Lepra in Münster

Rund 5 km nördlich der Altstadt liegt das frühere Leprosenhaus Münsters: Kinderhaus. Schon die älteste urkundliche Erwähnung des Ortsnamens aus dem Jahre 1332 steht in Zusammenhang mit diesem Heim für Leprakranke: "domus leprosorum dicte tor Kinderhus", dies bedeutet: Haus der Leprosen genannt zu Kinderhaus. Der Name bezieht sich auf "die armen Kinder Gottes", wie die Leprosen im Mittelalter auch genannt wurden.

Damals war die Lepra in Mitteleuropa weit verbreitet. In Kinderhaus wurden die leprakranken Bürger der Stadt Münster isoliert und von den Gesunden abgesondert. Hier erhielten sie Nahrung, aber auch geistliche Betreuung.

Udo von der Tinnen, ein münsterscher Bürger, hatte bald nach 1326 das Gut Idenbrock nördlich von Münster gestiftet, auf dessen Grund bis 1333 das Leprosorium erbaut wurde. Münsterische Bürger sorgten durch Almosen, Legate und Stiftungen für einen Teil des Unterhaltes der Heiminsassen.

Derartige Leprosenhäuser gab es praktisch in allen mitteleuropäischen Städten. Allein im deutschsprachigen Raum lassen sich über 1.000 solcher Einrichtungen nachweisen. Mit dem Rückgang der Lepra im 16./17. Jahrhundert wurden diese Einrichtungen zu anderen Zwecken (Isolierstationen, Armenhäuser, Hospitäler) genutzt oder gingen unter.

http://www.muenster.org/lepramuseum/

Die große, sich täglich erneuernde Furcht galt dem Aussatz. Ein Aussätziger bedeutete eine öffentliche Gefahr, die Gesunden hatten ein Recht sich zu schützen, und der Aussätzige wurde aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Diese Ausschließung ging ursprünglich mit großer Feierlichkeit vor sich und war bis ins 11. Jahrhundert von einem schaurigen Ritual begleitet. Im Beisein des als aussätzig Erklärten wurde ein De profundis, eine Totenmesse, gelesen. Dann hüllte man ihn in ein Leichentuch, legte ihn in einen Sarg und warf drei Schaufeln Erde auf ihn. Später wurde die Zeremonie' gemildert, es wurde nur eine feierliche Messe gelesen, Priester, Verwandte, Freunde und Nachbarn geleiteten den Kranken zu seinem neuen Heim vor die Stadt, das entweder ein Leprosorium oder ein eigenes kleines Häuschen vor den Toren der Gemeinde war, häufig durch ein weißes Kreuz als Wohnstätte eines Aussätzigen kenntlich. Auf Stadtkosten war das Haus mit Tisch und Stuhl, einem Lager, ein wenig Wäsche und Geschirr versehen. Alles das mußte so einfach als möglich sein, denn nach dem Tode des Kranken wurde die ganze Einrichtung verbrannt. Der Lepröse mußte eine besondere Kleidung tragen, die ihn seinen Mitmenschen als solchen kenntlich machte; meist war es ein grauer Anzug, ein langer Mantel mit Kapuze, in dem sich der Wind verfangen sollte, damit man schon aus der Ferne den Aussätzigen erkennen könne. Beim Herankommen von Menschen mußte er durch eine Klapper oder ein Hornsignal warnen, so daß alle noch rechtzeitig vor ihm fliehen konnten. Einen Stock mußte er tragen, denn es war ihm streng verboten, irgendwelche Eßwaren, die er kaufen wollte, zu berühren, mit dem Stock konnte er auf sie hinweisen. Wollte er an einem öffentlichen Brunnen trinken, so mußte er das Wasser mit seinem eigenen Becher schöpfen, seine Kleider und Wäsche durfte er nicht im Fluß waschen, kein Barbier durfte ihn rasieren oder ihm das Haar schneiden. Auf dem Markte durfte er sich nicht sehen lassen, der Eintritt in Gasthöfe war ihm untersagt. Der Kirche durfte er sich nur bis zur Türe nähern, doch hatten die meisten Leprosorien ihre eigene Kapelle.

Gewöhnlich wurde die Tatsache, daß ein Mensch von Lepra befallen war, erst durch Gerüchte, die in der Stadt umliefen, oder durch eine Anzeige der Nachbarn bekannt. Der Beschuldigte mußte sich einer Untersuchungskommission stellen, die im frühen Mittelalter aus dem Bischof, einigen Geistlichen und einem Kranken bestand, der als "Spezialist" angesehen wurde, später aus einigen angesehenen Ärzten und Barbieren der Stadt. Wurde der Angezeigte von der Krankheit frei erkannt, so hatte er das Recht, gegen die Beschuldiger Klage zu erheben. Sein Gesundheitsattest wurde an den öffentlichen Plätzen der Stadt durch den Ausrufer bekannt gemacht.

Die Angst vor den Aussätzigen ging weit über das sachlich Gerechtfertigte hinaus. Man traute ihnen zu, daß sie mit Absicht andere Menschen anstecken wollten, vermutete gar, daß sie eine Weltverschwörung anzuzetteln gedachten, durch die sie, die Aussätzigen, sich zu den Herren der Welt machen wollten. Auch beschuldigte man sie, Brunnen zu vergiften und geheime Künste auszuüben.

Um so eigenartiger wirken die Unterbrechungen aller Vorsichtsmaßregeln bei besonderen Anlässen: Verbote, die Stadt zu betreten, wurden häufig für Weihnachten und Pfingsten aufgehoben, damit die Kranken von der öffentlichen Mildtätigkeit Almosen erbitten konnten, in Paris durften sie sogar jeden Montag an der Großen Brücke auf milde Gaben warten. Wie so oft im Mittelalter, so führte auch hier die Angst vor Ansteckung einen Kampf mit der Angst, im jenseits für die Hartherzigkeit gegen Kranke bestraft zu werden. Es darf angenommen werden, daß der Aussatz schon im 11. Jahrhundert verbreitet war (Kreuzzüge!), um die Mitte des 12. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte und um die Mitte des 14. Jahrhunderts allmählich abflaute. Erst im 16. Jahrhundert, in dem die strengen Schutzmaßnahmen fortgesetzt wurden, verlor der Aussatz an praktischer Bedeutung.

Der Lepra verdächtigt - aus Geschäftsneid

Anzeigen wegen Lepra wurden im Mittelalter manchmal dazu benützt, um eine lästige Konkurrenz loszuwerden, wie folgendes Begebnis zeigt: Jean Bienfait, Gasthausbesitzer in Avignon, wurde 1494 von einem anderen Gastwirt, dessen Gasthaus aber weniger besucht war als das seine, wegen Aussatz angezeigt. Aussätzig zu sein hätte den Ruin von Bienfait bedeutet, denn die Gaststätte eines Leprakranken wäre sofort von allen gemieden worden. Bienfait stellte sich einer Kommission der angesehensten Ärzte von Avignon, die ihn für gesund erklärten. Er wandte sich dann an einen Untersuchungsausschuß der medizinischen Fakultät von Montpellier, und auch hier wurde das Urteil von Avignon bestätigt. Der Gesundheitserklärung wurden die beiden Atteste beigefügt, überall angeschlagen und in der Stadt ausgerufen. Bald war das Unternehmen Bienfaits wieder so blühend wie zuvor.

http://www.amuseum.de/medizin/CibaZeitung/jun37.htm

 

zuletzt aktualisiert 30.04.2010