diez ward. Also kam die
Grafschaft von Diez an einen Grafen von Nassau. Die andere Tochter
von Diez kaufte einen Herrn von Wildenburg in Westfalen." [Limburger
Chronik] "Kaufen" bedeutet hier "heiraten" (vgl. 1336), hier
ausdrücklich durch die Frauen.
"140. In diesen Zeiten war ein Minderbruder, ein Barfüsser von
Brabant, mit Namen Jacobus. Der maßte sich an, ein Weihbischof zu
sein und hatte falsche Briefe darüber und war kein Bischof. Er
fuhr weit und breit im Trierer und Mainzer Bistum umher und hatte
mehr denn dreitausend geweiht und ordiniert, Akoluten, Subdiakone,
Diakone und Priester. Die mußten sich alle anderweit von neuem
weihen lassen. Die nannte man alle Jakobiten nach dem genannten
Schalk Jakob. Diesen Jakob achte ich böser denn Judas, der
Christum, Gottes Sohn, verkaufte und verriet. Denn die Verräterei
durch Judas war eine Salbung und eine Erlösung des
Menschengeschlechts. Die vorgenannte Verräterei war ein Verderbnis
und eine Verstörung der Christenheit, da er Laien Messe singen und
lesen ließ, die, wie man glaubte, Priester seien, und doch keine
Priester waren. Denn wenn man wähnte, daß sie unseres Herrn
Leichnam aufhöben, so hoben sie ein Simulacrum auf, und man rief
und betete einen Abgott an. Davon kam viel Unheils, daß ich nicht
alles beschreiben kann. Auch sollst du wissen seine Gestalt und
Physiognomie, da ich ihn oft gesehen habe. Er war ein ranker Mann
von ebener Länge, braun unter den Augen, mit einem länglichen
Antlitz, mit einer langen, scharfen, spitzen Nase, und seine
Wangen waren einigermaßen rötelfarbig, und er richtete seinen Leib
und sein Haupt auf und nieder in großer Hoffart. Es nahm mit ihm
ein böses Ende, denn er wurde in diesen Sachen ergriffen. Und
darum geschah ihm sein Recht." [Limburger Chronik]
Einsetzen der Aufzeichnungen der Runtinger in Regensburg.
1387 In Heidelberg wird den Studenten vergeblich der Besuch der Fechtschule
verboten.
Die Juden werden aus Straßburg ausgewiesen.
Normandie: "Die Bewohner der Dörfer Vulguessin le Normand und Forest
de Lyon hätten beschlossen, sich jedes Jahr am Dienstag vor
Aschermittwoch am Abteiportal der Notre Dame de Mortever zu einem
Fußballspiel zu treffen".
Schützenfest in Magdeburg. Erster Preis beim Bogenschießen: eine
Jungfrau. (Wie das allerdings zu verstehen ist, bleibt ohne genaue
Quellenanalyse höchst unklar. Man hüte sich also vor Spekulation - wie
moralisch beladen oder unterhaltsam es auch sein mag!) Auf der anderen
Stadtseite findet gleichzeitig ein Turnier statt.
Friedrich, der Göttweiger Hofmeister in Wien führt eine Beschwerde
gegen Wilhelm den Gürtler, daß von dessen Abtritt manchmal der Unflat
durch die Mauer dringe und sich in allen Räumen des Göttweigerhofes
übler Geruch verbreite.
In Lüneburg gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
In der Oberpfalz gibt es 97 Eisenhütten. Hier schließen sich die
Hammermeister (erneut) zu einer Hammereinung zusammen (Details dazu
siehe unter 1346). Eine Hammereinung wirkt ähnlich wie eine Zunftordnung.
In Dinkelsbühl werden die Zünfte zur Beteiligung am Stadtregiment
zugelassen.
"141. Da man schrieb 1387, da waren gute Jahre. Da kaufte man am
Rhein ein gut Fuder Weines für acht Gulden und für sechs Gulden
und für vier Gulden; und redlich guten Wein, den jeder gute Mann
bei der Tafel trinken mochte, ein Fuder für drei Gulden und etzliche
für zwei Gulden. Bischof Adolf von Mainz kaufte hundert Fuder Weines
für hundert Gulden, und gab er die Fässer zu den Weinen.
142. In dieser Zeit ward ein Studium zu Köln, das war privilegiert."
[Limburger Chronik]
Der Herzog von Burgund sammelt im Hafen von Sluis eine Flotte für
eine Invasion Englands, die niemals stattfinden wird. Stattdessen
werden die Schiffe durch den Maler Melchior Broederlam üppig
ausgeschmückt. Die Adligen wetteifern, wer mit dem prächtigsten
Schiff nach England fährt und Froissart berichtet, die Maler hätten
eine gute Zeit; sie können fordern, was sie wollen und man kann ihrer
nicht genug finden. Allein Guy de la Trémouïlle wendet 2000 Pfund auf:
"Man konnte, um es hübscher zu machen, nichts ersinnen noch erdenken,
was der Herr von Trémouïlle in seinen Schiffen nicht hätte machen
lassen. Und alles das bezahlten die armen Leute in ganz Frankreich."
Es heißt, viele hätten sogar die Masten mit Blattgold vergoldet.
Grippeepidemie in Vicenza und möglicherweise auch in Deutschland.
Es stirbt der später seliggesprochene Philipp von Aix-en-Provence, ein
Stigmatisierter, d.h. einer, bei dem sich sie Wundmale Christi am
Körper manifestieren (wie auch immer hervorgerufen). Es ist einer der
wenigen stigmatisierten Männer, überwiegend sind davon Frauen betroffen.
Sigismund (ung. Zsigmond) von Luxemburg (19) wird König von Ungarn.
März: Der von Absetzung bedrohte König Wenzel schließt ein gegenseitiges
Beistandsabkommen mit dem Süddeutschen Städtebund. Der durch die
Mergentheimer Stallung verlängerte Frieden im Städtekrieg wird dadurch
belastet.
17. Februar: Mit der Gründung des Bistums Wilna wird Litauen offiziell
christlich.
Ca.: Chaucers "Canterbury Tales".
1388 In Wien werden die als Kloaken dienenden Rinnsale (mörungen) eingewölbt
und zu Kanälen umgestaltet, deren Erhaltung erhebliche Kosten verursacht
(wie z.B. 1436, 1444 und 1455).
Straßburg baut eine Rheinbrücke (die zweite Jochbrücke über den Rhein).
Zu Nürnberg erhalten die verarmten Bürger des "Reichen Almosen" pro
Kopf und Tag 677 Gramm Brot.
Richard II. von England erläßt: Diener und Arbeiter müssen Pfeil und
Bogen bei sich haben, in deren Handhabung sie sich sonn- und feiertags
üben sollen. Zugleich haben sie sich jeder Art des Ballspiels,
Eisenringwerfens, Kugelstoßens, Kegelns und anderweitiger
ungebührlicher Spiele zu enthalten."
In Florenz werden die Dirnen gesetzlich verpflichtet, auf der Straße
Handschuhe und auf dem Kopf Glöckchen zu tragen, "so daß das Zeichen
ihrer Schande sich Auge und Ohr mitteile".
In Hildesheim beschließen die Knochenhauer, außer Schäfern und Müllern
auch Leineweber und ihre Nachkommen vom Eintritt in ihre Zunft
auszuschließen. Der Verruf dieser Berufsgruppen ist noch nicht allgemein
verbreitet (und auch später regional sehr verschieden) und die Obrigkeit
greift bereits früh zu ihren Gunsten ein. Es sind besonders die Zünfte,
die solche Verrufe propagieren, um sich abzuschließen. Seit dem 14. Jh.
werden besonders die Leineweber zunehmend für unehrenhaft erklärt. Diese
Phänomene gehören aber in ihrer Masse ins 16. und besonders ins 17. Jh.
Das englische Parlament verbietet vergeblich, die Themse und andere
Flüsse zu verunreinigen.
Eine englische Verordnung macht für diejenigen Jungen und Mädchen
unter zwölf Jahren, die regelmäßig als Fuhrleute oder hinter dem
Pflug arbeiten, diese Tätigkeit auch für die Folgezeit verbindlich.
Als der Herzog von Lothringen feindlich gegen Rottweil vorrückt, hat
"graf Rudolff von Hohenberg gehaissen und empfohlen allen sinen armen
luten in sinen dörfern und in siner gebiete, daz su endecken [das Dach
abtragen], ir stuben abbrechen und daz ir flöhen snelleclichen und
unverzogenlich". Der Abbau von Häusern bezieht sich auf die Methode des
Ständerbohlenbaus, einer reinen Holzbauweise, bei der Außen- und
Trennwände aus stehend oder liegend eingenuteten Hölzern (vorwiegend aus
Nadelholz) bestehen. Kleinere Häuser können dabei einfach abgebrochen
und transportiert werden.
In Tübingen werden die Stadtrechte aufgezeichnet.
Universität Köln gegründet.
Von alten Kanonen: Ulrich Grünwald erbaut zu Nürnberg die "Chriemhilde".
Ihre Ladung beträgt 14 Pfund Pulver und sie soll Steine bis 560 Pfund
verschießen. Zum Transport sind nötig: 12 Pferde (Rohr), 16 Pferde
(Lafette), 5 Pferde (Haspel), 6 Pferde (Schutzschirm) und je 4 Pferde
für je 3 Kugeln. Das Geschütz soll 500 Gulden gekostet haben und auf
300 m 2 m starke Mauern durchschlagen.
Neues aus dem Süddeutschen Städtekrieg: Herzog Friedrich von Bayern hat
(wohl schon im letzten Jahr) den mit dem Schwäbischen Städtebund verbündeten
Erzbischof von Salzburg gefangengenommen, die Arrestierung aller in seinem
Herrschaftsbereich befindlichen Kaufleute und Güter verfügt und damit den
Frieden gebrochen. Im Januar beginnt daraufhin der Süddeutsche Städtebund,
gedeckt durch Exekutionsmandate des verbündeten Königs Wenzel den Kampf
gegen die Wittelsbacher. Vermittlungsversuche (im Mai) scheitern.
23. August: Graf Eberhard von Württemberg besiegt das schwäbische Städteheer
bei Döffingen (südwestlich von Stuttgart). An Stelle von gemeinsamen
Aktionen des Städtebundes treten Einzelkämpfe.
6. November: Graf Rupprecht II. von Kurpfalz besiegt das rheinische
Städteheer bei Pfeddersheim (bei Worms). Zahlreiche Städte schließen nun
Separatabkommen mit den gegnerischen Landesfürsten.
Ca.: In Konstanz erhält ein Venezianer vom Färber Albrecht Eppli fünf
Gulden als Honorar, "darumb daz er in gelert hat, drig varwan verwen"
(drei Farbtöne herzustellen). Im Färberhandwerk werden gerne welsche
Fachleute herangezogen.
1389 Der Gewürzhändler Ulman Stromer aus einem angesehenen Nürnberger
Kaufmannsgeschlecht gründet die Geismühle bei Nürnberg - die erste
sicher bezeugte Papiermühle Deutschlands. Dazu läßt er erfahrene
"Papierer" aus Italien kommen.
Es wird - leider fehlt die Ortsangabe, doch spricht einiges wegen weiterer
einschlägiger Berichte für Frankreich - ein Pferd wegen Mordes zum Tode
verurteilt.
In diesem Jahr soll ein Sarazene namens Hayl die ersten Spielkarten
nach Italien (Viterbo) gebracht haben.
"143. Da man schrieb 1389 in der Karwoche vor Ostern, da wurden die
Juden zu Prag in Böhmen erschlagen und ermordet von der Stadt und
von den gemeinen Bürgern daselbst, so daß beinahe an hundert
Familien der Juden tot blieben. Das kam dadurch, daß ein Priester
das heilige Sakrament trug und einen Christenmenschen nicht fern
von der Judengasse versehen sollte. Da ward von einem Juden ein
kleines Steinchen auf die Monstranz geworfen. Das sagen die Christen.
Da entstand ein Gerufe und ein Geschrei über die Juden, daß sie schmählich
tot blieben.
144. In demselben Jahre ward zu Boppard am Rhein ein Kind geboren,
das waren zwei Menschen über dem Nabel und unten ein Mensch. Es
ist binnen einem Jahre gestorben.
145. In diesen Zeiten gingen Frauen, Jungfrauen und Männer, Adlige
und Nichtadlige, mit Tapparden, die sie in der Mitte gegürtet
hatten. Die Gürtel nannte man Dusinge. Die Männer trugen sie lang
und kurz, wie sie wollten, und machten daran lange, große, weite
Stulpen, zum Teil bis auf die Erde. Du aber, junger Mann, der erst
nach hundert Jahren geboren werden soll, du sollst wissen, daß
diese gegenwältige Welt diese Kleidung und Kleiderart nicht
angenommen hat aus einfachem Sinn, noch aus Sattheit, sondern daß
sie diesen Schnitt und diese Kleider aus großer Hoffart erfunden
und gemacht hat. Gleichwohl findet man, daß diese Kleidung vor
vierhundert Jahren auch von ähnlicher Art gewesen ist, wie man in
den alten Stiftern und Kirchen siehet, in denen man Steine -und
Bilder mit solcher Kleidung findet. Auch trugen die Ritter,
Knechte und Bürger lange Schecken und Scheckenröcke hinten und
neben geschlitzt, mit großen, weiten Ärmeln. Die Rüschen an den
Ärmeln waren eine halbe Elle lang und länger; sie hingen den
Leuten über die Hände; wenn man wollte, so schlug man sie auf.
Die Hundskogeln trugen Ritter und Knechte, Bürger und reisige Leute,
Brüste und glattes Beingewand zum Stürmen und Streiten, aber keine
Tarschen noch Schilde, so daß man unter hundert gewappneten Rittern
und Knechten nicht eine Tarsche noch einen Schild fand. Ferner trugen
die Männer Ärmel an Wämsen, an Jacken und an anderer Kleidung, und
diese hatten Stulpen beinahe bis auf die Erde, und wer die
allerlängsten trug, der war der Mann. Die Frauen aber trugen Böhmische
Kogeln, die damals in diesen Landen aufkamen. Die Kogeln stülpte eine
Frau über ihr Haupt; sie standen ihnen vorn in die Höhe über dem Haupte,
wie man die Heiligen malt mit dem Diadem.
146. Da man schrieb 1389, da stritten die Herzöge von Bayern,
besonders Herr Ruprecht, Pfalzgraf bei Rhein, und Herzog Ruprecht,
sein Vetter, mit denen von Mainz und ihren Bundesgenossen vom
Rhein und warfen den Bund nieder bei Bockenheim. Sie erschlugen
und fingen deren an vierhundert. Fünfzig der Troßbuben warfen sie
in den Kalkofen und verbrannten sie zu Pulver. Das geschah ihnen
deshalb, weil sie zu Fuße liefen und Kirchen und Klausen
schändeten. Es widerfuhr ihnen dieselbe Schmach als Wiedervergeltung.
147. In demselben Jahr auf St. Bonifatius-Tag, da waren die von
Frankfurt ausgezogen, ihrer mehr denn fünfzehnhundert wohl
berittener Leute mit Sturmhauben, Harnischen und Beingewand. Vor
Kronberg kamen sie an die Feinde. Die Feinde waren von Kronberg
und hatten wohl hundert Ritter und Knechte und dazu die vorher
genannte Talsiedlung zu Kronberg. Und die Frankfurter erlitten
eine Niederlage, so daß an hundert erschlagen und ihrer mehr denn
sechshundert gefangen wurden. So schlug der kleine Haufen den
großen nieder. Das war kein Wunder; denn der große Haufe floh und
der kleine stritt. Die Frankfurter aber gaben mehr denn
siebzigtausend Gulden für ihre Gefangenen.
148. In demselben Jahre erlitten die schwäbischen Städte, die in
dem Bunde waren, auch eine Niederlage und verloren den Streit zu
ihrem großen Schaden. Mehr denn dreihundert blieben tot oder
wurden gefangen, und der junge von Württemberg blieb tot auf der
anderen Seite, denn er war wider den Bund. So war der Bund
umgeworfen wie ein Bund Stroh. Und soll man wissen, daß diese
vorher genannten Städte den genannten Bund mit großer Weisheit und
Herrlichkeit begründet haben, zum Nutzen und zur Wohlfahrt der
Städte und des Landes. Er nahm aber ein böses Ende. Darum lobe ich
nicht und schelte auch nicht. Denn wo das Ende bös ist, da ist der
Ursprung nicht zu loben, wie der Meister spricht: "Principium lauda,
ubi consequitur bona cauda". Das heißt:
Lobe den Anbeginn, das ist mein Rat, wenn die Sache ein gut Ende hat.
149. Zu dieser Zeit, da ward zu Mainz ein Unglaube offenbar, der
mehr denn hundert Jahre oder länger heimlich gewährt hatte. Der
Unglaube und die Sekte waren so, daß man Maria und andere Heiligen
nicht anrufen sollte, da sie für niemand bäten. Sie hielten auch
dafür, daß es zwei Wege gäbe und nicht einen, so daß, wenn ein
Mensch gestorben wäre, er sofort entweder in das Himmelreich oder
in die Hölle fahre. Auch glaubten die, die zu ihrer Sekte
gehörten, daß ein purer Laie ebenso gut konsekrieren könne wie ein
Pfaffe. Ebenso hielten sie dafür, daß der Papst oder der Bischof
keinen Ablaß geben könnten. Schließlich meinten sie, daß das
Gebet, Almosengeben, Messehören, Fasten, das helfe alles nicht den
Seelen, für die man es täte.
150. Da man schrieb 1389, da zog ein König von Frankreich in
deutsche Lande gegen einen Herzog von Jülich und gegen den Herzog
von Geldern und lag einen Monat in dem Lande des Herzogs von
Jülich. Und die zwei Herzöge gaben sich in die Hand des genannten
Königs und suchten Gnade, und ein Erzbischof von Köln, mit Namen
Friedrich von Saarwerden, von dem vorher geschrieben steht,
ermittelte mit ganzem Ernst und mit Fleiß zwischen dem König und
den genannten Herzögen und arbeitete gar sehr. Der genannte König
hatte mehr denn hunderttausend reisiger Pferde, so daß man sein
Volk schätzte auf mehr denn sechzehntausend Ritter und Knechte,
ausgenommen die Schützen, die er hatte. Und lag der König in
eigener Person zu Felde mit großer Gewalt, mit solcher Pracht und
Herrschermacht, wie es bisher nimmer in deutschen Landen gesehen
ward. Er führte mit sich Münzer, die ihm alle Tage Gulden
schlugen. Jedoch verlor er manchen Mann, der ihm abgefangen und
erschlagen wurde in deutschem Lande. Derselbe König von Frankreich
ward drei Jahre danach rasend wie ein Hund.
151. Danach starb der ehrwürdige Herr Kuno von Falkenstein,
Erzbischof zu Trier. Da ward gewählt Herr Werner von Falkenstein
zum Erzbischof zu Trier. Er verfeindete sich mit der Stadt
Oberwesel, zog vor sie und schlug ein Haus auf zu Niederberg und
lag da vor Wesel mehr denn ein ganzes Jahr. Er hieb die Weingärten
ab und tat ihnen großen, verderblichen Schaden mit den großen
Büchsen. Mancher Mensch in der Stadt wurde durch die Büchsen getötet.
Auch vor der Stadt gab es manche Gefechte und Scharmützel, und es
geschah einmal, daß derer von Wesel mehr denn zwanzig Mann tot auf
der Walstatt blieben." [Limburger Chronik]
Januar: Die Schneidergilde von Lincoln erstattet an die Königskanzlei
in Westminster Bericht über ihre Entstehung, Verfassung und Vermögenslage,
wie es König Richard II. von England im November zuvor gefordert hat:
"Die Gilde wurde im Jahr des Herrn 1328 gegründet. Alle Brüder und
Schwestern sollen am Fronleichnamsfest mit der Prozession gehen. Niemand
soll als Vollmitglied in die Gilde eintreten, bis er für seinen Eintritt
ein Viertel Gerste entrichtet hat; es muß zwischen Michaeli (29. 9.) und
Weihnachten entrichtet werden. Und wenn es dann noch nicht entrichtet ist,
soll er den Preis für das beste Malz bezahlen, wie es auf dem Johannismarkt
(am 27. 12.) in Lincoln verkauft wurde. Und jeder soll zwölf Pfennig für
die Kannen zahlen.
Wenn einer von der Gilde in Armut fällt - was Gott verhüten möge - und
nicht die Mittel zum Lebensunterhalt hat, soll er jede Woche, solange er
lebt, aus dem Gildenvermögen sieben Pfennig bekommen; davon muß er auch
die Zahlungen bestreiten, die an die Gilde fällig werden. Wenn jemand
innerhalb der Stadt stirbt, ohne die Mittel für das Begräbnis zu
hinterlassen, wird die Gilde die Mittel je nach Rang des Verstorbenen
bereitstellen. Wenn jemand eine Pilgerfahrt zum Heiligen Land nach
Jerusalem zu machen wünscht, soll ihm jeder von den Brüdern und Schwestern
einen Pfennig geben, und wenn nach Santiago oder Rom, einen halben Pfennig.
Und sie sollen mit ihm bis vor die Tore der Stadt Lincoln gehen, und bei
seiner Rückkehr sollen sie ihn abholen und mit ihm zu seiner Pfarrkirche
gehen. Wenn ein Bruder oder eine Schwester außerhalb der Stadt, auf
Pilgerfahrt oder sonstwo stirbt und die Brüder von seinem Tod sichere
Nachricht haben, sollen sie für seine Seele dasselbe tun, wie wenn er in
seiner eigenen Pfarrei gestorben wäre. Wenn einer von der Gilde stirbt,
soll er, je nach seinen Mitteln, der Gilde fünf Schilling oder elf Pfennig
oder wieviel er will vermachen. Jeder von den Brüdern und Schwestern soll
beim Eintritt in die Gilde dem Kaplan dasselbe wie die anderen zahlen.
In jedem Jahr sollen vier Morgensprachen gehalten werden, um Maßnahmen für
die Wohlfahrt der Gilde zu treffen, und jeder, der seiner Einladung nicht
nachkommt, soll zwei Pfund Wachs zahlen.
Wenn irgendein Meister der Gilde irgend jemanden bei sich als Lehrling
aufnimmt, damit er die Arbeit des Schneiderhandwerks erlernt, soll der
Lehrling an die Gilde zwei Schilling zahlen, oder sein Meister für ihn;
sonst soll der Meister seine Mitgliedschaft verlieren. Wenn zwischen
irgendwelchen Brüdern oder Schwestern der Gilde irgendein Zank oder Streit
ausbricht - was Gott verhüten möge -, sollen die Brüder und Schwestern
nach dem Rat des Vorstehers und der Verwalter ihr Bestes tun, um zwischen
den Parteien Frieden zu schließen, vorausgesetzt, daß der Fall von der Art
ist, daß er ohne Bruch des Gesetzes auf diese Weise beigelegt werden kann.
Und jeder, der sich dem Urteil der Brüder nicht fügt, soll seine
Mitgliedschaft verlieren, wenn er sich nicht innerhalb von drei Tagen eines
Besseren besinnt, und dann soll er einen Stein Wachs zahlen, falls es ihm
nicht erlassen wird.
An Festtagen sollen die Brüder und Schwestern mit ihren Gebeten drei Töpfe
und sechs Kannen haben, und das Bier in den Töpfen soll den Armen, die es
am meisten brauchen, gegeben werden. Nach dem Fest soll eine Messe gelesen
und ein Opfer für die Seelen der Verstorbenen gegeben werden. Beim Tod von
Brüdern oder Schwestern sollen bis zum Begräbnis vier Wachskerzen rund um
die Leiche gestellt werden, und die üblichen Gottesdienste und Opfer sollen
folgen.
Wenn irgendein Meister vom Handwerk irgendeinen Jungen oder Näher eines
anderen Meisters behält, einen Tag, nachdem er erfahren hat, daß der Junge
zu Unrecht seinen Meister verlassen hat und daß sie sich nicht auf
freundliche und vernünftige Weise getrennt haben, soll er einen Stein
Wachs zahlen. Wenn irgendein Meister vom Handwerk irgendeinen Jungen als
Näher verwendet, soll dieser Näher sechs Pfennig zahlen, oder sein Meister
für ihn.
Jeder von den Brüdern und Schwestern der Gilde soll jedes Jahr einen
Pfennig als milde Spende geben, wenn der Dekan der Gilde es verlangt; und
er soll an der Stelle gegeben werden, wo es der Geber für besonders nötig
hält, zusammen mit einem Krug Bier aus dem Biervorrat der Gilde.
Amtsträger, die gewählt sind und ihr Amt nicht übernehmen, sollen
Geldstrafen zahlen.
Dessen zum Zeugnis und auf besonderes Verlangen der Gilde wird hierzu das
Siegel des katholischen Dekanats Lincoln gesetzt.
(Auf französisch:) Geschrieben zu Lincoln in sehr großer Eile.
Hier endet die Gildenrolle der Schneider von Lincoln.
(Von anderer Hand:) Die Brüder haben keinen Grundbesitz oder Hausbesitz,
weder unveräußerlichen noch sonstigen, und kein Gildenvermögen, nur was
sie dafür brauchen, das Dargestellte auszuführen; sie halten auch
keinerlei Feste ab außer den vorgenannten, die dazu dienen, Liebe und
Mildtätigkeit untereinander zu pflegen."
In einer Salzburger Urkunde wird ein Koch erwähnt: "meister Chunrat,
koch zu S. Peter".
Im Landfrieden zu Eger endet der Süddeutsche Städtekrieg. Es endet
die selbständige Politik der Reichsstädte für etwa ein Jahrhundert.
Der Schwäbische Städtebund löst sich auf; die Städte treten nach und
nach dem Egerer Landfrieden bei. Nur die Bodenseestädte halten noch
ein engeres Bündnis bei. Im Laufe dieses Krieges sollen 1200 Dörfer
zerstört worden sein.
In Xanten wird erstmals mit Bau einer Stadtmauer begonnen.
Es stirbt der persische Dichter und Korandeuter Hafis (Schemseddin
Muhammed, 69).
Über Toleranz in Spanien: Es stirbt König Peter der Grausame von Kastilien.
Seine Grabinschrift ist auf lateinisch, hebräisch und arabisch verfaßt.
(Vgl. 1252; wieso heißt er dann "der Grausame"?)
15. Juni: Türkischer Sieg über die Serben auf dem Amselfeld.
Bis 1395: Der Seeräuberbund der Vitalienbrüder (oder Likendeeler =
"Gleichmacher") versorgt das belagerte Stockholm mit Lebensmitteln
(Vitalien).
Bis 1497: Für diesen Zeitraum sind für Frankfurt 15 Ärztinnen, darunter
auch Chirurginnen nachgewiesen.
1390 In Worms bilden die fahrenden Schüler für kurze Zeit eine
Bruderschaft.
Die Bengeler, eine Freischar, deren Zeichen silberne Prügel sind,
verheert das Paderborner Land. Sie bedrängen Bischof Ruprecht hart
und verhöhnen die Paderborner. Der Bischof überfällt sie und nimmt
ihrer 70 oder 100 samt ihrem Anführer Friedrich von Pathberg gefangen.
Sie verweigern jedoch den Treueeid und es gibt eine weitere Fehde,
während der die Fürsten Pathberg belagern. Nach dem Tode von Bischof
Ruprecht läßt der Widerstand gegen die Bengeler nach.
In Nürnberg existiert eine Papiermühle. Papier wird aus Lumpen
hergestellt.
In Frankfurt gibt es eine behördliche Feuerbeschau, weil die Dächer
überwiegend mit Stroh und Schindeln gedeckt sind.
In Hamburg, wo die Stadt die Anlage und Instandhaltung der Brunnen
besorgt, wird ein städtischer Beamter für die Kontrolle der
Laufbrunnen eingesetzt.
In Essen gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
Im preußischen Deutschordensgebiet, wo eine ruinöse Wirtschaftskrise
herrscht, taucht erstmals die Bestimmung auf, daß ein Bauer seinen
Hof erst dann verlassen darf, wenn er alle Zinsrückstände bezahlt und
für seinen Hof einen Ersatzmann gefunden hat.
"152. Da man schrieb 1390, da schlug Graf Philipp zu Nassau, Herr
zu Merenberg, ein Haus auf und eine Burg auf der Eisenschmiede bei
Braunfels. Die Burg ward geheißen Philippstein nach dem Herrn. Und
derselbe Philipp hatte auch die Grafschaft von Saarbrücken, die
war ihm angefallen von seiner Mutter, die die Tochter eines Grafen
von Saarbrücken war. Dieser Philipp regierte hier und dort im
welschen Lande. Er kaufte eine Gräfin von Spanheim; da fiel ihm
durch seine Frau auch ein gutes Land zu.
153. In dem oben genannten Jahr in dem Herbste, da war an der Lahn
soviel Wein gewachsen, als es jemanden gedenken konnte. Ein gutes
Fuder Frenzwein galt zu Nassau und in der Gegend acht Gulden oder
so ungefähr.
154. In demselben vorher genannten Jahr erschlug Herr Konrad
Spiegel von dem Desenberg, ein Ritter in Westfalen, einen Grafen
von Schwarzburg vor Liebenau in Hessen; es geschah das mit
Verräterei.
155. In demselben vorher genannten Jahr verbrannte die Stadt
Grünberg in Hessen ganz und gar durch Feuer, das von selbst
entstand. Zwanzig Jahre vorher war sie auch von eigenem Feuer
verbrannt.
156. In derselben Zeit war ein Bischof zu Speyer, der war von
Wiesbaden, eines Bürgers Sohn. Dem half Herzog Ruprecht, Pfalzgraf
bei Rhein, sich zu behaupten, denn er war sein Schreiber gewesen;
anders würde er es nicht erhalten haben. Er regierte sein vorher
genanntes Stift bescheiden und wohl.
157. In dieser Zeit war eine Königin von Dänemark, eine Witwe,
Feindin des Königs von Schweden, und sie führten einen gar großen
Krieg. Dadurch entstand große Teuerung in diesen Landen von
gesalzenen Fischen, so daß eine Tonne Heringe gut und gern neun
schwere Gulden galt. Und in demselben Kriege fing die vorher
genannte Königin von Dänemark den erwähnten König von Schweden und
schatzte ihm ab mehr denn sechzigtausend Mark Silber. Darauf ward
der genannte Krieg gesühnt." [Limburger Chronik]
In diesem Jahr wird wieder ein Jubeljahr begangen, und zwar
nachträglich für das Jahr 1383 (33 Jahre nach dem letzten Jubeljahr
1350).
1391 Studium für Reiche: Der Kölner Bankier Hermann van Goch läßt seinen
Sohn in Wien studieren - mit einer angemessenen Summe Geldes versehen.
Zusätzlich schickt er ihm später noch fünf Wechselbriefe über 273
ungarische Gulden, dazu noch Tuch und zwei Mützen.
"158. Da man schrieb 1391, da war ein Bischof von Paderborn, der
war eines Herzogs von Berg Sohn und regierte das Stift zu
Paderborn gar herrlich in großen Ehren und beschützte und
beschirmte die Straßen und gab Rittern und Knechten Hengste,
Pferde und Gut und tat besonders auch armen Leuten etwas zu gut.
Deshalb wurde eine Gesellschaft gemacht wider ihn aus der
Ritterschaft in Hessen und in Westfalen. Diese hießen die Dengler
und führten Knüppel mit sich. Sie setzten dem Bischof zu und
bekriegten ihn und das Stift wider alles Recht. Dann glückte es
dem genannten Bischof binnen einem Jahr, daß er niederwarf an
hundert Ritter und Knechte der Klöppeler, die allerbesten, die
unter ihnen waren. Er fing den von Padberg, einen Teil der Spiegel
von Desenberg, der von Falkenberg, die von Hettingshausen und die
Wolf von dem Schartenberg in dem Lande zu Hessen. Und wollten
diese frei werden, so mußten sie geben als Lösegeld an
dreißigtausend Gulden von Florenz an vollwertigem Gelde. So
verging die genannte Gesellschaft der Klöppeler.
159. In demselben Jahre nahmen die von Padberg auf der Straße,
nicht fern von ihnen in Westfalen, vierzig Fuhrwerke, Karren und
Wagen, mit allem Vorrat weg, der darauf war von Fischen, von Leder
und von anderem Vorrat, der von der See in diese Lande kam.
Deshalb zog der vorher genannte Bischof mit anderen Fürsten,
besonders dem Landgrafen Hermann von Hessen und mit Herzog Otto
von Braunschweig, vor Padberg; sie nahmen das Städtchen und
verheerten das Land. Doch die Häuser zu Padberg konnten sie nicht
gewinnen.
160. Drei Jahre darauf starb der Bischof von Paderborn. Er war ein
gar junger Mann und hatte herrlich regiert. Er wurde sehr
bejammert und beklagt, denn er hatte eine glückliche Hand in
allem, was er angriff. An seiner Stelle wurde ein anderer Bischof
gekoren, der war von Hoya. Dieser regierte auch und hätte es gern
dem ersten gleich getan, wenn er es vermocht hätte.
161. Im Jahre als man schrieb 1391, da war ein Bischof von Köln
Feind des Grafen von der Mark. Der Bischof hieß Friedrich und war
von Saarwerden, von dem schon die Rede war, und der Graf von der
Mark hieß Engelbrecht. Der Krieg war hart und groß und weit. Denn
der Bichof von Trier stand dem Bischof von Köln bei mit Rittern,
Knechten und Städten. Sodann halfen ihm die Bischöfe von
Westfalen, der Bischof von Münster und von Osnabrück. Der genannte
Graf Engelbrecht war jedoch so hochgemut und hatte so viele
Freunde, und hatte einen Monat vorher dem Bischof von Köln
entbieten lassen, daß er ihn mit Gewalt in seinem Lande
überfallen und überwältigen wolle. Deshalb bestellte der Bischof
seine Streitmacht, so daß er mehr denn sechshundert Ritter und
Knechte hatte. Und dazu hatte er sein Land und seine Städte, so
daß man die Bürger schätzte auf fünfzehn tausend wohl gewappneter
Männer. Graf Engelbrecht kam und brachte mit sich einen Herzog von
Lüneburg, der ist ein Sachse, und dazu Ritterschaft aus der
Grafschaft Holstein und Westfalen, so daß sein Volk von Rittern
und Knechten auf mehr denn vierzehn hundert Lanzen, Ritter und
Knechte, geschätzt wurde und zweihundert Schützen dazu. Er zog
über den Rhein in den Bonngau und lag darin mit rechter Gewalt zu
Felde zehn Tage und zehn Nächte. Sie verwüsteten, verbrannten und
unterwarfen, was darin war, bis an die Stadt Bonn. Es war das ein
gar feindlich Lager, und sie schlugen der Kölnischen vor Brühl
mehr als dreißig tot. Und der Bischof verwahrte sein Schloß wie
ein weiser Fürst und stritt nicht. Deshalb wurde viel über ihn
geredet. Der genannte Graf Engelbrecht behielt das Feld mit großen
Ehren. Ein Jahr danach starb Engelbrecht auf seinem Bette ohne
Leibeserben und die Grafschaft ward ... (hier ist eine Lücke im
Text; zu ergänzen ist: Engelbrechts Brüdern Adolf von Kleve und
Dietrich von der Mark.)
162. Da man schrieb 1391, da war Wenzeslaus, römischer König und
König zu Böhmen, sehr ungnädig gegen alle Juden in deutschen
Landen, und das war darum, weil die Juden ihm nicht seinen Tribut
und seinen Jahrzins gaben. Sein jährlicher Zins beträgt von jedem
Juden, der über dreizehn Jahre alt und männlich ist, alle Jahre
einen Gulden. Er schrieb und gebot den Fürsten, Grafen, Herren und
auch den Städten, daß man den Juden, die bei ihnen ansässig wären,
keinen Wucher von einer Schuld geben sollte. Hätte ihnen jemand
aber Wucher gegeben, so sollte er diesen von dem Hauptgelde
abziehen. Welcher Jude das nicht wolle, dem sollte man überhaupt
nichts geben. Als das ausgeführt wurde, bekamen die Juden wenig
und geringes Geld und gaben ihre Schuldbriefe sehr betrübt zurück,
so daß sie größtenteils verarmten; und mancher Ritter und Knecht
und Bürger am Rhein, an der Mosel und anderswo wurden wohlhabend
und blieben in großem Wohlstand. So mußten die Juden dem römischen
Kaiser und König seinen jährlichen Zins und seinen Tribut geben
alle Zeit zu ewigen Tagen. So wurden die Juden unterwiesen, daß
ein römischer König und Kaiser ihr Herr ist, wie man in der
Passion liest, daß die Juden riefen: "Regem non habemus nisi
Cesarem", das heißt: Wir haben keinen König mehr, nur den Kaiser
bei unsrer Ehr. Du sollst wissen, daß ich
von dem König keine gute Mär zu geben weiß, wie du es später auch
geschrieben findest.
163. In demselben vorgenannten Jahre hielt Landgraf Hermann zu
Hessen ein Gericht in der Stadt Kassel ab. Und er ließ neun der
Allerreichsten und Mächtigsten ihr Haupt abschlagen und einen Teil
von ihnen vierteilen und an vier Enden ausstellen. Er zieh sie,
daß sie ihn seinen Feinden verraten hätten; das ging von den
Feinden aus, nachdem sie sich mit dem Landgrafen ausgesöhnt hatten.
164. In demselben vorgenannten Jahre verbrannte Linz am Rhein
durch von selbst entstandenes Feuer bis auf ein Drittel der Stadt."
[Limburger Chronik]
In Stralsund kommt es zu einem Aufstand der Gewerke und der Opposition
gegen das selbstherrliche Regiment von Bürgermeister Bertram Wulflam.
Die Aufständischen unter Führung von Karsten Sarnow schaffen die
Ratsverfassung ab, aber die Hanse erzwingt bald die Rücknahme der
Reformen und Sarnow wird 1393 hingerichtet.
Beginn von Judenverfolgungen in Spanien.
Bis 1398: Der Stecknitzkanal zwischen Elbe und Trave wird gebaut.
1392 Die Vitalienbrüder plündern Wisby.
München hat kaum 10000 Einwohner. In diesem Jahr werden dort die
Andechser Reliquien gezeigt, wozu an einem Tag bis zu 40000 Pilger
in die Stadt strömen. Man zählt sie einfach, indem man für jeden die
Tore passierenden Fremden eine Erbse in einen Topf wirft. Grund für
diesen Auflauf ist, daß letztes Jahr (11. Juli) Papst Clemens VII.
für das Zeigen dieser Reliquien einen Ablaß gewährt hat, der aber
nur wirkt, wenn man sieben Tage in der Stadt bleibt. "Es war alles
nur umb das gelt zu tuen." (Burkhard Zink aus Augsburg)
In Hildesheim gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
"165. Da man schrieb 1392, da war der römische König und König zu
Böhmen, Wenzeslaus genannt, den Straßburgern Feind und seine
Heeresmacht zog vor Straßburg; er hatte mehr denn zweitausend
Lanzen, Ritter und Knechte. Sie lagen mehr denn einen ganzen Monat
davor und verwüsteten, verbrannten und nahmen alles, was zur Stadt
gehörte. Und die von Straßburg hatten die Stadt wohl bestellt.
Türme, Tore und Mauern. Und darüber hatten sie an zwanzig-tausend
Mann, wohlgewappneter und kampfbereiter Leute. Dennoch blieben sie
in der Stadt und kamen nicht heraus. In diesem Jahr vertrieben die
von Straßburg ihren Bischof, sie bezichtigten ihn, daß er den
Angriff und den Zug gegen sie gemacht hätte. Darauf wurde er ein
Bischof zu Utrecht in den Niederlanden. Die Straßburger waren auch
in des Reiches Acht durch den vorher genannten König. Das kostete
sie mehr denn dreißigtausend Gulden.
166. Da man schrieb 1392, da war Wein genug an den Stöcken; und
es kam ein großer Reif und Frost auf St. Matthaus des
Evangelisten Tag in dem Herbste, und zwischen diesem Tag bis auf
nächsten St. Michaels, des heiligen Erzengels Tag, erfror der
Wein und die Trauben an den Stöcken am Rhein, an der Lahn, an der
Mosel und überall in deutschem Lande, so daß man die Trauben mit
großen Stößeln zerstoßen mußte; so hart waren sie. Und die Weine
wurden so sauer, daß sie wie Saft von Holzäpfeln schmeckten. Der
Wein hieß Ratzemann, und die Quart kostete kaum drei Heller. Und
in dem anderen Jahr war guter Wein, und die Quart kostete zwei
Engelse. Der Sommer war so heiß, daß der Rhein und alle anderen
fließenden Wasser so klein waren, wie man es binnen vierzig
Jahren vorher nie mochte sehen. Und im nächsten Winter datauf
fiel ein so großer Schnee um St. Katharinen Messe, wie er binnen
zwanzig Jahren in diesen Landen nie mochte gefallen sein, so daß
viele Leute, die über Land wandern mußten, im Schnee umkamen und
erst aufgefunden wurden, als der Schnee verging.
167. In dieser Zeit warf der Herr von Hainsberg den jungen Herzog
von Jülich und den jungen Grafen von Sayn mit mehr denn dreißig
Rittern und Knechten im Felde nieder. Dies war der Kriegszug des
genannten Grafen." [Limburger Chronik]
Erster namentlich bekannter Spielkartenmaler: Gringonneur. Daß er
- für Karl VI. von Frankreich - die Spielkarten erfunden hat, trifft
nicht zu.
Bei Karl VI. von Frankreich stellt sich erstmals Geistesgestörtheit
ein.
1393 Der Pfalzgraf ernennt den "Wernhir pfifer von Alzei unser recht
hofgesinde in allem unserm lande...ubir alle varnde lute zu künge."
Dies ist ein weiteres von oben eingesetztes territoriales Königreich
fahrender Leute, das keinen Bestand hat (wie auch schon das Mainzer
Vorbild von 1385).
"168. Da man schrieb 1393, da wurden die von Mastricht an der Mass
niedergeworfen. Das tat ein Graf von Mors mit Namen Friedrich.
Dieser war ihr Feind und hatte alles in allem an fünfhundert
Lanzen, Ritter und Knechte. Er berannte die Stadt mit einem Teil
seiner Leute (die anderen hielt er im Hinterhalt) und warf sie so
schmählich nieder, daß mehr als dritthalb hundert Bürger
erschlagen und dreihundert gefangen wurden. Es starben auch viele
in dem Gefängnis, denn sie lagen mehr als ein Jahr gefangen, und
gaben zweiunddreißig tausend Gulden. Damit ward eine vollständige
Sühne.
169. In demselben vorher genannten Jahre, da zogen das Reich und
der Bischof von Mainz, die Stadt Mainz und die von Frankfurt vor
Hattstein. Sie lagen acht Tage davor und zogen wieder davon. Und
die Städte hatten große Büchsen, von denen eine sieben oder acht
Zentner schwer schoß. Damals kamen die großen Büchsen auf, wie man
sie auf Erden bisher nicht von solcher Größe und Schwere gesehen
hatte.
170. In dieser Zeit waren zwei edle Grafen von Katzenelnbogen;
deren einer hieß Eberhard. Dieser hatte große ritterliche Taten
getan und war in großen Kämpfen in diesen Landen und über Meer im
Heiligen Lande gewesen. Er hatte Schwalbach über der Aar erbaut,
und zwar länger als dreißig Jahre vor dieser Zeit. Der andere war
Diether geheißen. Seine Mutter war eine geborene von Limburg.
Dieser war seinen Feinden ein gar strenger Herr, da er sie mit
viel Volk, Rittern und Knechten, allzeit bedrängte. Es war stets
sein Grundsatz, seine Feinde zu überwältigen. Man nannte ihn
Birbe. Die zwei genannten Grafen gaben ihre Kinder zu der heiligen
Ehe zusammen. Graf Eberhard gab seine Tochter Graf Diethers Sohn,
namens Johann, damit die Grafschaft wieder zusammen käme. Derselbe
Graf Diether war ein Verwalter des Landes Luxemburg auf Geheiß des
römischen Königs Wenzeslaus, König zu Böhmen, vom Jahre 1395 nach
Christi Geburt an. Daher war der Graf von Saint Pol Feind des
vorhergenannten Landes Luxemburg und zog in das Land mit mehr als
zwölfhundert Lanzen, Rittern und Knechten und hatte dazu an
hundert Schützen. Und deshalb warb der vorhergenannte Diether in
diesen Landen und hatte mehr denn zweitausend Lanzen, Ritter und
Knechte. Und wo der Graf von Saint Pol mit seinen Leuten lag, da
hatten sie sich eingegraben. Als nun Graf Diether eines Morgens
mit ihm streiten wollte, da ritten die Welschen des Morgens weg
und ließen ihre Pfeifer die Nacht hindurch pfeifen und ließen ihre
Fackeln brennen, so daß man wähnte, sie wären noch alle da. Als
Graf Diether sich zum Streite stellte, da waren sie alle
entflohen.
171. Die Burg Walrabenstein erbaute ein Graf von Nassau in
derselben vorher genannten Zeit. Der hieß Walram. Er starb jung
und hatte Westerburg inne. Nach ihm regierte sein Sohn.
172. Da man schrieb 1393, da entstand zu Köln eine Zweiung
zwischen den Schöffen und dem Gemeinderat. Das kam dadurch, daß es
dem Rat dünkte, als ob die Schöffen mehr dem Bischot von Köln
beistünden und Hilfe leisteten als der Gemeinde zu Köln. Und
fortan behielt die Gemeinde zu Köln ihren Willen. Sie vertrieben
den edlen Vogt von Köln und fingen einen Teil ihrer Schöffen und
legten die Gefangenen auf ihre Türme. Die anderen flohen aus dem
Lande und wurden vertrieben.
173. In dieser Zeit hatten die von Köln Sorge, daß der Bischof mit
Namen Friedrich von Saarwerden zu Deutz gegen Köln eine Burg
erbauen würde. Und die Kölner fuhren in der Palmnacht über den
Rhein und erbauten außerhalb des Münsters und Klosters, in dem
Mönche vom Orden des heiligen Benedikt saßen, eine Burg. Die
nannten sie Palmenstein, da sie zu Palmarum in Angriff genommen
ward.
174. In demselben Jahr wurde der edle Vogt von Köln Feind der
Stadt Köln. Man wurde im Felde handgemein und hatten einen Kampf.
Der Vogt behauptete das Feld und schlug von den Kölnern gute
reisige Leute tot auf der Walstatt und fing derer von Köln mehr
denn sechzig. Das alles ward gesühnt binnen einem Jahre. Für die
Gefangenen wurden mehr denn zwanzigtausend Gulden gegeben. Und die
Schöffen von Köln, die von der Gemeinde gefangen lagen und
vertrieben waren, die wurden frei und kamen wieder nach Köln."
[Limburger Chronik]
In Florenz warnt Morelli die Jugend: "Spielt keine Hasardspiele und
meidet die Würfel! Wählt lieber die euch geziemenden Knöchelchen
(Astralagos) und naibis (Spielkarten)."
Judenverbrennungen in Rothenburg. Anklage: "Brunnenvergiftung".
Ein Tuchmacher aus Wörd (Wörth?), der seiner Mutter Gewalt angetan
und sie dann erwürgt hat, wird in Öl gesotten.
Bern erhält seine erste Wasserleitung.
In Xanten wird nach starken Kriegzerstörungen der Hauptbau der
Stadtbefestigung, das Klever Tor im obersten Geschoß und im Dach
wiederhergestellt. Es ist eines der wenigen im Rheinland erhaltenen
Doppeltore. Der Hauptbau hat vier Stockwerke.
In München gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
In Frankreich entscheidet eine königliche Verordnung, daß es "für
einen Adligen nicht standesgemäß sei, eine Weinstube zu betreiben."
Verbannung der Juden aus Frankreich.
1394 Meister Marquart von Köln wird der erste Apotheker von Regensburg mit
fester Besoldung. Er ist von 1383 bis 1386 als gelehrter Arzt am
Hofe Herzog Albrechts III. von Österreich tätig gewesen.
Endgültige Vertreibung der Juden aus Frankreich mit Ausnahme von
Provence, Dauphiné und Avignon.
Die Geißler sind wieder da: Es entsteht die Bruderschaft der Weißen
Büßer (vielleicht im Dauphiné), die weiße Kutten und Kapuzen tragen
(ähnlich dem KuKluxKlan). Auf dem Rücken ist ein Stück herausgeschnitten
zum Behufe des Geißelns. Sie finden in Italien großen Zulauf (außer
zunächst in Genua, später auch dort). Allein in Padua entstehen sechs
solcher Gesellschaften.
Beim Reichstag in Frankfurt sollen über 800 Dirnen anwesend sein.
Abschiebung von Geisteskranken: Die "thörichte Dorothea", die bisher
im Nürnberger Lochgefängnis (unter dem Rathaus gelegen hat, wird
mit dem Fuhrwerk nach Wien gebracht. Über ihr weiteres Schicksal ist
nichts bekannt.
"175. Da man schrieb 1394, auf den Sonntag nach dem achtzehnten
Tage, war zu Wetzlar an der Lahn eine große Zweiung in der Stadt.
Das kam so: Einer, mit Namen Haberkorn, zog die Zünfte der
Gemeinde an sich, machte Anschläge und wollte diese durchführen
und erzwingen gegen den Rat und gegen die Ehre. Und sie rotteten
sich zusammen vor der Burg vor der Kirche; der Rat behielt die
Oberhand, und man schlug den Haberkorn mit fünf anderen vor der
Kirche auf dem Kirchhof tot. Die Gemeinde gab nach und suchte
Gnade beim Rat. Und es söhnten sich von der Stunde an der Rat und
die Gemeinde aus.
176. In dieser selben Zeit und in dem vorher genannten Jahr, da
hatte Bischof Werner von Trier, von Geburt Herr von Falkenstein,
einen großen Krieg mit dem Herrn von Aremberg, der länger als ein
Jahr währte. Bischof Werner gewann die Burg Welschenhausen bei
der Eifel und brach sie ab bis auf den Grund. In demselben Jahr
wurde Bischot Werner eine Burg Oer abgenommen, die daselbst
gelegen war. Die Burg war sein Pfand für eine Summe Geldes und es
zogen alsbald seine Freunde davor, gewannen sie mit dem ersten
Sturm und fingen auf ihr den von Welschenhausen und zwölf andere.
177. In diesem Jahr und in der vorher genannten Zeit war gar
saurer Wein gewachsen, weil der Frost den Wein an den Stöcken
überfiel, ehe er reif wurde. Der vorher genannte Bischof Werner
kaufte hundert Fuder dieses Weins an der Mosel mit den Fässern zu
vierhundert Gulden, also das Fuder zu vier Gulden. Diese wurden
so lauter auf der Hefe, daß man sie vor Weihnachten aus den
Gläsern trank.
178. In demselben vorher genannten Jahre, da nahmen der Ablaß und
die Romfahrt ihren Anfang zu Düsseldorf, das im Niederland liegt
und dem Herzog von Berg gehört. Das war von Bonifatius IX. Gnaden,
des Papstes zu Rom. In derselben Zeit wurde daselbst ein Kanonikat
neu gestiftet; das kam von dem großen Zulauf, der da war. Dieselbe
Gnade und Gunst ging auch zu Köln an und währte ein ganzes Jahr.
179. In dieser vorhergenannten Zeit wurde ein Kind geboren zu
Niederbrechen im Trierer Bistum, das war unten ein Mensch und
hatte aufwärts eine Gestalt einigermaßen einer Kröte gleich. Das
war ein Zeugnis Gottes, denn als man das Weib ansprach, daß sie
ein Kind trüge, sprach sie und antwortete darauf, sie trage eine
Kröte, und das war ihre Antwort allezeit." [Limburger Chronik]
Die Kirche St. Lambertus zu Düsseldorf wird im gotischen Stil
vollendet.
Hamburg verleibt sich gewaltsam das Elbmündungsgebiet mit Schloß und
Amt Ritzebüttel (heute teil Cuxhavens) ein, nachdem die dort
regierende Familie von Lappe dem Seeräuberunwesen nicht entgegengewirkt
hat.
In Göttingen gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
1395 Die Weißen Büßer kommen nach Rom und stehlen dem Papst die Schau.
Einer ihrer Anführer gibt sich als Johannes der Täufer aus und führt
ein blutendes Kruzifix vor. Man entlarvt ihn als Juden und sein
Kruzifix als Schwindelvorrichtung (hohl) - er wird verbrannt. Ein
anderer, den sie den Propheten Elias nennen, kommt, gleichfalls mit
einem Wunderkruzifix nach Viterbo. Er wird verhaftet und allein nach
Rom gebracht, wo sich auch dieses Kruzifix als Betrug erweist und er
selbst als Geistlicher, der nach der päpstlichen Krone trachtet.
Auch er wird verbrannt und sein Gefolge macht sich davon.
"Die beghart vnd die die sich mit geknöpften gaisseln schlugen haben
in teutschen land vnd in andern gegenten schwere irrung eingefüert.
davon dann hievor meldung beschehen ist. So ist auch in disem 1389.
iar [fast richtig!] in allem welschem land ein wunderliche auffwegung
des volcks entstanden. also das sie sich schier alle innerhalb dem
gallischen gepirg mit weyßem vnd leyninem klaid bis auff die füeß
hinab mit einer kappen gleich einer münchs gugel beklaideten. Darunder
warn edele weiber vnd mann. Auch fürsten, bischoff, pfaffen vnd
münch allerlay orden die sich der gleichen beklaidten. [Unbekannte
Sigle] dise menschen giengen in processionweiß ye zway vnd zway zu
den nehern stetten vnd rüfften mit flehlichem geschray nach frid vnd
barmhertzigkeit. vnd solchs weret schyer drey monat. Vnder disen warn
von der statt Luca bey 3000 menschen. Vrsacher diss fürnemens was ein
briester. der was von antlitz vnd worten solcher tapfferkeit das er
von allen heilig gehalten wardt. Aber bapst Bonifacius hieß zu
Viterbo nach ime greiffen, ine zu im füeren vnd als einen irrer
verprennen." [Schedelsche Weltchronik, 1493]
"180. Im Jahre 1395, auf Aschetag, starb Herr Johann von Isenburg,
Herr zu Büdingen, eines schnellen jähen Todes zu Koblenz, wo er
turniert und gestochen hatte. Er war zu seinen Lebzeiten ein
aufbrausender, gewalttätiger Mann gewesen.
181. In dieser selben vorher bezeichneten Zeit, da hatten die
Barfüsser zu Köln ein Generalkapitel. Da kamen aus allen Landen
mehr denn dreizehnhundert Barfüsser, Minderbrüder zusammen. Die
hielten alle zum Papst zu Rom, Bonifatius IX. Von denen, die zum
Papst von Avignon, Clemens, hielten, kam keiner dorthin; es wären
ihrer sonst mehr als zweitausend zusammengekommen.
182. In demselben vorher bezeichneten Jahr, am achten Tag im Mai,
das war auf einem Samstag, da kam ein großes Wetter, Donner und
Hagel, und tat gar großen Schaden an den Früchten in vielen
Ländern und an den Weingärten. Und in Sonderheit wurden die
Weingärten zu Oberwesel am Rhein gar sehr zerschlagen, an der Lahn
zu Kalkofen, zu Laurenburg, zu Kramberg und zu Geilnau. Der
Sommer war gar wunderlich durch große Donnerschläge und Gewitter.
Und es geschah großer Schaden in dem Jahr an Früchten, Wein und
Häusern.
183. In den vorhergenannten Zeiten, in der Pfingstwoche, da schlug
Graf Adolf zu Diez und zu Nassau eine neue Burg auf an der Aar
nicht weit von Limburg, die heißt Ardeck. Vor mehr als vierhundert
Jahren hatte auch schon eine Burg allda gelegen, was niemanden
mehr erinnerlich war, so lange war das her; die Leute hatten es
von ihren Vorfahren gehört. Man fand dort auch alte Gräben und
Reste von einer alten Burg, daß man das wohl prüfen konnte.
184. In demselben vorhergenannten Jahr, auf St.-Barnabas-Tag, das
war am Freitag nach unseres Herren Leichnams-Tag, war ein großes
Erdbeben, so daß die Leute sehr erschraken und geängstigt wurden.
185. In den selben Jahren waren große Sterben in deutschen Landen.
Der großen Pestilenzien habe ich vier gesehen und erlebt.
186. In demselben vorher genannten Jahre, da zogen die zwei Grafen
Philipp von Nassau, Graf zu Saarbrücken, und Graf Diether von
Katzenelnbogen vor Elkerhausen, eine notfeste Burg, an der Lahn
gelegen, und schlugen dort eine andere Burg über der Lahn auf, die
Gräveneck genannt ist. Es ward dort vor zwölf Jahren auch ein Haus
erbaut, das Steuerburg hieß, wie vorher erzählt ist; das ward
verbrannt. Die genannte Burg Gräveneck ist wohl bewehrt. Und sie
hatten ihre Macht und Gewalt dort vor Elkerhausen liegen und
behelligten es mit den großen Büchsen, mit Steinschleudern und mit
anderen Sachen, so daß keine Lebensmittel dorthin kommen konnten,
bis daß sie die Burg und die Niederlassung mit rechter Gewalt im
Jahre darauf auf den ersten Juli am Abend vor Unserer Frauen
Heimsuchung gewannen. Sie fingen auf ihr sechszehn Mann, denen ihr
Leben zugesichert wurde, und zerbrachen das Haus, von dem aus dies
ganze Land geschunden und ausgeraubt worden war. Über die
Zerstörung freute sich alt und jung und lobte Gott, daß das Nest
zerstört ist. Das Haus gehörte drei Brüdern. Einer hieß Ekkehart,
ein Ritter, der andere hieß Heinrich, und der dritte hieß Konrad."
[Limburger Chronik]
In Wien ist das Bordell in der Nähe des Tiefen Grabens ein
herzogliches Lehen und untersteht dem Hofmarschall.
Johannes Gerson wird Kanzler der Sorbonne zu Paris. Er wendet sich
scharf gegen einen Forschungsgeist, der die Natur in ihren letzten
Geheimnissen ergründen will.
1396 Verbesserung des Wagens durch beweglichen Vorderwagen.
In Köln ist eine Geschlechterfehde zwischen den Greifen und den
Freunden im Gange. Im Januar reißen die Freunde die Macht mit Gewalt
an sich. Ihre reaktionären Maßnahmen führen zum Bündnis von Zünften
und Kaufmannschaft. Nach einem Aufstand wird ein Kompromiß gefunden,
der "Verbundbrief". Im Rat dominiert nun das kaufmännische Element,
doch die alten Geschlechter finden in der Gaffel Eisenmarkt ein
Unterkommen und gewinnen so wieder an Einfluß. Es gibt in Köln nun
22 Gaffeln (17 aus Zünften, 5 aus Kaufleuten).
In Köln entsteht das "Neue Buch" des Stadtschreibers Gerlach von Hauwe,
eine Stadtchronik.
Ferstigstellung von Nürnbergs erstem leitungsgespeisten Marktbrunnen
(der "Schöne Brunnen").
Bei Arbeiten außerhalb der Stadt erhalten die Augsburger Werkleute
Brot, Fleisch, Wein und Bier.
In Nürnberg gibt es sechs Wundärzte. (Seit etwa einem Jahrhundert
bereits sind "Buchmedizin" und Chirurgie getrennt. Die Wundärzte
sind im Gegensatz zu den akademischen Ärzten handwerkliche Praktiker
und oft spezialisiert.)
In Nördlingen gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder Urkunden)
über die Existenz einer Schützengesellschaft.
Würfelspielverbot in Mailand: "Der Spieler wird zu einer Geldstrafe
von 200 Lire sowie zur Verbannung aus Mailand in eine mehr als 100
Meilen entfernte Gegend verurteilt. Sein Haustor wird niedergebrannt,
und ein Jahr lang darf niemand in seine Wohnung übersiedeln."
Bei Nikopol unterliegt ein Kreuzheer aus Franzosen, Deutschen, Ungarn
und Polen den Türken.
Nach der Schlacht von Nikopol gerät der Knappe Johann (Hans) Schiltberger,
möglicherweise aus dem gleichnamigen bayerischen Adelsgeschlecht stammend,
in eine 31 Jahre währende türkische und später mongolische Gefangenschaft.
Diese wird er später in seinem "Reisebuch" dokumentieren (vgl. 1427 und 1478).
Glücksspielverbot in Göttingen.
"187. Da man schrieb 1396, da war eine große Zweiung in dem Rate zu
Köln, so daß eine Partie der Vermögendsten und Obersten die
Gemeinde für sich gewannen und die andern angriffen und ihrer
vierzehn fingen und dazu einen Ritter von dem Rate, mit Namen
Heinrich von dem Stabe, und seine Knechte. Diesen schlugen sie ihr
Haupt ab auf dem Heumarkt, teilten den Ritter in vier Viertel und
hängten ihn an vier Enden vor den Toren auf. Über ein halbes Jahr
danach erhob sich in Köln abermals eine andere Zweiung, so daß sie
abermals einem Ritter das Haupt abschlugen; der hieß Herr Hilger
von der Stessen; den führten sie hinaus an den Galgen. Der Ritter war
bei der ganzen Gemeinde von Köln beliebt gewesen. Und kurze Zeit
später, da war er wieder gehaßt. Da geschah ihm also. Das sollst du
wissen, weiser Mann, wenn es dir am allerbesten geht und dein
Glück aufsteigt, daß du dich dann am allermeisten hüten sollst.
Wann dein Glück am meisten ist, so ist es versetzt in kurzer Frist.
188. In demselben vorhergenannten Jahre, in dem Monat, den man
schreibt auf lateinisch Februarius, war eine große bedeutende Flut
und ein Wasser, so daß man zu Koblenz mit Schiffen in der St.
Kastorsgasse auf den Kornmarkt fuhr bis an die Brücke, wo man über
den Graben zu St. Florin geht. Das Wasser ging in die Kirche und
das Kloster zu den Barfüssern und durch den Kreuzgang. Und zu
Limburg ging die Lahn gleich mit dem Gewölbe an der Tränkpforte;
sie war sechzehn Fuß hoch.
189. In demselben vorhergenannten Jahre wurde die Hindenburg, in
Sachsen am Harze gelegen, ein gewaltig Raubnest, daraus der Welt
viel Schaden geschah, genommen und bis auf den Grund gebrochen.
Das taten die Fürsten, Herren und Städte von dem Landfrieden. Und
sie fingen auf der Burg der Gesellen viele und davon wurden
zwanzig Mann zur Stunde gehängt. Es verblieben auch viele auf der
Burg, die verbrannten in dem Feuer. So blieben vierundfünfzig
Menschen tot, die teils gehängt wurden, teils verbrannten.
190. In demselben vorhergenannten Jahre, da wurden die Herren von
Mailand von Wenzeslaus, dem Römischen König und König zu Böhmen,
zu Herzögen. Sie waren bisher Herren gewesen.
191. In diesem vorhergenannten Jahre, binnen der vierzehn Tage
nach Ostern, ward das Städtchen Ziegenhain in Hessen eines Morgens
früh, als die Wächter von der Mauer gegangen waren, erstiegen und
erobert. Und es wurde alles genommen, was man vorrätig fand, und
gar sehr geplündert. Nachdem man alles, was da war, verbrannt
hatte, zog man wieder von dannen.
192. In demselben vorhergenannten Jahre, in dem Rosenmonat, wurden
die von Honnef, das große Dorf bei Drachenfels, in einem Felde
niedergeworfen; das tat eines Herrn von Westerburg Sohn. Es sind
ihrer mehr denn achtzig gefangen und erschlagen worden.
193. In demselben vorher genannten Jahr, acht Tage nach Johannis
des Täufers Tag, mitten im Sommer, da warf der Herzog von Berg den
Herrn von Limburg nieder, der in dem Lande Westfalen wohnt; der
von Limburg ward gefangen mit mehr denn vierundachtzig Rittern und
Knechten; das geschah bei Wipperfürth. Da erlag die beste
Ritterschaft, die an der oberen Lahn zwischen Marburg und Wetzlar
ansäßig war, namentlich die von Hatzfeld, die von Breidenbach, die
von Milchlingen, die von Buseck und andere ihrer Genossen.
194. In derselben Zeit ward Höchst am Main, gelegen zwischen Mainz
und Frankfurt, ein sauberes Städtchen, das zum Stift Mainz gehört,
erstiegen, genommen und völlig verbrannt. Das taten die von
Kronberg. Sie gewannen darin an reisigen gesattelten Pferden mehr
denn sechzig. Der Bischof von Mainz, mit Namen Herr Konrad,
geboren von Weinsberg, war ein Helfer Graf Philipps von Nassau und
Graf Diethers von Katzenelnbogen. Ihm stand ein Chorröcklein
besser als ein Panzer. Auch soll man wissen, daß Höchst erst vor
vierzig Jahren zu einem Städtchen und zu einer Freistatt gemacht
worden ist mit Gräben, Planken und Türmen, wie sich das gehört.
195. In denselben vorher genannten Zeiten, da gewann der Herzog
von Geldern Schönforst, das bei Aachen liegt. Er hatte bald zwei
Monate davor gelegen und fand darauf große Schätze von Früchten,
von Wein und anderem Vorrat.
196. In diesem vorher genannten Jahre stritten die Heiden mit den
Christen. Die Heiden waren mit großer Gewalt gegen den König von
Ungarn gezogen, der hieß Sigismund und war Kaiser Karls des
Römischen Kaisers, König zu Böhmen, Sohn. Und sie bedrängten ihn
und richteten großen Schaden an. Er gewann etzliche Kämpfe und
verlor noch mehr Kämpfe. In denselben Zeiten zogen die Christen
viele Ritter und Knechte an sich, und es gedieh im Herbst, daß die
Christen gegen die Heiden zogen vor eine Stadt in der
Heidenschaft, die Schiltawe [Schiltau, alias Nikopol] heißt. Da kamen
der Heiden so viele, daß ihrer mehr als viermal so viel waren als
Christen; und blieben der Christen tot mehr denn achtundzwanzigtausend.
Der größte Teil waren Ritter und Knechte; deren waren gar viele aus
Frankreich und aus vielen anderen Ländern." [Limburger Chronik]
Nach der Schlacht von Nikopol gewinnt der Pole Siborski die Gunst von
König Sigismund, nachdem er in voller Rüstung die Donau durchschwommen
hat.
/1397: Es stirbt Peter Suchenwirt, der Hofpoet der Wiener Habsburger.
In seinem Gedicht "Vom Schlaf der Minne" hat er einmal geschildert,
wie es einem modebewußten Mann mit dem namen Hindenploz ("hinten
entblößt"!) bei einem Sturz ergangen ist: "Do viel er sich über ein
stein, / Daz er auf der erden lackh. / Er waz gepunden als ein sackh /
Mit riemen und mit snüren, / Er macht sich nicht berührn / Daz er waer
aufgestanden."
1397 Auf dem großen Fürstentag zu Frankfurt werden 797 Dirnen gezählt.
In Paris wird den Bürgern verboten, an anderen Tagen als am Sonntag
mit Ball oder Kegeln zu spielen - ohne Erfolg.
In Würzburg beschwert sich der Rat, daß Anrainer auf dem alten
Eiermarkt Mist auf das Pflaster leeren. Diese hätten aber nur die
Pflasterung vor ihren Häusern bezahlt, wohingegen für die restliche
Fläche um den Brunnen die Stadt die Kosten übernommen hätte, weswegen
jeder, der dort beim Mistabladen erwischt wird, ein Pfund Pfennig
zahlen muß.
Berlin hat etwa 7000 Einwohner. Pro Kopf werden hier täglich drei
Pfund Fleisch verzehrt.
In Regensburg stellt der Arzt Johannes in einem Gutachten fest, daß
es mit den Apotheken der Stadt im Argen liege.
In der Regensburger Apothekenordnung wird besonders darauf
hingewiesen, daß keine giftigen Arzneien verkauft oder verschenkt
werden dürfen.
In Datteln und Lindau gibt es indirekte Hinweise (Stadtrechnungen oder
Urkunden) über die Existenz einer Schützengesellschaft. In Hannover
gibt sich die "Papegoiensellschop", eine Gesellschaft der
Armbrustschützen, eine Satzung. Es ist (nach Dortmund - wann? - die
zweite bekannte Satzung einer Schützengesellschaft in Deutschland.
In Frankreich erneuert eine königliche Ordonnanz die alten
Verordnungen von 1269 und 1347 gegen das Fluchen. Es wird mit
Lippenspalten und Zungeabschneiden gedroht, Strafen, die kaum
durchführbar sind.
In Bourg en Bresse wird der Dichter Otto von Grandson im Zweikampf
von seinem Ankläger, dem Ritter Gérard d'Estavayer getötet. Otto war
der Mitschuld an der Ermordung des "roten Grafen" Amadeus VII. von
Savoyen angeklagt und Estavayer hat als Kämpe der Stände von Waadtland
gefochten. Der Fall erregt großes Aufsehen, weil hier wirklich einmal
etwas stattfindet, was dem stets nur angekündigten, aber nie
durchgeführten Fürstenzweikampf nahekommt.
"197. So man schrieb 1397 nach römischem Stil, auf den sechzehnten
Tag des Februar, genannt die Sporkel, war ein regnerisches Wetter,
und besonders auf den genannten Tag zur Vesperzeit erhob sich ein
großer Sturmwind und dazu großer Regen, großer Donner und Blitze.
Das währte die ganze Nacht bis an den Tag. Und es geschah viel
Schaden von dem Winde an Dächern und Häusern, und die Gewässer
wurden groß, so daß die Lahn bei Limburg fünfzehn Fuß hoch über
ihr gewöhnliches Bett ging. Und zu Straßburg verbrannten zur
selben Zeit mehr denn sechshundert Häuser.
198. In demselben genannten Jahre wurden zu Mainz zwei Bischöfe
gekoren. Von diesen war der eine von Nassau, mit Namen Johann, und
der andere von Leiningen, genannt Schaffart. Der von Nassau,
Johann, behielt das Bistum ohne Widerstand.
199. In demselben vorher genannten Jahre verbrannten zu Koblenz
mehr denn zweihundert Häuser. Das Feuer ließ ein Ritter von
Ehrenberg anlegen; dieser war ein Feind der Stadt. In derselben
Zeit verbrannte Wittlich im Stifte Trier beinahe gänzlich. Das tat
auch der vorher genannte Ritter von Ehrenberg; er bestellte, daß
es geschah.
200. Da man schrieb 1397, in dem Mai, da kamen die Fürsten von
Deutschland nach Frankfurt und hatten einen großen Rat und
Concilium und kamen überein wegen eines Landfriedens. Sie lagen
dort acht Tage mit großem Aufwand und großer Herrlichkeit.
Namentlich hatte der Römische König und König zu Böhmen,
Wenzeslaus, seine ganze Macht dahin gesandt. Und in dieser Zeit
waren zwei Bischöfe erwählt zu Mainz, wie vorher geschrieben
steht; sie hatten beide dort keine Macht. Es war da Herr Friedrich
von Saarwerden, Erzbischof zu Köln, Werner von Falkenstein,
Erzbischof zu Trier, der Bischof von Würzburg, von Bamberg, von
Speyer und viele mehr Pfaffen, Fürsten und Herren: Herzog Ruprecht
von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog Stephan, Herzog Wilhelm,
Herzog Klemme und Herzog Heinrich, Herzöge zu Bayern. Herzog
Leopold von Österreich lagerte da mit großer Herrlichkeit, so daß
er ausrufen ließ, wer da wolle essen, trinken und Futter haben für
seine Pferde um Gottes Lohn und Ehre, der solle zu seinem Hoflager
kommen. Er gab alle Tage etwa viertausend Pferden Futter.
Auch Landgraf Hermann zu Hessen war da mit mehr denn fünfhundert
Pferden. Auch waren da die Markgrafen von Meissen, Markgraf
Friedrich und Markgraf Georg und hatten an zwölfhundert Pferde,
ferner Herzog Otto von Braunschweig, der Markgrat von Baden und
der Burggraf von Nürnberg, so daß der Herzöge und Fürsten da waren
zwei und dreißig. Dazu des Königs von Frankreich Rat, ferner Graf
Philipp, Graf Johann, Graf Heinrich von Nassau, Graf Eberhard,
Graf Diether und Johann, Grafen zu Katzenelnbogen, Graf Günther,
Graf Heinrich und Johann zu Schwarzburg, Graf Simon von Spanheim,
Johann, Herr zu Limburg, Graf Adolf von Diez und Graf Otto von
Solms. Diese Grafen und Herren alle zu nennen, würde zu viel, denn
die Summe der Grafen und Herren belief sich höher als auf
anderthalb hundert. Und sie bestimmten einen anderen Tag wieder zu
Frankfurt auf nächsten St. Jakobstag. Auch waren allda
dreizehnhundert Ritter und dreitausendsiebenhundert Edelknechte;
sodann waren dort fünfeinhalbhundert fahrender Leute, wie
Spielleute, Pfeifer, Trompeter, Sänger und fahrende Schüler.
201. In diesem selben Jahre, in dem Mai, da warf Landgraf Hermann
von Hessen in dem Felde bei Homberg mehr denn hundert der Buchener
nieder und nahm ihnen mehr als anderthalb hundert gesattelter
Hengste weg. Das geschah in offener Fehde.
202. In dieser selben vorher genannten Zeit, in dem vorher
genannten Mai, da stand das Korn und auch der Wein gemeinsam in
Blüte. Und das Korn verblühte in diesen Landen rasch und wurde
schon im Mai reif. Man schnitt reifes Korn für Brot um die
heiligen Pfingsttage zu Boppard, zu Koblenz und woanders an vielen
Orten. Der Malter Korn blieb bei einem Gulden, und der Wein, der
beste, galt eine Quart vier Heller zu Limburg. Und eine Quarte für
drei Heller, für zwei Heller und einen Heller war auch gut zu
trinken. Das währte ein Jahr.
203. In diesem Mai und den vorher genannten Zeiten wurde Herr
Philipp, Herr zu Falkenstein, gefreit zu einem Grafen zu
Falkenstein. Das geschah zu Frankfurt von dem Römischen König
Wenzeslaus, König zu Böhmen.
204. In diesem vorher genannten Mai und zur vorgenannten Zeit
brannten zu Erfurt durch von selbst entstandenes Feuer mehr denn
tausend Häuser ab; an Früchten und an Waid entstand gar großer
Schaden.
205. In demselben vorher genannten Jahre, in dem Monat, der zu
Latein Junius heißt, am zweiten Tag nach St. Bonifatiustag, war
ein großer Streit vor Kleve in Niederland. Das kam so. Der Herzog
von Berg ward Feind des Grafen von der Mark und des Grafen von
Kleve und zog in das Klevische Land mit fünfhundert Rittern und
Knechten, die brannten, verwüsteten und spielten sich gar herrisch
auf. Da begegneten ihnen die vorher genannten Grafen von der Mark
und von Kleve vor der Stadt Kleve. Die hatten an vierhundert
Ritter und Knechte und dazu Bürger und ihr Landvolk, deren waren
auch an vierzehnhundert Mann. Und sie stritten gar feindlich und
es blieben an vierhundert Mann tot, teils hier, teils dort. Und
die Grafen von der Mark und von Kleve behaupteten das Feld und
fingen den Herzog von Berg und den Herzog von Jülich und dazu
einen Grafen von Sayn und einen Herrn von Westerburg. So wurden
Grafen und Herren und andere Ritter und Knechte, sowie an
neunhundert gewappnete Mitreiter gefangen und an hundert Knappen.
Sie nahmen ihnen mehr denn sechzehnhundert Pferde in diesem
Streite ab. Es ertranken auch beinahe sechzig Knappen, die die
Pferde von dannen führen wollten, als sie sahen, daß ihre Herren
unterlagen und das Feld verloren hatten.
Auf diesen Streit sind Verse gemacht:
"Audi Montensem ducem vitiasse Clevensem
Terram cum viris miris ad prelia diris.
Quos tunc Marchenses, Clevenses dire per enses
Vincunt bellando, captando, compeditando,
Annis millenis centenis ter nonagenis
Et sex finitis septene lunie ritis."
["Hör', wie der Herzog von Berge Klevische Lande
verheerte Mit seinen wunderbaren kämpf es mutigen
Scharen. Märker und Klevische Mannen schlagen diese
alsdannen Und führen sie gefangen, mit Beinschellen
behangen, Nachdem dahingefahren tausend dreihundert
an Jahren Außerdem sechsundneunzig, im Juni den
siebten, da trifft's sich".]
206. In demselben vorher genannten Jahre, da ward der edle Graf
von der Mark erschossen von seinen Feinden in Westfalen vor Limburg."
[Limburger Chronik]
1398 Früheste Darstellung von Schlittschuhläufern. Es geht um Lydwina van
Schiedam, die sich beim Schlittschuhlaufen die Rippen bricht, dadurch
lebenslang bettlägerig und dabei fromm wird und später seliggesprochen
wird.
In Göttingen wird verboten, den Mist länger als zwei Nächte auf der
Straße liegen zu lassen.
Älteste Nachricht über die Eichelsaat.
In Nürnberg gibt es (unter den Wundärzten) einen Spezialisten für
Brüche und Steinleiden.
Der Wiener Bürger Konrad Rampersdorfer läßt das Testament seines
Dieners im Stadtbuch verzeichnen. Dessen Kleidung soll für die
Bezahlung von Schulden verwendet werden. Vom Rest sind zwei fromme
Stiftungen zu machen, was aber nicht viel sein kann. Weiter: "Und hat
auch an seinen lesten zeiten verholen, das er nicht anders gehabt
hab, das hab er seinen swestern zu Steyr gesant."
Februar: Die französischen Überlebenden von Nikopol erreichen
Frankreich. Ihre Niederlage wird mit Feiern und Pomp verdeckt.
Ein Konzil in Paris entbindet die Gläubigen von der Gehorsamspflicht
gegenüber Papst Benedikt XIII. (Avignon); dieser jedoch kann bald
die Stimmung wenden.
Der Stecknitzkanal zwischen Elbe und Trave ist nach sieben Jahren
Bauzeit vollendet. Diese erste künstliche Wasserstraße des nördlichen
Europas hat 15 Schleusen. Dieser 97 km lange Wasserweg (Luftlinie: 55 km)
verbindet Lübeck über Trave, Stecknitz, Möllner See, de nyge graven und
Delvenau mit Lauenburg an der Elbe. Die Fahrzeit beträgt zwei bis vier
Wochen. Lübeck hat für den Durchstich zur Delvenau und deren Ausbau 3000
lübische Mark an Herzog Erich IV. von Sachsen-Lauenburg gezahlt und
erhält dafür für 17 Jahre alle Einnahmen aus dem Kanal (danach Teilung
mit dem Herzog). Die lübischen Stecknitzschiffer haben zwar faktisch das
Transportmonopol über den Kanal, sind aber von den lübischen Salzherren
abhängig. Es können den Kanal nur kleine Schiffe befahren, nicht etwa
Koggen. Dadurch wird der Salztranspoert billiger. Der Kanal ist zwar
nicht bedeutend genug, um den Transport anderer Güter über Land zwischen
Hamburg und Lübeck zum Erliegen zu bringen, dennoch ist diese Verbindung
wirtschaftlich nicht zu unterschätzen.
In Basel wird die Ringmauer um alle Vorstädte (im Bau seit 1386)
fertiggestellt.
"207. Da man schrieb 1398, da kam der Römische König Wenzeslaus,
König zu Böhmen, und die Kurfürsten und viele andere Fürsten, wie
sie vorher aufgezählt sind, nach Frankfurt, wie von ihnen vor
einem Jahr bestimmt worden war, und hatten, um der heiligen Kirche
und des Römischen Reiches und der gesamten Welt willen, einen
großen weisen Rat und ein Concilium und kamen wegen eines
allgemeinen Landfriedens überein.
208. In demselben vorher genannten Jahre, in dem August, da zog
die Frau, eine Herzogin von Brabant, gegen den Herzog von Geldern
und den Herzog zu Jülich mit großer Gewalt und Herrschaft, da sie
mehr denn viertausend Ritter und Knechte und mehr denn
hundertsechzigtausend Leute zu Fuß, wohl ausgerüstet und
gewappnet, hatte. Sie lagen in dem Lande Jülich einen ganzen Monat
und taten den Leuten und dem Lande großen Schaden.
209. In demselben Jahre, am zweiten Tag nach St. Bonifatius, da
brannte zu großem Schaden das Münster und Stift zu Fulda infolge
eines Wetters ab. Das Münster mit seinem Zugehör war ganz mit Blei
gedeckt. Das verbrannte alles, mit Türmen und Glocken, mit einem
solchen Schaden, daß der Schaden höher als achtzigtausend Gulden
geschätzt wurde." [Limburger Chronik] Die Limburger Chronik endet hier.
[Sie ist im Rahmen dieses Textes übrigens zu über 90% wiedergegeben
worden.]
1399 In der Pfarrkirche zu Alt-Thann wird für das Rappoltsteiner
Pfeiferkönigreich ein eigener Altar gestiftet. Der Bischof von Basel
steuert noch einen Ablaßbrief bei.
In Ulm verbietet der Rat die vorkragenden Obergeschosse der Häuser
(Überhänge). Dieses Verbot wird 1420 widerrufen.
Glücksspielverbot in Göttingen.
In Breslau hat es in den letzten 42 Jahren 243 Totschläge gegeben.
13. Oktober: Ein Bankett anläßlich der Krönung Heinrichs IV. von England:
1. Gang: Weißes Fleisch vom Kapaun in Pfeffersoße, Königsfleisch,
Wildschweinkopf, Rind- und anderes Fleisch, Schwan, gemästeter Kapaun,
Fasan, Reiher, lombardische Kuchen, Stör, Hecht, eine Überraschung.
2. Gang: Wildbret in Mus, Gelee, gefülltes und scharf gewürztes Spanferkel,
Pfau, Kranich, gebratenes Wildbret, Hase, Rohrdommel, goldbraunes Huhn,
große Kuchen, gebratenes weißes Fleisch vom Kapaun, lombardische Schnitten,
eine Überraschung.
3. Gang: Weißwein aus Syrien, eingemachte Quitten, Silberreiher, Brachvögel,
Rebhühner, Tauben, Wachteln, Schnepfen, kleine Vögel, Kaninchen, Orangen,
weißes Geflügelfleisch in Scheiben, Eier in Gelee, kleine gebratene Fische,
Süßigkeiten, kleine Pasteten, Lilientopf, eine Überraschung. [nach Austin,
Two Fifteenth, S. 57]

14. Jh. Am Anfang des 14. Jhs. verbietet der Rat von Luzern folgende
Aktivitäten auf dem Kirchhof: Kegeln, Kugelspiel, Stechen, Turnieren,
Armbrustschießen und Steinstoßen.
Zu Beginn des 14. Jhs. findet sich erstmals - in einer griechischen
Handschrift - der Brauch, in der rechten unteren Ecke der Verso-Seite
des letzten Blattes einer Lage eines Buches sogenannte Reklamanten
anzubringen. Es sind dies ein oder zwei Wörter oder ein Wortteil,
womit der Text auf der nächsten Seite beginnt. Dieses Praxis findet
sich in vor allem westlichen Handschriften der Renaissance und später
im gedruckten Buch bis ins 18. Jh.
Im ersten Drittel des 14. Jhs. tritt ein tiefgreifender Wandel in der
Bekleidung ein: "unzüchtige" kurze und enge Röcke kommen auf, die
Kopföffnungen der Kleider werden vergrößert, daß bei Männern Brust
und Schultern sichtbar werden; bei den Frauen gelangen die
Körperformen in einem Ausmaß zur Geltung, daß man meint, sie wären
nackt. Bei den Männern erscheinen enge körperbetonte Beinlinge und
enge Schuhe, z.T. Schnabelschuhe. Die Kleiderränder werden gezaddelt
und ein schmaler tiefsitzender Riemen dient als Gürtel. In allen
Schichten kommt die Gugel auf, seit dem 12. Jh. eine eher zum Mantel
gehörige Zwecktracht. Zu dieser Zeit kommt auch die Mode auf, die Gugel
mit dem Gesichtsloch nach unten auf den Kopf zu legen, wobei Kragen
und Kapuze lose an den Seiten herunterhängen.
Die Ärmel werden sehr vielfältig und können aus verschiedenen Stoffen
gefertigt oder mit Silberplättchen verziert sein. Die Männer lassen sich
lange Bärte wachsen und tragen wie die Frauen langes, mit Brenneisen
gekräuseltes Haar. Daran ist zu erkennen, daß der traditionelle
Ordnungsgedanke in Frage gestellt wird und ein neues
Persönlichkeitsbewußtsein aufkommt.
Die Beförderung zum Ritter geschieht mittlerweile durch den
Ritterschlag (früher durch die Schwertleite).
In Florenz besucht jedes zweite Kind die Schule.
Die Stadt Köln legt bei den Weiden einen Schöpfbrunnen für die
durchziehenden Aachenpilger an. Die Gefäße werden dabei mit Ketten
vor Diebstahl gesichert.
In den 1340er Jahren wird in Münster (Westfalen) eine große Zahl
kostbarer Gewandschließen als Schatz vergraben.
In Europa tauchen die ersten Sanduhren auf. Ihre Herkunft ist nicht
geklärt.
Seit Mitte des 14. Jhs. werden im Handwerk arbeitsrechtliche
Regelungen getroffen, Lehrzeit, Arbeitszeit, Lohn und Anzahl der
Lehrlinge und Gesellen festgelegt.
Im niedersächsischen Raum entstehen aus den ursprünglichen
Bauernhäusern die Kübbungshäuser.
Die städtische Prostitution weitet sich erheblich aus, vielleicht im
Zusammenhang mit der zunehmenden Abriegelung der Zünfte und der
daraus folgenden Vermehrung der ledigen Handwerker.
Nach den Stadtrechnungen von Hildesheim wird dort gerne Kirschwein
getrunken, auch im Rat, und man bewirtet den Bischof und den Herzog
von Lüneburg damit.
In der zweiten Hälfte des 14. Jhs. wandern deutsche Waffen- und
Rüstungsschmiede in Frankreich ein, weil ihre Dienste dort geschätzt
werden.
Im letzten Viertel des 14. Jhs. erwirbt Hamburg, das jetzt etwa 7500
Einwohner hat, nacheinander die Ortschaften Moorburg, Hammerbrook,
Horn, Billhorn, Boizenwerder, Hamm, Ochsenwerder, Moorwerder,
Billwerder, Finkenwerder, Altenwerder, Kattwyk und Griesenwerder,
ferner Eimsbüttel, langenhorn, Klein-Borstel, Fuhlsbüttel, Ellbek und
Borgfelde.
Ende des 14. Jhs. ist es üblich, ritterliche Söldner bereits in
Friedenszeiten zu verpflichten und ihnen "Wartgeld" zu zahlen. Diese
Wartgeldempfänger sind oft die Anführer von lockeren
Soldgesellschaften.
Seit dem späten 14. Jh. gibt es auch in Städten (Bern, Nürnberg und
Wien) Metschenken und Metsieder.
Im ausgehenden 14. Jh. erobern die Schellen als typisch deutsche
Modeerscheinung, ausgehend von Gürtel, viele andere Stellen der
Kleidung (z.B. gewandsaum oder Ärmel).
Seit Ende des 14. Jhs. findet bei den Frauen der deutschen Bürger die
Hörnerhaube Verbreitung. Diese Haube umhüllt zwei seitlich über den
Ohren hochgesteckte Haarkegel.

1400 Vor 1400: Erlaß der "Dresdner Willkür", der Rechtssatzung der Stadt
Dresden.
In Breslau muß ein Bürger, der einem Stadtvogt unehrerbietig begegnet
ist, zehn Mark und ein anderer wegen "Unbescheidenheit" vor dem Rat 20
Mark zahlen.
In Nürnberg besteht eine Waldsamenhandlung. Die Stadt wird der
bedeutendste Waldsamenlieferant in Europa. Nürnberger Waldsäer werden
bald in ganz Europa herangezogen.
In Frankfurt hält der Rat ab diesem Jahr Getreide auf Vorrat.
Es stirbt Baldus de Ubaldis, einer der bedeutendsten italienischen
Kommentatoren des römischen Rechts. Durch die Tätigkeit der
Kommentatoren ist das römische Recht mit dem lombardischen Feudalrecht
und Elementen des Kirchenrechts vermischt worden. Dieses Konglomerat
wird als "ius commune" bezeichnet.
Memmingen hat eine Mädchenschule. Dem Schulmeister, der für ein Jahr
ernannt wird, wird verboten, dort auch Knaben zu unterrichten.
In Heinsberg geben sich die Bogenschützen eine Satzung. Gleiches tun
die "Papageienschützen" zu Wismar.
Der Seeräuber Störtebeker wird von den Hamburgern, die eine eigene
Kriegsflotte aufgebaut haben, vor Helgoland gefangengenommen und noch
im Oktober in Hamburg auf dem Grasbrook enthauptet.
In Frankfurt sind in den letzten 34 Jahren 135 Personen hingerichtet
worden.
Es wird wieder ein Jubeljahr ausgeschrieben.
Es stirbt Geoffrey Chaucer (60).
In Amsterdam werden ab diesem Jahr die jährlich wechselnden vier
Bürgermeister vom Alten Rat gewählt, welcher aus aktiven und ehemaligen
Schöffen und ehemaligen Bürgermeistern besteht, wodurch die Stadt vom
Landesherrn relativ unabhängig wird.
20. August: Der unfähige König Wenzel (39) wird abgesetzt. Neuer König
wird der Wittelsbacher Ruprecht von der Pfalz (48; bis 1410).
Ca.: Der Elbe-Stecknitz-Kanal wird fertiggestellt. Es ist der erste
deutsche Kanalbau. Er überwindet mit mehreren Schleusen einen
Höhenunterschied von fast 5 Metern.
Ca.: Erst jetzt erhält Düsseldorf den großen Marktplatz.
Ca.: Die Stadt Basel erläßt ein Seuchengesetz: Es wird allen an
Beulen, Lungenschwindsucht, Epilepsie, Krätze, Antoniusfeuer, Milzbrand
und Aussatz befallenen Personen bei Strafe der Ausweisung verboten,
ihren Mitbürgern Nahrungsmittel anzubieten.
Ca.: In Deutschland sind etwa 2000 Studenten eingeschrieben.
Ca.: "Ackermann aus Böhmen" von Johann von Saaz.
Ca.: Frankfurt, Ulm und Augsburg haben je etwa 10000 Einwohner,
Lübeck 25000, Stuttgart 4000, Aarau 1300.
Ca.: Schützenfest in München. Der erste Preis ist ein Widder.
Ca.: Gründung der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft (bis 1530),
dem größten deutschen Handelsunternehmen des 15. Jhs. Die Gründer sind
Mitglieder der Familien Humpis aus Ravensburg, Mötteli aus Buchhorn
und Muntprat aus Konstanz. Sie treiben europaweiten Handel auf der
Grundlage der Leinwand- und Barchentherstellung.
Ca.: In Köln wird die Strafe für Metzger, die falsche Gewichte
benutzen (bisher zwei Mark Silber) erhöht, zusätzlich wird eine
einjährige Verkaufssperre verhängt, wobei die Miete für die
Fleischbank dennoch weiter gezahlt werden muß. Die Fischhändler
müssen zwischen zwei und acht Schilling Buße zahlen, wenn sie zwischen
ein und vier Lot zuwenig gewogen haben.
Ca.: Sowohl unter niederen fahrenden Spielleuten als auch unter besser
gestellten Musikern begegnen "orgeler".
Ca.: Tätigkeit der Brüder van Limburg als Miniaturenmaler am Hofe des
Herzogs Johann von Berry.
Ca.: Die Verpflegungsordnung der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung
zu Nürnberg bestimmt für jeden Spitalinsassen pro Jahr: 170 bis 180
kg Roggenbrot, 52 kg Fleisch, 100 Maß Bier, 16 kg Butter und Schmalz,
11 kg Käse sowie in nicht bestimmbarer Menge Mus, Kraut, Rüben,
freitags Milchgerichte, zur Fastenzeit Hering, Trockenfisch oder
Feigen und z.B. Ostern Lamm und Fladen. (Dies ist die Verpflegung
ehemals selbständiger Handwerker.)
Ca.: In Wien stiftet jeder Einwohner durchschnittlich 30 Seelenmessen.
Ca.: Bern ist ein großer Umschlagplatz für Holzprodukte.
Ca.: 80% des Schweizer Fußvolks sind mit Hellebarden bewaffnet.
Ca.: In der Musik werden ab etwa 1400 selbständige, textlos notierte
Vor- und Zwischenspiele notiert.
Ca.: In Kreuzburg (Thüringen) ist in der Bekleidung der Reichen eine
bestimmte Spielart des Dupsings gebräuchlich: "ein silberner Gürtel,
da hiengen Glöcklein an, wenn eines ging, so schellte es um ihn her".
Der Dupsing ist eine schwerer Gürtel, der mit Ketten und Haken
unnatürlich tief an der Hüfte befestigt ist. Dieses reine Dekorations-
oder Repräsentationsstück ist (wie auch die Wattierung) von der Rüstung
entlehnt. Und weiter: "Auch hatten die Männer Hosen ohne Gesäß, banden
sie an die Hemden". Die bisher verhüllten Beinlinge geraten durch die
kurzen Obergewänder in den Blickpunkt, sind dieser Funktion aber
funktionell noch nicht gewachsen. Erst im Verlauf des 15. Jhs. werden
sie zu "einem paar hosen" zusammengefügt. Getrennte Beinlinge bleiben
zu langen Obergewändern (bei der einfachen Bevölkerung) weiterhin in
Gebrauch.
Ca.: Im Nürnberger Handwerk findet sich die Drehbank mit einfachem
Schnurantrieb.
Ca.: Es entsteht das sog. "Große Neidhart-Spiel", in welchem u.a. die
Mode der geschwänzten Gugel verspottet wird: "Ir Kappenzipfel ist
lang und zersnitten, er wischet Ars wol da mitte".
Ca.: Eine Nürnberger Kleiderordnung gibt "den schneydern ain mass" für
die maximal zulässige Breite von Verbrämungen aus Seidenstoffen, und
"das gezaychet mess, das den kürsnern derhalben gemacht unnd in der
canntzley auffgeschlagen ist", soll das Ausmaß der Applikationen "von
rawher ware" regeln.
Ca.: Durch den Bau des Spoykanals wird Kleve zur Hafenstadt.
Ca.: Kranenburg erhält eine Stadtmauer und eine neue Stadtburg.
Nach 1400: Es kommt in der Frauentracht die Mode auf, den Schleier so
kurz zu tragen, daß der Hals bloßliegt. Der Schleier bleibt fortan
bedeutend, bleibt aber in Material und Ausstattung unverändert, bis er
im 16. Jh. von der Haube verdrängt wird.
Nach 1400: In England kommt der Hundeantrieb für das Drehen von
Bratspießen auf: Ein kleiner Hund (meist ein Terrier) in einem
Laufrad dreht über ein Band den Spieß.
1401 Judenverfolgung in Schaffhausen.
Bischof Albrecht von Bamberg schreibt für die Barchentweber in
seinem Markt Kirchdorf an der Krems (Oberösterreich) vor, daß
wöchentlich am Mittwoch und Samstag die Beschaumeister des Handwerks
die Barchente prüfen sollen. Werden Zeug und Maße für gut befunden,
soll das Zeichen eines Löwen in Blei auf das Tuch geschlagen werden.
Barchente, die die erforderliche Qualität nicht erreichen, sollen
zerschnitten werden. Beschaumeister, die mangelhafte Barchente
passieren lassen, sollen der Strafe des Eidbrüchigen verfallen.
In Bologna wird ein Ausschuß eingesetzt, der alle Frauenkleider der
Bürger zu begutachten hat, um ein Luxusgesetz gegen aufwendige
Kleidung durchzusetzen. Es werden 210 Kleider beschlagnahmt.
In Brüssel wird mit dem Bau des Rathauses begonnen.
Der Seeräuber Godeke Michels wird über 70 Spießgesellen auf dem
Grasbrook zu Hamburg enthauptet.
/1402: Errichtung eines "Cour d'amours" am Hofe zu Paris.
Bis 1407: Der deutsche Schlosser Johann steht im Dienste der
Herzogin von Orleans (Schwägerin des französischen Königs) und
fertigt für sie kleine Uhren für einige Innenräume an.
1402 Hamburg besiegt vor Helgoland die Vitalienbrüder. Deren Anführer
Klaus Störtebecker wird hingerichtet.
Bau des Züricher Rathauses - ganz aus Holz mit Fenstern aus Tuch.
Beispiel für ledige Mütter beim Adel: Kaspar von Starkenberg (aus dem
drittmächtigsten Hause in Tirol) notiert bezüglich seiner
unverheirateten Schwestern: "item meiner swester Dorothea 1 Pfund, do
sy aus den Kindpeten gieng und 18 vierer um Senf. Item meiner jüngeren
swestern 4 Pfund um air in die Kintpet."
St. Ulrich und Afra zu Augsburg erhält eine Uhr. Auch diese hat nur
einen Stundenzeiger.
Der Rat von Utrecht erklärt: Wer sein Strohdach entfernen läßt,
erhält kostenlos Dachziegel.
Der Rat von Biberach läßt den Markt mit Kieselsteinen pflastern.
Dabei werden die Hauseigentümer aufgefordert, vor ihren Häusern
gleichfalls zu pflastern.
Bis 1405: Konrad Kyeser, wahrscheinlich ein studierter Mediziner,
wegen angeblicher feiger Flucht in Nikopolis (1396) nach Böhmen
verbannt, verfaßt dort "Bellifortis". Dieses Werk enthält (nach dem
Inhaltsverzeichnis): Planetenbilder, Belagerungswaffen, Wassertechnik,
Steiggeräte, Wurfmaschinen, friedliche und kriegerische Verwendung
des Feuers, Zauberrezepte, Raketen, Flugdrachen, Pulvergeschütze,
chemische Rezepte, Bäder, Hausmittel etc.
Neuer Herzog von Mailand wird Giovan Maria (bis 1412), ein Wahnsinniger,
welcher durch seine Hunde berühmt wird, die zur Menschenjagd abgerichtet
sind und von denen sogar die Namen überliefert sind.
1403 In Wien wird Klage geführt, viele Wirte seine "sündeheger" und
"sündemehrer", weil sie in ihren Gaststätten Dirnen halten.
Zu einem Turnier in Darmstadt, ausgeschrieben von einem Grafen zu
Katzenellenbogen anläßlich der Geburt seines Sohnes kommen 120
fränkische und 144 hessische Ritter mit dem geheimgehaltenen Vorsatz,
miteinander wegen alter Händel von einem vergangenen Turnier zu Wertheim
abzurechnen (es waren die Hessen von den Franken als "Stegreifritter"
und Straßenräuber bezeichnet worden, während die Hessen den Franken
vorgeworfen haben, sie würden den Adel durch Kaufmannschaft
verunehren). Als es die ersten Toten gibt, lassen die (12) Grieswärtel
die Planken und Bretterzäune abtragen, um die Flucht vom Kampfplatz
zu erleichtern. Bis die Kämpfer getrennt werden können, sind 9 Hessen
und 17 Franken tot.
Im Südwesten wird der Rappenmünzbund (ein Münzverein) begründet bzw. erhält
seine endgültige Form. Dieser Zusammenschluß von (schließlich) etwa 80
Städten und anderen Gebieten, darunter Basel, Freiburg, Colmar und den
kaiserlichen Gebieten im Elsaß schafft einen "ewigen Pfennig", d.h. eine
Münze, die von keinem Münzherrn verrufen (entwertet) werden kann. Dieses
System kann 150 Jahre lang stabil gehalten werden. An Münzen gibt es
zunächst den Pfennig oder Stäbler (nach dem Baselstab, dem Bischofstab im
Wappen von Basel) und den Rappen, eine schwarze Silbermünze zu zwei Pfennig.
(Später kommen noch der Plappert, der Dicken und der Batzen hinzu.)
Altendresden erhält Stadtrecht.
Seit diesem Jahr werden in Venedig Neuankömmlinge (wegen Pestverdacht)
während ihrer Quarantäne in eigenen Gebäuden untergebracht, die man später
"lazarettos" nennt.
Grippeepidemie in Deutschland (?).
Bis 1427: In Salzburg nimmt unter Erzbischof Eberhard III., der sich
erst gegen die päpstlichen Kandidaten Berthold von Wehing durchsetzen
muß, die Fehdeführung des Adels überhand. Es kommt dort zu einem
allgemeinen Niedergang und inneren Wirren.
1404 48 Kürschnergesellen aus Böhmen und Tirol schließen sich in
Straßburg zu einer Gesellenbruderschaft zusammen. In diesem
kapitalintensiven Gewerbe ist die Hoffnung, Meister zu werden
besonders gering.
Schützenfest in Kehlheim. Der erste Preis ist ein Mastochse.
Die Synode von Langres verbietet den Klerikern, zu hüpfen oder zu
tanzen.
Der Deutsche Orden versucht, durch ein Ausfuhrverbot von polnischem
Eibenholz (über preußische Häfen) England zu treffen, weil aus diesem
Holz dort Langbogen verfertigt werden.
Die medizinische Fakultät der Universität Wien befaßt sich erstmals
mit dem Apothekerwesen und arbeitet eine Apothekerordnung aus, die
ein Einschreiten gegen Kurpfuscher und andere unbefugt praktizierende
Personen ermöglicht, doch der Rat lehnt diesen Entwurf ab, weil ihr
damit weitgehend der Einfluß auf die steuerkräftigen Apotheker
entzogen würde.
In Wien wird erstmals nördlich der Alpen eine Leiche seziert, jedoch
nur für die medizinische Fakultät, Apotheker und Chirurgen.
In Basel werden die Preise für Arzneimittel festgeschrieben.
Steuern einiger Städte in Pfund Heller pro Jahr: Ulm 700, Konstanz
600, Lindau 350, Kempten 225 und St. Gallen 140.
Altendresden erhält ein Augustinerkloster.
Beispiel für die Denkweise französischer Ritter: Als die Franzosen in
diesem Jahr einen Einfall auf die englische Küste bei Dartmouth
unternehmen, will einer der Anführer, Guillaume du Châtel den
Engländern in die Flanke fallen, die durch einen Graben geschützt
sind. Aber der Sire de Jaille nennt die Verteidiger einen Trupp
Bauern und es sei eine Schande, ihnen aus dem Weg zu gehen und man
solle sich nicht fürchten. Châtel besinnt sich: "Das sei dem edlen
Herzen eines Bretonen ferne, daß er sich fürchte; nun werde ich,
obschon ich eher den Tod als den Sieg voraussehe, das unsichere Glück
in die Schranken fordern." Er schwört, daß er nicht um Gnade bitten
werde und greift an. Die Truppe wird vernichtend geschlagen und
Châtel fällt. (Im Hundertjährigen Krieg sind die Engländer im Vorteil,
weil sie sich mehr von praktischen Erwägungen als vom Idealismus
leiten lassen.)
1405 Vor 1405 hat Bern eine Schlaguhr.
In Straßburg wird versucht, die städtischen Finanzen zu sanieren.
Es wird verboten, etwas an Herolde, Pfeifer oder Trompeter fremder
Herren zu geben, außer wenn König oder Königin das erste Mal in die
Stadt kämen, dann könne der Rat beschließen, den Fahrenden etwas zu
schenken.
In Straßburg gibt es seit diesem Jahr "Horbmeister" ("Mistmeister"),
die darauf zu achten haben, daß ihre Knechte beim Fegen "ihre schellen
...klingeln" lassen, daß zweimal wöchentlich in allen Gassen, deren
Wasserläufe in die Breusch münden, Horb und Unrat entfernt wird. Die
Horbmeister verkaufen den abgefahrenen Mist und Dung.
In Coburg wurd ein volkssprachiges Stadtbuch (stat buch) geführt.
Konrad Kyeser von Eichstädt verfaßt "Belli fortes", das älteste
deutsche Feuerwerksbuch. Darin beschreibt er einen Warmluftdrachen in
Form einer schlangenartigen Tieres aus Pergament, Leinen und Seide, in
dessen Rachen eine Lampe brennt. Ferner wird in elf Versen auch eine
Höllenmaschine beschrieben.
Das Land Appenzell schließt einen Bund mit der Reichsstadt St. Gallen und
löst sich von der Herrschaft des Klosters St. Gallen. Bald schließen sich
fast alle ländlichen und städtischen Gemeinden des Rheintals und Vorarlbergs
dem "Bund ob dem See" an, dessen Verfassung derjenigen der Schweizer
Eidgenossenschaft ähnelt. Der Bund ist gegen die Feudalherrschaft gerichtet,
doch wird ihm kein langes Leben beschieden sein.
1406 Der Warenverkehr zur Frankfurter Frühjahrsmesse ist soweit
zurückgegangen, daß sie nur noch unregelmäßig stattfindet.
Es stirbt Eustache Deschamps (60). Er hat an seinem eigenen Besitz
die Verwüstungen des Hundertjährigen Krieges erlebt. Nur ein kleines
Zitat aus dem umfangreichen Werk: "So müssen die Unschuldigen vor
Hunger umkommen, / Weil die großen Wölfe sich jeden Tag den Bauch
vollschlagen."
Der Rathausturm zu Augsburg erhält eine Uhr.
Aus der Gewichtsordnung von Frankfurt: Auf der Krämerwaage ist ein
Zentner gleich 100 Pfund, auf der "smerwage" hingegen 108 Pfund; die
Krämer dürfen zum Wiegen nur ein Silberpfund von 32 Lot verwenden.
Gewichte bis fünf Pfund sollen grundsätzlich aus Kupfer, Messing
oder Eisen hergestellt werden, über fünf Pfund können sie auch aus Blei
oder Zinn sein. Wer falsche Gewichte benutzt, muß eine Strafe von
einer Mark Silber zahlen, wohingegen ein zu geringes Fleischgewicht
nur mit fünf Schilling Pfennig bestraft wird. Für ein zu kleines
Ellenmaß ist eine Buße von einer Mark Silber zu zahlen. (Die Elle ist
in Frankfurt 54,7 cm lang.)
1407 Im Toggenburgischen wird eine Bruderschaft der "farend lüt, Gyger und
Pfiffer" gestiftet; sie hat in der Heilig-Kreuz-Kirche zu Uznach
bei St. Gallen einen eigenen Altar. Schutzherr ist der Graf von
Toggenburg. Jedes einzelne Mitglied soll ein ehrbares und moralisch
makelloses Leben führen.
In Stralsund verbrennt eine wütende Menge drei Geistliche ("Papenbrand
am Sunde") als Rache für Gewalttätigkeiten, die der Archidiakon von
Tribsees Cord Bonow auf Stralsunder Besitzungen verübt hat.
In Köln sind (nach dem Bürgermeistereid) hohe Strafen für die
Übertretung der Brotgewichtsvorschriften vorgesehen: Ist ein Brot im
Wert von 4 Pfennig um 1 Lot zu leicht, beträgt die Strafe 12 Pfennig;
bei 2 Lot Gewichtsmangel wird das gesamte Brot beschlagnahmt und durch
den Bürgermeister an die Armen verteilt. Malterbrot hat ein
vorschriftsmäßiges Gewicht von 7 Pfund 8 Lot bis 7 Pfund 4 Lot und
kostet im Schnitt 16 Pfennig; bei einem Mindergewicht von 8 bis 10 Lot
droht eine Strafe von 18 Mark Silber; bei über 10 Lot Gewichtsmangel
wird die Bäckerei für ein Vierteljahr geschlossen. Weiterhin wird zu
Köln für Holzkohle ein Meßzwang eingeführt (Strafe: Fünf Mark Silber).
Aus der Ordnung der Kölner Sartuchweber: Ein Sartuch (Barchent) muß
nach der Bleiche 52 Ellen lang und mindestens eine Kölner Elle breit
sein. Für das beste Markenzeichen (drei Kronen, das Kölner Wappen)
muß es acht Pfund Baumwolle enthalten; für 7,5 Pfund Baumwolle gibt
es noch zwei Kronen und darunter nur eine Krone.
Für die Marienkirche in Lübeck wird eine astronomische Kunstuhr gebaut.
Das Leibgedinge einer Frau in Freiburg i. Br. sieht eine Tagesration
von 450 bis 508 Gramm Brot vor.
Bis 1669: Wesel (Hansestadt) ist ein bedeutender Hafen des Herzogtums
Kleve.
Gründung des fränkischen Münzvereins.
1408 Die Pariser Universität erklärt Papst Benedikt XIII. (zu Avignon,
alias Peter von Luna) seiner Würde verlustig. Der König bestätigt für
Frankreich die Gehorsamsaufkündigung.
In Augsburg beträgt der Anteil der Vermögenslosen nach den
Steuerlisten 33,7% - niedrigster Stand des 15. Jhs.
Braunschweig hat eine Schlaguhr.
Erster erhaltener Prüfungsbericht über die Qualität des Biers und
den zulässigen Gewinn der Brauer von Köln.
Der Herzog von Burgund besitzt einen Ring, von dessen Edelstein es
heißt, er beginne zu schwitzen, wenn er in die Nähe von Gift gebracht
würde.
Der "Bund ob dem See" (siehe 1405) wird von einem Adelsheer ("Gesellschaft
mit St. Jörgenschild") besiegt und bricht zusammen.
Bis 1416: Unruhen in Lübeck.
1409 Juni: Den Streit zwischen zwei konkurrierenden Päpsten "schlichtet"
ein Konzil zu Pisa, indem es einen dritten Papst wählt: Alexander V.
(vormals Bischof Pietro Filargis von Mailand). Zwei Figuren (!) der
anderen Päpste werden als Ketzer verbrannt.
4. September: Alexander V., der dritte Papst schickt eine Bulle an
den Franziskaner Ponce Fougeyron, seines Zeichens Generalinquisitor
für die Diözesen Genf, Aosta und Tarentaise, die Dauphine, das Comtat
Venaissin sowie Avignon. Sie beinhaltet, daß offenbar in obigen
Gebieten einige Christen zusammen mit Juden insgeheim neue Sekten
und verbotene Riten eingeführt hätten. Zudem würden dort Christen und
Juden Hexerei, Wahrsagerei, Dämonenbeschwörungen, magische
Verwünschungen, Aberglauben etc. praktizieren; konvertierte Juden
würden rückfällig und verbreiteten den Talmud, und schließlich würden
Christen und Juden versuchen, die Zinsleihe zu rechtfertigen.
Einen Monat später wird Fougeyron mit 300 Goldgulden in seiner
Tätigkeit unterstützt.
Gründung der Universität Leipzig. Aus diesem Jahr hört man von dort
auch, daß vor dem Hallischen Tor die Dirnen durch Worte und Gebärden
werben.
Der Rat von Freiburg verbietet "Straßenschlachten" zwischen deutschen
und französischen Kindern.
Nach einer Ordnung in Basel werden für Schürlitz (Basler Name für
Barchent) je nach Qualität drei Markenzeichen vergeben: Die beste
erhält einen Ochsen, die nächste einen Löwen und die dritte eine
Traube.
Ein Brand in Kalkar beschädigt die romanische Kirche St. Nicolai.
Die Brauordnung von Landshut weiß um den "grossen presten (Mangel)
der yetzo lang zeit gewesen ist in ier stat von argem und posem pir"
(wegen schlechtem Bier).
Aus diesem Jahr stammt der älteste erhaltene schottische Dudelsack. Mit
wenigen Veränderungen gleicht er dem heutigen Dudelsack der schottischen
Highlands, der eine konische Bohrung hat und eine Melodiepfeife mit
doppeltem Rohrblatt und acht Fingerlöchern.
In Lüneburg werden Stadtbücher geführt, welche man hier (wie auch in
Braunschweig seit Mitte des 14. Jhs. und in Bremen seit Mitte des 15.
Jhs. "Gedenkbücher" heißen.
In Valencia richtet der Mönch Joffre nach maurischem Vorbild ein
Asyl für Geisteskranke ein.
In Tirol wird als ritterlicher Verein der Elefantenbund gegründet.
1410 Toulon: "Einem alten Brauch der Stadt Toulon zufolge rüsten am
Ostermontag Seeleute und Einwohner unserer Stadt Boote zu einem Kampf
auf dem Wasser, der quintaines genannt wird. Dieser Kampf muß
zwischen den beiden Parteien ehrlich und ohne Trug ausgetragen werden;
nach seiner Beendigung kommen alle zu einem Trunk zusammen und
feiern den Sieger mit Trompeten und anderen Instrumenten." Dazu wird
das Heck der teilnehmenden Barken verlängert, daß zwei mit stumpfen
Lanzen und Schilden bewaffnete Kämpfer darauf Platz finden. Wer ins
Wasser fällt, hat verloren. Fallen beide ins Wasser, schwimmen sie
aufeinander zu und küssen sich zweimal auf die Wange.
In Göttingen verbietet der Rat den Vogelfang, weil dadurch die
Saaten zertrampelt würden.
In Basel tritt eine Spielmannsgruppe namens "Hoppertantz und sine
gesellen" auf.
In Basel erhält der Ratspfeifer pro Woche 16 Groschen, ein Ratsknecht
hingegen nur 10 Groschen und ein Wachtmeister nur 4 Groschen.
In Nürnberg wird ein Mann für ein halbes Jahr der Stadt verwiesen, weil
er Würfel verliehen hat.
Herzog Friedrich IV. von Tirol erbeutet am bischöflichen Hof von
Trient u.a. sechs Gabeln.
Bei den Frankfurter Schreinern dürfen nur vier ausgewählte Personen
das Holz für das gesamte Handwerk kaufen.
In Hildesheim erwähnen die Stadtrechnungen "linlachen" (Leinwand) für
die Fenster der Ratsstube (als Kälteschutz mangels Glas).
Eine Grundherrschaft in Vilseck (Oberpfalz) garantiert ihren Bauern die
freie Entnahme der für den Neubau eines Bauernhauses nötigen Holzmenge,
"wenn ein not antriffet von brunst oder von alters wegen, das ein haws
umbfellet oder das ein haws erfawlt ist, also daz man das geswell [die
Grundbalken] mit einem fuss mag herawßgestossen."
Es stirbt Francesco di Marco Datini (75), ein Tuchgroßhändler aus Prato mit
Handelshäusern in Avignon, Florenz, Pisa, Genua, in Spanien und auf Mallorca.
Er vermacht sein Haus in Prato den Armen. Unter der Treppe dieses ehemaligen
Hauses wird man im Jahre 1870 seine Hinterlassenschaft finden: Etwa 500 Haupt-
und Geschäftsbücher, etwa 300 Gesellschaftsverträge, Versicherungspolicen,
Frachtbriefe, Wechsel und Schecks und dazu 140000 Briefe.
Weimar erhält Stadtrecht.
Alexander V., der dritte Papst stirbt. Sein Nachfolger wird Balthasar
Cossa als Johannes XXIII.
Der Deutsche Orden unterliegt den Polen bei Tannenberg.
König Ruprecht von der Pfalz (58) stirbt. König wird Sigismund (42), der
bereits König von Ungarn ist.
Ca.: Vermutlicher Bau der schweren Steinbüchse "Faule Magd". Es handelt
sich um ein Stabringgeschütz, d.h. das aus Stäben geschmiedete Rohr ist
mit (46) Ringen verstärkt. Zum Einsatz wurde diese Kanone auf dem
Erdboden in ein aus Balken gebildetes Widerlager gebettet (woraus sich
die Bezeichnung "Legstücke" ableitet). Eine Seitenausrichtung ist nur
durch Neuausrichtung der gesamten Bettung möglich. Technische Daten:
Kaliber: 345 mm; Rohrlänge: 2,33 m; Masse des Rohres: 1383 kg;
Geschoßgewicht: ca. 45 kg; Treibladung: ca. 6,5 kg.
/1411: In Basel, wo bisher nur gelegentlich, meist in Kriegszeiten,
Pfeifer von der Stadt bezahlt worden sind, setzen nun regelmäßige
Ausgaben für ihre Besoldung ein.
1411 In Schlettstadt wird jemand, der eine Dirne "übellich geslagen" hat,
der Stadt verwiesen.
Eine Randbemerkung zum französischen Gesetz von 1397 gegen das
Fluchen: "All diese Flüche sind heutzutage, 1411, überall im Land
ganz allgemein im Schwange, ohne irgendwelche Bestrafung zu finden."
Besonders die Burgunder gelten als Erzflucher.
Nach einer Nachricht von Hans Vintler sind noch nicht einmal adlige
Damen davor gefeit, sich für repräsentative Kleidung ihre Nahrung vom
Munde absparen zu müssen: "Nu secht neur zue, wie rain uns schirt / die
arme edel (Adlige) in diesem lant. / so wil si haben ain gewant / von
perlein und von spangen, / darinn so wil si prangen / neben der hohen
fürstin, / und hat die weil ir chuchen inn / nicht als vil, das man /
geziehen möcht davon ain han / und will dannoch als edel sein, / und
mues doch oft wasser für wein / an irem tische trinken, / und manigen
durren schinken / mues si essen von dem kastraun. / das ist ir wildprät
und kappaun." Weiter findet sich hier die "widerwärtichait", daß Frauen
Männerkleidung tragen: "Doch vindt man manige also getan, / die do
pruech und hosen trait, / und sol dannoch sein ain mait, / aber es ist
unweipleich, / wann iedermann sol mit seim geleich / tragen, als das
im püret an."
Aus diesem Jahr stammt die Darstellung einer Seilschwebebahn. Bis eine
solche aber tatsächlich einmal (zu Danzig) gebaut werden wird, werden
noch 233 Jahre vergehen.
Grippeepidemie in Deutschland (?).
Und 1450: In Köln werden die Maße für Ziegel festgesetzt: Länge ein
Fuß, Breite 1/2 Fuß, Höhe 1/4 Fuß.
1412 Am Marktplatz von Bremen wird als Zeichen der Stadtfreiheit der
Roland errichtet. Die Rolandsfiguren erscheinen seit dem 13. und 14. Jh.
in zahlreichen norddeutschen Städten, besonders in jenen mit Magdeburger
Recht. Insgesamt sind 42 Rolandsfiguren bekannt.
An der Wasserleitung von Ausburg experimentiert man mit neuen
Materialien, aber die Röhren aus Eisen und Ton bewähren sich nicht,
und so wird wieder auf Holzröhren zurückgegriffen.
In Basel hält man Singvögel.
Im Blenio-Tal (Tessin) wird den vier Söhnen eines Priesters das
Bürgerrecht nur deshalb verwehrt, weil seine langjährige Konkubine
und Mutter seiner Kinder mit einem anderen Mann verheiratet ist.
In Ungarn gibt es erste, schwach bleibende Versuche eines Städtebundes,
und zwar zwischen Leutschau, Preschau, Bartfeld und Kleinszeben. Es haben
aber bereits Ende des 14. Jhs, die sieben niederungarischen Bergstädte
städtebundähnliche gemeinsame Beratungen gepflegt.
Dänemark übernimmt (wieder) Flensburg.
1413 In Würzburg wird das Getränkemaß "Eimer" um vier Maß verringert, um
die Einnahmen aus der Getränkesteuer ("Ungeld") zu erhöhen. Das es
deswegen zu heftigen Protesten der Bürgerschaft kommt, wird diese
Änderung fünf Jahre später wieder abgeschafft.
In Bautzen beim dortigen Dorotheenspiel klettern undisziplinierte
Zuschauer auf ein Dach, um besser sehen zu können, wodurch ein Stück
Mauer zum Einsturz gebracht wird. Es gibt 33 Tote und zahlreiche
Schwerverletzte. [Nach der lateinischen Annalenhandschrift des
Bautzener Domstifts. In: Bautzener Geschichtsblätter 1, 1909, S. 10]
Kaiser Sigmund wird mit seinem Gefolge im Frauenhaus von Bern
freigehalten.
Am 17. Mai schließt Petrus von Pontirono, Probst von Biasca im Tessin
(seit vor 1405 bis 1437) mit seiner Konkubine Katherina von Verzasca
(aus Iragna) einen regelrechten Ehevertrag - in Anwesenheit und mit
Zustimmung ihres Vaters. Sie erhält eine Aussteuer von 50 Lire und
verpflichtet sich, mit dem Probst wie eine Ehefrau zusammenzuleben,
welcher wiederum ihre Versorgung übernimmt. Aus dieser Verbindung
gehen fünf Kinder hervor, die alle gut versorgt werden.
1414 König Siegmund setzt seinen Herold Paul "Romreich" als Heroldskönig
für das ganze Reich ein, doch kann sich diese Institution nicht
durchsetzen.
In Schlettstadt wird ein Kürschnerknecht irrtümlich gefangengesetzt,
der im Hurenhaus eine Frau geschlagen hat. Man hat nicht gewußt, daß
es sich dabei um dessen eigene Frau gehandelt hat. (Demnach: Seine
Frau darf man schlagen, eine Dirne nicht.)
Eine Chronik berichtet, daß "huosten durch alle lant" auftritt, "und
sturbent vil lüte daran." Möglicherweise eine Grippeepidemie.
Satzung der "St.-Georgs-Schützengesellschaft der Patrizier" zu Danzig.
Bis 1418: Konzil von Konstanz. Der Quartiermeister von Herzog Rudolf
von Sachsen ermittelt 700 "offene frouwen" (öffentliche Dirnen) und
gibt zu, die heimlichen seien gar nicht alle zu erfassen. Von einer
dieser Frauen heißt es, sie habe ein Vermögen von 800 Gulden
erworben. In gewissen Häusern sollen im Schnitt 30 Dirnen logiert
haben, meist etwas abgelegen, so etwa im "süßen Winkel" der Vorstadt
Stadelhofen. Viele hausten aber auch in Ställen oder gar in
Weinfässern. Bis 1418 sollen sich in Konstanz 1500 von ihnen
aufgehalten haben, daneben auch 1700 Spielleute. Die Angaben über
die Auftritte der letzteren schwanken zwischen 146 und 516 pro Tag.
Es kommen 33 Kardinäle, 900 Bischöfe und 2000 Doktoren.
Aus Ulrich Richentals "Chronik des Konstanzer Konzils" ist eine
große Vielfalt von zur Verfügung stehenden Lebensmitteln zu ersehen:
An erste Stelle steht Weißbrot, gefolgt von Brezeln und Ringen,
verschiedenen Pasteten, gefüllt mit Hühnern und Fleisch, und Hafer
für Mus sowie Erbsen, Bohnen, Linsen und Gerste als Zumus. An Gemüse
werden Zwiebeln, Rüben und zwei Sorten Kraut erwähnt. Es gibt sechs
Sorten Wein, darunter Malvasier (aus dem griechishen Monemvasia),
Reinfal (aus der Gegend um Rivoglio in Istrien) und Elsässer.An
Fleisch gibt es Schwein, Rind, Lamm, Wildbret (Reh, Hirsch, Hase,
Dachs, Otter und Biber) sowie Hühner. An Fisch finden sich Hecht,
Hausen, Karpfen, Schleie und gesalzene Meeresfische, vor allem
Stockfisch und Hering.
Die Herzogin von Gloucester wird angeklagt, sie habe Heinrich VI. von
England durch einen Bilderzauber aus dem Weg räumen wollen, um so
ihrem Mann den Aufstieg zu ermöglichen.
1415 Während des Konzils wird auch der Kardinal von Neapel zu Grabe
getragen, wozu Ägidius Tschudi bemerkt: "...umb die Bahr sassend
sine Diener...und Ir jeder bekleidt mit schwartzem Tuch mit Mänteln
und mit Kappen, nach der Gewohnheit zu Rom, so man leid tragt." Hier
ist Schwarz als Trauerfarbe noch etwas ungewöhnliches.
Johannes Hus wird in Konstanz verbrannt.
Glücksspielverbot in Göttingen.
In Wien wird das Bordell in der Nähe des Tiefen Grabens, das bisher
herzogliches Lehen gewesen ist, für 240 Pfund Pfennig verkauft.
Satzung der Armbrustschützen zu Neuß.
Oswald von Wolkenstein erwähnt in einem späteren Lied, was er heuer zu
Perpignan sieht: "Zwar lenger schwantz kund ich nie schauen an leonen
noch an phawben wann in demselben land die frauen hinden an den röcken
haben." Gemeint sind die langen Schleppen an Frauengewändern, noch ehe
sie anderswo in Mode kommen.
In Florenz versuchen Luxusgesetze, den Geflügelkonsum einzuschränken:
"Hiermit wird erklärt, daß man auf einem Teller mit Gebratenem nicht mehr
servieren darf als einen Kapaun mit einer Pastete, oder ein Gänseküken
mit einer Pastete, oder zwei Rebhühner oder Rothühner mit Pastete, oder
zwei Hähnchen und eine Taube, oder zwei Tauben und ein Hähnchen, oder
eine Ente mit zwei Tauben, oder zwei Hähnchen, nicht mehr, unter Androhung
jeweils derselben Geldbuße." [Statuten von Florenz, zit. n. A. J. Grieco,
Classes sociales S. 88]
/1418: Es entsteht das Gedicht "Des Teufels Netz", worin (u.a.) zu weit
ausgeschnittene Kleidung kritisiert wird: "Der mantel ist hindan offan,
das ir der rug (Rücken) ist blosz und wan (unzureichend bedeckt)".
1416 In Augsburg werden erstmals die Straßen gepflastert ("wegesteine
gesetztet", oder schon 1415).
Der Rat von Köln verhängt gegen Coyngin Wolf eine Haftstrafe, weil
dieser sich geweigert hat, das aufgekaufte Korn zum gemeinen Besten
an die Stadt zu verkaufen.
Der Humanist Poggio Aretino erwähnt eine Spielwiese im
eidgenössischen Baden. Auf einer hinter der Vorstadt nah am Fluß
gelegenen baumbestandenen Wiese kommt man nach dem Abendessen
zusammen und spielt: einige tanzen, andere singen, die meisten
spielen Ball.
Der Wiener Bürger Ulreich der Wild verfügt in seinem Testament, daß
für ihn nach seinem Tod 500 Seelenmessen zu lesen sind.
Graf Amadeus VIII. von Savoyen wird zum Herzog erhoben. Bei der
Belehnung in Chambery stürzt die Tribüne ein.
Erstmals werden durch den Franzosen Prinsault die regeln der Heraldik
schriftlich festgehalten.
Ein Priester aus dem Blenio-Tal (Tessin) hat fünf Kinder. (Diese
drei derartigen Fälle seit 1412 sind nur ausgewählte Beispiele. Daß
Kleriker langjährige Konkubinate unterhalten, ist im Spätmittelalter
häufig belegt und nicht etwa eine Tessiner Spezialität.)
Es stirbt Herzog Johann von Berry.
Bis 1438: Die Aufzeichnungen im Schenkbuch der Nürnberger Patrizierin
Walpurg Kress berichten von 54 Übersiedlungen, meist durch Angehörige
der Oberschicht, wobei zehn in eigene Häuser ziehen, 15 zu Verwandten
und zwei in Mietshäuser, der Rest ist unklar.
1417 Seit diesem Jahr wandern die Zigeuner über Böhmen ins Reich ein.
Nach ihrer eigenen Herkunftslegende stammten sie "aus Ägypten",
woraus sie vertrieben worden seien, nachdem sie der heiligen Familie
Zuflucht gewährt hätten. Bis zum Ende des Jahrhunderts währt "Die
Goldene Zeit der Zigeuner".
In Wismar wird bestimmt, daß jeder einzelne Bürger sich an einem
günstigen Kauf beteiligen dürfe. Hintergrund ist das Bestreben,
möglichst keine größeren Rohstoffmengen in die Hand eines einzelnen
Meisters gelangen zu lassen.
Friedrich von Hohenzollern zwingt durch Beschuß der Burg Plaue mit
einer Kanone namens "Faule Grete" den aufständischen Herren von
Quitzow zur Aufgabe. Das Ende der herkömmlichen Burgen zeichnet sich
ab, und etliche werden bald modernisiert. Die Entwicklung der
Feuerwaffen ist jedoch nicht der einzige Grund für den Niedergang des
Burgenbaues, man denke auch an die Verarmung der Grundherren, das
Wachsen der Städte und das Aufkommen der Söldnerheere.
Satzung der Armbrustschützen zu Brilon.
St. Stephan in Wien erhält durch Meister Hans von Prag eine Uhr. Es
ist eine Räderuhr mit Schlagwerk und die Gewichte hängen an einem
Flaschenzug.
Der Burggraf von Nürnberg wird mit der Markgrafschaft Brandenburg
belohnt. Dabei "fingen all pfiffer und prosoner an pfiffen und
prosunen, so strencklich, das nieman sin aigen wort wol hören mocht."
Im gleichen Jahr gewährt König Sigismund der Stadt Konstanz das
Recht, eigene Trompeter anzustellen.
In Zürich wird angeordnet, daß Stadtgraben, Stadtbach und Limmat von
"Erde, Stein und "ander gemunder" frei bleiben müssen.
Der Doppeladler wird offizielles Reichswappen.
Erik VII. stattet Kopenhagen mit königlichen Handelsprivilegien aus.
Papst Martin V. führt in der päpstlichen Kanzlei wieder die Florentiner
Jahresrechnung ein, nach der das Jahr am 25. März (nach unserem
Jahresanfang) beginnt. Diese Methode wird hier das ganze 15. Jh. lang
allein verwendet.
Bis 1422: Höhepunkt der Währungskrise in Frankreich.
1418 In Göttingen darf nur mit Erlaubnis des Rates gebettelt werden,
weil "hir vele ... pepen und leygen, gheystlik und wertlik, nonneke
und nunnen, inkomen to biddende."
Erste bildliche Darstellung der Schaukel (Schocke). Sie wird vom
Handwerk der Drahtzieher benutzt.
Tanzwut in Straßburg: "Viel Hundert fingen zu Straßburg an / Zu
tanzen und springen, Frau und Mann, / Am offnen Markt, Gassen und
Straßen / Tag und Nacht ihrer viel nicht aßen, / Bis ihn das Wüten
wieder gelag, / St. Vits Tanz wird genannt die Plag."
Gaultier Rallart, der chevalier du guet von Paris (so etwas wie ein
Polizeichef) pflegt nie eine Runde zu machen, ohne sich von drei oder
vier vorausziehenden Musikanten begleiten zu lassen, welche lustig
blasen, so daß das Volk vermeint, er warne gleichsam die Gauner.
Nach der Bauordnung von Frankfurt ist nur in weiten geräumigen
Gassen ein Überhang von einer dreiviertel Elle vor der Hausflucht
gestattet; es ist außerdem verboten, Schornsteine an Mauern und
Wänden außen am Haus hochzuführen. Hier werden runde, innen glasierte
Schornsteine erwähnt, während sie früher aus Holz oder Flechtwerk
(mit Lehm verkleidet) bestanden haben.
Der Rat von Regensburg schenkt König Sigmund Konfekt im Wert von zwei
rheinischen Gulden. Das Luxusgut Konfekt ist als wertvolles Geschenk
begehrt und wird üblicherweise von Apothekern feilgeboten.
Aus Kaufbeuren ist für dieses Jahr bezeugt, daß der Rat ohne Klage und
ohne Wahrung bestimmter Formen durch Mehrheitsentscheid über einen
Verdächtigen befinden kann.
Jean de Monstreuil, der Hauptvertreter des Frühhumanismus in Frankreich,
lebt ab.
Die Genuesen entdecken im Atlantik eine bewaldete Insel, die sie
Legname ("Waldinsel") nennen, das spätere Madeira.
König Sigismund gründet den Drachenorden.
/1419: Die Juden werden aus Trier ausgewiesen.
1419 Anton Pohl baut eine astronomische Kunstuhr für das Rathaus von Olmütz.
In einem weltlichen Strafprozeß zu Luzern taucht erstmals der Begriff
"Hexerei" auf. (vgl. 1431)
In Wismar wird (bei geringer Strafe) verboten, bei Regen Unrat in die
Straßenrinnen zu fegen.
In Basel schreitet der Rat gegen die aus Wohnungsnot resultierenden
Häuserteilungen ein, weil dies "wider gemeiner statt gezierde und
ere" sei.
In Göttingen werden die Messerspiele verboten.
Der Wiener Bürger Rudolf Angervelder macht sein Testament. Er wird
gefragt, "ob er icht durch seiner selen willen schaffen wolt. Des
vragt wir in wol du dem dritten mal. Des wolt er nicht und swaig nur
still." Weiter wird er gefragt, "ob er seiner haus frawn icht
schaffen wolt. Des wolt er nicht und sprach, sy hiet genug." Daß
jemand weder für seine Frau, noch für sein Seelenheil sorgt, ist
eine Ausnahmeerscheinung.
Gründung der Universität Rostock.
Es stirbt Ex-König Wenzel (58).
Erster Prager Fenstersturz: Erhebung der Hussiten.
1420 Erste technische Beschreibung der Laterna magica.
Der Italiener Joanes Fontana entwirft einen raketengetriebenen Torpedo
und einen Selbstfahrer mit Seilantrieb.
In Ulm wird das 1399 erlassene Verbot der vorkragenden Obergeschosse
der Häuser (Überhänge) widerrufen, weil sonst die Gebäude ihrer Zier
beraubt würden.
In der Ulmer Hochzeitsordnung wird festgelegt, daß man "nur drei Mähler
haben dürfe, jedes zu acht Schüsseln, und über jeder Schüssel nicht mehr
als drei Personen", wobei Geistliche aber nicht mitzählen.
In Frankfurt stehen 142 Häuser leer.
Bern erhält eine zweite Wasserleitung.
Der Sebalder Goldgulden, die Stadtwährung von Nürnberg, wird von
Kaiser Sigmund bestätigt.
In Wien stirbt der Augenarzt Konrad Odenbelder.
Bis 1420 umfaßt Düsseldorf die alten Orte Kaiserswerth, Bilk,
Gerresheim, Derendorf, Golzheim und Stockum.
Neben den Lateinschulen haben sich sogenannte Schreibschulen
gebildet, in denen nur Deutsch unterrichtet wird. In einigen Orten
haben sie es schwer, sich neben den Lateinschulen durchzusetzen, in
anderen erhalten sie Genehmigungen, so etwa in einer Braunschweiger
Ordnung: "Weret ock, dat binnen Brunswick we were, dede schriver
schole so holden wolden, dar enschollen se de nicht ane hindern; doch
se enschollen nemande mere leren in der schriver schole wan schriven
und lesen dat alfabet und dedesche boke und breve."
In Pilsen erwarten Anhänger von Jan Hus die Wiederkunft Christi.
Nachdem diese ausfällt, gründen sie in der Nähe das biblische Tabor.
Judenverfolgung in Steyr.
Im Frieden von Perleberg endet die langjährige Fehde zwischen Herzog
Erich von Sachsen-Lauenburg-Ratzeburg und den in Freundschaft
verbundenen Städten Hamburg und Lübeck. Die beiden Städte erhalten
Bergedorf, die Vierlande, Geesthacht und Zollenspieker zur gemeinsamen
Verwaltung (bis 1867).
Dithmarschen wird von Kaiser Sigmund auf den Reichstag eingeladen. Folglich
gilt für die Reichskanzlei Dithmarschen als reichsunmittelbar und sein
Status im Reich wird mit Reichsständen und Reichsstädten gleichgesetzt.
/1421: In Basel wird für immense Kosten ein steinerner Abwasserkanal
errichtet.
1421 In Heidelberg wird den Studenten erneut - und wieder ohne Erfolg -
der Besuch der Fechtschule verboten.
In Frankreich wird die Florette geprägt, mit 0,25 Zwölftel Feinsilber
zum irrsinnigen Kurs von 20 turonischen Denaren die wahrscheinlich
schlechteste Münze des Mittelalters.
Amsterdam brennt fast völlig ab.
21. März: Im Frankreich der Lancaster wird eine Steuer erhoben, die
als "Silbermark" bezeichnet wird, um "gutes Geld zu machen, das dem
Volke Nutzen bringt". Jede Stadt wird mit einem bestimmten Silbergewicht
taxiert: Troyes z.B. mit 500 Mark (122,375 kg); in Paris werden von
jedem Steuerpflichtigen zwischen zwei Unzen und 50 Mark gefordert. Es
können Steuern auch in "Ausschuß" oder Scheidemünzen bezahlt werden.
Die Inflation in Frankreich läßt das Livre (Pfund) zusammenbrechen. Man
sieht daher vor, daß die für die Hausmiete geleistete Arbeit nicht
unter einen Wert von sechs alten (vorinflationären) Livres fällt. Dazu
eine Verordnung aus Toulouse: "Es wurde beschlossen, daß während der
Zeit der Schwäche des Kurantgeldes der Edelmann Guilhem Pagèze dem
Bernard Capelle Arbeiten zu seinem Berufe gibt, d.h. Faden, um Tuch
herzustellen. Besagter Bernard stellt Tuch zu dem üblichen Preis her,
den die anderen Weber üblicherweise zur Zeit des alten Geldes
erhielten, und dies bis zum Betrag von 6 Livres tournois des besagten
alten Geldes. Es wurde vereinbart, daß, wenn das Geld an Wert gewinnt
und den Stand des Jahres 1414 wieder erreicht, Bernard für besagten
Pagèze nicht mehr besagtes Tuch herstellen, sondern nur zu den
vorgesehenen Terminen die besagten Livres zahlen muß."
Brüssel erhält eine Selbstverwaltung, die in dieser Form bis ins 18. Jh.
bestehen bleibt.
Bis 1456: Im Handlungsbuch des Danzigers Johann Piß ist die Verrechnung
von ausgetauschten Waren nach Geldwert bezeugt. Diese aus Geldmangel
durchgeführte Maßnahme wird als Beutung (butinge) bezeichnet. Es handelt
sich eher um bargeldlosen Verkehr als um Tauschhandel.
1422 In Frankfurt beschließt der Reichstag zur Finanzierung der
Hussitenkriege eine erste allgemeine Geldsteuer.
In Salzburg (?) erhält Peter der Bader die Zusage, das Abwasser der
Roßschwemme in sein Bad zu leiten. [Eine Roßschwemme ist ein Bad für
Pferde.]
In Frankfurt beschließt der Rat, daß beim Bau neuer Brunnen oder bei
Reparatur der alten die Anlieger nach Personenzahl der Haushalte
beizusteuern haben.
Die Frühform der Eßgabel ist in wenigen Exemplaren auf Haushalte der
Oberschicht begrenzt. So findet sich im Nachlaß des Wiener Bürgers
Mert Wachsgiesser neben sieben silbernen Löffeln auch "ain silbrein
pirngepel" (Birnengabel).
in Nürnberg sitzt ein "fryheitlin von Spils wegen im loch", d.h. ein
Freihart (Landstreicher, herrenloser Kriegsknecht, organisierter
Bettler, Gaukler, Berufsspieler, Falschspieler usw.) sitzt im
Gewölbe des Lochgefängnisses unter dem Rathaus ein. So etwas ist
kein Einzelfall.
Bei einer Schlägerei im Heidelberger Frauenhaus schlägt ein Student
einem Bogenschützen die Hand ab, was zu einer Racheaktion
pfalzgräflicher Marstaller gegen Studenten und Universitätsangehörige
führt.
In Steyr wird das Rathaus fertiggestellt.
Die Portugiesen entdecken Madeira.
Der Maler Jan van Eyck steht (im Haag) im Dienste des Grafen von
Holland (derzeit Johann von Bayern).
1423 In Paris sind von 503 reichen Steuerpflichtigen 43 Geldwechsler, von
den 20 reichsten allein 10.
Oswald von Wolkenstein beginnt mit der "Handschrift A" seines Werkes
(fertig 1425, Nachträge bis 1440).
Es stirbt Hugo von Montfort (66). Seine Minnedichtungen sind von
seinem Untergebenen Bürk Mangolt vertont worden. Es scheint die Regel
zu sein, daß die einfachen Spielleute oft besser musizieren können
als die höfischen Sänger und Dichter.
In Rom wird eine Frau als Hexe verbrannt, der man vorgeworfen hat,
in Katzengestalt ein Kleinkind gebissen zu haben. (nach Johann
Hartliebs "Buch aller verbotenen Kunst, Unglaube und Zauberei, 1456)
Im "Roten Kloster", einem Braunschweiger Bordell, wird "eyn wyff, de
hed Kruseke Dos, un is by elven jaren" erschlagen.
Venedig: Der Doge Mocenigo stirbt. In einer Rede vor einigen
Senatoren an seinem Sterbebett macht der sterbende Doge noch eine
Art Inventur: Nach Abzahlung von 4 Millionen Dukaten einer
Kriegsanleihe beträgt die Staatsschuld noch 6 Millionen Dukaten.
Der Gesamtumlauf des Handels soll 10 Millionen betragen, die
4 Millionen abwerfen. Venedig hat 3000 Navigli, 300 Navi und 45
Galeeren mit resp. 17000, 8000 und 11000 Seeleuten (über 200 pro
Galeere), dazu noch 16000 Schiffszimmerleute. Die Häuser Venedigs
haben einen Schätzungswert von 7 Millionen und bringen eine halbe
Million an Mieten ein. Es gibt 1000 Adlige von 70 - 4000 Dukaten
Einkommen. An anderer Stelle wird die Staatseinnahme im gleichen
Jahr auf 1100000 Dukaten geschätzt.
Als erste italieniesche Stadt richtet Venedig ein eigenes Spital für
Pestkranke ein.
Das Herzogtum Jülich erwirbt durch Erbschaft das Gebiet von Berg.
/1426: In Basel erläßt der Rat Vorschriften über das Einsammeln,
Trocknen und Aufbewahren von pflanzlichen Drogen. Die Verabreichung
von Ersatzmitteln wird verboten.
1424 Die Juden werden aus Köln ausgewiesen und dürfen die Stadt bis ins
19. Jh. nicht mehr betreten.
In der Säulenhalle des Friedhofs der Innocents zu Paris wird eine
Wandmalerei, einen Totentanz darstellend, angebracht. Diese
berühmteste aller Totentanzdarstellungen wird im 16. Jh. mit der
Säulenhalle abgetragen werden. Es ist jedoch ein Druck davon aus dem Jahre
1485 erhalten.
Über Weinkonsum: Die Vertrauten des Bischofs von Arles trinken pro Kopf
täglich zweieinhalb Liter. An dieser Stelle seien noch weitere undatierte
Beispiele mittelalterlichen Weinkonsums genannt: Die Ochsentreiber des
Hospizes von Aix bekommen 230 Liter im Jahr, der Klostergärtner von
Saint-Victor 315 Liter, die Schüler des Studium papale in Trets 220 Liter,
eine Witwe aus Barjols 360 Liter. In Burgund können Gefängniswärter, die
Marktgendarmen von Châlons oder Fischer bis zu zweieinhalb Liter am Tag
bekommen.
Die Reichskleinodien werden nach Nürnberg gebracht. Zu diesem Anlaß
holt man "die tieb von dem galgen".
Eine Episode aus Paris zur Münzvielfalt: Der Engländer Sander Russel hat
im "Écu de Bretagne", einer Taverne am Place Baudoyer, hinter dem
"Maison aux piliers", dem derzeitigen Rathaus, mit zwei Begleitern
reichlich gegessen und getrunken. Die Wirtin verlangt dafür zwei oder
drei Sous parisis, und die Engländer ziehen einen Écu d'or hervor mit
der Versicherung, dieser sei 26 Sous parisis wert und möchten das
Restgeld zurück. Die Wirtin ist der Ansicht, diese Münze sei höchstens
24 Sous wert. Russel lehnt diesen Kurs ab und schlägt vor, seine Münze
in der Stadt zu wechseln. Als die Wirtin sieht, daß er gehen will,
möchte sie die Münze behalten, bis Russel mit akzeptablem Geld
zurückkehrt. Der Engländer hat offenbar nur diese Münze, die ohne
Verlust gewechselt werden kann. Er bietet der Wirtin daher einen
Rheinischen Gulden, eine Münze der schlimmsten Sorte, wofür kein
Wechsler etwas geben würde - er könnte falsch sein. Die Wirtin will
solches nicht akzeptieren. Zum Wechseln eines Écus wird eine Stunde
veranschlagt. Russel wird böse: "Zum Teufel, können wir hier nicht
herauskomen? Wir wollen doch zahlen!" Russel wirft im Zorn zwei leere
Gläser an die Wand und ein Sergeant will ihn beruhigen. Man beschimpft
sich. Der Sergeant bezeichnet sie als Diebe. Russel zieht blank, es
wird gefochten und am Ende bricht der Sergeant tot auf der Treppe
zusammen, nachdem er seinen Gürtel mit der Börse verloren hat. In der
Taverne wird Kleingeld aufgesammelt, aber die Geschichte berichtet
nicht, ob die Wirtin daraus die Zeche beglichen hat.
Die Hussiten überschreiten erstmals die Landesgrenze nach Schlesien
und setzen sich in einigen Städten fest, vo wo aus sie ihre gefürchteten
Raubzüge unternehmen.
Ein Brand zerstört (erneut nach 1299) Burg und Kirche von Weimar.
1425 Seit 1408 ist die Stadt Frankfurt in 46 meist kleinere Fehden verwickelt
gewesen, von denen nur eine einzige von der Stadt begonnen worden ist. Die
Stadt versucht weder, den Adel der Umgebung auszuschalten, noch in den
Besitz des ganzen Umlandes zu kommen. Vielmehr wird der verarmte Adel im
Umland in ein kompliziertes Netz von Abhängigkeiten und Verträgen
eingebunden. So werden etwa Adlige als Söldnerführer oder Unterhändler
eingesetzt. Dabei werden auch Adlige in Dienst genommen, die kurz zuvor
noch Fehdegegner der Stadt gewesen sind. Daneben wird anderen Adligen
Geld gezahlt, nur damit sie Frieden halten. Frankfurt hat außerdem in
verschiedenen Burgen ein Öffnungsrecht erworben, d.h. das Recht, eine
Anzahl Söldner in die betreffende Burg zu legen.
Erste Erwähnung des Maibaumes.
Auf dem Rathaus zu Magdeburg wird eine Uhr eingebaut. Der "wiser"
(Zeiger) zeigt auch halbe Stunden. Es beginnt etwa der Übergang von
der akustischen zur visuellen Wahrnehmung der Uhr.
Ein Wiener Testament erwähnt 60 Schüsseln und 100 Teller, offenbar
aus Holz, dagegen nur zwei Schüsseln aus Zinn.
In Paris ist das "Spiel der Sau und den vier Blinden" bezeugt:
In einem abgezäunten Bereich müssen vier Männer mit verbundenen
Augen mit Knüppeln ein Schwein totschlagen. Am Tage zuvor ziehen sie
geharnischt durch die Stadt, voran ein Sackpfeifer und ein Mann mit
einer Fahne, auf welcher das Schwein (oder Ferkel) abgebildet ist.
Glücksspielverbot in Göttingen.
Der Rappenmünzbund (siehe 1403) führt den Plappert ein, einen Groschen
zu zwölf Stäblern (Basler Pfennigen).
Der Maler Jan van Eyck steht in Brüssel und Flandern im Dienste Herzog
Philipps des Guten von Burgund.
Magdeburg erhält "umme des gemeinen besten willen" eine öffentliche
Bedürfnisanstalt. Es gibt (wann genau, ist hier nicht erwähnt) eine
solche auch in Hildesheim und in München allein acht.
Juni: In Görlitz muß sich ein Breslauer Metzger vom Magistrat
bescheinigen lassen, daß er seine Ochsen an Görlitzer und Bautzener
Fleischer, und nicht, wie man ihm übel nachsagt, an Hussiten verkauft
hat.
In England entsteht "Treatyse of Fysshynge wyth an Angle" (Abhandlung
über das Fischen mit einer Angel). Autorin ist wahrscheinlich die
Äbtissin Juliana Berners. Das Buch erscheint erst 1496 als Teil des
"Book of St. Albans".
Florentinische Galeeren erreichen Brügge.
Portugal beginnt mit der Kolonisierung von Madeira. Dort werden Weizen
und Gerste für das Mutterland angebaut (bis 1460), daneben Wein.
Ca.: Beginn eigener Münzprägung in Pleskau.
Ca.: Aus dem Eisenhut wird die Schallern (eine Helmform) entwickelt.
1426 Der Nördlinger Rat erläßt eine Sonderanweisung mit einer genauen
Aufzählung der zulässigen Kinderspiele, darunter das Murmelspiel,
das Reifenschlagen, das Kegeln etc.
Der Rat von Braunschweig liefert dem Bischof von Halberstadt aus
nachbarlicher Freundschaft 1500 Backsteine zum Bau von Schornsteinen.
Die Stadt Wien erwirbt das Bordell in der Nähe des Tiefen Grabens.
Die Ordnung darin wird von einer Frauenmeisterin überwacht, welche vom
Hofmarschall eingesetzt wird. Die geschäftliche Leitung hat eine
Frauenwirtin inne.
Die Kleiderordnung von Ulm belegt Übertretungen mit der extrem hohen
Strafe von 20 Gulden. Es wird den Frauen ein Hut aus Marderfell oder
ein Marderbalg um den Hals erlaubt.
In Goslar wird bestimmt, daß als Sägeholz für Dielen nur starke
Bäume ausgewählt werden sollen, wobei ein Stamm acht oder neun
Schnittbretter ergeben muß. Aus Mangel an solchen Bäumen wird das
Maß bald auf sieben Bretter reduziert. Dadurch soll das Fällen zu
junger Bäume unterbunden werden, damit der Wald sich erholen kann.
Bei Aussig besiegen die Hussiten ein Reichsheer.
Es stirbt der Maler Hubert van Eyck.
1427 Das Reichskriegsgesetz verbietet u.a., Dirnen im Feldlager zu halten.
In Erfurt liefert der Rat, um Ziegeldächer zu fördern, jedem kostenlos
die Hälfte der nötigen Ziegel aus der städtischen Ziegelei.
Der "Bürger von Paris" verzeichnet für dieses Jahr eine Entwertung
des Geldes: "Weil sie das Wappen Frankreichs trugen, wurden die
kleinen Moutons d'or, die vorher 10 Sous wert waren, auf 12 Sous
parisis heraufgesetzt. Am darauffolgenden Tag, nachdem dies ausgerufen
worden war, gab es weder Brot noch Wein noch sonst etwas. Die Wechsler
wollten weder Denare noch einen Scherf geben. Und das Volk hatte nur
dieses Geld, das nichts wert war. Als sie ihren großen Verlust sahen,
verfluchten manche insgeheim wie in aller Öffentlichkeit ihr Schicksal
und sagten über die Regierenden, was sie dachten. Viele warfen ihr
Geld über die Läden der Wechsler hinweg in den Fluß, weil man nichts
dafür haben konnte: für acht oder zehn Sous parisis hätte man
höchstens nur vier oder fünf gute Münzen bekommen. In der Woche, als
das neue Geld ausgerufen wurde, warf man aus Verzweiflung mehr als
fünfzig Florins oder ihren Gegenwert in Kleingeld in den Fluß."
Aus gleicher Quelle: In Paris erscheinen einige Zigeuner, die sich
als Büßer ausgeben, "ein Herzog und ein Graf und zehn Mann, alle zu
Pferde", wobei 120 weitere nicht eingelassen werden. Sie sagen, sie
stammen aus Ägypten und der Papst habe ihnen als Buße für ihren
Abfall vom christlichen Glauben auferlegt, sieben Jahre umherzuschweifen,
ohne in einem Bett zu schlafen. Früher seien sie 1200 gewesen, aber die
anderen samt König und Königin seien unterwegs gestorben. Als einzige
Vergünstigung hätte der Papst aber befohlen, daß jeder Bischof und Abt
ihnen 10 Pfund Turnosen geben solle. Die Pariser kommen in Scharen, um
das fremde Volk zu betrachten, lassen sich von den Frauen aus der Hand
wahrsagen, die das Geld aus den Börsen der Leute in die eigenen wandern
lassen, "durch Magie oder auf andere Art".
In Göttingen wird Meister Hans Beckerer vom Rat auf drei Jahre als
Stadtarzt aufgenommen, jedoch unter der Bedingung, daß damit den
Scherern und Barbieren die Ausübung einer ärztlichen Praxis unmöglich
gemacht werden soll.
In Göttingen wird der Besuch der Stadttürme verboten, weil dort offenbar
Glücksspiel betrieben worden ist.
In Nijmegen erhält der "Meister Peter trumpener" gegenüber den Pfeifern
den doppelten Sold.
Möglicherweise erste Verwendung der Uhrfeder an Stelle von Gewichten.
Aus dem Testament des Wiener Händlers Otto Weiss: Er vermacht neben
Beteiligungen an Freunde und Verwandte folgende Güter und Objekte als
Mittel zur Vorsorge: den halben Ertrag aus einem Hausverkauf an das
Wiener Bürgerspital zur Ernährung der Armen und darüber hinaus 200
Pfund zur Abhaltung eines Jahrtages; 100 Pfund un einen Weingarten
für eine detailliert beschriebene ewige Messe in der Stephanskirche
zu Wien; weitere drei Jahrtage an verschiedenen Kirchen bzw.
Klöstern, die mit insgesamt vier Weingärten und 130 Pfund finanziert
werden; zwei Weingärten an zwei weitere Spitäler; 100 Pfund für
grauen Loden an die Armen; je 1000 Messen in vier Wiener Klöstern,
die mit insgesamt 40 Pfund bestiftet werden; 10 Pfund und neun Ellen
schwarzen Loferer Tuches (aus Lovere bei Bergamo) an seine Mutter,
"daz si sein dabei gedenkch"; 20 Pfund an das Wiener Pilgerhaus; an
sieben kirchliche und klösterliche Institutionen zu verschiedenen
Zwecken zusammen 90 Pfund; sein gesamtes Silbergeschirr zum Heiltum
der Stephanskirche; 32 Pfund, "daz man sand Dorothe haubt lobleich
und herleich mach" (wohl für ein Reliqiuar); Geld aus dem Verkauf
von Pfeffer "zu hilff dem lande und rettung kristenleichs gelaubens
wider die ungelaubigen Hussen" (d.h. zur Unterstützung der
Hussitenkriege).
Ein Kataster in Florenz ergibt, daß 1% der Familien über ein Viertel
des Reichtums der Stadt verfügen. 14% besitzen gar nichts und 17%
keine Substanz, die besteuert werden könnte. Vom Gesamtvermögen
besitzen die Strozzi 2,6%, die Bardi 2,1%, die Medici 1,9% und die
Alberti und Albizzi je 1%. Verteilung: ca. 40% Immobilien (meist
Grundbesitz), ca. 35% bewegliches Kapital, ca. 25% in
Staatsschuldscheinen (Monte). Innerhalb der Stadtgrenzen leben
37144 Personen (ein knappes Jahrhundert zuvor noch um 120000).
Die Oberschicht besteht aus mindestens 40 Clans und über 300
Familien, doch nicht alle gehören zu den Reichsten.
Zweck dieses Katasters ist das Erheben direkter Steuern, nachdem
bisher die Einnahmen nur durch Einfuhrsteuern und Verbrauchsabgaben
sowie (in dreifacher Höhe der vorigen) durch Zwangsanleihen geflossen.
In Florenz stellen Frauen über 48 Jahre 11% der steuerpflichtigen
Bevölkerung.
Aufständische Handwerker erobern in Stettin das Rathaus, was ihren
Anführern bereits im nächsten Jahr Verbannung oder Tod einbringen wird.
Die Portugiesen erreichen die Azoren.
Ab diesem Jahr schließen einige schlesische Fürsten einen Separatfrieden
mit den Hussiten, um die Verwüstung ihres Landes abzuwenden. In diesem
Konflikt verschwimmt die Grenze von Ketzereinfällen, Raubzügen und
Fehden; die Chronisten sehen die Hussiten weniger als Ketzer denn als
böhmische Feinde Schlesiens. Einige schlesische Adelige wechseln gleich
mehrfach die Seiten, und wenn sie dafür hingerichtet werden, werden sie
als Verräter gevierteilt und nicht als Ketzer verbrannt. Hier ist in
Schlesien und der Lausitz bereits die Tendenz vorweggenommen, das
Delikt der Ketzerei aus dem Strafrecht zurückzudrängen, wie es in der
Reformation später im ganzen Reich üblich wird.
Johann Schiltberger gelingt nach 31 die Flucht aus türkisch-mongolischer
Gefangenschaft. Er verfäßt später darüber ein "Reisebuch".
Wegen der Wirtschaftsblockade im Rahmen des Hussitenkrieges kommt es zu
einer Hungersnot in Böhmen.
Grippeepidemie in Deutschland (?).
1428 Für dieses Jahr vermeldet die um 1450 verfaßte Luzerner Chronik des
Johannes Fründ: "do wart offenbar in dem lande und bystöm ze Wallis die
boßheit, das mord und die ketzerye der hexssen und der zubrern, beide,
wiben und mannen, die da heissent sortileij ze latein, und wurden des
ersten funden in zweine tellren in Wallis, der heisset eins Enffis und
das ander heisset Urens, und wart da ira ettvil gericht und verbrönt.
darnach in demselben jar wart vil funden in demselben lande ze Wallis,
sunderbar des ersten under den Walchen und darnach under den Tüschen
... Und wert das gerichte über dieselben lüte me denn 1 1/2 jar, und
wurden in dem lande ze Wallis mit gericht und mit urteil me den 100
Personen, es werint man oder wip, verbrönnt. ... das ira in der
gesellschafft wol 700 syen gesin; dera sint me denn 200 verbrönnt
worden in 1 1/2 jare; und richtet und brennet man sy noch alle tag,
wa man sy kan oder mag ergriffen. Und ist in dien welschen landen und
tellren nid Wallis und hinder Wallis und by Sant Bernhartzberg ouch vil
verbrönnt, der zal ich aber nit wol weiss."
Johann Aygel, der Leibarzt Herzog Albrechts V. von Österreich verfaßt
ein Pesttraktat, worin er den täglichen Genuß von sog. Priestersalz
gegen die Pest empfiehlt, einer Mischung aus gebranntem Salz und
etlichen aromatischen Arzneien.
In Nürnberg ist nach dem Memorial des Endres Tucher das Tragen von
Mantel oder Rock aus Marderfell nur jenen verstattet, die das 32.
Lebensjahr erreicht haben. Es dürfen solche Kleider auch nicht mehr
als drei Mark Silber kosten.
In Braunschweig wird angeordnet, daß hinfort alle zwei Wochen der
Straßenschmutz durch die Stadtknechte abgefahren werde. Diese Knechte
werden Wasserfahrer genannt, weil sie den Unrat in die Oker werfen
(wie allgemein üblich).
In Nordfrankreich und Flandern predigt ein gewisser Bruder Thomas,
der sich als Karmeliter ausgibt (und später als Betrüger entlarvt
werden wird) mit großer Wirkung gegen Prunk und Putzsucht und tadelt
Adel und Klerus. Während der Predigt soll er (nach Monstrelet) unter
Zusicherung von Ablaß kleine Jungen gegen angesehene Damen, die
burgundische Hauben (hennins, jene berühmten "Spitzhüte" der
"Burgfräuleins") tragen, gehetzt haben, bis sie damit aufgehört und
mit Beginenhauben erschienen sind. Aber: "Indessen hielten sie's in der
Weise der Schnecke, die ihre Fühler einzieht, wenn man ihr nahekommt,
und sie wieder ausstreckt, sobald sie nichts mehr hört. Denn, nachdem
besagter Priester das Land verlassen hatte, begannen sie in gar kurzer
Frist wie zuvor und taten allmählich wieder ihren alten Staat an, so
groß oder noch größer als sie gewohnt waren, ihn zu tragen." (Enguerrand
de Monstrelet, Chroniques IV)
Noch ein Wort zur burgundischen Haube: Diese Form ist bei den Frauen des
deutschen Bürgertums (im Gegensatz zu anderen Kopfbedeckungen der
burgundischen Mode) nicht nennenswert in Erscheinung getreten.
Das Domkapitel von Notre Dame in Paris versucht vergeblich, den
Scharen von Bettlern den Aufenthalt in der Kirche zu verbieten. Erst
später wird es gelingen, sie wenigstens aus dem Chor ins Kirchenschiff
abzudrängen.
In Göttingen werden Kartenspiele um Geld verboten. Die Strafen sind
gestaffelt: Wer eine Steuer von 50 Mark oder mehr zu zahlen hat, muß
an der Stadtmauer eine Rute hoch und lang mauern lassen; wer weniger
Steuern zahlt, muß die Hälfte davon mauern.
In Frankfurt stehen 193 Häuser leer.
Bei Glatz besiegen die Hussiten ein Reichsheer. In der Stadt werden 40
"Verräter" hingerichtet.
Florenz: Es stirbt Giovanni Medici. Er hinterläßt ein Vermögen von
179221 Goldgulden.
1429 Vereinzelte Erwähnung von "steynekolen" im saarländischen Neumünster.
Die Bäckerzunft von Wien erlaubt ihren Mitgliedern die Ehe mit
vormaligen Dirnen nicht.
Bischof Ulrich II. Putsch von Brixen läßt die Durchgangsstraßen von
Brixen und Klausen pflastern; es war nämlich besonders die Zollstadt
Klausen "so schmutzig und in den Straßen so mitgenommen, daß ein
Wagen unmöglich einem anderen ausweichen konnte."
Auf dem Reichstag wird eine allgemeine Reichssteuer vorgeschlagen. Die
Städte sind dagegen, weil man von solch einer Neuerung noch niemals
gehört habe, und außerdem: "Darin auch ne zue besorgen si, daz viel
rede und sagen undir dem folke davon entsteen moge. Und darumb so were
iz auch gar hart inzubringen." (Reichstagsakten Bd. 9, S. 84) Es wird
die öffentliche Meinung durchaus ernst genommen, wenn auch dieses
Armument der Städte hier nur vorgeschoben sein mag.
Der zweite Mauerring von München wird ausgebaut - nicht zuletzt aus
Angst vor den Hussiten.
Der Stadtschreiber von Bautzen wird gevierteilt. Die Vierteilung wird
nicht oft angewandt, und wenn, dann häufug für Verrat [vgl. 1433]. Die
Hussitenkriege bilden hier wohl den Hintergrund.
1430 Bau der ältesten erhaltenen Federuhr, doch wird vermutet, daß der
Federzug erst später eingebaut wurde.
Konzil zu Basel. Papst Pius II. wundert sich, dort so viele Glasfenster
zu sehen.
In Zürich wird der erste Brunnquell mittels Teuchel in die Stadt
geleitet und der erste Röhrenbrunnen gebaut.
Die Gäste des Bischofs von Arles verzehren 600 kg Weizenmehl, d.h. 1,6 kg
Brot pro Tag.
Nürnberg hat nach dem "Grobenbuch" 22800 Einwohner.
In Basel beschwert sich Magister Dieter (wohl der Stadtarzt), daß
in der Stadt Pfuscher und Personen ohne medizinisches Studium einer
ärztlichen Tätigkeit nachgingen.
In Rothenburg wird ein "fuhrmann von wirtzburg" ins Gefängnis geworfen,
weil er über den Rat "übel gerett" hat; er hatte nämlich gesagt, "er
wolt uff den rat scheissen."
Musiker im Nebenberuf in Straßburg: "da sind etteliche in vnser statt
huselich vnd hebelich gesessen, die antwerck könnent vnd tribent, vnd
die sich dar zu pfifferwerck annement."
Über die Besoldung von städtischen Bediensteten: Getreu dem Grundsatz
der städtischen Selbstverwaltung des mittelalters - jedes Amt muß sich
selbst ernähren - bringt die Beamtenschaft einer Stadt mehr ein, als
sie kostet. In Nürnberg z.B. erhalten die Losungsschreiber
(Steuerschreiber) pro Jahr 84 Gulden und haben dazu ihre Nebeneinkünfte,
denn die Dienste von Amtleuten müssen diesen bezahlt werden. Der
Losungsschreiber Madach kommt heuer auf 265 rheinische Gulden. Sein
Gehalt beträgt also ein Drittel seines wirklichen Einkommens.
Aus dem Burgfrieden der Ganerbenburg Eltz: "Were von uns den andern...
binnen dissen Burch...dot schlüge...derselbe sal von Stont an das
Huss rumen, und hie, noch sine Erben sollen sich nummer keins Rechten
an Schlosse Eltze vermessen." Hier sieht man, daß eine Burg wahlweise
als Burg, Haus oder Schloß bezeichnet werden kann.
Brabant fällt an Burgund, was de facto seit 1406 der Fall ist.
Ca.: Weimar erhält die niedere Gerichtsbarkeit. Hier wird nun das
erste Rathaus gebaut.
Ca.: Die Hundsgugel (eine Helmform) kommt außer Mode und wird
vom Visierhelm verdrängt.
Ca.: Erfindung des Luftgewehrs in Nürnberg.
1431 30. Mai: Jeanne d'Arc wird in Rouen von den Engländern verbrannt.
In Goslar wird am Stapelplatz vor den Toren eine Kontrolle
eingerichtet, um die Verwendung zu junger Bäume zu unterbinden.
Bischof Ulrich II. Putsch von Brixen zieht sich wegen einem Ausbruch
der Pest drei Monate nach Bruneck zurück.
Kaiser Sigmund besucht das Frauenhaus von Ulm, wobei ihm der Rat den
Weg dorthin beleuchten läßt. (Das Frauenhaus ist nicht ausschließlich
nur ein Bordell, sondern auch ein Ort geselligen Beisammenseins.)
Bis 1437: Konzil von Basel. Der Begriff der "Hexerei" wird hier
quasi erfunden. Papst Eugen IV. versucht, das Konzil sogleich wieder
aufzulösen, kommt damit aber nicht durch. Das Konzil wird vom
niederen Klerus beherrscht. Es sollen sich zu dieser Zeit 1500 Dirnen
in Basel aufgehalten haben. (Zum Vergleich: In München gibt es 1972
etwa 5000, die für die Olympiade um weitere 5000 - 6000 verstärkt
werden.)
Bei Taus besiegen die Hussiten ein Reichsheer.
In Breslau wird Nikolaus Zedlitz von Alzenau wegen Verrats enthauptet,
weil er die Burg Ottmachau gegen freien Abzug den Hussiten übergeben
hat, "das sy en mit sysnen gesellen abczihen lissen, und das ging mit
hindirlisten zu, das man em schult gab, das her das haws uorrotten dor
hatte." Ob er die Burg hätte halten können, bleibt unklar, doch hatten
die Schlesier einmal die Kirchenschätze der Umgebung sicher auf der
Burg gewähnt und sie werden über Jahre daran leiden, daß die Hussiten
von dieser Burg aus das Land unsicher machen und alle Anstrengungen
zur Rückeroberung scheitern.
Ein Beispiel für Reiter(Ritter-)stolz: In der Schlacht von
Bullegneville muß man den Reitern mit der Todesstrafe drohen, damit
sie absitzen und sich ins (immer noch verachtete) Fußvolk einreihen.
[Es fällt im Rahmen dieses Textes auf, daß Fälle von Standeshochmut
bevorzugt aus Frankreich überliefert zu sein scheinen.]
1432 30. August: Oswald von Wolkenstein vollendet die "Handschrift B"
seines Werkes.
In den zu Göttingen gehörenden Dörfern wird das Würfelspiel verboten,
weil die Glücksspieler aus der Stadt offenbar dorthin ausgewichen sind.
Ein Wiener Drogenverzeichnis erwähnt an Spezereien (u.a.): Pfeffer,
Safran, Ingwer, Nelken, Zimtrinde, Muskat, Weihrauch, Kümmel, Zucker,
Reis, Baumöl (Olivenöl), Feigen, Weinbeeren, Mandeln, Seife, Wachs,
Spießglas (Gips) und Konfekt, an Arzneimitteln: Schwefel, Alaun,
Kampfer, Kupfervitriol, Theriak, Mastix, Himmeltau u.a.
Herzog Adolf von Jülich-Berg stellt einen Meister Abelin aus
Süddeutschland ein, dessen Kochkunst, gemessen an seiner hohen Entlohnung,
sehr renommiert sein muß.
In Basel werden (für das Konzil) drei zusätzliche Bordelle eingerichtet.
In Landau (Pfalz) ist an Schulgeld zu zahlen: für die jungen Kinder,
"die das abc und benedicite lernen": 16 Heller; für jene, die den
Donatus (Grundlagen der Grammatik) lernen: zwei Schilling und für
jene, die darüber sind und "temporalia, Cathonem, primam et
secundam partem oder anders lernent": zweieinhalb Schilling. An
bestimmten Festtagen kommen allgemeine Zahlungen dazu, ferner im
Winter das Mitbringen von Holz zum Heizen sowie Beleuchtung (wozu
zwischen Martini und Weihnachten jeweils sechs Schüler eine Woche
lang abgestellt werden). Die Zahlungen und Unterstützungen der
Schüler stellen in starkem maß den Lebensunterhalt des Lehrers dar,
weshalb auch Geschenke und freiwillige Zusatzleistungen gestattet
sind (etwa Ostereier, Kirchweih- oder Opfergeld), doch darf der
Lehrer die Schüler nicht dazu drängen oder sie bei Nichterbringung
benachteiligen. Auf Verlangen der Eltern kann in der Lateinschule
auch Deutsch unterrichtet werden.
Beispiel für schiefgelaufene Handelsverträge: Der Katalane Anthoni
Berga finanziert eine Sendung von 20 Krügen Honig in den Orient und
erwartet dafür Pfeffer und Baladi-Ingwer. Der seefahrende Kaufmann
Johan de Vilasecha bringt jedoch Maqui-Inwer mit, was nicht das gleiche
ist, denn der Markt in Barcelona ist mit Maqui-Ingwer gesättigt und
der Preis bricht folglich zusammen. Berga verweigert also die
vereinbarte Teilung des Gewinns.
Jan van Eyck vollendet den mit seinem verstorbenen Bruder Hubert
begonnenen Genter Altar ("Anbetung des Lammes").
1433 Der Hildesheimer Rat gewährt den drei Ratspfeifern einen Zuschuß zum
Hauszins.
Schützenfest in Nürnberg. Der erste Preis ist ein mit rotem Tuch
behangenes Pferd.
Im Nürnberger Lochgefängnis sitzt ein Freihart (siehe 1422) "wegen
falscher Würfel" ein. Im Grunde schreibt man dieses Betrugsdelikt
allen Fahrenden zu.
In Augsburg wird bestimmt, daß zum Bierbrauen nur Hafer (!) verwendet
werden soll.
Konrad Bitschin kritisiert, daß Mütter ihre Kinder anderen Frauen
oder Ammen zum Stillen geben: "Diese Sitte hat sich inzwischen bei
sehr vielen Frauen breitgemacht, die die Kinder, die sie geboren
haben, nicht selbst stillen wollen. Dies scheint einzig und allein
ihrer Unenthaltsamkeit wegen eingeführt worden zu sein; nur weil sie
sich nicht mäßigen mögen, wollen sie ihre Kinder nicht selbst
stillen...Ferner ist vielleicht so zu erklären, daß wir manchmal
Kinder sehen, die mit den häßlichsten Krankheiten und schimpflichsten
Gebrechen behaftet sind, obgleich ihre Eltern gute und ehrbare
Menschen waren; was allein darin seinen Grund haben kann, daß Mütter
ihre Kinder lasterhaften und schamlosen Ammen übergeben haben, von
denen die Kinder offensichtlich die Laster mit der Nahrung eingesogen
haben."
Wegen der hohen Getreidepreise kauft die Stadt Augsburg in den
benachbarten Klöstern Getreide auf Vorrat.
Herzog Heinrich von Braunschweig einigt sich mit den Prälaten und
Rittern seines Landes, um die bäuerlichen Leibeigenschaftsabgaben
in der Herrschaft Braunschweig gemeinschaftlich einzuschränken. Dies
wird ausdrücklich damit begründet, daß das Braunschweiger Land
allzusehr unter einer bäuerlichen Abwanderungsbewegung gelitten habe
und dadurch schwere Wüstungs- und Entvölkerungserscheinungen
aufgetreten seien; die Bauern seien mit zu hohen Abgaben in Gestalt
von Todfallgebühren und Heiratsabgaben belastet gewesen und deshalb
in bedrohlichem Ausmaße in Nachbargebiete entflohen.
Ralsko von Wartenberg verspricht dem Landvogt Thimo von Kolditz die
Burg Grafenstein gegen 440 Schock Geld, hintergeht ihn jedoch, worauf
die Zittauer acht Tote und 26 Gefangene beklage müssen. Ralsko von
Wartenberg wird in Zittau "noch sinem verdinem" gevierteilt und zuvor
strafverschärfend geschleift. Das Geschlecht der Wartenberger gilt als
verräterisch, weil es im Hussitenkrieg die Seiten gewechselt hat. Genko
von Wartenberg, der Oberburggraf von Prag, hatte als erster die Partei
der Hussiten ergriffen, wohl kaum aus religiösen Gründen. Es hatten die
Wartenberger besonders unter den Hussiteneinfällen zu leiden, wovon
man sich nicht nur befreite, sondern auch noch selbst einträgliche
Raubzüge unternehmen konnte. Nach der Hinrichtung Ralskos befehden
seine Verwandten zehn Jahre lang die Oberlausitz, Ortschaften werden
geplündert und niedergebrannt, Vieh gestohlen, Kaufleute überfallen etc.
Papst Eugen IV. erkennt das Konzil von Basel an, welches dennoch in
Opposition und Radikalismus verharrt.
Sigismund, König von Deutschland, Ungarn und Böhmen, zieht nach
Italien, wo er über ein halbes Jahr lang in Siena wie in einem
Schuldgefängnis sitzt; nur mit Not kann er nach Rom gelangen und die
Kaiserkrönung empfangen.
1434 In Augsburg schreibt der Rat den Juden (erneut) das Tragen eines
speziellen Judenabzeichens und eines modifizierten Judenhutes vor.
Kaiser Sigismund bedankt sich beim Berner Stadtmagistrat dafür, daß
er ihm und seinem Gefolge drei Tage lang das Frauenhaus unentgeltlich
zur Verfügung gestellt habe. Als er sich mehrere Wochen in Ulm
aufhält, führt er sein Gefolge durch die für ihn erleuchteten Straßen
ins Frauenhaus.
Guillebert von Metz behauptet (wohl etwas übertrieben), in Paris gebe es
4000 Wirtshäuser. Nachgewiesen sind für das 15. Jh. in Paris immerhin
195.
1435 Die Eichstätter Synodalstatuten versuchen, allen das Abendmahl zu
verwehren, "die ein verläumbt Leben führen als Guckler, Zauberer,
öffentlich Scholderer, öffentlich Loder und gelohnt sundlich Spilleut,
gemeinen Frauen und ihren Wirten."
Die Juden werden aus Speyer ausgewiesen.
Eine Wiener Ordnung trifft genaue Bestimmungen über das Würfel- und
Brettspiel, das unter die Aufsicht eines Vertrauensmannes gestellt
wird. Er hat die Einsätze zu verwahren und die Gewinne zu verteilen.
Die Wirte können gegen Geld Brett, Würfel und Licht verleihen.
In Köln wird eine Kalkpreistaxe eingeführt, weil es im Kalkhandel
zuvor Mißstände gegeben hat (falsche Maße, Preisabsprachen und
schlechte Qualitäten).
Beim ersten Aufenthalt von Kaiser Sigmund in Wien erhalten die
Einwohnerinnen der beiden Frauenhäuser vor dem Widmertor (vor der
Stadt) zehn Ellen Samt zum Einkleiden und zur Teilnahme am Empfang
des Kaisers.
In Bern wird Jacob von Hillisheim auf fünf Jahre als Arzt aufgenommen.
Er erhält einen Jahressold von 20 rheinischen Gulden sowie ein Haus
und genügend Holz. Dabei wird eine Bestimmung erstmals formuliert,
die in Bern für Jahrhunderte Gültigkeit haben wird: Der Stadtarzt
darf ohne Genehmigung des Schultheißen oder seines Vertreters nicht
länger als 24 Stunden von der Stadt abwesend sein.
In Tübingen wird mit dem Bau eines (zunächst zweistöckigen) Rathauses
begonnen.
Auf Mallorca werden sämtliche Juden zwangsweise getauft.
1436 Eine Sturmflut zerstört den Ort Eidum (südwestlich von Westerland auf
Sylt).
In Basel wird den Torwächtern verboten, ihre Zeit mit Kegelspielen
zu vertreiben, denn der Magistrat bezahle sie nicht zu ihrem Vergnügen.
Dabei wird abwechselnd mit Kugeln oder mit Scheiben nach drei Kegeln
gezielt.
Magister Hans Würker wird zum Stadtarzt von Ulm bestellt, wobei ihm
die Besichtigung der Apotheken zur Pflicht gemacht wird.
In Wien werden Leichen seziert.
Herzog Albrecht V. von österreich verbietet das Läuten der Totenglocken
von St. Stephan und St. Michael, welches wegen einem Pestausbruch große
Aufregung in der Bevölkerung ausgelöst hat.
In Paris wird der Gottesdienst in einer der meistbesuchten Kirchen 22
Tage lang ausgesetzt, weil Bischof Jacques de Châtelier ("ein Mann,
der sehr pomphaft, begehrlich und weltlicher war, als sein Stand es
erheischte") die Kirche nicht eher neu weihen will, bis nicht eine
bestimmte Summe von Pfennigen durch zwei Bettler bezahlt ist. Diese
hatten die Kirche in einem Streit durch eine blutige Schramme
entweiht und haben das Geld nicht.
Als zweite italienische Stadt (nach Venedig) erhält Ferrara ein
Pestlazarett.
Ein (wohl englischer) königlicher Erlaß muß dem Gerücht Einhalt gebieten,
das Bier von Hamburger oder Bremer Brauart (nämlich mit Hopfen) sei
giftig - wie englische Alebrauer behauptet haben. Englisches Ale wird
aus Gerste ohne Hopfen gebraut und ist dickflüssig, nach Léo Moulin eine
Art "gestreckter Porridge".
Rogier van der Weyden beginnt seine Tätigkeit als Stadtmaler von Brüssel.
Bis 1438: Aufstand in Brügge.
Bis 1439: Pero Tafur, ein Edelmann aus Kastilien, besucht große Teile
Europas und hält sich u.a. auch in Basel auf. Er schreibt, diese
Stadt sei gut ummauert, die Häuser hätten vorspringende Obergeschosse
mit Glasfenstern auf der Schmalseite, ferner seien die Straßen mit
Platten belegt und gepflastert, zudem gäbe es viele Brunnen.
1437 Der Nürnberger Rat bezeichnet solche Dirnen, "die in der Stadt auf- und
niedergehen" als "Heimliche frauen und töchter". Anderswo erscheinen
sie als "eckensteherinnen" oder die, die "auf dem graben gehen".
Das Meraner Stadtrecht verbietet das Abladen von Fäkalien und Unrat
auf der Straße.
In Brabant leben 32,8% der Bevölkerung in den Städten (nach den
Herdlisten).
Für den Wald Lußhart bei Bruchsal wird für dieses Jahr die Zahl von
mindestens 43000 Schweinen genannt, die dorthin zum Weiden getrieben
werden. Für das Mastrecht muß pro Schwein eine festgesetzte Gebühr,
der Dehmen entrichtet werden.
Ein Inventar verzeichnet für Schloß Ochsenburg, derzeit im Besitz der
St. Pöltener Chorherren (Augustiner), verzeichnet für die "kamer" des
Probstes (also des Burgherrn) zwei Betten, zwei Hauptpölster, , ein
seidenes Kissen, ein Spannbett, einen wollenen Gulter und einen Gulter
aus blauer Leinwand, zwei Leintücher, zwei "lederlach" ("lederne
Leintücher"), einen "welhisschen sarrokch" (Mantel aus welschem Stoff),
einen "petsarrokch" ("Morgenmantel") aus rupfener Leinwand, einen
Stuhl mit genähtem Sitzkissen, ein Lederpolster, Kamm und Bürste in
einem Futteral, einen großen Spiegel, ein Feuerzeug, ein "messeins
fäustel", eine Sanduhr, ein alabasternes Salzfaß, zwei Streitäxte und
eine Handbüchse, ein Schwert, eine Truhe und vor der Kammer eine Almer
(Schränkchen oder Kästchen). In anderen Räumen der Burg stehen Gießfaß
und Becken als besonders erwähnenswert, ein Spielbrett, ein eiserner
Tischleuchter, zwei "Köpfe" (Trinkgefäße) aus Fichtenholz, ein Wedel
aus Pfauenfedern und eine Schlaguhr.
Magdalena, die Frau eines Tullner Korbknechts, wird "umb keczerey und
zawberlich sach" zum Feuertod verurteilt. Da sie jedoch schwanger ist
und sich reuig zeigt, wird ihr die Strafe erlassen.
In Basel werden Drosseln, Tauben und Lerchen gehalten.
Vor einer Epidemie in Nürnberg fliehen angeblich 9000 aus der Stadt:
"Es waren erber leut und arm leut, maide und knecht und junge kint
geflohen". Vielleicht ein lokaler Ausbruch der Pest. Nach Endres
Tucher versuchen sich die Zurückgebliebenen durch Tragen von Masken,
Räuchern und Medikamente zu schützen, etwa durch Streichen von
Theriak in die Nase.
Nach schweren und anhaltenden Frösten erfrieren in fast ganz
Süddeutschland die Weinstöcke. Weil der Wein nun wesentlich teurer
wird, besinnt man sich wieder auf das Bier und neue Braustätten
entstehen.
9. Dezember: Kaiser Sigismund (69) stirbt. Seine Tochter heiratet
Albrecht von Habsburg, der nun König von Ungarn wird (bis 1439). Dieser
verfügt, vermutlich auf Rat des erzbischofs János Vitéz von Esztergom
die Einschaltung des niederen Adels in die Landespolitik. Entscheidende
Bschlüsse werden in Ungarn nicht mehr im königlichen Rat, sondern in
Reichstagen gefaßt. Dummerweise regiert er nur zwei Jahre.
/1438: Schwere Hungersnot in einer Zone von England und Flandern über
Frankreich und den größten Teil Deutschlands bis in die Schweiz
hinein.
Bis 1440: Weitere Ausbrüche der Pest, besonders in Süddeutschland.
1438 Seit 1380 hat es in der Gegend um Cambrai zwölf Hungersnöte gegeben. (Nach
1439 wird es nur noch eine geben.)
In Augsburg wird den "heimlichen Frauen" untersagt, seidenen Schürzen
oder Paternoster aus Korallen zu tragen und mit einer Magd auszugehen
(letzteres besonders ein Vorrecht der Frauen der Oberschicht).
Als König Albrecht auf dem Rückweg von seiner Krönung in Wien
einzieht, gehen ihm sowohl die Bürgersfrauen als auch die "gemeinen
Frauen" der Stadt entgegen. Beide Delegationen werden von der Stadt
mit Wein bewirtet. Für den König werden Wein und Konfekt bereitgestellt.
Höhepunkt der im letzten Jahr begonnenen Hungersnot. Dazu die
Thüringische Chronik: "In diesem 1438ten Jahr war große Teuerung in
Thüringen und anderen Landen, also daß die Leute Hungers starben und
in Dörfern, Flecken und Straßen tot niederfielen und lange Zeit
unbegraben lagen...Und dieweil die Leute also tot lange Zeit hin und
wider unbegraben lagen, so ward die Luft davon vergiftet und entstand
auf solche Teuerung daraus ein ganz geschwinde Pestilenz und ein
grausam Sterben und starben noch viel mehr Leute daran denn vormals
aus Hungersnot gestorben, also daß manch Dorf, ja auch viel Städtlein
gar ausstarben und darinnen kein Mensch zu finden war."
Klingenberger Chronik (Nordostschweiz): "Es ging och vff dem Land so
vbel vnd so hert von der türe, dass vil lüt was, die in ainem halben
jar nie kain brot hatten, denn das si krut, reben (Rüben) vnd sölich
ding sutten vnd assent."
Wegen der Teuerung wird im badischen Aargau das Brot rationiert: Es gibt
pro Person nur noch 650 Gramm pro Tag.
In Konstanz findet ein bürgerlicher Zweikampf statt: Hans Roth (oder
Ratenberg) hat den Hans Riem beschuldigt, ein Zauberer, Wettermacher
und Giftmischer zu sein und seinen Schwager vergiftet zu haben. Riem
fordert den Rozh vors Landgericht, wo letzterer auch Zeugen vorbringt.
Es wird ein Gottesurteil durch Zweikampf für den letzten Juli
anberaumt. Als Zuschauer sind ausgeschlossen: Frauen, Kinder unter
zwölf, Geistliche und Bewaffnete; dennoch sollen angeblich "20000"
herbeigeströmt sein. Auf freiem Felde wird ein 120 Schritte weiter
Kreis mit Sägemehl ausgestreut; der Landgraf und das Gericht sehen
zu. Beide werden kahlgeschoren und in eigens angefertigte graue
Röcke gekleidet und erhalten je einen hohen Schild und ein Schwert
(kein stumpfes Turnierschwert!). Jeder erhält einen Sekundanten und
der Kampf beginnt. Der Riem erschlägt schließlich den Roth, nachdem
er ihm schon einen Arm fast abgehauen hat. Roth wird an derselben
Stelle begraben. Eine Frau, die heimlich zugeschaut hat, gebiert
bald der Sage nach ein Kind, das nur einen Arm hat. In Valenciennes
findet 1455 ein sehr ähnlicher Kampf statt; weiteres dazu siehe dort.
Aus der Reformbotschaft Kaiser Sigismunds: "Unsere Vorfahren sind
nicht Toren gewesen. Die Zünfte und Gilden sind zu dem Zwecke erfunden
worden, daß Jeder durch sie sein tägliches Brot verdiene und Niemand
ins Handwerk des Anderen übergreife. So wird die Welt ihr Elend los,
und Jeder kann seinen Unterhalt finden und Jeder seiner Nahrung
sicher sein."
Aeneas Silvius Piccolomini lobt in einem Brief die Bürgerhäuser in
Wien, wobei ihm besondere Freude macht, daß siese "hoch gegiebelt"
seien; unschön scheint ihm aber zu sein, "daß die Dächer mit
Schindeln und nur wenige mit Ziegeln gedeckt sind". Schindeln sind
billiger als Ziegel; sie werden quasi zur Täuschung auch rot gefärbt.
Diese Praxis ist für Wien im 15. Jh. reich belegt.
In Köln wird eine Käsepreistaxe festgelegt.
Nach einer Urkunde stiften Anton Thun und seine Frau Dorothea für die
Kirche von Gufidaun einen jährlichen Zins von zwölf Pfund Berner "mit
dem gedinge, das die chirchbräbst - öl oder schmaltz oder ander ding
darvmb chauffen, damit das sy die obgen. chirchen vnd alter beleuchten."
Kirchenampeln werden mit Öl oder Schmalz genährt. Als Öl kann Baumöl,
Leinöl, auch Mohnöl dienen. Der Docht ist aus geschabten Lumpen.
Die Brixener Synode erwähnt häufig Beschwerden über "unschuldig"
als Aussätzige separierte Menschen (etwa um mißliebige Personen
abzuschieben) und fordert unter Androhung der Exkommunikation die
alleinige Prüfung Lepraverdächtiger durch Ärzte.
Hungersnot in England - für das bevölkerungsarme 15. Jh. eine Ausnahme.
Papst Eugen IV. verlegt das Konzil von Basel nach Ferrara, um sich
der angestrebten Union mit der griechischen Kirche zu widmen.
Herzog Albrecht V. von Österreich (Habsburg; 41) wird als Albrecht II.
König. Er ist bereits seit dem Vorjahr König von Ungarn.
/1439: Das der Stadt Göttingen gehörende "Lupanar" (Bordell) erzielt
Einnahmen von zwei Mark Silber.
/1439: Pero Tafur, ein kastilianischer Edelmann, bereist etliche
Länder und trifft an der berühmten warmen Quelle von Baden im Aargau
eine Kölner Dame, "welche eine Wallfahrt zu Gunsten ihres in der
Türkei gefangenen Bruders machte. Ich unterhielt mich oft damit,
ihren Mägden Silbermünzen in das Bad zu werfen, und sie mußten
untertauchen, um sie mit dem Munde aus dem Grund des Wassers
heraufzuholen. Mann kann sich denken, was sie in die Höhe streckten,
wenn sie den Kopf unten hatten." Auf der Burg von Breslau beschreibt
er eine Art Fußbodenheizung: Man sitzt im Winter im Saal der Burg auf
Stühlen mit perforierter Sitzfläche und kann aus einer Öffnung im
Boden bei Bedarf Warmluft "zwischen den Beinen hindurch in den ganzen
Körper" strömen lassen. Dafür müssen in einem eigens unter dem Saal
angelegten Feuerraum Steine erhitzt werden.
Bis 1452: In der Herrschaft Heiligenkreuz zu Ulrichskirchen in
Niederösterreich wird bei einer Strafe von zwölf Pfennig verboten,
Asche, "totenstro", tote Katzen und ähnliches auf die Dorfgassen zu
werfen.
/1439: Die Steinbrecher von München erhalten bei ihrer Arbeit in
auswärts gelegenen Steinbrüchen Roggen, Weizen, Gerste, Salz, Rind-
und Schweinefleisch sowie Eier und Milch.
1439 Für die Pflege der fünf Richtschwerter, die die Stadt Frankfurt
besitzt, ist bis zu diesem Jahre ein Schwertfeger zuständig.
In Köln werden Übertretungen der Brauvorschriften mit zeitweiser
Schließung der Brauereien bestraft.
Großer Brand in Emmerich.
Pest in Basel. "In Hundstagen in der größten Hitz nam dise Sucht so vil
Menschen dahin, daß man schier alle Stund ein Leich daher trug, das
Sacrament und letzte Oel nimmer ab der Gassen kam, auch gar nahe keinem
Hause der ganzen Stadt verschont fürgieng, es war alles voll Weinens,
Traurens und Leidtragens. Das Volk fiel dahin wie angehendes Winters die
Blüten abzureisen pflegen, und greif die Erbsucht dermaßen um sich, daß
welcher irgend jetzen auf der Gassen frisch und gesund gesehen, nach
wenig Stunden vergraben lag. Alle Kirchhöfe wurden ausgegraben, daß man
bei der Pfarrkirchen großen Gruben machet, die todten Körper aufeinander
bringet. Im großen Sterbent vergiengen alle Tag bei hundert Menschen...
Solches brachte dem Concilio großes Herzklopfen, bevorab da es ihm
etliche fürnehme Personen wegnahm, namlich Ludovicum Pontanum, den
jungen hochbegabten gelehrten Mann, welcher in 36 Stunden gesund und
todt war. - Wenig so diese Sucht berühret, entrunnen dem Tode. Aeneas
Sylvius (Piccolomini), nachmolen Babst Pius der andere (Pius II.) genannt,
ob man ihn todt gesagt und schon die letzte Oelung empfangen, stund allein
wieder auf." [Wurstisens Chronik, 1580, nach anonymen Überlieferungen]
"Also was der sterbet so gross, das dero von Basel wol uff tusent
personen sich uffhubent und giengent mit zwölf priestern gen
Ainsidlen zu unser lieben froen. Die priester viengent an zu Basel
in der statt ze singend und sungent bis zu unser lieben froen...Sie
ruffent unser lieben froen an, das sy got bäte, das er sinen zorn
gegen inen abliesse, also ungestümentlich tätent sy mit sterben."
(Konstanzer Chronik)
Nach den Hungerjahren (1437 bis 1439) wird in Köln der Bau des großen
Kornhauses bei St. Clara in Angriff genommen, wo 10000 bis 12000
Malter Getreide gelagert werden können.
Das Konzil von Basel tagt immer noch - und wieder in Basel. Es erklärt
Papst Eugen IV. für abgesetzt und setzt stattdessen Amadeus VIII. von
Savoyen zum Gegenpapst Felix V. ein. Die konziliare Bewegung ebbt ab.
27. Oktober: Albrecht II. (42), deutscher König und König von Ungarn
stirbt. In Ungarn erkennen die Stände das Erbrecht für seinen Sohn
Ladislaus an, aber ohne Erfolg.
Ca.: Es verbreitet sich eine anonyme Flugschrift "Reformation Kaiser
Sigmunds", worin gefordert wird, "Staat" und Kirche zu trennen, das
Kirchengut zugunsten des Reiches zu säkularisieren, den Adel nach
Verdienst um Reich um Reich und Kirche zu reorganisieren, die
ständische Unfreiheit zu beseitigen, die Armen gegen wirtschaftliche
Schwankungen abzusichern und Bürger und Adel zur Durchführung der
Reform heranzuziehen.
1440 "Do was ein heftiger langer winter, der wert untz viertzehen tag nach
Ostern hinaus". [Nürnberger Chronik]
Antwerpen hat etwa 20000 Einwohner.
Nürnberg verfügt über 40 öffentliche und 22 private Röhrenbrunnen.
Bei der Zurschaustellung der Aachener Reliquien stürzt ein Dach
(nach anderen ein Gerüst) mit Zuschauern ein. Es gibt 17 bis 19
Tote und 80 bis 100 Verletzte. Es werden auch einige im Gedränge
erdrückt.
Der französische Bischof Treguier droht in einem Synodalbeschluß den
Fußballspielern mit Kirchenbann: "Es wurde beschlossen, diese
gefährlichen und schädlichen Spiele wegen der Gefühlsaufwallungen, der
Boshaftigkeit und Feindseligkeit zu verbieten, die dieser scheinbar
zur Erholung gedachte Zeitvertreib in den Herzen entfacht und deshalb
destruierenden Anlaß zu Haß und Hader gibt. Mehrere kirchliche
Würdenträger haben mich davon unterrichtet, daß auf den unter ihrer
Verwaltung stehenden Pfarreigründen seit langem an Fest- und
Wochentagen ein gefährliches Spiel mit einem großen Ball getrieben
wird, der allgemein mellat genannt wird. Dieses Spiel hat schon viel
Ärgernis verursacht und wird gewiß noch weiteren Anstoß erregen, wenn
wir nicht dagegen einschreiten."
Schützenfest in Augsburg. Der erste Preis: 40 Dukaten.
In Hildesheim gibt es "16 nye bruwere" (neue Bierbrauer).
Frankfurt hat eine seßhafte Bevölkerung von 700 (ohne Juden und
Kleriker), mit Dienstboten und gewerblichen Arbeiten sind es 8700.
In Olmütz wird ein volkssprachliches Stadtbuch geführt.
Gilles de Rais wird wegen Hexerei hingerichtet.
2. Februar: Herzog Friedrich V. von Steiermark wird einstimmig zum
König (Friedrich III.) gewählt.
Markgraf Friedrich II. von Brandenburg gründet den Schwanenorden.
In Basel werden Papiermühlen eingerichtet.
Ca.: Nach Nikolaus von Kues ist die Mathematik die einzige sichere
Wissenschaft.
Ca.: Aus Wien datiert eine der ersten (oder die erste?) wissenschaftlich
brauchbare Himmelskarte mit astronomisch exakter Definition nach
Ptolemäus und Positionierung der Sternbilder.
Ca.: In Erinnerung an die Pest von 1439 wird zu Basel an der Kirchhofmauer
des Predigerklosters der Baseler Totentanz angefertigt, auch genannt der
"liebe Tod von Basel".
Ca.: Schätzungen für die Bevölkerung Europas:
Gesamt: 37 Mio; Iberische Halbinsel: 7 Mio; Frankreich: 12 Mio;
Italien: 7,5 Mio; Britische Inseln: 3 Mio; Deutschland und
Skandinavien: 7,5 Mio. [J. C. Russel, Bevölkerung. In: Lexikon des
Mittelalters 2, 1983, Sp. 14]
Und 1444: Auf dem Neuen Markt zu Wien ein kleinerer Laufbrunnen
errichtet.
Bis 1445: In Tübingen werden die Stadtmauern erweitert. Außerdem
wird zwischen Ammer und Neckar ein Kanal gegraben.
1441 In Venedig protestieren die Hersteller von Spielkarten gegen den
Import süddeutscher Karten, welcher sie an den Rand des Ruins bringe.
Darauf wird die Einfuhr von gedruckten Bildern und Spielkarten
verboten (offenbar für ganz Italien).
Jan van Eyck (ca. 51) stirbt.
In Paris können auf dem Friedhof der Innocents, dem berühmtesten und
begehrtesten Friedhof der Stadt, vier Monate lang weder Begräbnisse
noch Prozessionen stattfinden, weil Bischof Denys de Moulins mehr
dafür verlangt, als die Kirche aufbringen kann. Dieser Bischof wird
geschildert als "ein Mann, der sehr wenig mitleidig war gegen wen
immer, so er nicht Geld oder sonst eine Gabe erhielt, die es lohnte;
und als wahr erzählte man, er habe mehr als fünfzig Prozesse bei
Gericht; denn ohne Prozeß war nichts von ihm zu erlangen." (Der
Bürger von Paris)
Das Augustiner-Chorherrenstift von St. Pölten legt fest, daß bei
Versehgängen der Priester von vier singenden Schülern in Chorröcken
mit vier Laternen und brennenden Kerzen begleitet werden sollen.
Falls jedoch dieser Aufwand mit Zeitverzug verbunden wäre, hätte der
Geistliche ohne Begeleitung zum Kranken zu gehen.
Spielleute in englischen Klöstern: Die Spielleute von Lord Clinton
erhalten vier Schillinge, nachdem sie an einem Festtag in der Priorei
Martoke musiziert haben, wohingegen die für das Seelenamt bestellten
Priester nur zwei Schillinge erhalten. Außerdem dürfen die Spielleute
im prachtvollen Gästezimmer des Klosters zusammen mit dem Subprior
speisen.
In Wien werden Leichen seziert.
In Köln werden die Strafen für Verstöße gegen die Brauordnung
gelockert: Die zeitweise Schließung der Brauerei wird durch eine
Strafe von fünf Mark Silber ersetzt. Diese Strafe ist auch für den
Ausschank schlechten Bieres durch Brauer und Wirte vorgesehen.
Der Rat von Nürnberg läßt auf der Hallerwiese vor den Stadttoren
eine Spielwiese mit Linden bepflanzen.
In Nürnberg heißen die Kloakenreiniger "Nachtmeister" (weil die
Leerung nachts stattfindet) oder "Pappenheimer".
In Nürnberg beginnt man, auf der Hallerwiese Linden zu pflanzen.
1442 Die in Wien versammelten Kürschner Bayerns und Österreichs sprechen
den Gesellen jegliches Korporationsrecht ab.
Vor den Toren von Goslar wird ein Richtmaß für Holz angebracht, um
Holzknechte und Handwerksmeister darauf aufmerksam zu machen, daß
wegen der Holzverknappung die Länge der Dielen auf 23 Fuß (ca. 8 m)
und die der Latten auf 22 Fuß beschränkt ist.
Aus der Augsburger Brotpreistaxe: Bei der Herstellung von
Semmelbrezeln beträgt das Gewicht der Brezel nur genau ein Drittel
des dafür nötigen Getreidegewichts, bei reinem Semmelbrot 43,5% und
bei Roggenbrot 80%. ["Semmel" bedeutet ursprünglich nicht "Brötchen"
sondern "Weizenmehl".]
Das Berliner Stadtbuch führt auch eine stadtbekannte Dirne auf: "Else
med den langen tytten".
Beispiel für den spätmittelalterlichen Ochsengroßhandel: Konrad von
Weinsberg, der Reichserbkämmerer fährt als Gesandter des Kaisers nach
Ungarn, wobei er von dort die Gelegenheit wahrnimmt, Ochsen
auszuführen - mit finanzieller unterstützung seines Schwagers Georg
von Hohenlohe (Bischof von Passau und Verweser des Erzbistums Gran)
sowie dreier Nürnberger Tuchgroßhändler. Er kauft 284 ungarische
Ochsen und treibt sie in drei Monaten in das Gebiet von Mainz und
Bingen. 239 kommen an; 25 hat er in Nürnberg auf seine Rechnung
verkauft, 17 mußten unterwegs verbilligt verkauft werden und nur zwei
mußten bei der Überquerung des Inn notgeschlachtet werden. Solche
Herden bestehen meist aus 200 bis 600 Ochsen und werden zu je 100
Stück von einem meist kleinadligen "Ochsen-Kapitän" und fünf bis
sechs ungarischen Haiduken (nach Kühnel: roh und halbnomadisch)
zusammengehalten. Der hohe Fleischverbrauch in den Städten (im Schnitt
100 kg pro Kopf und Jahr) macht solche Einfuhren notwendig.
Ausschluß von Selbstmördern aus der Gemeinschaft der Toten an einem
Beispiel aus Nürnberg: "1442 ist Hans Träger, ein alter man und gewesener
knecht in der waag, der in seinem haus sich selbst erhängt, öffentlich
ausgeschleifft und verbrennet worden." Selbstmörder gelten bis weit ins
18. Jh. hinein als ruchlos und ausgestoßen und erhalten kein christliches
Begräbnis.
Der Nürnberger Apothekereid enthält Bestimmungen zur Einhaltung der
Ablauffrist von Arzneien und gegen Abtreibung. Die Apotheker werden
verpflichtet, Arzneien, bei denen "die zeyt, die von den lerern
darauf gesetzt" ist, also veraltet sind, nicht zu verkaufen. Es wird
ihnen ebenso aufgetragen, "kainerley vergifft oder ander ertzney,
damit man kindlein vertreibt...keinen menschen nicht raichen oder
verkauffen." Ärzte und Ratsherren müssen einmal pro Jahr die
Apotheken beschauen.
Die Juden werden aus München vertrieben.
In Mariazell gibt es Pilgerzeichen. [Was denn Pilgerzeichen sind, wird
zum Jahre 1466 erklärt.] Das älteste erhaltene Original stammt aber
aus dem Jahre 1520.
Konkubinat in Venedig: Eine gewisse Giacomella wird wegen ihres
anstößigen Verhaltens vor Gericht gezogen. Sie hat ihren Mann seit
mindestens vier Jahren verlassen, um mit einem Priester
zusammenzuleben, von dem sie zwei Söhne hat.
Friedrich III. wird erst jetzt gekrönt. Er beginnt, im Südwesten
Deutschlands mit Hilfe von Zürich eigene Territorialpolitik zu
betreiben.
1443 Auf der Frankfurter Messe wird ein Elefant vorgeführt.
Mitten in Frankfurt betreibt der Henker eine Verkaufsbude, wo er
"Medizin" feilbietet.
In Frankfurt wird das Kegelspiel verboten.
Seit diesem Jahr gilt am Oberrhein der Bundschuh als Zeichen einer
sozialen Erhebung.
In Wien wird eine Taxe für Arzneimittel festgelegt; sie gilt als eine der
präzisesten.
Ein typisches mittelalterliches bürgerliches Streitverfahren - aus
Frankfurt: "Der Turmhüter auf dem Pfarrturm sprach den Juden Meyer an,
daß, nachdem er ihm Hühnergarn versetzt habe und es die Mäuse bei ihm
verbissen hätten, der Jude ihm dieses bezahlen sollte. Der Jude antwortete,
daß er das Hühnergarn wie alle anderen Pfänder verwahrt und deshalb
den Schaden nicht getan habe. Nach Ansprache und Antwort haben unsere
Herren mit Urteil gewiesen: Schwört der Jude mit seiner Hausfrau einen
jüdischen Eid, daß er das Hühnergarn wie die anderen Pfänder verwahrt habe
und den Schaden nicht getan habe, so sind sie ihm entgangen, es sei denn,
daß der Turmhüter, wozu er sich erboten hat, beweist, daß sie den
Schaden getan haben."
21. August: In Venedig wird den Männern verboten, sich als Frauen zu
verkleiden.
/1444: Eine umfangreiche Verlegung von Pflastersteinen in Würzburg
wird allein von 23 Bürgern, darunter auch geistliche Herren,
finanziert.
Bis 1447: In dieser Zeit entsteht in Augsburg eine Sammelhandschrift
für Margarete von Savoyen (Cod. pal. germ. 314 der UB Heidelberg), welche
den frühesten deutschen Totentanztext enthält, nämlich den oberdeutschen
vierzeiligen Totentanz - ohne Bilder. Der Text scheint jedoch älter zu
sein, denn er hat dem Baseler Totentanz als Vorlage gedient und der
Schreiber verweist auf eine bebilderte Vorlage. Hier finden sich keine
Verse des Todes, sondern nur die monologischen Verse der Ständefiguren.
1444 Friedrich III. verläßt das Reich und hält sich die nächsten 27 Jahre
in seinen Erblanden auf.
In Mainz erlangen die Zünfte im Rat das allgemeine Regiment.
Ein Bayerischer Landfrieden verbietet den "Lotterpfaffen" das Land.
Der Henker von Bern enthauptet an einem einzigen Tag 72 Mann der
Zürcher Besatzung von Greifensee.
In Wien liquidiert der Huntschlager in diesem Jahr 866 Hunde.
Der Wiener Glaser Steffen benötigt für sechs Fenster des Pilgrimhauses
500 Butzenscheiben und erhält für das Material, die Verbleiung und
die Arbeitszeit 10 Pfund und 5 Pfennige.
Aeneas Silvius beschreibt die Wiener Neustadt. Er rühmt die "Gärten
voller Grün, eine höchst gesunde Luft, kühle Quellen, liebliche
Haine".
Wegen Teuerung wird in München die Ausfuhr von Getreide verboten.
Die Krypto-Flagellanten, Reste der alten Geißlerbruderschaften, bilden
nun besonders im Thüringer Wald und im Harz eine zusammenhängende
Sekte. Zu dieser Zeit sollen in der Gegend um Sangershausen ihrer 300
verbrannt worden sein. Sie folgen in der Öffentlichkeit den Geboten
der Kirche, die sie ablehnen und büßen dies im Geheimen durch
Selbstgeißelungen.
Ludwig, der Dauphin von Frankreich, führt entlassene Truppen,
Ecorcheurs oder Armanaken genannt, auf Basler Gebiet.
Im Herbst wird in Straßburg wegen des Einfalls der Armanaken eine
Volkszählung durchgeführt: Dort halten sich 26198 Personen auf,
darunter 5476 "lantlüte", offenbar Flüchtlinge. Von den Bürgern
verfügen fast 30% über keine Getreidevorräte.
Die bischöflich-passauische Burg Ebelsberg bei Linz hat eine Küche,
in welche direkt fließendes Brunnenwasser eingeleitet wird (nach
Ae. S. Piccolomini).
Bis 1462: Nach dem Geschäftsbuch des Ulmer Tuchgroßhändlers Ott
Ruland ist dessen größter Kunde als Abnehmer Aachener Tuche ein
Braunauer Metzger namens Niklas Ochsenfuß (der übrigens 1468 als
Raubmörder gevierteilt werden wird). Gegenlieferung zu diesen Tuchen
sind Ochsen.
1445 Unruhen in Braunschweig.
Eine Klage wegen Geruchsbelästigung in Wien: Hans Velber klagt, daß
das Secret (Klo) des Veit Schattauer "ein tamphloch" habe, "daraus
ruche im der unflat und pos gesmachen in sein kamer". Es wird
entschieden, daß Veit Schattauer eine Art Rauchfang errichten müsse
und daß beide Parteien für das Räumen und Instandhalten des Secrets
verpflichtet werden.
In Wien erlaubt die Ordnung der Kürschnergesellen das Brettspiel zur
Kurzweil, ferner "in den Kreis oder Ziegel schießen", jedoch nur um
einen Helbling (einen halben Pfennig). Das Würfelspiel um Geld wird
ihnen verboten.
Glücksspielverbot in Göttingen.
In Wien müssen die Tischler nach der Handwerksordnung als Meisterstücke
einen zusammenlegbaren Tisch, einen zwölfeckigen festen Tisch mit
Leisten und ein Spielbrett anfertigen.
Durand Carol aus Barcelona bezahlt 22 Dutzend schwarze Lammfelle mit
17 Marderfellen. Marderfelle als Währung ("Ledergeld") sind in Nowgorod
immer noch üblich und werden auch in anderen europäischen Handelsstädten
(Barcelona, Venedig, Ragusa, Brügge) angenommen.
Unter Landgraf Wilhelm III. von Thüringen wird Weimar Residenzstadt.
Christoffer II. von Bayern bestimmt Kopenhagen zu seiner Residenzstadt
und garantiert die Rechte des Magistrats. Die Stadt hat etwa 10000
Einwohner.
In einem Garten in Aix-en-Provence wird angebaut: Weißkohl, Grünkohl,
Spinat, Lauch, dicke Bohnen, Petersilie, Kopfsalat, Knoblauch, Pastinak,
Borretsch und vier Sorten Zwiebeln.
Die Hersfelder Handschrift von Tacitus' "Germania" (entstanden vielleicht
zwischen 830 und 850), die einzig erhaltene davon, wird nach Italien
gebracht und ist seither stückweise verschollen.
Herzog Gerhard von Jülich-Berg-Ravensberg gründet den Hubertus-Ritterorden,
eine Adelsgesellschaft, die wohl ein niederrheinisches Gegengewicht zum
burgundischen Ordern des Goldenen Vlieses zu schaffen, in welchen die
Jülicher Herzöge im Gegensatz zu ihren klevischen Nachbarn nicht aufgenommen
werden. Die Gesellschaft, deren Hauptsitz die Christina-Kirche in Nideggen
ist, erlebt unter Gerhard und seinem Sohn (Wilhelm IV.) eine überregionale
Blüte, verkümmert danach aber völlig.
Dinis Dias entdeckt die Mündung des Senegal.
2. August: In Meran stirbt Oswald von Wolkenstein.
Oder 1446: Johannes Gutenberg (eig. Gensfleisch) erfindet in Mainz den
Druck mit beweglichen Lettern.
1446 In Nordhausen werden zwölf Krypto-Flagellanten (geheime Geißler),
meist Frauen aus niederen Ständen, verbrannt, obwohl sie zum Widerruf
bereit waren.
In Köln wird bei Verstößen gegen die Brauvorschriften die zeitweise
Schließung der Brauerei wiedereingeführt, weil die seit 1441 dafür
verhängten Geldstrafen offenbar wirkungslos gewesen sind.
Die Breslauer Synode verbietet unter schwerer kirchlicher Strafe
das Ausstreuen und Verbreiten von Wundern.
Der erste greifbare Beleg von der Verehrung der 14 Nothelfer sind
die Visionen des fränkischen Hirten Hermann. Es wird geglaubt, daß
diese Heiligen jeden aus unmittelbar drohender Gefahr retten könnten.
Es herrscht an den höhreren städtischen Schulen häufig (aber nicht
grundsätzlich überall) Lateinzwang. Dazu eine Wiener Ordnung: "Item
das die schuler vertig werden in der latein zu reden, so sol man in
ider locatien (Unterrichtsgruppe) haben einen custos, der anschreib
die schüler, die deutsch reden oder sust unzuchtig sein, die sullent
darumb gestraft werden."
Leonard Asenheimer, ein schlesischer Feldhauptmann, wird (wohl in
Breslau) enthauptet. Er soll seine Machtstellung mißbraucht haben, um
auf eigene Kosten Plünderungen in Schlesien durchzuführen. Bald darauf
wird von Kyppinberger ein Lied über die Hinrichtung verfaßt, welches
21 Strophen mit je fünf Zeilen umfaßt und im Augustinerstift zu Sagan
erhalten ist.
/1447: In Heidelberg werden einige Frauen als Wettermacherinnen
verbrannt.
1447 In Erfurt müssen die Doktoren der einzelnen Fakultäten Barette in
verschiedenen Farben tragen: Recht und Medizin rot, Artisten violett
und Theologen schwarz.
In Straßburg werden die Muster für Ziegel "auf dem Pfennigturm"
aufbewahrt.
Der Rat von Straßburg stellt fest, daß auf den Trinkstuben und in den
Wirtshäusern "gros spiele gewesen" sind, die zu Streit und Verderbnis
geführt haben. Für die Zukunft wird jede Art von Würfelspiel verboten.
Erlaubt sind Schach, Brettspiele und Kartenspiele, letztere bis zu
einem Schilling Pfennig. Die Strafe beträgt drei Pfund Pfennig oder
ein Monat Schuldturm.
Peter von Ulm, der gleichnamige Sohn eines angesehenen Chirurgen,
wird in Bern als Stadtarzt aufgenommen und erhält sogar Steuerfreiheit.
Die Fenster der Stadtburg von Eggenburg (in Niederösterreich) erhalten
"sliem" (dünn gegerbte Häute) als Kälteschutz (mangels Glas).
In Memmingen wird ein durch Muskelkraft bewegter Selbstfahrer erwähnt.
Aus einem Wiener Mietvertrag: "Wir sullen auch in vnd den iren mit pett
vnd pettgwant vnd fewr vnd kochen gewerttig sein, wir sullen auch alles
das des notdurft ist in dem haws..., auf vnser selbs müe vnd zerung
wenden vnd pessern."
Der "Bürger von Paris" notiert, dieses Jahr "...war der Wein in Paris so
teuer, daß die armen Leute nur Bier, Met, Cidre, Birnenmost oder ähnliches
Gebräu tranken."
Walldürn erhält Stadtprivilegien.
21. Juni: Der Große Rat von Genua macht die Zahlung in Goldmünzen für
alle gezogenen Wechsel (Kreditgeschäfte) und für die Begleichung aller
Auslandsgeschäfte obligatorisch.
Dithmarschen gibt sich ein Landrecht. Damit wird auch ein Obergericht über
allen Kirchspielgerichten geschaffen und eine politische Repräsentation für
Außenpolitik und Wehrwesen errichtet.
1448 In Würzburg beschließt der Rat, zwei Gassenmeister zu wählen, die
alle Schlote besichtigen sollen.
Im Göttingen wird bei einem Streit zwischen den Krämern und den
Apothekern entschieden, daß die Apotheker weiterhin Gewürze,
Kramwaren und Papier (meist aus Italien importiert) verkaufen dürfen.
Bau des Rathauses von Walldürn. Es ist das älteste heute noch erhaltene
Rathaus in Deutschland.
In Berlin sind in den letzten 46 (57) Jahren 101 (114) Personen
hingerichtet worden: 51 (46) gehenkt, 14 (20) verbrannt, 13 (22)
enthauptet, 11 (17) gerädert, 10 (9) lebendig begraben.
Florenz erhält als dritte italienische Stadt ein Pestlazarett.
Und 1449: Pestwelle in Italien.
Bis 1505: In Breslau werden zehn Personen wegen Kirchendiebstahl
hingerichtet, davon acht verbrannt, einer enthauptet und einer gehängt.
1449 Der Straßburger Rat versucht mit den Herren der Region ein Abkommen
zum Schutz der Singvögel zu schließen, weil an diesen ein "merklicher
Abgang" zu beobachten sei.
In der Stadtbäckerei zu Nürnberg werden aus 100 kg Roggen nur 77,3 kg
Brot gewonnen. Dies deutet auf einen geringen Ausmahlungsgrad des
Korns von 62,5 % hin.
In München ist das Kochhandwerk fest geregelt, obwohl die Köche dort
erst in 285 Jahren eine Zunftordnung bekommen werden.
In München haben verarmte Bürger eine Wochenration an Fleisch von
1440 Gramm.
Die Wiedereroberung der Normandie läßt sich der französische König
durch den Kaufmann Jacques Coeur finanzieren.
Das Konzil von Basel, zuletzt in Lausanne, geht auseinander.
Der Herzog von Burgund läßt in Brügge einen Totentanz aufführen.
In Kopenhagen findet die erste Königskrönung statt (Christian I.).
In Nürnberg leben 14309 Bürger und deren Angehörige, 3274 Knechte und
Mägde, 1976 Nichtbürger und 446 Geistliche und 120 Juden.
/1450: Aus Nürnberg: auf 1475 Knechte kommen 1855 Mägde
(Frauenüberschuß). Die Schweizer Söldner, die gegen Markgraf Albrecht
Achilles von Brandenburg angeheuert worden sind, erhalten pro Woche
eine Ration von 2375 Gramm Fleisch (um sie bei Laune zu halten). Die
Kriegsgefangenen bekommen immerhin noch 712,5 Gramm.
Bis 1454: In weiten Teilen Europas geht die Pest wieder um.
1450 In Frankfurt werden Brillenmacher erwähnt.
Auf der Frankfurter Messe wird ein (Vogel) Strauß vorgeführt.
In Lappenhaus wird ein Bauernturnier ausgetragen: Helme aus Stroh,
Krücken als Lanzen, Ackergäule und Esel als Schlachtrösser.
Nürnberg, das während des Krieges mit Markgraf Albrecht Achilles in
schwere Bedrängnis geraten ist, läßt eine Volkszählung durchführen:
Es gibt 30131 Personen in der Stadt, davon 9912 Flüchtlinge (Bauern).
Die Getreidevorräte betragen: 24000 Sümmer Korn, 4134 Sümmer Hafer,
1150 Sümmer Dinkel, 2597 Sümmer Hirse und 600 Sümmer Gerste. [Ein
Nürnberger Sümmer entspricht knapp 300 Liter.] Die Versorgungslage
ist demnach gut, obwohl es 1477 ortsansässige Personen ohne
Getreidevorräte gibt.
Nach dem Rechnungsbuch der Herzogin von Burgund, Isabella von Portugal,
kommen jeden Tag folgende Speisen auf den Tisch: vier Koteletts, sechs
Schultern und sechs Teile vom Lamm, ein halbes Kalb samt Gekröse, eine
Rinderhaxe, ein Kapaun, 17 Hühner, fünf Paar Tauben, ein Rebhuhnund 50
Eier (an Fasttagen 100 Eier). Obst, Gemüse und Schweinefleisch aus den
eigenen Ländereien kommen in den Rechnungen nicht vor.
Nach einer sagenhaften Begebenheit soll der Wein dieses Jahr in
Österreich so sauer geraten sein, daß man ihn auf die Straße kippt.
Dieser Wein wird Reifbeißer genannt, entweder, weil der Reif die Trauben
verdorben hat, oder weil der Wein durch seine Schärfe die Dauben und
Reife der Fässer beißt. Friedrich III. soll verboten haben, den Wein
wegzuschütten; man solle ihn stattdessen auf den Stephanskirchhof
bringen, um damit den Kalk für den Kirchenbau zu löschen.
[Cuspinianus, "Historia Austriae ex relatione seniorum", nach Grimm,
Dt. Sagen 352] Die Verwendung von Wein zum Kalklöschen kommt noch an
anderen Stellen vor (vgl. 1166); so soll auch der Heidenturm zu Glatz
auf diese Weise gebaut sein, doch haben die drei bisher gefundenen Fälle
alle sagenhaften Charakter.
Papst Nikolaus V. ruft ein Jubeljahr aus. Von nun an werden die
Jubeljahre alle 25 Jahre begangen.
18. September: In diesem Jubeljahr drängen sich in Rom vor der
Engelsburg Massen von Pilgern. Als ein Maultier scheut, bricht eine
Panik aus, in der 260 umgekommen sein sollen, teils erdrückt, teils
in den Tiber gedrängt. Nach anderen Angaben werden in Rom am Ponte
Sant'Angelo 172 Menschen, 4 Pferde und ein Maulesel erdrückt.
Piccolomini spricht in einem Brief von fast 200 Toten. Die Römer
sollen jedenfalls gut verdient und die Preise sich in Grenzen
gehalten haben.
Meister Hans von Norten wird zu Göttingen als Stadtarzt auf
Lebenszeit verpflichtet. Er wird dabei auch verhalten, an Kriegszügen
teilzunehmen. Man sichert ihm auch eine Altersversorgung zu.
Mantua erhält ein Pestlazarett. Erstmals wird zu diesem Zweck ein
Gebäude neu errichtet.
Ca.: In Nürnberg gibt es Flugblätter mit Neuigkeiten.
Ca.: Besonders in Italien beginnt man, den Kindern Vornamen aus der
Antike zu geben.
Ca.: In Köln wird eine Kupfer- und Messingschmelze mit bis zu 100
Arbeitern eingerichtet.
Ca.: Es erscheint "De re aedificatoria" von Leon Battista Alberti,
worin u.a. empfohlen wird, Abfälle ins Meer oder einen Fluß zu
leiten. Wo das nicht möglich sei, müsse man bis aufs Grundwasser
graben, welches man sich fließend vorstellt. Der Leib der Erde könne
das Abwasser verzehren und verdauen, ohne daß sich gefährliche Dünste
entwickelten.
Ca.: Im Badewesen unterscheidet man zwischen Schwitzbad (swaysspad)
und Wasserbad (wasserpad mit edlem chrawt).
Ca.: Der Zürcher Felix Hemmerlin läßt einen Adligen sagen: "Nun weiß
ich es recht. Der Bauer sticht den, der ihn salbt, und salbt den, der
ihn sticht. Daher hat auch der Weise gesagt: 'Wasche und kämme den
Hund - Hund ist und bleibt Hund.'"
Ca.: Die seit Anfang des 15. Jhs. aufgetretenen Schnauz- und Spitzbärte,
von Vertretern der alten Ordnung als heidnisch und barbarisch verteufelt,
treten wieder in den Hintergrund.
Ca.: Die Erfindung des Seigerverfahrens zur Herstellung von Reinkupfer
führt zu einer starken Produktionssteigerung.
Ca.: Steyr steht wirtschaftlich und kulturell auf dem Höhepunkt. Die Stadt
gilt nach Wien als vornehmste Stadt von Österreich und genießt eine
Vorrangstellung im ständoschen Landtag.
Ca.: Brüssel hat weit über 40000 Einwohner.
Ca.: In Polen herrscht seit dieser Zeit der 1. Januar allein als
Jahresanfang.
Nach 1450: Die Gugel wird durch andere Kopfbedeckungen aus ihrer bisher
vorrangigen Position verdrängt.
Bis 1452: Kardinal Nikolaus von Kues reist als päpstlicher Legat
durch Deutschland und die Niederlande, um den "Jubelablaß" und einen
Kreuzzug gegen die Türken zu predigen sowie um Welt- und Ordensklerus
zu reformieren.
Bis 1460: In Wien finden vor St. Stephan und auf dem Graben
Blumenmärkte statt.
Bis 1480: Am burgundischen Hof wirkt der Chronist und Dichter Olivier
de la Marche.
1451 In Nürnberg und Bamberg wird den Juden das Tragen des Judenabzeichens
und des Judenhutes vorgeschrieben.
Der Bischof von Lausanne erlaubt den Einwohnern von Bern, einen Prozeß
gegen Würmer und Mäuse zu führen. Erst nachdem die Tiere dreimal
geladen worden sind, dürfen sie auf Prozessionen durch das betreffende
Gebiet verflucht werden.
In der niederösterreichischen Klosterherrschaft Lilienfeld wird
bestimmt, daß Hochzeiten einen Tag lang an sechs Tischen gefeiert
werden dürfen.
/1452: Durchschnittlicher Verbrauch an Fleisch pro Woche in Basel:
1187 Gramm.
1452 Als König Ladislaus in Wien einzieht, wird in zweitägiger Arbeit der
Unrat vom Fischmarkt beseitigt auf auf den Hohen Markt Laub gestreut.
In Straßbur werden Würfelspiel, Brettspiel und Kartenspiel in Wirtshäusern
untersagt.
In Paris wird François Villon zum Magister promoviert.
In Frankfurt wird den Juden das Tragen des Judenabzeichens und des
Judenhutes vorgeschrieben.
Johann von Gmünd wird Stadtarzt von Bern. Dabei wird ihm die Aufsicht
über die Apotheken übertragen.
In spätmittelalterlichen Bürgerhäusern werden Vögel gehalten, meist
Stare, Sittiche und Elstern. So schreibt z.B. eine Breslauer
Kaufmannsfrau ihrem Gatten in der Fremde: "wisset lieber man, das der
sitik frum ist und kan mir jetzund rueffen".
Eine Geschichte aus Italien: Der Pfarrer von Bimio bittet in einer
Supplik um die Erlaubnis, eine Religiose absolvieren zu dürfen, die
von einem unverheirateten jungen Mann geschwängert worden ist.
Sie hat einen Jungen geboren, ihn eigenhändig getauft, daraufhin
umgebracht und innerhalb der Mauern ihres Klosters "aus Scham vor der
Welt" heimlich begraben. Der Name und das Kloster der Mutter werden,
um das Beichtgeheimnis zu wahren, in der Supplik nicht angegeben.
Bis 1455: Der Palisadenzaum um die Wiener Vorstädte wird erneuert.
Für Holz und Arbeitsaufwand werden 1751 Pfund Pfennig ausgegeben.
Dabei befindet sich zwischen den Pfählen mit Lehm abgedichtetes
Rautengeflecht.
1453 29. Mai: Die Türken erobern Konstantinopel.
Ende des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Bis
auf Calais haben die Engländer ihre Besitzungen in Frankreich
verloren.
In Nürnberg ist mit dem "tauben Öttel" der erste namentlich bekannte
Schornsteinfeger ("Schluffeger", "Rauchlochfeger") belegt. Für die
Säuberung von 37 Schloten erhält er acht Pfund Pfennig. Auch in
Bremen ist für dieses Jahr ein Schlotfeger belegt.
Der älteste erhaltene Zunftbrief aus Düsseldorf stammt von den
Schuhmachern.
Wegen angeblicher Hostienschändung durch eine Jüdin kommt es in Breslau,
Schweidnitz, Jauer und anderen schlesischen Städten zu
Judenverfolgungen. Folter sorgt für "Geständnisse" und weitere
Verfolgungen. Die eingezogegen Güter fallen an den König (Ladislaus),
der ein ewiges Judenverbot für Breslau verfügt.
Es stirbt der fahrende Ritter und Turnierheld Jacques de Lalaing (63).
1454 Johannes de Capestrano (Kapistran) predigt in Deutschland einen Kreuzzug
gegen die Türken. In Nürnberg läßt er 3640 Schachbretter und 40000 Würfel
auf dem Scheiterhaufen verbrennen.
Nach einer Verordnung von König Ladislaus muß jede Person ein offenes
Licht bei sich tragen (eine Laterne aus Eisenblech oder Hornblende).
In Breslau spricht ein Gericht wegen offensichtlich gewalttätiger
Widersetzlichkeit und Schmähreden gegen die Stadtdiener die Todesstrafe
aus, die dann aber in lebenslängliche Verbannung gemildert wird.
Mai: König Ladislaus veranstaltet in Wien neben dem "Scharlachrennen"
(siehe 1382) auch noch einen Wettlauf für Dirnen. Der Preis ist ein
Stück Barchent. Zu allgemeinen Belustigung müssen sie beim Laufen
ihre Röcke hoch aufschürzen.
22. Oktober: Ausgabedatum des frühesten gesicherten Druckerzeugnisses,
eines Ablaßzettels gegen die Türken.
Auf einem großen Hoffest läßt Philipp der Gute von Burgund zu Lille
ein Kreuzzugsgelübde gegen die Türken ablegen ("le voeu du faisan").
Frauenüberschuß in Basel: auf 1000 Männer kommen 1246 Frauen.
Nach der Feuerordnung von Wien soll ein Prämiensystem zum Löschdienst
anspornen: Von den Fuhrleuten, die in "laiten" Wasser herbeischaffen,
erhält der erste am Brandort 100 Pfennig, der zweite 60 und der dritte
30.
Die französischen Bergwerke sind in einem schlechten Zustand, weswegen
man Spezialisten aus dem Reich holt, so in diesem Jahr den Claux
Simermant (wohl "Klaus Zimmermann"), aus der Gegend von Basel, der
sich auf das Nivellieren von Stollen versteht.
1455 In Würzburg werden alle "schlotmacher", die einen Schornstein nicht
innerhalb von vier Wochen erbauen, mit einer Strafe von zehn Pfund
Pfennig belegt.
In Valenciennes findet ein Zweikampf zwischen zwei Bürgern statt, was
wohl angeblich seit 100 Jahren nicht mehr vorgekommen ist: Jacotin
Plouvier (der Kläger) gegen Mahuot. Es geht um die Aufrechterhaltung
eines alten Privilegs und der Kampf wird mit Keulen und Schilden
ausgefochten. (Es gibt davon u.a. eine brutal-realistische
Schilderung von Chastellain.) Am Ende bleibt Mahuot, der wohl kaum
eine Chance hatte, mit gebrochenem Rücken liegen und wird
anschließend gehenkt. Bemerkenswert an dieser Geschichte sind die
Parallelen zu einem ähnlichen Kampf, der 1438 in Konstanz
stattgefunden hat (siehe dort). In beiden Fällen gibt es detaillierte
Schilderungen des Kampfes. Ähnlichkeiten: Das Vorhandensein von
Sekundanten (in Valenciennes: Fechtmeister); spezielle Kleidung
(hier: Leder); der Landesherr und zahlreiche Zuschauer sind anwesend;
in Valenciennes ist zumindest einer der Kämpfer kahlgeschoren (in
Konstanz beide). Zu Valenciennes wird allerdings sehr rücksichtslos
gefochten (Sand in die Augen des Gegners werfen, Daumen ins Auge
drücken, dem Verlierer wird auf den Rücken gesprungen).
In Köln wird eine Kommission ernannt, welche bestimmte Straßen für
die "gemeyn frauwen" bestimmt.
Dresden erhält Stapelrecht für den Elbhandel und Niederlagerecht für
Waren nach Böhmen.
Auf der Synode von Brixen verbietet Kardinal Nikolaus von Cues aus
vernünftiger Einsicht und aus Sorge üm die Wahrheit der Verkündigung
den Geistlichen, aus der "Legenda aurea" abergläubische Geschichten
von den Heiligen Blasius, Barbara, Katharina, Dorothea, Margaretha
und anderen zu predigen. Er schreitet auch energisch, aber vergeblich
gegen die Verehrung der falschen Wilsnacker Wunderhostien ein, weil
diese in großem Umfang zu abergläubischen Praktiken verwendet werden.
Der Kölner Magister Hertwicus, der in Amsterdam lehrt, wird nach
Heidelberg berufen, um dort die "via antiqua" zu lehren. Wie im
Mittelalter üblich, folgen ihm viele seiner Studenten dorthin.
Spielmannsnamen: In der Wiener St.-Nikolaus-Bruderschaft der
Spielleute taucht ein Peter Froschmaull auf, vielleicht derselbe, der
1448 in Konstanz besoldet worden ist.
Das Rathaus von Brüssel wird vollendet.
Ca da Mosto erforscht den Senegalfluß und Gambia.
/1456: Zu Bourges wird Jeanne d'Arc posthum rehabilitiert.
/1456: In Wien wird mit einem Aufwand von 499 Pfund Pfennig ein
steinernes Brunnenhaus auf dem Graben erbaut, dessen vier
Auslaufröhren in Löwenköpfen aus Messing enden. Bekrönt ist das Haus
mit einer Figur des heiligen Florian, woraus zu schließen ist, daß der
Brunnen auch zum Feuerlöschen dienen soll.
Ca.: Johannes Gutenberg druckt in Mainz die "42zeilige Bibel". (Eig.
1452/1455)
1456 In München erscheint Johann Hartliebs "Buch aller verbotenen Kunst,
Unglaubens und Zauberei".
Es erscheint der älteste gedruckte Kalender, und zwar (posthum) von
Magister Johannes de Gamundia (Mathematiker und Professor der
Universität Wien, gestorben 1442). Hier sind für jeden Monat die
Anzahl der Stunden pro Tag und Nacht angegeben.
In Dordrecht wird den Kindern das Reifenschlagen verboten.
Nach einem Brand in der Wiener Neuenburger Straße wird der Brandstifter
seinerseits verbrannt.
In Wien werden die Rauchfänge städtischer Gebäude einer regelmäßigen
Kontrolle unterzogen.
Der Kurfürst von Sachsen bescheinigt den Leinewebern Zunftwürdigkeit
"umb ihrer getreuer und ahnnehmender Dienst willen, die sie uns in
vergangenen leuffen in feltzugen und andern williglich und rüstig
gethan haben." Die Leineweber geraten immer wieder in Verruf, weil sie
besonders seit dem 15. Jh. vermehrt vom Land in die Städte ziehen und
in Konkurrenz mit dem städtischen Weberhandwerk treten. Die Zünfte
benutzen den Verruf, um sich dieser Konkurrenz zu entledigen, denn
solche "Unehrlichkeit" betrifft in erster Linie die Zunftfähigkeit und
die Bürgerrechte. Auch hier gibt es regionale Unterschiede: in manchen
Städten bilden die Leineweber eigene Zünfte und erlangen Bürgerrechte,
sind gelegentlich sogar im Rat vertreten.
In Regensburg wird allen Krämern und Händlern der Verkauf von
Hüttenrauch (Arsenik) verboten. Dies bleibt künftig den vereidigten
Apothekern vorbehalten. Die Preise für Arzneimittel werden nach
Nürnberger Vorbild festgelegt.
In Zürich werden folgende Wettkämpfe ausgeschrieben: Laufen auf 400
und 10000 Schritt, Weitsprung, Hochsprung, Steinwerfen, Ringen,
Scheibenschießen auf 100 und 300 Schritt, Fechten mit Lanzen und
Hellebarden. Beim Steinwerfen müssen drei unterschiedlich schwere
Steine auf drei verschieden weit entfernte Ziele geworfen werden.
Beim Einzug Philipps des Guten in Gent treten auch drei "Sirenen"
auf, die nahe der Brücke in der Leie schwimmen, "ganz nackt und mit
aufgelösten Haaren, so wie man sie malt".
In Lüneburg verfaßt Bürgermeister Hinrik Lange Aufzeichnungen (so etwas
wie eine Stadtchronik), um sein Verhalten im innerstädtischen Konflikt zu
rechtfertigen.
Universität Greifswald gegründet.
Schauergeschichten aus der Walachei: Vlad III. Draculea ("Sohn des
Drachen", nach seinem Vater Vlad II. Dracul) wird Herrscher der ganzen
Walachei (bis 1462). In den schrecklichen Kämpfen gegen die Türken
erhält er wegen seiner grausamen Gewohnheiten den Beinamen Tzepes (Tepes,
"der Pfähler"); er läßt angeblich Gesandten die Hüte am Kopf festnageln,
hunderte pfählen, trinkt das Blut seiner Opfer, "beseitigt" die Armut,
indem er die Armen verbrennt, zwingt die Zigeuner zum Kriegsdienst, indem
er sie vor die Wahl stellt, gegen die Türken zu kämpfen oder sich selbst
gegenseitig zu verspeisen. Er ist das Vorbild für Stokers Dracula.
Die Portugiesen erreichen Guinea.
Bis 1460: Kaiser Friedrich III., der mit seinem Bruder Herzog Albrecht
wegen Erbstreitigkeiten in Fehde liegt und daher unter starkem Geldmangel
leidet, entzieht den Wiener Hausgenossen die Münzprägung und läßt
reichlich Pfennige und Kreuzer mit ständig geringerem Silbergehalt
herstellen. Herzog Albrecht, die bayerischen Herzöge und benachbarte
Fürsten schließen sich notgedrungen dieser Praxis an. Diese neuen, ständig
schlechter werdenden Pfennige heißen im Volksmund bald "Schinderlinge". Es
ist die erste große Inflation in Deutschland.
1457 Lange vor diesem Jahr existiert in Freiburg i. Br. eine Baumschule,
nämlich ein eingezäunter Eichelpflanzgarten, der auch gedüngt wird.
In Hamburg schärft der Rat den Bürgern, wie schon zuvor, nochmals ein,
daß die Verunreinigung von Elbe, Alster und Fleete mit drei Mark
Silber bestraft wird.
In Köln betreut der Stadtarzt auch die Spitäler.
Gründung der Universität Freiburg.
Karl VII. von Frankreich erlaubt den Einwohnern von Roquefort durch eine
Urkunde, eine Steuer auf den Käse zu erheben, den die Schafzüchter der
Umgebung in den Kellern der Stadt reifen lassen.
1458 Die Pfeiferbruderschaft zum Riegel, eine Genossenschaft von Spielleuten
der Konstanzer und der rechtsrheinischen Teile der Straßburger Diözese,
die bereits einige Zeit besteht, erhält einen Schutzbrief des Grafen von
Württemberg.
Die Universität zu Leipzig verbietet den Studenten Schnabelschuhe,
auffallend kurze Röcke, an der Seite offene Mäntel, seidene Ärmel
sowie mehrfarbige oder ornamental verzierte Hosen. Ausgenommen sind
die höheren Stände.
Glücksspielverbot in Straßburg.
Leipzig verfügt mittlerweile über drei überregionale Messen.
Der Nürnberger Rat versucht vergeblich, die Sägemühlen zu verbieten,
soweit sie nicht schon von alters her bestünden, weil diese den Wald
gefährdeten.
Ein Bedarfsplan an Tuchen für die Winterbekleidung vom Hofe der Herzogin
Sophia von Sachsen-Lauenburg (der Mutter Herzog Wilhelms von Jülich-Berg)
sieht für den Hofstaat insgesamt 180 Ellen Tuch vor. Dabei erhalten die
meisten Hofleute pro Person vier bis fünf Ellen zugemessen, darunter
ein Klostermann (Beichtvater?), der Kammerknecht Johann, der Koch
Konrad, der Stallknecht Klaus, der Kellner Heinrich, der Hofnarr Hermann
Geck, die beiden Lautenschläger und der Schreiber Christian zum Pütz,
welcher dies alles überliefert hat. Wenige bekommen sechs Ellen Tuch,
darunter der Kaplan der Herzogin und ihr Türwärter Godert von Steinen;
ebenso erhalten nur wenige sieben Ellen Stoff, nämlich der Hofmeister,
die Hofmeisterin und einige adlige damen, wohl die herzoglichen
"Staatsjungfrauen". Die Herzogin nimmt für sich selbst neun Ellen und für
ihren dreijährigen Sohn vier Ellen in Anspruch. Preis und Art des Tuchs
werden hier leider nicht genannt, doch ist aus anderen Rechnungen bekannt,
daß die herzogin graues Wolltuch für die Winterkleidung gerne in Köln bei
den Händlern Johann von Ochsenvrugge und Arnd von Grevenbroich kauft (wofür
sie 1460 mindestens 312 oberländische Gulden bezahlt). Arnd von Grevenbroich
wird auch 1465 die rote Sommerkleidung für den Hof liefern. Ein anderer
Tuchhändler aus Köln ist Goswin von Straelen, bei dem die Herzogin sehr
kostbare Stoffe kauft, nämlich roten Damast (zehn Mark pro Elle), schwarzen
Samt, schwarzen Taft, ein schwarzes Tuch namens "flulbeil" und dasselbe in
rot und karmesin gemustert, wovon eine Elle 15 Mark kostet. Für sich selbst
nimmt die Herzogin Seide für zehn Mark pro Elle; für ihren kleinen Sohn
genügt die Seide für vier bis sechs Schilling pro Elle.
Wonecke von Cube verfaßt das Heilkräuterbuch "Hortus sanitatis".
Aeneas Silvius Piccolomini wird Papst: Pius II. Er hat wahrscheinlich
mehrere Kinder, mindestens einen Sohn.
Der Kreuzer (seit 1271 in Tirol) wird in Österreich geprägt. Er hält sich
dort bis 1892.
1459 Die Augsburger Bettelordnung unterscheidet zwischen bedürftigen
Armen mit einem Almosenzeichen und fremden, arbeitsscheuen Bettlern
ohne dieses Abzeichen.
Glücksspielverbot in Göttingen.
Mit Adolf VIII. sterben die Grafen von Schauenburg in der Hauptlinie
aus. Hamburg, das zur Zeit etwa 15000 Einwohner hat, kommt offiziell
an Dänemark (bis 1768). Bürgermeister Detlev Bremer kann jedoch einen
Huldigungseid vermeiden und die bisherigen Privilegien sichern. So ist
Hamburg als Teil des Landes Stormarn zwar eine Stadt in Holstein, kann
jedoch nach innen und außen fast unabhängig handeln.
Beginn einer Erzstiftsfehde in Mainz: Erzbischof Dieter II. von
Isenburg gegen den päpstlichen Gegenerzbischof Adolf von Nassau (bis
1463).
/1460: Als die "gemeinen frauen" des Frauenhauses von Krems den
wöchentlichen Zins von 24 Pfennig nicht mehr aufbringen können,
werden sie durch Söldner aus dem Haus vertrieben.
1460 Gründung der Universität von Freiburg i. Br., wobei vorgeschrieben
wird, "daß jeder Scholar einhergehe in der ehrbaren klerikalen oder
Gelehrtentracht, nicht in ungeziemender Weise nach Art der Reiter".
Gründung der Universität Basel.
Auf dem Tafelbild "Bote des bayerischen Herzogs beim Bischof Ulrich"
vom Meister der Ulrichslegende ist eine zweizinkige Gabel mit Horngriff
dargestellt. (Der erste schriftliche Beleg für den Gebrauch der Gabel
stammt erst von 1486.)
In Nördlingen sind in den letzten 89 Jahren 411 Personen hingerichtet
worden.
Nach einem Weistum von Galgenscheid werden Ausnahmen von Jagd- und
Fischereiverboten zugunsten schwangerer Frauen gemacht, sollte es
diese nach Fisch oder Wild gelüsten.
Die Stadt Lienz in Osttirol verbietet grundsätzlich den Fürkauf (den
Aufkauf und die Hortung von Waren, bis die Preise auf einem
Höchststand sind).
Der bambergische Hauptmann und Vicedom in Kärnten wird angewiesen,
den Untertanen Weideland für ihr Vieh abzustecken, um eine weitere
Waldverödung in den kanaltaler Wäldern durch "Kohlen, Brennen,
Schwenden und Reuten" zu unterbinden.
Es erscheint die "Bündth-Ertznei" (Wundarznei) des Heinrich von
Pfolspeundt, eines Fraters des Deutschen Ordens. Hier werden erstmals
Schußwunden durch Feuerwaffen erwähnt. Pfolspeundt versucht, frische
Wunden durch Eiterung zu heilen, und zwar durch Eingießen von
Terpentinöl und Rosenöl. Ihm ist auch die schwierige Operation der
Rhinoplastik bekannt, bei der eine verlorene Nase aus dem Fleisch
des eigenen Gesichts oder Oberarms des Betroffenen ersetzt wird.
(Entwickelt in Italien Anfang des 15. Jhs.) Ein eigenes Kapitel ist
der Anästhesie gewidmet: Saft von Opium, Alraunblättern, Schierling,
Giftlattich u.a. wird dem Patienten in einem Schwamm unter die Nase
gehalten.
In Nürnberg ist ein "Narrenhäuslein" (Irrenhaus) belegt.
14. April: Wegen der durch die Münzverschlechterung ("Schinderlinge",
siehe 1456) untragbaren wirtschaftlichen Zustände und Klagen der
Bevölkerung läßt der Kaiser wieder vollwertige Pfennige prägen. Der
Pfennig hat zuletzt fast nur noch aus Kupfer bestanden und ein
ungarischer Gulden war 3686 Pfennig wert gewesen. (Zum Vergleich: Um
1400 war der ungarische Gulden 150 Pfennig wert.) Am 28. April
übernehmen die Wiener Hausgenossen wieder die Münzstätte (die ihnen
1456 entzogen worden war) und schlagen gute Silberpfennige, von denen
180 auf einen ungarischen Goldgulden kommen. Dies ist das Ende der
ersten großen Inflation in Deutschland.
In Eger kritisiert ein Passionsspiel Fürsten und Adel, weil diese die
Juden beschützen. Solche Spiele heizen öfters die Judenfeindschaft an.
Auf Madeira wird der Getreideanbau zugunsten des Zuckerrohrs aufgegeben.
Dies geschieht auch auf den Azoren und den portugiesischen Inseln im
Golf von Guinea. Bald wird man Getreide einführen müssen, obwohl auf
Madeira nach dem Chronisten Gaspar Frutuoso angeblich aus einem Scheffel
Saatkorn 60 Scheffel Frucht geerntet werden sollen.
In England beginnen die Rosenkriege: York (weiße Rose) gegen Lancaster
(rote Rose).
Ca.: Die Räderuhr mit Hemmrad ist nachweisbar. Sie wird zunächst mit
Waaghemmung verwendet (was immer das ist).
Ca.: Der Palisadenzaun um die Vorstädte Wiens ist im wesentlichen fertig.
Ca.: Aus einer Gesundheitslehre aus Michelstadt (Odenwald), die sich
auf die Autoritäten der Schule von Salerno bezieht: Vom Baden nach
dem Essen wird abgeraten, weil dies die Fettleibigkeit fördere; auch
vom Essen nach dem Bade wird abgeraten, weil dies abmagern soll. Wenn
man gute Augen behalten wolle, solle man nach dem Geschlechtsverkehr
und nach dem Baden nicht schreiben. Starkes Trinken, heißes Bad und
wenig Schlaf sollen Triefaugen bewirken.
Bis 1480: Im Mansfelder Revier entstehen neun Kupferhütten.
1461 Aus den Prozeßakten der Burgherrin Ursula Reiferin von Altspaur
(worum auch immer es geht) heißt es, sie betätige sich in der
Burgküche, "ebenso finden wir sie mit ihrer Jungfrau im Krautacker
beschäftigt".
In Göttingen werden Übertretungen der Kleiderordnung mit "Mauerstrafe"
geahndet (wie auch 1468 wieder): Trägt eine Frau ein verbotenes
Kleidungsstück, muß ihr Mann (oder Vater) eine halbe Rute Stadtmauer
mit Steinen und Kalk mauern. Dadurch kann die verfallene Mauer
wenigstens teilweise ohne Aufwand wiederhergestellt werden.
In Wien wird verboten, Gerbereiabwasser auf Straßen und Plätzen
auszugießen.
Dem vereidigten Arzt von Regensburg wird nicht erlaubt, "selber
Apotheker" zu sein, um die Interessen des Apothekers Dominicus
Mühlich zu schützen.
"Vauderie d'Arras": In Arras findet eine große Hexenverfolgung statt,
aber die Prozesse werden später für ungültig erklärt.
Beim Einzug Ludwigs XI. in Paris treten wieder "Sirenen" auf (vgl.
1457): "Und dann gab es noch drei recht schöne Mädchen, die ganz
nackte Sirenen darstellten, und man sah an ihnen die schöne Brust,
gerade, frei, rund und hart, was sehr hübsch war; und sie sagten
kleine Sprüchlein und Schäferverse auf; und bei ihnen spielten
mehrere tiefe Instrumente, die gewaltige Melodien hervorbrachten."
(Chron. scand. I)
1462 Dieses Jahr bringen einen warmen, trockenen Sommer und eine gute Ernte.
In einer Straßburger Verfügung wird festgestellt, daß sich die
bisherigen Verordnungen gegen bestimmte Kartenspiele (z.B. das
"Lüsterlin"), die in unflätiges Fluchen ausarten, als unwirksam
herausgestellt haben, "weil bei jeder Gelegenheit neue Namen für sie
erdacht wurden, unter denen sie mit der Begründung weiter gespielt
wurden, daß sie dann nicht mehr verboten wären..."
In Augsburg wird dem Patrizier Ulrich Dendrich, der städtische Gelder
veruntreut hat verboten, einen Ehrentitel zu führen, Zobel und Marder,
Seide und Samt, Schmuck, Gold und Silber zu tragen.
Aus der Rochlitzer Steinmetzordnung: "Ein jeglicher Meyster soll
seine Hüdtten frey halten, als daß darinne kein Zweytracht geschehe.
Und soll die Hütten frey halten wie eine Gerichtsstadt...Es soll auch
kein Meister keinen Gesellen fördern, der den anderen beleugt oder
unrecht thut und sich mit offenbarlichen Frauen umbführt. Die, die in
den Herbergen oder in Häusern, da sie arbeiten, mit Frawen oder mit
Meyden unzüchtiglichen zusprechen oder Unzucht darinne treyben, der
auch nicht beichtet, den soll man verweisen, und vor einen Übeltheter
halten...Do mag ein meister ein gemeine Recht halten in seiner
Hütten über seine eigene Gesellen; und soll auch recht richten und
nicht nach Hasse, nach Feindtschafft, nach Freindschafft, bey seinem
Eide."
In Würzburg gibt es einen Schlotfeger.
Seit Mitte Juli wütet in Nürnberg die Pest; es soll ein Viertel der
Einwohner umgekommen sein; auch Augsburg leidet (bis 1465 immer wieder
aufflackernd) an der Pest.
Mobilität beim Adel: Der Graf von Angoulême wechselt in der zweiten Hälfte
dieses Jahres sechsmal sein Domizil.
28. Oktober: Gegenerzbischof Adolf von Nassau erobert im Straßenkampf
Mainz. Die Stadt verliert 350 Tote, wird geplündert und muß ein
strenges Strafgericht über sich ergehen lassen: Die städtischen
Privilegien werden eingezogen, Rat und Zünfte werden aufgelöst. Die
meisten überlebenden männlichen Bürger werden verbannt und zahlreiche
Gebäude beschlagnahmt. Die Stadt wird kurfürstlich mainzische
Landstadt. Der einzige Vorteil dabei ist, daß die städtischen Schulden
für nichtig erklärt werden.
Während der Erzstiftsfehde in Mainz muß Johannes Gutenberg, der
zudem in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, die Stadt verlassen,
wodurch seine Druckertätigkeit beendet wird.
Eine Taufformel aus diesem Jahre ist das älteste erhaltene schriftliche
Zeugnis der albanischen Sprache.
/1463: Die Pest in München; es stirbt daran auch Herzog Johann IV. von
Bayern.
1463 Die Gewerbeordnung von Schlettstadt trägt den Krämern auf, jede Menge
an Kerzen und Unschlitt zu verkaufen - bei empfindlicher Geldstrafe.
Diese Maßnahme richtet sich gegen den Fürkauf (Aufkauf und Hortung von
Waren, bis die Preise auf einem Höchststand sind).
Glücksspielverbot in Straßburg.
König Matthias von Ungarn trifft in Brünn Georg von Podiebrad, wobei
über den katholischen und den hussitischen Glauben gestritten wird.
Man beschließt, den Glaubensstreit durch einen Ringkampf zu
entscheiden. Ein ungarischer und ein böhmischer Ritter stellen sich
zum Kampf, "deren jeder die Stärke seiner Arme und Beine glänzen
ließ, während beide von ihren Landsleuten eifrig angefeuert wurden...
dann hob der Ungar den gewaltigen Körper des Böhmen hoch - und einen
Augenblick später warf er ihn zu Boden. Sofort griff ein anderer
böhmischer Ritter in den Kampf ein..." (Bonfini) Es hätte beinahe
eine Schlägerei gegeben. Es scheinen überhaupt die Böhmen im späten
Mittelalter als Ringkämpfer gefürchtet zu sein (nebenbei bemerkt auch
als Büchsenschützen).
In der Kleiderordnung von Leipzig kann sich der Rat sogar vorstellen,
daß die Frauen über den ruinösen Aufwand an Kleidung "ire hußnarung
vorsumen und vorlassen" oder gar in unziemliche Gesellschaft geraten.
An Stoffen werden nur Samt und Seide ausdrücklich verboten.
Herden Dude, der bedeutendste Fischgroßhändler von Köln hat in seinen
beiden Häusern in Mainz 300 Malter Roggen und 200 Malter Weizen
lagern. Er liefert neben Wein auch das Massengut Getreide als
Rückfracht für die Heringslieferungen ins Oberland.
Das Berner Münster erwirbt das angebliche Haupt des hl. Vinzenz,
das sich in Köln befindet. Es wird durch Johannes Bäli "mit listen da
dannen genommen...der ouch lib und leben darumb wagen musst." Nach
einem halben Jahr beschweren sich die Kölner brieflich über den
Diebstahl, aber Bern verweigert einfach die Rückgabe.
Die Pest in Danzig.
In Frankfurt stehen 369 Häuser leer - fast doppelt so viele wie 1420
oder 1428.
Eine Preisliste aus Grasse zeigt die Hierarchie der Preise für Fisch: An
der Spitze stehen Goldbrasse, Meerbrasse, Zahnbrasse, Seewolf, Knurrhahn
und Seebarbe, die das Zweieinhalbfache von Sardinen, 60% mehr als
Sardellen und 25% mehr als Lengfische kosten. Der Adel in Nordfrankreich
bevorzugt (nach den Kochbüchern) das Neunauge.
1464 Herzog Ludwig der Reiche von Bayern belehnt die Trompeter Andreas und
Jacob mit dem "spilgrafenampt wie dies von altem herkomen ist".
Nachdem aus dem Berner Münster eine silberne Monstanz gestohlen worden
ist, erläßt der Rat am 19. Juli ein Mandat mit allerlei
disziplinierenden Verordnungen, darunter auch eine Kleiderordnung:
Verboten werden Schnabelschuhe, zu kurze Männerkleider und lange
Schleppen an Frauenkleidern. Die Adligen mißachten dieses Verbot.
Dresden wird ständige Residenz der Wettiner.
Pietro Barbo wird als Paul II. neuer Papst (bis 1471).
Sigismund Goczkircher, ein in München lebender Leibarzt des Herzogs
von Bayern, läßt seine Küche mit "cziegelstain" pflastern und einen
gemauerten Rauchabzug über dem Herd und "danach ein gwelb machen".
In Köln wird die vor 14 Jahren eingerichtete Kupfer- und
Mesingschmelze trotz Bittschreiben der Messingschmelzer aus Gründen
der Gesundheitsvorsorge geschlossen.
In Nürnberg werden auf der Insel Schütt "Narrenhäuschen" gebaut, in
denen Geisteskranke gefangengehalten und zur Schau gestellt werden.
Sie werden vom Heilig-Geist-Spital verköstigt.
Ein charakteristisches spätmittelalterliches Urteil für Totschlag:
Hans Vils von Vilters im Kanton St. Gallen wird vom Schiedsgericht
eines Grafen und eines Abtes dazu verurteilt, am Tatort ein
steinernes Kreuz zu errichten, zehn Seelenmessen für den Getöteten
lesen zu lassen und drei Wallfahrten nach Einsiedeln zu unternehmen.
Nach Jahresfrist muß er zusätzlich nach Rom pilgern. Dann erst kann
er mit Sicherheit für sich wieder heimkehren, soll aber die Freunde
des Erschlagenen meiden und ihnen ein Jahr lang aus dem Weg gehen.
In Braunschweig sieht sich der Rat gezwungen, Münzen ändern zu lassen:
Der Groschen mit dem Buchstaben "b" und im Wert von drei Pfennig wird
mit dem Buchstaben "B" gekennzeichnet, weil Fälscher mit einem
scharfen Eisen den Buchstaben "h" des Halberstädter Groschens, der
nur eineinhalb Pfennig wert ist, zu einem "b" umgeändert haben.
Kaufleute in Lüttich und Köln schließen sich zusammen, um ein
Söldnerheer zu finanzieren. Dieses zerstört anschließend die
Raubritterburg Rheydt am Niederrhein, eine Wasserburg.
Es versterben: Nikolaus von Kues, Papst Pius II., Cosimo de' Medici
und der Maler Rogier van der Weyden (ca. 65).
Von diesem Jahr an ist der sogenannte Hausbuchmeister tätig, der
zahlreiche Kaltnadelradierungen hinterlassen hat.
Bis 1470: Amtsaufzeichnungen des Nürnberger Stadtbaumeisters Endres
Tucher.
Bis 1477: Bau des Holsteintores in Lübeck.
1465 In Hamburg wird der erste Seiltänzer erwähnt.
Beispiel für ein Weistum: Die Bauern von Markelsheim (bei Mergentheim)
legen in Gegenwart eines Notars fest: "Item sie sprechen auch zu recht,
wann ein brobst zum Newenmunster zu dreyen malen im jare selbs
personlichen kommen, hubgericht zu halten, so sol er das zu yedem male
viertzehen zag den hubnern vorhin verkunden, als das vor alter here
ist kommen." In den Weistümern sind es stets die Bauern, die ihrer
Herrschaft das Recht weisen. Sie sind also nicht einfach nur Untertanen
und sie bestimmen mit, wenn auch in geringerem Maße. Dem Probst
gegenüber haben hier die Bauern die Gastungspflicht, die aber genau
festgelegt ist: der Probst " ol kommen, als von alter herkommen ist,
samzwolft mit dreytzehen pferden, einer hubschen frawen, mit einem
habich und zweyen fogelhunden. So sollen die hubner ein all des abends
und morgens ein ambisse fur in, und die mit ime da sein sollen, betzalen
und ausrichtung thun, als das von alter here ist kommen; bleibt aber der
brobst personlichen aussen und die hubner solch mall bestelt hetten zu
bereyten, so sol ein amptmann uff dem fronhoff solch mall betzalen und
dafur behafft sein." Was ist damit gemeint? - Es sollen nur eine Dirne
und nur ein Habicht verköstigt werden, d.h. weder ein großes Jagdgefolge
noch eine höfische Festgesellschaft, und wenn der Herr nicht kommt, soll
das für ihn vorbereitete Essen von seinem Amtmann bezahlt werden.
Der Rat von Köln stellt den Fürkauf (Aufkauf und die Hortung von
Waren, bis die Preise auf einem Höchststand sind) von Silber, Blei,
Korn und Warenballen unter schwere Strafe.
Die medizinische Fakultät der Universität Wien versucht vergeblich,
das Apothekerwesen zu regeln (wie schon 1404).
Ab diesem Jahr gibt es in Nowgorod Verbote, Tuche anders als gegen Wachs
und Pelze abzugeben. Hier gibt es Widerstände gegen die Umstellung vom
Tauschhandel zur Geldwirtschaft.
1466 Wegen hoher Getreidepreise wird in Oberbayern die Ausfuhr von
Getreide verboten.
In Einsiedeln werden 130000 Pilgerzeichen zu je zwei Pfennig
verkauft. Pilgerzeichen sind eine Art Devotionalien, meist aus einer
Blei-Zinn-Legierung verfertigt; es sind flache, vielfach durchbrochene
Reliefdarstellungen von Heiligen oder Reliquien. Auf den Pilgerzeichen
von Einsiedeln ist der Märtyrertod des hl. Meinrad dargestellt.
In Rom wird erstmals auch Juden die Teilnahme an Wettläufen gestattet.
Als diese mehrmals siegen, werden sie ausgepfiffen und tätlich bedroht.
Es stirbt der Chorherr Werner Waldenburg aus Zürich, der erste
Eidgenosse, der freiwillig und aus Interesse an der Natur auf Berge
gestiegen ist, obwohl Felix Hemmerli gespottet hat, "daß er sich wie
Luzifer frühmorgens erhoben habe, um auf die Berge zu steigen." (S. Widmer)
In Nürnberg bekommt der Bäcker Offener vom Rat die Erlaubnis, seine
(geisteskranke - oder nur aufsässige?) Frau in Ketten zu legen. Der
Rat ist für den Verleih von Ketten zuständig.
Über die Messen von Lyon: "Wenn man sagt, daß bei Gelegenheit der
Messen von Lyon viel Gold- und Silbergeld aus dem Reich geschafft wird,
was vor den Messen nicht geschah, und dies zum Schaden des Königs, so
ist die Antwort klar, denn das Gegenteil ist richtig. Vor diesen
Messen schafften viele das Geld aus dem Reich...
Es ist wahr, daß durch diese Messen kein Gold- oder Silbergeld anderer
fremder Länder, also Währungen, die durch diese Messen und ihre
Befreiungen in Umlauf sind, in diesem Reich als Zahlungsmittel während
dieser Messen zu seinem rechten Preis angenommen werden...
Auch wenn ein Teil aus dem Königreich hinausgeht, so bleibt doch viel
übrig. Und durch besagte Messen bringen viele Leute den Messen große
Mengen gutes Geld, das aus Deutschland und anderswoher kommt und das
man in der Münzstätte des Königs in Lyon bearbeiten läßt." [ohne
Quellenangabe] Während der Messen sind Fremdwährungen zugelassen.
Finanzprobleme des Adels: Herzogin Sophia von Jülich-Berg kann durch
eine Anleihe 5514 oberländische Gulden auftreiben - von den üblichen
bergischen Amtleuten, aus dem Herzogtum Jülich von Stadt und Amt
Grevenbroich und den Schöffen von Jülich, ferner von den Städten Deutz
und Köln (von Köln allein 2000 oberländische Gulden). Von diesem Geld
erhalten fünf hofeigene Gläubiger allein 5000 Gulden, darunter der Kanzler
Dietrich Lünning. Es werden ferner die Sommerkleidung des Vorjahres, ein
Teil der Winterkleidung von 1465/66, die Arztkosten für den zur Fastnacht
erkrankten Herzog Gerhard, das zu Ostern gespendete Opfergeld der Herzogin,
die Herbergskosten des nicht im Schloß wohnenden Hofpersonals,
Reisekosten von Hofbediensteten und andere Schulden der Hofhaltung damit
bezahlt, sodaß nichts übrigbleibt. Die Ausgaben betragen mit 5971 Gulden
sogar 8% mehr, als zur Verfügung steht, und Schreiber Christian zum Pütz
muß das Defizit von 547 oberländischen Gulden zunächst einmal aus eigener
Kasse ausgleichen.
Auf Madeira muß Getreide importiert werden, weil fast nur noch
Zuckerrohr angebaut wird. Zur Kornkammer Madeiras werden die Azoren.
Im Frieden von Thorn kommt das Gebiet des Deutschen Ordens endgültig
unter polnische Herrschaft.
1467 In München findet die erste nachweisbare Lotterie statt (Glückshafen).
Nach einer Leipziger Ordnung für Weinschenken darf kein Weinschenk
eine "offenbare Frau" im Keller dulden oder bewirten, damit nicht
zwischen den Studenten und Handwerksknechten Streit und Mord geschehe.
"Fahrende Frauen" sollen nur außerhalb von Haus und Keller bewirtet
werden.
Glücksspielverbot in Göttingen.
Am burgundischen Hof geben die Damen die Schleppen an den Kleidern auf
und schmücken dafür deren unteren Saum mit einem breiten Pelzbesatz.
Es wird - leider ohne Ortsangabe - eine Katze zum Tode verurteilt,
die ein 14 Monate altes Kind "erwürgt" haben soll.
Hans Thalhoffer verfaßt, vermutlich in Schwaben, sein Fechtbuch,
eine der ältesten deutschen Handschriften über die Fechtkunst.
In Genua wird ein Pestspital erbaut.
George Nevell, Erzbischof von York und Kanzler von England verbraucht
für das Fest seiner Amtseinsetzung die folgenden Vorräte: 75 Zentner
Weizen, 300 Fässer Bier, 100 Fässer Wein, 104 Ochsen, sechs wilde
Bullen, 1000 Schafe 304 Kälber, 304 Mastferkel, 2000 Schweine, 400
Schwäne, 2000 Gänse, 2000 Hühner, 1000 Kapaune, je 4000 Wildenten,
Tauben und Kraniche, tausende von weiterem Geflügel (Wachteln,
Schnepfen, Kraniche, Reiher, Pfauen), 500 Rehe und Hirsche, zwölf
Tümmler und Seehunde, 4000 kalte und 1500 warme Wildpasteten, 4000
Schüsseln mit Sülze, 4000 kalte Torten, 3000 kalte und 2000 heiße
Puddings und "reichlich" Gewürze. [Nach Richard Warners "Antiquitates
Culinariae", London 1791] Auch hier sollte man die Zahlenangaben nicht
allzu wörtlich nehmen.
Bis 1508: Unter Herzog Albrecht IV. dem Weisen erlebt München eine
Blütezeit.
1468 Anfang des Jahres stirbt Gutenberg in Mainz.
In Ulm findet eine Lotterie statt.
In Frankfurt wird das verbotene Kegelspiel wieder zugelassen, aber
mit der Auflage, daß der Höchsteinsatz nur ein Heller sein darf.
In Leipzig wird dem Bäcker Veitz das Bürgerrecht aberkannt und er aus
der Stadt verbannt, weil er das Brot zu klein gebacken hat.
In Nürnberg werden an neun verschiedenen Stellen insgesamt 168 Linden
gepflanzt.
Der Nürnberger Nikolaus Muffel verfaßt ein Gedenkbuch, worin er vom
eifrigen Sammeln von Reliquien berichtet. Es bereite ihm Schmerz, daß
er es in 33 Jahren nicht geschafft hat, für jeden Tag des Jahres ein
Stück zu besitzen, weil er dann pro Tag einen Ablaß von 800 Jahren
erhalten hätte. Bis zu seinem Tod bringt er es auf 308 Reliquien.
In Pisa wird Reis angebaut. Der Reis ist wahrscheinlich über das
maurische Spanien nach Italien gekommen.
Beim Einzug Karls des Kühnen in Lille zeigt man eine beleibte Venus,
eine magere Juno und eine bucklige Minerva mit goldenen Kronen auf
den Häuptern.
Bis 1488: Bau der Frauenkirche zu München. Meister Heinrich von
Straubing läßt dazu aus den Bergen des Isarwinkels 1400 Flöße mit
je 14 bis 15 Bäumen herabkommen.
1469 Aus der Domkirche zu Breslau wird eine silberne Johannesfigur im Wert
von 135 Gulden gestohlen. Obwohl man dem Dieb die Verbrennung wünscht,
scheint man ihn nicht gefaßt zu haben.
Aus diesem Jahr ist ein Programm für die italienischen Testacci
erhalten. Es sind dies mit Glanz und Pomp abgehaltene sportliche
Veranstaltungen mit folgenden Disziplinen: Wettläufe für junge
Burschen, für Kinder, für Juden, für Greise über 60 (die dafür bezahlt
werden), Stierrennen, Eselsrennen und Stangenklettern.
Eine Anordnung für die Frankfurter Schuhmachergesellen: "Wenn Gesellen
barfuß und ohne Hosen zur Messe oder woanders hin auf Anordnung der
Bruderschaft gehen, müssen sie Wachs geben, es sei dann, daß einer
keine Hosen oder Beinlinge hat."
In Frankfurt bestimmt das Bürgermeisterbuch zum sicheren Ablauf des
Weltgerichtspiels: "Item die judden sollen dis spiel in ihren husern
bliben und yne eynen gonnen, der sie besließe." D.h. aus
Sicherheitsgründen wird das Tor zur Judengasse verschlossen, die Juden
werden also zu diesem religiösen Spiel wortwörtlich ausgeschlossen.
Inventar eines Patrizierhauses nach einer Erbteilungsurkunde [leider
wieder ohne Ortsangabe]: "4 Betten, 4 Tischlaken, 7 Handtücher, 1
Brunnengelte, 2 große und 7 kleine zinnerne Schüsseln, 3 Kannen, 2
messingene Leuchter, 10 irdene Schüsseln, 7 Teller, 3 buchsbaumene
Löffel, 1 großes und 6 kleine Gläser, 3 Kessel, 4 Töpfe, 2 Pfannen".
In Nürnberg hat der Schlotfeger Endres Dür von Nördlingen bereits
85 Schornsteine zu fegen.
Der Rat von Memmingen: "Item ain rat will zwo tütsch schulen hie
haben vnd nit mer, nämlich aine, darfun man knaben, und aine, darfun
man töchter lere."
Bauernunruhen im Hegau stehen erstmals im Zeichen des Bundschuhs.
Sigismund von Tirol verpfändet das Elsaß an Karl den Kühnen von
Burgund.
In Straßburg läßt eine Besichtigung der Bordelle erkennen, daß die
"spontzierinen" eine große Zahl von Häusern in vielen Gassen innehaben
(vgl. 1471). Im diesjährigen Verzeichnis aller stadtbekannten Dirnen
finden sich auch 22 Frauen, "dise wellen nit offen huren sein", meist
alleinstehende oder gemeinsam zu zweit lebende Frauen, die offenbar
die Prostitution als Nebenerwerb ausüben.
1470 Tacitus' "Germania" wird erstmals gedruckt.
Augsburg veranstaltet für 2208 Gulden ein Schützenfest: "Im Jahre
1470 hatte der Rath zu Augsburg ein sehr stattlich Stachelschießen
angestellt und an vierzig Orten Ladschreiben ausgeschickt, also daß
umb unsers Patrons St. Ulrichstags ohne die, so nicht schossen,
sondern allein Kurzweil und Gesellschaft halber dabey waren, 466
Schützen zusammen kommen, under welchen zween Fürsten von Bayern,
Otto Fürst von Hennenberg, drey Grafen von Montfort und einer von
Ötingen, 4 Ritter und sehr viel vom Adel gewesen, und der von
weitesten alher kommen, war ein Burger von Strigaw in Ungarn und aber
ein geborner Deutscher. Es wurden 40 Gewinneter auffgeworffen,
darunter das beste ein silberner Becher, 101 Gulden werth, Urban
Schweitzer von Dünkelspühl mit 12 Freischüssen gewonnen, also daß er
mit keinem stechen dörffen. Desgleichen wurden auch allerley
kurzweilige Spiel und Kämpfe umb gewisse Gaben angericht; under
welchen Christoph, Herzog zu Bayern, das beste mit lauffen und
springen, und Wilhelm Zaunried ein Ritter mit dem Stein, das ist daß
man ein großen Stein mit einem Arm in die Wette geworfen, das Gewinnet
erhalten; und dann hatte man auch umb 45 Gulden zu rennen, welche
Wolfgang Herzogs zu Bayern Pferdt, so den andern weit vorgeloffen,
gewonnen. Letztlich wurde ein Glückshafen von 22 Gaben aufgericht,
darein 36464 Zettel und auf jeden 8 Pfennig eingelegt worden, darauf
Augustein Koch von Gemünd das beste, nämlich 40 Gulden gewonnen, da es
auch ohn allen Betrug zugegangen. Alle diese Schützen wurden under
Tags mit einem guten Trunk under den Gezelten und in denen hierzu
aufgeschlagenen Küchen auff gemeiner Stadt Unkosten erquicket und
lustig gemacht."
25. November: Auf der Messe in Bern tragen die Adligen demonstrativ
die 1464 verbotenen Kleider, worauf der Schultheiß (aus dem
Handwerkerstand) Anklage erhebt. Die adligen Frauen protestieren gegen
das Verbot langer Schwänze an der Kleidung, mit dem Argument, daß sie
nur zu besonderen Anlässen aufwendige Kleider tragen wollen. Nur
"müstent si sich nothalb mit den swenzen an iren cleidern uszeichnen
damit man si vor anderen erkennen und den vorteil wissen möcht" (Berner
Chronik des Diebold Schilling) Die Adligen werden zu Geldbußen und
einem Monat Verbannung aus Bern verurteilt. Nach Ablauf dieser Frist
kehren sie nicht zurück. (Betrifft den größten Teil des Berner Adels)
Hoher Kleideraufwand in der Oberschicht ist normalerweise auf festliche
Anlässe beschränkt.
Herzog Ludwig der Reiche von Niederbayern erläßt in der "Kleiderordnung
für Männer und Weiber zu Landshut" für Frauen wesentlich umfangreichere
Einschränkungen als für Männer.
Nach seinem Baumeisterbuch notiert Endres Tucher in Nürnberg in diesem
Jahr die Existenz von gepflasterten Rinnen und "reihen", engen Gängen
zwischen den Häuserrückseiten, die auch Abfälle aufnehmen und
normalerweise von den Anliegern, vereinzelt auch von der Stadt zu
unterhalten sind. Tucher läßt eine solche "reihen" im Judenviertel
räumen: "Die Reihen war in 18 jaren nit geräumt worden." Seine Aufgabe
ist es auch, dafür zu sorgen, daß keine Aborte in diese Reihen geleitet
werden. Auf Intervention einflußreicher Bürger erhält er den Auftrag,
vom "heimlichen Gemach" (Abort) eines Hauses einen "dollen" zur Pegnitz
zu bauen. Diese Ableitung wird unterirdisch verlegt und mit
Steinplatten abgedeckt, was hohe Kosten verursacht und wohl nur den
reicheren Vierteln vorbehalten ist.
Im Haus der Wechselstube am Markt muß er den Abort räumen lassen,
welcher übergelaufen ist, weil er seit Menschengedenken nicht mehr
geleert worden war. Nachdem die Pappenheimer (Nürnberger Grubenreiniger,
geschworene Handwerker, ein anerkanntes Gewerbe) bis zum Keller
vorgedrungen sind, durchstoßen sie den Boden und finden gerundetes
Mauerwerk, bis oben mit "unlust" gefüllt. Daraus werden etwa 300
Schaff herausgetragen, bis etwa 2 m unter Kellerbodenniveau das
Grundwasser erreicht ist: Wasser läuft nach, soviel auch geschöpft
wird. Daraufhin wird die Aktion abgeschlossen und Tucher notiert,
dieser Kasten sei ein alter Brunnen und läßt ihn mit einer freiliegenden
Platte verschließen. [Fäkalien gelangen ins Grundwasser]
In Nürnberg werden 22 Vogelbeerbäume gepflanzt.
Wegen hoher Getreidepreise wird in Niederbayern die Ausfuhr von
Getreide verboten.
Eine Passauer Synode verbietet u.a. das Segnen des Blasius-Wassers,
weil dies bei einfältigen Menschen Anlaß zu abergläubischen Meinungen
gäbe.
Beispiel für einen Schandbrief: Erwin von Gleichen schreibt an Werner
von Hanstein, dieser sei "ein gelbwachsen, rotbertig, rot ritter,
schalk und bösewicht, der do treuebrüchig wirt an sime lide briefe und
sigel, und wir werden underricht, wie daz dich ein hure uß der
metergaßen zu Erfurt verwechselt habe in der wigin." Die spätere
Schimpfartistik des 16. Jhs. ist dem Mittelalter fremd, nicht zuletzt,
weil schwere Strafen auf Verletzung des Leumunds stehen. Dazu gleich
ein Beispiel aus Breslau aus diesem Jahr: für Schmähung eines Kämmerers,
dreimalige Mißachtung einer Ratsvorladung oder "unvernünftige Worte"
werden 100 Mark Strafe verhängt.
Dresden erhält eine neue Ratsordnung mit größeren Rechten für die
Handwerker.
Kaiser Friedrich III. hält sich auf der Burg zu Nürnberg auf. Der
Ratsbaumeister Tucher läßt ihm ein Bett bereiten: Über dem Strohsack
zwei Federbetten, vier Leilachen, ein Polster und zwei aufwendiger
gearbeitete Kissen aus einem steifen Leinenzeug.
Mainz hat nur noch 6000 bis 7000 Einwohner (früher bis 25000).
Ca.: Martin Behaim fertigt seinen "Erdapfel" an, die älteste
erhaltene Darstellung der Welt in Kugelform.
Ca.: In Linconshire liegt die durchschnittliche Anzahl überlebender
Kinder pro Famile bei 2,5.
1471 Der Rat von Bern lenkt im Twingherrenstreit ein und lockert die
Kleiderordnung, worauf die Adligen zurückkehren.
Agostino Patrizzi wirft den deutschen Bischöfen vor, sie unterhielten
ohne Rücksicht auf die Würde ihres Amtes wie die weltlichen Fürsten
Musikanten, Taschenspieler und Wahrsager an ihren Höfen.
Während des großen Reichstages zu Regensburg trifft der Rat alle
möglichen Vorkehrungen: Es werden vier Garküchen errichtet, selbst
Spielhäuser werden geduldet und den Frauenhäusern (Bordellen) werden
größere Freiheiten eingeräumt. Jede Dirne muß sich dem Profosen
vorstellen und ihm einen Gulden und ein Paar Handschuhe sowie seinem
Steckenbuben sechs Batzen geben. Das entsprechende Register
verzeichnet 1500 Dirnen, und es wären dem Profosen "doch für den
ganzen Reichstag, soviel Fürsten, Grafen, Edelherren und hohe
Prälaten, diese gemeinen fahrenden Frauen und Jungfrauen, seine armen
Töchter, fast zu wenig geworden".
Es wird auch für die Anwesenheit des Kaisers verordnet, "in alle
kamer prunczscherben" (Nachttöpfe) aufzustellen, "in der keisers
gemech weise verzinte pecklein in der herren kamer verglast, sust
weiss scherben zu jedem pet."
Es werden erhöhte Steuern und Abgaben erhoben.
Vor den einreitenden Fürsten laufen die "Freiharte" her und rufen:
"Hie kommen die hochgeborn fursten und herrn, die sechen essen und
trinken gern, sie gen huren und buben gnug, das ist unser und aller
freiheiten fug." (Wunnebald Heidelbeck)
Hier wird erstmals auch die Bezeichnung "Reichstag" verwendet.
In diesem Jahr herrscht ein "guter, warmer, trukner, seliger sumer".
(Nürnberger Chronik)
In Konstanz verbietet der Rat, Vögel (außer Spatzen) zu schießen.
Aus diesem Jahre stammt auch die älteste erhaltene deutsche Anzeige
für (gedruckte) Bücher: "Were yemant hye, der zu kouffen begerte
etlich teutsch und gedruckte bücher, der nam hernach geschriben stat
der kom in des schmidlins huss uf dem crucz zu dem Ginthero genant
Zainer von Reutlingen da findet er die und werdent im gegeben umb
ain gleich zimlich gelt: ain büchlein der siben teutschen psalmen,
vesper, vigili und selmess und vil der anderen gebeten des wirdigen
sacramentes, die Histori von dem leben aines kunigs uß tiria und
sydonia, gehaissen Appolonius, ain epistel gezogen uß francisco
petrarcha und ze teutsch gemachet, von ainer tugentreichen frowen,
Griseldis gehaissen usw."
In Straßburg werden die Dirnen aufgefordert, binnen 14 Tagen in ihre
drei ursprünglichen Gassen und an die Stadtmauer zurück zu
übersiedeln, bei einer Strafe von fünf Schilling Pfennig. Es werden
ihnen auch Mäntel vorgeschrieben, die drei Finger breit über der Erde
sein sollen und außerdem weder mit Veh noch mit Seide gefüttert sein
dürfen. Verboten sind außerdem Kleider mit Veh oder goldenen Spangen,
goldene Gürtel oder solche aus Korallen oder Chalzedon im Wert von
(über?) 50 Gulden. Ringe dürfen höchstens einen Gulden wert sein.
Untersagt wird ihnen auch der Aufenthalt im Münster, bei Strafe von
zwei Schilling Pfennig, wozu ihnen Schleier und Mantel als Pfand
abgenommen werden können.
Die Augsburger Bürgerstochter Clara Hätzerlin verfaßt ein Lehrgedicht
"Von tisch zucht".
Antonius Campanus schreibt, daß in Würzburg die Straßen schlammig
seien und über der Stadt der Geruch gedüngter Weinberge läge.
Aus der Hutmacherordnung von St. Pölten: "Item wenn ainem maister ain
junger (Lehrling) hinlauft und so mag er ee ain andern aufnehmen;
lauft derselb auch nach dem selben jar hin, so sol er kainen aufnemen,
uncz das die zeit aus ist alslang er gedingt hat."
Aus diesem Jahr sind aus Amiens die Statuten einer Bruderschaft der
Spielleute überliefert, welche vermutlich schon länger besteht. Es
gibt allgemeine religiöse Bestimmungen, besonders zum Begräbniskult,
sowie die Verpflichtung zu Wettbewerben in Gesang, Instrumentenspiel
und Schauspiel.
In Breslau wird ein fünfzehnfacher Kirchenräuber namens Franz
Weißack mit Zangen gerissen und verbrannt. Er soll u.a. Hostien
gestohlen, verzehrt und verstreut sowie Weihwasser getrunken haben.
Trotz der Schwere der angedrohten Bestrafung (seit der zweiten Hälfte
des 15. Jhs. in Schlesien Verbrennung statt Räderung - im 17. Jh. wird
dann auch wieder gerädert werden...) gehört Kirchendiebstahl zu den
häufigsten Verbrechen.
Nach einem dürren Sommer gibt es ein Massensterben (Pest?) in Meinigen.
In Frankfurt, Ulm, Braunschweig und einigen anderen Orten grassiert erneut
die Pest.
In acht Pfarreien in der Gegend von Vence (Frankreich) zählt man über
25000 Schafe und 1100 Stück Hornvieh, d.h. über 100 Stück Vieh pro
Familie. Die viehzucht entwickelt sich im Spätmittelalter rapide, wegen
Bevölkerungsrückgang, Arbeitskräftemangel, der Zunahme von freien
Flächen sowie wachsender Fleischnachfrage der Städte.
Zu Roermond verstirbt Dionysius der Kartäuser (van Ryckel), von einigen
der letzte Scholastiker genannt.
Der Franziskaner Francesco della Rovere, Professor an etlichen
italienischen Universitäten, wird als Sixtus IV. neuer Papst. Er
lebt zwar zölibatär, begünstigt aber die Kinder seiner Geschwister in
bis dahin beispielloser Weise.
Um die burgundische Herrschaft zu festigen, sammelt Peter von
Hagenbach, der gewalttätige und rücksichtslose Landvogt Karls des
Kühnen von Burgund in dessen österreichischen Erblanden am Oberrhein
Kriegsvolk. An Söldnern sammeln sich Schweizer (trotz Reislaufverbot
in der Schweiz), Elsässer und Oberdeutsche. Das Fußvolk wird nach
Schweizer Art mit Langspießen bewaffnet, mit denen zunächst aber nur
die Schweizer selbst umgehen können. In einem Aufstand am Oberrhein
erheben sich die Breisacher und vertreiben die Burgunder. Hagenbach
wird vom Konstanzer Bund gefangen und enthauptet.
Bis 1475: An deutschen Universitäten nehmen 6712 Studenten das
Studium auf. In 40 Jahren wird sich diese Zahl bereits fast verdoppelt
haben.
1472 In Frankfurt werden Brillenmacher erwähnt.
In Augsburg ist der Anteil der Vemögenslosen auf 60,5% gestiegen.
In Augsburg erscheint "Dez guldin spil" des Dominikaners Ingold. Darin
werden Spiele als Heilmittel gegen die sieben Todsünden empfohlen:
Würfeln gegen Geiz, Dame gegen Gefräßigkeit, Schach gegen Hochmut,
Karten gegen Unkeuschheit, Tanzen gegen Trägheit etc.
Aus diesem Jahr haben wir die Gewichte von Steinen für das sportliche
Steinwerfen: 15, 30 und 50 Pfund.
Schützenfest in Zürich, erstmals ausschließlich für Feuerwaffen.
Aus den Aufzeichnungen des Nürnberger Baumeisters Endres Tucher:
Ein Bürger namens Gabler in der Wechsel, der nahe dem Schönen Brunnen
sein "heimliches Gemach" besitzt, muß feststellen, daß dieses "an der
roren im keller durchprach und ausging" - kein Nachtmeister
(Kloakenreiniger) kann sich daran erinnern, dort jemals geräumt zu
haben. Ferner muß Tucher auf der Veste den Brunnen reinigen lassen,
weil eine Katze hineingefallen ist. Dies erfordert einen Maurer, fünf
Gesellen und drei Pferde und kostet 16 Pfund Pfennig.
In Nördlingen entrüstet sich der Rat über die Anwesenheit von
Geistlichen im Frauenhaus in den Abendstunden, nicht weil diese dorthin
gehen, sondern weil diese Zeit doch für die Bürger reserviert sein soll.
Im Frauenhaus zu Leipzig kommt es zu Schlägereien zwischen Studenten
und anderen Besuchern.
In Breslau werden zwei Bürgerssöhne gehenkt, weil sie versucht haben,
Gefangene zu befreien.
Das Kloster von Unserer Lieben Frau in Breslau läßt eine neue Kapelle
mit einer Darstellung vom Jüngsten Gericht ausmalen. In die Schar der
zur Hölle Verurteilten reiht der Maler auch den im Vorjahr verstorbenen
(hussitischen) Böhmenkönig Georg von Podiebrad ein. Dessen Sohn
Heinrich droht daraufhin, die Kirche und ihre Dörfer niederzubrennen,
wenn sein Vater nicht übermalt werde. Das Kloster beugt sich und ändert
das Gemälde.
In der Küche der bischöflichen Residenz zu Trient finden sich unter
dem "kuchengeschir" allein an Kesseln: "vier groß kessel, zwen
mittel kessel, VII klein kesslen, ein läuetschen" (Kessel zum Kochen
oder Waschen) sowie "ein kleinß kesselein on ein hanthab".
Gründung der Universität Ingolstadt.
1473 In Ravensburg besitzen zehn Männer 13% des Gesamtvermögens der Stadt.
Das Richtbuch der Stadt Zürich enthält eine Vielzahl von Übertretungen
der Kleiderordnung. Vor allem werden Schuhmacher wegen Herstellung zu
enger Schuhspitzen mit je zwei Mark Silber bestraft.
Der Rat von Leipzig schreibt den "wilden Frauen" (Dirnen) vor, ein
großes gelbes Tuch an ihrer Kleidung anzubringen.
Die Juden werden aus Mainz ausgewiesen und dürfen erst in 100 Jahren
dort wieder eine Gemeinde bilden.
In Frankfurt wird das Glücksspiel teilweise verboten.
In Straßburg wird das Verbot des Würfelspiels erneuert. Ebenfalls
verboten ist das Schießen "in die wanne mit Pfennigen". Erlaubt sind
Schach, Brettspiel, "bescheidenlich karten...walen und kegeln".
Ulrich Ellenbog von Feldkirch, ein gelehrter Arzt, verfaßt ein
siebenseitiges Merkblatt "Von den gifftigen besen tempffen und
reuchen", in Anlehnung an die "Practica" seines Lehrers in Pavia,
Giovanni Matteo de Gradibus. Diese Schrift wird wahrscheinlich zum
Gebrauch und Nutzen gewisser Augsburger Handwerker (etwa der
Goldschmiede) verfaßt. Es ist die erste Darstellung von
Berufskrankheiten, auch wenn eine unmittelbare Wirkung sich nicht
nachweisen läßt. Es finden sich darin Ratschläge zur Vorbeugung von
Vergiftung durch Kohlenmonoxid, Blei- und Quecksilberdämpfe.
(Vermutliche) Kinderschändung: Ein wahrscheinlich noch nicht
zehnjähriges unehelich geborenes Mädchen armer Abkunft wird von einem
22jährigen Kurien-Kleriker namens Johannes Ditmar vergewaltigt. Dafür
muß eigentlich die Todesstrafe verhängt werden, aber Papst Sixtus IV.
- in der Vorbereitung des Heiligen Jahres 1475 auf der Suche nach
Geld für den Bau des Ponte Sisto - läßt eine "Steuer" von 100 Dukaten
von den deutschen Kurialen erheben und den Vergewaltiger zur Zahlung
einer Mitgift von 100 Dukaten verurteilen. Ob er das Mädchen wirklich
heiratet, wie er im Prozeß erklärt, ist fraglich.
Es stirbt Herzogin Sophia von Jülich-Berg. Sie hat (kurz zuvor) acht
Pfeifer, zwei Trompeter, zwei bis vier Lautenschläger, einen Sänger, den
Herold Hermann Brüninghausen und zwei Narren beschäftigt. (Unter ihrem Sohn
kommt noch ein Tambourin und ein Bongener (wohl ein Pauker) hinzu, ohne daß
sich die Gesamtzahl der Spielleute verändert.) Sie verpflichtet in ihrem
Testament ihren Sohn u.a. zur Schuldentilgung.
Braunschweig erhält ein Pestspital.
In Buda entsteht das erste gedruckte ungarische Buch, eine lateinische
Chronik der Stadt. Drucker ist Andreas Heß.
Lyon erhält eine Druckerei (wahrscheinlich die erste in Frankreich).
1474 Streikverbot für Textilarbeiter in Utrecht. Es haben dort nämlich die
Walker versucht, Lohnerhöhungen durchzusetzen.
Der Rat von Freiburg i. Ue. beschließt, daß keinem Spielmann mehr,
mit Ausnahme dem des Herzogs von Savoyen und des Herzogs von
Österreich, eine Gabe gewährt werden soll.
Im Troß Karls des Kühnen vor Neuss befinden sich auch 4000 Dirnen,
die zu Schanzarbeiten eingesetzt werden. (Das eigentliche Heer umfaßt
30000 Mann.)
Nach einer Ulmer Chronik werden deutsche "Spielkarten in kleine
Fässer verpackt nach Italien, Sizilien, ja selbst nach jenseits des
Mittelmeeres als Tauschware für Gewürze und andere Waren" exportiert.
Aus einer Beschreibung von Zürich (linkes Limmat-Ufer): "...undir den
Lynden stehin tissche dor uffe legen schachzabel spil und bredtspil...
Do sint ouch boßkugeln und ander spil. Uff den bergk und undir den
lynden gehit das eddile volgk und ouch die burgere und schissen do
mit den armbrosten czum czele..." Dort finden auch sportliche
Veranstaltungen und Lotterien statt.
In Breslau werden "andere fenster von papir und permynt [Pergament]
ader plostere [Haut der Blase]" erwähnt. Diese Materialien dienen als
Kälteschutz, denn Fensterglas ist außerhalb von Kirchen rar.
In Basel wird ein elfjähriger Hahn [-werden Hähne so alt?-] zum Tode
verurteilt, weil er im Bunde mit dem Teufel ein Ei gelegt haben soll. Er
wird am 4. August enthauptet und samt Ei auf dem Marktplatz verbrannt.
Ein päpstliches Breve fordert für die Besetzung eines Sitzes im Kölner
Domkapitel den Nachweis von sage und schreibe 16 adligen Ahnengenerationen.
In Mailand sind 15000 Menschen in der Seiden- und Samtproduktion
beschäftigt.
Seit 1471 hat die päpstliche Kanzlei etwa 56000 Schriftstücke
ausgegeben, Kaiser Friedrich III. zum Vergleich nur etwa 5000.
/1475: Das Basler Aufgebot wird versorgt mit: Gerste, Hafer,
Hafermehl, Erbsen, Zugemüse, Butter, Käse, Speck, Schweine-, Rind-
und Ziegenfleisch, Fisch, Zwiebeln, gesottenem Wein, Branntwein (!),
Essig, Senf, Konfekt, Gewürze sowie bestimmte Weizenarten zum
Backen von Brot. Trinkwein fehlt nur deshalb, weil er unterwegs
zugekauft wird. Dabei handelt es sich um Massenverpflegung!
Bis 1480: In Halle verfaßt Ratsmeister Marcus Spittendorf Aufzeichnungen
(so etwas wie eine Stadtchronik), um sein Verhalten in einem
innerstädtischen Konflikt zu rechtfertigen.
1475 Köln wird reichsrechtlich als freie Stadt anerkannt, was de facto
schon lange der Fall ist.
In Wien liquidiert der Huntschlager in diesem Jahr 510 Hunde.
Am Frankfurter Brückenturm wird eine Darstellung angebracht, die
angebliche Ritualmorde durch Juden zeigt.
März: Als Königin Dorothea von Dänemark auf dem Weg nach Rom in
Augsburg Station macht, erhält sie dort als kostbarstes Geschenk
24 Schachteln Konfekt.
In Rom erscheint das erste gedruckte Kochbuch überhaupt: "De honesta
voluptate et valetudine" von Bartolomeo Sacchi di Piadena.
In folgenden deutschen Städten gibt es Druckereien: Mainz, Bamberg,
Straßburg, Köln, Basel, Augsburg, Speyer, Lübeck, Nürnberg, Erfurt
und Ulm. Italien hat Druckereien in Rom, Venedig, Neapel, Bologna,
Mailand, Florenz, Mantua, Padua, Vicenza und Trient.
Hanns Paur fertigt ein "Verlobungsbild" an, welches der künftigen
Hausfrau ein Sortiment von Küchengerät zuordnet: Stielpfanne,
Hängekessel, irdener Deckeltopf, dreibeiniger Kugeltopf, Sieb,
Schürgabel, Pfannenring, Blasebalg, Bratrost, Bratspieß, Hackmesser,
Mörser, Herdbesen, Salzfaß und Streugefäß.
In Ulm wird die erste deutsche Übersetzung des Vegetius (aus dem
4. Jh.) gedruckt: "Des durchleichtigen, wolgebornen Grauen Flavii
Vegecii Renati kurcze red von der Ritterschafft zu dem
großmechtigsten Kaiser Theodosio, seiner biecher vierer" von Ludwig
Hohenwang von Thal Elchingen.
Todesfälle: Der Maler Dirk Bouts (65).
Stiftung der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft. Hier verbinden
sich Geschäftssinn und Frömmigkeit: Man gibt einen Schnitzaltar in
Auftrag, für den fünf Patrone gewählt werden, darunter Antonius von
Padua, weil er bei den Abrechnungen gute Dienste leisten soll,
speziell, wenn das Gedächtnis versagt; ferner der hl. Bernadin, weil
er (1444) in Aquila (Abruzzen) gestorben ist, wo die Gesellschaft
intensiv Safranhandel betreibt.
Nach dem Tode des Nürnberger Blechschmiedes Konrad Eschenloer führt
seine Witwe, die selbst aus der Eisenbranche kommt, sein Geschäft
weiter. Mit 53 Zentnern Blech zieht sie auf die Frankfurter Messe.
Auch die Große Ravensburger Handelsgesellschaft zählt zu ihren
Kunden.
das ökonomische und politische System der Hanse beginnt sich
aufzulösen.
Aus diesem Jahre sind aus Passau vier Eichgefäße erhalten, die auf dem
alten bayerischen Hohlmaß fußen: ein "Viertel" = 2,05 Liter, ein
"Kanndl" = 1,05 Liter, ein "Seidl" = 0,52 Liter und ein "Pfiff" =
0,27 Liter. Diese Eichmaße sind allerdings nur noch fünf Jahre lang
gültig.
In Krems geben die Einnahmen des Stadtrichters Auskunft über die
Strafen bei Verwendung von "unrecht ellen": zwei rheinische Gulden,
und bei "unrecht Gwicht": einen halben bis einen rheinischen Gulden.
Gründung der ersten Rosenkranzbruderschaft durch den Kölner Prior
Jakob Sprenger, von dem man noch hören wird.
Papst Paul II. ruft ein Heiliges Jahr aus, indem er den bisher
üblichen Fünfzigjahreszyklus auf 25 Jahre verkürzt. Dieses Heilige
Jahr zieht allerdings wesentlich weniger Pilger an, obwohl allein im
April 2,1 Millionen Liter Wein für 65000 Kammergulden importiert
werden, davon rund ein Viertel durch den päpstlichen Hof.
Karl der Kühne von Burgund zieht triumphal in Nancy ein.
/1476: Es stirbt der Augsburger Kaufmann Burkhard Zink. In seiner
Chronik findet sich u.a., daß bei schweren Schneefällen Waldvögel in
die Häuser der Menschen flüchten und gefüttert werden.
Zink hat in 35 Jahren zehnmal die Wohnung gewechselt und hat meist
in Miete gewohnt, obwohl er zwei Häuser besitzt.
Sterzing hat 99 Feuerstätten.
1476 Eine Nördlinger Kleiderordnung verspricht einem Denunzianten, welcher
dem Rat oder den "ainingern" Übertretungen meldet, die Hälfte der
Strafgebühr.
Eine päpstliche Bulle sanktioniert die Rechtmäßigkeit, den Ablaß den
Seelen der Verstorbenen "per modum suffragii" zuzuwenden.
März: Die Stadt Bern bittet per Brief die Reichsstädte Konstanz,
Ravensburg und Lindau um Unterstützung durch Hakenbüchsenschützen. Es
sind diese oberdeutschen Knechte allerdings ein wenig verläßliches
Kriegsvolk. Sie ziehen auch mit Herzog Reinhard von Lothringen gegen
Burgund und laufen bei Pont-à-Mousson vor dem Feind davon. Dieser
ganze Feldzug schließlich endet mit einem Aufstand der Knechte gegen
den Herzog. Dieser verlegt sich fürderhin auf Schweizer Söldner.
Anfang Mai: Im fränkischen Niklashausen behauptet ein ländlicher
Musikant namens Hans Behem, die Heilige Maria sei ihm erschienen und
beginnt dort zu predigen. Dies zieht Tausende an.
Ende Juni: Amtsträger des Mainzer Erzbischofs und des Würzburger
Bischofs beschließen, daß gegen die illegale Predigt von Hans Behem,
des "Pfeifers von Niklashausen" eingeschritten werden müsse, und am
2. Juli schicken sie Notare und andere Beauftragte nach Niklashausen,
die aufschreiben sollen, was dieser predige. Diese Aufzeichnungen
sind erhalten: "Erstens untersteht er sich, ununterbrochen vor dem
Volk zu predigen und zu sagen, was nun folgt:
Daß ihm die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, erschienen sei und ihm
den Zorn Gottes über das menschliche Geschlecht und insbesondere
gegen die Priesterschaft offenbart haben soll.
Daß Gott deshalb seine Strafe habe verhängen wollen. Wein und Korn
sollten am Kreuztag (3. Mai) erfroren sein. Das habe er durch sein
Gebet abgewendet.
Daß im Taubertal ebenso große, vollkommene Gnade und noch mehr als
in Rom oder irgendwo sein will.
Welcher Mensch ins Taubertal kommt, der erhält alle vollkommene Gnade.
Wenn er sterbe, fahre er vom Mund zum Himmel auf.
Welcher Mensch nicht in der Kirche (von Niklashausen) gelangen kann,
da sie so klein ist, erlange dennoch die Gnade.
Er solle dafür seine Treue zum Pfand setzen. Und wäre eine Seele in
der Hölle, so wolle er sie an der Hand herausführen.
Daß der Kaiser ein Bösewicht sei. Und mit dem Papst ist es nichts.
Der Kaiser gebe einem Fürsten, Grafen und Ritter und Knecht,
geistlichem und weltlichem, Zoll und Belastungen über die kleinen
Leute - 'Oh weh, ihr armen Teufel!'
Die geistlichen haben viele Pfründen. Das soll nicht sein. Sie sollen
nicht mehr haben als von einem zum anderen Mal.
Sie werden erschlagen, und in kurzer Zeit wird es dazu kommen, daß
der Priester die Glatze mit der Hand bedecken möchte. Er täte das
gern, damit man ihn nicht erkennt.
Daß die Fische in dem Wasser und das Wild auf dem Felde allgemein
(zur Verfügung stehen) sollen.
Daß die Fürsten, geistliche und weltliche, auch Grafen und Ritter, so
viel haben. Hätten das die gemeinen Leute, so hätten wir gleich alle
genug, was nun geschehen muß.
Es kommt dahin, daß die Fürsten und Herren noch für Tagelohn
arbeiten müssen.
Vom Papst hält er wenig, ebenso vom Kaiser. Denn wäre der Papst fromm
und fände man ihn bei seinem Ende so, ebenso den Kaiser, so fahren
sie unmittelbar zum Himmel. Findet man sie aber böse, so fahren sie
unmittelbar in die Hölle. So daß er nichts vom Fegefeuer hält.
Er will die Juden eher bessern als geistliche und Schriftgelehrte.
Und wenn ihm ein Priester schon Glauben schenke: wenn er wieder nach
Hause kommt, bedrängen ihn zwei oder drei und schreien ihm die Ohren
voll, so daß es viel böser wird als vorher.
Die Priester sagen, ich sei ein Ketzer, und sie wollen mich
verbrennen. Wüßten sie, was ein Ketzer sei, würden sie erkennen, daß
sie Ketzer seien und ich nicht. Verbrennen sie mich jedoch: Weh ihnen!
Sie werden wohl merken, was sie getan haben, und das wird Schaden für
sie bringen.
Zu Holzkirchen hat einer unter dem Volk vor ihm gekniet. Den hat er
absolviert und danach nach Niklashausen an den Pfarrer verwiesen.
Die Mutter Gottes wolle zu Niklashausen mehr verehrt werden als
irgendwo sonst.
Er sagt, der Bann sei nichts. Und die Priester scheiden die Ehe, was
niemand als Gott tun kann.
Das alles und noch mehr haben öffentliche Schreiber und Zeugen gehört
und aufgeschrieben."
In der Nacht auf den 12. Juli wird Hans Behem gefangengenommen und am
19. Juli als Ketzer hingerichtet.
Schlacht von Murten. (Karl der Kühne von Burgund unterliegt gegen die
Schweizer) Nur noch 40% des Schweizer Fußvolks sind mit Hellebarden
bewaffnet. Der Anteil nimmt weiter ab.
In der Armee Karls des Kühnen von Burgund erscheint als Waffe der
Roßschinder (Guisarme, Roncone, Bill, Italienische Halbarte),
eigentlich eine spezielle Stoßwaffe mit geschliffenen Gertelhaken,
die speziell dafür konstruiert ist, die Beinsehnen der Pferde
abzuscheren bzw. die Pferde durch Stich und Schnitt kampfunfähig
zu machen. Als Reaktion auf seine Niederlagen hat Karl der Kühne
nach französischem Vorbild eine Heeresreform eingeleitet. Es werden
schwerbewaffnete Reitereinheiten aufgestellt, die "compagnies
d'ordonnance", deren jede aus 100 "lances" besteht, Gruppen aus vier
bis sechs Mann (ein schwergepanzerter Ritter und einige Fußkämpfer,
die auf dem Marsch ebenfalls beritten sind, dazu ein "Couleuvrinier",
d.h. ein Handbüchsenschütze). Es werden Langspieße nach Schweizer
Vorbild eingesetzt und das Zusammenwirken der verschiedenen Waffen
nach eigenen "Reglements" geübt. Dieser Versuch, das mittelalterliche
Heerwesen zu reformieren, schlägt fehl. Letztlich sind wieder die
schwergerüsteten Ritter die Hauptwaffe und das Fußvolk hat nur eine
Hilfsfunktion.
Nach dem Sieg bei Grandson über die Burgunder erbeuten die Schweizer
400 Kisten gefüllt mit Gold- und Silberstoffen und mit kostbaren
Kleidern, von denen 100 gestickte goldene Röcke allein den Herzog
gehört haben, sowie 400 seidene Zelte, darunter das mit Samt, Gold
und Perlen besetzte herzogliche Zelt.
Im Rechnungsbuch des Nürnbergers Hans Praun findet sich eine der
ersten Nachrichten über über eine mechanische Uhr im Haushalt: Er
bezahlt heuer einem Schlosser, dem Meister Ludbig <sic!> einen
Gulden für ein "weckerlein oder örlein".
In Hamburg wird gestattet, daß jeder Bürger sechs und die Bäcker zehn
Schweine halten dürfen.
Wie man sich als Bischof durchsetzt: Bischof Rudolph von Breslau belegt
alle Amtleute von Glogau mit dem Bann, weil diese Stadt einer
Bischofsdelegation den Einlaß verwehrt hat. Der Bischof läßt sich mit
16 Dukaten versöhnen.
Gründung der Universität Mainz.
In Lyon wird das erste Buch in französischer Sprache gedruckt.
Ca.: Die Äbtissin von Ribnitz, eine Tochter des Herzogs von
Mecklenburg, schreibt an ihren Vater um die Sendung von von "2 tunne
(Fässer) Buotzöwckes bers, wende hyr ys gans boze per myt uns [weil
es hier bei uns nur ganz schlechtes Bier gibt], we moghen des nycht
drynken."
1477 In der Hanse sind 38 Städte (Höhepunkt).
Beispiel für Lotterien auf spätmittelalterlichen Festen: Bei einem
Schützenfest in Erfurt zieht ein "Glückstopf" Fürsten und Ritter,
Bürger und Bauern, Bettler und Bettlerinnen an.
In Speyer wird eine aus Nürnberg stammende Dirne wegen lesbischer
Betätigungen ertränkt.
15. Januar: Karl der Kühne von Burgund fällt bei Nancy gegen die
Truppen der Schweizer, Elsässer, Tiroler und Lothringer unter Herzog
Reinhard (René) II. von Lothringen. Angeblich sollen 10000 gefallen sein.
König Ludwig XI. von Frankreich zieht Burgund wieder an die
französische Krone und besetzt die Freigrafschaft, Picardie, Artois
und Hennegau.
Graf Eberhard im Barte von Württemberg gründet die Universität Tübingen.
Am 14. September werden die ersten etwa 300 Studenten in den Fakultäten
Theologie, Jura und Medizin immatrikuliert. Am 9. Oktober bestätigt
Kaiser Friedrich III. den sog. Freiheitsbrief, der die Unabhängigkeit
der Forschung zusichert.
Aus Werkzeichnungen von Pater Paulus Alemannus geht hervor, daß die
Uhrfeder bereits bekannt ist (vgl. 1427).
Ortolf schreibt das erste deutsche Apothekerbuch.
In der Kestenburg beträgt das Deputat einer Hausfrau oder Magd 894
Gramm Brot pro Tag.
Dimensionen der Heringsfischerei: Die 174 Fischkutter von Dieppe bringen
dieses Jahr zwischen vier und fünf Millionen Heringe an Land, davon allein
am 15. November über 300000.
Der Palisadenzaun um die Wiener Vorstädte wird erneuert. Dafür wird
Holz im Wert von 72 Pfund 3 Schilling 24 Pfennig aufgekauft.
In Dresden werden die ersten eigenen Münzen geprägt.
Die Kosmographie des Ptolemäus (gest. nach 161) wird erstmals gedruckt.
Die Türken lassen das abgeschlagene Haupt des walachischen Fürsten
Vlad III. Draculea in Honig konserviert zum Sultan schicken. Sein
Körper wird im Kloster Snagov bei Bukarest beigesetzt. Das Grab
wird im 20. Jh. geöffnet und leer gefunden. Auf Vlad III. geht die
Sage von Dracula zurück.
1478 In Nürnberg entsteht die erste Bettelordnung.
Ein Gerichtsprotokoll [von wo?] hält fest, daß eine Ehefrau auf
ihrem Mann einen Holzschuh entzweigeschlagen habe, ein Drucker von
seiner Frau geschlagen und aus dem Bett geworfen worden sei und einem
dritten "ist sein lieb frouw in das antlit gefallen und hat im die
backen zerrissen".
In Lübeck wird eine Tafel am Rathaus angebracht, auf welcher
verzeichnet ist, welche Kleidung den Dirnen erlaubt und welche
verboten ist. Wer nicht lesen kann, soll es sich vorlesen lassen.
Eine Randglosse dieser Kleiderordnungen (von Bürgermeister Henrich
Brömbse): "wart wenig geholden".
Jakob Fugger verläßt den Minoritenorden, wo er eine Zeitlang eine
Domherrenpfründe hatte und hilft in Venedig seinen Brüdern, wo er die
Geschäftswelt kennenlernt.
In Breslau soll ein Beutelschneider und Falschspieler gehängt werden,
aber auf der Leiter entfällt er dem Henker. Die Zuschauer, auch die
Stadtdiener, fordern ihn zur Flucht auf, und er kann tatsächlich
entkommen. Ein Stadtdiener muß dies mit Gefängnis, Entlassung und
Stadtverweisung büßen.
Goldrausch in Andalusien: In den Häfen verbreiten sich derzeit
sagenhafte Gerüchte über die Reichtümer der Goldküste. In diesem
Jahr brechen allein in Sevilla und den anderen andalusischen Häfen
35 Karavellen nach dort auf. Es heißt, man könne von einer Reise
10000 Goldpesos (20000 aragonesische Gulden) mitbringen. [nach
Hernando del Pulgar]
Auf Madeira reicht die Ernte nur noch für zwei Monate aus, weil fast
nur noch Zuckerrohr angebaut wird.
In Mantua wird ein Pestspital errichtet.
Ca: In Augsburg wird bei Anton Sorg die "Historia ducis Bavarie Ernesti"
gedruckt. Als Beibindung findet sich dort Johann Schiltbergers "Reisebuch"
über dessen 31jährige Gefangenschaft bei Türken und Mongolen. Gerade die
Reisebeschreibungen schöpfen allerdings über weite Strecken aus älteren Vorlagen
- wie etwa Mandeville - und besitzen somit zwar nur bedingt authentischen
Informationswert, werfen aber dafür ein bezeichnendes Licht auf gängige
Stereotypen über Asien und seine Bewohner. (UB Graz Sig. II 9.643)
Es sind vier Manuskripte davon erhalten: (i) in Donaueschingen in der
Fürstenberg-Bibliothek, Nr. 481; (2) UB Heidelberg, 216; (3) in Nürnberg, Stadtbibliothek,
34; (4) in St Gallen, Klosterbibliothek, 628 (alle aus dem I5. Jh., das letzte nur in
Bruchstücken). Das Werk erschien zuerst um 1460 in Augsburg, vier weitere Ausgaben
erschienen im 15. Jh. und sechs im 16. Jh.
/1479: Durchschnittlicher Verbrauch an Fleisch pro Woche in Basel:
1341 Gramm.
/1481: Mit dem Bau der Martinsburg wird Mainz kurfürstliche Residenz
mit herrschaftlicher Verwaltung unter einem kurfürstlichen Vizedom.
Bis 1510: Johann Geiler von Kaysersberg predigt in Straßburg. Ein
Satz von ihm: "Mit Geld wuchern heißt nicht arbeiten, sondern andere
schinden im Müßiggang."
1479 15. März: Nach der Nürnberger Reformation kann ein Vater seinen Sohn
enterben, "so der sun ein katzenritter were oder desgleichen sich
unterstanden het, mit andern tieren zepeißen und zefechten."
[Katzenritter fechten Schaukämpfe mit Tieren aus.]
In Brelau wird jemand enthauptet, der versucht hat, Gefangene zu
befreien. Dort werden im gleichen Jahr auch drei Stadtdiener
ausgewiesen, weil sie öfters verhaftete Dirnen aus dem Gefängnis
gelassen und ihnen so gegen Provision neue Kunden und Diebstähle
ermöglicht haben. Die gleichen drei sind erst kurz zuvor nach
einjähriger Verbannung wieder eingestellt worden (offenbar kein sehr
begehrter Posten). Sie hatten im Jahr zuvor mit fünf weiteren die
Flucht eines Falschspielers vom Richtplatz nicht verhindert.
In Bayern wird es verboten, bei Hochzeitsfeierlichkeiten Fische oder
Krebse oder welschen Wein zu servieren.
Aus der Bausatzung von Nürnberg: bei einem Neubau aus Stein darf ein
Haus eine Höhe von 50 Schuh (15,2 m) und ein Haus aus Holz (Fachwerk)
eine solche von 40 Schuh (12,6 m) vom Boden bis unters Dach haben.
Mehr ist nicht erlaubt. Ein Haus darf normalerweise vier Stockwerke
haben, sind es mehr, darf die Maximalhöhe nicht überschritten werden.
Bei der Anlage eines Abtritts muß der Abstand zum Nachbargrundstück
mindestens 3 Schuh betragen.
Albrecht von Bonstetten beschreibt Zürich: "...die hüser sind us
quadraten, grossen steinen bis in die höhe gebuwen, vast hoch".
Der Rat von Ulm wendet sich an den Papst, um das Glücksspiel auch in den
Klöstern und Häusern der Geistlichkeit zu unterbinden. Der Konstanzer
Generalvikar soll diesbezüglich intervenieren.
Christian I. gründet die Universtät Kopenhagen.
In der Schlacht von Guingrate setzt Maximilian erstmals einen
Gevierthaufen ein, ohne über eine nennenswerte Zahl an Schweizer
Söldnern zu verfügen. Er sichert das Spießviereck nach hussitischem
Vorbild durch vorgezogene schwere Troßwagen ab.
Die Grafen von Katzenelnbogen sterben aus.
Bis 1482: Bau der Bursa in Tübingen, einem Gebäude, in welchem
Studienanfänger der Universität Unterkunft finden sollen.
1480 In Zürich hat Bürgermeister Hans Waldmann die Beute aus den
Burgunderkriegen für den Stadtausbau nutzbar gemacht. So finden wir,
daß "die Gebäude aus gevierten Steinen aufgeführt und von
außerordentlicher Höhe sind. Die Zimmer sind mit Holz gefüttert; man
trifft Sommer- und Winterzimmer, Säle, Säulengänge, Ruhbette, alles
mit bewundernswürdiger Verzierung. Die Straßen sind schön, nicht
breit, aber mit gebackenen Steinen glatt gepflastert."
Der Bischof von Basel gewährt nach langem Zögern den Mitgliedern des
Rappoltsteiner Pfeiferkönigreiches das Recht, in der Kirche zu
Alt-Thann einmal im Jahr zu Pfingsten das Abendmahl zu empfangen,
wenn sie 15 Tage vorher und nachher ihr "schändliches Gewerbe" nicht
ausüben. Die Pfeifer nehmen diese harte Einschränkung in Kauf, obwohl
ihnen dadurch Einnahmen der pfingstlichen Festivitäten entgehen.
Memminger Chronik: "Galt ein Malter Roggen umb Michaelis 1 Pfund 7 b."
Ein Hochwasser des Rheins richtet großen Schaden am Getreide an.
Aus der Gesundheitslehre des Nürnberger Stadtarztes Doktor Johannes
Lochner: "Item ir sult nicht schlaffen als palt noch dem essen
vnderhalb in eynner sthund oder II, bis ir eynn wenigk abgedeut habt."
In Passau werden neue Eichmaße eingeführt, die sich nicht mehr an dem
alten bayerischen Hohlmaß, sondern an dem etwas größeren
österreichischen Normmaß orientieren: ein "Kanndl" 1,2 Liter, ein
"Seidl" = 0,6 Liter und ein "Pfiff" = 0,3 Liter.
Die Stadtgeschichte von Bologna verlegt die Einführung des regelmäßigen
calcio (Fußballspiels) auf dieses Jahr. Derjenige Spieler, der zehn
Tore (caccie) erzielt, erhält 20 Dukaten.
In den Rechnungsbüchern König Ludwigs XI. von Frankreich wird ein
Vorläufer des Billardspiels erwähnt - allerdings wird es noch im
Freien gespielt.
Ein Inntaler Meister fertigt einen Nachttopf mit der Darstellung der
"Geburt Mariens" an.
Es erscheint Caxtons "Description of Britain", die auf älteren Quellen
beruht. Darin wird u.a. die Ernährung der Waliser beschrieben: "Sie
begnügen sich mit einer sehr einfachen Küche. Sie essen warmes oder
kaltes Gerstenbrot und große, runde und dünne Haferkuchen...Weizenbrot
essen sie kaum und kochen nur selten im Ofen. Sie haben eine Art Grütze
als Suppe, in die sie Lauch, Butter, Milch und große Stücke Käse mischen.
Dieses Gericht schlingen sie gierig in sich hinein, so daß sie gezwungen
sind, große Mengen an Met oder starkem Bier zu sich zu nehmen." Caxton
berichtet später auch von den Schotten, daß sie "mehr Fleisch, Fisch,
Obst und Milch als die Engländer essen."
Auf dem Reichstag wird eine allgemeine Reichssteuer vorgeschlagen. Der
Bischof von Freising argumentiert mit der öffentlichen Meinung:
"Item der gemein mann hatt sorg, wo man solchen anslag furneme, es
wurde ewiger trybutt darauß als zu Frankreich ist geschehen, muß man
mit vleis furkumen, damit solich sorg auß den lewten kome."
Die Provence fällt an die französische Krone.
Und 1490: Auf der Leipziger Messe führen Gaukler aus Litauen "Drachen"
vor. Um was für Tiere es sich handelt, ist nicht bekannt.
Ca.: In Knittlingen wird Johann Georg Faust (?) geboren.
Ca.: Wandel der Bekleidung: Die enge Bekleidung wird in fast allen
Schichten aufgegeben. Zunächst werden bei beiden Geschlechtern die
engen Ärmel an Achseln und Ellbogen aufgeschlitzt ("zerhauen"),
ebenso die Beinlinge der Männer an Oberschenkeln und später auch an
den Knien. Darunter wird das Futter sichtbar. Die Schnabelschuhe
werden durch breite Kuhmaulschuhe ersetzt. Es wird nun die Horizontale
betont. Der Mantelrock (die Schaube) findet allgemeine Verbreitung.
Es wird viel Pelzwerk verwendet. Insgesamt verbürgerlicht die Mode.
Gleichzeitig kommt die Farbe Schwarz für Kleidung auf, die bisher nur
von Bürgern verwendet worden ist.
Im deutschen Raum kommt das Barett als charakteristische Kopfbedeckung
auf, zunächst bei Adel und Patriziat.
Ca.: Anfang der 80er Jahre führt während einer Mißernteperiode der
Inquisitor Heinrich Cramer ("Institoris", Autor des Hexenhammers)
in Oberschwaben eine erste größere Hexenverfolgung durch (evl. bis
1483), doch stößt er auf Widerstand.
Aus einem Nürnberger Kalender (gedruckt bei Hans Folz) satirische
Anweisung für den Aderlaß im Mai: "Und wirt gut lassen an dem
hintern stoln des linken holczschuchs do der Tiltap die stigen abviel
mit fir schüsseln eingesalczner hundsfuß und am tag darnach fast
gut am hintern ars paken pei dem schlapfenster."
1481 In Venedig erscheint die erste Ausgabe des Heldenepos "Morgante
Maggiore" (Der Große Morgante, Karlsepik) von Luigi Pulci (1432 -
1484). Pulci steht den Medici nahe.
Bei Anton Sorg in Augsburg erscheint das "Buch des Landfahrers Marco
Polo".
Entwicklung der Schwabacher Schrift, abgeleitet aus der fränkischen
Bastarda. Sie ist im deutschsprachigen Raum bis in die 1560er Jahre
die wichtigste Schrift, insonderheit zu Holzschnitten.
Zu einem Turnier in Heidelberg wird keiner zugelassen, der in einer
Stadt gebürgert hat, "er habe denn zuvor sein Bürgerrecht aufgesagt".
Patrizier und Stadtadel sind üblicherweise von Turnieren ausgeschlossen.
In Frankfurt werden das Leimsieden und die Anlage von Gerbergruben
innerhalb der Stadt verboten.
Amsterdam erhält eine steinerne Stadtmauer.
Memminger Chronik: "War ein gar nasses Jahr und galt ein Malter
Roggen auff Michaelis 2 Pfund."
In Köln bestellt der Rat bei Abt und Konvent von Erbach 3000 bis 4000
Malter Getreide. In Notjahren liefern Rheingau und Elsaß Getreide.
Es stirbt der Augustiner Gottschalk von Osnabrück. Er hat u.a. Frauen,
die sich "gekaufte glänzende Haare von einer toten Frau" (also
künstliche Haarteile) aufstecken, als käuflich gebrandmarkt.
Kaiser friedrich verleiht Salzburg den "Großen Ratsbrief". Die Stadt
hat damit ähnliche Rechte wie die Reichsstädte.
/1482: Teuerung in Köln. Das Brauen von Weizenbier wird verboten und
dessen Ausfuhr kontrolliert.
/1482: Ein Aufstand der zünftischen Mittelschicht in Köln scheitert.
1482 In Oberschwaben herrscht schon das dritte Jahr Teuerung nach
Mißernten. Memminger Chronik: "War sehr theur, galt ein Malter Roggen
nach Weyhnachten 3 1/2 Pfund...Die Theurung nahm überhand und galt
ein Malter Roggen 6 Pfund, der Kern 7 Pfund. Nach der Ernd schlug es
wieder ab...Es war in diesem Jahr ein Sterbend hier und flohe viel
Volcks hinauß. So wuchsen den Leuten Würm im Kopff, daran ihrer viel
sturben."
In Nürnberg läßt der Rat "dem armen volck zu gut" Brot backen. Pro
Woche werden 100 Sümmer Korn zur Verfügung gestellt und daraus 4000
Laib Brot gebacken, die pro Stück um 6 Pfennig verkauft werden (25%
billiger als üblich).
In München sieht sich der Rat genötigt, aus dem städtischen
Getreidekasten Korn an die Armen zu verteilen.
Nach der Landesordnung in Sachsen essen dort die Werkleute zu jeder
einzelnen der täglichen Speisen Brot. Dies wird in anderen Gegenden
erst im 18. oder gar im 19. Jh. erst üblich.
Der Straßburger Rat verbietet den Wirten, "Buhlerinnen" zu halten.
Der Rat von Nürnberg läßt auf der hallerwiese, einer Spielwiese vor
der Stadt fünf Röhrenbrunnen anlegen.
/1483: Durchschnittlicher Verbrauch an Fleisch pro Woche in Basel:
1002 Gramm.
Bis 1489: Bau einer steinernen Brücke über den Neckar in Tübingen.
1483 In Florenz erscheint eine komplette Ausgabe von Pulcis "Il Morgante
Maggiore".
29. September: In Nürnberg stellt der Rat das Backen von Brot für die
Armen ein. Innerhalb eines Jahres sind aus 3233 Sümmer Korn 330040
Laib Brot gebacken worden, wobei pro Person höchstens zwei Brotlaibe
verkauft werden durften. Der Andrang ist so groß gewesen, "das etlich
erdrückt wurden" [Fortsetzung der Tucherschen Chronik]
Es soll heuer in Nürnberg auch wiedereinmal die Pest ausgebrochen sein,
ebenso in Frankfurt und Aachen.
In Eisleben wird Martin Luther geboren.
Graf Werner von Zimmern läßt 1000 Seelenmessen für sich lesen.
In Schlettstadt entsteht die erste bedeutende Bundschuhbewegung. Sie
wendet sich gegen die geistlichen Gerichte.
Aus einer Verordnung des Erasmus von Erbach im Odenwald: "Alle
Tagelöhner, die gedungen sind, sowie die Fronleute sollen gemeinlich,
als auch die Knechte und Mägde, jeden Tag erhalten zweimal Fleisch
und Zukost und einen halben Krug Wein, ausgenommen die Fasttage, da
sollen sie Fische haben oder sonst nahrhafte Speisen. Auch soll man
einen jeden, der in der Woche gearbeitet, den Sonn- oder Feiertag
gütlich tun nach der Meß und Predigt. Sie sollen haben Brot und
Fleisch genugsam und einen halben Krug Wein."
Der Zehenthof der bayerischen Herzöge in Heilbronn benötigt während
der Weinlese zur Verköstigung des Gesindes: Weiß- und Mischkornbrot,
Gerste, Hafer, Hafermehl, Erbsen, Grieß, Hirse, Salz, Schweine- und
Butterschmalz, gesottenes und gebratenes Fleisch, Käse, Milch, Kraut,
Rüben, Eier, Fisch, Äpfel, Kochbirnen, Zwiebeln und Gewürz.
Der in Aachen wegen verbotenem Glücksspiel eingekerkerte Thijs
Kammentzans wird auf Bitten seiner Freunde zwar freigelassen, aber
als Abschreckung auf einer Wange gebrandmarkt.
Bei einem Prozeß in Hamburg wird zwischen drei Arten der Prostitution
unterschieden: Straßen-, Mühlen- und Bäderprostitution.
Am württembergischen Hof spielen drei Sackpfeifer des Herzogs von
Bayern gleichzeitig auf. Die Sackpfeife, ursprünglich von allen
sozialen Schichten geschätzt, sinkt später zu einem bäuerlichen
Instrument ab.
1484 Neuer Papst wird Giovanni Baptista Cibo als Innozenz VIII. (bis 1492).
Er hat mehrere Jahre am Hof von Aragon zugebracht und mehrere Kinder
(mindestens aber zwei).
Zu ihm reist der Inquisitor Heinrich Cramer (Institoris) und
veranlaßt ihn zur Herausgabe einer speziell auf Oberdeutschland
zugeschnittenen Hexenbulle "Summis desiderantes". Seit diesem Papst
werden auch die Kinder von Päpsten offen legitimiert.
Memminger Chronik: "Dieses war das gute Jahr genennet, weil alles so
wohl gewachsen und wohlfeil ward." (Ende der Krise in Schwaben)
Im Nürnberger Rechtsbuch wird das bisher geltendes Stadtrecht
erstmals gedruckt. Nach diesem Gesetz müssen "synlose und
verschwenter irer habe genauso wie Kinder und Witwen einen Vormund
bekommen".
Erzherzog Sigmund von Tirol läßt aus den reichen Silbervorkommen seiner
Schwazer Gruben in der Münzstätte Hall in Tirol den "Guldengroschen"
(Groschen im Wert eines Guldens) prägen. Zunächst werden Stücke im Wert
eines halben Guldens (15,85 Gramm) geschlagen. Diese Münze gilt als erster
"Taler".
Antonius Sorg zu Augsburg druckt die älteste Fassung (Volksbuch-Fassung)
des Prosa-Tristan, eine Adaption der Eilhart-Fassung.
Ab diesem Jahr wird in Frankfurt häufig "Juttchen die Puppenmalerin"
genannt.
Im Wareninventar des Nürnbergers Hans Tucher IX. erscheinen 255
Dutzend Taschensonnenuhren, die in der Genfer Filiale gelagert sind.
Diese Uhren sind im 15. Jh. sehr beliebt und werden in Nürnberg und
Augsburg hergestellt.
Das Marktbuch von Ybbsitz in Niederösterreich gestattet bei
entsprechender Aufsicht Glücksspiele nur zur Zeit des Jahrmarktes und
bei Anwesenheit des Grundherrn (des Seitenstettner Abtes).
Über das Schulwesen: Der spätere Humanist Johannes Butzbach berichtet
in seiner späteren "Chronika eines fahrenden Schülers" zu diesem
Jahre: "Und als ich das sechste Jahr erreicht hatte, schickte sie
(die erziehende Tante) mich, um die Anfangsgründe des Wissens zu
erlernen, in die Schule, wenngleich ich bis dahin kaum die
Muttersprache recht beherrschte...Anfangs machte sie mir mit Backwerk,
zumal mit Brezeln, Freude an der Schule...Sobald aber das Zuckerwerk,
die Feigen, Rosinen und Mandeln, womit man in den ersten Tagen die
Schulanfänger anzulocken und pfleglich zu behandeln sucht, bis sie
den Nutzen des Schulbesuchs begreifen,...aufhörten, da schien mir
alle Lust am Lernen vergangen zu sein und nicht länger mit
Schmeicheleien, sondern mit Furcht beigebracht werden zu müssen."
In Dresden geht die hohe Gerichtsbarkeit an den Rat über.
1485 Der Inquisitor Heinrich Cramer (Institoris) will auf der Rückreise
aus Rom in Tirol eine Hexenverfolgung vom Zaun brechen. Bischof Georg
Golser von Brixen erklärt ihn für verrückt.
Berthold von Henneberg, der Erzbischof von Mainz gibt das erste
Zensuredikt heraus, weil gewisse Leute "aus eitler Ruhmsucht oder
Geldgier" die Kunst des Buchdrucks mißbrauchten, diese kehrten eine
Gottesgabe, die der Menschen Leben bereichern soll, "auf verderbliche
und verleumderische Weise ins Gegenteil". Er ordnet die Überwachung
sämtlicher Übersetzungen ins Deutsche durch Professoren der Mainzer
und Erfurter Universitäten an.
Schützenfest in St. Gallen. Es nehmen daran 208 Armbrustschützen und
445 Gewehrschützen teil. Von einem gleichzeitigen Schützenfest in
München sind Schützenbriefe (Einladungen als Einblattdrucke) erhalten.
In München beträgt die Schußweite 360 Fuß.
In Nürnberg erscheint Peter Wagners "Kuchenmaistrey", das erste
deutsche und zweite jemals gedruckte Kochbuch.
Es erscheint Johann von Cubes "Hortus sanitatis, gart der gesuntheit",
das erste deutschsprachige Heilkräuterbuch (vgl. 1458).
Es erscheint in Paris bei Guyot Marchant eine Holzschnittfolge, welche
ein recht genaues Bild von dem Totentanz ("Danse macabre") auf den Arkaden
des Friedhofes des Franziskanerklosters Aux SS. Innocents wiedergibt.
Es ist die einzige erhaltene Darstellung, da der Totentanz im Jahre 1529
zerstört werden wird. Üblicherweise werden beim Totentanz 40 Berufe und
Würden mit dem "Tod" ("Le mort" - nicht "La mort") dargestellt, wobei
letzterer aber nicht als der personifizierte Tod, sondern als der
betreffende Tote (gleichsam als Verdopplung der dargestellten Person) zu
sehen ist, und dies auch noch nicht als Gerippe, sondern noch nicht
völlig entfleischt. Wegen des großes Erfolges dieses Werks muß Marchant
im nächsten Jahr eine zweite erweiterte Auflage herausbringen.
Zu Orléans hält Olivier Maillard die Fastenpredigten ab, die solchen
Zulauf erhalten, daß viele Menschen auf die Dächer klettern und der
Dachdecker hinterher 64 Tage für Reparaturen in Rechnung stellt.
Nürnberg hat angestellte Stadtpfeifer.
Die Nürnberger Hochzeitsordnung normiert fast jede Handlung, die im
Rahmen der Festlichkeiten möglich erscheint: Anzahl der Pferde der
Hochzeitslader, Festlegung der Personen, die zum Tragen von Kränzen
berechtigt sind oder Festsetzung der Modalitäten beim Reichen von
Eierkuchen am Tage nach der Hochzeit. Als Beispiel folgt hier die
Reglementierung der Speisen beim Hochzeitsmahl: "Man soll auch zu
ainicher hochzeyt weder rephun, haselhun, norrhannen, bytckhannen,
pfaben noch koppawnen, weder gesotten noch gebraten, auch weder
hyrschin noch rehin praten nit geben, noch ainicherlay hochzeyt
kraut, aussgenomen auff ainen yeden tisch mag man ainen gepraten
koppaun geben. Und ob das were, das yemand auff denselben tag nit
flaysch esse, denselben personen möcht man ain essen oder zway von
vischen beschaydenlich geben, on geverde...Item nab soll auch zu
ainer yeden hochzeyt kaynen anndern wein zu trincken geben denn
francken wein, reinischen wein oder anndern wein inn demselben
unngelt, es werde dann, das ainich geste hie wern, die auff derselben
hochzeyt essen und den von rats wegen wein geschennckt wurde.
Denselben schenckwein möcht man auff der hochzeyt wol trincken und
geben, ungeverlich." (Dies ist - neben einem Beispiel deutscher
Pingeligkeit - ein Anti-Luxus-Gebot.)
In Kärnten gelten gebratene Krammetsvögel als "kostspieliges
Geflügel" und standesgemäße Speise des niederen Adels bzw. seiner
Gäste.
Nach einem Ausbruch der Pest in Venedig richtet der Doge einen
"Magistrato della sanita" (Gesundheitsbehörde) ein, eine Behörde mit
weitreichenden Aufgaben und Kompetenzen von der Lebensmittelüberwachung
bis zur Armenfürsorge und Kontrolle der Prostituierten. Sie darf
Leibesstrafen verhängen, zeitweise gar die Todesstrafe und bis 1563
ist gegen ihre Entscheidungen noch nicht einmal eine Berufung möglich.
In London erscheint Thomas Malorys "Morte D'Arthur". Sein Drucker und
Verleger William Caxton will im Vorwort die Existenz von König Arthur
belegen: "...there can no man resonably gaynsaye but there was a kyng of
thys land named Arthur...of record remayne in wytnesse of hym in Wales, in
the toune of Camelot, the grete stones and mervayllous werkys of yron
lyeng under the grounde, and ryal vautes, which dyvers now lyvyng hath
seen." Einen Ort namens Camelot gibt es allerdings nicht. Malory behauptet
"Camelott otherwyse called Wynchester", woraus Caxton, der es noch im Vorwort
nach Wales verlegt hat, macht: "Camelot that is wynchester" (Winchester in
Südengland).
Hungersnot auf Madeira.
Mit der Leipziger Teilung der Wettiner Besitzungen wird Dresden Residenz
der albertinischen Linie. Die Hofhaltung fördert Handwerk und Handel.
Die ernestinische Linie des Hauses Sachsen, welche die Kurwürde besitzt,
erhebt Weimar (neben Wittenberg) zur Residenz.
In England enden die Rosenkriege.
Maximilian zieht in Gent ein - zu Fuß an der Spitze seiner Truppen
mit geschultertem Spieß.
Bis 1490: König Matthias Corvinus von Ungarn besetzt Wien.
Ca.: Ab Mitte der 1480er Jahre wird der Begriff "Landsknecht" (oder
"lansquenete") vor allem bei burgundischen Chronisten verwendet.
Damit sind Fußknechte aus dem oberdeutschen Raum gemeint, die mit
Langspießen, Hellebarden und Handbüchsen bewaffnet sind. Sie fechten
im Gevierthaufen und benutzen keine Schilde. Die oberdeutschen
Knechte sind früher nur zusammen mit den Schweizer Reisläufern
genannt worden und gewinnen nun ein eigenes Profil.
Bis 1487: Paolo Santonino, Kanzler des Patriarchen von Aquileia,
reist durch Kärnten und Osttirol. Sein Reisebericht liefert
zahlreiche Details besonders von Gastmählern für seine Reisegruppe.
Er notiert z.B. mit Staunen das Daunenbett als spezifisches Kennzeichen
auch des bäuerlichen Wohnens in der Region, was er auf die zahlreichen
Gänse zurückführt.
Nach 1485 erscheint "Der doten dantz mit figuren clage und antwort schon
von allen staten der werlt", auch oberdeutscher achtzeiliger Totentanz
oder jüngerer Totentanz genannt. Drucker ist vermutlich Heinrich
Knoblochtzer. In diesem Totentanz wird das musikalische und tänzerische
Element stark betont
1486 Maximilian I. (27) wird zu Lebzeiten seines Vaters (Friedrich III.,
71) zum deutschen König gewählt. Beide zusammen ziehen dieses Jahr in
Brüssel ein. Dort kommt es bald zu Auseinandersetzungen zwischen
Landsknechten und Bürgern. Die Deutschen sind offenbar mit der Versorgung
durch die Stadt unzufrieden und ziehen als Gevierthaufen vor das Rathaus,
wo einige Wagen mit Weinfässern stehen, die der Rat dem Kaiser geschenkt
hat. Sie stellen ihre Spieße beiseite und beginnen ein wüstes Zechgelage,
bis die Fässer leer sind. Ihr geordneter Aufzug zeigt, daß sie über eigene
Organisations- und Selbstverwaltungsformen verfügen müssen. Im Gegensatz
zu den Schweizern entwickeln die Landsknechte den Brauch des Zutrinkens,
wobei der Angesprochene mit doppelter Menge Bescheid geben muß, was bald
zu wüster Trunkenheit und Raufhändeln führt.
In Speyer will ein Baderknecht seine Freundin für einige Tage ins
Frauenhaus vermieten, wofür er erst vier und dann zwei Florin verlangt.
Erzherzog Sigmund von Tirol läßt silberne "Guldengroschen" (oder "Guldiner")
im Sollgewicht einer Unze (31,83 Gramm) prägen - das Äquivalent eines
Guldens. (Seit 1484 gibt es sie bereits im Wert eines halben Guldens.)
Diese großen Silbermünzen sind zunächst im zahlungsverkehr noch sehr
ungewohnt und dienen meist Repräsentationszwecken. Sie haben einen
Feingehalt von 15 Lot (937,5/1000). In Süddeutschland wird diese Münze
bald vielfach nachgeahmt.
Der aus Bergamo stammende Janetto de Tassis (Taxis) wird von Maximilian
zum "Obrist Postmeister" ernannt.
Friedrich III. (der Weise) wird Kurfürst von Sachsen.
Kaiserlicher Reichslandfrieden.
Heinrich Cramer ("Institoris") muß seine Hexenverfolgung in Tirol aufgrund
der Widerstände der Innsbrucker Bürger, der Tiroler Landstände und des
Bischofs von Brixen abbrechen.
Die Zunft der Wollmeister zu Genua richtet Schulen für die Söhne der
Handwerker ein. Im Rechenunterricht wird Wert auf praktische Beispiele
gelegt; bei den Aufgaben sind Unterschiede von Münzen, Maßen und
Gewichten zu berücksichtigen.
König Matthias Corvinus von Ungarn schreibt dem Magistrat von Wien,
dieser möge doch den Termin des geplanten Pferderennens um das
scharlachrote Tuch verschieben, da er ebenfalls daran teilzunehmen
gedenke.
Die früheste Nachricht von der Benutzung einer Gabel stammt aus dem
Inventar des Klosters Michelsberg bei Bamberg. Damit wird Fisch und
Fleisch aufgehoben. Die frühen Gabeln sind durchweg zweizinkig.
Wegen einer Beschwerde der philosophischen Fakultät der Universität
Köln werden die Dirnen aus der Schmier- und der Marzellenstraße
vertrieben, weil die Meister der sieben freien Künste sich bei Tag
und Nacht durch das "sündhafte, unehrliche und schändliche Treiben
der Dirnen" in Lehre und Studium gestört fühlen.
In Köln bestellt der Rat bei Abt und Konvent von Erbach 1000
mainzische Malter Getreide.
In München begleichen die Apotheker ihre Steuerschulden mit Konfekt.
Das Kloster Michelsberg legt auf brachliegendem Ackerland Fischteiche
an.
Eine Hauptmahlzeit für einen Bischof auf der Burg Finkenstein in
Kärnten während der Fastenzeit (Reihenfolge der Gänge): Mandelmus mit
Kügelchen aus Weißbrot; frische Fische gesotten; Kraut mit gebratenen
Forellen; in Wein gekochte Krebse, zu einem Mus verarbeitet und mit
Gewürznelken bestreut; Feigen in Wein (Reinfal) gekocht, mit
schwimmenden Mandelkernen darin; gekochter Reis mit Mandelmilch, mit
Mandelkernen besteckt; Forellen in Wein gesotten; Krebse in Wein
gekocht; Schmalzgebäck mit Weinbeeren im Teig, mit Staubzucker
bestreut; verschiedene Arten von Birnen, dazu Äpfel und Nüsse. (Nach
Santonini, welcher dazu bemerkt, daß ihm das Fasten hier leicht
gefallen sei)
Nach dem Humanisten Antonius Bonfinis liegen in Wien am Niederen
Werd, einer Donauinsel, Spielplätze, wo sich junge Menschen zum
Reigenspielen und zu Picknicks zusammenfinden. Viele städte haben
außerhalb liegende Spielwiesen (vor allem für Ballspiele), weil in
den Städten kein Platz ist - außer auf dem Friedhof.
1487 Bei der Bestallung des Henkers zu Straßburg wird diesem als Teil seiner
Besoldung zugestanden, im Torhaus Glücksspiele zu veranstalten. Wegen
der Anwesenheit fremder Knechte sei diese Konzession im Sommer
ertragreicher als im Winter. Mit diesen Knechten ist das sog.
Elsaßlaufen gemeint, das Einströmen von arbeitssuchenden Tagelöhnern
aus entfernten Regionen.
In Straßburg wird erstmals der "Hexenhammer" des Heinrich Cramer
(Institoris) gedruckt. Er führt dazu die Autorität seines weniger
umstrittenen Ordensbruders Jacob Sprenger ins Feld sowie eine
gefälschte Approbation der Kölner Universität. Es gibt zwar teilweise
durchaus positive Resonanzen darauf, doch die Gesetzgebung ignoriert
das Werk zunächst völlig.
Papst Innozenz VIII. erläßt die erste von vielen päpstlichen Bullen,
die bei Androhung von Exkommunikation die Vorzensur von Druckwerken
befehlen.
Herzog Albrecht IV. von Bayern veranlaßt ein Reinheitsgebot für Bier,
auf welches die Brauer von München vereidigt werden: Es dürfen zur
Herstellung von Bier nur Wasser, Gerste und Hopfen verwendet werden.
Die Rheinische Ritterschaft veranstaltet zu Worms am Sonntag nach
Lichtmeß ein Turnier. Nach diesem Turnier schwindet der Einfluß der
Turniergesellschaften in Turnierfragen zugunsten der Territorialfürsten.
Das Turnier wandelt sich im 15. Jh. ohnehin von einer Kampfübung zu
einem Mittel höfischer Repräsentation und Unterhaltung. In diesem Jahr
setzen auch die Aufzeichnungen des Turnierbuches von Johann dem
Beständigen ein (bis 1566).
Ende Mai: Kaiser Friedrich III. (72) weilt in Nürnberg, wo er ein
Kinderfest veranstalten läßt.
In Nürnberg sollen etwa 4000 Jungen und Mädchen auf eine "deutsche
Schule" gehen. Die vier Lateinschulen der Stadt haben noch einmal
800 Schüler.
In Frankfurt hält der Rat die Waagmeister an, darauf zu achten, daß
die Käufer von Butter nicht betrogen werden durch Wässerung des
Butterfasses, eine falsche Buttermischung oder zu hohen Gewichtsabzug
für das Holz des Butterfasses.
In Lübeck wird das Eichmaß für ein Stübchen Wein und ein Halbstübchen
Bier festgelegt. Die Eichgefäße sind erhalten.
In der Reichsstadt Hall kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung
zwischen dem adligen Egen von Münkheim und der Stadt wegen des
Verbots von Misthaufen auf der Straße. Egen erklärt, er könne auf
Pferde und Vieh nicht verzichten, aber noch weniger den Mist in
seinem Haus behalten.
In der Kölner Pfarre St. Columba sind 80,4% der Häuser vermietet.
Franceschetto, der Sohn von Papst Innozenz VIII. heiratet Maddalena,
eine Tochter von Lorenzo "il Magnifico" de Medici.
/1488: Unruhen in Braunschweig: Es gibt nächtliche Umläufe und
Zusammenrottungen vor Pfaffenhöfen und den Häusern mißliebiger
Ratsherren.
(Und später:) Der blinde Dichter Francesco Bello el Cieco aus Ferrara
(1440 - 1494) verfaßt das "Libro d'arme et d'amore nomato Il
Mambriano", dem ein Zweig der Karlsepik nahesteht.
Bis 1518: Auf den ungenützten Böden des Bischofs von Meißen werden
Fischteiche angelegt.
1488 In Zürich dürfen Ehefrauen nur dann beschlagene Gürtel tragen, wenn
deren Wert nicht 12 Gulden übersteigt und der Mann über ein Vermögen
von 1000 Gulden verfügt.
Eine Bettelordnung in Frankfurt bestimmt, daß dort nur Ortsansässige
betteln dürfen.
In Wien wird ein Mistrichter bestellt, welcher Böhmisch und Ungarisch
spricht (weil in Wien aus den östlichen Nachbarländern Vieh importiert
wird). Dieser ist für die Reinlichkeit auf den Marktplätzen
zuständig und muß u.a. kontrollieren, daß der aus der Stadt
geschaffte Mist nicht unmittelbar vor den Toren oder im Stadtgraben
abgelagert wird.
Bei einem Osterspiel in Hettstedt sollen die Söhne einer mehrfach
vorbestraften Frau als Teufel mitgemacht, bewußt im Publikum Verwirrung
gestiftet und im Schutz ihrer Maskerade an 14 Stellen der Stadt Feuer
gelegt haben. Was an dieser Geschichte dran ist, kann nicht mehr
festgestellt werden, weil sie erst etwa 100 Jahre später überliefert
ist. [Nach Cyriacus Spangenberg, Mansfeldische Chronica, Der vierte
Teil; Ed. C. Rühlemann 1913, S. 265f.]
In Straßburg wird anläßlich eines Passionsspiels dekretiert, "das
nyemans, er sy geistlich oder weltlich, man oder frowe, alt oder
junge, uff das gerüste, daruff man die spile machet, kommen sol, dann
allein die zum spile gehörent und darzu geordent sint. Und dieselben
och ungeirret lossen, sonder menglich sol stille swigen und zuhtiglich
zusehen und dehein unzuhte geschrey oder unfure machen..." Es kommt bei
religiösen Spielen allgemein immer wieder zu Eingriffen des Publikums
ins Spiel, wenn etwa bei allzu realistischen Marterszenen einzelne
Zuschauer den Gemarterten zu Hilfe eilen oder die Peiniger angreifen
wollen (natürlich nicht auf Straßburg begrenzt).
In München dürfen hölzerne Kreuzfenster nur dann verkauft werden, wenn
sie beschaut und gestempelt worden sind. Diese Holzfenster ahmen die
im zweiten Drittel des 15. Jhs. aufgekommenen steinernen Kreuzfenster
nach. Die Fenster können durch diese Neuerung größer werden.
Die Apothekerordnung von München schärft den Apothekern ein, bei der
Herstellung von Präparaten, welche Opiate oder Laxantien enthalten,
alle Einzelstoffe vorher dem Arzt zu zeigen. Gifte und Mittel zur
Abtreibung dürfen nur auf Anordnung und mit Wissen eines Arztes zum
Kauf angeboten werden. Ausdrücklich verboten ist die Zusammenarbeit
mit einem Arzt, um Gewinn zu erzielen sowie der Verkauf von Arzneien
zu einem höheren Preis, als in der Taxe festgelegt ist.
Bei den Unruhen in Braunschweig, wo zuletzt die Aufständischen auf dem
Hagenmarkt tanzen und singen "Nun kommt unser Karren in Gang!", stellt
sich der Kürschner Ludeken Hollant an die Spitze der Protestbewegung
und bildet eine neue Ratsobrigkeit. Die öffentliche Meinung, die zuvor
den Umsturz befürwortet hatte, schlägt bald um, und schon nach einem
halben Jahr muß der neue Rat "Horcher" (Spitzel) aussenden, "und wenn
Bürger und Bürgerskinder hastig leichthin ein unliebsames Wort
sprachen, so hatten sie es schwerlich zu entgelten. Hohe Geldstrafen
sind zunächst erfolgreich: "Und damit stopften sie den Leuten den
Mund: that ihn noch einer von ungefähr auf, dann sah er erst um sich,
ob auch kein Horcher dabei war." Vorsichtshalber verbietet der neue
Rat auch gleich noch Tänze und Reigen. (vgl. 1490)
Drei Männer stehlen in Einsiedeln Reliquien für Zürich, die nur
durch die Intervention Herzog Albrechts VI. von Österreich wieder
zurückgegeben werden.
In Zürich wird bestimmt, daß Hochzeiten nicht länger als einen Tag
dauern dürfen. Eingeladen werden sollen nur nahe Verwandte und
Mitglieder der Zunft, welcher der die Ehe Schließende angehört. Für
jeden darüber hinaus eingeladenen Gast sei eine Buße von zwei Mark
Silber zu entrichten. Nahe Verwandte dürfen Geschenke bis zum Wert
von einem Gulden machen, sonstige Gäste bis zu fünf Schilling. Nur
die Eltern der Brautleute dürfen beliebig viel schenken.
In Nürnberg läßt der Rat 15 Häuser für zuziehende Weber errichten (also
für Angehörige der unteren Mittelschicht). Die Grundfläche beträgt etwa
acht mal sieben Meter (45 Quadratmeter, Höhe 2,65 Meter); es gibt eine
Stube, eine Küche mit Herd und eine nicht heizbare Kammer. Die
anscheinend kostendeckende Jahresmiete beträgt zwei bis zweieinhalb
Gulden. (Zum Vergleich: Arme zahlen ein bis eineinhalb, Reiche bis zu
20 Gulden pro Jahr.)
150 Messerer wandern aus Steyr, einem Zentrum der Klingenherstellung ab.
In Esslingen schließen sich Adel und Städte Schwabens zum Schwäbischen
Bund zur Abwehr der Übergriffe mächtiger Nachbarn, insbesondere
Bayerns zusammen. Es treten u.a. bei: Graf Eberhard V. von Württemberg
(43), Herzog Sigmund von Tirol (61) und Markgraf Christoph I. von Baden
(35).
Maximilian I. (29) wird in Brügge durch aufständische Bürger
gefangengenommen, auf Druck von Kaiser und Fürsten jedoch wieder
freigelassen. Während seiner Gefangenschaft hat man auf dem Markt
vor seinen Augen verdächtige Magistratspersonen gefoltert. Andererseits
muß der Maler Gerard David die Gitterstäbe oder Fensterläden des
Brothauses in Brügge, wo Maximilian einsitzt, mit Malereien verzieren.
Ca.: Der Meistersinger Hans Folz zählt Spielkarten, Würfel und Spielbrett
zum erläßlichen Hausrat.
1489 Vor 1489 wird in einem Gugginger Weistum bestimmt, daß "niemand
unflat auf die gassen soll schitten noch in kain weg, daß noch kain
unflat bei kainem prun auswaschen noch kain unsaubers vich dazu
treiben" solle.
Städtische Revolution in Zürich mit Bauernunruhen im Umland; der
Bürgermeister Hans Waldmann wird hingerichtet.
Die Passauer Grundherrschaft verordnet für St. Andrä vor dem
Hagental, daß kein Fleischhauer "wampen" geschlachteter Tiere im
Bach auswaschen dürfe; dafür seien jetzt "rinnen" vorgesehen.
In Frankfurt wird zu Ehren von König Maximilian ein großes Bankett
veranstaltet, wobei die "jungen Gesellen" aus Hof und Oberschicht bis
in die Nacht auch mit den "schönen Frauen" (Dirnen) tanzen - zum nicht
geringen Vergnügen des Königs. Als daraufhin Markgraf Friedrich von
Brandenburg ebenfalls ein Fest zu Ehren des Königs, doch unter
Ausschluß von Dirnen veranstalten will, lehnt der Frankfurter Rat
diese sittenstrenge Neuerung ab: sie sei "von alters her nicht Brauch
gewesen".
In Frankfurt werden zwei Bettlermeister ernannt (später heißen sie
Bettelvögte), die wie die Richter Stäbe tragen. Die Namen der
einheimischen Bettler werden in einem Buch festgehalten. Sie müssen
jedes halbe Jahr ihre Bettelerlaubnis (nur auf der Straße) erneuern.
Verletzungen etc. müssen bei Strafe von einem Jahr Verbannung bedeckt
werden.
In Heilbronn wird verordnet, daß Aas durch Einbringen in Flüsse
beseitigt werden soll. Im allgemeinen vertraut man auf die reinigende
Kraft des Wassers, welches lösliche Abfälle "verzehren" soll.
Eine Bauordnung in München verbietet die Errichtung von Altanen
(stockwerksweise übereinandergebauten hölzernen Hofgalerien), weil
sie feuergefährlich seien, Feuchtigkeit ansammelten, zu Diebstählen
Anlaß gäben und unerwünschten Einblick in die Nachbarschaft gäben.
Weiterhin wird das Ableiten von Ofen- und Herdrauch auf die Straße
verboten, jedoch nur für Holzfeuer. Holzkohlenfeuer sind dagegen
unbedenklich, "do es nit schaden bringt". Beim Bau neuer Abtritte
dürfen die zugehörigen Gruben nicht durch Letten gegraben werden,
damit angrenzende Brunnen weder beschädigt noch verunreinigt werden.
Es müssen Kloaken, Mist- oder Sickergruben einen Mindestabstand von
eineinhalb Schuh zum Nachbargrundstück haben und mit Holz
ausgeschlagen sein.
Kaiser Maximilian wird auf einer Wallfahrt nach Amsterdam von einer
Krankheit geheilt und verleiht der Stadt dafür das Recht, die
Kaiserkrone im Stadtwappen zu führen.
In Konstanz erscheint Ulrich Molitors "Von Hexen und Unholden",
worin der Hexenflug als unglaubwürdige Phantasievorstellung entlarvt
wird.
Hermann von Bömmelburg, seit 1478 (bis 1504) Abt des Klosters Corvey
(ein Kleriker also) verheiratet seine Tochter (!) Ilseken mit Hans
Logeren, einem wohlbetuchten Bürger von Höxter und überträgt ihr
Einkünfte in Höhe von 100 Gulden aus zwei seiner Herrschaft
unterstehenden Meierhöfen. (Zehn Jahre später werden diese in ein
Leibgedinge für seinen Schwiegersohn umgewandelt.) Der Konvent des
Benediktinerklosters Corvey besteht nur noch aus vier Mönchen.
Friedrich V. von Schaunberg wird Erzbischof von Salzburg (bis 1494).
Seine Konkubine beherrscht das Erzstift und vergibt alle Ämter.
1490 Eine Beschreibung Wiens von Bonfini: "Die Stadt liegt in einem
Halbmond an der Donau, die Stadtmauer hat wohl 5000 Schritte und
doppelte Wälle. Wie ein Palast liegt die eigentliche Stadt inmitten
ihrer Vorstädte, deren mehrere an Schönheit und Größe mit ihr
wetteifern. Jede Wohnung hat ihr Sehenswertes, ihr Denkwürdiges. Fast
jedes Haus hat seinen Hinterhof und seinen Vorhof, weite Säle, aber
auch gute Winterstuben. Die Gastzimmer sind gar schön getäfelt,
herrlich eingerichtet und haben Öfen. In alle Fenster sind Gläser
eingelassen, viele sehr schön bemalt, durch Eisenstäbe gegen Diebe
geschützt. Unter der Erde sind weite Weinkeller und Gewölbe; diese
sind den Apotheken, Warenniederlagen, Kramläden und Mietwohnungen für
Fremde und Einheimische gewidmet. In den Sälen und Sommerstuben hält
man so viele Vögel, daß der, der durch die Straßen geht, wohl wähnen
möchte, er sei inmitten eines grünen, luftigen Waldes. Auf den Gassen
und Marktplätzen wogt das lebendigste Treiben. Vor dem letzten Kriege
wurden ohne Kinder und unerwachsene Jugend 50000 Seelen und 7000
Studenten gezählt. Ungeheuer ist der Zusammenfluß der Kaufleute, auch
hier wird ungeheuer viel Geld verdient. Wiens ganzes Gebiet ist nur
ein großer, herrlicher Garten, mit schönen Rebhügeln und Obstgärten
bekrönt, mit den lieblichsten Landhäusern geschmückt."
Nach einer Gedenktafel in der Münchener Residenz hat in diesem Jahr
Herzog Christoph angeblich einen Steinblock von 364 Pfund Gewicht
gehoben "und weit geworfen ohngeferdt".
Bischof Rudolf von Würzburg erläßt eine detaillierte Kleiderordnung
für Dirnen. Luxuskleider sind bei einer Strafe von zehn rheinischen
Gulden und dem Verlust der Kleidung verboten.
Aus der Schneiderordnung von Meißen: "...ein itzlicher, der bei uns
meister sein oder werden will, der eine neterinne (Näherin) zu einem
weibe het, soll forthin keine lermait oder sust ein ander mait
neben ir setzen und halden."
In St. Gallen erhält ein Trompeter jährlich 18 Gulden, die beiden
Amtsbürgermeister nur 10 Gulden.
Das Regime des Ludeken Hollant in Braunschweig kommt herunter (vgl. 1488).
Nachdem wegen eines Vermummungsverbots (plus dem Verbot der Tänze und
Reigen) der letztjährige Karneval "nicht anders heißen als trübsinnig"
mußte, regt sich der Widerstand nicht nur in geheimen Verschwörerzirkeln,
sondern auch auf offener Straße. Man beschimpft ihn, den Kürschner, als
"Hollant kurmau" - Verarbeiter von Katzenfellen. Vergeblich bedroht er
diejenigen mit harten Strafen, Stadtverweisungen und Gildeausschluß
diejenigen, die ihn an den Pranger wünschen, indem sie ihm "kak, kak!"
zurufen (Kak oder Kaak = Pranger, Schandpfahl) Schließlich muß Hollant in
diesem Jahr die Stadt verlassen.
Die Kölner Chronik nennt 90 Reichsstädte. Moderne Zusammenstellungen
rechnen mit 105.
Herbst: Mehrere Städte des Schwäbischen Bundes sprechen sich dagegen
aus, bezüglich ihrer Zahlungen an den Bund nach der Höhe ihrer
Stadtsteuer eingestuft zu werden, da sich dies nicht mit der
wirtschaftlichen Realität decke.
Herzog Sigismund von Tirol (63) überträgt seine Lande Maximilian I. (31).
Die ungarische Besetzung Wiens endet mit dem Tod von König Matthias
Corvinus. Man munkelt von Giftmord.
Seit diesem Jahr gibt es eine Kurierpostverbindung zwischen Innsbruck und
Mechelen. (Hintergrund: Seit 1482 herrschen die Habsburger in den
Niederlanden. Vgl. 1520.)
Bis 1494: Albrecht Dürer ist in Colmar, Basel und Straßburg tätig.
Bis 1520: Das Hauptwerk des arabischen Alchimisten Geber erscheint unter
dem Titel "Summa perfectionis magisterii in sua natura" in Latein. Die
Grundidee der um das Jahr 900 entstandenen Schriften ist die Hypothese,
daß alle Metalle zusammengesetzter Natur bzw. in ihrer Substanz
verwandelbare Stoffe sind. Bis zur ersten deutschen Ausgabe werden
noch fast 200 Jahre vergehen (Danzig 1682).
1491 In Speyer wird ein berufsmäßiger Falschspieler verhaftet. Er konnte
"mit siegelmetzen, mit karten, mit den bogeln, mit den geschliffen
worffeln" spielen. Wegen Falschspielerei werden im Spätmittelalter
aber auch angesehene Bürger und Zunftmeister belangt. In Speyer wird
weiterhin auch auch eine Dirne verhaftet, die mehrere Diebstähle
gesteht: "zu Tuwingen eyn rock, ist des rectors gewest, hatt sie unde
ander frawen im gemeynen huss verdruncken für zwei fl." Diese Frau
ist auch im Straubinger Frauenhaus gewesen und hat zwischen Straubing,
Tübingen, Ungolstadt und Mainz viele Orte durchwandert, und sie "hat
keyn oren mer gehabt."
Johann Froben (31) gründet in Basel eine eigene Druckerei.
Ortolfs Apothekerbuch von 1477 wird erstmals gedruckt.
Ein nasser und kalter Sommer löst einen schweren Getreidemangel aus:
Im Kurkölnischen, in Berg, Westfalen, Friesland, Geldern, Kleve und
Jülich backt man Brot aus Gerste, Erbsen, Bohnen und Kleie. In Köln
läßt der Rat durch eine Kommission die Getreidevorräte der Stadt
feststellen: 2993 Malter Gerste, 888 Malter Weizen und 689 Malter
Roggen. Die Besitzer werden aufgefordert, ihre Vorräte an die Bäcker
zu verkaufen, weil die Hungernden sich vor den Backhäusern drängen.
Der Rat muß Korn an die Bäcker abgeben und einige von ihnen in den
Turm sperren, weil sie zu nasses und ungesundes Brot gebacken haben.
Die Bauern des Fürstabtes von Kempten beschweren sich beim
Schwäbischen Bund über eine neue Steuer. Nachdem der Schwäbische Bund
den Bauernbund durch Drohungen aufgelöst hat, wenden sich die Bauern
vergeblich an den Kaiser.
Als Doktor Bartholomäus Steber den Rat von Wien um eine Leiche für
die Anatomie ersucht, erhält er die eines Delinquenten, welcher sich
als scheintot erweist und bei der Sektion wieder aufwacht. Man
schenkt ihm die Freiheit.
In Hallau bei Schaffhausen ist die kleine Kapelle St. Mauritius zu
eng geworden. Am Berghang soll eine größere Kirche gebaut werden,
wobei man auf ein alemannisches Gräberfeld stößt. Die Gebeine und
Beigaben werden für diejenigen des hl. Mauritius und der thebäischen
Legion gehalten, die hier den Märtyrertod gefunden haben sollen.
Durch drei Jahre wird Hallau zu einem großen Wallfahrtsort.
Ein großer Brand zerstört die Hälfte von Dresden. Es wird eine neue
Bauordnung eingeführt, welche vorschreibt, Eckhäuser und Häuserfronten
bis zum ersten Stock in Stein auszuführen, sowie die Dächer mit
Ziegeln zu decken.
Es ist ab jetzt allgemein erlaubt, an Fastentagen Eier, Milch und
Milchprodukte zu essen. Übertretungen des alten Verbots sind aber
schon lange an der Tagesordnung gewesen, auch in Klöstern.
Oder 1492: Als irgendwo eine übermütige Hochzeitsgesellschaft einen
Bundschuh am Wirtshaus anbringt, eilt sogleich der Amtmann herbei,
um klarzustellen, "was es ein so großes Ding wäre, einen Bundschuh
aufzuwerfen und was es auf sich trüge."
1492 Veit Stoß (47) schafft das Grabmal von König Kasimir IV. von Polen
im Dom zu Krakau.
In Florenz erscheint Piero della Francescas Untersuchung über die
Perspektive.
Leonardo da Vinci (40) fertigt eine Zeichnung einer Flugmaschine an.
In Nürnberg fertigt Martin Behaim den ersten Globus an - noch ohne
Amerika oder gar Australien. Später sagt Luther, daß die Behauptung, die
Erde sei eine Kugel, eine höchst lächerliche und kindische Phantasie sei.
Auf Betreiben des Großinquisitors Torquemada werden die Juden aus
Spanien ausgewiesen.
Erster Beleg, daß das Billardspiel in geschlossenen Räumen gespielt
wird (wahrscheinlich in Frankreich): Jemand soll grünes Tuch gekauft
haben, um damit einen Tisch zu überziehen, auf dem er Billard spielen
will. (Frühform: Quadratisch, ein Tor, ein Kegel, drei Löcher und
schräge Stäbe).
In Ulm verbietet der Rat, zwischen dem 22. Februar und dem 25. Juli
bei Strafe von einmonatiger Stadtverweisung Vögel (außer Spatzen)
zu jagen.
Ulm: "Im 1492. jar hat sich das Minster anfahen sencken, daß man
gefircht hat, er wer umfallen. Ain mal an aim Suntag waren die leut
an der predig, da fielen zwen stain herab auß dem gewelb, da flohen
die leyt uß der kirchen, dan sie mainten, der thurn welte umfallen,
aber die stain heten niemans troffen." [Sebastian Fischer] Der
begonnene Turm des Münsters wird daraufhin nicht weitergebaut.
In Köln gebietet der Rat, daß jeder sich in Zukunft vorsehen solle,
welche Art von Ochsen er kaufe. Es ist nämlich vorgekommen, daß
polnische, ungarische, dänische, russische oder eiderstedtische
Ochsen für gemästete friesische Ochsen ausgegeben worden sind oder
auch Pflugochsen verkauft worden sind.
Die medizinische Fakultät der Universität Wien versucht vergeblich,
das Apothekerwesen zu regeln (wie schon 1404 und 1465).
2. Februar: Schlägereien zwischen Klerikern in Paris: Dort erträgt
man es nur widerstrebend, daß die Kirche von Paris nur Suffragen des
Erzbistums Sens ist. An diesem Tag nun zelebriert der Erzbischof von
Sens in Notre Dame in Gegenwart des Königs die Messe. Während der
König die Kirche noch nicht verlassen hat, zieht sich der Erzbischof,
das Volk segnend, zurück, wobei ihm das Priesterkreuz vorangetragen
wird. Zwei der Domherren drängen sich mit zahlreichen Kirchendienern
vor, beschädigen das Kreuz, verrenken die Hand des Trägers und
verursachen einen Tumult, bei dem den Bedienten des Erzbischofs die
Haare ausgerauft werden. Der Erzbischof versucht zu schlichten, "ohne
ihm ein Wort zu sagen, kamen sie auf ihn zu; Lhuillier (der Dekan des
Domkapitels) stößt ihm den Ellbogen in den Magen, die anderen
zerrissen den Priesterhut und dessen Schnüre." Der andere Domherr
verfolgt den Erzbischof, "mehrere Schmähungen ausrufend, ihm den
Finger ins Gesicht streckend und ihn derart am Arm packend, daß er
ihm das Chorhemd zerriß; und wenn der Erzbischof nicht die Hand
vorgehalten hätte, hätte er ihm ins Gesicht geschlagen." Es kommt
darüber zu einem Prozeß, der 13 Jahre dauert. [Zitate nach den
Prozeßakten]
17. Juni: Es essen in der Residenz des Bischofs von Trient, Ulrich
III. von Frundsberg, Giorgio Contarini, Graf von Zapho und Paolo
Pisano, die Gesandten Venedigs, mit dem Bischof zu Abend. Es werden
elf Gänge aufgetragen: Gekochtes und gebratenes Fleisch mit Fisch
aller Art und Salat; Weichseln und Kirschen; ein mit Brot gefüllter
Kapaun in einer gelben Sauce; Eier auf hölzernen Spießen; Hasen- und
Wildschweinfleisch in schwarzer Sauce; eine Art Brezel in Öl gekocht;
Weichselmus; Fische und gekochtes Fleisch; trockner Braten; eine
Mixtur aus Milch und Eiern; Konfekt.
Michael Behaim, Ratsherr und Bauherr von Nürnberg, läßt seinen
Brunnen fegen, wofür er allein für die Badknechte 70 Pfennig zahlen
muß.
In Breslau gibt es einen Gehäusepranger, d.h. einen Käfig auf einer
Säule, worin Übeltäter öffentlich zur Schande ausgestellt werden.
Eine Landshuter Ordnung: Der Schulmeister "soll auch fleiss haben,
dass die schüler in der schule, zu chor und auf der gassen latein
reden." Zuwiderhandlungen werden bestraft.
Neuer Papst wird Rodrigo Borja (Borgia) als Alexander VI. (bis 1503),
der skandalösteste Papst der Kirchengeschichte. Gasparo von Verona
schreibt über ihn: "Wo er nur herrliche Frauen erblickt, regt er sie
in wunderbarer Weise zur Liebe auf, und er zieht sie an sich, stärker
als ein Magnet das Eisen anzieht." Er hat bis Ende seiner Amtszeit
(nicht etwa nur von früher) zehn Kinder.
3. August: Christoph Kolumbus bricht mit drei Schiffen nach Westen
auf, um den Seeweg nach Indien zu suchen. Angeblich hat er über 100
Sanduhren dabei.
11. Oktober: Kolumbus' kleine Flotte entdeckt eine Insel der Bahamas.
28. Oktober: Kolumbus entdeckt Kuba, das er für Japan hält.
6. November: Im Bordbuch des Kolumbus wird erstmals der Tabak erwähnt.
7. November: Zu Ensisheim im Elsaß geht ein Meteorit von angeblich
über drei Zentner Gewicht nieder. In der Kirche ist ein Stück davon
aufbewahrt, mit folgendem Bericht: "Anno Domini 1492 uff Mittwochen,
nächst vor Martini den siebenten Tag Novembris, geschah ein seltsam
Wunderzeichen. Denn zwischen der ersten und zwölften Stund zu Mittagszeit
kam ain großer Donnerklopff und ain lang getös, welches man weit und
breit hörete, und fiel ain Stein von den Lüfften herab bei Ensisheim in
ihren Bann, der wog zweihundertundsechzig Pfund und war der Klopff
anderswo viel größer denn allhier. Da man den Stein fand, da lag er bei
Mannestief in der Erden, welches Jedermann dafür hält, daß es Gottes
Wille war, daß er gefunden würde..."
Der Schulmeister Johann Birk verfaßt zu Kempten die "Historia Karoli
Magni et de fundatione monasterii in Campidona", vorgeblich 832
verfaßt. In dieser Fälschung wird z.B. ein Kanzler Ludwigs des
Frommen, Gotfridus de civitate Marsilia erfunden.
1493 Bauernverschwörung unter dem Zeichen des Bundschuhs im Elsaß. Auch im
Bistum Speyer gibt es eine Bundschuhbewegung. Hier will man alle
Landesherrschaft abschaffen, alle geistlichen Güter aufteilen und
alle Abgaben aufheben. Neu daran ist die Begründung mit göttlichem
Recht. Auf ihren Fahnen steht "Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes!".
Anführer ist Joß Fritz aus einem Dorf bei Bruchsal. Bevor er
losschlagen kann, wird der Aufstand verraten.
Ulrich von Frundsberg, der Bischof von Trient hinterläßt u.a. "drey
beslagen loffelen, ainen perlenmuotter, den anderen serpentin, den
dritten von ainer schneggen."
In Nürnberg erscheint die Weltchronik von Hartmann Schedel (53).
In Venedig findet erstmals ein Wettrudern der Marktfrauen statt.
Savonarola predigt in Florenz. (Inhalt etwa: Die ganze Welt ist
verderbt, einschließlich Kirche, Fürsten, Gelehrte, Gesetze und
Bräuche.)
13. Januar: Auf Haiti gibt es erstmals ein Gefecht zwischen Spaniern
und Indianern (7 gegen ca. 55).
4. März: Kolumbus kehrt nach Spanien zurück. Von seinen 100
mitgeführten Sanduhren soll er eine einzige - beschädigt -
zurückgebracht haben.
8. Juni: Dem Kaiser Friedrich III. wird wegen Altersbrand der linke
Fuß amputiert. Es ist einer der seltenen Fälle, wo eine ärztliche
Behandlung genauer beschrieben wird: Zwei Ärzte beraten, drei Ärzte
halten den Kaiser, zwei weitere sägen ihm den Fuß ab. Die Operation
wird im Beisein zahlreicher Adliger, Ritter und Knechte durchgeführt
und gelingt. Nach sechs Wochen beginnt die Wunde zu verheilen, nach
weiteren vier Wochen ist die Heilung praktisch abgeschlossen. Es soll
dem Kaiser aber nichts nützen...
25. September: Kolumbus bricht (mit 17 Schiffen) zu seiner zweiten
Reise auf.
Dezember: Kaiser Friedrich III. (78) stirbt an einem Schlaganfall.
Er hat es für nötig erachtet, 30000 Seelenmessen zu stiften.
5. Dezember: Leichenbegängnis Friedrichs III. in Wien (nach Jakob
Unrest): "In Sannd Steffanskirchen in dem mittern gwellb ist der
khor und kirchen durchab all umbhanngen in der hoch mit swartzen
tuechern gewesen und ob den tuechern haben geprunnen
funffhundertunddreyundachtzig kertzen. Bey dem fronaltar, der mitten
in der kirchen stat, do man das seelambt aufgesungen, do hat man
gemacht ein gestuel. Und ob dem alltar pey der pahr ist gestannden
ein capellen auf vier sewlen durchsichtig und auf der capellen haben
geprunnen dreyhundert und 46 kertzen, von wachs gemacht. Die kapellen
was umbhangen mit swartzen tuechern, das kayserliche wappen an dy
capellen und an dy tuecher gehangen. Und umb die capellen sind
gestanden achtundviertzig prueder in swartzen rocken und in
klagkappen und hat ein jeder ain prinnen windliecht in der hand
gehabt. Und auf der par, daruber dan die capellen gestanden, ist
gelegen ain weisser thammaschk (Damast) mit ainem praiten gulden
kreutz und auf dem thammaschk ist gewesen ein schwartzer samitt,
auch mit einem , auch mit einem gulden krewtz, und auf dem sammat
ist gelegen ein kayserlich swert, kran, zepter und apfell und der
orden von gullden vleis. neben der par ist gestannden des kaysers
herolld, genant Romrich, in einem gantz gulden rock." (Es hat sich
Schwarz als Trauerfarbe im Spätmittelalter noch nicht allgemein
durchgesetzt, wird aber bereits von der Oberschicht verwendet.
Trauergemeinden sind auch noch vielfarbig.)
Maximilian tritt die Nachfolge an.
1494 Der Rat von Ulm ordnet an, daß Fäkalien und Schweinemist nicht auf
Wiesen und Feldern auszubringen, sondern in die Donau zu schütten
seien. (Dies klingt beim notorischen Düngermangel des Mittelalters sehr
weltfremd.)
Eine Warnung vor Hausierern: "Item Hut dich vor Kremern die dich zu
hawß suchen denn du kaufst nichts guts, eß sej Silberr krom Wurtz oder
anderer Gattung...dann der gemein man will betrogen sein..."
Nach einer Inschrift auf einer Tafel in der Kirche St. Sebald (in
Nürnberg?) besitzt Ulrich Grundherr eine "tragbare" Uhr, die sogar
schon in Viertelstunden schlägt. Dies ist aber noch keine
Taschenuhr.
Aus Avignon ist ein Fall bekannt, bei dem ein tüchtiger Gastwirt
von einem anderen Wirt aus Geschäftsneid angezeigt wird, von der
Lepra befallen zu sein. Angesehene Ärzte aus Avignon und die
medizinische Fakultät von Montpellier entscheiden zugunsten des
Verdächtigten.
Todesfälle: Der Maler Hans Memling (64).
Einzug Philipps des Schönen in Antwerpen: "Diejenige Tribüne aber,
auf die die Leute am interessiertesten hinschauten, bezog sich auf
die Geschichte der drei Göttinnen, die man nackt sah und durch
lebendige Frauen dargestellt." (Molinet V., S. 15)
Die 36 Hammerwerke am Hochrhein schließen zum Hammerbund, einer zunftartigen
Vereinigung zusammen. Hammerwerke verarbeiten mittels Wasserkraft Roheisen zu
schmiedbaren Halbfabrikaten. Jedem Hammerwerk wird eine festgelegte Menge
Roheisen zugesprochen. Zusammen produzieren sie 62 Tonnen Eisen pro Jahr.
/1495: Es erscheint in Italien erstmals das umfangreiche Werk
"Orlando Innamorato" (Der verliebte Roland) von Matteo Maria Boiardo,
dem Grafen von Scandiano (späte Karlsepik).
Sebastian Brant (36) veröffentlicht das "Narrenschiff".
1495 In Nördlingen wird ein gewisser Sixt Wiedemann bestraft, weil er,
der in einer Fronleichnamsprozession den hl. Petrus spielen sollte,
während der Prozession Karten gespielt hat. Inwieweit Normverletzungen
bei religiösen Aufführungen toleriert werden, wechselt mit Zeit und Ort.
Beispiel für die Zahl der Arbeitstage von Handwerkern: Nach Rechnungen
wird in Xanten in 53 Wochen an 270 Tagen gearbeitet. (Vgl. 1356)
Basel hat 8800 Einwohner.
Nach einem Lilienfelder Banntaiding ist ein Ehemann, der seine Frau
auf frischer Tat mit einem Ehebrecher erwischt, befugt, selbst zu
richten. Bringt er die Sache jedoch vor Gericht, so soll geurteilt
werden, daß man Frau und Ehebrecher zusammenbinde, beide in eine
Grube werfe (Mann oben) und mit einem Schlegel einen Stock durch
beide schlage. [Eine andere Frage ist, ob solche Strafen auch
tatsächlich verhängt wurden.]
Als in Würzburg ein Henker unaufgefordert auf der Hochzeit eines
Baderknechts erscheint - er ist der Nachbar der Braut gewesen -, klagt
das ganze Baderhandwerk der Stadt vor dem Rat, um dem Knecht das
Handwerk verbieten zu lassen. Dies mißlingt zwar, doch muß der Knecht
zur Wiederherstellung seiner Ehre eine empfindliche Geldbuße zahlen.
Die Landesordnung von Württemberg gebietet, das Erdgeschoß der Häuser
aus Stein zu errichten, um Holz zu sparen. Es scheint, daß der
Übergang vom Holzbau zum Steinbau nicht nur auf mediterranen Einfluß,
sondern auch auf Holzmangel zurückgeht.
Steyr bekommt den Blutbann verliehen (wie auch 1523 wieder).
Mitte Mai: Das Hauptkontingent Karls VIII. von Frankreich zieht sich aus
Neapel zurück. Bei diesen Truppen ist eine Krankheit ausgebrochen, die
von den Italienern mit den Invasionstruppen in Zusammenhang gebracht
und "mal francioso" genannt wird, während die Franzosen sie als
"mal de Naples" bezeichnen. Diese "Franzosenkrankheit" (auch: die
Bösen Blattern) ist 1493 mit Kolumbus nach Barcelona und dann über
Aragon nach Südfrankreich gekommen. Mitte des 16. Jhs. wird sie als
Syphilis bezeichnet. Die Krankheit ist in der Regel nicht tödlich und
besteht aus einem durch zwei Erreger hervorgerufenen Komplex aus
Frambösie und Syphilis. In Rom erkranken binnen zwei Monaten 17
Mitglieder der päpstlichen Familie daran, auch Cesare Borgia.
Maximilian I. läßt in Wien vor dem Stubentor ein Hospital (angeblich für
Syphilitiker - was etwas verfrüht scheint) errichten.
Auf dem Reichstag zu Worms beginnt die Reichsreform mit vier Gesetzen:
Ewiger Landfrieden, Kammergericht als oberstes Reichsgericht,
"Gemeiner Pfennig" als allgemeine Reichssteuer auf "vier Jar lang
und nit lenger" und "Handhabung des Friedens und Rechts", eine
Verpflichtung Maximilians und der Reichsstände auf Einhaltung der
Reformgesetze. Diese Reform scheitert an der stillschweigenden
Beibehaltung der territorialen Sonderrechte. Das Kammergericht kann
wegen Widerstands von Sachsen und Brandenburg seine Autorität nicht
über die Fürsten ausdehnen. Die Fehde wird als Mittel im Rechtsstreit
abgeschafft (was nicht heißt, daß es keine Fehden mehr gibt).
Die Grafschaft Württemberg wird vom Kaiser zum "Unteilbaren Herzogtum"
erhoben. Residenz ist Stuttgart, zweite Residenz ist Tübingen.
Maximilian erteilt Reutlingen das Privileg, allen Totschlägeren, die
ihre Tat ohne Vorsatz ausgeführt haben, Asyl zu gewähren. Bis zur
Aufhebung im Jahre 1804 nutzen fast 2500 Totschläger dieses Privileg,
das als "Reutlinger Asyl" in der Rechtsgeschichte bekannt wird. Das
Einzugsgebiet dieses Asyls reicht weit über die Grenzen der Stadt
hinaus und macht Reutlingen zum größten Totschlägerasyl in Süddeutschland.
Celle erhält ein Pestspital.
Der Humanist Robert Gaguin läßt sein Kompendium der französischen
Geschichte drucken. Im Anhang befindet sich auch ein Brief von
Erasmus, der sich hier erstmals gedruckt sieht.
Es erscheint "De Aetna" von Kardinal Pietro Bembo. Hier wird erstmals
eine Schriftart verwendet, die später "Bembo" genannt wird (eine Form
der Renaissance-Antiqua).
Emanuel I. wird König von Portugal (bis 1521). Unter seiner Herrschaft
importiert das Land über Antwerpen Kanonen, Munition und 5200 Tonnen
Kupfer.
1496 Bei der Reliquienzeigung in Aachen werden an einem einzigen Tag vor
den Toren 142000 Pilger gezählt. Einige werden im Gedränge erdrückt.
Gegen die große Hitze wird von den Dächern herab Wasser auf die
Massen gegossen.
Bei Bonn kentert am 16. Juli eine Rheinfähre wegen Überfüllung. 70
Aachenpilger ertrinken, nur sechs oder sieben können sich retten.
In Portugal werden die Juden bei Strafe der Vertreibung zur Taufe
gezwungen.
11. Juni: Kolumbus kehrt von seiner zweiten Reise zurück.
In Nürnberg ergeht das Gesetz, "allen padern bei einer poen zehen
gulden zu gepieten das sie darob und vor sein, damit die menschen,
die an der newen krankhait malum Frantzosen, beflekt und krank sein,
in irn paden nicht gepadet."
Nach dem Tagebuch des Frankfurter Patriziers Job Rohrbach läßt dessen
Familie ihre Mietshäuser renovieren, ausgenommen "das hinderst zinshuß
im geslin [Gäßlein] das also unrein ward gehalten durch die darin
wohnend, das man darumb nit moch [vermag] dasselbig huß mit estrich
beschlagen."
Nach einem Ratserlaß aus Überlingen kann man dort ein Teufelsgewand,
das übers Jahr für Prozessionen benutzt wird (und sich im Besitz der
Heiligenpflege der Pfarrkirche St. Nikolaus befindet) während der
Fastnachtszeit für profane Nutzung ausleihen. "Vastnacht ordnung (...)
Item ewer der ist, der das teufel häs von sannt Niclaspfleger
entlehnt hab oder das innhett den pflegern zugehörig, der soll inen
das widerumb anntwurtten. (...?) Wo aber ainer ein teufelshäs vber
sein eigen costen gemacht hatte, der mag desselb haben, doch das er
gutwillig seye, das in Crutzganng [für die Prozession] gott zu lob
darlyhen." [Überlinger Ratsprotokolle 1496 - 1518. Ad 1499 p 171,
N 2681] Es sollen also auch umgekehrt private Teufelskostüme für die
Prozessionen zur Verfügung gestellt werden. Schreckmasken und
Dämonenkostüme sind bei den meist jugendlichen Mirwirkenden der
geistlichen Spiele mit Abstand am beliebtesten und werden bei jeder
Gelegenheit auch außerhalb des liturgischen Rahmens - besonders zur
Fastnacht - getragen.
Es erscheint die Naturgeschichte (Naturalis Historia) von Plinius d. Ä.
(gest. Anno 79) zu Venedig im Druck. Diese Enzyklopädie des gesamten
Wissens der Antike zitiert über 400 griechische und römische Quellen.
1497 Im Lindauer Reichsabschied heißt es, "dass der gemain Pawersmann und
arbaitend Leut in Stetten oder auf dem Land kain Tuch anmachen oder
tragen sollen, des die Ele über ainen halben gulden kostet; auch
sollen sie kainerley Gold, Perlen, Samat, Seiden, noch gestückelt
claider tragen, noch ihren Weibern noch Kindern zu tragen gestatten".
Aus einer Vorschrift des Mainzer Erzbischofs Berthold von Henneberg
für seine Güter im Rheingau: "Jeder Tagwerker, er arbeite auf dem
Felde oder sonstwo, erhält morgens eine Suppe samt Brot, mittags
eine starke Suppe, reichlich Fleisch und Gemüse und einen halben Krug
gemeinen Weins; abends Fleisch und Brot oder eine starke Suppe und
Brot."
Der Rat der Reichsstadt Hall verbietet dem Binder Jakob Reichlin,
"pruntz und ander unsawberkeit aus dem haws in das gässlein zu
schütten". (Die verbreitete Vorstellung, das Auskippen von Nachttöpfen
auf die Straße sei in der mittelalterlichen Stadt an der Tagesordnung
gewesen, scheint wohl nicht recht zuzutreffen. Dieser Einzelfall, der
sich ausdrücklich an eine bestimmte Person wendet, gehört zu den ganz
wenigen mir bisher bekannten Quellen zu diesem unerquicklichen aber wohl
gerade darum populären Bild.)
In Antwerpen entsteht die erste Zuckerraffinerie.
Savonarola wird exkommuniziert.
Es erscheint die erste deutsche Ausgabe von Tacitus' "Germania".
Die Heilbronner Chronik berichtet zu diesem Jahr ein beliebtes
Sagenmotiv: Man will in einem Teich (dem Kaiserwoog zu Lautern) einen
Hecht von 350 Pfund gefangen haben, bei welchem sich ein goldener Ring
befunden haben soll mit der Aufschrift: "Ich bin der Fisch, den in
diesen Teich Friedrich II., der Weltbeherrscher, mit eigenen Händen
gesetzt hat den 5. Oct. 1230". [Ähnliche Sagen gibt es u.a. auch um
einen Hirsch, der dann gleich noch auf Caesar zurückgeführt wird.]
Die Stadt St. Veit an der Glan brennt ab. Kaiser Maximilian gestattet,
daß 2000 Stämme Holz aus den landesfürstlichen und herrschaftlichen
Wäldern in der Umgebung gefällt werden dürfen, um Stadtbefestigung
und notwendige Gebäude wiederaufbauen zu können.
In Schwäbisch Gmünd stürzen die beiden Türme der Marienpfarrkirche ein.
1498 Die Kleiderordnung von Freiburg i. Br. gestattet den Doktoren,
Schauben von roter Farbe zu tragen. Diese werden durch die
ursprünglich dem Adel vorbehaltene rote Farbe gesellschaftlich
aufgewertet.
Geiler von Kaiserberg beanstandet in einer Predigt, daß sich Frauen
Birette mit Ohrenklappen aufsetzen.
Im steirischen Benediktinerstift St. Lambrecht besitzt ein Konventuale
an Kleidung: eine Schaube aus Harras mit Fuchspelz, eine andere mit
Schafspelz gefüttert, zwei Röcke, eine alte und eine neue Kutte, ein
Schlafrock, eine wollene Pfait (Hemd), vier Skapuliere, ein Brustpelz,
ein Leibrock, zwei "parhosen und kniehößlein", vier leinenen Pfaiten,
zwei Badepfaiten, ein Reitmantel sowie Gugel und Kappen.
In Hamburg wird den Kisten- und Leuchtenmachern verboten, samstags
nach 17 Uhr zu arbeiten.
In Köln werden die Bezirksmeister angewiesen, jeweils in ihrem Bezirk
alle Bewohner aufzusuchen und zu verlangen, daß alle Flaschen, Töpfe
und Kannen auf das Rathaus gebracht werden, damit sie geeicht werden
können. Die Verwendung ungeeichter Gefäße soll künftig mit fünf Mark
Silber und dem Verlust des Gefäßes bestraft werden.
Vor den Toren Nürnbergs (an der Pegnitz) wird ein Pestspital gegründet.
Viele Pestspitäler sind außerhalb von Pestzeiten geschlossen und stehen
leer (eine Verlockung für Obdachlose).
Vertreibung der Juden aus Salzburg.
20. Mai: Vasco da Gama erreicht Indien. Bei seiner Rückkehr bringt er
eine Ladung Pfeffer, Nelken, Zimt und Muskat mit, was ihm sechsmal
soviel einbringt, wie sein ganzes Unternehmen gekostet hat. Seine zweite
Fahrt wird ihm das Fünfzigfache der Kosten einbringen.
22. Mai: Savonarola wird in Florenz gehängt und verbrannt.
30. Mai: Kolumbus bricht zu seiner dritten Reise auf (mit 8 Schiffen).
Der Reichstagsbeschluß von Freiburg erklärt die Zigeuner für vogelfrei.
In Florenz erscheint das erste gesetzliche Arzneibuch.
Wiederaufbau der Kirche St. Peter und Paul zu Weimar im gotischen Stil.
Dürers (27) "Apokalypse" (sein erster Holzschnittzyklus).
Ca.: Leonardo da Vinci fertigt zahlreiche technische und wissenschaftliche
Zeichnungen an.
1499 In einem Brief an die Reichsstadt Memmingen beklagt Maximilian den
Mangel an brauchbarem Schuhwerk bei seinem Kriegsvolk und fordert
daher den Rat auf, allen Schuhmachern der Stadt zu befehlen, eiligst
Schuhe in großer Zahl herzustellen und diese auf dem Lagermarkt um
Bargeld zu verkaufen.
In Köln kommt ein "Aventurer" mit einem Elefanten an, mit dem er
unterwegs nach England ist.
In Frankfurt beschließt der Rat eine Aktion zur Rattenbekämpfung.
Durch einen Anschlag an der Kirchentür werden alle Bewohner dazu
aufgerufen, Ratten zu töten und diese einem städtischen Beauftragten
auf der Mainbrücke zu übergeben, welcher pro Ratte einen Heller zahlt.
Um Betrug zu vermeiden, wird jeder Ratte der Schwanz abgeschnitten
und die Kadaver in den Main geworfen. Diese Aktion wird durch das
Strafgeld des Juden Gumprecht für ein sexuelles Delikt an einer
Christin (50 Gulden) finanziert.
So wie an den Lateinschulen oft Deutsch verboten ist, so kann auch
in den Schreibschulen Latein verboten sein: In der deutschen Schule
zu Konstanz wird den "tütschschribern" (Lehrern) angeordnet, "daz
sy kein kind, knaben, die zu in gesetzt werden, kain latin noch
latinisch buch in iren hüssern nit leren sond, wen das aller burger
und lüten kind, die latin und tütsch lernen wend, das tün sond in
der schul (Lateinschule)".
Als Nürnberger Arbeiter einen Brunnen an der Stadtmauer anlegen,
werden sie von markgräflichen Boten verhöhnt: "was sie aldo für einen
scheyßbrunnen" bauten! Es kommt zur Schlägerei, die auch für
politischen Wirbel sorgt.
In Nürnberg läßt der Rat einem Safranfälscher beide Augen ausstechen.
Ein Schneider aus Frankfurt ist als Trompeter bekannt.
Die erneuerte Kreuzkirche zu Dresden wird eingeweiht.
In Steyr gibt es ab sofort freie Bürgermeisterwahlen.
In Köln wird die "Cronica van der hilliger stat van Coellen" (genannt
die "Koelhoffsche Chronik") gedruckt. Der anonyme Verfasser rechtfertigt
die "schlichte deutsche Sprache" damit, daß man nur wenige deutsche
Chroniken "bei dem gemeinen Mann" finde. Auch in dieser Stadtchronik wird
die Stadtchronistik mit der Weltchronistik verknüpft - zum Lobe Kölns.
Ritter Arnold von Harff aus dem Herzogtum Jülich und Berg verfaßt
einen Bericht über eine dreijährige Pilgerfahrt in den Vorderen
Orient, Italien, Frankreich und Spanien. In Florenz beobachtet er
einen Knaben in einem Laufrad, der 100 Spulen zum Spinnen von Seide
antreibt. Am Nil entdeckt er, daß ägyptische Kaufleute Häute von
Krokodilen trocknen lassen, um diese in Europa als Häute von
Lindwürmern anzubieten, "dat geloegen ist". Er beschreibt die
Gewinnung von Zucker aus Zuckerrohr und findet eine Erklärung für
das große Angebot von billigem Hühnerfleisch in Kairo:
Hühnerbrutanstalten, die